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Italienische Reise-Teil 1 by Johann Wolfgang Goethe

Part 7 out of 7

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reichen Fürsten zu heiraten, und man konnte sie um so eher dazu
überreden, als die Natur sie zu einem zwar guten, aber zur Liebe
völlig unfähigen Wesen gebildet hatte. In dieser reichen, aber durch
Familienverhältnisse höchst beschränkten Lage suchte sie sich durch
ihren Geist zu helfen und, da sie in Tun und Lassen gehindert war,
wenigstens ihrem Mundwerk freies Spiel zu geben. Man versicherte mir,
daß ihr eigentlichster Wandel ganz untadelig sei, daß sie sich aber
fest vorgesetzt zu haben scheine, durch ein unbändiges Reden allen
Verhältnissen ins Angesicht zu schlagen. Man bemerkte scherzend, daß
keine Zensur ihre Diskurse, wären sie schriftlich verfaßt, könne
durchgehen lassen, weil sie durchaus nichts vorbringe, als was
Religion, Staat oder Sitten verletze.

Man erzählte die wunderlichsten und artigsten Geschichten von ihr,
wovon eine hier stehen mag, ob sie gleich nicht die anständigste ist.

Kurz vor dem Erdbeben, das Kalabrien betraf, war sie auf die dortigen
Güter ihres Gemahls gezogen. Auch in der Nähe ihres Schlosses war
eine Baracke gebaut, das heißt ein hölzernes einstöckiges Haus,
unmittelbar auf den Boden aufgesetzt; übrigens tapeziert, möbliert und
schicklich eingerichtet. Bei den ersten Anzeigen des Erdbebens
flüchtete sie dahin. Sie saß auf dem Sofa, Knötchen knüpfend, vor
sich ein Nähtischchen, gegen ihr über ein Abbé, ein alter
Hausgeistlicher. Auf einmal wogte der Boden, das Gebäude sank an
ihrer Seite nieder, indem die entgegengesetzte sich emporhob, der Abbé
und das Tischchen wurde also auch in die Höhe gehoben. "Pfui!" rief
sie, an der sinkenden Wand mit dem Kopfe gelehnt, "schickt sich das
für einen so ehrwürdigen Mann? Ihr gebärdet Euch ja, als wenn Ihr auf
mich fallen wolltet. Das ist ganz gegen alle Sitte und Wohlstand."

Indessen hatte das Haus sich wieder niedergesetzt, und sie wußte sich
vor Lachen nicht zu lassen über die närrische, lüsterne Figur, die der
gute Alte sollte gespielt haben, und sie schien über diesen Scherz von
allen Kalamitäten, ja dem großen Verlust, der ihre Familie und so viel
tausend Menschen betraf, nicht das mindeste zu empfinden. Ein
wundersam glücklicher Charakter, dem noch eine Posse gelingt, indem
ihn die Erde verschlingen will.

Neapel, Sonnabend, den 26. Mai 1787

Genau betrachtet, möchte man doch wohl gutheißen, daß es so viele
Heilige gibt; nun kann jeder Gläubige den seinigen auslesen und mit
vollem Vertrauen sich gerade an den wenden, der ihm eigentlich zusagt.
Heute war der Tag des meinigen, den ich denn ihm zu Ehren nach seiner
Weise und Lehre andächtig-munter beging.

Philippus Neri steht in hohem Ansehn und zugleich heiterm Andenken;
man wird erbaut und erfreut, wenn man von ihm und von seiner hohen
Gottesfurcht vernimmt, zugleich aber hört man auch von seiner guten
Laune sehr viel erzählen. Seit seinen ersten Jugendjahren fühlte er
die brünstigsten Religionstriebe, und im Laufe seines Lebens
entwickelten sich in ihm die höchsten Gaben des religiösen
Enthusiasmus: die Gabe des unwillkürlichen Gebets, der tiefen,
wortlosen Anbetung, die Gabe der Tränen, der Ekstase und zuletzt sogar
des Aufsteigens vom Boden und Schwebens über demselben, welches vor
allen für das Höchste gehalten wird.

Zu so vielen geheimnisvollen, seltsamen Innerlichkeiten gesellte er
den klarsten Menschenverstand, die reinste Würdigung oder vielmehr
Abwürdigung der irdischen Dinge, den tätigsten Beistand, in leiblicher
und geistlicher Not seinem Nebenmenschen gewidmet. Streng beobachtete
er alle Obliegenheiten, wie sie auch an Festen, Kirchenbesuchen, Beten,
Fasten und sonst von dem gläubigen, kirchlichen Manne gefordert
werden. Ebenso beschäftigte er sich mit Bildung der Jugend, mit
musikalischer und rednerischer übung derselben, indem er nicht allein
geistliche, sondern auch geistreiche Themata vorlegte und sonst
aufregende Gespräche und Disputationen veranlaßte. Hiebei möchte denn
wohl das Sonderbarste scheinen, daß er das alles aus eignem Trieb und
Befugnis tat und leistete, seinen Weg viele Jahre stetig verfolgte,
ohne zu irgendeinem Orden oder Kongregation zu gehören, ja ohne die
geistliche Weihe zu haben.

Doch bedeutender muß es auffallen, daß gerade dies zu Luthers Zeit
geschah, und daß mitten in Rom ein tüchtiger, gottesfürchtiger,
energischer, tätiger Mann gleichfalls den Gedanken hatte, das
Geistliche, ja das Heilige mit dem Weltlichen zu verbinden, das
Himmlische in das Säkulum einzuführen und dadurch ebenfalls eine
Reformation vorzubereiten. Denn hier liegt doch ganz allein der
Schlüssel, der die Gefängnisse des Papsttums öffnen und der freien
Welt ihren Gott wiedergeben soll.

Der päpstliche Hof jedoch, der einen so bedeutenden Mann in der Nähe,
im Bezirk von Rom, unter seinem Gewahrsam hatte, ließ nicht nach, bis
dieser, der ohnehin ein geistliches Leben führte, schon seine Wohnung
in Klöstern nahm, daselbst lehrte, ermunterte, ja sogar, wo nicht
einen Orden, doch eine freie Versammlung zu stiften im Begriff war,
endlich beredet ward, die Weihe zu nehmen und alle die Vorteile damit
zu empfangen, die ihm denn doch bisher auf seinem Lebenswege ermangelt
hatten.

Will man auch seine körperliche wunderbare Erhebung über den Boden,
wie billig, in Zweifel ziehen, so war er doch dem Geiste nach hoch
über dieser Welt erhoben und deswegen ihm nichts so sehr zuwider als
Eitelkeit, Schein, Anmaßung, gegen die er auch immer, als gegen die
größten Hindernisse eines wahren gottseligen Lebens, kräftig wirkte,
und zwar, wie uns manche Geschichte überliefert, immer mit gutem Humor.

