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Italienische Reise-Teil 2 by Johann Wolfgang Goethe

Part 3 out of 5

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Jakobus major. Eine sanfte, eingehüllte, vorbeiwandelnde
Pilgrimsgestalt.

Philippus. Man lege diesen zwischen die beiden vorhergehenden und
betrachte den Faltenwurf aller drei nebeneinander, und es wird
auffallen, wie reich, groß, breit die Falten dieser Gestalt gegen jene
gehalten sind. So reich und vornehm sein Gewand ist, so sicher steht
er, so fest hält er das Kreuz, so scharf sieht er darauf, und das
Ganze scheint eine innere Größe, Ruhe und Festigkeit anzudeuten.

Andreas umarmt und liebkoset sein Kreuz mehr, als er es trägt; die
einfachen Falten des Mantels sind mit großem Verstande geworfen.

Thaddäus. Ein Jüngling, der, wie es die Mönche auf der Reise zu tun
pflegen, sein langes überkleid in die Höhe nimmt, daß es ihn nicht im
Gehen hindere. Aus dieser einfachen Handlung entstehen sehr schöne
Falten. Er trägt die Partisane, das Zeichen seines Märtyrertodes, als
einen Wanderstab in der Hand.

Matthias. Ein munterer Alter in einem durch höchst verstandene Falten
vermannigfaltigten einfachen Kleide lehnt sich auf einen Spieß, sein
Mantel fällt hinterwärts herunter.

Simon. Die Falten des Mantels sowohl als des übrigen Gewandes, womit
diese mehr von hinten als von der Seite zu sehende Figur bekleidet ist,
gehören mit unter die schönsten der ganzen Sammlung, wie überhaupt in
der Stellung, in der Miene, in dem Haarwuchse eine unbeschreibliche
Harmonie zu bewundern ist.

Bartholomäus steht in seinen Mantel wild und mit großer Kunst kunstlos
eingewickelt; seine Stellung, seine Haare, die Art, wie er das Messer
hält, möchte uns fast auf die Gedanken bringen, er sei eher bereit,
jemanden die Haut abzuziehen, als eine solche Operation zu dulden.

Christus zuletzt wird wohl niemanden befriedigen, der die
Wundergestalt eines Gottmenschen hier suchen möchte. Er tritt einfach
und still hervor, um das Volk zu segnen. Von dem Gewand, das von
unten herausgezogen ist, in schönen Falten das Knie sehen läßt und
wider dem Leibe ruht, wird man mit Recht behaupten, daß es sich keinen
Augenblick so erhalten könne, sondern gleich herunterfallen müsse.
Wahrscheinlich hat Raffael supponiert, die Figur habe mit der rechten
Hand das Gewand herausgezogen und angehalten und lasse es in dem
Augenblicke, indem sie den Arm zum Segnen aufhebt, los, so daß es eben
niederfallen muß. Es wäre dieses ein Beispiel von dem schönen
Kunstmittel, die kurz vorhergegangene Handlung durch den
überbleibenden Zustand der Falten anzudeuten."

Von diesem kleinen bescheidenen Kirchlein ist jedoch nicht weit zu dem
größeren, dem hohen Apostel gewidmeten Denkmal: es ist die Kirche St.
Paul vor den Mauern genannt, ein aus alten herrlichen Resten groß und
kunstreich zusammengestelltes Monument. Der Eintritt in diese Kirche
verleiht einen erhabenen Eindruck, die mächtigsten Säulenreihen tragen
hohe gemalte Wände, welche, oben durch das verschränkte Zimmerwerk des
Dachs geschlossen, zwar jetzt unserm verwöhnten Auge einen
scheunenartigen Anblick geben, obschon das Ganze, wäre die
Kontignation an festlichen Tagen mit Teppichen überspannt, von
unglaublicher Wirkung sein müßte. Mancher wundersame Rest kolossaler
höchst verzierter Architektur an Kapitälen findet sich hier anständig
aufbewahrt, aus den Ruinen von dem ehmals nahe gelegenen, jetzo fast
ganz verschwundenen Palast des Caracalla entnommen und gerettet.

Die Rennbahn sodann, die von diesem Kaiser noch jetzt den Namen führt,
gibt uns, wennschon großenteils verfallen, doch noch einen Begriff
eines solchen immensen Raumes. Stellte sich der Zeichner an den
linken Flügel der zum Wettlauf Ausfahrenden, so hätte er rechts in der
Höhe über den zertrümmerten Sitzen der Zuschauer das Grab der Cäcilia
Metella mit dessen neueren Umgebungen, von wo aus die Linie der
ehemaligen Sitze ins Grenzenlose hinausläuft und in der Ferne
bedeutende Villen und Lusthäuser sich sehen lassen. Kehrt das Auge
zurück, so kann es gerade vor sich die Ruinen der Spina noch gar wohl
verfolgen, und derjenige, dem architektonische Phantasie gegeben ist,
kann sich den übermut jener Tage einigermaßen vergegenwärtigen. Der
Gegenstand in Trümmern, wie er jetzt vor unsern Augen liegt, würde auf
jeden Fall, wenn ein geistreicher und kenntnisgewandter Künstler es
unternehmen wollte, immer noch ein angenehmes Bild geben, das freilich
um das Doppelte länger als hoch sein müßte.

Die Pyramide des Cestius ward für diesmal mit den Augen von außen
begrüßt, und die Trümmer der Antoninischen oder Caracallischen Bäder,
von denen uns Piranesi so manches Effektreiche vorgefabelt, konnten
auch dem malerisch gewöhnten Auge in der Gegenwart kaum einige
Zufriedenheit geben. Doch sollte bei dieser Gelegenheit die
Erinnerung an Hermann von Schwanefeld lebendig werden, welcher mit
seiner zarten, das reinste Natur--und Kunstgefühl ausdrückenden Nadel
diese Vergangenheiten zu beleben, ja, sie zu den anmutigsten Trägern
des lebendig Gegenwärtigen umzuschauen wußte.

Auf dem Platze vor St. Peter in Montorio begrüßten wir den
Wasserschwall der Acqua Paola, welcher durch eines Triumphbogens
Pforten und Tore in fünf Strömen ein großes verhältnismäßiges Becken
bis an den Rand füllt. Durch einen von Paul V. wiederhergestellten
Aquädukt macht diese Stromfülle einen Weg von fünfundzwanzig Miglien
hinter dem See Bracciano her durch ein wunderliches, von abwechselnden
Höhen gebotenes Zickzack bis an diesen Ort, versieht die Bedürfnisse
verschiedener Mühlen und Fabriken, um sich zugleich in Trastevere zu
verbreiten.

Hier nun rühmten Freunde der Baukunst den glücklichen Gedanken, diesen
Wassern einen offen schaubaren triumphierenden Eintritt verschafft zu
haben. Man wird durch Säulen und Bogen, durch Gesims und Attiken an
jene Prachttore erinnert, wodurch ehmals kriegerische überwinder
einzutreten pflegten; hier tritt der friedlichste Ernährer mit
gleicher Kraft und Gewalt ein und empfängt für die Mühen seines weiten
Laufes sogleich Dank und Bewunderung. Auch sagen uns die Inschriften,
daß Vorsehung und Wohltätigkeit eines Papstes aus dem Hause Borghese
hier gleichsam einen ewigen ununterbrochenen stattlichen Einzug halten.

Ein kurz vorher eingetroffener Ankömmling aus Norden fand jedoch, man
würde besser getan haben, rohe Felsen hier aufzutürmen, um diesen
Fluten einen natürlichen Eintritt ans Tageslicht zu verschaffen. Man
entgegnete ihm, daß dies kein Natur-, sondern ein Kunstwasser sei,
dessen Ankunft man auf eine gleichartige Weise zu schmücken gar wohl
berechtigt gewesen wäre.

Raffael Transfiguration. Kupferstich von Prestel

Doch hierüber vereinigte man sich ebensowenig als über das herrliche
Bild der Transfiguration, welches man in dem zunächst gelegenen
Kloster gleich darauf anzustaunen Gelegenheit fand. Da war denn des
Redens viel; der stillere Teil jedoch ärgerte sich, den alten Tadel
von doppelter Handlung wiederholt zu sehen. Es ist aber nicht anders
in der Welt, als daß eine wertlose Münze neben einer gehaltigen auch
immer eine gewisse Art von Kurs behält, besonders da, wo man in der
Kürze aus einem Handel zu scheiden und ohne viel überlegung und
Zaudern gewisse Differenzen auszugleichen gedenkt. Wundersam bleibt
es indes immer, daß man an der großen Einheit einer solchen Konzeption
jemals hat mäkeln dürfen. In Abwesenheit des Herren stellen trostlose
Eltern einen besessenen Knaben den Jüngern des Heiligen dar; sie mögen
schon Versuche gemacht haben, den Geist zu bannen; man hat sogar ein
Buch aufgeschlagen, um zu forschen, ob nicht etwa eine überlieferte
Formel gegen dieses übel wirksam könne gefunden werden; aber vergebens.
In diesem Augenblick erscheint der einzig Kräftige, und zwar
verklärt, anerkannt von seinen großen Vorfahren, eilig deutet man
hinauf nach solcher Vision als der einzigen Quelle des Heils. Wie
will man nun das Obere und Untere trennen? Beides ist eins: unten das
Leidende, Bedürftige, oben das Wirksame, Hülfreiche, beides
aufeinander sich beziehend, ineinander einwirkend. Läßt sich denn, um
den Sinn auf eine andere Weise auszusprechen, ein ideeller Bezug aufs
Wirkliche von diesem lostrennen?

Die Gleichgesinnten bestärkten sich auch diesmal in ihrer überzeugung;
"Raffael", sagten sie zueinander, "zeichnete sich eben durch die
Richtigkeit des Denkens aus, und der gottbegabte Mann, den man eben
hieran durchaus erkennt, soll in der Blüte seines Lebens falsch
gedacht, falsch gehandelt haben? Nein! er hat wie die Natur jederzeit
recht, und gerade da am gründlichsten, wo wir sie am wenigsten
begreifen."

Eine Verabredung wie die unsrige, einen flüchtigen überblick von Rom
sich in guter vereinigter Gesellschaft zu verschaffen, konnte nicht
ganz, wie es wohl der Vorsatz gewesen, in völliger Abgesondertheit
durchgeführt werden; ein und der andere fehlte, vielleicht zufällig
abgehalten, wieder andere schlossen sich an, auf ihrem Wege dieses
oder jenes Sehenswürdige zu betrachten. Dabei hielt jedoch der Kern
zusammen und wußte bald aufzunehmen, bald abzusondern, bald
zurückzubleiben, bald vorzueilen. Gelegentlich hatte man freilich gar
wunderliche äußerungen zu vernehmen. Es gibt eine gewisse Art von
empirischem Urteil, welches seit längerer Zeit zumal durch englische
und französische Reisende besonders in den Gang gekommen; man spricht
sein augenblickliches unvorbereitetes Urteil aus, ohne nur irgend zu
bedenken, daß jeder Künstler auf gar vielfache Weise bedingt ist,
durch sein besonderes Talent, durch Vorgänger und Meister, durch Ort
und Zeit, durch Gönner und Besteller. Nichts von allem dem, welches
freilich zu einer reinen Würderung nötig wäre, kommt in Betrachtung,
und so entsteht daraus ein gräßliches Gemisch von Lob und Tadel, von
Bejahen und Verneinen, wodurch jeder eigentümliche Wert der fraglichen
Gegenstände ganz eigentlich aufgehoben wird.

Unser guter Volkmann, sonst so aufmerksam und als Führer nützlich
genug, scheint sich durchaus an jene fremden Urteiler gehalten zu
haben, deswegen denn seine eigenen Schätzungen gar wunderlich
hervortreten. Kann man sich z. B. unglücklicher ausdrücken, als er
sich in der Kirche Maria della Pace vernehmen läßt?

"über der ersten Kapelle hat Raffael einige Sibyllen gemalt, die sehr
gelitten haben. Die Zeichnung ist richtig, aber die Zusammensetzung
schwach, welches vermutlich dem unbequemen Platz beigemessen werden
muß. Die zwote Kapelle ist nach des Michael Angelo Zeichnungen mit
Arabesken geziert, die hoch geschätzt werden, aber nicht simpel genug
sind. Unter der Kuppel bemerkt man drei Gemälde, das erste stellt die
Heimsuchung der Maria von Karl Maratti vor, ist frostig gemalt, aber
gut angeordnet; das andere die Geburt der Maria vom Kavalier Vanni, in
der Manier des Peter von Cortona, und das dritte den Tod der Maria von
Maria Morandi. Die Anordnung ist etwas verwirrt und fällt ins Rohe.
Am Gewölbe über dem Chor hat Albani mit einem schwachen Kolorit die
Himmelfahrt der Maria abgebildet. Die von ihm herrührenden Malereien
an den Pfeilern unter der Kuppel sind besser geraten. Den Hof des zu
dieser Kirche gehörigen Klosters hat Bramante angegeben."

Dergleichen unzulängliche, schwankende Urteile verwirren durchaus den
Beschauer, der ein solches Buch zum Leitfaden erwählt. Manches ist
denn aber auch ganz falsch, z. B. was hier von den Sibyllen gesagt
ist. Raffael war niemals von dem Raume geniert, den ihm die
Architektur darbot, vielmehr gehört zu der Großheit und Eleganz seines
Genies, daß er jeden Raum auf das zierlichste zu füllen und zu
schmücken wußte, wie er augenfällig in der Farnesine dargetan hat.
Selbst die herrlichen Bilder der "Messe von Bolsena", der "Befreiung
des gefangenen Petrus", des "Parnasses" wären ohne die wunderliche
Beschränkung des Raumes nicht so unschätzbar geistreich zu denken.
Ebenso ist auch hier in den Sibyllen die verheimlichte Symmetrie,
worauf bei der Komposition alles ankommt, auf eine höchst geniale
Weise obwaltend; denn wie in dem Organismus der Natur, so tut sich
auch in der Kunst innerhalb der genausten Schranke die Vollkommenheit
der Lebensäußerung kund.

Wie dem aber auch sei, so mag einem jeden die Art und Weise,
Kunstwerke aufzunehmen, völlig überlassen bleiben. Mir ward bei
diesem Umgang das Gefühl, der Begriff, die Anschauung dessen, was man
im höchsten Sinne die Gegenwart des klassischen Bodens nennen dürfte.
Ich nenne dies die sinnlich geistige überzeugung, daß hier das Große
war, ist und sein wird. Daß das Größte und Herrlichste vergehe, liegt
in der Natur der Zeit und der gegeneinander unbedingt wirkenden
sittlichen und physischen Elemente. Wir konnten in allgemeinster
Betrachtung nicht traurig an dem Zerstörten vorübergehen, vielmehr
hatten wir uns zu freuen, daß so viel erhalten, so viel
wiederhergestellt war, prächtiger und übermäßiger, als es je gestanden.

Innenansicht von St. Peter. Gouache von Desprez

Die Peterskirche ist gewiß so groß gedacht und wohl größer und kühner
als einer der alten Tempel, und nicht allein was zweitausend Jahre
vernichten sollten, lag vor unsern Augen, sondern zugleich was eine
gesteigerte Bildung wieder hervorzubringen vermochte.

Selbst das Schwanken des Kunstgeschmackes, das Bestreben zum einfachen
Großen, das Wiederkehren zum vervielfachten Kleineren, alles deutete
auf Leben und Bewegung; Kunst--und Menschengeschichte standen
synchronistisch vor unseren Augen.

Es darf uns nicht niederschlagen, wenn sich uns die Bemerkung
aufdringt, das Große sei vergänglich; vielmehr wenn wir finden, das
Vergangene sei groß gewesen, muß es uns aufmuntern, selbst etwas von
Bedeutung zu leisten, das fortan unsre Nachfolger, und wär' es auch
schon in Trümmer zerfallen, zu edler Tätigkeit aufrege, woran es unsre
Vorvordern niemals haben ermangeln lassen.

Diese höchst belehrenden und geisterhebenden Anschauungen wurden, ich
darf nicht sagen gestört und unterbrochen, aber doch mit einem
schmerzlichen Gefühl durchflochten, das mich überallhin begleitete;
ich erfuhr nämlich, daß der Bräutigam jener artigen Mailänderin, unter
ich weiß nicht welchem Vorwande, sein Wort zurückgenommen und sich von
seiner Versprochenen losgesagt habe. Wenn ich mich nun einerseits
glücklich pries, meiner Neigung nicht nachgehangen und mich sehr bald
von dem lieben Kinde zurückgezogen zu haben, wie denn auch nach
genauster Erkundigung unter den Vorwänden jener Villeggiatur auch
nicht im mindesten gedacht worden, so war es mir doch höchst
empfindlich, das artige Bild, das mich bisher so heiter und freundlich
begleitet hatte, nunmehr getrübt und entstellt zu sehen; denn ich
vernahm sogleich, das liebe Kind sei aus Schrecken und Entsetzen über
dieses Ereignis in ein gewaltsames Fieber verfallen, welches für ihr
Leben fürchten lasse. Indem ich mich nun tagtäglich und die erste
Zeit zweimal erkundigen ließ, hatte ich die Pein, daß meine
Einbildungskraft sich etwas Unmögliches hervorzubringen bemüht war,
jene heitern, dem offnen, frohen Tag allein gehörigen Züge, diesen
Ausdruck unbefangenen, stillvorschreitenden Lebens nunmehr durch
Tränen getrübt, durch Krankheit entstellt und eine so frische Jugend
durch inneres und äußeres Leiden so frühzeitig blaß und schmächtig zu
denken.

In solcher Stimmung war freilich ein so großes Gegengewicht als eine
Reihenfolge des Bedeutendsten, das teils dem Auge durch sein Dasein,
teils der Einbildungskraft durch nie verschollene Würde genug zu tun
gab, höchst ersehnt und nichts natürlicher, als das meiste davon mit
inniger Trauer anzublicken.

Waren die alten Monumente nach so vielen Jahrhunderten meistens zu
unförmlichen Massen zerfallen, so mußte man bei neueren
aufrechtstehenden Prachtgebäuden gleichermaßen den Verfall so vieler
Familien in der späteren Zeit bedauern, ja, selbst das noch frisch im
Leben Erhaltene schien an einem heimlichen Wurm zu kranken; denn wie
wollte sich das Irdische ohne eigentlich physische Kraft durch
sittliche und religiöse Stützen allein in unsern Tagen aufrecht
erhalten? Und wie einem heiteren Sinn auch die Ruine wieder zu
beleben, gleich einer frischen, unsterblichen Vegetation, verfallene
Mauern und zerstreute Blöcke wieder mit Leben auszustatten gelingt, so
entkleidet ein trauriger Sinn das lebendige Dasein von seinem
schönsten Schmuck und möchte es uns gern als ein nacktes Gerippe
aufdringen.

Auch zu einer Gebirgsreise, die wir noch vor Winters in heiterer
Gesellschaft zu vollbringen gedachten, konnt' ich mich nicht
entschließen, bis ich, einer erfolgten Besserung gewiß und durch
sorgfältige Anstalten gesichert, Nachricht von ihrer Genesung auch an
denen Orten erhalten sollte, wo ich sie so munter als liebenswürdig in
den schönsten Herbsttagen kennen gelernt hatte.

Schon die ersten Briefe aus Weimar über "Egmont" enthielten einige
Ausstellungen über dieses und jenes; hiebei erneute sich die alte
Bemerkung, daß der unpoetische, in seinem bürgerlichen Behagen bequeme
Kunstfreund gewöhnlich da einen Anstoß nimmt, wo der Dichter ein
Problem aufzulösen, zu beschönigen oder zu verstecken gesucht hat.
Alles soll, so will es der behagliche Leser, im natürlichen Gange
fortgehen; aber auch das Ungewöhnliche kann natürlich sein, scheint es
aber demjenigen nicht, der auf seinen eigenen Ansichten verharrt. Ein
Brief dieses Inhalts war angekommen, ich nahm ihn und ging in die
Villa Borghese; da mußt' ich denn lesen, daß einige Szenen für zu lang
gehalten würden. Ich dachte nach, hätte sie aber auch jetzt nicht zu
verkürzen gewußt, indem so wichtige Motive zu entwickeln waren. Was
aber am meisten den Freundinnen tadelnswert schien, war das lakonische
Vermächtnis, womit Egmont sein Klärchen an Ferdinand empfiehlt.

Ein Auszug aus meinem damaligen Antwortschreiben wird über meine
Gesinnungen und Zustände den besten Aufschluß geben.

"Wie sehr wünscht' ich nun, auch euren Wunsch erfüllen und dem
Vermächtnis Egmonts einige Modifikation geben zu können! Ich eilte an
einem herrlichen Morgen mit eurem Briefe gleich in die Villa Borghese,
dachte zwei Stunden den Gang des Stücks, die Charaktere, die
Verhältnisse durch und konnte nichts finden, das ich abzukürzen hätte.
Wie gern möcht' ich euch alle meine überlegungen, mein Pro und Contra
schreiben, sie würden ein Buch Papier füllen und eine Dissertation
über die ökonomie meines Stücks enthalten. Sonntags kam ich zu
Angelika und legte ihr die Frage vor. Sie hat das Stück studiert und
besitzt eine Abschrift davon. Möchtest du doch gegenwärtig gewesen
sein, wie weiblich zart sie alles auseinander legte, und es darauf
hinausging: daß das, was ihr noch mündlich von dem Helden erklärt
wünschtet, in der Erscheinung implicite enthalten sei. Angelika sagte:
da die Erscheinung nur vorstelle, was in dem Gemüte des schlafenden
Helden vorgehe, so könne er mit keinen Worten stärker ausdrücken, wie
sehr er sie liebe und schätze, als es dieser Traum tue, der das
liebenswürdige Geschöpf nicht zu ihm herauf, sondern über ihn hinauf
hebe. Ja, es wolle ihr wohl gefallen, daß der, welcher durch sein
ganzes Leben gleichsam wachend geträumt, Leben und Liebe mehr als
geschätzt, oder vielmehr nur durch den Genuß geschätzt, daß dieser
zuletzt noch gleichsam träumend wache und uns still gesagt werde, wie
tief die Geliebte in seinem Herzen wohne und welche vornehme und hohe
Stelle sie darin einnehme.--Es kamen noch mehr Betrachtungen dazu, daß
in der Szene mit Ferdinand Klärchens nur auf eine subordinierte Weise
gedacht werden konnte, um das Interesse des Abschieds von dem jungen
Freunde nicht zu schmälern, der ohnehin in diesem Augenblicke nichts
zu hören noch zu erkennen imstande war."

Moritz als Etymolog

Schon längst hat ein weiser Mann das wahre Wort ausgesprochen: "Der
Mensch, dessen Kräfte zu dem Notwendigen und Nützlichen nicht
hinreichen, mag sich gern mit dem Unnötigen und Unnützen beschäftigen!"
Vielleicht möchte nachstehendes von manchem auf diese Weise
beurteilt werden.

Unser Geselle Moritz ließ nicht ab, jetzt, in dem Kreise der höchsten
Kunst und schönsten Natur, über die Innerlichkeiten des Menschen,
seine Anlagen und Entwickelungen fortwährend zu sinnen und zu spinnen;
deshalb er denn auch sich mit dem Allgemeinen der Sprache vorzüglich
beschäftigte.

Zu jener Zeit war in Gefolg der Herderischen Preisschrift "über den
Ursprung der Sprache" und in Gemäßheit der damaligen allgemeinen
Denkweise die Vorstellung herrschend: das Menschengeschlecht habe sich
nicht von einem Paare aus dem hohen Orient herab über die ganze Erde
verbreitet, sondern zu einer gewissen merkwürdig produktiven Zeit des
Erdballs sei, nachdem die Natur die verschiedenartigsten Tiere
stufenweis hervorzubringen versucht, da und dort, in mancher günstigen
Lage die Menschenart mehr oder weniger vollendet hervorgetreten. Ganz
im innerlichsten Bezug auf seine Organe sowohl als seine
Geistesfähigkeiten sei nun dem Menschen die Sprache angeboren. Hier
bedürfe es keiner natürlichen Anleitung, so wenig als einer
überlieferung. Und in diesem Sinne gebe es eine allgemeine Sprache,
welche zu manifestieren ein jeder autochthonische Stamm versucht habe.
Die Verwandtschaft aller Sprachen liege in der übereinstimmung der
Idee, wonach die schaffende Kraft das menschliche Geschlecht und
seinen Organismus gebildet. Daher komme denn, daß teils aus innerem
Grundtriebe, teils durch äußere Veranlassung die sehr beschränkte
Vokal--und Konsonantenzahl zum Ausdruck von Gefühlen und Vorstellungen
richtig oder unrichtig angewendet worden; da es denn natürlich, ja
notwendig sei, daß die verschiedensten Autochthonen teils
zusammengetroffen, teils voneinander abgewichen und sich diese oder
jene Sprache in der Folge entweder verschlimmert oder verbessert habe.
Was von den Stammworten gelte, gelte denn auch von den Ableitungen,
wodurch die Bezüge der einzelnen Begriffe und Vorstellungen
ausgedrückt und bestimmter bezeichnet werden. Dies möchte denn gut
sein und als ein Unerforschliches, nie mit Gewißheit zu Bestimmendes
auf sich beruhen.

Hierüber find' ich in meinen Papieren folgendes Nähere:

"Mir ist es angenehm, daß sich Moritz aus seiner brütenden Trägheit,
aus dem Unmut und Zweifel an sich selbst zu einer Art von Tätigkeit
wendet, denn da wird er allerliebst. Seine Grillenfängereien haben
alsdann eine wahre Unterlage und seine Träumereien Zweck und Sinn.
Jetzt beschäftigt ihn eine Idee, in welche ich auch eingegangen bin
und die uns sehr unterhält. Es ist schwer, sie mitzuteilen, weil es
gleich toll klingt. Doch will ich's versuchen:

Er hat ein Verstands--und Empfindungsalphabet erfunden, wodurch er
zeigt, daß die Buchstaben nicht willkürlich, sondern in der
menschlichen Natur gegründet sind und alle gewissen Regionen des
inneren Sinnes angehören, welchen sie denn auch, ausgesprochen,
ausdrücken. Nun lassen sich nach diesem Alphabete die Sprachen
beurteilen, und da findet sich, daß alle Völker versucht haben, sich
dem innern Sinn gemäß auszudrücken, alle sind aber durch Willkür und
Zufall vom rechten Wege abgeleitet worden. Demzufolge suchen wir in
den Sprachen die Worte auf, die am glücklichsten getroffen sind, bald
hat's die eine, bald die andre; dann verändern wir die Worte, bis sie
uns recht dünken, machen neue u. s. w. Ja, wenn wir recht spielen
wollen, machen wir Namen für Menschen, untersuchen, ob diesem oder
jenem sein Name gehöre etc. etc.

Das etymologische Spiel beschäftigt schon so viele Menschen, und so
gibt es auch uns auf diese heitere Weise viel zu tun. Sobald wir
zusammenkommen, wird es wie ein Schachspiel vorgenommen, und
hunderterlei Kombinationen werden versucht, so daß, wer uns zufällig
behorchte, uns für wahnsinnig halten müßte. Auch möchte ich es nur
den allernächsten Freunden vertrauen. Genug, es ist das witzigste
Spiel von der Welt und übt den Sprachsinn unglaublich."

Italienische Reise / 2. Röm. Aufenthalt / Philipp Neri (1)

Philipp Neri, der humoristische Heilige

Philipp Neri, in Florenz geboren 1515, erscheint von Kindheit auf als
ein folgsamer, sittlicher Knabe von kräftigen Anlagen. Sein Bildnis
als eines solchen ist glücklicherweise aufbewahrt in des Fidanza
"Teste Scelte", Tom. V, Bl. 31. Man wüßte sich keinen tüchtigern,
gesündern, geradsinnigeren Knaben zu denken. Als Abkömmling einer
edlen Familie wird er in allem Guten und Wissenswerten der Zeit gemäß
unterrichtet und endlich, um seine Studien zu vollenden, man meldet
nicht, in welchem Alter, nach Rom gesandt. Hier entwickelt er sich
zum vollkommnen Jüngling; sein schönes Antlitz, seine reichen Locken
zeichnen ihn aus; er ist anziehend und ablehnend zugleich, Anmut und
Würde begleiten ihn überall.

Hier, zur traurigsten Zeit, wenige Jahre nach der grausamen Plünderung
der Stadt, ergibt er sich, nach Vorgang und Beispiel vieler Edlen,
ganz den übungen der Frömmigkeit, und sein Enthusiasmus steigert sich
mit den Kräften einer frischen Jugend. Unablässiges Besuchen der
Kirchen, besonders der sieben Hauptkirchen, brünstiges Beten zu
Herannötigung der Hülfe, fleißiges Beichten und Genuß des Abendmahls,
Flehen und Ringen nach geistigen Gütern.

In solch einem enthusiastischen Momente wirft er sich einst auf die
Stufen des Altars und zerbricht ein paar Rippen, welche, schlecht
geheilt, ihm lebenslängliches Herzklopfen verursachen und die
Steigerung seiner Gefühle veranlassen.

Um ihn versammeln sich junge Männer zu tätiger Sittlichkeit und
Frömmigkeit, sie erweisen sich unermüdet, die Armen zu versorgen, die
Kranken zu pflegen, und scheinen ihre Studien hintanzusetzen.
Wahrscheinlich bedienen sie sich der Zuschüsse von Haus zu wohltätigen
Zwecken, genug, sie geben und helfen immer und behalten nichts für
sich, ja, er lehnt nachher ausdrücklich alle Beihülfe von den Seinigen
ab, um dasjenige, was Wohltätigkeit ihnen zuweiset, an Bedürftige zu
wenden und selbst zu darben.

Dergleichen fromme Handlungen waren jedoch zu herzlich und lebhaft,
als daß man nicht hätte suchen sollen, sich zugleich auf eine
geistliche und gefühlvolle Weise über die wichtigsten Gegenstände zu
unterhalten. Die kleine Gesellschaft besaß noch kein eigenes Lokal,
sie erbat sich's bald in diesem, bald in jenem Kloster, wo dergleichen
leere Räume wohl zu finden sein mochten. Nach einem kurzen stillen
Gebet ward ein Text der Heiligen Schrift verlesen, worüber ein und der
andere sich, auslegend oder anwendend, in einer kurzen Rede vernehmen
ließ. Man besprach sich auch wohl hierüber, alles in bezug auf
unmittelbare Tätigkeit; dialektische und spitzfindige Behandlung war
durchaus verboten. Die übrige Tageszeit ward immerfort einer
aufmerksamen Versorgung der Kranken, dem Dienst in Hospitälern, dem
Beistande der Armen und Notleidenden gewidmet.