Er befindet sich z. B. eben in der Nähe des Papstes, als diesem
berichtet wird, daß in der Nähe von Rom eine Klosterfrau mit allerlei
wunderlichen geistlichen Gaben sich hervortue. Die Wahrhaftigkeit
dieser Erzählungen zu untersuchen, erhält Neri den Auftrag. Er setzt
sich sogleich zu Maultier und ist bei sehr bösem Wetter und Weg bald
im Kloster. Eingeführt, unterhält er sich mit der äbtissin, die ihm
von allen diesen Gnadenzeichen mit vollkommener Beistimmung genaueste
Kenntnis gibt. Die geforderte Nonne tritt ein, und er, ohne sie
weiter zu begrüßen, reicht ihr den kotigen Stiefel hin, mit dem
Ansinnen, daß sie ihn ausziehen solle. Die heilige, reinliche
Jungfrau tritt erschrocken zurück und gibt ihre Entrüstung über dieses
Zumuten mit heftigen Worten zu erkennen. Neri erhebt sich ganz
gelassen, besteigt sein Maultier und findet sich wieder vor dem Papst,
ehe dieser es nur vermuten konnte; denn wegen Prüfung solcher
Geistesgaben sind katholischen Beichtvätern bedeutende
Vorsichtsmaßregeln aufs genaueste vorgeschrieben, weil die Kirche zwar
die Möglichkeit solcher himmlischen Begünstigungen zugibt, aber die
Wirklichkeit derselben nicht ohne die genaueste Prüfung zugesteht.
Dem verwunderten Papste eröffnete Neri kürzlich das Resultat: "Sie ist
keine Heilige", ruft er aus, "sie tut keine Wunder! Denn die
Haupteigenschaft fehlt ihr, die Demut."

Diese Maxime kann man als leitendes Prinzip seines ganzen Lebens
ansehen; denn, um nur noch eins zu erzählen: als er die Kongregation
der Padri dell' Oratorio gestiftet hatte, die sich bald ein großes
Ansehn erwarb und gar vielen den Wunsch einflößte, Mitglied derselben
zu werden, kam ein junger römischer Prinz, um Aufnahme bittend,
welchem denn auch das Noviziat und die demselben angewiesene Kleidung
zugestanden wurde. Da aber selbiger nach einiger Zeit um wirklichen
Eintritt nachsuchte, hieß es, daß vorher noch einige Prüfungen zu
bestehen seien; wozu er sich denn auch bereit erklärte. Da brachte
Neri einen langen Fuchsschwanz hervor und forderte, der Prinz solle
diesen sich hinten an das lange Röckchen anheften lassen und ganz
ernsthaft durch alle Straßen von Rom gehen. Der junge Mann entsetzte
sich, wie oben die Nonne, und äußerte, er habe sich gemeldet, nicht um
Schande, sondern um Ehre zu erlangen. Da meinte denn Vater Neri, dies
sei von ihrem Kreise nicht zu erwarten, wo die höchste Entsagung das
erste Gesetz bleibe. Worauf denn der Jüngling seinen Abschied nahm.

In einem kurzen Wahlspruch hatte Neri seine Hauptlehre verfaßt:
"Spernere mundum, spernere te ipsum, spernere te sperni." Und damit
war freilich alles gesagt. Die beiden ersten Punkte bildet sich ein
Hypochondrist wohl manchmal ein erfüllen zu können, um aber sich zum
dritten zu bequemen, müßte man auf dem Wege sein, ein Heiliger zu
werden.

Neapel, den 27. Mai 1787.

Die sämtlichen lieben Briefe vom Ende des vorigen Monats habe ich
gestern alle auf einmal von Rom her durch Graf Fries erhalten und mir
mit Lesen und Wiederlesen etwas Rechts zugute getan. Das sehnlich
erwartete Schächtelchen war auch dabei, und ich danke tausendmal für
alles.

Nun wird es aber bald Zeit, daß ich von hier flüchte; denn indem ich
mir Neapel und seine Umgebungen noch recht zu guter Letzt
vergegenwärtigen, den Eindruck erneuern und über manches abschließen
möchte, so reißt der Strom des Tages mich fort, und nun schließen auch
vorzügliche Menschen sich an, die ich als alte und neue Bekannte
unmöglich so geradezu abweisen kann. Ich fand eine liebenswürdige
Dame, mit der ich vorigen Sommer in Karlsbad die angenehmsten Tage
verlebt hatte. Um wie manche Stunde betrogen wir die Gegenwart in
heiterster Erinnerung. Alle die Lieben und Werten kamen wieder an die
Reihe, vor allem der heitere Humor unseres teuren Fürsten. Sie besaß
das Gedicht noch, womit ihn bei seinem Wegritt die Mädchen von
Engelhaus überraschten. Es rief die lustigen Szenen alle zurück, die
witzigen Neckereien und Mystifikationen, die geistreichen Versuche,
das Vergeltungsrecht aneinander auszuüben. Schnell fühlten wir uns
auf deutschem Boden in der besten deutschen Gesellschaft,
eingeschränkt von Felswänden, durch ein seltsames Lokal
zusammengehalten, mehr noch durch Hochachtung, Freundschaft und
Neigung vereinigt. Sobald wir jedoch ans Fenster traten, rauschte der
neapolitanische Strom wieder so gewaltsam an uns vorbei, daß jene
friedlichen Erinnerungen nicht festzuhalten waren.

Der Bekanntschaft des Herzogs und der Herzogin von Ursel konnt' ich
ebensowenig ausweichen. Treffliche Personen von hohen Sitten, reinem
Natur--und Menschensinn, entschiedener Kunstliebe, Wohlwollen für
Begegnende. Eine fortgesetzte und wiederholte Unterhaltung war höchst
anziehend.

Hamilton und seine Schöne setzten gegen mich ihre Freundlichkeit fort.
Ich speiste bei ihnen, und gegen Abend produzierte Miß Harte auch
ihre musikalischen und melischen Talente.

Auf Antrieb Freund Hackerts, der sein Wohlwollen gegen mich steigert
und mir alles Merkwürdige zur Kenntnis bringen möchte, führte uns
Hamilton in sein geheimes Kunstund Gerümpelgewölbe. Da sieht es denn
ganz verwirrt aus; die Produkte aller Epochen zufällig durcheinander
gestellt: Büsten, Torse, Vasen, Bronze, von sizilianischen Achaten
allerlei Hauszierat, sogar ein Kapellchen, Geschnitztes, Gemaltes und
was er nur zufällig zusammenkaufte. In einem langen Kasten an der
Erde, dessen aufgebrochenen Deckel ich neugierig beiseiteschob, lagen
zwei ganz herrliche Kandelaber von Bronze. Mit einem Wink machte ich
Hackerten aufmerksam und lispelte ihm die Frage zu, ob diese nicht
ganz denen in Portici ähnlich seien. Er winkte mir dagegen
Stillschweigen; sie mochten sich freilich aus den pompejischen Grüften
seitwärts hieher verloren haben. Wegen solcher und ähnlicher
glücklicher Erwerbnisse mag der Ritter diese verborgenen Schätze nur
wohl seinen vertrautesten Freunden sehen lassen.

Auffallend war mir ein aufrechtstehender, an der Vorderseite offener,
inwendig schwarz angestrichener Kasten, von dem prächtigsten goldenen
Rahmen eingefaßt. Der Raum groß genug, um eine stehende menschliche
Figur aufzunehmen, und demgemäß erfuhren wir auch die Absicht. Der
Kunst--und Mädchenfreund, nicht zufrieden, das schöne Gebild als
bewegliche Statue zu sehen, wollte sich auch an ihr als an einem
bunten, unnachahmbaren Gemälde ergötzen, und so hatte sie manchmal
innerhalb dieses goldenen Rahmens, auf schwarzem Grund vielfarbig
gekleidet, die antiken Gemälde von Pompeji und selbst neuere
Meisterwerke nachgeahmt. Diese Epoche schien vorüber zu sein, auch
war der Apparat schwer zu transportieren und ins rechte Licht zu
setzen; uns konnte also ein solches Schauspiel nicht zuteil werden.