Da bei diesen Verhältnissen keine Beschränkung vorwaltete und man
ebensogut kommen als gehen konnte, so vermehrte sich die Zahl der
Teilnehmenden ungemein, so wie sich denn auch jene Versammlung ernster
und umgreifender beschäftigte. Auch aus den Leben der Heiligen ward
vorgelesen, Kirchenväter und Kirchengeschichte stellenweise zu Rate
gezogen, worauf denn vier der Teilnehmenden, jeder eine halbe Stunde,
zu sprechen das Recht und Pflicht hatten.

Diese fromme tagtägliche, ja familiär-praktische Behandlung der
höchsten Seelenangelegenheiten erregte immer mehr Aufmerksamkeit nicht
allein unter Einzelnen, sondern sogar unter ganzen Körperschaften.
Man verlegte die Versammlungen in die Kreuzgänge und Räume dieser und
jener Kirche, der Zudrang vermehrte sich, besonders zeigte sich der
Orden der Dominikaner dieser Art, sich zu erbauen, sehr geneigt und
schloß sich zahlreich an die sich immer mehr ausbildende Schar an,
welche durch die Kraft und den hohen Sinn ihres Anführers sich
durchaus gleich und, wenn auch geprüft durch mancherlei
Widerwärtigkeiten, auf demselben Pfade fortschreitend finden ließ.

Da nun aber nach dem hohen Sinne des trefflichen Vorgesetzten alle
Spekulation verbannt, jede geregelte Tätigkeit aber aufs Leben
gerichtet war, und das Leben sich ohne Heiterkeit nicht denken läßt,
so wußte der Mann auch hierin den unschuldigen Bedürfnissen und
Wünschen der Seinigen entgegenzukommen. Bei eintretendem Frühling
führte er sie nach San Onofrio, welches, hoch und breit gelegen, in
solchen Tagen die angenehmste örtlichkeit anbot. Hier, wo bei der
jungen Jahrszeit alles jung erscheinen sollte, trat nach stillen
Gebeten ein hübscher Knabe hervor, rezitierte eine auswendig gelernte
Predigt, Gebete folgten, und ein Chor besonders eingeladener Sänger
ließ sich erfreulich und eindringlich zum Schlusse hören, welches um
so bedeutender war, als die Musik damals weder ausgebreitet noch
ausgebildet gefunden ward und hier vielleicht zum erstenmal ein
religioser Gesang in freier Luft sich mitteilte.

Immer auf diese Weise fortwirkend, vermehrte sich die Kongregation und
wuchs, so wie an Personenzahl, so an Bedeutung. Die Florentiner
nötigten gleichsam ihren Landsmann, das von ihnen abhängige Kloster
San Girolamo zu beziehen, wo denn die Anstalt sich immer mehr
ausdehnte und auf gleiche Weise fortwirkte, bis ihnen endlich der
Papst in der Nähe des Platzes Navona ein Kloster als eigentümlich
anwies, welches, von Grund aus neu gebaut, eine gute Anzahl frommer
Genossen aufnehmen konnte. Hier blieb es jedoch bei der früheren
Einrichtung, Gotteswort, das will sagen heilig edle Gesinnungen dem
gemeinen Verstande sowie dem gemeinen Alltagsleben anzunähern und
eigen zu machen. Man versammelte sich nach wie vor, betete, vernahm
einen Text, hörte darüber sprechen, betete und ward zuletzt durch
Musik ergötzt, und was damals öfter, ja täglich geschah, geschieht
jetzt noch Sonntags, und gewiß wird jeder Reisende, der nähere
Kenntnis von dem heiligen Stifter genommen, sich künftighin, diesen
unschuldigen Funktionen beiwohnend, vorzüglich erbauen, wenn er
dasjenige, was wir vorgetragen haben und zunächst mitteilen, in Gemüt
und Gedanke vorüberwalten läßt.

Hier sind wir nun in dem Falle, in Erinnerung zu bringen, daß diese
ganze Anstalt noch immer ans Weltliche grenzte. Wie denn nur wenige
unter ihnen sich dem eigentlichen Priesterstande gewidmet hatten und
nur so viel geweihte Geistliche unter ihnen gefunden wurden, als nötig,
Beichte zu sitzen und das Meßopfer zu verrichten. Und so war denn
auch Philipp Neri selbst sechsunddreißig Jahre alt geworden, ohne sich
zum Priestertum zu melden, denn er fand sich, wie es scheint, in
seinem gegenwärtigen Zustande frei und weit mehr sich selbst
überlassen, als er sich mit kirchlichen Banden gefesselt, als Glied
der großen Hierarchie zwar hochgeehrt, aber doch beschränkt gefühlt
hätte.

Allein von oben her ließ man es dabei nicht bewenden, sein Beichtvater
machte es ihm zur Gewissenssache, die Weihe zu nehmen und in den
Priesterstand zu treten. Und so geschah es auch; nun hatte die Kirche
klüglich einen Mann in ihren Kreis eingeschlossen, der, unabhängigen
Geistes bisher, auf einen Zustand losging, worin das Heilige mit dem
Weltlichen, das Tugendsame mit dem Alltäglichen sich vereinigen und
vertragen sollte. Diese Veränderung aber, der übergang zur
Priesterschaft, scheint auf sein äußeres Benehmen nicht im mindesten
eingewirkt zu haben.

Er übt nur noch strenger als bisher jede Entäußerung und lebt in einem
schlechten Klösterchen mit andern kümmerlich zusammen. So gibt er die
bei großer Teurung ihm verehrten Brote einem andern Bedürftigern und
setzt seinen Dienst gegen Unglückliche immer fort.

Aber auf sein Inneres hat das Priestertum einen merkwürdig steigernden
Einfluß. Die Verpflichtung zum Meßopfer versetzt ihn in einen
Enthusiasmus, in eine Ekstase, wo man den bisher so natürlichen Mann
gänzlich verliert. Er weiß kaum, wohin er schreitet, er taumelt auf
dem Wege und vor dem Altare. Hebt er die Hostie in die Höhe, so kann
er die Arme nicht wieder herunterbringen; es scheint, als zöge ihn
eine unsichtbare Kraft empor. Beim Eingießen des Weins zittert und
schaudert er. Und wenn er nach vollendeter Wandlung dieser
geheimnisvollen Gaben genießen soll, erzeigt er sich auf eine
wunderliche, nicht auszusprechende schwelgerische Weise. Vor
Leidenschaft beißt er in den Kelch, indes er ahnungsvoll das Blut zu
schlürfen glaubt des kurz vorher gleichsam gierig verschlungenen
Leibes. Ist aber dieser Taumel vorüber, so finden wir zwar immer
einen leidenschaftlich wundersamen, aber immer höchst verständig
praktischen Mann.

Ein solcher Jüngling, ein solcher Mann, so lebhaft und seltsam wirkend,
mußte den Menschen wunderlich und mitunter gerade durch seine
Tugenden beschwerlich und widerwärtig vorkommen. Wahrscheinlich ist
ihm dieses in dem Laufe seines froherer Lebens oft begegnet; nachdem
er aber zum Priester geweiht ist und sich so eng und kümmerlich,
gleichsam als Gast in einem armseligen Kloster behilft, treten
Widersacher auf, die ihn mit Spott und Hohn unablässig verfolgen.

Doch wir gehen weiter und sagen, er sei ein höchst ausgezeichneter
Mensch gewesen, der aber das einem jeden dieser Art angeborne
Herrische zu beherrschen und in Entsagung, Entbehrung, Wohltätigkeit,
Demut und Schmach den Glanz seines Daseins zu verhüllen trachtete.
Der Gedanke, vor der Welt als töricht zu erscheinen und dadurch in
Gott und göttliche Dinge sich erst recht zu versenken und zu üben, war
sein andauerndes Bestreben, wodurch er sich und sodann auch seine
Schüler ausschließlich zu erziehen unternahm. Die Maxime des heiligen
Bernhard:

"Spernere mundum,
Spernere neminem,
Spernere se ipsum,
Spernere se sperni."

schien ihn ganz durchdrungen zu haben, ja vielmehr aus ihm frisch
wieder entwickelt zu sein.

ähnliche Absichten, ähnliche Zustände nötigen den Menschen, in
gleichen Maximen sich aufzuerbauen. Man kann gewiß sein, daß die
erhabensten, innerlich stolzesten Menschen sich zu jenen Grundsätzen
allein bequemen, indem sie das Widerwärtige einer dem Guten und Großen
immer widerstrebenden Welt vorauszukosten und den bittern Kelch der
Erfahrung, eh' er ihnen noch angeboten ist, bis auf den Grund zu
leeren sich entschließen. Grenzenlos und in ununterbrochener Reihe
machen jene Geschichtchen, wie er seine Schüler geprüft, deren viele
bis auf uns gekommen sind, jeden lebenslustigen Menschen, der sie
vernimmt, wirklich ungeduldig, so wie diese Gebote demjenigen, der
ihnen gehorchen sollte, höchst schmerzlich und nahezu unerträglich
fallen mußten. Deswegen denn auch nicht alle eine solche Feuerprobe
bestanden.

Eh' wir aber uns auf dergleichen wunderbare und dem Leser
gewissermaßen unwillkommne Erzählungen einlassen, wenden wir uns
lieber noch einmal zu jenen großen Vorzügen, welche die Zeitgenossen
ihm zugestehen und höchlich rühmen. Er habe, sagen sie, Kenntnisse
und Bildung mehr von Natur als durch Unterricht und Erziehung erhalten;
alles, was andere mühsam erwerben, sei ihm gleichsam eingegossen
gewesen. Ferner habe er die große Gabe zu eigen gehabt, Geister zu
unterscheiden, Eigenschaften und Fähigkeiten der Menschen zu würdigen
und zu schätzen; zugleich habe er mit dem größten Scharfsinn die
weltlichen Dinge durchdrungen, auf einen Grad, daß man ihm den Geist
der Wahrsagung zuschreiben müssen. Auch ward ihm eine entschiedene
Anziehungsgabe, welche auszudrücken die Italiener sich des schönen
Wortes "attrattiva" bedienen, kräftig verliehen, die sich nicht allein
auf Menschen erstreckte, sondern auch auf Tiere. Als Beispiel wird
erzählt, daß der Hund eines Freundes sich ihm angeschlossen und
durchaus gefolgt sei, auch bei dem ersten Besitzer, der ihn lebhaft
zurückgewünscht und durch mancherlei Mittel ihn wieder zu gewinnen
getrachtet, auf keine Weise verbleiben wollen, sondern sich immer zu
dem anziehenden Manne zurückbegeben, sich niemals von ihm getrennt,
vielmehr zuletzt nach mehreren Jahren in dem Schlafzimmer seines
erwählten Herrn das Leben geendet habe. Dieses Geschöpf veranlaßt uns
nun, auf jene Prüfungen, zu denen es selbst Gelegenheit gegeben,
zurückzukommen. Es ist bekannt, daß Hundeführen, Hundetragen im
Mittelalter überhaupt und wahrscheinlich auch in Rom höchst
schimpflich gewesen. In dieser Rücksicht pflegte der fromme Mann
jenes Tier an einer Kette durch die Stadt zu führen, auch mußten seine
Schüler dasselbe auf den Armen durch die Straßen tragen und sich auf
diese Weise dem Gelächter und Spott der Menge preisgeben.

Auch mutete er seinen Schülern und Genossen andere unwürdige
äußerlichkeiten zu. Einem jungen römischen Fürsten, welcher der Ehre,
für ein Ordensglied zu gelten, mitgenießen wollte, wurde angesonnen,
er solle mit einem hinten angehefteten Fuchsschwanze durch Rom
spazieren, und, als er dies zu leisten sich weigerte, die Aufnahme in
den Orden versagt. Einen andern schickte er ohne überkleid und wieder
einen mit zerrißnen ärmeln durch die Stadt. Dieses Letztern erbarmte
sich ein Edelmann und bot ihm ein Paar neue ärmel an, die der Jüngling
ausschlug, nachher aber auf Befehl des Meisters dankbar abholen und
tragen mußte. Beim Bau der neuen Kirche nötigte er die Seinen, gleich
Taglöhnern die Materialien herbeizuschaffen und sie den Arbeitern zur
Hand zu langen.

Gleichermaßen wußte er auch jedes geistige Behagen, das der Mensch an
sich empfinden mochte, zu stören und zu vernichten. Wenn die Predigt
eines jungen Mannes wohl zu gelingen und der Redner sich darin selbst
zu gefallen schien, unterbrach er ihn in der Mitte des Worts, um an
seiner Stelle weiterzusprechen, befahl auch wohl weniger fähigen
Schülern, ungesäumt hinaufzutreten und zu beginnen, welche denn, so
unerwartet angeregt, sich aus dem Stegreife besser als je zu erweisen
das Glück hatten. Italienische Reise / 2. Röm. Aufenthalt / Philipp
Neri (2)

Man versetze sich in die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts
und den wüsten Zustand, in welchem Rom unter verschiedenen Päpsten wie
ein aufgeregtes Element erschien, und man wird eher begreifen, daß ein
solches Verfahren wirksam und mächtig sein mußte, indem es durch
Neigung und Furcht, durch Ergebenheit und Gehorsam dem innersten
Wollen des Menschen die große Gewalt verlieh, trotz allem äußern sich
zu erhalten, um allem, was sich ereignen konnte, zu widerstehen, da es
befähigt, selbst dem Vernünftigen und Verständigen, dem Herkömmlichen
und Schicklichen unbedingt zu entsagen.

Eine merkwürdige, obgleich schon bekannte Prüfungsgeschichte wird man
hier wegen ihrer besondern Anmut nicht ungern wiederholt finden. Dem
heiligen Vater war angekündigt, in einem Kloster auf dem Lande tue
sich eine wunderwirkende Nonne hervor. Unser Mann erhält den Auftrag,
eine für die Kirche so wichtige Angelegenheit näher zu untersuchen; er
setzt sich auf sein Maultier, das Befohlene zu verrichten, kommt aber
schneller zurück, als der heilige Vater es erwartet. Der Verwunderung
seines geistlichen Gebieters begegnet Neri mit folgenden Worten:
"Heiligster Vater, diese tut keine Wunder, denn es fehlt ihr an der
ersten christlichen Tugend, der Demut; ich komme durch schlimmen Weg
und Wetter übel zugerichtet im Kloster an, ich lasse sie in Eurem
Namen vor mich fordern, sie erscheint, und ich reiche ihr statt des
Grußes den Stiefel hin, mit der Andeutung, sie solle mir ihn ausziehen.
Entsetzt fährt sie zurück, und mit Schelten und Zorn erwidert sie
mein Ansinnen; für was ich sie halte! ruft sie aus, die Magd des Herrn
sei sie, aber nicht eines jeden, der daherkomme, um knechtische
Dienste von ihr zu verlangen. Ich erhub mich gelassen, setzte mich
wieder auf mein Tier, stehe wieder vor Euch, und ich bin überzeugt,
Ihr werdet keine weitere Prüfung nötig finden." Lächelnd beließ es
auch der Papst dabei, und wahrscheinlich ward ihr das fernere
Wundertun untersagt.

Wenn er aber sich dergleichen Prüfungen gegen andere erlaubte, so
mußte er solche von Männern erdulden, welche, gleichen Sinnes, den
nämlichen Weg der Selbstverleugnung einschlugen. Ein Bettelmönch, der
aber auch schon im Geruch der Heiligkeit stand, begegnet ihm in der
gangbarsten Straße und bietet ihm einen Schluck aus der Weinflasche,
die er vorsorglich mit sich führt. Philipp Neri bedenkt sich nicht
einen Augenblick und setzt die langhalsige Korbflasche, den Kopf
zurückbiegend, dreist an den Mund, indes das Volk laut lacht und
spottet, daß zwei fromme Männer sich dergestalt zutrinken.