Hier ist der Ort, noch einer andern entschiedenen Liebhaberei der
Neapolitaner überhaupt zu gedenken. Es sind die Krippchen (presepe),
die man zu Weihnachten in allen Kirchen sieht, eigentlich die Anbetung
der Hirten, Engel und Könige vorstellend, mehr oder weniger
vollständig, reich und kostbar zusammen gruppiert. Diese Darstellung
ist in dem heitern Neapel bis auf die flachen Hausdächer gestiegen;
dort wird ein leichtes hüttenartiges Gerüste erbaut, mit immergrünen
Bäumen und Sträuchen aufgeschmückt. Die Mutter Gottes, das Kind und
die sämtlichen Umstehenden und Umschwebenden, kostbar ausgeputzt, auf
welche Garderobe das Haus große Summen verwendet. Was aber das Ganze
unnachahmlich verherrlicht, ist der Hintergrund, welcher den Vesuv mit
seinen Umgebungen einfaßt.

Da mag man nun manchmal auch lebendige Figuren zwischen die Puppen mit
eingemischt haben, und nach und nach ist eine der bedeutendsten
Unterhaltungen hoher und reicher Familien geworden, zu ihrer
Abendergötzung auch weltliche Bilder, sie mögen nun der Geschichte
oder der Dichtkunst angehören, in ihren Palästen aufzuführen.

Darf ich mir eine Bemerkung erlauben, die freilich ein wohlbehandelter
Gast nicht wagen sollte, so muß ich gestehen, daß mir unsere schöne
Unterhaltende doch eigentlich als ein geistloses Wesen vorkommt, die
wohl mit ihrer Gestalt bezahlen, aber durch keinen seelenvollen
Ausdruck der Stimme, der Sprache sich geltend machen kann. Schon ihr
Gesang ist nicht von zusagender Fülle.

Und so mag es sich auch am Ende mit jenen starren Bildern verhalten.
Schöne Personen gibt's überall, tiefempfindende, zugleich mit
günstigen Sprachorganen versehene viel seltener, am allerseltensten
solche, wo zu allem diesen noch eine einnehmende Gestalt hinzutritt.

Auf Herders dritten Teil freu' ich mich seht. Hebet mir ihn auf, bis
ich sagen kann, wo er mir begegnen soll. Er wird gewiß den schönen
Traumwunsch der Menschheit, daß es dereinst besser mit ihr werden
solle, trefflich ausgeführt haben. Auch, muß ich selbst sagen, halt'
ich es für wahr, daß die Humanität endlich siegen wird, nur fürcht'
ich, daß zu gleicher Zeit die Welt ein großes Hospital und einer des
andern humaner Krankenwärter sein werde.

Neapel, den 28. Mai 1787

Der gute und so brauchbare Volkmann nötigt mich, von Zeit zu Zeit von
seiner Meinung abzugehen. Er spricht z. B., daß dreißig--bis
vierzigtausend Müßiggänger in Neapel zu finden wären, und wer
spricht's ihm nicht nach! Ich vermutete zwar sehr bald nach einiger
erlangter Kenntnis des südlichen Zustandes, daß dies wohl eine
nordische Ansicht sein möchte, wo man jeden für einen Müßiggänger hält,
der sich nicht den ganzen Tag ängstlich abmüht. Ich wendete deshalb
vorzügliche Aufmerksamkeit auf das Volk, es mochte sich bewegen oder
in Ruhe verharren, und konnte zwar sehr viel übelgekleidete Menschen
bemerken, aber keine unbeschäftigten.

Ich fragte deswegen einige Freunde nach den unzähligen Müßiggängern,
welche ich doch auch wollte kennen lernen; sie konnten mir aber solche
ebensowenig zeigen, und so ging ich, weil die Untersuchung mit
Betrachtung der Stadt genau zusammenhing, selbst auf die Jagd aus.

Ich fing an, mich in dem ungeheuren Gewirre mit den verschiedenen
Figuren bekannt zu machen, sie nach ihrer Gestalt, Kleidung, Betragen,
Beschäftigung zu beurteilen und zu klassifizieren. Ich fand diese
Operation hier leichter als irgendwo, weil der Mensch sich hier mehr
selbst gelassen ist und sich seinem Stande auch äußerlich gemäß
bezeigt.

Ich fing meine Beobachtung bei früher Tageszeit an, und alle die
Menschen, die ich hie und da stillstehen oder ruhen fand, waren Leute,
deren Beruf es in dem Augenblick mit sich brachte.

Die Lastträger, die an verschiedenen Plätzen ihre privilegierten
Stände haben und nur erwarten, bis sich jemand ihrer bedienen will;
die Kalessaren, ihre Knechte und Jungen, die bei den einspännigen
Kaleschen auf den großen Plätzen stehen, ihre Pferde besorgen und
einem jeden, der sie verlangt, zu Diensten sind; Schiffer, die auf dem
Molo ihre Pfeife rauchen; Fischer, die an der Sonne liegen, weil
vielleicht ein ungünstiger Wind weht, der ihnen auf das Meer
auszufahren verbietet. Ich sah auch wohl noch manche hin und wider
gehen, doch trug meist ein jeder ein Zeichen seiner Tätigkeit mit sich.
Von Bettlern war keiner zu bemerken als ganz alte, völlig unfähige
und krüppelhafte Menschen. Je mehr ich mich umsah, je genauer ich
beobachtete, desto weniger konnt' ich, weder von der geringen noch von
der mittlern Klasse, weder am Morgen noch den größten Teil des Tages,
ja, von keinem Alter und Geschlecht, eigentliche Müßiggänger finden.

Ich gehe in ein näheres Detail, um das, was ich behaupte,
glaubwürdiger und anschaulicher zu machen. Die kleinsten Kinder sind
auf mancherlei Weise beschäftigt. Ein großer Teil derselben trägt
Fische zum Verkauf von Santa Lucia in die Stadt; andere sieht man sehr
oft in der Gegend des Arsenals, oder wo sonst etwas gezimmert wird,
wobei es Späne gibt, auch am Meere, welches Reiser und kleines Holz
auswirft, beschäftigt, sogar die kleinsten Stückchen in Körbchen
aufzulesen. Kinder von einigen Jahren, die nur auf der Erde so
hinkriechen in Gesellschaft älterer Knaben von fünf bis sechs Jahren,
befassen sich mit diesem kleinen Gewerbe. Sie gehen nachher mit den
Körbchen tiefer in die Stadt und setzen sich mit ihren kleinen
Holzportionen gleichsam zu Markte. Der Handwerker, der kleine Bürger
kauft es ihnen ab, brennt es auf seinem Dreifuß zu Kohlen, um sich
daran zu erwärmen, oder verbraucht es in seiner sparsamen Küche.

Andere Kinder tragen das Wasser der Schwefelquellen, welches besonders
im Frühjahr sehr stark getrunken wird, zum Verkauf herum. Andere
suchen einen kleinen Gewinn, indem sie Obst, gesponnenen Honig, Kuchen
und Zuckerware einkaufen und wieder als kindische Handelsleute den
übrigen Kindern anbieten und verkaufen; allenfalls, nur um ihren Teil
daran umsonst zu haben. Es ist wirklich artig anzusehen, wie ein
solcher Junge, dessen ganzer Kram und Gerätschaft in einem Brett und
Messer besteht, eine Wassermelone oder einen halben gebratenen Kürbis
herumträgt, wie sich um ihn eine Schar Kinder versammelt, wie er sein
Brett niedersetzt und die Frucht in kleine Stücke zu zerteilen anfängt.
Die Käufer spannen sehr ernsthaft, ob sie auch für ihr klein
Stückchen Kupfergeld genug erhalten sollen, und der kleine Handelsmann
traktiert gegen die Begierigen die Sache ebenso bedächtig, damit er ja
nicht um ein Stückchen betrogen werde. Ich bin überzeugt, daß man bei
längerem Aufenthalt noch manche Beispiele solches kindischen Erwerbes
sammeln könnte.

Eine sehr große Anzahl von Menschen, teils mittlern Alters, teils
Knaben, welche meistenteils sehr schlecht gekleidet sind, beschäftigen
sich, das Kehricht auf Eseln aus der Stadt zu bringen. Das nächste
Feld um Neapel ist nur ein Küchengarten, und es ist eine Freude, zu
sehen, welche unsägliche Menge von Küchengewächsen alle Markttage
hereingeschafft wird und wie die Industrie der Menschen sogleich die
überflüssigen, von den Köchen verworfenen Teile wieder in die Felder
bringt, um den Zirkel der Vegetation zu beschleunigen. Bei der
unglaublichen Konsumtion von Gemüse machen wirklich die Strünke und
Blätter von Blumenkohl, Broccoli, Artischocken, Kohl, Salat, Knoblauch
einen großen Teil des neapolitanischen Kehrichts aus; diesen wird denn
auch besonders nachgestrebt. Zwei große biegsame Körbe hängen auf dem
Rücken eines Esels und werden nicht allein ganz voll gefüllt, sondern
noch auf jeden mit besonderer Kunst ein Haufen aufgetürmt. Kein
Garten kann ohne einen solchen Esel bestehen. Ein Knecht, ein Knabe,
manchmal der Patron selbst eilen des Tags so oft als möglich nach der
Stadt, die ihnen zu allen Stunden eine reiche Schatzgrube ist. Wie
aufmerksam diese Sammler auf den Mist der Pferde und Maultiere sind,
läßt sich denken. Ungern verlassen sie die Straße, wenn es Nacht wird,
und die Reichen, die nach Mitternacht aus der Oper fahren, denken
wohl nicht, daß schon vor Anbruch des Tages ein emsiger Mensch
sorgfältig die Spuren ihrer Pferde aufsuchen wird. Man hat mir
versichert, daß ein paar solche Leute, die sich zusammentun, sich
einen Esel kaufen und einem größern Besitzer ein Stückchen Krautland
abpachten, durch anhaltenden Fleiß in dem glücklichen Klima, in
welchem die Vegetation niemals unterbrochen wird, es bald so weit
bringen, daß sie ihr Gewerbe ansehnlich erweitern.

Ich würde zu weit aus meinem Wege gehen, wenn ich hier von der
mannigfaltigen Krämerei sprechen wollte, welche man mit Vergnügen in
Neapel wie in jedem andern großen Orte bemerkt; allein ich muß doch
hier von den Herumträgern sprechen, weil sie der letztern Klasse des
Volks besonders angehören. Einige gehen herum mit Fäßchen Eiswasser,
Gläsern und Zitronen, um überall gleich Limonade machen zu können,
einen Trank, den auch der Geringste nicht zu entbehren vermag; andere
mit Kredenztellern, auf welchen Flaschen mit verschiedenen Likören und
Spitzgläsern in hölzernen Ringen vor dem Fallen gesichert stehen;
andere tragen Körbe allerlei Backwerks, Näscherei, Zitronen und
anderes Obst umher, und es scheint, als wolle jeder das große Fest des
Genusses, das in Neapel alle Tage gefeiert wird, mitgenießen und
vermehren.

Wie diese Art Herumträger geschäftig sind, so gibt es noch eine Menge
kleine Krämer, welche gleichfalls herumgehen und ohne viele Umstände
auf einem Brett, in einem Schachteldeckel ihre Kleinigkeiten, oder auf
Plätzen geradezu auf flacher Erde ihren Kram ausbieten. Da ist nicht
von einzelnen Waren die Rede, die man auch in größern Läden fände, es
ist der eigentliche Trödelkram. Kein Stückchen Eisen, Leder, Tuch,
Leinewand, Filz u. s. w., das nicht wieder als Trödelware zu Markte
käme und das nicht wieder von einem oder dem andern gekauft würde.
Noch sind viele Menschen der niedern Klasse bei Handelsleuten und
Handwerkern als Beiläufer und Handlanger beschäftigt.

Es ist wahr, man tut nur wenig Schritte, ohne einem sehr
übelgekleideten, ja sogar einem zerlumpten Menschen zu begegnen, aber
dies ist deswegen noch kein Faulenzer, kein Tagedieb! Ja, ich möchte
fast das Paradoxon aufstellen, daß zu Neapel verhältnismäßig
vielleicht noch die meiste Industrie in der ganz niedern Klasse zu
finden sei. Freilich dürfen wir sie nicht mit einer nordischen
Industrie vergleichen, die nicht allein für Tag und Stunde, sondern am
guten und heitern Tage für den bösen und trüben, im Sommer für den
Winter zu sorgen hat. Dadurch, daß der Nordländer zur Vorsorge, zur
Einrichtung von der Natur gezwungen wird, daß die Hausfrau einsalzen
und räuchern muß, um die Küche das ganze Jahr zu versorgen, daß der
Mann den Holz--und Fruchtvorrat, das Futter für das Vieh nicht aus der
Acht lassen darf u. s. w., dadurch werden die schönsten Tage und
Stunden dem Genuß entzogen und der Arbeit gewidmet. Mehrere Monate
lang entfernt man sich gern aus der freien Luft und verwahrt sich in
Häusern vor Sturm, Regen, Schnee und Kälte; unaufhaltsam folgen die
Jahreszeiten aufeinander, und jeder, der nicht zugrunde gehen will,
muß ein Haushälter werden. Denn es ist hier gar nicht die Frage, ob
er entbehren wolle; er darf nicht entbehren wollen, er kann nicht
entbehren wollen, denn er kann nicht entbehren; die Natur zwingt ihn,
zu schaffen, vorzuarbeiten. Gewiß haben diese Naturwirkungen, welche
sich Jahrtausende gleich bleiben, den Charakter der in so manchem
Betracht ehrwürdigen nordischen Nationen bestimmt. Dagegen beurteilen
wir die südlichen Völker, mit welchen der Himmel so gelinde umgegangen
ist, aus unserm Gesichtspunkte zu streng. Was Herr von Pauw in seinen
"Recherches sur les Grecs" bei Gelegenheit, da er von den zynischen
Philosophen spricht, zu äußern wagt, paßt völlig hierher. Man mache
sich, glaubt er, von dem elenden Zustande solcher Menschen nicht den
richtigsten Begriff; ihr Grundsatz, alles zu entbehren, sei durch ein
Klima sehr begünstigt, das alles gewährt. Ein armer, uns elend
scheinender Mensch könne in den dortigen Gegenden die nötigsten und
nächsten Bedürfnisse nicht allein befriedigen, sondern die Welt aufs
schönste genießen; und ebenso möchte ein sogenannter neapolitanischer
Bettler die Stelle eines Vizekönigs in Norwegen leicht verschmähen und
die Ehre ausschlagen, wenn ihm die Kaiserin von Rußland das
Gouvernement von Sibirien übertragen wollte.