Philipp Neri, den es ungeachtet seiner Frömmigkeit und Ergebung
einigermaßen durfte verdrossen haben, sagte darauf: "Ihr habt mich
geprüft, nun ist die Reihe an mir", und drückte zugleich sein
vierecktes Barett auf den Kahlkopf, welcher nun gleichfalls ausgelacht
wurde, ganz ruhig fortging und sagte: "Wenn mir's einer vom Kopf nimmt,
so mögt Ihr's haben." Neri nahm es ihm ab, und sie schieden.

Freilich dergleichen zu wagen und dennoch die größten sittlichen
Wirkungen hervorzubringen, bedurfte es eines Mannes wie Philipp Neri,
dessen Handlungen gar oft als Wunder anzusehen waren. Als Beichtiger
machte er sich furchtbar und daher des größten Zutrauens würdig; er
entdeckte seinen Beichtkindern Sünden, die sie verschwiegen, Mängel,
die sie nicht beachtet hatten; sein brünstiges ekstatisches Gebet
setzte seine Umgebungen als übernatürlich in Erstaunen, in einen
Zustand, in welchem die Menschen wohl auch durch ihre Sinne zu
erfahren glauben, was ihnen die Einbildungskraft, angeregt durchs
Gefühl, vorbilden mochte. Wozu denn noch kommt, daß das Wunderbare,
ja das Unmögliche, erzählt und wieder erzählt, endlich vollkommen die
Stelle des Wirklichen, des Alltäglichen einnimmt. Hierher gehört, daß
man ihn nicht allein verschiedentlich während des Meßopfers vor dem
Altare wollte emporgehoben gesehen haben, sondern daß sich auch
Zeugnisse fanden, man habe ihn, knieend um das Leben eines
gefährlichst Kranken betend, dergestalt von der Erde emporgehoben
erblickt, daß er mit dem Haupte beinahe die Decke des Zimmers berührt.

Bei einem solchen durchaus dem Gefühl und der Einbildungskraft
gewidmeten Zustande war es ganz natürlich, daß die Einmischung auch
widerwärtiger Dämonen nicht ganz auszubleiben schien.

Oben zwischen dem verfallenen Gemäuer der Antoninischen Bäder sieht
wohl einmal der fromme Mann in äffischer Ungestalt ein widerwärtiges
Wesen herumhupfen, das aber auf sein Geheiß alsogleich zwischen
Trümmern und Spalten verschwindet. Bedeutender jedoch als diese
Einzelheit ist, wie er gegen seine Schüler verfährt, die ihn von
seligen Erscheinungen, womit sie von der Mutter Gottes und andern
Heiligen beglückt worden, mit Entzücken benachrichtigen. Er, wohl
wissend, daß aus dergleichen Einbildungen ein geistlicher Dünkel, der
schlimmste und hartnäckigste von allen, gewöhnlich entspringe,
versichert sie deshalb, daß hinter dieser himmlischen Klarheit und
Schönheit gewiß eine teuflische, häßliche Finsternis verborgen liege.
Dieses zu erproben, gebietet er ihnen: bei der Wiederkehr einer so
holdseligen Jungfrau ihr gerade ins Gesicht zu speien; sie gehorchen,
und der Erfolg bewährt sich, indem auf der Stelle eine Teufelslarve
hervortritt.

Der große Mann mag dieses mit Bewußtsein oder, was wahrscheinlicher
ist, aus tiefem Instinkt geboten haben; genug, er war sicher, daß
jenes Bild, welches eine phantastische Liebe und Sehnsucht
hervorgerufen hatte, nun durch das entgegenwirkende Wagnis von Haß und
Verachtung unmittelbar in eine Fratze sich verwandeln würde.

Ihn berechtigten jedoch zu einer so seltsamen Pädagogik die
außerordentlichsten, zwischen den höchst geistigen und höchst
körperlichen schwebend erscheinenden Naturgaben: Gefühl einer sich
nahenden noch ungesehenen Person, Ahnung entfernter Begebenheiten,
Bewußtsein der Gedanken eines vor ihm Stehenden, Nötigung anderer zu
seinen Gedanken.

Diese und dergleichen Gaben sind unter mehreren Menschen ausgeteilt,
mancher kann sich derselben ein und das anderemal rühmen, aber die
ununterbrochene Gegenwart solcher Fähigkeiten, die in jedem Falle
bereite Ausübung einer so staunenswürdigen Wirksamkeit, dies ist
vielleicht nur in einem Jahrhundert zu denken, wo zusammengehaltene
unzersplitterte Geistes--und Körperkräfte sich mit erstaunenswürdiger
Energie hervortun konnten.

Betrachten wir aber eine solche nach unabhängigem grenzenlosen,
geistigen Wirken sich hinsehnende und hingetriebene Natur, wie sie
durch die streng umfassenden römisch-kirchlichen Bande sich wieder
zusammengehalten fühlen muß.

Die Wirkungen des heiligen Xaverius unter den abgöttischen Heiden
mögen freilich damals in Rom großes Aufsehen gemacht haben. Dadurch
aufgeregt, fühlten Neri und einige seiner Freunde sich gleichfalls
nach dem sogenannten Indien gezogen und wünschten mit päpstlicher
Erlaubnis sich dorthin zu verfügen. Allein der wahrscheinlich von
oben her wohl instruierte Beichtvater redete ihnen ab und gab zu
bedenken, daß für gottselige, auf Besserung des Nächsten, auf
Ausbreitung der Religion gerichtete Männer in Rom selbst ein
genugsames Indien zu finden und ein würdiger Schauplatz für deren
Tätigkeit offen sei. Man verkündigte ihnen, daß der großen Stadt
selbst zunächst ein großes Unheil bevorstehen möchte, indem die drei
Brunnen vor dem Tore St. Sebastian trüb und blutig seit einiger Zeit
geflossen, welches als eine untrügliche Andeutung zu betrachten sei.

Mag also der würdige Neri und seine Gesellen, hiedurch beschwichtigt,
innerhalb Roms ein wohltätiges wunderwirkendes Leben fortgesetzt haben,
so viel ist gewiß, daß er von Jahr zu Jahr an Vertrauen und Achtung
bei Großen und Kleinen, Alten und Jungen zugenommen.

Bedenke man nun die wundersame Komplikation der menschlichen Natur, in
welcher sich die stärksten Gegensätze bereinigen, Materielles und
Geistiges, Gewöhnliches und Unmögliches, Widerwärtiges und
Entzückendes, Beschränktes und Grenzenloses, dergleichen aufzuführen
man noch ein langes Register fortsetzen könnte; bedenke man einen
solchen Widerstreit, wenn er in einem vorzüglichen Menschen sich
ereignet und zutage tritt, wie er durch das Unbegreifliche, was sich
aufdringt, den Verstand irre macht, die Einbildungskraft losbindet,
den Glauben überflügelt, den Aberglauben berechtigt und dadurch den
natürlichen Zustand mit dem unnatürlichsten in unmittelbare Berührung,
ja zur Vereinigung bringt; gehe man mit diesen Betrachtungen an das
weitläufig überlieferte Leben unseres Mannes, so wird es uns faßlich
scheinen, was ein solcher, der beinahe ein ganzes Jahrhundert auf
einem so großen Schauplatze in einem ungeheuern Elemente
ununterbrochen und unablässig gewirkt, für einen Einfluß müsse erlangt
haben. Die hohe Meinung von ihm ging so weit, daß man nicht allein
von seinem gesunden, kräftigen Wirken Nutzen, Heil und seliges Gefühl
sich zueignete, sondern daß sogar seine Krankheiten das Vertrauen
vermehrten, indem man sie als Zeichen seines innigsten Verhältnisses
zu Gott und dem Göttlichsten anzusehen sich bewogen fand. Hier
begreifen wir nun, wie er schon lebend der Würde eines Heiligen
entgegenging und sein Tod nur bekräftigen konnte, was ihm von den
Zeitgenossen zugedacht und zugestanden war.

Deshalb auch, als man bald nach seinem Verscheiden, welches von noch
mehr Wundern als sein Leben begleitet war, an Papst Clemens VIII. die
Frage brachte, ob man mit der Untersuchung, dem sogenannten Prozeß,
welcher einer Seligsprechung vorausgeht, den Anfang machen dürfe,
dieser die Antwort erteilte: "Ich habe ihn immer für einen Heiligen
gehalten und kann daher nichts dagegen einwenden, wenn ihn die Kirche
im allgemeinen den Gläubigen als solchen erklären und vorstellen wird."

Nun aber dürfte es auch der Aufmerksamkeit wert gehalten werden, daß
er in der langen Reihe von Jahren, die ihm zu wirken gegönnt wurden,
funfzehn Päpste erlebt, indem er, unter Leo X. geboren, unter Clemens
VIII. seine Tage beschloß; daher er denn auch eine unabhängige
Stellung gegen den Papst selbst zu behaupten sich anmaßte und als
Glied der Kirche sich zwar ihren allgemeinen Anordnungen durchaus
gleichstellte, aber im einzelnen sich nicht gebunden, ja sogar
gebieterisch gegen das Oberhaupt der Kirche bewies. Nun läßt es sich
denn auch erklären, daß er die Kardinalswürde durchaus abschlug und in
seiner Chiesa nuova, gleich einem widerspenstigen Ritter in einer
alten Burg, sich gegen den obersten Schutzherrn unartig zu betragen
herausnahm.

Der Charakter jener Verhältnisse jedoch, wie sie sich am Ende des
sechzehnten Jahrhunderts aus den früheren, roheren Zeiten seltsam
genug gestaltet erhielten, kann durch nichts deutlicher vor Augen
gestellt, eindringlicher dem Geiste dargebracht werden als durch ein
Memorial, welches Neri kurz vor seinem Tode an den neuen Papst Clemens
VIII. ergehen ließ, worauf eine gleich wunderliche Resolution erfolgte.

Wir sehen hieraus das auf eine andere Weise nicht zu schildernde
Verhältnis eines bald achtzigjährigen, dem Rang eines Heiligen
entgegensehenden Mannes zu einem bedeutenden, tüchtigen, während
seiner mehrjährigen Regierung höchst achtbaren souveränen Oberhaupte
der römisch-katholischen Kirche. Memorial des Philipp Neri an Clemens
VIII.

"Heiligster Vater! Und was für eine Person bin ich denn, daß die
Kardinäle mich zu besuchen kommen, und besonders gestern abend die
Kardinäle von Florenz und Cusano? Und weil ich ein bißchen Manna in
Blättern nötig hatte, so ließ mir gedachter Kardinal von Florenz zwei
Unzen von San Spirito holen, indem der Herr Kardinal in jenes Hospital
eine große Quantität geschickt hatte. Er blieb auch bis zwei Stunden
in die Nacht und sagte so viel Gutes von Ew. Heiligkeit, viel mehr,
als mir billig schien; denn da Sie Papst sind, so sollten Sie die
Demut selber sein. Christus kam um sieben Uhr in der Nacht, sich mir
einzuverleiben, und Ew. Heiligkeit könnte auch wohl einmal in unsre
Kirche kommen. Christus ist Mensch und Gott und besucht mich gar
manchmal. Ew. Heiligkeit ist nur ein bloßer Mensch, geboren von
einem heiligen und rechtschaffenen Mann, jener aber von Gott Vater.
Die Mutter von Ew. Heiligkeit ist Signora Agnesina, eine sehr
gottesfürchtige Dame; aber jenes die Jungfrau aller Jungfrauen. Was
hätte ich nicht alles zu sagen, wenn ich meiner Galle freien Lauf
lassen wollte. Ich befehle Ew. Heiligkeit, daß Sie meinen Willen tun
wegen eines Mädchens, das ich nach Torre de' specchi schaffen will.
Sie ist die Tochter von Claudio Neri, dem Ew. Heiligkeit versprochen
hat, daß Sie seine Kinder beschützen will; und da erinnere ich Sie,
daß es hübsch ist, wenn ein Papst sein Wort hält. Deswegen übergeben
Sie mir gedachtes Geschäft, und so, daß ich mich im Notfall Ihres
Namens bedienen könne; um so mehr, da ich den Willen des Mädchens weiß
und gewiß bin, daß sie durch göttliche Eingebung bewegt wird, und mit
der größten Demut, die ich schuldig bin, küsse ich die heiligsten Füße."
Eigenhändige Resolution des Papsts, unter das Memorial geschrieben

"Der Papst sagt, daß dieser Aufsatz in seinem ersten Teil etwas vom
Geiste der Eitelkeit enthält, indem er dadurch erfahren soll, daß die
Kardinäle Dieselben so oft besuchen; wenn uns nicht etwa dadurch
angedeutet werden soll, daß diese Herren geistlich gesinnt sind;
welches man recht gut weiß. Daß Er nicht gekommen ist, Dieselben zu
sehen, darauf sagt Er, daß es Ew. Ehrwürden nicht verdienen, da Sie
das Kardinalat nicht haben annehmen wollen, das Ihnen so oft
angetragen worden. Was den Befehl betrifft, so ist Er zufrieden, daß
Dieselben mit Ihrer gewöhnlichen Befehlshaberei denen guten Müttern
einen tüchtigen Filz geben, die es Denenselben nicht nach Ihrem Sinne
machen. Nun befiehlt Er Denselben aber, daß Sie sich wahren und nicht
Beichte sitzen ohne seine Erlaubnis. Kommt aber unser Herr Dieselben
besuchen, so bitten Sie für uns und für die dringendsten Notdurften
der Christenheit."

Januar Korrespondenz

Rom, den 5. Januar 1788.

Verzeiht, wenn ich heute nur wenig schreibe. Dieses Jahr ist mit
Ernst und Fleiß angefangen worden, und ich kann mich kaum umsehen.

Nach einem Stillstand von einigen Wochen, in denen ich mich leidend
verhielt, habe ich wieder die schönsten, ich darf wohl sagen
Offenbarungen. Es ist mir erlaubt, Blicke in das Wesen der Dinge und
ihre Verhältnisse zu werfen, die mir einen Abgrund von Reichtum
eröffnen. Diese Wirkungen entstehen in meinem Gemüte, weil ich immer
lerne, und zwar von andern lerne. Wenn man sich selbst lehrt, ist die
arbeitende und verarbeitende Kraft eins, und die Vorschritte müssen
kleiner und langsamer werden.

Das Studium des menschlichen Körpers hat mich nun ganz. Alles andre
verschwindet dagegen. Es ist mir damit durch mein ganzes Leben, auch
jetzt wieder, sonderbar gegangen. Darüber ist nicht zu reden; was ich
noch machen werde, muß die Zeit lehren.

Die Opern unterhalten mich nicht, nur das innig und ewig Wahre kann
mich nun erfreuen.

Es spitzt sich bis gegen Ostern eine Epoche zu, das fühl' ich; was
werden wird, weiß ich nicht.

Rom, den 10. Januar.

"Erwin und Elmire" kommt mit diesem Brief, möge dir das Stückchen auch
Vergnügen machen! Doch kann eine Operette, wenn sie gut ist, niemals
im Lesen genugtun; es muß die Musik erst dazu kommen, um den ganzen
Begriff auszudrücken, den der Dichter sich vorstellte. "Claudine"
kommt bald nach. Beide Stücke sind mehr gearbeitet, als man ihnen
ansieht, weil ich erst recht mit Kaysern die Gestalt des Singspiels
studiert habe.

Am menschlichen Körper wird fleißig fortgezeichnet, wie abends in der
Perspektivstunde. Ich bereite mich zu meiner Auflösung, damit ich
mich ihr getrosten Mutes hingebe, wenn die Himmlischen sie auf Ostern
beschlossen haben. Es geschehe, was gut ist.

Das Interesse an der menschlichen Gestalt hebt nun alles andre auf.
Ich fühle es wohl und wendete mich immer davon weg, wie man sich von
der blendenden Sonne wegwendet, auch ist alles vergebens, was man
außer Rom darüber studieren will. Ohne einen Faden, den man nur hier
spinnen lernt, kann man sich aus diesem Labyrinthe nicht herausfinden.
Leider wird mein Faden nicht lang genug, indessen hilft er mir doch
durch die ersten Gänge.

Wenn es mit Fertigung meiner Schriften unter gleichen Konstellationen
fortgeht, so muß ich mich im Laufe dieses Jahres in eine Prinzessin
verlieben, um den "Tasso", ich muß mich dem Teufel ergeben, um den
"Faust" schreiben zu können, ob ich mir gleich zu beiden wenig Lust
fühle. Denn bisher ist's so gegangen. Um mir selbst meinen "Egmont"
interessant zu machen, fing der römische Kaiser mit den Brabantern
Händel an, und um meinen Opern einen Grad von Vollkommenheit zu geben,
kam der Züricher Kayser nach Rom. Das heißt doch ein vornehmer Römer,
wie Herder sagt, und ich finde es recht lustig, eine Endursache der
Handlungen und Begebenheiten zu werden, welche gar nicht auf mich
gerichtet sind. Das darf man Glück nennen. Also die Prinzessin und
den Teufel wollen wir in Geduld abwarten.

Rom den 10. Januar.

Hier kommt aus Rom abermals ein Pröbchen deutscher Art und Kunst,
"Erwin und Elmire". Es ward eher fertig als "Claudine", doch wünsch'
ich nicht, daß es zuerst gedruckt werde.

Du wirst bald sehen, daß alles aufs Bedürfnis der lyrischen Bühne
gerechnet ist, das ich erst hier zu studieren Gelegenheit hatte: alle
Personen in einer gewissen Folge, in einem gewissen Maß zu
beschäftigen, daß jeder Sänger Ruhpunkte genug habe etc. Es sind
hundert Dinge zu beobachten, welchen der Italiener allen Sinn des
Gedichts aufopfert, ich wünsche, daß es mir gelungen sein möge, jene
musikalisch-theatralischen Erfordernisse durch ein Stückchen zu
befriedigen, das nicht ganz unsinnig ist. Ich hatte noch die
Rücksicht, daß sich beide Operetten doch auch müssen lesen lassen, daß
sie ihrem Nachbar "Egmont" keine Schande machten. Ein italienisch
Opernbüchelchen liest kein Mensch, als am Abend der Vorstellung, und
es in einen Band mit einem Trauerspiel zu bringen, würde hierzulande
für ebenso unmöglich gehalten werden, als daß man deutsch singen könne.

Bei "Erwin" muß ich noch bemerken, daß du das trochäische Silbenmaß,
besonders im zweiten Akt, öfter finden wirst; es ist nicht Zufall oder
Gewohnheit, sondern aus italienischen Beispielen genommen. Dieses
Silbenmaß ist zur Musik vorzüglich glücklich, und der Komponist kann
es durch mehrere Takt--und Bewegungsarten dergestalt variieren, daß es
der Zuhörer nie wiedererkennt. Wie überhaupt die Italiener auf glatte,
einfache Silbenmaße und Rhythmen ausschließlich halten.

Der junge Camper ist ein Strudelkopf, der viel weiß, leicht begreift
und über die Sachen hinfährt.

Glück zum vierten Teil der "Ideen"! Der dritte ist uns ein heilig
Buch, das ich verschlossen halte; erst jetzt hat es Moritz zu lesen
gekriegt, der sich glücklich preist, daß er in dieser Epoche der
Erziehung des Menschengeschlechts lebt. Er hat das Buch recht gut
gefühlt und war über das Ende ganz außer sich.

Wenn ich dich nur einmal für alle das Gute auf dem Kapitol bewirten
könntet Es ist einer meiner angelegensten Wünsche.

Meine titanischen Ideen waren nur Luftgestalten, die einer ernsteren
Epoche vorspukten. Ich bin nun recht im Studio der Menschengestalt,
welche das non plus ultra alles menschlichen Wissens und Tuns ist.
Meine fleißige Vorbereitung im Studio der ganzen Natur, besonders die
Osteologie, hilft mir starke Schritte machen. Jetzt seh' ich, jetzt
genieß' ich erst das Höchste, was uns vom Altertum übrigblieb: die
Statuen. Ja, ich sehe wohl ein, daß man ein ganzes Leben studieren
kann und am Ende doch noch ausrufen möchte: "Jetzt seh' ich, jetzt
genieß' ich erst."

Ich raffe alles mögliche zusammen, um Ostern eine gewisse Epoche,
wohin mein Auge nun reicht, zu schließen, damit ich Rom nicht mit
entschiedenem Widerwillen verlasse, und hoffe, in Deutschland einige
Studien bequem und gründlich fortsetzen zu können, obgleich langsam
genug. Hier trägt einen der Strom fort, sobald man nur das Schifflein
bestiegen hat.

Bericht

Januar

Cupido, loser, eigensinniger Knabe, Du batst mich um Quartier auf
einige Stunden! Wie viele Tag' und Nächte bist du geblieben, Und bist
nun herrisch und Meister im Hause geworden.

Von meinem breiten Lager bin ich vertrieben, Nun sitz' ich an der Erde
Nächte, gequälet, Dein Mutwill' schüret Flamm' auf Flamme des Herdes,
Verbrennet den Vorrat des Winters und senget mich Armen.

Du hast mir mein Gerät verstellt und verschoben, Ich such' und bin wie
blind und irre geworden. Du lärmst so ungeschickt, ich fürchte, das
Seelchen Entflieht, um dir zu entfliehn, und räumet die Hütte.

Wenn man vorstehendes Liedchen nicht in buchstäblichem Sinne nehmen,
nicht jenen Dämon, den man gewöhnlich Amor nennt, dabei denken,
sondern eine Versammlung tätiger Geister sich vorstellen will, die das
Innerste des Menschen ansprechen, auffordern, hin und wider ziehen und
durch geteiltes Interesse verwirren, so wird man auf eine symbolische
Weise an dem Zustande teilnehmen, in dem ich mich befand, und welchen
die Auszüge aus Briefen und die bisherigen Erzählungen genugsam
darstellen. Man wird zugestehen, daß eine große Anstrengung gefordert
ward, sich gegen so vieles aufrechtzuerhalten, in Tätigkeit nicht zu
ermüden und im Aufnehmen nicht lässig zu werden.

Aufnahme in die Gesellschaft der Arkadier

Schon zu Ende des vorigen Jahrs ward ich mit einem Antrage bestürmt,
den ich auch als Folge jenes unseligen Konzertes ansah, durch welches
wir unser Inkognito leichtsinnigerweise enthüllt hatten. Es konnte
jedoch andere Anlässe haben, daß man von mehreren Seiten her mich zu
bestimmen suchte, mich in die "Arcadia" als einen namhaften Schäfer
aufnehmen zu lassen. Lange widerstand ich, mußte jedoch zuletzt den
Freunden, die hierein etwas Besonderes zu setzen schienen, endlich
nachgeben.

Im allgemeinen ist bekannt, was unter dieser Arkadischen Gesellschaft
verstanden wird; doch ist es wohl nicht unangenehm, etwas darüber zu
vernehmen.

Während dem Laufe des siebzehnten Jahrhunderts mag die italienische
Poesie sich auf mancherlei Weise verschlimmert haben; denn gegen Ende
dieses Zeitraums werfen ihr gebildete, wohlgesinnte Männer vor, sie
habe den Gehalt, was man damals innere Schönheit nannte, völlig
versäumt; auch sei sie in Absicht auf die Form, die äußere Schönheit,
durchaus zu tadeln, denn sie habe mit barbarischen Ausdrücken,
unleidlich harten Versen, fehlerhaften Figuren und Tropen, besonders
mit fortlaufenden und ungemessenen Hyperbeln, Metonymien und Metaphern,
auch ganz und gar das Anmutige und Süße verscherzt, welches man am
äußern zu schätzen sich erfreue.

Jene auf solchen Irrwegen Befangenen jedoch schalten, wie es zu gehen
pflegt, das Echte und Fürtreffliche, damit ihre Mißbräuche fernerhin
unangetastet gelten möchten. Welches denn doch zuletzt von gebildeten
und verständigen Menschen nicht mehr erduldet werden konnte,
dergestalt, daß im Jahr 1690 eine Anzahl umsichtiger und kräftiger
Männer zusammentraf und einen andern Weg einzuschlagen sich beredete.

Damit aber ihre Zusammenkünfte nicht Aufsehen machen und Gegenwirkung
veranlassen möchten, so wendeten sie sich ins Freie, in ländliche
Gartenumgebungen, deren ja Rom selbst in seinen Mauern genugsame
bezirkt und einschließt. Hiedurch ward ihnen zugleich der Gewinn,
sich der Natur zu nähern und in frischer Luft den uranfänglichen Geist
der Dichtkunst zu ahnen. Dort, an zufälligen Plätzen, lagerten sie
sich auf dem Rasen, setzten sich auf architektonische Trümmer und
Steinblöcke, wo sogar anwesende Kardinäle nur durch ein weicheres
Kissen geehrt werden konnten. Hier besprachen sie sich untereinander
von ihren überzeugungen, Grundsätzen, Vorhaben; hier lasen sie
Gedichte, in welchen man den Sinn des höheren Altertums, der edlen
toskanischen Schule wieder ins Leben zu führen trachtete. Da rief
denn einer in Entzücken aus: "Hier ist unser Arkadien!" Dies
veranlaßte den Namen der Gesellschaft sowie das Idyllische ihrer
Einrichtung. Keine Protektion eines großen und einflußreichen Mannes
sollte sie schützen; sie wollten kein Oberhaupt, keinen Präsidenten
zugeben. Ein Kustos sollte die arkadischen Räume öffnen und schließen
und in den notwendigsten Fällen ihm ein Rat von zu wählenden ältesten
zur Seite stehn.

"Et in Arcadia ego". Aquarell von Reinhart

Hier ist der Name Crescimbeni ehrwürdig, welcher gar wohl als
Mitstifter angesehen werden kann und als erster Kustos sein Amt
mehrere Jahre treulich verrichtet, indem er über einen bessern,
reinern Geschmack Wache hält und das Barbarische immer mehr zu
verdrängen weiß.

Seine Dialogen über die Poesia volgare, welches nicht etwa Volkspoesie
zu übersetzen ist, sondern Poesie, wie sie einer Nation wohl ansteht,
wenn sie durch entschiedene wahre Talente ausgeübt, nicht aber durch
Grillen und Eigenheiten einzelner Wirrköpfe entstellt wird, seine
Dialogen, worin er die bessere Lehre vorträgt, sind offenbar eine
Frucht arkadischer Unterhaltungen und höchst wichtig in Vergleich mit
unserm neuen ästhetischen Bestreben. Auch die von ihm herausgegebenen
Gedichte der "Arkadia" verdienen in diesem Sinne alle Aufmerksamkeit;
wir erlauben uns dabei nur folgende Bemerkung.

Zwar hatten die werten Schäfer, im Freien auf grünem Rasen sich
lagernd, der Natur hiedurch näherzukommen gedacht, in welchem Falle
wohl Liebe und Leidenschaft ein menschlich Herz zu überschleichen
pflegt; nun aber bestand die Gesellschaft aus geistlichen Herren und
sonstigen würdigen Personen, die sich mit dem Amor jener römischen
Triumvirn nicht einlassen durften, den sie deshalb ausdrücklich
beseitigten. Hier also blieb nichts übrig, da dem Dichter die Liebe
ganz unentbehrlich ist, als sich zu jener überirdischen und
gewissermaßen platonischen Sehnsucht hinzuwenden, nicht weniger ins
Allegorische sich einzulassen, wodurch denn ihre Gedichte einen ganz
ehrsamen, eigentümlichen Charakter erhalten, da sie ohnehin ihren
großen Vorgängern Dante und Petrarch hierin auf dem Fuße folgen
konnten.

Diese Gesellschaft bestand, wie ich nach Rom gelangte, soeben hundert
Jahr, und hatte sich ihrer äußern Form nach durch mancherlei Orts--und
Gesinnungswechsel immer mit Anstand, wenn auch nicht in großem Ansehn
erhalten; und man ließ nicht leicht einigermaßen bedeutende Fremde in
Rom verweilen, ohne dieselben zur Aufnahme anzulocken, um so mehr, als
der Hüter dieser poetischen Ländereien bloß dadurch sich bei einem
mäßigen Einkommen erhalten konnte.

Die Funktion selbst aber ging folgendermaßen vor sich: In den
Vorzimmern eines anständigen Gebäudes ward ich einem bedeutenden
geistlichen Herrn vorgestellt, und er mir bekannt gemacht als
derjenige, der mich einführen, meinen Bürgen gleichsam oder Paten
vorstellen sollte. Wir traten in einen großen, bereits ziemlich
belebten Saal und setzten uns in die erste Reihe von Stühlen, gerade
in die Mitte einem aufgerichteten Katheder gegenüber. Es traten immer
mehr Zuhörer heran; an meine leergebliebene Rechte fand sich ein
stattlicher ältlicher Mann, den ich nach seiner Bekleidung und der
Ehrfurcht, die man ihm erwies, für einen Kardinal zu halten hatte.

Der Kustode, vom Katheder herab, hielt eine allgemein einleitende Rede,
rief mehrere Personen auf, welche sich teils in Versen, teils in
Prosa hören ließen. Nachdem dieses eine gute Zeit gewährt, begann
jener eine Rede, deren Inhalt und Ausführung ich übergehe, indem sie
im ganzen mit dem Diplom zusammentraf, welches ich erhielt und hier
nachzubringen gedenke. Hierauf wurde ich denn förmlich für einen der
Ihrigen erklärt und unter großem Händeklatschen aufgenommen und
anerkannt.

Mein sogenannter Pate und ich waren indessen aufgestanden und hatten
uns mit vielen Verbeugungen bedankt. Er aber hielt eine wohlgedachte,
nicht allzulange, sehr schickliche Rede, worauf abermals ein
allgemeiner Beifall sich hören ließ, nach dessen Verschallen ich
Gelegenheit hatte, den einzelnen zu danken und mich ihnen zu empfehlen.
Das Diplom, welches ich den andern Tag erhielt, folgt hier im
Original und ist, da es in jeder andern Sprache seine Eigentümlichkeit
verlöre, nicht übersetzt worden. Indessen suchte ich den Kustode mit
seinem neuen Hutgenossen auf das beste zufriedenzustellen.