Gewiß würde in unsern Gegenden ein zynischer Philosoph schlecht
ausdauern, dahingegen in südlichen Ländern die Natur gleichsam dazu
einladet. Der zerlumpte Mensch ist dort noch nicht nackt; derjenige,
der weder ein eigenes Haus hat, noch zur Miete wohnt, sondern im
Sommer unter den überdächern, auf den Schwellen der Paläste und
Kirchen, in öffentlichen Hallen die Nacht zubringt und sich bei
schlechtem Wetter irgendwo gegen ein geringes Schlafgeld untersteckt,
ist deswegen noch nicht verstoßen und elend; ein Mensch noch nicht arm,
weil er nicht für den andern Tag gesorgt hat. Wenn man nur bedenkt,
was das fischreiche Meer, von dessen Produkten sich jene Menschen
gesetzmäßig einige Tage der Woche nähren müssen, für eine Masse von
Nahrungsmitteln anbietet; wie allerlei Obst und Gartenfrüchte zu jeder
Jahreszeit in überfluß zu haben sind; wie die Gegend, worin Neapel
liegt, den Namen Terra di Lavoro (nicht das Land der Arbeit, sondern
das Land des Ackerbaues) sich verdienet hat und die ganze Provinz den
Ehrentitel der glücklichen Gegend (Campagna felice) schon Jahrhunderte
trägt, so läßt sich wohl begreifen, wie leicht dort zu leben sein möge.

überhaupt würde jenes Paradoxon, welches ich oben gewagt habe, zu
manchen Betrachtungen Anlaß geben, wenn jemand ein ausführliches
Gemälde von Neapel zu schreiben unternehmen sollte; wozu denn freilich
kein geringes Talent und manches Jahr Beobachtung erforderlich sein
möchte. Man würde alsdann im ganzen vielleicht bemerken, daß der
sogenannte Lazarone nicht um ein Haar untätiger ist als alle übrigen
Klassen, zugleich aber auch wahrnehmen, daß alle in ihrer Art nicht
arbeiten, um bloß zu leben, sondern um zu genießen, und daß sie sogar
bei der Arbeit des Lebens froh werden wollen. Es erklärt sich
hiedurch gar manches: daß die Handwerker beinahe durchaus gegen die
nordischen Länder sehr zurück sind; daß Fabriken nicht zustande kommen;
daß außer Sachwaltern und ärzten in Verhältnis zu der großen Masse
von Menschen wenig Gelehrsamkeit angetroffen wird, so verdiente Männer
sich auch im einzelnen bemühen mögen; daß kein Maler der
neapolitanischen Schule jemals gründlich gewesen und groß geworden ist;
daß sich die Geistlichen im Müßiggange am wohlsten sein lassen und
auch die Großen ihre Güter meist nur in sinnlichen Freuden, Pracht und
Zerstreuung genießen mögen.

Ich weiß wohl, daß dies viel zu allgemein gesagt ist und daß die
Charakterzüge jeder Klasse nur erst nach einer genauern Bekanntschaft
und Beobachtung rein gezogen werden können, allein im ganzen würde man
doch, glaube ich, auf diese Resultate treffen.

Ich kehre wieder zu dem geringen Volke in Neapel zurück. Man bemerkt
bei ihnen, wie bei frohen Kindern, denen man etwas aufträgt, daß sie
zwar ihr Geschäft verrichten, aber auch zugleich einen Scherz aus dem
Geschäft machen. Durchgängig ist diese Klasse von Menschen eines sehr
lebhaften Geistes und zeigt einen freien, richtigen Blick. Ihre
Sprache soll figürlich, ihr Witz sehr lebhaft und beißend sein. Das
alte Atella lag in der Gegend von Neapel, und wie ihr geliebter
Pulcinell noch jene Spiele fortsetzt, so nimmt die ganz gemeine Klasse
von Menschen noch jetzt Anteil an dieser Laune.

Plinius im fünften Kapitel des dritten Buchs seiner "Naturgeschichte"
hält Kampanien allein einer weitläufigen Beschreibung wert. "So
glücklich, anmutig, selig sind jene Gegenden", sagt er, "daß man
erkennt, an diesem Ort habe die Natur sich ihres Werks erfreut. Denn
diese Lebensluft, diese immer heilsame Milde des Himmels, so
fruchtbare Felder, so sonnige Hügel, so unschädliche Waldungen, so
schattige Haine, so nutzbare Wälder, so luftige Berge, so
ausgebreitete Saaten, solch eine Fülle von Reben und ölbäumen, so edle
Wolle der Schafe, so fette Nacken der Stiere, so viel Seen, so ein
Reichtum von durchwässernden Flüssen und Quellen, so viele Meere, so
viele Hafen! Die Erde selbst, die ihren Schoß überall dem Handel
eröffnet und, gleichsam dem Menschen nachzuhelfen begierig, ihre Arme
in das Meer hinausstreckt.

Ich erwähne nicht die Fähigkeiten der Menschen, ihre Gebräuche, ihre
Kräfte und wie viele Völker sie durch Sprache und Hand überwunden
haben.

Von diesem Lande fällten die Griechen, ein Volk, das sich selbst
unmäßig zu rühmen pflegte, das ehrenvollste Urteil, indem sie einen
Teil davon Großgriechenland nannten."

Neapel, den 29. Mai 1787

Eine ausgezeichnete Fröhlichkeit erblickt man überall mit dem größten
teilnehmenden Vergnügen. Die vielfarbigen bunten Blumen und Früchte,
mit welchen die Natur sich ziert, scheinen den Menschen einzuladen,
sich und alle seine Gerätschaften mit so hohen Farben als möglich
auszuputzen. Seidene Tücher und Binden, Blumen auf den Hüten
schmücken einen jeden, der es einigermaßen vermag. Stühle und
Kommoden in den geringsten Häusern sind auf vergoldetem Grund mit
bunten Blumen geziert; sogar die einspännigen Kaleschen hochrot
angestrichen, das Schnitzwerk vergoldet, die Pferde davor mit
gemachten Blumen, hochroten Quasten und Rauschgold ausgeputzt. Manche
haben Federbüsche, andere sogar kleine Fähnchen auf den Köpfen, die
sich im Laufe nach jeder Bewegung drehen. Wir pflegen gewöhnlich die
Liebhaberei zu bunten Farben barbarisch und geschmacklos zu nennen,
sie kann es auch auf gewisse Weise sein und werden, allein unter einem
recht heitern und blauen Himmel ist eigentlich nichts bunt, denn
nichts vermag den Glanz der Sonne und ihren Widerschein im Meer zu
überstrahlen. Die lebhafteste Farbe wird durch das gewaltige Licht
gedämpft, und weil alle Farben, jedes Grün der Bäume und Pflanzen, das
gelbe, braune, rote Erdreich in völliger Kraft auf das Auge wirken, so
treten dadurch selbst die farbigen Blumen und Kleider in die
allgemeine Harmonie. Die scharlachnen Westen und Röcke der Weiber von
Nettuno, mit breitem Gold und Silber besetzt, die andern farbigen
Nationaltrachten, die gemalten Schiffe, alles scheint sich zu beeifern,
unter dem Glanze des Himmels und des Meeres einigermaßen sichtbar zu
werden.

Und wie sie leben, so begraben sie auch ihre Toten; da stört kein
schwarzer, langsamer Zug die Harmonie der lustigen Welt.

Ich sah ein Kind zu Grabe tragen. Ein rotsammetner, großer, mit Gold
breit gestickter Teppich überdeckte eine breite Bahre, darauf stand
ein geschnitztes, stark vergoldetes und versilbertes Kästchen, worin
das weißgekleidete Tote mit rosenfarbnen Bändern ganz überdeckt lag.
Auf den vier Ecken des Kästchens waren vier Engel, ungefähr jeder zwei
Fuß hoch, angebracht, welche große Blumenbüschel über das ruhende Kind
hielten, und, weil sie unten nur an Drähten befestigt waren, sowie die
Bahre sich bewegte, wackelten und mild belebende Blumengerüche
auszustreuen schienen. Die Engel schwankten um desto heftiger, als
der Zug sehr über die Straßen wegeilte und die vorangehenden Priester
und die Kerzenträger mehr liefen als gingen.

Es ist keine Jahreszeit, wo man sich nicht überall von Eßwaren umgeben
sähe, und der Neapolitaner freut sich nicht allein des Essens, sondern
er will auch, daß die Ware zum Verkauf schön aufgeputzt sei.

Bei Santa Lucia sind die Fische nach ihren Gattungen meist in
reinlichen und artigen Körben, Krebse, Austern, Scheiden, kleine
Muscheln, jedes besonders aufgetischt und mit grünen Blättern
unterlegt. Die Läden von getrocknetem Obst und Hülsenfrüchten sind
auf das mannigfaltigste herausgeputzt. Die ausgebreiteten Pomeranzen
und Zitronen von allen Sorten, mit dazwischen hervorstechendem grünem
Laub, dem Auge sehr erfreulich. Aber nirgends putzen sie mehr als bei
den Fleischwaren, nach welchen das Auge des Volks besonders lüstern
gerichtet ist, weil der Appetit durch periodisches Entbehren nur mehr
gereizt wird.

In den Fleischbänken hängen die Teile der Ochsen, Kälber, Schöpse
niemals aus, ohne daß neben dem Fett zugleich die Seite oder die Keule
stark vergoldet sei. Es sind verschiedne Tage im Jahr, besonders die
Weihnachtsfeiertage, als Schmausfeste berühmt; alsdann feiert man eine
allgemeine Cocagna, wozu sich fünfhunderttausend Menschen das Wort
gegeben haben. Dann ist aber auch die Straße Toledo und neben ihr
mehrere Straßen und Plätze auf das appetitlichste verziert. Die
Butiken, wo grüne Sachen verkauft werden, wo Rosinen, Melonen und
Feigen aufgesetzt sind, erfreuen das Auge auf das allerangenehmste.
Die Eßwaren hängen in Girlanden über die Straßen hinüber; große
Paternoster von vergoldeten, mit roten Bändern geschnürten Würsten;
welsche Hähne, welche alle eine rote Fahne unter dem Bürzel stecken
haben. Man versicherte, daß deren dreißigtausend verkauft worden,
ohne die zu rechnen, welche die Leute im Hause gemästet hatten. Außer
diesem werden noch eine Menge Esel, mit grüner Ware, Kapaunen und
jungen Lämmern beladen, durch die Stadt und über den Markt getrieben,
und die Haufen Eier, welche man hier und da sieht, sind so groß, daß
man sich ihrer niemals so viel beisammen gedacht hat. Und nicht genug,
daß alles dieses verzehret wird: alle Jahre reitet ein Polizeidiener
mit einem Trompeter durch die Stadt und verkündet auf allen Plätzen
und Kreuzwegen, wieviel tausend Ochsen, Kälber, Lämmer, Schweine u. s.
w. der Neapolitaner verzehrt habe. Das Volk höret aufmerksam zu,
freut sich unmäßig über die großen Zahlen, und jeder erinnert sich des
Anteils an diesem Genusse mit Vergnügen.

Was die Mehl--und Milchspeisen betrifft, welche unsere Köchinnen so
mannigfaltig zu bereiten wissen, ist für jenes Volk, das sich in
dergleichen Dingen gerne kurz faßt und keine wohleingerichtete Küche
hat, doppelt gesorgt. Die Makkaroni, ein zarter, stark
durchgearbeiteter, gekochter, in gewisse Gestalten gepreßter Teig von
feinem Mehle, sind von allen Sorten überall um ein geringes zu haben.
Sie werden meistens nur in Wasser abgekocht, und der geriebene Käse
schmälzt und würzt zugleich die Schüssel. Fast an der Ecke jeder
großen Straße sind die Backwerkverfertiger mit ihren Pfannen voll
siedenden öls, besonders an Fasttagen, beschäftigt, Fische und
Backwerk einem jeden nach seinem Verlangen sogleich zu bereiten.
Diese Leute haben einen unglaublichen Abgang, und viele tausend
Menschen tragen ihr Mittag--und Abendessen von da auf einem Stückchen
Papier davon.

Neapel, den 30. Mai 1787.

Nachts durch die Stadt spazierend, gelangt' ich zum Molo. Dort sah
ich mit einem Blick den Mond, den Schein desselben auf den
Wolkensäumen, den sanft bewegten Abglanz im Meere, heller und
lebhafter auf dem Saum der nächsten Welle. Und nun die Sterne des
Himmels, die Lampen des Leuchtturms, das Feuer des Vesuvs, den
Widerschein davon im Wasser und viele einzelne Lichter ausgesät über
die Schiffe. Eine so mannigfaltige Aufgabe hätt' ich wohl von Van der
Neer gelöst sehen mögen.

Neapel, Donnerstag, den 31. Mai 1787.

Ich hatte das römische Fronleichnamfest und dabei besonders die nach
Raffael gewirkten Teppiche so fest in den Sinn gefaßt, daß ich mich
alle diese herrlichen Naturerscheinungen, ob sie schon in der Welt
ihresgleichen nicht haben können, keineswegs irren ließ, sondern die
Anstalten zur Reise hartnäckig fortsetzte. Ein Paß war bestellt, ein
Vetturin hatte mir den Mietpfennig gegeben; denn es geschieht dort zur
Sicherheit der Reisenden umgekehrt als bei, uns. Kniep war
beschäftigt, sein neues Quartier zu beziehen, an Raum und Lage viel
besser als das vorige.

Schon früher, als diese Veränderung im Werke war, hatte mir der Freund
einigemal zu bedenken gegeben, es sei doch unangenehm und
gewissermaßen unanständig, wenn man in ein Haus ziehe und gar nichts
mitbringe; selbst ein Bettgestell flöße den Wirtsleuten schon einigen
Respekt ein. Als wir nun heute durch den unendlichen Trödel der
Kastellweitung hindurchgingen, sah ich so ein paar eiserne Gestelle,
bronzeartig angestrichen, welche ich sogleich feilschte und meinem
Freund als künftigen Grund zu einer ruhigen und soliden Schlafstätte
verehrte. Einer der allezeit fertigen Träger brachte sie nebst den
erforderlichen Brettern in das neue Quartier, welche Anstalt Kniepen
so sehr freute, daß er sogleich von mir weg und hier einzuziehen
gedachte, große Reißbretter, Papier und alles Nötige schnell
anzuschaffen besorgt war. Einen Teil der Konturen, in beiden Sizilien
gezogen, übergab ich ihm nach unserer Verabredung.

Neapel, den 1. Juni 1787.