C. U. C.

Nivildo Amarinzio

Custode generale d'Arcadia

Trovandosi per avventura a beare le sponde del Tebbro uno di quei Genj
di prim' Ordine, ch' oggi fioriscono nella Germania qual' è l'Inclito
ed Erudito Signor DE GOETHE Consigliere attuale di Stato di Sua
Altezza Serenissima il Duca di Sassonia Weimar, ed avendo celato fra
noi con filosofica moderazione la chiarezza della sua Nascità, de'
suoi Ministerj, e della virtù sua, non ha potuto ascondere la luce,
che hanno sparso le sue dottissime produzioni tanto in Prosa ch' in
Poesia per cui si è reso celebre a tutto il Mondo Letterario. Quindi
essendosi compiaciuto il suddetto rinomato Signor DE GOETHE
d'intervenire in una delle pubbliche nostre Accademie, appena Egli
comparve, come un nuovo astro di cielo straniero tra le nostre selve,
ed in una delle nostre Geniali Adunanze, che gli Arcadi in gran numero
convocati co' segni del più sincero giubilo ed applauso vollero
distinguerlo come Autore di tante celebrate opere, con annoverarlo a
viva voce tra i più illustri membri della loro Pastoral Società sotto
il Nome di Megalio, e vollero altresi assegnare al Medesimo il
possesso delle Campagne Melpomenie sacre alla Tragica Musa
dichiarandolo con ciò Pastore Arcade di Numero. Nel tempo stesso il
Ceto Universale commise al Custode Generale di registrare l'Atto
pubblico e solenne di si applaudita annoverazione tra i fasti
d'Arcadia, e di presentare al Chiarissimo Novello Compastore Megalio
Melpomenio il presente Diploma in segno dell' altissima stima, che fa
la nostra Pastorale Letteraria Repubblica de' chiari e nobili ingegni
a perpetua memoria. Dato dalla Capanna del Serbatojo dentro il Bosco
Parrasio alla Neomenia di Possideone Olimpiade DCXLI. Anno II. dalla
Ristorazione d'Arcadia Olimpiade XXIV. Anno IV. Giorno lieto per
General Chiamata.

Nivildo Amarinzio Custode Generale.

Das Siegel hat in einem Kranze, halb Lorbeer, halb Pinien,
in der Mitte eine Pansflöte,
darunter
Gli Arcadi.

Corimbo,
Melicronio,
Florimonte,
Egiréo,
Sotto-Custodi.

Das Römische Karneval

Indem wir eine Beschreibung des Römischen Karnevals unternehmen,
müssen wir den Einwurf befürchten, daß eine solche Feierlichkeit
eigentlich nicht beschrieben werden könne. Eine so große lebendige
Masse sinnlicher Gegenstände sollte sich unmittelbar vor dem Auge
bewegen und von einem jeden nach seiner Art angeschaut und gefaßt
werden.

Noch bedenklicher wird diese Einwendung, wenn wir selbst gestehen
müssen, daß das Römische Karneval einem fremden Zuschauer, der es zum
erstenmal sieht und nur sehen will und kann, weder einen ganzen noch
einen erfreulichen Eindruck gebe, weder das Auge sonderlich ergötze,
noch das Gemüt befriedige.

Die lange und schmale Straße, in welcher sich unzählige Menschen hin
und wider wälzen, ist nicht zu übersehen; kaum unterscheidet man etwas
in dem Bezirk des Getümmels, den das Auge fassen kann. Die Bewegung
ist einförmig, der Lärm betäubend, das Ende der Tage unbefriedigend.
Allein diese Bedenklichkeiten sind bald gehoben, wenn wir uns näher
erklären; und vorzüglich wird die Frage sein, ob uns die Beschreibung
selbst rechtfertigt.

Das Römische Karneval ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht
gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt.

Der Staat macht wenig Anstalten, wenig Aufwand dazu. Der Kreis der
Freuden bewegt sich von selbst, und die Polizei regiert ihn nur mit
gelinder Hand.

Hier ist nicht ein Fest, das wie die vielen geistlichen Feste Roms die
Augen der Zuschauer blendete; hier ist kein Feuerwerk, das von dem
Kastell Sankt Angelo einen einzigen überraschenden Anblick gewährte;
hier ist keine Erleuchtung der Peterskirche und Kuppel, welche so viel
Fremde aus allen Landen herbeilockt und befriedigt; hier ist keine
glänzende Prozession, bei deren Annäherung das Volk beten und staunen
soll; hier wird vielmehr nur ein Zeichen gegeben, daß jeder so töricht
und toll sein dürfe, als er wolle, und daß außer Schlägen und
Messerstichen fast alles erlaubt sei.

Der Unterschied zwischen Hohen und Niedern scheint einen Augenblick
aufgehoben: alles nähert sich einander, jeder nimmt, was ihm begegnet,
leicht auf, und die wechselseitige Frechheit und Freiheit wird durch
eine allgemeine gute Laune im Gleichgewicht erhalten.

In diesen Tagen freuet sich der Römer noch zu unsern Zeiten, daß die
Geburt Christi das Fest der Saturnalien und seiner Privilegien wohl um
einige Wochen verschieben, aber nicht aufheben konnte.

Wir werden uns bemühen, die Freuden und den Taumel dieser Tage vor die
Einbildungskraft unserer Leser zu bringen. Auch schmeicheln wir uns,
solchen Personen zu dienen, welche dem Römischen Karneval selbst
einmal beigewohnt und sich nun mit einer lebhaften Erinnerung jener
Zeiten vergnügen mögen; nicht weniger solchen, welchen jene Reise noch
bevorsteht und denen diese wenigen Blätter übersicht und Genuß einer
überdrängten und vorbeirauschenden Freude verschaffen können. Der
Korso

Das Römische Karneval versammelt sich in dem Korso. Diese Straße
beschränkt und bestimmt die öffentliche Feierlichkeit dieser Tage. An
jedem andern Platz würde es ein ander Fest sein; und wir haben daher
vor allen Dingen den Korso selbst zu beschreiben.

Er führt den Namen wie mehrere lange Straßen italienischer Städte von
dem Wettrennen der Pferde, womit zu Rom sich jeder Karnevalsabend
schließt und womit an andern Orten andere Feierlichkeiten, als das
Fest eines Schutzpatrons, ein Kirchweihfest, geendigt werden.

Die Straße geht von der Piazza del Popolo schnurgerade bis an den
venezianischen Palast. Sie ist ungefähr viertehalbtausend Schritte
lang und von hohen, meistenteils prächtigen Gebäuden eingefaßt. Ihre
Breite ist gegen ihre Länge und gegen die Höhe der Gebäude nicht
verhältnismäßig. An beiden Seiten nehmen Pflastererhöhungen für die
Fußgänger ungefähr sechs bis acht Fuß weg. In der Mitte bleibt für die
Wagen an den meisten Orten nur der Raum von zwölf bis vierzehn
Schritten, und man sieht also leicht, daß höchstens drei Fuhrwerke
sich in dieser Breite nebeneinander bewegen können.

Der Obelisk auf der Piazza del Popolo ist im Karneval die unterste
Grenze dieser Straße; der venezianische Palast die obere.
Spazierfahrt im Korso

Schon alle Sonn--und Festtage eines Jahres ist der römische Korso
belebt. Die vornehmern und reichern Römer fahren hier eine oder
anderthalb Stunden vor Nacht in einer sehr zahlreichen Reihe spazieren;
die Wagen kommen vom venezianischen Palast herunter, halten sich an
der linken Seite, fahren, wenn es schön Wetter ist, an dem Obelisk
vorbei, zum Tore hinaus und auf den Flaminischen Weg, manchmal bis
Ponte molle.

Die früher oder später Umkehrenden halten sich an die andere Seite; so
ziehen die beiden Wagenreihen in der besten Ordnung aneinander hin.

Die Gesandten haben das Recht, zwischen beiden Reihen auf und nieder
zu fahren. Dem Prätendenten, der sich unter dem Namen eines Herzogs
von Albanien in Rom aufhielt, war es gleichfalls zugestanden.

Sobald die Nacht eingeläutet wird, ist diese Ordnung unterbrochen;
jeder wendet, wo es ihm beliebt, und sucht seinen nächsten Weg, oft
zur Unbequemlichkeit vieler andern Equipagen, welche in dem engen Raum
dadurch gehindert und aufgehalten werden.

Diese Abendspazierfahrt, welche in allen großen italienischen Städten
brillant ist und in jeder kleinen Stadt, wäre es auch nur mit einigen
Kutschen, nachgeahmt wird, lockt viele Fußgänger in den Korso;
jedermann kommt, um zu sehen oder gesehen zu werden.

Das Karneval ist, wie wir bald bemerken können, eigentlich nur eine
Fortsetzung oder vielmehr der Gipfel jener gewöhnlichen sonn--und
festtägigen Freuden; es ist nichts Neues, nichts Fremdes, nichts
Einziges, sondern es schließt sich nur an die römische Lebensweise
ganz natürlich an. Klima, geistliche Kleidungen

Ebensowenig fremd wird es uns scheinen, wenn wir nun bald eine Menge
Masken in freier Luft sehen, da wir so manche Lebensszene unter dem
heitern frohen Himmel das ganze Jahr durch zu erblicken gewohnt sind.

Bei einem jeden Feste bilden ausgehängte Teppiche, gestreute Blumen,
übergespannte Tücher die Straßen gleichsam zu großen Sälen und
Galerien um.

Keine Leiche wird ohne vermummte Begleitung der Brüderschaften zu
Grabe gebracht; die vielen Mönchskleidungen gewöhnen das Auge an
fremde und sonderbare Gestalten; es scheint das ganze Jahr Karneval zu
sein, und die Abbaten in schwarzer Kleidung scheinen unter den übrigen
geistlichen Masken die edlern Tabarros vorzustellen. Erste Zeit

Schon von dem neuen Jahre an sind die Schauspielhäuser eröffnet, und
das Karneval hat seinen Anfang genommen. Man sieht hie und da in den
Logen eine Schöne, welche als Offizier ihre Epauletten mit größter
Selbstzufriedenheit dem Volke zeigt. Die Spazierfahrt im Korso wird
zahlreicher; doch die allgemeine Erwartung ist auf die letzten acht
Tage gerichtet. Vorbereitungen auf die letzten Tage

Mancherlei Vorbereitungen verkündigen dem Publikum diese
paradiesischen Stunden.

Der Korso, eine von den wenigen Straßen in Rom, welche das ganze Jahr
rein gehalten werden, wird nun sorgfältiger gekehrt und gereinigt.
Man ist beschäftigt, das schöne, aus kleinen, viereckig zugehauenen,
ziemlich gleichen Basaltstücken zusammengesetzte Pflaster, wo es nur
einigermaßen abzuweichen scheint, auszuheben und die Basaltkeile
wieder neu instand zu setzen.

Außer diesem zeigen sich auch lebendige Vorboten. Jeder
Karnevalsabend schließt sich, wie wir schon erwähnt haben, mit einem
Wettrennen. Die Pferde, welche man zu diesem Endzweck unterhält, sind
meistenteils klein und werden wegen fremder Herkunft der besten unter
ihnen Barberi genennt.

Ein solches Pferdchen wird mit einer Decke von weißer Leinwand, welche
am Kopf, Hals und Leib genau anschließt und auf den Nähten mit bunten
Bändern besetzt ist, vor dem Obelisk an die Stelle gebracht, wo es in
der Folge auslaufen soll. Man gewöhnt es, den Kopf gegen den Korso
gerichtet, eine Zeitlang stillzustehen, führt es alsdann sachte die
Straße hin und gibt ihm oben am venezianischen Palast ein wenig Hafer,
damit es ein Interesse empfinde, seine Bahn desto geschwinder zu
durchlaufen.

Da diese übung mit den meisten Pferden, deren oft funfzehn bis zwanzig
an der Zahl sind, wiederholt und eine solche Promenade immer von einer
Anzahl lustig schreiender Knaben begleitet wird, so gibt es schon
einen Vorschmack von einem größern Lärm und Jubel, der bald folgen
soll.

Ehemals nährten die ersten römischen Häuser dergleichen Pferde in
ihren Marställen; man schätzte sich es zur Ehre, wenn ein solches den
Preis davontragen konnte. Es wurden Wetten angestellt und der Sieg
durch ein Gastmahl verherrlicht.

In den letzten Zeiten hingegen hat diese Liebhaberei sehr abgenommen,
und der Wunsch, durch seine Pferde Ruhm zu erlangen, ist in die
mittlere, ja in die unterste Klasse des Volks herabgestiegen.

Aus jenen Zeiten mag sich noch die Gewohnheit herschreiben, daß der
Trupp Reiter, welcher, von Trompetern begleitet, in diesen Tagen die
Preise in ganz Rom herumzeigt, in die Häuser der Vornehmen
hineinreitet und nach einem geblasenen Trompeterstückchen ein
Trinkgeld empfängt.

Der Preis bestehet aus einem etwa drittehalb Ellen langen und nicht
gar eine Elle breiten Stück Gold--oder Silberstoff, das an einer
bunten Stange wie eine Flagge befestigt schwebt und an dessen unterm
Ende das Bild einiger rennender Pferde quer eingewirkt ist.

Es wird dieser Preis Palio genannt, und soviel Tage das Karneval
dauert, so viele solcher Quasi-Standarten werden von dem erst
erwähnten Zug durch die Straßen von Rom aufgezeigt.

Inzwischen fängt auch der Korso an, seine Gestalt zu verändern; der
Obelisk wird nun die Grenze der Straße. Vor demselben wird ein
Gerüste mit vielen Sitzreihen übereinander aufgeschlagen, welches
gerade in den Korso hineinsieht. Vor dem Gerüste werden die Schranken
errichtet, zwischen welche man künftig die Pferde zum Ablaufen bringen
soll.

An beiden Seiten werden ferner große Gerüste gebaut, welche sich an
die ersten Häuser des Korso anschließen und auf diese Weise die Straße
in den Platz herein verlängern. An beiden Seiten der Schranken stehen
kleine, erhöhte und bedeckte Bogen für die Personen, welche das
Ablaufen der Pferde regulieren sollen.

Den Korso hinauf sieht man vor manchen Häusern ebenfalls Gerüste
aufgerichtet. Die Plätze von Sankt Carlo und der Antoninischen Säule
werden durch Schranken von der Straße abgesondert, und alles
bezeichnet genug, daß die ganze Feierlichkeit sich in dem langen und
schmalen Korso einschränken solle und werde.

Zuletzt wird die Straße in der Mitte mit Puzzolane bestreut, damit die
wettrennenden Pferde auf dem glatten Pflaster nicht so leicht
ausgleiten mögen. Signal der vollkommnen Karnevalsfreiheit

So findet die Erwartung sich jeden Tag genährt und beschäftigt, bis
endlich eine Glocke vom Kapitol bald nach Mittage das Zeichen gibt, es
sei erlaubt, unter freiem Himmel töricht zu sein.

In diesem Augenblick legt der ernsthafte Römer, der sich das ganze
Jahr sorgfältig vor jedem Fehltritt hütet, seinen Ernst und seine
Bedächtigkeit auf einmal ab.

Die Pflasterer, die bis zum letzten Augenblicke gekläppert haben,
packen ihr Werkzeug auf und machen der Arbeit scherzend ein Ende.
Alle Balkone, alle Fenster werden nach und nach mit Teppichen behängt,
auf den Pflastererhöhungen zu beiden Seiten der Straße werden Stühle
herausgesetzt, die geringern Hausbewohner, alle Kinder sind auf der
Straße, die nun aufhört, eine Straße zu sein; sie gleicht vielmehr
einem großen Festsaal, einer ungeheuren ausgeschmückten Galerie.

Denn wie alle Fenster mit Teppichen behängt sind, so stehen auch alle
Gerüste mit alten gewirkten Tapeten beschlagen; die vielen Stühle
vermehren den Begriff von Zimmer, und der freundliche Himmel erinnert
selten, daß man ohne Dach sei.

So scheint die Straße nach und nach immer wohnbarer. Indem man aus
dem Hause tritt, glaubt man nicht im Freien und unter Fremden, sondern
in einem Saale unter Bekannten zu sein.

Wache

Indessen daß der Korso immer belebter wird und unter den vielen
Personen, die in ihren gewöhnlichen Kleidern spazieren, sich hier und
da ein Pulcinell zeigt, hat sich das Militär vor der Porta del Popolo
versammelt. Es zieht, angeführt von dem General zu Pferde, in guter
Ordnung und neuer Montur mit klingendem Spiel den Korso herauf und
besetzt sogleich alle Eingänge in denselben, errichtet ein paar Wachen
auf den Hauptplätzen und übernimmt die Sorge für die Ordnung der
ganzen Anstalt.

Die Verleiher der Stühle und Gerüste rufen nun emsig den
Vorbeigehenden an: "Luoghi! Luoghi, Padroni! Luoghi!" Masken

Nun fangen die Masken an, sich zu vermehren. Junge Männer, geputzt in
Festtagskleidern der Weiber aus der untersten Klasse, mit entblößtem
Busen und frecher Selbstgenügsamkeit, lassen sich meist zuerst sehen.
Sie liebkosen die ihnen begegnenden Männer, tun gemein und vertraut
mit den Weibern als mit ihresgleichen, treiben sonst, was ihnen Laune,
Witz oder Unart eingeben.

Wir erinnern uns unter andern eines jungen Menschen, der die Rolle
einer leidenschaftlichen, zanksüchtigen und auf keine Weise zu
beruhigenden Frau vortrefflich spielte und so sich den ganzen Korso
hinab zankte, jedem etwas anhängte, indes seine Begleiter sich alle
Mühe zu geben schienen, ihn zu besänftigen.

Hier kommt ein Pulcinell gelaufen, dem ein großes Horn an bunten
Schnüren um die Hüften gaukelt. Durch eine geringe Bewegung, indem er
sich mit den Weibern unterhält, weiß er die Gestalt des alten Gottes
der Gärten in dem heiligen Rom kecklich nachzuahmen, und seine
Leichtfertigkeit erregt mehr Lust als Unwillen. Hier kommt ein
anderer seinesgleichen, der, bescheidner und zufriedner, seine schöne
Hälfte mit sich bringt.

Römische Masken. Radierung von Schütz

Da die Frauen ebensoviel Lust haben, sich in Mannskleidern zu zeigen,
als die Männer, sich in Frauenskleidern sehen zu lassen, so haben sie
die beliebte Tracht des Pulcinells sich anzupassen nicht verfehlt, und
man muß bekennen, daß es ihnen gelingt, in dieser Zwittergestalt oft
höchst reizend zu sein.

Mit schnellen Schritten, deklamierend, wie vor Gericht, drängt sich
ein Advokat durch die Menge; er schreit an die Fenster hinauf, packt
maskierte und unmaskierte Spaziergänger an, droht einem jeden mit
einem Prozeß, macht bald jenem eine lange Geschichtserzählung von
lächerlichen Verbrechen, die er begangen haben soll, bald diesem eine
genaue Spezifikation seiner Schulden. Die Frauen schilt er wegen
ihrer Cicisbeen, die Mädchen wegen ihrer Liebhaber; er beruft sich auf
ein Buch, das er bei sich führt, produziert Dokumente, und das alles
mit einer durchdringenden Stimme und geläufigen Zunge. Er sucht
jedermann zu beschämen und konfus zu machen. Wenn man denkt, er höre
auf, so fängt er erst recht an; denkt man, er gehe weg, so kehrt er um;
auf den einen geht er gerade los und spricht ihn nicht an, er packt
einen andern, der schon vorbei ist; kommt nun gar ein Mitbruder ihm
entgegen, so erreicht die Tollheit ihren höchsten Grad.

Aber lange können sie die Aufmerksamkeit des Publikums nicht auf sich
ziehen; der tollste Eindruck wird gleich von Menge und
Mannigfaltigkeit wieder verschlungen.

Besonders machen die Quacqueri zwar nicht so viel Lärm, doch
ebensoviel Aufsehen als die Advokaten. Die Maske der Quacqueri
scheint so allgemein geworden zu sein durch die Leichtigkeit, auf dem
Trödel altfränkische Kleidungsstücke finden zu können.

Die Haupterfordernisse dieser Maske sind, daß die Kleidung zwar
altfränkisch, aber wohlerhalten und von edlem Stoff sei. Man sieht
sie selten anders als mit Samt oder Seide bekleidet, sie tragen
brokatene oder gestickte Westen, und der Statur nach muß der Quacquero
dickleibig sein; seine Gesichtsmaske ist ganz, mit Pausbacken und
kleinen Augen; seine Perücke hat wunderliche Zöpfchen; sein Hut ist
klein und meistens bordiert.

Man siehet, daß sich diese Figur sehr dem Buffo caricato der komischen
Oper nähert, und wie dieser meistenteils einen läppischen, verliebten,
betrogenen Toren vorstellt, so zeigen sich auch diese als
abgeschmackte Stutzer. Sie hüpfen mit großer Leichtigkeit auf den
Zehen hin und her, führen große schwarze Ringe ohne Glas statt der
Lorgnetten, womit sie in alle Wagen hineingucken, nach allen Fenstern
hinaufblicken. Sie machen gewöhnlich einen steifen, tiefen Bückling,
und ihre Freude, besonders wenn sie sich einander begegnen, geben sie
dadurch zu erkennen, daß sie mit gleichen Füßen mehrmals gerade in die
Höhe hüpfen und einen hellen, durchdringenden, unartikulierten Laut
von sich geben, der mit den Konsonanten brr verbunden ist.

Oft geben sie sich durch diesen Ton das Zeichen, und die nächsten
erwidern das Signal, so daß in kurzer Zeit, dieses Geschrille den
ganzen Korso hin und wider läuft.

Mutwillige Knaben blasen indes in große gewundne Muscheln und
beleidigen das Ohr mit unerträglichen Tönen.

Man sieht bald, daß bei der Enge des Raums, bei der ähnlichkeit so
vieler Maskenkleidungen (denn es mögen immer einige hundert Pulcinelle
und gegen hundert Quacqueri im Korso auf und nieder laufen) wenige die
Absicht haben können, Aufsehn zu erregen oder bemerkt zu werden. Auch
müssen diese früh genug im Korso erscheinen. Vielmehr geht ein jeder
nur aus, sich zu vergnügen, seine Tollheit auszulassen und der
Freiheit dieser Tage auf das beste zu genießen.

Besonders suchen und wissen die Mädchen und Frauen sich in dieser Zeit
nach ihrer Art lustig zu machen. Jede sucht nur aus dem Hause zu
kommen, sich, auf welche Art es sei, zu vermummen, und weil die
wenigsten in dem Fall sind, viel Geld aufwenden zu können, so sind sie
erfinderisch genug, allerlei Arten auszudenken, wie sie sich mehr
verstecken als zieren.

Sehr leicht sind die Masken von Bettlern und Bettlerinnen zu schaffen;
schöne Haare werden vorzüglich erfordert, dann eine ganz weiße
Gesichtsmaske, ein irdenes Töpfchen an einem farbigen Bande, ein Stab
und ein Hut in der Hand. Sie treten mit demütiger Gebärde unter die
Fenster und vor jeden hin und empfangen statt Almosen Zuckerwerk,
Nüsse und was man ihnen sonst Artiges geben mag.

Andere machen sich es noch bequemer, hüllen sich in Pelze oder
erscheinen in einer artigen Haustracht nur mit Gesichtsmasken. Sie
gehen meistenteils ohne Männer und führen als Offund Defensivwaffe ein
Besenchen, aus der Blüte eines Rohrs gebunden, womit sie teils die
überlästigen abwehren, teils auch, mutwillig genug, Bekannten und
Unbekannten, die ihnen ohne Masken entgegenkommen, im Gesicht
herumfahren.

Wenn einer, auf den sie es gemünzt haben, zwischen vier oder fünf
solcher Mädchen hineinkommt, weiß er sich nicht zu retten. Das
Gedränge hindert ihn zu fliehen, und wo er sich hinwendet, fühlt er
die Besenchen unter der Nase. Sich ernstlich gegen diese oder andere
Neckereien zu wehren würde sehr gefährlich sein, weil die Masken
unverletzlich sind und jede Wache ihnen beizustehen beordert ist.

Ebenso müssen die gewöhnlichen Kleidungen aller Stände als Masken
dienen. Stallknechte mit ihren großen Bürsten kommen, einem jeden,
wenn es ihnen beliebt, den Rücken auszukehren. Vetturine bieten ihre
Dienste mit ihrer gewöhnlichen Zudringlichkeit an. Zierlicher sind
die Masken der Landmädchen, Fraskatanerinnen, Fischer, Neapolitaner
Schiffer, neapolitanischer Sbirren und Griechen.

Manchmal wird eine Maske vom Theatern nachgeahmt. Einige machen
sich's sehr bequem, indem sie sich in Teppiche oder Leintücher hüllen,
die sie über dem Kopfe zusammenbinden.

Die weiße Gestalt pflegt gewöhnlich andern in den Weg zu treten und
vor ihnen zu hüpfen und glaubt auf diese Weise ein Gespenst
vorzustellen. Einige zeichnen sich durch sonderbare Zusammensetzungen
aus, und der Tabarro wird immer für die edelste Maske gehalten, weil
sie sich gar nicht auszeichnet.

Witzige und satirische Masken sind sehr selten, weil diese schon
Endzweck haben und bemerkt sein wollen. Doch sah man einen Pulcinell
als Hahnrei. Die Hörner waren beweglich, er konnte sie wie eine
Schnecke heraus--und hineinziehen. Wenn er unter ein Fenster vor neu
Verheiratete trat und ein Horn nur ein wenig sehen ließ, oder vor
einem andern beide Hörner recht lang streckte und die an den obern
Spitzen befestigten Schellen recht wacker klingelten, entstand auf
Augenblicke eine heitere Aufmerksamkeit des Publikums und manchmal ein
großes Gelächter.

Ein Zauberer mischt sich unter die Menge, läßt das Volk ein Buch mit
Zahlen sehn und erinnert es an seine Leidenschaft zum Lottospiel.

Mit zwei Gesichtern steckt einer im Gedränge: man weiß nicht, welches
sein Vorderteil, welches sein Hinterteil ist, ob er kommt, ob er geht.

Der Fremde muß sich auch gefallen lassen, in diesen Tagen verspottet
zu werden. Die langen Kleider der Nordländer, die großen Knöpfe, die
wunderlichen runden Hüte fallen den Römern auf, und so wird ihnen der
Fremde eine Maske.

Weil die fremden Maler, besonders die, welche Landschaften und Gebäude
studieren, in Rom überall öffentlich sitzen und zeichnen, so werden
sie auch unter der Karnevalsmenge emsig vorgestellt und zeigen sich
mit großen Portefeuillen, langen Surtouts und kolossalischen
Reißfedern sehr geschäftig.

Die deutschen Bäckerknechte zeichnen sich in Rom gar oft betrunken aus,
und sie werden auch mit einer Flasche Wein in ihrer eigentlichen oder
auch etwas verzierten Tracht taumelnd vorgestellt.

Wir erinnern uns einer einzigen anzüglichen Maske. Es sollte ein
Obelisk vor der Kirche Trinità de' Monti aufgerichtet werden. Das
Publikum war nicht sehr damit zufrieden, teils weil der Platz eng ist,
teils weil man dem kleinen Obelisk, um ihn in eine gewisse Höhe zu
bringen, ein sehr hohes Piedestal unterbauen mußte. Es nahm daher
einer den Anlaß, ein großes weißes Piedestal als Mütze zu tragen, auf
welchem oben ein ganz kleiner rötlicher Obelisk befestigt war. An dem
Piedestal standen große Buchstaben, deren Sinn vielleicht nur wenige
errieten. Kutschen

Indessen die Masken sich vermehren, fahren die Kutschen nach und nach
in den Korso hinein, in derselben Ordnung, wie wir sie oben
beschrieben haben, als von der sonn--und festtägigen Spazierfahrt die
Rede war, nur mit dem Unterschied, daß gegenwärtig die Fuhrwerke,
welche vom venezianischen Palast an der linken Seite herunterfahren,
da, wo die Straße des Korso aufhört, wenden und sogleich an der andern
Seite wieder herauffahren.

Wir haben schon oben angezeigt, daß die Straße, wenn man die
Erhöhungen für die Fußgänger abrechnet, an den meisten Orten wenig
über drei Wagenbreiten hat.

Die Seitenerhöhungen sind alle mit Gerüsten versperrt, mit Stühlen
besetzt, und viele Zuschauer haben schon ihre Plätze eingenommen. An
Gerüsten und Stühlen geht ganz nahe eine Wagenreihe hinunter und an
der andern Seite hinauf. Die Fußgänger sind in eine Breite von
höchstens acht Fuß zwischen den beiden Reihen eingeschlossen; jeder
drängt sich hin--und herwärts, so gut er kann, und von allen Fenstern
und Balkonen sieht wieder eine gedrängte Menge auf das Gedränge
herunter.

In den ersten Tagen sieht man meist nur die gewöhnlichen Equipagen;
denn jeder verspart auf die folgenden, was er Zierliches oder
Prächtiges allenfalls aufführen will. Gegen Ende des Karnevals kommen
mehr offene Wagen zum Vorschein, deren einige sechs Sitze haben: zwei
Damen sitzen erhöht gegeneinander über, so daß man ihre ganze Gestalt
sehen kann, vier Herren nehmen die vier übrigen Sitze der Winkel ein,
Kutscher und Bediente sind maskiert, die Pferde mit Flor und Blumen
geputzt.

Oft steht ein schöner, weißer, mit rosenfarbnen Bändern gezierter
Pudel dem Kutscher zwischen den Füßen, an dem Geschirre klingen
Schellen, und die Aufmerksamkeit des Publikums wird einige Augenblicke
auf diesen Aufzug geheftet.

Man kann leicht denken, daß nur schöne Frauen sich so vor dem ganzen
Volke zu erhöhen wagen, und daß nur die Schönste ohne Gesichtsmaske
sich sehen läßt. Wo sich denn aber auch der Wagen nähert, der
gewöhnlich langsam genug fahren muß, sind alle Augen darauf gerichtet,
und sie hat die Freude, von manchen Seiten zu hören: "O quanto è bella!"

Ehemals sollen diese Prachtwagen weit häufiger und kostbarer, auch
durch mythologische und allegorische Vorstellungen interessanter
gewesen sein; neuerdings aber scheinen die Vornehmern, es sei nun aus
welchem Grunde es wolle, verloren in dem Ganzen, das Vergnügen, das
sie noch bei dieser Feierlichkeit finden, mehr genießen, als sich vor
andern auszeichnen zu wollen.

Je weiter das Karneval vorrückt, desto lustiger sehen die Equipagen
aus.

Selbst ernsthafte Personen, welche unmaskiert in den Wagen sitzen,
erlauben ihren Kutschern und Bedienten, sich zu maskieren. Die
Kutscher wählen meistenteils die Frauentracht, und in den letzten
Tagen scheinen nur Weiber die Pferde zu regieren. Sie sind oft
anständig, ja reizend gekleidet; dagegen macht denn auch ein breiter,
häßlicher Kerl in völlig neumodischem Putz mit hoher Frisur und Federn
eine große Karikatur; und wie jene Schönheiten ihr Lob zu hören hatten,
so muß er sich gefallen lassen, daß ihm einer unter die Nase tritt
und ihm zuruft: "O fratello mio, che brutta puttana sei!"

Gewöhnlich erzeigt der Kutscher einer oder einem paar seiner
Freundinnen den Dienst, wenn er sie im Gedränge antrifft, sie auf den
Bock zu heben. Diese sitzen denn gewöhnlich in Mannstracht an seiner
Seite, und oft gaukeln dann die niedlichen Pulcinellbeinchen mit
kleinen Füßchen und hohen Absätzen den Vorübergehenden um die Köpfe.

Ebenso machen es die Bedienten und nehmen ihre Freunde und Freundinnen
hinten auf den Wagen, und es fehlt nichts, als daß sie sich noch wie
auf die englischen Landkutschen oben auf den Kasten setzten.

Die Herrschaften selbst scheinen es gerne zu sehen, wenn ihre Wagen
recht bepackt sind; alles ist in diesen Tagen vergönnt und schicklich.

Gedränge

Man werfe nun einen Blick über die lange und schmale Straße, wo von
allen Balkonen und aus allen Fenstern über lang herabhängende bunte
Teppiche gedrängte Zuschauer auf die mit Zuschauern angefüllten
Gerüste, auf die langen Reihen besetzter Stühle an beiden Seiten der
Straße herunterschauen. Zwei Reihen Kutschen bewegen sich langsam in
dem mittlern Raum, und der Platz, den allenfalls eine dritte Kutsche
einnehmen könnte, ist ganz mit Menschen ausgefüllt, welche nicht hin
und wider gehen, sondern sich hin und wider schieben. Da die Kutschen,
so lang als es nur möglich ist, sich immer ein wenig voneinander
abhalten, um nicht bei jeder Stockung gleich aufeinander zu fahren, so
wagen sich viele Fußgänger, um nur einigermaßen Luft zu schöpfen, aus
dem Gedränge der Mitte zwischen die Räder des vorausfahrenden und die
Deichsel und Pferde des nachfahrenden Wagens, und je größer die Gefahr
und Beschwerlichkeit der Fußgänger wird, desto mehr scheint ihre Laune
und Kühnheit zu steigen.

Da die meisten Fußgänger, welche zwischen den beiden Kutschenreihen
sich bewegen, um ihre Glieder und Kleidungen zu schonen, die Räder und
Achsen sorgfältig vermeiden, so lassen sie gewöhnlich mehr Platz
zwischen sich und den Wagen, als nötig ist; wer nun mit der langsamen
Masse sich fortzubewegen nicht länger ausstehen mag und Mut hat,
zwischen den Rädern und Fußgängern, zwischen der Gefahr und dem, der
sich davor fürchtet, durchzuschlüpfen, der kann in kurzer Zeit einen
großen Weg zurücklegen, bis er sich wieder durch ein anderes Hindernis
aufgehalten sieht.

Schon gegenwärtig scheint unsere Erzählung außer den Grenzen des
Glaubwürdigen zu schreiten, und wir würden kaum wagen fortzufahren,
wenn nicht so viele, die dem Römischen Karneval beigewohnt, bezeugen
könnten, daß wir uns genau an der Wahrheit gehalten, und wenn es nicht
ein Fest wäre, das sich jährlich wiederholt und das von manchem mit
diesem Buche in der Hand künftig betrachtet werden wird.

Denn was werden unsere Leser sagen, wenn wir ihnen erklären, alles
bisher Erzählte sei nur gleichsam der erste Grad des Gedränges, des
Getümmels, des Lärmens und der Ausgelassenheit? Zug des Gouverneurs
und Senators

Indem die Kutschen sachte vorwärts rücken und, wenn es eine Stockung
gibt, stille halten, werden die Fußgänger auf mancherlei Weise geplagt.

Einzeln reitet die Garde des Papstes durch das Gedränge hin und wider,
um die zufälligen Unordnungen und Stockungen der Wagen ins Geleis zu
bringen, und indem einer den Kutschpferden ausweicht, fühlt er, ehe er
sich's versieht, den Kopf eines Reitpferdes im Nacken; allein es folgt
eine größere Unbequemlichkeit.

Der Gouverneur fährt in einem großen Staatswagen mit einem Gefolge von
mehreren Kutschen durch die Mitte zwischen den beiden Reihen der
übrigen Wagen durch. Die Garde des Papstes und die vorausgehenden
Bedienten warnen und machen Platz, und dieser Zug nimmt für den
Augenblick die ganze Breite ein, die kurz vorher den Fußgängern noch
übrigblieb. Sie drängen sich, so gut sie können, zwischen die übrigen
Wagen hinein und auf eine oder die andere Weise beiseite. Und wie das
Wasser, wenn ein Schiff durchfährt, sich nur einen Augenblick trennt
und hinter dem Steuerruder gleich wieder zusammenstürzt, so strömt
auch die Masse der Masken und der übrigen Fußgänger hinter dem Zuge
gleich wieder in eins zusammen. Nicht lange, so stört eine neue
Bewegung die gedrängte Gesellschaft.

Der Senator rückt mit einem ähnlichen Zuge heran; sein großer
Staatswagen und die Wagen seines Gefolges schwimmen wie auf den Köpfen
der erdrückten Menge, und wenn jeder Einheimische und Fremde von der
Liebenswürdigkeit des gegenwärtigen Senators, des Prinzen Rezzonico,
eingenommen und bezaubert wird, so ist vielleicht dieses der einzige
Fall, wo eine Masse von Menschen sich glücklich preist, wenn er sich
entfernt.

Wenn diese beiden Züge der ersten Gerichts--und Polizeiherren von Rom,
nur um das Karneval feierlich zu eröffnen, den ersten Tag durch den
Korso gedrungen waren, fuhr der Herzog von Albanien täglich zu großer
Unbequemlichkeit der Menge gleichfalls diesen Weg und erinnerte zur
Zeit der allgemeinen Mummerei die alte Beherrscherin der Könige an das
Fastnachtsspiel seiner königlichen Prätensionen.

Die Gesandten, welche das gleiche Recht haben, bedienen sich dessen
sparsam und mit einer humanen Diskretion. Schöne Welt am Palast
Ruspoli

Aber nicht allein durch diese Züge wird die Zirkulation des Korso
unterbrochen und gehindert; am Palast Ruspoli und in dessen Nähe, wo
die Straße um nichts breiter wird, sind die Pflasterwege an beiden
Seiten mehr erhöht. Dort nimmt die schöne Welt ihren Platz, und alle
Stühle sind bald besetzt oder besprochen. Die schönsten Frauenzimmer
der Mittelklasse, reizend maskiert, umgeben von ihren Freunden, zeigen
sich dort dem vorübergehenden neugierigen Auge. Jeder, der in die
Gegend kommt, verweilt, um die angenehmen Reihen zu durchschauen;
jeder ist neugierig, unter den vielen männlichen Gestalten, die dort
zu sitzen scheinen, die weiblichen herauszusuchen und vielleicht in
einem niedlichen Offizier den Gegenstand seiner Sehnsucht zu entdecken.
Hier an diesem Flecke stockt die Bewegung zuerst, denn die Kutschen
verweilen, so lange sie können, in dieser Gegend, und wenn man zuletzt
halten soll, will man doch lieber in dieser angenehmen Gesellschaft
bleiben. Konfetti

Wenn unsere Beschreibung bisher nur den Begriff von einem engen, ja
beinahe ängstlichen Zustande gegeben hat, so wird sie einen noch
sonderbarern Eindruck machen, wenn wir ferner erzählen, wie diese
gedrängte Lustbarkeit durch eine Art von kleinem, meist scherzhaftem,
oft aber nur allzu ernstlichem Kriege in Bewegung gesetzt wird.

Wahrscheinlich hat einmal zufällig eine Schöne ihren vorbeigehenden
guten Freund, um sich ihm unter der Menge und Maske bemerklich zu
machen, mit verzuckerten Körnern angeworfen, da denn nichts
natürlicher ist, als daß der Getroffene sich umkehre und die lose
Freundin entdecke; dieses ist nun ein allgemeiner Gebrauch, und man
sieht oft nach einem Wurfe ein Paar freundliche Gesichter sich
einander begegnen. Allein man ist teils zu haushälterisch, um
wirkliches Zuckerwerk zu verschwenden, teils hat der Mißbrauch
desselben einen größern und wohlfeilern Vorrat nötig gemacht.

Es ist nun ein eignes Gewerbe, Gipszeltlein, durch den Trichter
gemacht, die den Schein von Drageen haben, in großen Körben zum
Verkauf mitten durch die Menge zu tragen.

Niemand ist vor einem Angriff sicher; jedermann ist im
Verteidigungszustande, und so entsteht aus Mutwillen oder
Notwendigkeit bald hier, bald da ein Zweikampf, ein Scharmützel oder
eine Schlacht. Fußgänger, Kutschenfahrer, Zuschauer aus Fenstern, von
Gerüsten oder Stühlen greifen einander wechselsweise an und
verteidigen sich wechselsweise.

Die Damen haben vergoldete und versilberte Körbchen voll dieser Körner,
und die Begleiter wissen ihre Schönen sehr wacker zu verteidigen.
Mit niedergelassenen Kutschenfenstern erwartet man den Angriff, man
scherzt mit seinen Freunden und wehrt sich hartnäckig gegen Unbekannte.

Nirgends aber wird dieser Streit ernstlicher und allgemeiner als in
der Gegend des Palasts Ruspoli. Alle Masken, die sich dort
niedergelassen haben, sind mit Körbchen, Säckchen, zusammengebundnen
Schnupftüchern versehen. Sie greifen öfter an, als sie angegriffen
werden; keine Kutsche fährt ungestraft vorbei, ohne daß ihr nicht
wenigstens einige Masken etwas anhängen. Kein Fußgänger ist vor ihnen
sicher, besonders wenn sich ein Abbate im schwarzen Rocke sehen läßt,
werfen alle von allen Seiten auf ihn, und weil Gips und Kreide, wohin
sie treffen, abfärben, so sieht ein solcher bald über und über weiß
und grau punktiert aus. Oft aber werden die Händel sehr ernsthaft und
allgemein, und man sieht mit Erstaunen, wie Eifersucht und
persönlicher Haß sich freien Lauf lassen.

Unbemerkt schleicht sich eine vermummte Figur heran und trifft mit
einer Hand voll Konfetti eine der ersten Schönheiten so heftig und so
gerade, daß die Gesichtsmaske widerschallt und ihr schöner Hals
verletzt wird. Ihre Begleiter zu beiden Seiten werden heftig
aufgereizt, aus ihren Körbchen und Säckchen stürmen sie gewaltig auf
den Angreifenden los; er ist aber so gut vermummt, zu stark
geharnischt, als daß er ihre wiederholten Würfe empfinden sollte. Je
sicherer er ist, desto heftiger setzt er seinen Angriff fort; die
Verteidiger decken das Frauenzimmer mit den Tabarros zu, und weil der
Angreifende in der Heftigkeit des Streits auch die Nachbarn verletzt
und überhaupt durch seine Grobheit und Ungestüm jedermann beleidigt,
so nehmen die Umhersitzenden teil an diesem Streit, sparen ihre
Gipskörner nicht und haben meistenteils auf solche Fälle eine etwas
größere Munition, ungefähr wie verzuckerte Mandeln, in Reserve,
wodurch der Angreifende zuletzt so zugedeckt und von allen Seiten her
überfallen wird, daß ihm nichts als die Retraite übrigbleibt,
besonders wenn er sich verschossen haben sollte.

Gewöhnlich hat einer, der auf ein solches Abenteuer ausgeht, einen
Sekundanten bei sich, der ihm Munition zusteckt, inzwischen daß die
Männer, welche mit solchen Gipskonfetti handeln, während des Streits
mit ihren Körben geschäftig sind und einem jeden, soviel Pfund er
verlangt, eilig zuwiegen.

Wir haben selbst einen solchen Streit in der Nähe gesehn, wo zuletzt
die Streitenden aus Mangel an Munition sich die vergoldeten Körbchen
an die Köpfe warfen und sich durch die Warnungen der Wachen, welche
selbst heftig mit getroffen wurden, nicht abhalten ließen.

Gewiß würde mancher solche Handel mit Messerstichen sich endigen, wenn
nicht die an mehreren Ecken aufgezogenen Corden, die bekannten
Strafwerkzeuge italienischer Polizei, jeden mitten in der Lustbarkeit
erinnerten, daß es in diesem Augenblicke sehr gefährlich sei, sich
gefährlicher Waffen zu bedienen.

Unzählig sind diese Händel und die meisten mehr lustig als ernsthaft.

So kommt z. E. ein offner Wagen voll Pulcinellen gegen Ruspoli heran.
Er nimmt sich vor, indem er bei den Zuschauern vorbeifährt, alle
nacheinander zu treffen; allein unglücklicherweise ist das Gedränge zu
groß, und er bleibt in der Mitte stecken. Die ganze Gesellschaft wird
auf einmal eines Sinnes, und von allen Seiten hagelt es auf den Wagen
los. Die Pulcinelle verschießen ihre Munition und bleiben eine gute
Weile dem kreuzenden Feuer von allen Seiten ausgesetzt, so daß der
Wagen am Ende ganz wie mit Schnee und Schloßen bedeckt, unter einem
allgemeinen Gelächter und von Tönen des Mißbilligens begleitet, sich
langsam entfernt. Dialog am obern Ende des Korso

Indessen in dem Mittelpunkte des Korso diese lebhaften und heftigen
Spiele einen großen Teil der schönen Welt beschäftigen, findet ein
anderer Teil des Publikums an dem obern Ende des Korso eine andere Art
von Unterhaltung.

Unweit der französischen Akademie tritt in spanischer Tracht mit
Federhut, Degen und großen Handschuhen unversehens mitten aus den von
einem Gerüste zuschauenden Masken der sogenannte Capitano des
italienischen Theaters auf und fängt an, seine großen Taten zu Land
und Wasser in emphatischem Ton zu erzählen. Es währt nicht lange, so
erhebt sich gegen ihm über ein Pulcinell, bringt Zweifel und
Einwendungen vor, und indem er ihm alles zuzugeben scheint, macht er
die Großsprecherei jenes Helden durch Wortspiele und eingeschobene
Plattheiten lächerlich.

Auch hier bleibt jeder Vorbeigehende stehen und hört dem lebhaften
Wortwechsel zu. Pulcinellenkönig

Ein neuer Aufzug vermehret oft das Gedränge. Ein Dutzend Pulcinelle
tun sich zusammen, erwählen einen König, krönen ihn, geben ihm ein
Zepter in die Hand, begleiten ihn mit Musik und führen ihn unter
lautem Geschrei auf einem verzierten Wägelchen den Korso herauf. Alle
Pulcinelle springen herbei, wie der Zug vorwärts geht, vermehren das
Gefolge und machen sich mit Geschrei und Schwenken der Hüte Platz.

Alsdann bemerkt man erst, wie jeder diese allgemeine Maske zu
vermannigfaltigen sucht.

Der eine trägt eine Perücke, der andere eine Weiberhaube zu seinem
schwarzen Gesicht, der dritte hat statt der Mütze einen Käfig auf dem
Kopfe, in welchem ein Paar Vögel, als Abbate und Dame gekleidet, auf
den Stängelchen hin und wider hüpfen.

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