Die Ankunft des Marquis Lucchesini hat meine Abreise auf einige Tage
weiter geschoben; ich habe viel Freude gehabt, ihn kennen zu lernen.
Er scheint mir einer von denen Menschen zu sein, die einen guten
moralischen Magen haben, um an dem großen Welttische immer mitgenießen
zu können; anstatt daß unsereiner wie ein wiederkäuendes Tier sich
zuzeiten überfüllt und dann nichts weiter zu sich nehmen kann, bis er
eine wiederholte Kauung und Verdauung geendigt hat. Sie gefällt mir
auch recht wohl, sie ist ein wackres deutsches Wesen.

Ich gehe nun gern aus Neapel, ja, ich muß fort. Diese letzten Tage
überließ ich mich der Gefälligkeit, Menschen zu sehen; ich habe meist
interessante Personen kennen lernen und bin mit den Stunden, die ich
ihnen gewidmet, sehr zufrieden, aber noch vierzehn Tage, so hätte es
mich weiter und weiter und abwärts von meinem Zwecke geführt. Und
dann wird man hier immer untätiger. Seit meiner Rückkunft von Pästum
habe ich außer den Schätzen von Portici wenig gesehen, und es bleibt
mir manches zurück, um dessentwillen ich nicht den Fuß aufheben mag.
Aber jenes Museum ist auch das A und W aller Antiquitätensammlungen;
da sieht man recht, was die alte Welt an freudigem Kunstsinn voraus
war, wenn sie gleich in strenger Handwerksfertigkeit weit hinter uns
zurückblieb.

Zum 1. Juni 1787.

Der Lohnbediente, welcher mir den ausgefertigten Paß zustellte,
erzählte zugleich, meine Abreise bedauernd, daß eine starke Lava, aus
dem Vesuv hervorgebrochen, ihren Weg nach dem Meere zu nehme; an
steileren Abhängen des Berges sei sie beinahe schon herab und könne
wohl in einigen Tagen das Ufer erreichen. Nun befand ich mich in der
größten Klemme. Der heutige Tag ging auf Abschiedsbesuche hin, die
ich so vielen wohlwollenden und befördernden Personen schuldig war;
wie es mir morgen ergehen wird, sehe ich schon. Einmal kann man sich
auf seinem Wege den Menschen doch nicht völlig entziehen, was sie uns
aber auch nutzen und zu genießen geben, sie reißen uns doch zuletzt
von unsern ernstlichen Zwecken zur Seite hin, ohne daß wir die ihrigen
fördern. Ich bin äußerst verdrießlich.

Abends.

Auch meine Dankbesuche waren nicht ohne Freude und Belehrung, man
zeigte mir noch manches freundlich vor, was man bisher verschoben oder
versäumt. Cavaliere Venuti ließ mich sogar noch verborgene Schätze
sehen. Ich betrachtete abermals mit großer Verehrung seinen, obgleich
verstümmelten, doch unschätzbaren Ulysses. Er führte mich zum
Abschied in die Porzellanfabrik, wo ich mir den Herkules möglichst
einprägte und mir an den kampanischen Gefäßen die Augen noch einmal
recht voll sah.

Wahrhaft gerührt und freundschaftlich Abschied nehmend, vertraute er
mir dann noch zuletzt, wo ihn eigentlich der Schuh drücke, und
wünschte nichts mehr, als daß ich noch eine Zeitlang mit ihm verweilen
könnte. Mein Bankier, bei dem ich gegen Tischzeit eintraf, ließ mich
nicht los; das wäre nun alles schön und gut gewesen, hätte nicht die
Lava meine Einbildungskraft an sich gezogen. Unter mancherlei
Beschäftigungen, Zahlungen und Einpacken kam die Nacht heran, ich aber
eilte schnell nach dem Molo.

Hier sah ich nun alle die Feuer und Lichter und ihre Widerscheine, nur
bei bewegtem Meer noch schwankender; den Vollmond in seiner ganzen
Herrlichkeit neben dem Sprühfeuer des Vulkans, und nun die Lava, die
neulich fehlte, auf ihrem glühenden ernsten Wege. Ich hätte noch
hinausfahren sollen, aber die Anstalten waren zu weitschichtig, ich
wäre erst am Morgen dort angekommen. Den Anblick, wie ich ihn genoß,
wollte ich mir durch Ungeduld nicht verderben, ich blieb auf dem Molo
sitzen, bis mir ungeachtet des Zu--und Abströmens der Menge, ihres
Deutens, Erzählens, Vergleichens, Streitens, wohin die Lava strömen
werde, und was dergleichen Unfug noch mehr sein mochte, die Augen
zufallen wollten.

Neapel, Sonnabend, den 2. Juni 1787.

Und so hätte ich auch diesen schönen Tag zwar mit vorzüglichen
Personen vergnüglich und nützlich, aber doch ganz gegen meine
Absichten und mit schwerem Herzen zugebracht. Sehnsuchtsvoll blickte
ich nach dem Dampfe, der, den Berg herab langsam nach dem Meer ziehend,
den Weg bezeichnete, welchen die Lava stündlich nahm. Auch der Abend
sollte nicht frei sein. Ich hatte versprochen, die Herzogin von
Giovane zu besuchen, die auf dem Schlosse wohnte, wo man mich denn
viele Stufen hinauf durch manche Gänge wandern ließ, deren oberste
verengt waren durch Kisten, Schränke und alles Mißfällige eines
Hofgarderobewesens. Ich fand in einem großen und hohen Zimmer, das
keine sonderliche Aussicht hatte, eine wohlgestaltete junge Dame von
sehr zarter und sittlicher Unterhaltung. Als einer gebornen Deutschen
war ihr nicht unbekannt, wie sich unsere Literatur zu einer freieren,
weit umherblickenden Humanität gebildet; Herders Bemühungen und was
ihnen ähnelte, schätzte sie vorzüglich, auch Garvens reiner Verstand
hatte ihr aufs innigste zugesagt. Mit den deutschen
Schriftstellerinnen suchte sie gleichen Schritt zu halten, und es ließ
sich wohl bemerken, daß es ihr Wunsch sei, eine geübte und belobte
Feder zu führen. Dahin bezogen sich ihre Gespräche und verrieten
zugleich die Absicht, auf die Töchter des höchsten Standes zu wirken;
ein solches Gespräch kennt keine Grenzen. Die Dämmerung war schon
eingebrochen, und man hatte noch keine Kerzen gebracht. Wir gingen im
Zimmer auf und ab, und sie, einer durch Läden verschlossenen
Fensterseite sich nähernd, stieß einen Laden auf, und ich erblickte,
was man in seinem Leben nur einmal sieht. Tat sie es absichtlich,
mich zu überraschen, so erreichte sie ihren Zweck vollkommen. Wir
standen an einem Fenster des oberen Geschosses, der Vesuv gerade vor
uns; die herabfließende Lava, deren Flamme bei längst niedergegangener
Sonne schon deutlich glühte und ihren begleitenden Rauch schon zu
vergolden anfing; der Berg gewaltsam tobend, über ihm eine ungeheure
feststehende Dampfwolke, ihre verschiedenen Massen bei jedem Auswurf
blitzartig gesondert und körperhaft erleuchtet. Von da herab bis
gegen das Meer ein Streif von Gluten und glühenden Dünsten; übrigens
Meer und Erde, Fels und Wachstum deutlich in der Abenddämmerung, klar,
friedlich, in einer zauberhaften Ruhe. Dies alles mit einem Blick zu
übersehen und den hinter dem Bergrücken hervortretenden Vollmond als
die Erfüllung des wunderbarsten Bildes zu schauen, mußte wohl
Erstaunen erregen.

Dies alles konnte von diesem Standpunkt das Auge mit einmal fassen,
und wenn es auch die einzelnen Gegenstände zu mustern nicht imstande
war, so verlor es doch niemals den Eindruck des großen Ganzen. War
unser Gespräch durch dieses Schauspiel unterbrochen, so nahm es eine
desto gemütlichere Wendung. Wir hatten nun einen Text vor uns,
welchen Jahrtausende zu kommentieren nicht hinreichen. Je mehr die
Nacht wuchs, desto mehr schien die Gegend an Klarheit zu gewinnen; der
Mond leuchtete wie eine zweite Sonne; die Säulen des Rauchs, dessen
Streifen und Massen durchleuchtet bis ins einzelne deutlich, ja, man
glaubte mit halbweg bewaffnetem Auge die glühend ausgeworfenen
Felsklumpen auf der Nacht des Kegelberges zu unterscheiden. Meine
Wirtin, so will ich sie nennen, weil mir nicht leicht ein köstlichers
Abendmahl zubereitet war, ließ die Kerzen an die Gegenseite des
Zimmers stellen, und die schöne Frau, vom Monde beleuchtet, als
Vordergrund dieses unglaublichen Bildes, schien mir immer schöner zu
werden, ja ihre Lieblichkeit vermehrte sich besonders dadurch, daß ich
in diesem südlichen Paradiese eine sehr angenehme deutsche Mundart
vernahm. Ich vergaß, wie spät es war, so daß sie mich zuletzt
aufmerksam machte, sie müsse mich, wiewohl ungerne, entlassen, die
Stunde nahe schon, wo ihre Galerien klostermäßig verschlossen würden.
Und so schied ich zaudernd von der Ferne und von der Nähe, mein
Geschick segnend, das mich für die widerwillige Artigkeit des Tages
noch schön am Abend belohnt hatte. Unter den freien Himmel gelangt,
sagte ich mir vor, daß ich in der Nähe dieser größern Lava doch nur
die Wiederholung jener kleinern würde gesehen haben, und daß mir ein
solcher überblick, ein solcher Abschied aus Neapel nicht anders als
auf diese Weise hätte werden können. Anstatt nach Hause zu gehen,
richtete ich meine Schritte nach dem Molo, um das große Schauspiel mit
einem andern Vordergrund zu sehen; aber ich weiß nicht, ob die
Ermüdung nach einem so reichen Tage oder ein Gefühl, daß man das
letzte, schöne Bild nicht verwischen müsse, mich wieder nach Moriconi
zurückzog, wo ich denn auch Kniepen fand, der aus seinem neu bezognen
Quartier mir einen Abendbesuch abstattete. Bei einer Flasche Wein
besprachen wir unsere künftigen Verhältnisse; ich konnte ihm zusagen,
daß er, sobald ich etwas von seinen Arbeiten in Deutschland vorzeigen
könne, gewiß dem trefflichen Herzog Ernst von Gotha empfohlen sein und
von dort Bestellungen erhalten würde. Und so schieden wir mit
herzlicher Freude, mit sicherer Aussicht künftiger wechselseitig
wirkender Tätigkeit.

Neapel, Sonntag, den 3. Juni 1787. Dreieinigkeitsfest.

Und so fuhr ich denn durch das unendliche Leben dieser
unvergleichlichen Stadt, die ich wahrscheinlich nicht wiedersehen
sollte, halb betäubt hinaus; vergnügt jedoch, daß weder Reue noch
Schmerz hinter mir blieb. Ich dachte an den guten Kniep und gelobte
ihm auch in der Ferne meine beste Vorsorge.

An den äußersten Polizeischranken der Vorstadt störte mich einen
Augenblick ein Marqueur, der mir freundlich ins Gesicht sah, aber
schnell wieder hinwegsprang. Die Zollmänner waren noch nicht mit dem
Vetturin fertig geworden, als aus der Kaffeebudentüre, die größte
chinesische Tasse voll schwarzen Kaffee auf einem Präsentierteller
tragend, Kniep heraustrat. Er nahte sich dem Wagenschlag langsam mit
einem Ernst, der, von Herzen gehend, ihn sehr gut kleidete. Ich war
erstaunt und gerührt, eine solche erkenntliche Aufmerksamkeit hat
nicht ihresgleichen. "Sie haben", sagte er, "mir so viel Liebes und
Gutes, auf mein ganzes Leben Wirksames erzeigt, daß ich Ihnen hier ein
Gleichnis anbieten möchte, was ich Ihnen verdanke."

Da ich in solchen Gelegenheiten ohnehin keine Sprache habe, so brachte
ich nur sehr lakonisch vor, daß er durch seine Tätigkeit mich schon
zum Schuldner gemacht und durch Benutzung und Bearbeitung unserer
gemeinsamen Schätze mich noch immer mehr verbinden werde.

Wir schieden, wie Personen selten voneinander scheiden, die sich
zufällig auf kurze Zeit verbunden. Vielleicht hätte man viel mehr
Dank und Vorteil vom Leben, wenn man sich wechselsweise gerade heraus
spräche, was man voneinander erwartet. Ist das geleistet, so sind
beide Teile zufrieden, und das Gemütliche, was das Erste und Letzte
von allem ist, erscheint als reine Zugabe.

Unterwegs, am 4., 5. und 6. Juni.

Da ich diesmal allein reise, habe ich Zeit genug, die Eindrücke der
vergangenen Monate wieder hervorzurufen; es geschieht mit vielem
Behagen. Und doch tritt gar oft das Lückenhafte der Bemerkungen
hervor, und wenn die Reise dem, der sie vollbracht hat, in einem
Flusse vorüberzuziehen scheint und in der Einbildungskraft als eine
stetige Folge hervortritt, so fühlt man doch, daß eine eigentliche
Mitteilung unmöglich sei. Der Erzählende muß alles einzeln hinstellen:
wie soll daraus in der Seele des Dritten ein Ganzes gebildet werden?

Deshalb konnte mir nichts Tröstlicheres und Erfreulicheres begegnen
als die Versicherungen eurer letzten Briefe, daß ihr euch fleißig mit
Italien und Sizilien beschäftigt, Reisebeschreibungen leset und
Kupferwerke betrachtet; das Zeugnis, daß dadurch meine Briefe gewinnen,
ist mein höchster Trost. Hättet ihr es früher getan oder
ausgesprochen, ich wäre noch eifriger gewesen, als ich war. Daß
treffliche Männer wie Bartels, Münter, Architekten verschiedener
Nationen vor mir hergingen, die gewiß äußere Zwecke sorgfältiger
verfolgten als ich, der ich nur die innerlichsten im Auge hatte, hat
mich oft beruhigt, wenn ich alle meine Bemühungen für unzulänglich
halten mußte.

Überhaupt, wenn jeder Mensch nur als ein Supplement aller übrigen zu
betrachten ist und am nützlichsten und liebenswürdigsten erscheint,
wenn er sich als einen solchen gibt, so muß dieses vorzüglich von
Reiseberichten und Reisenden gültig sein. Persönlichkeit, Zwecke,
Zeitverhältnisse, Gunst und Ungunst der Zufälligkeiten, alles zeigt
sich bei einem jeden anders. Kenn' ich seine Vorgänger, so werd' ich
auch an ihm mich freuen, mich mit ihm behelfen, seinen Nachfolger
erwarten und diesem, wäre mir sogar inzwischen das Glück geworden, die
Gegend selbst zu besuchen, gleichfalls freundlich begegnen.

Book of the day: