Full Text Archive logoFull Text Archive — Books, poems, drama…

Italienische Reise-Teil 1 by Johann Wolfgang Goethe

Part 5 out of 7

Adobe PDF icon
Download this document as a .pdf
File size: 0.4 MB
What's this? light bulb idea Many people prefer to read off-line or to print out text and read from the real printed page. Others want to carry documents around with them on their mobile phones and read while they are on the move. We have created .pdf files of all out documents to accommodate all these groups of people. We recommend that you download .pdfs onto your mobile phone when it is connected to a WiFi connection for reading off-line.

Das Land ward immer flacher und wüster, wenige Gebäude deuteten auf
kärgliche Landwirtschaft. Endlich, ungewiß, ob wir durch Felsen oder
Trümmer führen, konnten wir einige große länglich-viereckige Massen,
die wir in der Ferne schon bemerkt hatten, als überbliebene Tempel und
Denkmale einer ehemals so prächtigen Stadt unterscheiden. Kniep,
welcher schon unterwegs die zwei malerischen Kalkgebirge umrissen,
suchte sich schnell einen Standpunkt, von wo aus das Eigentümliche
dieser völlig unmalerischen Gegend aufgefaßt und dargestellt werden
könnte.

Von einem Landmanne ließ ich mich indessen in den Gebäuden herumführen;
der erste Eindruck konnte nur Erstaunen erregen. Ich befand mich in
einer völlig fremden Welt. Denn wie die Jahrhunderte sich aus dem
Ernsten in das Gefällige bilden, so bilden sie den Menschen mit, ja
sie erzeugen ihn so. Nun sind unsere Augen und durch sie unser ganzes
inneres Wesen an schlankere Baukunst hinangetrieben und entschieden
bestimmt, so daß uns diese stumpfen, kegelförmigen, enggedrängten
Säulenmassen lästig, ja furchtbar erscheinen. Doch nahm ich mich bald
zusammen, erinnerte mich der Kunstgeschichte, gedachte der Zeit, deren
Geist solche Bauart gemäß fand, vergegenwärtigte mir den strengen Stil
der Plastik, und in weniger als einer Stunde fühlte ich mich
befreundet, ja ich pries den Genius, daß er mich diese so wohl
erhaltenen Reste mit Augen sehen ließ, da sich von ihnen durch
Abbildung kein Begriff geben läßt. Denn im architektonischen Aufriß
erscheinen sie eleganter, in perspektivischer Darstellung plumper, als
sie sind, nur wenn man sich um sie her, durch sie durch bewegt, teilt
man ihnen das eigentliche Leben mit; man fühlt es wieder aus ihnen
heraus, welches der Baumeister beabsichtigte, ja hineinschuf. Und so
verbrachte ich den ganzen Tag, indessen Kniep nicht säumte, uns die
genausten Umrisse zuzueignen. Wie froh war ich, von dieser Seite ganz
unbesorgt zu sein und für die Erinnerung so sichere Merkzeichen zu
gewinnen. Leider war keine Gelegenheit, hier zu übernachten, wir
kehrten nach Salern zurück, und den andern Morgen ging es zeitig nach
Neapel. Der Vesuv, von der Rückseite gesehn, in der fruchtbarsten
Gegend; Pappeln pyramidalkolossal an der Chaussee im Vordergrunde.
Dies war auch ein angenehmes Bild, das wir durch ein kurzes
Stillhalten erwarben.

Nun erreichten wir eine Höhe; der größte Anblick tat sich vor uns auf.
Neapel in seiner Herrlichkeit, die meilenlange Reihe von Häusern am
flachen Ufer des Golfs hin, die Vorgebirge, Erdzungen, Felswände, dann
die Inseln und dahinter das Meer war ein entzückender Anblick.

Ein gräßlicher Gesang, vielmehr Lustgeschrei und Freudegeheul des
hintenaufstehenden Knaben erschreckte und störte mich. Heftig fuhr
ich ihn an, er hatte noch kein böses Wort von uns gehört, er war der
gutmütigste Junge.

Eine Weile rührte er sich nicht, dann klopfte er mir sachte auf die
Schulter, streckte seinen rechten Arm mit aufgehobenem Zeigefinger
zwischen uns durch und sagte: "Signor, perdonate! questa è la mia
patria!"--Das heißt verdolmetscht: "Herr, verzeiht! Ist das doch mein
Vaterland!"--Und so war ich zum zweiten Male überrascht. Mir armem
Nordländer kam etwas Tränenartiges in die Augen!

Neapel, den 25. März 1787. Verkündigung Mariä.

Ob ich gleich empfand, daß Kniep sehr gern mit mir nach Sizilien gehe,
so konnte ich doch bemerken, daß er ungern etwas zurückließ. Bei
seiner Aufrichtigkeit blieb mir nicht lange verborgen, daß ihm ein
Liebchen eng und treu verbunden sei. Wie sie zusammen bekannt
geworden, war artig genug zu hören; wie sich das Mädchen bisher
betragen, konnte für sie einnehmen; nun sollte ich sie aber auch sehen,
wie hübsch sie sei. Hiezu war Anstalt getroffen, und zwar so, daß
ich zugleich eine der schönsten Aussichten über Neapel genießen könnte.
Er führte mich auf das flache Dach eines Hauses, von wo man
besonders den untern Teil der Stadt nach dem Molo zu, den Golf, die
Küste von Sorrent vollkommen übersehen konnte; alles weiter rechts
Liegende verschob sich auf die sonderbarste Weise, wie man es, ohne
auf diesem Punkte zu stehen, nicht leicht sehen wird. Neapel ist
überall schön und herrlich.

Als wir nun die Gegend bewunderten, stieg, obgleich erwartet, doch
unversehens ein gar artiges Köpfchen aus dem Boden hervor. Denn zu
einem solchen Söller macht nur eine länglich viereckige öffnung im
Estrich, welche mit einer Falltüre zugedeckt werden kann, den Eingang.
Und da nun das Engelchen völlig hervortrat, fiel mir ein, daß ältere
Künstler die Verkündigung Mariä also vorstellen, daß der Engel eine
Treppe heraufkömmt. Dieser Engel aber war nun wirklich von gar
schöner Gestalt, hübschem Gesichtchen und einem guten, natürlichen
Betragen. Es freute mich, unter dem herrlichen Himmel und im
Angesicht der schönsten Gegend von der Welt meinen neuen Freund so
glücklich zu sehen. Er gestand mir, als sie sich wieder entfernt
hatte, daß er eben deshalb eine freiwillige Armut bisher getragen,
weil er dabei sich zugleich ihrer Liebe erfreut und ihre Genügsamkeit
schätzen lernen, nun sollten ihm auch seine bessern Aussichten und ein
reichlicher Zustand vorzüglich deshalb wünschenswert sein, damit er
auch ihr bessere Tage bereiten könne.

Neapel, zum 25. März.

Nach diesem angenehmen Abenteuer spazierte ich am Meere hin und war
still und vergnüglich. Da kam mir eine gute Erleuchtung über
botanische Gegenstände. Herdern bitte ich zu sagen, daß ich mit der
Urpflanze bald zustande bin, nur fürchte ich, daß niemand die übrige
Pflanzenwelt darin wird erkennen wollen. Meine famose Lehre von den
Kotyledonen ist so sublimiert, daß man schwerlich wird weiter gehen
können.

Neapel, den 26. März 1787.

Morgen geht dieser Brief von hier zu euch. Donnerstag den 29. geh'
ich mit der Korvette, die ich, des Seewesens unkundig, in meinem
vorigen Briefe zum Rang einer Fregatte erhob, endlich nach Palermo.
Der Zweifel, ob ich reisen oder bleiben sollte, machte einen Teil
meines hiesigen Aufenthaltes unruhig; nun, da ich entschlossen bin,
geht es besser. Für meine Sinnesart ist diese Reise heilsam, ja
notwendig. Sizilien deutet mir nach Asien und Afrika, und auf dem
wundersamen Punkte, wohin so viele Radien der Weltgeschichte gerichtet
sind, selbst zu stehen, ist keine Kleinigkeit.

Neapel habe ich nach seiner eignen Art behandelt; ich war nichts
weniger als fleißig, doch hab' ich viel gesehen und mir einen
allgemeinen Begriff von dem Lande, seinen Einwohnern und Zuständen
gebildet. Bei der Wiederkehr soll manches nachgeholt werden; freilich
nur manches, denn vor dem 29. Juni muß ich wieder in Rom sein. Hab'
ich die heilige Woche versäumt, so will ich dort wenigstens den St.
-Peters-Tag feiern. Meine sizilianische Reise darf mich nicht
allzuweit von meiner ersten Absicht weglenken.

Vorgestern hatten wir ein gewaltiges Wetter mit Donner, Blitz und
Regengüssen; jetzt hat sich's wieder ausgehellt, eine herrliche
Tramontane weht herüber; bleibt sie beständig, so haben wir die
schnellste Fahrt.

Gestern war ich mit meinem Gefährten, unser Schiff zu besehen und das
Kämmerchen zu besuchen, das uns aufnehmen soll. Eine Seereise fehlte
mir ganz in meinen Begriffen; diese kleine überfahrt, vielleicht eine
Küstenumschiffung wird meiner Einbildungskraft nachhelfen und mir die
Welt erweitern. Der Kapitän ist ein junger, munterer Mann, das Schiff
gar zierlich und nett, in Amerika gebaut, ein guter Segler.

Hier fängt nun alles an, grün zu werden, in Sizilien find' ich es noch
weiter. Wenn ihr diesen Brief erhaltet, bin ich auf der Rückreise und
habe Trinakrien hinter mir. So ist der Mensch: immer springt er in
Gedanken vor--und rückwärts; ich war noch nicht dort und bin schon
wieder bei euch. Doch an der Verworrenheit dieses Briefes bin ich
nicht schuld; jeden Augenblick werd' ich unterbrochen und möchte doch
gern dieses Blatt zu Ende schreiben.

Soeben besuchte mich ein Marchese Berio, ein junger Mann, der viel zu
wissen scheint. Er wollte den Verfasser des "Werther" doch auch
kennen lernen. Überhaupt ist hier großer Drang und Lust nach Bildung
und Wissen. Sie sind nur zu glücklich, um auf den rechten Weg zu
kommen. Hätte ich nur mehr Zeit, so wollt' ich ihnen gern meine Zeit
geben. Diese vier Wochen--was waren die gegen das ungeheure Leben!
Nun gehabt euch wohl! Reisen lern' ich wohl auf dieser Reise, ob ich
leben lerne, weiß ich nicht. Die Menschen, die es zu verstehen
scheinen, sind in Art und Wesen zu sehr von mir verschieden, als daß
ich auf dieses Talent sollte Anspruch machen können.

Lebet wohl und liebt mich, wie ich eurer von Herzen gedenke.

Neapel, den 28. März 1787.

Diese Tage gehen mir nun gänzlich mit Einpacken und Abschiednehmen,
mit Besorgen und Bezahlen, Nachholen und Vorbereiten, sie gehen mir
völlig verloren.

Der Fürst von Waldeck beunruhigte mich noch beim Abschied, denn er
sprach von nichts weniger, als daß ich bei meiner Rückkehr mich
einrichten sollte, mit ihm nach Griechenland und Dalmatien zu gehen.
Wenn man sich einmal in die Welt macht und sich mit der Welt einläßt,
so mag man sich ja hüten, daß man nicht entrückt oder wohl gar
verrückt wird. Zu keiner Silbe weiter bin ich fähig.

Neapel, den 29. März 1787.

Seit einigen Tagen machte sich das Wetter ungewiß, heute, am
bestimmten Tage der Abfahrt, ist es so schön als möglich. Die
günstigste Tramontane, ein klarer Sonnenhimmel, unter dem man sich in
die weite Welt wünscht. Nun sag' ich noch allen Freunden in Weimar
und Gotha ein treues Lebewohl! Eure Liebe begleite mich, denn ich
möchte ihrer wohl immer bedürfen. Heute nacht träumte ich mich wieder
in meinen Geschäften. Es ist denn doch, als wenn ich mein
Fasanenschiff nirgends als bei euch ausladen könnte. Möge es nur erst
recht stattlich geladen sein!

Sizilien

Seefahrt, Donnerstag, den 29. März.

Nicht wie bei dem letzten Abgange des Paketboots wehte diesmal ein
förderlicher frischer Nordost, sondern leider von der Gegenseite ein
lauer Südwest, der allerhinderlichste; und so erfuhren wir denn, wie
der Seefahrer vom Eigensinne des Wetters und Windes abhängt.
Ungeduldig verbrachten wir den Morgen bald am Ufer, bald im Kaffeehaus;
endlich bestiegen wir zu Mittag das Schiff und genossen beim
schönsten Wetter des herrlichsten Anblicks. Unfern vom Molo lag die
Korvette vor Anker. Bei klarer Sonne eine dunstreiche Atmosphäre,
daher die beschatteten Felsenwände von Sorrent vom schönsten Blau.
Das beleuchtete, lebendige Neapel glänzte von allen Farben. Erst mit
Sonnenuntergang bewegte sich das Schiff, jedoch nur langsam, von der
Stelle, der Widerwind schob uns nach dem Posilipo und dessen Spitze
hinüber. Die ganze Nacht ging das Schiff ruhig fort. Es war in
Amerika gebaut, schnellsegelnd, inwendig mit artigen Kämmerchen und
einzelnen Lagerstätten eingerichtet. Die Gesellschaft anständig
munter: Operisten und Tänzer, nach Palermo verschrieben.

Freitag, den 30. März

Bei Tagesanbruch fanden wir uns zwischen Ischia und Capri, ungefähr
von letzterem eine Meile. Die Sonne ging hinter den Gebirgen von
Capri und Capo Minerva herrlich auf. Kniep zeichnete fleißig die
Umrisse der Küsten und Inseln und ihre verschiedenen Ansichten; die
langsame Fahrt kam seiner Bemühung zustatten. Wir setzten mit
schwachem und halbem Winde unsern Weg fort. Der Vesuv verlor sich
gegen vier Uhr aus unsern Augen, als Capo Minerva und Ischia noch
gesehen wurden. Auch diese verloren sich gegen Abend. Die Sonne ging
unter ins Meer, begleitet von Wolken und einem langen, meilenweit
reichenden Streifen, alles purpurglänzende Lichter. Auch dieses
Phänomen zeichnete Kniep. Nun war kein Land mehr zu sehen, der
Horizont ringsum ein Wasserkreis, die Nacht hell und schöner
Mondschein.

Schiff vor Capri. Zeichnung von Kniep

Ich hatte doch dieser herrlichen Ansichten nur Augenblicke genießen
können, die Seekrankheit überfiel mich bald. Ich begab mich in meine
Kammer, wählte die horizontale Lage, enthielt mich außer weißem Brot
und rotem Wein aller Speisen und Getränke und fühlte mich ganz
behaglich. Abgeschlossen von der äußern Welt, ließ ich die innere
walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir
gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei
ersten Akte des "Tasso", in poetischer Prosa geschrieben, hatte ich
von allen Papieren allein mit über See genommen. Diese beiden Akte,
in Absicht auf Plan und Gang ungefähr den gegenwärtigen gleich, aber
schon vor zehn Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches,
Nebelhaftes, welches sich bald verlor, als ich nach neueren Ansichten
die Form verwalten und den Rhythmus eintreten ließ.

Sonnabend, den 31. März.

Die Sonne tauchte klar aus dem Meere herauf. Um sieben Uhr erreichten
wir ein französisches Schiff, welches zwei Tage vor uns abgegangen war;
um so viel besser segelten wir, und doch sahen wir noch nicht das
Ende unserer Fahrt. Einigen Trost gab uns die Insel Ustica, doch
leider zur Linken, da wir sie eben, wie auch Capri, hätten rechts
lassen sollen. Gegen Mittag war uns der Wind ganz zuwider, und wir
kamen nicht von der Stelle. Das Meer fing an, höher zu gehen, und im
Schiffe war fast alles krank.

Ich blieb in meiner gewohnten Lage, das ganze Stück ward um und um,
durch und durch gedacht. Die Stunden gingen vorüber, ohne daß ich
ihre Einteilung bemerkt hätte, wenn nicht der schelmische Kniep, auf
dessen Appetit die Wellen keinen Einfluß hatten, von Zeit zu Zeit,
indem er mir Wein und Brot brachte, die treffliche Mittagstafel, die
Heiterkeit und Anmut des jungen tüchtigen Kapitäns, dessen Bedauern,
daß ich meine Portion nicht mitgenieße, zugleich schadenfroh gerühmt
hätte. Ebenso gab ihm der übergang von Scherz und Lust zu Mißbehagen
und Krankheit und wie sich dieses bei einzelnen Gliedern der
Gesellschaft gezeigt, reichen Stoff zu mutwilliger Schilderung.

Nachmittags vier Uhr gab der Kapitän dem Schiff eine andere Richtung.
Die großen Segel wurden wieder aufgezogen und unsere Fahrt gerade auf
die Insel Ustica gerichtet, hinter welcher wir zu großer Freude die
Berge von Sizilien erblickten. Der Wind besserte sich, wir fuhren
schneller auf Sizilien los, auch kamen uns noch einige Inseln zu
Gesichte. Der Sonnenuntergang war trübe, das Himmelslicht hinter
Nebel versteckt. Den ganzen Abend ziemlich günstiger Wind. Gegen
Mitternacht fing das Meer an, sehr unruhig zu werden.

Sonntag, den 1. April.

Um drei Uhr morgens heftiger Sturm. Im Schlaf und Halbtraum setzte
ich meine dramatischen Plane fort, indessen auf dem Verdeck große
Bewegung war. Die Segel mußten eingenommen werden, das Schiff
schwebte auf den hohen Fluten. Gegen Anbruch des Tages legte sich der
Sturm, die Atmosphäre klärte sich auf. Nun lag die Insel Ustica
völlig links. Eine große Schildkröte zeigte man uns in der Weite
schwimmend, durch unsere Fernröhre als ein lebendiger Punkt wohl zu
erkennen. Gegen Mittag konnten wir die Küste Siziliens mit ihren
Vorgebirgen und Buchten ganz deutlich unterscheiden, aber wir waren
sehr unter den Wind gekommen, wir lavierten an und ab. Gegen
Nachmittag waren wir dem Ufer näher. Die westliche Küste vom
Lilybäischen Vorgebirge bis Capo Gallo sahen wir ganz deutlich, bei
heiterem Wetter und hell scheinender Sonne.

Eine Gesellschaft von Delphinen begleitete das Schiff an beiden Seiten
des Vorderteils und schossen immer voraus. Es war lustig anzusehen,
wie sie bald, von den klaren durchscheinenden Wellen überdeckt,
hinschwammen, bald mit ihren Rückenstacheln und Floßfedern, grün--und
goldspielenden Seiten sich über dem Wasser springend bewegten.

Da wir weit unter dem Winde waren, fuhr der Kapitän gerade auf eine
Bucht zu, gleich hinter Capo Gallo. Kniep versäumte die schöne
Gelegenheit nicht, die mannigfaltigsten Ansichten ziemlich im Detail
zu zeichnen. Mit Sonnenuntergang wendete der Kapitän das Schiff
wieder dem hohen Meer zu und fuhr nordostwärts, um die Höhe von
Palermo zu erreichen. Ich wagte mich manchmal aufs Verdeck, doch ließ
ich meinen dichterischen Vorsatz nicht aus dem Sinne, und ich war des
ganzen Stücks so ziemlich Herr geworden. Bei trüblichem Himmel heller
Mondschein, der Widerschein auf dem Meer unendlich schön. Die Maler,
um der Wirkung willen, lassen uns oft glauben, der Widerschein der
Himmelslichter im Wasser habe zunächst dem Beschauer die größte Breite,
wo er die größte Energie hat. Hier aber sah man am Horizont den
Widerschein am breitesten, der sich wie eine zugespitzte Pyramide
zunächst am Schiff in blinkenden Wellen endigte. Der Kapitän
veränderte die Nacht noch einigemal das Manöver.

Montag, den 2. April, früh 8 Uhr,

fanden wir uns Palermo gegenüber. Dieser Morgen erschien für mich
höchst erfreulich. Der Plan meines Dramas war diese Tage daher im
Walfischbauch ziemlich gediehen. Ich befand mich wohl und konnte nun
auf dem Verdeck die Küsten Siziliens mit Aufmerksamkeit betrachten.
Kniep zeichnete emsig fort, und durch seine gewandte Genauigkeit
wurden mehrere Streifen Papier zu einem sehr schätzbaren Andenken
dieses verspäteten Landens.

Palermo, Montag, den 2. April 1787

Endlich gelangten wir mit Not und Anstrengung nachmittags um drei Uhr
in den Hafen, wo uns ein höchst erfreulicher Anblick entgegentrat.
Völlig hergestellt, wie ich war, empfand ich das größte Vergnügen.
Die Stadt gegen Norden gekehrt, am Fuß hoher Berge liegend; über ihr,
der Tageszeit gemäß, die Sonne herüberscheinend. Die klaren
Schattenseiten aller Gebäude sahen uns an, vom Widerschein erleuchtet.
Monte Pellegrino rechts, seine zierlichen Formen im vollkommensten
Lichte, links das weit hingestreckte Ufer mit Buchten, Landzungen und
Vorgebirgen. Was ferner eine allerliebste Wirkung hervorbrachte, war
das junge Grün zierlicher Bäume, deren Gipfel, von hinten erleuchtet,
wie große Massen vegetabilischer Johanniswürmer vor den dunkeln
Gebäuden hin und wider wogten. Ein klarer Duft blaute alle Schatten.

Anstatt ungeduldig ans Ufer zu eilen, blieben wir auf dem Verdeck, bis
man uns wegtrieb; wo hätten wir einen gleichen Standpunkt, einen so
glücklichen Augenblick so bald wieder hoffen können!

Durch die wunderbare, aus zwei ungeheuern Pfeilern bestehende Pforte,
die oben nicht geschlossen sein darf, damit der turmhohe Wagen der
heiligen Rosalia an dem berühmten Feste durchfahren könne, führte man
uns in die Stadt und sogleich links in einen großen Gasthof. Der Wirt,
ein alter behaglicher Mann, von jeher Fremde aller Nationen zu sehen
gewohnt, führte uns in ein großes Zimmer, von dessen Balkon wir das
Meer und die Reede, den Rosalienberg und das Ufer überschauten, auch
unser Schiff erblickten und unsern ersten Standpunkt beurteilen
konnten. Über die Lage unseres Zimmers höchst vergnügt, bemerkten wir
kaum, daß im Grunde desselben ein erhöhter Alkoven hinter Vorhängen
versteckt sei, wo sich das weitläuftigste Bett ausbreitete, das, mit
einem seidenen Thronhimmel prangend, mit den übrigen veralteten
stattlichen Mobilien völlig übereinstimmte. Ein solches Prunkgemach
setzte uns gewissermaßen in Verlegenheit, wir verlangten,
herkömmlicherweise Bedingungen abzuschließen. Der Alte sagte dagegen,
es bedürfe keiner Bedingung, er wünsche, daß es uns bei ihm wohl
gefalle. Wir sollten uns auch des Vorsaals bedienen, welcher, kühl
und luftig, durch mehrere Balkone lustig, gleich an unser Zimmer stieß.

Wir vergnügten uns an der unendlich mannigfaltigen Aussicht und
suchten sie im einzelnen zeichnerisch und malerisch zu entwickeln,
denn hier konnte man grenzenlos eine Ernte für den Künstler
überschauen.

Der helle Mondschein lockte uns des Abends noch auf die Reede und
hielt nach der Rückkehr uns noch eine lange Zeit auf dem Altan. Die
Beleuchtung war sonderbar, Ruhe und Anmut groß.

Palermo, Dienstag, den 3. April 1787

Unser erstes war, die Stadt näher zu betrachten, die sehr leicht zu
überschauen und schwer zu kennen ist, leicht, weil eine meilenlange
Straße vom untern zum obern Tor, vom Meere bis gegen das Gebirg' sie
durchschneidet und diese ungefähr in der Mitte von einer andern
abermals durchschnitten wird: was auf diesen Linien liegt, ist bequem
zu finden; das Innere der Stadt hingegen verwirrt den Fremden, und er
entwirrt sich nur mit Hülfe eines Führers in diesem Labyrinthe.

Gegen Abend schenkten wir unsere Aufmerksamkeit der Kutschenreihe der
bekannten Fahrt vornehmerer Personen, welche sich zur Stadt hinaus auf
die Reede begaben, um frische Luft zu schöpfen, sich zu unterhalten
und allenfalls zu kourtoisieren.

Zwei Stunden vor Nacht war der Vollmond eingetreten und verherrlichte
den Abend unaussprechlich. Die Lage von Palermo gegen Norden macht,
daß sich Stadt und Ufer sehr wundersam gegen die großen Himmelslichter
verhält, deren Widerschein man niemals in den Wellen erblickt.
Deswegen wir auch heute an dem heitersten Tage das Meer dunkelblau,
ernsthaft und zudringlich fanden, anstatt daß es bei Neapel von der
Mittagsstunde an immer heiterer, lustiger und ferner glänzt.

Kniep hatte mich schon heute manchen Weg und manche Betrachtung allein
machen lassen, um einen genauen Kontur des Monte Pellegrino zu nehmen,
des schönsten aller Vorgebirge der Welt.

Palermo, den 3. April 1787.

Hier noch einiges zusammenfassend, nachträglich und vertraulich:

Wir fuhren Donnerstag, den 29. März, mit Sonnenuntergang von Neapel
und landeten erst nach vier Tagen um drei Uhr im Hafen von Palermo.
Ein kleines Diarium, das ich beilege, erzählt überhaupt unsere
Schicksale. Ich habe nie eine Reise so ruhig angetreten als diese,
habe nie eine ruhigere Zeit gehabt als auf der durch beständigen
Gegenwind sehr verlängerten Fahrt, selbst auf dem Bette im engen
Kämmerchen, wo ich mich die ersten Tage halten mußte, weil mich die
Seekrankheit stark angriff. Nun denke ich ruhig zu euch hinüber; denn
wenn irgend etwas für mich entscheidend war, so ist es diese Reise.

Hat man sich nicht ringsum vom Meere umgeben gesehen, so hat man
keinen Begriff von Welt und von seinem Verhältnis zur Welt. Als
Landschaftszeichner hat mir diese große, simple Linie ganz neue
Gedanken gegeben.

Wir haben, wie das Diarium ausweist, auf dieser kurzen Fahrt
mancherlei Abwechslungen und gleichsam die Schicksale der Seefahrer im
kleinen gehabt. Übrigens ist die Sicherheit und Bequemlichkeit des
Paketboots nicht genug zu loben. Der Kapitän ist ein sehr braver und
recht artiger Mann. Die Gesellschaft war ein ganzes Theater,
gutgesittet, leidlich und angenehm. Mein Künstler, den ich bei mir
habe, ist ein munterer, treuer, guter Mensch, der mit der größten
Akkuratesse zeichnet; er hat alle Inseln und Küsten, wie sie sich
zeigten, umrissen; es wird euch große Freude machen, wenn ich alles
mitbringe. Übrigens hat er mir, die langen Stunden der überfahrt zu
verkürzen, das Mechanische der Wasserfarbenmalerei (Aquarell), die man
in Italien jetzt sehr hoch getrieben hat, aufgeschrieben. Versteht
sich den Gebrauch gewisser Farben, um gewisse Töne hervorzubringen, an
denen man sich, ohne das Geheimnis zu wissen, zu Tode mischen würde.
Ich hatte wohl in Rom manches davon erfahren, aber niemals im
Zusammenhange. Die Künstler haben es in einem Lande ausstudiert wie
Italien, wie dieses ist. Mit keinen Worten ist die dunstige Klarheit
auszudrücken, die um die Küsten schwebte, als wir am schönsten
Nachmittage gegen Palermo anfuhren. Die Reinheit der Konture, die
Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Töne, die Harmonie
von Himmel, Meer und Erde. Wer es gesehen hat, der hat es auf sein
ganzes Leben. Nun versteh' ich erst die Claude Lorrains und habe
Hoffnung, auch dereinst in Norden aus meiner Seele Schattenbilder
dieser glücklichen Wohnung hervor--3zubringen. Wäre nur alles
Kleinliche so rein daraus weggewaschen als die Kleinheit der
Strohdächer aus meinen Zeichenbegriffen. Wir wollen sehen, was diese
Königin der Inseln tun kann.

Hafen. Gemälde von Claude Lorrain

Wie sie uns empfangen hat, habe ich keine Worte auszudrücken: mit
frischgrünenden Maulbeerbäumen, immergrünendem Oleander,
Zitronenhecken etc. In einem öffentlichen Garten stehn weite Beete von
Ranunkeln und Anemonen. Die Luft ist mild, warm und wohlriechend, der
Wind lau. Der Mond ging dazu voll hinter einem Vorgebirge herauf und
schien ins Meer; und diesen Genuß, nachdem man vier Tage und Nächte
auf den Wellen geschwebt! Verzeiht, wenn ich mit einer stumpfen Feder
aus einer Tuschmuschel, aus der mein Gefährte die Umrisse nachzieht,
dieses hinkritzle. Es kommt doch wie ein Lispeln zu euch hinüber,
indes ich allen, die mich lieben, ein ander Denkmal dieser meiner
glücklichen Stunden bereite. Was es wird, sag' ich nicht, wann ihr es
erhaltet, kann ich auch nicht sagen.

Palermo, Dienstag, den 3. April 1787.

Dieses Blatt sollte nun, meine Geliebten, euch des schönsten Genusses,
insofern es möglich wäre, teilhaft machen; es sollte die Schilderung
der unvergleichlichen, eine große Wassermasse umfassenden Bucht
überliefern. Von Osten herauf, wo ein flächeres Vorgebirg weit in die
See greift, an vielen schroffen, wohlgebildeten, waldbewachsenen
Felsen hin bis an die Fischerwohnungen der Vorstädte herauf, dann an
der Stadt selbst her, deren äußere Häuser alle nach dem Hafen schauen,
wie unsere Wohnung auch, bis zu dem Tore, durch welches wir
hereinkamen.

Dann geht es westwärts weiter fort an den gewöhnlichen Landungsplatz,
wo kleinere Schiffe anlegen, bis zu dem eigentlichen Hafen an den Molo,
die Station größerer Schiffe. Da erhebt sich nun, sämtliche
Fahrzeuge zu schützen, in Westen der Monte Pellegrino in seinen
schönen Formen, nachdem er ein liebliches, fruchtbares Tal, das sich
bis zum jenseitigen Meer erstreckt, zwischen sich und dem eigentlichen
festen Land gelassen.

Die Bucht von Palermo. Zeichnung von Goethe

Kniep zeichnete, ich schematisierte, beide mit großem Genuß, und nun,
da wir fröhlich nach Hause kommen, fühlen wir beide weder Kräfte noch
Mut, zu wiederholen und auszuführen. Unsere Entwürfe müssen also für
künftige Zeiten liegenbleiben, und dieses Blatt gibt euch bloß ein
Zeugnis unseres Unvermögens, diese Gegenstände genugsam zu fassen,
oder vielmehr unserer Anmaßung, sie in so kurzer Zeit erobern und
beherrschen zu wollen.

Palermo, Mittwoch, den 4. April 1787.

Nachmittags besuchten wir das fruchtreiche und angenehme Tal, welches
die südlichen Berge herab an Palermo vorbeizieht, durchschlängelt von
dem Fluß Oreto. Auch hier wird ein malerisches Auge und eine
geschickte Hand gefordert, wenn ein Bild soll gefunden werden, und
doch erhaschte Kniep einen Standpunkt, da, wo das gestemmte Wasser von
einem halbzerstörten Wehr herunterfließt, beschattet von einer
fröhlichen Baumgruppe, dahinter das Tal hinaufwärts die freie Aussicht
und einige landwirtschaftliche Gebäude.

Die schönste Frühlingswitterung und eine hervorquellende Fruchtbarkeit
verbreitete das Gefühl eines belebenden Friedens über das ganze Tal,
welches mir der ungeschickte Führer durch seine Gelehrsamkeit
verkümmerte, umständlich erzählend, wie Hannibal hier vormals eine
Schlacht geliefert und was für ungeheure Kriegstaten an dieser Stelle
geschehen. Unfreundlich verwies ich ihm das fatale Hervorrufen
solcher abgeschiedenen Gespenster. Es sei schlimm genug, meinte ich,
daß von Zeit zu Zeit die Saaten, wo nicht immer von Elefanten, doch
von Pferden und Menschen zerstampft werden müßten. Man solle
wenigstens die Einbildungskraft nicht mit solchem Nachgetümmel aus
ihrem friedlichen Traume aufschrecken.

Er verwunderte sich sehr, daß ich das klassische Andenken an so einer
Stelle verschmähte, und ich konnte ihm freilich nicht deutlich machen,
wie mir bei einer solchen Vermischung des Vergangenen und des
Gegenwärtigen zumute sei.

Noch wunderlicher erschien ich diesem Begleiter, als ich auf allen
seichten Stellen, deren der Fluß gar viele trocken läßt, nach
Steinchen suchte und die verschiedenen Arten derselben mit mir
forttrug. Ich konnte ihm abermals nicht erklären, daß man sich von
einer gebirgigen Gegend nicht schneller einen Begriff machen kann, als
wenn man die Gesteinsarten untersucht, die in den Bächen
herabgeschoben werden, und daß hier auch die Aufgabe sei, durch
Trümmer sich eine Vorstellung von jenen ewig klassischen Höhen des
Erdaltertums zu verschaffen.

Auch war meine Ausbeute aus diesem Flusse reich genug, ich brachte
beinahe vierzig Stücke zusammen, welche sich freilich in wenige
Rubriken unterordnen ließen. Das meiste war eine Gebirgsart, die man
bald für Jaspis oder Hornstein, bald für Tonschiefer ansprechen konnte.
Ich fand sie teils in abgerundeten, teils unförmigen Geschieben,
teils rhombisch gestaltet, von vielerlei Farben. Ferner kamen viele
Abänderungen des ältern Kalkes vor, nicht weniger Breccien, deren
Bindemittel Kalk, die verbundenen Steine aber bald Jaspis, bald Kalk
waren. Auch fehlte es nicht an Geschieben von Muschelkalk.

Die Pferde füttern sie mit Gerste, Häckerling und Kleien; im Frühjahr
geben sie ihnen geschoßte grüne Gerste, um sie zu erfrischen, per
rinfrescar, wie sie es nennen. Da sie keine Wiesen haben, fehlt es an
Heu. Auf den Bergen gibt es einige Weide, auch auf den äckern, da ein
Drittel als Brache liegenbleibt. Sie halten wenig Schafe, deren Rasse
aus der Barbarei kommt, überhaupt auch mehr Maultiere als Pferde, weil
jenen die hitzige Nahrung besser bekommt als diesen.

Die Plaine, worauf Palermo liegt, sowie außer der Stadt die Gegend Ai
Colli, auch ein Teil der Bagaria, hat im Grunde Muschelkalk woraus die
Stadt gebaut ist, daher man denn auch große Steinbrüche in diesen
Lagen findet. In der Nähe von Monte Pellegrino sind sie an einer
Stelle über funfzig Fuß tief. Die untern Lager sind weißer von Farbe.
Man findet darin viel versteinte Korallen und Schaltiere, vorzüglich
große Pilgermuscheln. Das obere Lager ist mit rotem Ton gemischt und
enthält wenig oder gar keine Muscheln. Ganz obenauf liegt roter Ton,
dessen Lage jedoch nicht stark ist. Der Monte Pellegrino hebt sich
aus allem diesem hervor; er ist ein älterer Kalk, hat viele Löcher und
Spaltungen, welche, genau betrachtet, obgleich sehr unregelmäßig, sich
doch nach der Ordnung der Bänke richten. Das Gestein ist fest und
klingend.

Palermo, Donnerstag, den 5. April 1787.

Wir gingen die Stadt im besondern durch. Die Bauart gleicht meistens
der von Neapel, doch stehen öffentliche Monumente, z. B. Brunnen,
noch weiter entfernt vom guten Geschmack. Hier ist nicht wie in Rom
ein Kunstgeist, welcher die Arbeit regelt; nur von Zufälligkeiten
erhält das Bauwerk Gestalt und Dasein. Ein von dem ganzen Inselvolke
angestaunter Brunnen existierte schwerlich, wenn es in Sizilien nicht
schönen, bunten Marmor gäbe, und wenn nicht gerade ein Bildhauer,
geübt in Tiergestalten, damals Gunst gehabt hätte. Es wird
schwerhalten, diesen Brunnen zu beschreiben. Auf einem mäßigen Platze
steht ein rundes architektonisches Werk, nicht gar stockhoch, Sockel,
Mauer und Gesims von farbigem Marmor; in die Mauer sind in einer
Flucht mehrere Nischen angebracht, aus welchen, von weißem Marmor
gebildet, alle Arten Tierköpfe auf gestreckten Hälsen herausschauen:
Pferd, Löwe, Kamel, Elefant wechseln miteinander ab, und man erwartete
kaum hinter dem Kreise dieser Menagerie einen Brunnen, zu welchem von
vier Seiten durch gelassene Lücken marmorne Stufen hinaufführen, um
das reichlich gespendete Wasser schöpfen zu lassen.

Etwas ähnliches ist es mit den Kirchen, wo die Prachtliebe der
Jesuiten noch überboten ward, aber nicht aus Grundsatz und Absicht,
sondern zufällig, wie allenfalls ein gegenwärtiger Handwerker,
Figuren--oder Laubschnitzer Vergolder, Lackierer und Marmorierer
gerade das, was er vermochte, ohne Geschmack und Leitung an gewissen
Stellen anbringen wollte.

Dabei findet man eine Fähigkeit, natürliche Dinge nachzuahmen, wie
denn z. B. jene Tierköpfe gut genug gearbeitet sind. Dadurch wird
freilich die Bewunderung der Menge erregt, deren ganze Kunstfreude
darin besteht, daß sie das Nachgebildete mit dem Urbilde vergleichbar
findet.

Gegen Abend machte ich eine heitere Bekanntschaft, indem ich auf der
langen Straße bei einem kleinen Handelsmanne eintrat, um verschiedene
Kleinigkeiten einzukaufen. Als ich vor dem Laden stand, die Ware zu
besehen, erhob sich ein geringer Luftstoß, welcher, längs der Straße
herwirbelnd, einen unendlichen erregten Staub in alle Buden und
Fenster sogleich verteilte. "Bei allen Heiligen! sagt mir", rief ich
aus, "woher kommt die Unreinlichkeit eurer Stadt, und ist derselben
denn nicht abzuhelfen? Diese Straße wetteifert an Länge und Schönheit
mit dem Corso zu Rom. An beiden Seiten Schrittsteine, die jeder
Laden--und Werkstattbesitzer mit unablässigem Kehren reinlich hält,
indem er alles in die Mitte hinunterschiebt, welche dadurch nur immer
unreinlicher wird und euch mit jedem Windshauch den Unrat zurücksendet,
den ihr der Hauptstraße zugewiesen habt. In Neapel tragen
geschäftige Esel jeden Tag das Kehricht nach Gärten und Feldern,
sollte denn bei euch nicht irgendeine ähnliche Einrichtung entstehen
oder getroffen werden?"

"Es ist bei uns nun einmal, wie es ist", versetzte der Mann; "was wir
aus dem Hause werfen, verfault gleich vor der Türe übereinander. Ihr
seht hier Schichten von Stroh und Rohr, von Küchenabgängen und
allerlei Unrat, das trocknet zusammen auf und kehrt als Staub zu uns
zurück. Gegen den wehren wir uns den ganzen Tag. Aber seht, unsere
schönen, geschäftigen, niedlichen Besen vermehren, zuletzt abgestumpft,
nur den Unrat vor unsern Häusern."

Und lustig genommen, war es wirklich an dem. Sie haben niedliche
Beschen von Zwergpalmen, die man mit weniger Abänderung zum
Fächerdienst eignen könnte, sie schleifen sich leicht ab, und die
stumpfen liegen zu Tausenden in der Straße. Auf meine wiederholte
Frage, ob dagegen keine Anstalt zu treffen sei, erwiderte er, die Rede
gehe im Volke, daß gerade die, welche für Reinlichkeit zu sorgen
hätten, wegen ihres großen Einflusses nicht genötigt werden könnten,
die Gelder pflichtmäßig zu verwenden, und dabei sei noch der
wunderliche Umstand, daß man fürchte, nach weggeschafftem misthaftem
Geströhde werde erst deutlich zum Vorschein kommen, wie schlecht das
Pflaster darunter beschaffen sei, wodurch denn abermals die unredliche
Verwaltung einer andern Kasse zutage kommen würde. Das alles aber sei,
setzte er mit possierlichem Ausdruck hinzu, nur Auslegung von
übelgesinnten, er aber von der Meinung derjenigen, welche behaupten,
der Adel erhalte seinen Karossen diese weiche Unterlage, damit sie des
Abends ihre herkömmliche Lustfahrt auf elastischem Boden bequem
vollbringen könnten. Und da der Mann einmal im Zuge war, bescherzte
er noch mehrere Polizeimißbräuche, mir zu tröstlichem Beweis, daß der
Mensch noch immer Humor genug hat, sich über das Unabwendbare lustig
zu machen.

Palermo, den 6. April 1787.

Die heilige Rosalie, Schutzpatronin von Palermo, ist durch die
Beschreibung, welche Brydone von ihrem Feste gegeben 5 hat, so
allgemein bekannt geworden, daß es den Freunden gewiß angenehm sein
muß, etwas von dem Orte und der Stelle, wo sie besonders verehrt wird,
zu lesen.

Der Monte Pellegrino, eine große Felsenmasse, breiter als hoch, liegt
an dem nordwestlichen Ende des Golfs von Palermo. Seine schöne Form
läßt sich mit Worten nicht beschreiben; eine unvollkommene Abbildung
davon findet sich in dem "Voyage pittoresque de la Sicile". Er
bestehet aus einem grauen Kalkstein der früheren Epoche. Die Felsen
sind ganz nackt, kein Baum, kein Strauch wächst auf ihnen, kaum, daß
die flachliegenden Teile mit etwas Rasen und Moos bedeckt sind.

In einer Höhle dieses Berges entdeckte man zu Anfang des vorigen
Jahrhunderts die Gebeine der Heiligen und brachte sie nach Palermo.
Ihre Gegenwart befreite die Stadt von der Pest, und Rosalie war seit
diesem Augenblicke die Schutzheilige des Volks; man baute ihr Kapellen
und stellte ihr zu Ehren glänzende Feierlichkeiten an.

Pferderennen beim Fest der hl. Rosalia in Palermo. Kupferstich nach
Desprez

Die Andächtigen wallfahrteten fleißig auf den Berg, und man erbaute
mit großen Kosten einen Weg, der wie eine Wasserleitung auf Pfeilern
und Bogen ruht und in einem Zickzack zwischen zwei Klippen
hinaufsteigt.

Der Andachtsort selbst ist der Demut der Heiligen, welche sich dahin
flüchtete, angemessener als die prächtigen Feste, welche man ihrer
völligen Entäußerung von der Welt zu Ehren anstellte. Und vielleicht
hat die ganze Christenheit, welche nun achtzehnhundert Jahre ihren
Besitz, ihre Pracht, ihre feierlichen Lustbarkeiten auf das Elend
ihrer ersten Stifter und eifrigsten Bekenner gründet, keinen heiligen
Ort aufzuweisen, der auf eine so unschuldige und gefühlvolle Art
verziert und verehrt wäre.

Wenn man den Berg erstiegen hat, wendet man sich um eine Felsenecke,
wo man einer steilen Felswand nah gegenüber steht, an welcher die
Kirche und das Kloster gleichsam festgebaut sind.

Die Außenseite der Kirche hat nichts Einladendes noch Versprechendes;
man eröffnet die Türe ohne Erwartung, wird aber auf das wunderbarste
überrascht, indem man hineintritt. Man befindet sich unter einer
Halle, welche in der Breite der Kirche hinläuft und gegen das Schiff
zu offen ist. Man sieht in derselben die gewöhnlichen Gefäße mit
Weihwasser und einige Beichtstühle. Das Schiff der Kirche ist ein
offner Hof, der an der rechten Seite von rauhen Felsen, auf der linken
von einer Kontinuation der Halle zugeschlossen wird. Er ist mit
Steinplatten etwas abhängig belegt, damit das Regenwasser ablaufen
kann; ein kleiner Brunnen steht ungefähr in der Mitte.

Die Höhle selbst ist zum Chor umgebildet, ohne daß man ihr von der
natürlichen rauhen Gestalt etwas genommen hätte. Einige Stufen führen
hinauf: gleich steht der große Pult mit dem Chorbuche entgegen, auf
beiden Seiten die Chorstühle. Alles wird von dem aus dem Hofe oder
Schiff einfallenden Tageslicht erleuchtet. Tief hinten in dem Dunkel
der Höhle steht der Hauptaltar in der Mitte.

Man hat, wie schon gesagt, an der Höhle nichts verändert; allein da
die Felsen immer von Wasser träufeln, war es nötig, den Ort trocken zu
halten. Man hat dieses durch bleierne Rinnen bewirkt, welche man an
den Kanten der Felsen hergeführt und verschiedentlich miteinander
verbunden hat. Da sie oben breit sind und unten spitz zulaufen, auch
mit einer schmutzig grünen Farbe angestrichen sind, so sieht es fast
aus, als wenn die Höhle inwendig mit großen Kaktusarten bewachsen wäre.
Das Wasser wird teils seitwärts, teils hinten in einen klaren
Behälter geleitet, woraus es die Gläubigen schöpfen und gegen allerlei
übel gebrauchen.

Da ich diese Gegenstände genau betrachtete, trat ein Geistlicher zu
mir und fragte mich, ob ich etwa ein Genueser sei und einige Messen
wollte lesen lassen. Ich versetzte ihm darauf, ich sei mit einem
Genueser nach Palermo gekommen, welcher morgen als an einem Festtage
heraufsteigen würde. Da immer einer von uns zu Hause bleiben müßte,
wäre ich heute heraufgegangen, mich umzusehen. Er versetzte darauf,
ich möchte mich aller Freiheit bedienen, alles wohl betrachten und
meine Devotion verrichten. Besonders wies er mich an einen Altar, der
links in der Höhle stand, als ein besonderes Heiligtum und verließ
mich.

Ich sah durch die öffnungen eines großen, aus Messing getriebenen
Laubwerks Lampen unter dem Altar hervorschimmern, kniete ganz nahe
davor hin und blickte durch die öffnungen. Es war inwendig noch ein
Gitterwerk von feinem geflochtenem Messingdraht vorgezogen, so daß man
nur wie durch einen Flor den Gegenstand dahinter unterscheiden konnte.

Ein schönes Frauenzimmer erblickt' ich bei dem Schein einiger stillen
Lampen.

Sie lag wie in einer Art von Entzückung, die Augen halb geschlossen,
den Kopf nachlässig auf die rechte Hand gelegt, die mit vielen Ringen
geschmückt war. Ich konnte das Bild nicht genug betrachten; es schien
mir ganz besondere Reize zu haben. Ihr Gewand ist aus einem
vergoldeten Blech getrieben, welches einen reich von Gold gewirkten
Stoff gar gut nachahmt. Kopf und Hände, von weißem Marmor, sind, ich
darf nicht sagen in einem hohen Stil, aber doch so natürlich und
gefällig gearbeitet, daß man glaubt, sie müßte Atem holen und sich
bewegen.

Ein kleiner Engel steht neben ihr und scheint ihr mit einem
Lilienstengel Kühlung zuzuwehen.

Unterdessen waren die Geistlichen in die Höhle gekommen, hatten sich
auf ihre Stühle gesetzt und sangen die Vesper.

Ich setzte mich auf eine Bank gegen dem Altar über und hörte ihnen
eine Weile zu; alsdann begab ich mich wieder zum Altare, kniete nieder
und suchte das schöne Bild der Heiligen noch deutlicher gewahr zu
werden. Ich überließ mich ganz der reizenden Illusion der Gestalt und
des Ortes.

Der Gesang der Geistlichen verklang nun in der Höhle, das Wasser
rieselte in das Behältnis gleich neben dem Altare zusammen, die
überhangenden Felsen des Vorhofs, des eigentlichen Schiffs der Kirche,
schlossen die Szene noch mehr ein. Es war eine große Stille in dieser
gleichsam wieder ausgestorbenen Wüste, eine große Reinlichkeit in
einer wilden Höhle; der Flitterputz des katholischen, besonders
sizilianischen Gottesdienstes, hier noch zunächst seiner natürlichen
Einfalt; die Illusion, welche die Gestalt der schönen Schläferin
hervorbrächte, auch einem geübten Auge noch reizend--genug, ich konnte
mich nur mit Schwierigkeit von diesem Orte losreißen und kam erst in
später Nacht wieder in Palermo an.

Palermo, Sonnabend, den 7. April 1787.

In dem öffentlichen Garten unmittelbar an der Reede brachte ich im
stillen die vergnügtesten Stunden zu. Es ist der wunderbarste Ort von
der Welt. Regelmäßig angelegt, scheint er uns doch feenhaft; vor
nicht gar langer Zeit gepflanzt, versetzt er ins Altertum. Grüne
Beeteinfassungen umschließen fremde Gewächse, Zitronenspaliere wölben
sich zum niedlichen Laubengange, hohe Wände des Oleanders, geschmückt
von tausend roten nelkenhaften Blüten, locken das Auge. Ganz fremde,
mir unbekannte Bäume, noch ohne Laub, wahrscheinlich aus wärmern
Gegenden, verbreiten seltsame Zweige. Eine hinter dem flachen Raum
erhöhte Bank läßt einen so wundersam verschlungenen Wachstum übersehen
und lenkt den Blick zuletzt auf große Bassins, in welchen Gold--und
Silberfische sich gar lieblich bewegen, bald sich unter bemooste
Röhren verbergen, bald wieder scharenweise durch einen Bissen Brot
gelockt, sich versammeln. An den Pflanzen erscheint durchaus ein Grün,
das wir nicht gewohnt sind, bald gelblicher, bald blaulicher als bei
uns. Was aber dem Ganzen die wundersamste Anmut verlieh, war ein
starker Duft, der sich über alles gleichförmig verbreitete, mit so
merklicher Wirkung, daß die Gegenstände, auch nur einige Schritte
hintereinander entfernt, sich entschiedener hellblau voneinander
absetzten, so daß ihre eigentümliche Farbe zuletzt verlorenging, oder
wenigstens sehr überbläut sie sich dem Auge darstellten.

Welche wundersame Ansicht ein solcher Duft entfernteren Gegenständen,
Schiffen, Vorgebirgen erteilt, ist für ein malerisches Auge merkwürdig
genug, indem die Distanzen genau zu unterscheiden, ja zu messen sind;
deswegen auch ein Spaziergang auf die Höhe höchst reizend ward. Man
sah keine Natur mehr, sondern nur Bilder, wie sie der künstlichste
Maler durch Lasieren auseinander gestuft hätte.

Aber der Eindruck jenes Wundergartens war mir zu tief geblieben; die
schwärzlichen Wellen am nördlichen Horizonte, ihr Anstreben an die
Buchtkrümmungen, selbst der eigene Geruch des dünstenden Meeres, das
alles rief mir die Insel der seligen Phäaken in die Sinne sowie ins
Gedächtnis. Ich eilte sogleich, einen Homer zu kaufen, jenen Gesang
mit großer Erbauung zu lesen und eine übersetzung aus dem Stegreif
Kniepen vorzutragen, der wohl verdiente, bei einem guten Glase Wein
von seinen strengen heutigen Bemühungen behaglich auszuruhen.

Palermo, den 8. April 1787. Ostersonntag.

Nun aber ging die lärmige Freude über die glückliche Auferstehung des
Herrn mit Tagesanbruch los. Petarden, Lauffeuer, Schläge, Schwärmer
und dergleichen wurden kastenweis vor den Kirchtüren losgebrannt,
indessen die Gläubigen sich zu den eröffneten Flügelpforten drängten.
Glocken--und Orgelschall, Chorgesang der Prozessionen und der ihnen
entgegnenden geistlichen Chöre konnten wirklich das Ohr derjenigen
verwirren, die an eine so lärmende Gottesverehrung nicht gewöhnt waren.

Die frühe Messe war kaum geendigt, als zwei wohlgeputzte Laufer des
Vizekönigs unsern Gasthof besuchten, in der doppelten Absicht, einmal
den sämtlichen Fremden zum Feste zu gratulieren und dagegen ein
Trinkgeld einzunehmen, mich sodann zur Tafel zu laden, weshalb meine
Gabe etwas erhöht werden mußte.

Nachdem ich den Morgen zugebracht, die verschiedenen Kirchen zu
besuchen und die Volksgesichter und Gestalten zu betrachten, fuhr ich
zum Palast des Vizekönigs, welcher am obern Ende der Stadt liegt.
Weil ich etwas zu früh gekommen, fand ich die großen Säle noch leer,
nur ein kleiner, munterer Mann ging auf mich zu, den ich sogleich für
einen Malteser erkannte.

Als er vernahm, daß ich ein Deutscher sei, fragte er, ob ich ihm
Nachricht von Erfurt zu geben wisse, er habe daselbst einige Zeit sehr
angenehm zugebracht. Auf seine Erkundigungen nach der von
Dacherödischen Familie, nach dem Koadjutor von Dalberg konnte ich ihm
hinreichende Auskunft geben, worüber er sehr vergnügt nach dem übrigen
Thüringen fragte. Mit bedenklichem Anteil erkundigte er sich nach
Weimar. "Wie steht es denn", sagte er, "mit dem Manne, der, zu meiner
Zeit jung und lebhaft, daselbst Regen und schönes Wetter machte? Ich
habe seinen Namen vergessen, genug aber, es ist der Verfasser des
Werthers'."

Nach einer kleinen Pause, als wenn ich mich bedächte, erwiderte ich:
"Die Person, nach der Ihr Euch gefällig erkundigt, bin ich selbst!
"--Mit dem sichtbarsten Zeichen des Erstaunens fuhr er zurück und rief
aus: "Da muß sich viel verändert haben!"--"O ja!" versetzte ich,
"zwischen Weimar und Palermo hab' ich manche Veränderung gehabt."

In dem Augenblick trat mit seinem Gefolge der Vizekönig herein und
betrug sich mit anständiger Freimütigkeit, wie es einem solchen Herrn
geziemt. Er enthielt sich jedoch nicht des Lächelns über den Malteser,
welcher seine Verwunderung, mich hier zu sehen, auszudrücken fortfuhr.
Bei Tafel sprach der Vizekönig, neben dem ich saß, über die Absicht
meiner Reise und versicherte, daß er Befehl geben wolle, mich in
Palermo alles sehen zu lassen und mich auf meinem Wege durch Sizilien
auf alle Weise zu fördern.

Palermo, Montag, den 9. April 1787.

Heute den ganzen Tag beschäftigte uns der Unsinn des Prinzen
Pallagonia, und auch diese Torheiten waren ganz etwas anders, als wir
uns lesend und hörend vorgestellt. Denn bei der größten
Wahrheitsliebe kommt derjenige, der vom Absurden Rechenschaft geben
soll, immer ins Gedränge: er will einen Begriff davon überliefern, und
so macht er es schon zu etwas, da es eigentlich ein Nichts ist,
welches für etwas gehalten sein will. Und so muß ich noch eine andere
allgemeine Reflexion vorausschicken, daß weder das Abgeschmackteste
noch das Vortrefflichste ganz unmittelbar aus einem Menschen, aus
einer Zeit hervorspringe, daß man vielmehr beiden mit einiger
Aufmerksamkeit eine Stammtafel der Herkunft nachweisen könne.

Jener Brunnen in Palermo gehört unter die Vorfahren der Pallagonischen
Raserei, nur daß diese hier, auf eignem Grund und Boden, in der
größten Freiheit und Breite sich hervortut. Ich will den Verlauf des
Entstehens zu entwickeln suchen.

Wenn ein Lustschloß in diesen Gegenden mehr oder weniger in der Mitte
des ganzen Besitztums liegt und man also, um zu der herrschaftlichen
Wohnung zu gelangen, durch gebaute Felder, Küchengärten und
dergleichen landwirtschaftliche Nützlichkeiten zu fahren hat, erweisen
sie sich haushälterischer als die Nordländer, die oft eine große
Strecke guten Bodens zu einer Parkanlage verwenden, um mit
unfruchtbarem Gesträuche dem Auge zu schmeicheln. Diese Südländer
hingegen führen zwei Mauern auf, zwischen welchen man zum Schloß
gelangt, ohne daß man gewahr werde, was rechts oder links vorgeht.
Dieser Weg beginnt gewöhnlich mit einem großen Portal, wohl auch mit
einer gewölbten Halle und endigt im Schloßhofe. Damit nun aber das
Auge zwischen diesen Mauern nicht ganz unbefriedigt sei, so sind sie
oben ausgebogen, mit Schnörkeln und Postamenten verziert, worauf
allenfalls hie und da eine Vase steht. Die Flächen sind abgetüncht,
in Felder geteilt und angestrichen. Der Schloßhof macht ein Rund von
einstöckigen Häusern, wo Gesinde und Arbeitsleute wohnen; das
viereckte Schloß steigt über alles empor.

Dies ist die Art der Anlage, wie sie herkömmlich gegeben ist, wie sie
auch schon früher mag bestanden haben, bis der Vater des Prinzen das
Schloß baute, zwar auch nicht in dem besten, aber doch erträglichem
Geschmack. Der jetzige Besitzer aber, ohne jene allgemeinen Grundzüge
zu verlassen, erlaubt seiner Lust und Leidenschaft zu mißgestaltetem,
abgeschmacktem Gebilde den freisten Lauf, und man erzeigt ihm viel
zuviel Ehre, wenn man ihm nur einen Funken Einbildungskraft zuschreibt.

Wir treten also in die große Halle, welche mit der Grenze des
Besitztums selbst anfängt, und finden ein Achteck, sehr hoch zur
Breite. Vier ungeheure Riesen mit modernen, zugeknöpften Gamaschen
tragen das Gesims, auf welchem dem Eingang gerade gegenüber die
heilige Dreieinigkeit schwebt.

Die Villa Palagonia in Bagheria. Aquatinta von Houel

Der Weg nach dem Schlosse zu ist breiter als gewöhnlich, die Mauer in
einen fortlaufenden hohen Sockel verwandelt, auf welchem
ausgezeichnete Basamente seltsame Gruppen in die Höhe tragen, indessen
in dem Raum von einer zur andern mehrere Vasen aufgestellt sind. Das
Widerliche dieser von den gemeinsten Steinhauern gepfuschten
Mißbildungen wird noch dadurch vermehrt, daß sie aus dem losesten
Muscheltuff gearbeitet sind; doch würde ein besseres Material den
Unwert der Form nur desto mehr in die Augen setzen. Ich sagte vorhin
Gruppen und bediente mich eines falschen, an dieser Stelle
uneigentlichen Ausdrucks; denn diese Zusammenstellungen sind durch
keine Art von Reflexion oder auch nur Willkür entstanden, sie sind
vielmehr zusammengewürfelt. Jedesmal drei bilden den Schmuck eines
solchen viereckten Postaments, indem ihre Basen so eingerichtet sind,
daß sie zusammen in verschiedenen Stellungen den viereckigen Raum
ausfüllen. Die vorzüglichste besteht gewöhnlich aus zwei Figuren, und
ihre Base nimmt den größten vordern Teil des Piedestals ein; diese
sind meistenteils Ungeheuer von tierischer und menschlicher Gestalt.
Um nun den hintern Raum der Piedestalfläche auszufüllen, bedarf es
noch zweier Stücke; das von mittlerer Größe stellt gewöhnlich einen
Schäfer oder eine Schäferin, einen Kavalier oder eine Dame, einen
tanzenden Affen oder Hund vor. Nun bleibt auf dem Piedestal noch eine
Lücke: diese wird meistens durch einen Zwerg ausgefüllt, wie denn
überall dieses Geschlecht bei geistlosen Scherzen eine große Rolle
spielt.

Daß wir aber die Elemente der Tollheit des Prinzen Pallagonia
vollständig überliefern, geben wir nachstehendes Verzeichnis.
Menschen: Bettler, Bettlerinnen, Spanier, Spanierinnen, Mohren, Türken,
Buckelige, alle Arten Verwachsene, Zwerge, Musikanten, Pulcinelle,
antik kostümierte Soldaten, Götter, Göttinnen, altfranzösisch
Gekleidete, Soldaten mit Patrontaschen und Gamaschen, Mythologie mit
fratzenhaften Zutaten: Achill und Chiron mit Pulcinell. Tiere: nur
Teile derselben, Pferd mit Menschenhänden, Pferdekopf auf
Menschenkörper, entstellte Affen, viele Drachen und Schlangen, alle
Arten von Pfoten an Figuren aller Art, Verdoppelungen, Verwechslungen
der Köpfe. Vasen: alle Arten von Monstern und Schnörkeln, die
unterwärts zu Vasenbäuchen und Untersätzen endigen.

Denke man sich nun dergleichen Figuren schockweise verfertigt und ganz
ohne Sinn und Verstand entsprungen, auch ohne Wahl und Absicht
zusammengestellt, denke man sich diesen Sockel, diese Piedestale und
Unformen in einer unabsehbaren Reihe, so wird man das unangenehme
Gefühl mit empfinden, das einen jeden überfallen muß, wenn er durch
diese Spitzruten des Wahnsinns durchgejagt wird.

Wir nähern uns dem Schlosse und werden durch die Arme eines halbrunden
Vorhofs empfangen; die entgegenstehende Hauptmauer, wodurch das Tor
geht, ist burgartig angelegt. Hier finden wir eine ägyptische Figur
eingemauert, einen Springbrunnen ohne Wasser, ein Monument, zerstreut
umherliegende Vasen, Statuen, vorsätzlich auf die Nase gelegt. Wir
treten in den Schloßhof und finden das herkömmliche, mit kleinen
Gebäuden umgebene Rund in kleineren Halbzirkeln ausgebogt, damit es ja
an Mannigfaltigkeit nicht fehle.

Der Boden ist größtenteils mit Gras bewachsen. Hier stehen wie auf
einem verfallenen Kirchhofe seltsam geschnörkelte Marmorvasen vom
Vater her, Zwerge und sonstige Ungestalten aus der neuern Epoche
zufällig durcheinander, ohne daß sie bis jetzt einen Platz finden
können; sogar tritt man vor eine Laube, vollgepfropft von alten Vasen
und anderem geschnörkeltem Gestein.

Das Widersinnige einer solchen geschmacklosen Denkart zeigt sich aber
im höchsten Grade darin, daß die Gesimse der kleinen Häuser durchaus
schief nach einer oder der andern Seite hinhängen, so daß das Gefühl
der Wasserwaage und des Perpendikels, das uns eigentlich zu Menschen
macht und der Grund aller Eurhythmie ist, in uns zerrissen und gequält
wird. Und so sind denn auch diese Dachreihen mit Hydern und kleinen
Büsten, mit musizierenden Affenchören und ähnlichem Wahnsinn verbrämt.
Drachen, mit Göttern abwechselnd, ein Atlas, der statt der
Himmelskugel ein Weinfaß trägt.

Gedenkt man sich aber aus allem diesem in das Schloß zu retten,
welches, vom Vater erbaut, ein relativ vernünftiges äußeres Ansehen
hat, so findet man nicht weit vor der Pforte den lorbeerbekränzten
Kopf eines römischen Kaisers auf einer Zwerggestalt, die auf einem
Delphin sitzt.

Im Schlosse selbst nun, dessen äußeres ein leidliches Innere erwarten
läßt, fängt das Fieber des Prinzen schon wieder zu rasen an. Die
Stuhlfüße sind ungleich abgesägt, so daß niemand Platz nehmen kann,
und vor den sitzbaren Stühlen warnt der Kastellan, weil sie unter
ihren Sammetpolstern Stacheln verbergen. Kandelaber von chinesischem
Porzellan stehen in den Ecken, welche, näher betrachtet, aus einzelnen
Schalen, Ober--und Untertassen und dergleichen zusammengekittet sind.
Kein Winkel, wo nicht irgendeine Willkür hervorblickte. Sogar der
unschätzbare Blick über die Vorgebirge ins Meer wird durch farbige
Scheiben verkümmert, welche durch einen unwahren Ton die Gegend
entweder verkälten oder entzünden. Eines Kabinetts muß ich noch
erwähnen, welches aus alten vergoldeten, zusammengeschnittenen Rahmen
aneinander getäfelt ist. Alle die hundertfältigen Schnitzmuster, alle
die verschiedenen Abstufungen einer ältern oder jüngern, mehr oder
weniger bestaubten und beschädigten Vergoldung bedecken hier, hart
aneinander gedrängt, die sämtlichen Wände und geben den Begriff von
einem zerstückelten Trödel.

Die Kapelle zu beschreiben, wäre allein ein Heftchen nötig. Hier
findet man den Aufschluß über den ganzen Wahnsinn, der nur in einem
bigotten Geiste bis auf diesen Grad wuchern konnte. Wie manches
Fratzenbild einer irregeleiteten Devotion sich hier befinden mag, geb'
ich zu vermuten, das Beste jedoch will ich nicht vorenthalten. Flach
an der Decke nämlich ist ein geschnitztes Kruzifix von ziemlicher
Größe befestigt, nach der Natur angemalt, lackiert mit untermischter
Vergoldung. Dem Gekreuzigten in den Nabel ist ein Haken eingeschraubt,
eine Kette aber, die davon herabhängt, befestigt sich in den Kopf
eines knieend betenden, in der Luft schwebenden Mannes, der, angemalt
und lackiert wie alle übrigen Bilder der Kirche, wohl ein Sinnbild der
ununterbrochenen Andacht des Besitzers darstellen soll.

übrigens ist der Palast nicht ausgebaut: ein großer, von dem Vater
bunt und reich angelegter, aber doch nicht widerlich verzierter Saal
war unvollendet geblieben; wie denn der grenzenlose Wahnsinn des
Besitzers mit seinen Narrheiten nicht zu Rande kommen kann.

Kniepen, dessen Künstlersinn innerhalb dieses Tollhauses zur
Verzweiflung getrieben wurde, sah ich zum erstenmal ungeduldig; er
trieb mich fort, da ich mir die Elemente dieser Unschöpfung einzeln zu
vergegenwärtigen und zu schematisieren suchte. Gutmütig genug
zeichnete er zuletzt noch eine von den Zusammenstellungen, die einzige,
die noch wenigstens eine Art von Bild gab. Sie stellt ein Pferdweib
auf einem Sessel sitzend, gegen einem unterwärts altmodisch
gekleideten, mit Greifenkopf, Krone und großer Perücke gezierten
Kavalier Karte spielend vor und erinnert an das nach aller Tollheit
noch immer höchst merkwürdige Wappen des Hauses Pallagonia: ein Satyr
hält einem Weibe, das einen Pferdekopf hat, einen Spiegel vor.

Palermo, Dienstag, den 10. April 1787

Heute fuhren wir bergauf nach Monreale. Ein herrlicher Weg, welchen
der Abt jenes Klosters zur Zeit eines überschwenglichen Reichtums
angelegt hat; breit, bequemen Anstiegs, Bäume hie und da, besonders
aber weitläufige Spring--und Röhrenbrunnen, beinah pallagonisch
verschnörkelt und verziert, desungeachtet aber Tiere und Menschen
erquickend.

Das Kloster San Martin, auf der Höhe liegend, ist eine respektable
Anlage. Ein Hagestolz allein, wie man am Prinzen Pallagonia sieht,
hat selten etwas Vernünftiges hervorgebracht, mehrere zusammen
hingegen die allergrößten Werke, wie Kirchen und Klöster zeigen. Doch
wirkten die geistlichen Gesellschaften wohl nur deswegen so viel, weil
sie noch mehr als irgendein Familienvater einer unbegrenzten
Nachkommenschaft gewiß waren.

Die Mönche ließen uns ihre Sammlungen sehen. Von Altertümern und
natürlichen Sachen verwahren sie manches Schöne. Besonders fiel uns
auf eine Medaille mit dem Bilde einer jungen Göttin, das Entzücken
erregen mußte. Gern hätten uns die guten Männer einen Abdruck
mitgegeben, es war aber nichts bei Handen, was zu irgend einer Art von
Form tauglich gewesen wäre.

Nachdem sie uns alles vorgezeigt, nicht ohne traurige Vergleichung der
vorigen und gegenwärtigen Zustände, brachten sie uns in einen
angenehmen kleinen Saal, von dessen Balkon man eine liebliche Aussicht
genoß; hier war für uns beide gedeckt, und es fehlte nicht an einem
sehr guten Mittagessen. Nach dem aufgetragenen Dessert trat der Abt
herein, begleitet von seinen ältesten Mönchen, setzte sich zu uns und
blieb wohl eine halbe Stunde, in welcher Zeit wir manche Frage zu
beantworten hatten. Wir schieden aufs freundlichste. Die jüngern
begleiteten uns nochmals in die Zimmer der Sammlung und zuletzt nach
dem Wagen.

Wir fuhren mit ganz andern Gesinnungen nach Hause als gestern. Heute
hatten wir eine große Anstalt zu bedauern, die eben zu der Zeit
versinkt, indessen an der andern Seite ein abgeschmacktes Unternehmen
mit frischem Wachstum hervorsteigt.

Der Weg nach San Martin geht das ältere Kalkgebirg' hinauf. Man
zertrümmert die Felsen und brennt Kalk daraus, der sehr weiß wird.
Zum Brennen brauchen sie eine starke, lange Grasart, in Bündeln
getrocknet. Hier entsteht nun die Calcara. Bis an die steilsten
Höhen liegt roter Ton angeschwemmt, der hier die Dammerde vorstellt,
je höher, je röter, wenig durch Vegetation geschwärzt. Ich sah in der
Entfernung eine Grube fast wie Zinnober.

Das Kloster steht mitten im Kalkgebirg', das sehr quellenreich ist.
Die Gebirge umher sind wohlbebaut.

Palermo, Mittwoch, den 11. April 1787.

Nachdem wir nun zwei Hauptpunkte außerhalb der Stadt betrachtet,
begaben wir uns in den Palast, wo der geschäftige Laufer die Zimmer
und ihren Inhalt vorzeigte. Zu unserm großen Schrecken war der Saal,
worin die Antiken sonst aufgestellt sind, eben in der größten
Unordnung, weil man eine neue architektonische Dekoration im Werke
hatte. Die Statuen waren von ihren Stellen weggenommen, mit Tüchern
verhängt, mit Gerüsten verstellt, so daß wir trotz allem guten Willen
unseres Führers und einiger Bemühung der Handwerksleute doch nur einen
sehr unvollständigen Begriff davon erwerben konnten. Am meisten war
mir um die zwei Widder von Erz zu tun, welche, auch unter diesen
Umständen gesehen, den Kunstsinn höchlich erbauten. Sie sind liegend
vorgestellt, die eine Pfote vorwärts, als Gegenbilder die Köpfe nach
verschiedenen Seiten gekehrt; mächtige Gestalten aus der
mythologischen Familie, Phrixus und Helle zu tragen würdig. Die Wolle
nicht kurz und kraus, sondern lang und wellenartig herabfallend, mit
großer Wahrheit und Eleganz gebildet, aus der besten griechischen Zeit.
Sie sollen in dem Hafen von Syrakus gestanden haben.

Nun führte uns der Laufer außerhalb der Stadt in Katakomben, welche,
mit architektonischem Sinn angelegt, keineswegs zu Grabplätzen
benutzte Steinbrüche sind. In einem ziemlich verhärteten Tuff und
dessen senkrecht gearbeiteter Wand sind gewölbte öffnungen und
innerhalb dieser Särge ausgegraben, mehrere übereinander, alles aus
der Masse, ohne irgendeine Nachhülfe von Mauerwerk. Die oberen Särge
sind kleiner, und in den Räumen über den Pfeilern sind Grabstätten für
Kinder angebracht.

Palermo, Donnerstag, den 12. April 1787.

Man zeigte uns heute das Medaillenkabinett des Prinzen Torremuzza.
Gewissermaßen ging ich ungern hin. Ich verstehe von diesem Fach zu
wenig, und ein bloß neugieriger Reisender ist wahren Kennern und
Liebhabern verhaßt. Da man aber doch einmal anfangen muß, so bequemte
ich mich und hatte davon viel Vergnügen und Vorteil. Welch ein Gewinn,
wenn man auch nur vorläufig übersieht, wie die alte Welt mit Städten
übersäet war, deren kleinste, wo nicht eine ganze Reihe der
Kunstgeschichte, wenigstens doch einige Epochen derselben uns in
köstlichen Münzen hinterließ. Aus diesen Schubkasten lacht uns ein
unendlicher Frühling von Blüten und Früchten der Kunst, eines in
höherem Sinne geführten Lebensgewerbes und was nicht alles noch mehr
hervor. Der Glanz der sizilischen Städte, jetzt verdunkelt, glänzt
aus diesen geformten Metallen wieder frisch entgegen.

Leider haben wir andern in unserer Jugend nur die Familienmünzen
besessen, die nichts sagen, und die Kaisermünzen, welche dasselbe
Profil bis zum überdruß wiederholen: Bilder von Herrschern, die eben
nicht als Musterbilder der Menschheit zu betrachten sind. Wie traurig
hat man nicht unsere Jugend auf das gestaltlose Palästina und auf das
gestaltverwirrende Rom beschränkt! Sizilien und Neugriechenland läßt
mich nun wieder ein frisches Leben hoffen.

Daß ich über diese Gegenstände mich in allgemeine Betrachtungen ergehe,
ist ein Beweis, daß ich noch nicht viel davon verstehen gelernt habe;
doch das wird sich mit dem übrigen nach und nach schon geben.

Palermo, Donnerstag, den 12. April 1787

Heute am Abend ward mir noch ein Wunsch erfüllt, und zwar auf eigene
Weise. Ich stand in der großen Straße auf den Schrittsteinen, an
jenem Laden mit dem Kaufherrn scherzend; auf einmal tritt ein Laufer,
groß, wohlgekleidet, an mich heran, einen silbernen Teller rasch
vorhaltend, worauf mehrere Kupferpfennige, wenige Silberstücke lagen.
Da ich nicht wußte, was es heißen solle, so zuckte ich, den Kopf
duckend, die Achseln, das gewöhnliche Zeichen, wodurch man sich
lossagt, man mag nun Antrag oder Frage nicht verstehen, oder nicht
wollen. Ebenso schnell, als er gekommen, war er fort, und nun
bemerkte ich auf der entgegengesetzten Seite der Straße seinen
Kameraden in gleicher Beschäftigung.

Was das bedeute, fragte ich den Handelsmann, der mit bedenklicher
Gebärde, gleichsam verstohlen, auf einen langen, hagern Herrn deutete,
welcher in der Straßenmitte, hofmäßig gekleidet, anständig und
gelassen über den Mist einherschritt. Frisiert und gepudert, den Hut
unter dem Arm, in seidenem Gewande, den Degen an der Seite, ein nettes
Fußwerk mit Steinschnallen geziert: so trat der Bejahrte ernst und
ruhig einher; aller Augen waren auf ihn gerichtet.

"Dies ist der Prinz Pallagonia", sagte der Händler, "welcher von Zeit
zu Zeit durch die Stadt geht und für die in der Barbarei gefangenen
Sklaven ein Lösegeld zusammenheischt. Zwar beträgt dieses Einsammeln
niemals viel, aber der Gegenstand bleibt doch im Andenken, und oft
vermachen diejenigen, welche bei Lebzeiten zurückhielten, schöne
Summen zu solchem Zweck. Schon viele Jahre ist der Prinz Vorsteher
dieser Anstalt und hat unendlich viel Gutes gestiftete"

"Statt auf die Torheiten seines Landsitzes", rief ich aus, "hätte er
hierher jene großen Summen verwenden sollen. Kein Fürst in der Welt
hätte mehr geleistet."

Dagegen sagte der Kaufmann: "Sind wir doch alle so! Unsere Narrheiten
bezahlen wir gar gerne selbst, zu unsern Tugenden sollen andere das
Geld hergeben."

Palermo, Freitag, den 13. April 1787

Vorgearbeitet in dem Steinreiche Siziliens hat uns Graf Borch sehr
emsig, und wer nach ihm gleichen Sinnes die Insel besucht, wird ihm
recht gern Dank zollen. Ich finde es angenehm sowie pflichtmäßig, das
Andenken eines Vorgängers zu feiern. Bin ich doch nur ein Vorfahr von
künftigen andern, im Leben wie auf der Reise!

Die Tätigkeit des Grafen scheint mir übrigens größer als seine
Kenntnisse; er verfährt mit einem gewissen Selbstbehagen, welches dem
bescheidenen Ernst zuwider ist, mit welchem man wichtige Gegenstände
behandeln sollte. Indessen ist sein Heft in Quart, ganz dem
sizilianischen Steinreich gewidmet, mir von großem Vorteil, und ich
konnte, dadurch vorbereitet, die Steinschleifer mit Nutzen besuchen,
welche, früher mehr beschäftigt, zur Zeit als Kirchen und Altäre noch
mit Marmor und Achaten überlegt werden mußten, das Handwerk doch noch
immer forttreiben. Bei ihnen bestellte ich Muster von weichen und
harten Steinen; denn so unterscheiden sie Marmor und Achate
hauptsächlich deswegen, weil die Verschiedenheit des Preises sich nach
diesem Unterschiede richtet. Doch wissen sie außer diesen beiden sich
noch viel mit einem Material, einem Feuererzeugnis ihrer Kalköfen. In
diesen findet sich nach dem Brande eine Art Glasfluß, welcher von der
hellsten blauen Farbe zur dunkelsten, ja zur schwärzesten übergeht.
Diese Klumpen werden wie anderes Gestein in dünne Tafeln geschnitten,
nach der Höhe ihrer Farbe und Reinheit geschätzt und anstatt
Lapislazuli beim Furnieren von Altären, Grabmälern und andern
kirchlichen Verzierungen mit Glück angewendet.

Eine vollständige Sammlung, wie ich sie wünsche, ist nicht fertig, man
wird sie mir erst nach Neapel schicken. Die Achate sind von der
größten Schönheit, besonders diejenigen, in welchen unregelmäßige
Flecken von gelbem oder rotem Jaspis mit weißem, gleichsam gefrornem
Quarze abwechseln und dadurch die schönste Wirkung hervorbringen.

Eine genaue Nachahmung solcher Achate, auf der Rückseite dünner
Glasscheiben durch Lackfarben bewirkt, ist das einzige Vernünftige,
was ich aus dem pallagonischen Unsinn jenes Tages herausfand. Solche
Tafeln nehmen sich zur Dekoration schöner aus als der echte Achat,
indem dieser aus vielen kleinen Stücken zusammengesetzt werden muß,
bei jenen hingegen die Größe der Tafeln vom Architekten abhängt.
Dieses Kunststück verdiente wohl, nachgeahmt zu werden.

Palermo, den 13. April 1787

Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst
der Schlüssel zu allem.

Vom Klima kann man nicht Gutes genug sagen; jetzt ist's Regenzeit,
aber immer unterbrochen; heute donnert und blitzt es, und alles wird
mit Macht grün. Der Lein hat schon zum Teil Knoten gewonnen, der
andere Teil blüht. Man glaubt in den Gründen kleine Teiche zu sehen,
so schön blaugrün liegen die Leinfelder unten. Der reizenden
Gegenstände sind unzählige! Und mein Geselle ist ein exzellenter
Mensch, der wahre Hoffegut, so wie ich redlich den Treufreund
fortspiele. Er hat schon recht schöne Konture gemacht und wird noch
das Beste mitnehmen. Welche Aussicht, mit meinen Schätzen dereinst
glücklich nach Hause zu kommen!

Vom Essen und Trinken hierzuland hab' ich noch nichts gesagt, und doch
ist es kein kleiner Artikel. Die Gartenfrüchte sind herrlich,
besonders der Salat von Zartheit und Geschmack wie eine Milch; man
begreift, warum ihn die Alten Lactuca genannt haben. Das öl, der Wein
alles sehr gut, und sie könnten noch besser sein, wenn man auf ihre
Bereitung mehr Sorgfalt verwendete. Fische die besten, zartesten.
Auch haben wir diese Zeit her sehr gut Rindfleisch gehabt, ob man es
gleich sonst nicht loben will.

Nun vom Mittagsessen ans Fenster! auf die Straße! Es ward ein
Missetäter begnadigt, welches immer zu Ehren der heilbringenden
Osterwoche geschieht. Eine Brüderschaft führt ihn bis unter einen zum
Schein aufgebauten Galgen, dort muß er vor der Leiter eine Andacht
verrichten, die Leiter küssen und wird dann wieder weggeführt. Es war
ein hübscher Mensch vom Mittelstande, frisiert, einen weißen Frack,
weißen Hut, alles weiß. Er trug den Hut in der Hand, und man hätte
ihm hie und da nur bunte Bänder anheften dürfen, so konnte er als
Schäfer auf jede Redoute gehen.

Palermo, den 13. und 14. April 1787.

Und so sollte mir denn kurz vor dem Schlusse ein sonderbares Abenteuer
beschert sein, wovon ich sogleich umständliche Nachricht erteile.

Schon die ganze Zeit meines Aufenthalts hörte ich an unserm
öffentlichen Tische manches über Cagliostro, dessen Herkunft und
Schicksale reden. Die Palermitaner waren darin einig, daß ein
gewisser Joseph Balsamo, in ihrer Stadt geboren, wegen mancherlei
schlechter Streiche berüchtigt und verbannt sei. Ob aber dieser mit
dem Grafen Cagliostro nur eine Person sei, darüber waren die Meinungen
geteilt. Einige, die ihn ehemals gesehen hatten, wollten seine
Gestalt in jenem Kupferstiche wiederfinden, der bei uns bekannt genug
ist und auch nach Palermo gekommen war.

Unter solchen Gesprächen berief sich einer der Gäste auf die
Bemühungen, welche ein palermitanischer Rechtsgelehrter übernommen,
diese Sache ins klare zu bringen. Er war durch das französische
Ministerium veranlaßt worden, dem Herkommen eines Mannes nachzuspüren,
welcher die Frechheit gehabt hatte, vor dem Angesichte Frankreichs, ja
man darf wohl sagen der Welt, bei einem wichtigen und gefährlichen
Prozesse die albernsten Märchen vorzubringen.

Es habe dieser Rechtsgelehrte, erzählte man, den Stammbaum des Joseph
Balsamo aufgestellt und ein erläuterndes Memoire mit beglaubigten
Beilagen nach Frankreich abgeschickt, wo man wahrscheinlich davon
öffentlichen Gebrauch machen werde.

Ich äußerte den Wunsch, diesen Rechtsgelehrten, von welchem außerdem
viel Gutes gesprochen wurde, kennen zu lernen, und der Erzähler erbot
sich, mich bei ihm anzumelden und zu ihm zu führen.

Nach einigen Tagen gingen wir hin und fanden ihn mit seinen Klienten
beschäftigt. Als er diese abgefertigt und wir das Frühstück genommen
hatten, brachte er ein Manuskript hervor, welches den Stammbaum
Cagliostros, die zu dessen Begründung nötigen Dokumente in Abschrift
und das Konzept eines Memoire enthielt, das nach Frankreich abgegangen
war.

Er legte mir den Stammbaum vor und gab mir die nötigen Erklärungen
darüber, wovon ich hier so viel anführe, als zu leichterer Einsicht
nötig ist.

Joseph Balsamos Urgroßvater mütterlicher Seite war Matthäus Martello.
Der Geburtsname seiner Urgroßmutter ist unbekannt. Aus dieser Ehe
entsprangen zwei Töchter, eine namens Maria, die an Joseph Bracconeri
verheiratet und Großmutter Joseph Balsamos ward. Die andere, namens
Vincenza, verheiratete sich an Joseph Cagliostro, der von einem
kleinen Orte La Noara, acht Meilen von Messina, gebürtig war. Ich
bemerke hier, daß zu Messina noch zwei Glockengießer dieses Namens
leben. Diese Großtante war in der Folge Pate bei Joseph Balsamo; er
erhielt den Taufnamen ihres Mannes und nahm endlich auswärts auch den
Zunamen Cagliostro von seinem Großonkel an.

Die Eheleute Bracconeri hatten drei Kinder: Felicitas, Matthäus und
Antonin.

Felicitas ward an Peter Balsamo verheiratet, den Sohn eines
Bandhändlers in Palermo, Antonin Balsamo, der vermutlich von jüdischem
Geschlecht abstammte. Peter Balsamo, der Vater des berüchtigten
Josephs, machte Bankerott und starb in seinem fünfundvierzigsten Jahre.
Seine Witwe, welche noch gegenwärtig lebt, gab ihm außer dem
benannten Joseph noch eine Tochter, Johanna Joseph-Maria, welche an
Johann Baptista Capitummino verheiratet wurde, der mit ihr drei Kinder
zeugte und starb.

Das Memoire, welches uns der gefällige Verfasser vorlas und mir auf
mein Ersuchen einige Tage anvertraute, war auf Taufscheine,
Ehekontrakte und andere Instrumente gegründet, die mit Sorgfalt
gesammelt waren. Es enthielt ungefähr die Umstände (wie ich aus einem
Auszug, den ich damals gemacht, ersehe), die uns nunmehr aus den
römischen Prozeßakten bekannt geworden sind, daß Joseph Balsamo
anfangs Juni 1743 zu Palermo geboren, von Vincenza Martello,
verheirateter Cagliostro, aus der Taufe gehoben sei, daß er in seiner
Jugend das Kleid der Barmherzigen Brüder genommen, eines Ordens, der
besonders Kranke verpflegt, daß er bald viel Geist und Geschick für
die Medizin gezeigt, doch aber wegen seiner übeln Aufführung
fortgeschickt worden, daß er in Palermo nachher den Zauberer und
Schatzgräber gemacht.

Seine große Gabe, alle Hände nachzuahmen, ließ er nicht unbenutzt (so
fährt das Memoire fort). Er verfälschte oder verfertigte vielmehr ein
altes Dokument, wodurch das Eigentum einiger Güter in Streit geriet.
Er kam in Untersuchung, ins Gefängnis, entfloh und ward ediktaliter
zitiert. Er reiste durch Kalabrien nach Rom, wo er die Tochter eines
Gürtlers heiratete. Von Rom kehrte er nach Neapel unter dem Namen
Marchese Pellegrini zurück. Er wagte sich wieder nach Palermo, ward
erkannt, gefänglich eingezogen und kam nur auf eine Weise los, die
wert ist, daß ich sie umständlich erzähle.

Der Sohn eines der ersten sizilianischen Prinzen und großen
Güterbesitzers, eines Mannes, der an dem neapolitanischen Hofe
ansehnliche Stellen bekleidete, verband mit einem starken Körper und
einer unbändigen Gemütsart allen übermut, zu dem sich der Reiche und
Große ohne Bildung berechtigt glaubt.

Donna Lorenza wußte ihn zu gewinnen, und auf ihn baute der verstellte
Marchese Pellegrini seine Sicherheit. Der Prinz zeigte öffentlich,
daß er dies angekommene Paar beschütze; aber in welche Wut geriet er,
als Joseph Balsamo auf Anrufen der Partei, welche durch seinen Betrug
Schaden gelitten, abermals ins Gefängnis gebracht wurde! Er versuchte
verschiedene Mittel, ihn zu befreien, und da sie ihm nicht gelingen
wollten, drohte er im Vorzimmer des Präsidenten, den Advokaten der
Gegenpartei aufs grimmigste zu mißhandeln, wenn er nicht sogleich die
Verhaftung des Balsamo wieder aufhöbe. Als der gegenseitige
Sachwalter sich weigerte, ergriff er ihn, schlug ihn, warf ihn auf die
Erde, trat ihn mit Füßen und war kaum von mehreren Mißhandlungen
abzuhalten, als der Präsident selbst auf den Lärm herauseilte und
Frieden gebot.

Dieser, ein schwacher, abhängiger Mann, wagte nicht, den Beleidiger zu
bestrafen; die Gegenpartei und ihr Sachwalter wurden kleinmütig, und
Balsamo ward in Freiheit gesetzt, ohne daß bei den Akten sich eine
Registratur über seine Loslassung befindet, weder wer sie verfügt,
noch wie sie geschehen.

Bald darauf entfernte er sich von Palermo und tat verschiedene Reisen,
von welchen der Verfasser nur unvollständige Nachrichten geben konnte.

Das Memoire endigte sich mit einem scharfsinnigen Beweise, daß
Cagliostro und Balsamo ebendieselbe Person sei, eine These, die damals
schwerer zu behaupten war, als sie es jetzt ist, da wir von dem
Zusammenhang der Geschichte vollkommen unterrichtet sind.

Hätte ich nicht damals vermuten müssen, daß man in Frankreich einen
öffentlichen Gebrauch von jenem Aufsatz machen würde, daß ich ihn
vielleicht bei meiner Zurückkunft schon gedruckt anträfe, so wäre es
mir erlaubt gewesen, eine Abschrift zu nehmen und meine Freunde und
das Publikum früher von manchen interessanten Umständen zu
unterrichten.

Indessen haben wir das meiste und mehr, als jenes Memoire enthalten
konnte, von einer Seite her erfahren, von der sonst nur Irrtümer
auszuströmen pflegten. Wer hätte geglaubt, daß Rom einmal zur
Aufklärung der Welt, zur völligen Entlarvung eines Betrügers so viel
beitragen sollte, als es durch die Herausgabe jenes Auszugs aus den
Prozeßakten geschehen ist! Denn obgleich diese Schrift weit
interessanter sein könnte und sollte, so bleibt sie doch immer ein
schönes Dokument in den Händen eines jeden Vernünftigen, der es mit
Verdruß ansehen mußte, daß Betrogene, Halbbetrogene und Betrüger
diesen Menschen und seine Possenspiele jahrelang verehrten, sich durch
die Gemeinschaft mit ihm über andere erhoben fühlten und von der Höhe
ihres gläubigen Dünkels den gesunden Menschenverstand bedauerten, wo
nicht geringschätzten.

Wer schwieg nicht gern während dieser Zeit? Und auch nur jetzt,
nachdem die ganze Sache geendigt und außer Streit gesetzt ist, kann
ich es über mich gewinnen, zu Komplettierung der Akten dasjenige, was
mir bekannt ist, mitzuteilen.

Als ich in dem Stammbaume so manche Personen, besonders Mutter und
Schwester, noch als lebend angegeben fand, bezeigte ich dem Verfasser
des Memoire meinen Wunsch, sie zu sehen und die Verwandten eines so
sonderbaren Menschen kennen zu lernen. Er versetzte, daß es schwer
sein werde, dazu zu gelangen, indem diese Menschen, arm, aber ehrbar,
sehr eingezogen lebten, keine Fremden zu sehen gewohnt seien, und der
argwöhnische Charakter der Nation sich aus einer solchen Erscheinung
allerlei deuten werde; doch er wolle mir seinen Schreiber schicken,
der bei der Familie Zutritt habe und durch den er die Nachrichten und
Dokumente, woraus der Stammbaum zusammengesetzt worden, erhalten.

Den folgenden Tag erschien der Schreiber und äußerte wegen des
Unternehmens einige Bedenklichkeiten. "Ich habe", sagte er, "bisher
immer vermieden, diesen Leuten wieder unter die Augen zu treten; denn
um ihre Ehekontrakte, Taufscheine und andere Papiere in die Hände zu
bekommen und von selbigen legale Kopien machen zu können, mußte ich
mich einer eigenen List bedienen. Ich nahm Gelegenheit, von einem
Familienstipendio zu reden, das irgendwo vakant war, machte ihnen
wahrscheinlich, daß der junge Capitummino sich dazu qualifiziere, daß
man vor allen Dingen einen Stammbaum aufsetzen müsse, um zu sehen,
inwiefern der Knabe Ansprüche darauf machen könne; es werde freilich
nachher alles auf Negoziation ankommen, die ich übernehmen wolle, wenn
man mir einen billigen Teil der zu erhaltenden Summe für meine
Bemühungen verspreche. Mit Freuden willigten die guten Leute in alles;
ich erhielt die nötigen Papiere, die Kopien wurden genommen, der
Stammbaum ausgearbeitet, und seit der Zeit hüte ich mich, vor ihnen zu
erscheinen. Noch vor einigen Wochen wurde mich die alte Capitummino
gewahr, und ich wußte mich nur mit der Langsamkeit, womit hier
dergleichen Sachen vorwärts gehen, zu entschuldigen."

So sagte der Schreiber. Da ich aber von meinem Vorsatz nicht abging,
wurden wir nach einiger überlegung dahin einig, daß ich mich für einen
Engländer ausgeben und der Familie Nachrichten von Cagliostro bringen
sollte, der eben aus der Gefangenschaft der Bastille nach London
gegangen war.

Zur gesetzten Stunde, es mochte etwa drei Uhr nach Mittag sein,
machten wir uns auf den Weg. Das Haus lag in dem Winkel eines Gäßchens,
nicht weit von der Hauptstraße, il Cassaro genannt. Wir stiegen eine
elende Treppe hinauf und kamen sogleich in die Küche. Eine Frau von
mittlerer Größe, stark und breit, ohne fett zu sein, war beschäftigt,
das Küchengeschirr aufzuwaschen. Sie war reinlich gekleidet und
schlug, als wir hineintraten, das eine Ende der Schürze hinauf, um vor
uns die schmutzige Seite zu verstecken. Sie sah meinen Führer freudig
an und sagte:" Signor Giovanni, bringen Sie uns gute Nachrichten?
Haben Sie etwas ausgerichtet?"

Er versetzte: "In unserer Sache hat mir's noch nicht gelingen wollen;
hier ist aber ein Fremder, der einen Gruß von Ihrem Bruder bringt und
Ihnen erzählen kann, wie er sich gegenwärtig befindet."

Der Gruß, den ich bringen sollte, war nicht ganz in unserer Abrede;
indessen war die Einleitung einmal gemacht.--"Sie kennen meinen
Bruder?" fragte sie.--"Es kennt ihn ganz Europa", versetzte ich; "und
ich glaube, es wird Ihnen angenehm sein, zu hören, daß er sich in
Sicherheit und wohl befindet, da Sie bisher wegen seines Schicksals
gewiß in Sorgen gewesen sind."--"Treten Sie hinein", sagte sie, "ich
folge Ihnen gleich"; und ich trat mit dem Schreiber in das Zimmer.

Es war so groß und hoch, daß es bei uns für einen Saal gelten würde;
es schien aber auch beinah die ganze Wohnung der Familie zu sein. Ein
einziges Fenster erleuchtete die großen Wände, die einmal Farbe gehabt
hatten und auf denen schwarze Heiligenbilder in goldenen Rahmen
herumhingen. Zwei große Betten ohne Vorhänge standen an der einen
Wand, ein braunes Schränkchen, das die Gestalt eines Schreibtisches
hatte, an der andern. Alte, mit Rohr durchflochtene Stühle, deren
Lehnen ehmals vergoldet gewesen, standen daneben, und die Backsteine
des Fußbodens waren an vielen Stellen tief ausgetreten. Übrigens war
alles reinlich, und wir näherten uns der Familie, die am andern Ende
des Zimmers an dem einzigen Fenster versammelt war.

Indes mein Führer der alten Balsamo, die in der Ecke saß, die Ursache
unsers Besuchs erklärte und seine Worte wegen der Taubheit der guten
Alten mehrmals laut wiederholte, hatte ich Zeit, das Zimmer und die
übrigen Personen zu betrachten. Ein Mädchen von ungefähr sechzehn
Jahren, wohlgewachsen, deren Gesichtszüge durch die Blattern
undeutlich geworden waren, stand am Fenster; neben ihr ein junger
Mensch, dessen unangenehme, durch die Blattern entstellte Bildung mir
auch auffiel. In einem Lehnstuhl saß oder lag vielmehr gegen dem
Fenster über eine kranke, sehr ungestaltete Person, die mit einer Art
Schlafsucht behaftet schien.

Als mein Führer sich deutlich gemacht hatte, nötigte man uns zum
Sitzen. Die Alte tat einige Fragen an mich, die ich mir aber mußte
dolmetschen lassen, eh' ich sie beantworten konnte, da mir der
sizilianische Dialekt nicht geläufig war.

Ich betrachtete indessen die alte Frau mit Vergnügen. Sie war von
mittlerer Größe, aber wohlgebildet; über ihre regelmäßigen
Gesichtszüge, die das Alter nicht entstellt hatte, war der Friede
verbreitet, dessen gewöhnlich die Menschen genießen, die des Gehörs
beraubt sind; der Ton ihrer Stimme war sanft und angenehm.

Ich beantwortete ihre Fragen, und meine Antworten mußten ihr auch
wieder verdolmetscht werden.

Die Langsamkeit unserer Unterredung gab mir Gelegenheit, meine Worte
abzumessen. Ich erzählte ihr, daß ihr Sohn in Frankreich
losgesprochen worden und sich gegenwärtig in England befinde, wo er
wohl aufgenommen sei. Ihre Freude, die sie über diese Nachrichten
äußerte, war mit Ausdrücken einer herzlichen Frömmigkeit begleitet,
und da sie nun etwas lauter und langsamer sprach, konnt' ich sie eher
verstehen.

Indessen war ihre Tochter hereingekommen und hatte sich zu meinem
Führer gesetzt, der ihr das, was ich erzählt hatte, getreulich
wiederholte. Sie hatte eine reinliche Schürze vorgebunden und ihre
Haare in Ordnung unter das Netz gebracht. Je mehr ich sie ansah und
mit ihrer Mutter verglich, desto auffallender war mir der Unterschied
beider Gestalten. Eine lebhafte, gesunde Sinnlichkeit blickte aus der
ganzen Bildung der Tochter hervor; sie mochte eine Frau von vierzig
Jahren sein. Mit muntern blauen Augen sah sie klug umher, ohne daß
ich in ihrem Blick irgendeinen Argwohn spüren konnte. Indem sie saß,
versprach ihre Figur mehr Länge, als sie zeigte, wenn sie aufstand;
ihre Stellung war determiniert, sie saß mit vorwärts gebogenem Körper
und die Hände auf die Kniee gelegt. Übrigens erinnerte mich ihre mehr
stumpfe als scharfe Gesichtsbildung an das Bildnis ihres Bruders, das
wir in Kupfer kennen. Sie fragte mich verschiedenes über meine Reise,
über meine Absicht, Sizilien zu sehen, und war überzeugt, daß ich
gewiß zurückkommen und das Fest der heiligen Rosalie mit ihnen feiern
würde.

Da indessen die Großmutter wieder einige Fragen an mich getan hatte
und ich ihr zu antworten beschäftigt war, sprach die Tochter halblaut
mit meinem Gefährten, doch so, daß ich Anlaß nehmen konnte, zu fragen,
wovon die Rede sei. Er sagte darauf, Frau Capitummino erzähle ihm,
daß ihr Bruder ihr noch vierzehn Unzen schuldig sei; sie habe bei
seiner schnellen Abreise von Palermo versetzte Sachen für ihn
eingelöset; seit der Zeit aber weder etwas von ihm gehört, noch Geld,
noch irgendeine Unterstützung von ihm erhalten, ob er gleich, wie sie
höre, große Reichtümer besitze und einen fürstlichen Aufwand mache.
Ob ich nicht über mich nehmen wolle, nach meiner Zurückkunft ihn auf
eine gute Weise an die Schuld zu erinnern und eine Unterstützung für
sie auszuwirken, ja, ob ich nicht einen Brief mitnehmen oder
allenfalls bestellen wolle. Ich erbot mich dazu. Sie fragte, wo ich
wohne, wohin sie den Brief zu schicken habe. Ich lehnte ab, meine
Wohnung zu sagen, und erbot mich, den andern Tag gegen Abend den Brief
selbst abzuholen.

Sie erzählte mir darauf ihre mißliche Lage; sie sei eine Witwe mit
drei Kindern, von denen das eine Mädchen im Kloster erzogen werde; die
andere sei hier gegenwärtig und ihr Sohn eben in die Lehrstunde
gegangen. Außer diesen drei Kindern habe sie ihre Mutter bei sich,
für deren Unter halt sie sorgen müsse, und überdies habe sie aus
christlicher Liebe die unglückliche kranke Person zu sich genommen,
die ihre Last noch vergrößere; alle ihre Arbeitsamkeit reiche kaum hin,
sich und den Ihrigen das Notdürftige zu verschaffen. Sie wisse zwar,
daß Gott diese guten Werke nicht unbelohnt lasse, seufze aber doch
sehr unter der Last, die sie schon so lange getragen habe.

Die jungen Leute mischten sich auch ins Gespräch, und die Unterhaltung
wurde lebhafter. Indem ich mit den andern sprach, hört' ich, daß die
Alte ihre Tochter fragte, ob ich denn auch wohl ihrer heiligen
Religion zugetan sei. Ich konnte bemerken, daß die Tochter auf eine
kluge Weise der Antwort auszuweichen suchte, indem sie, soviel ich
verstand, der Mutter bedeutete, daß der Fremde gut für sie gesinnt zu
sein schiene, und daß es sich wohl nicht schicke, jemanden sogleich
über diesen Punkt zu befragen.

Da sie hörten, daß ich bald von Palermo abreisen wollte, wurden sie
dringender und ersuchten mich, daß ich doch ja wiederkommen möchte;
besonders rühmten sie die paradiesischen Tage des Rosalienfestes,
dergleichen in der ganzen Welt nicht müsse gesehen und genossen werden.

Mein Begleiter, der schon lange Lust gehabt hatte, sich zu entfernen,
machte endlich der Unterredung durch seine Gebärden ein Ende, und ich
versprach, den andern Tag gegen Abend wiederzukommen und den Brief
abzuholen. Mein Begleiter freute sich, daß alles so glücklich
gelungen sei, und wir schieden zufrieden voneinander.

Man kann sich den Eindruck denken, den diese arme, fromme,
wohlgesinnte Familie auf mich gemacht hatte. Meine Neugierde war
befriedigt, aber ihr natürliches und gutes Betragen hatte einen Anteil
in mir erregt, der sich durch Nachdenken noch vermehrte.

Sogleich aber entstand in mir die Sorge wegen des folgenden Tags. Es
war natürlich, daß diese Erscheinung, die sie im ersten Augenblick
überrascht hatte, nach meinem Abschiede manches Nachdenken bei ihnen
erregen mußte. Durch den Stammbaum war mir bekannt, daß noch mehrere
von der Familie lebten; es war natürlich, daß sie ihre Freunde
zusammenberiefen, um sich in ihrer Gegenwart dasjenige wiederholen zu
lassen, was sie tags vorher mit Verwunderung von mir gehört hatten.
Meine Absicht hatte ich erreicht, und es blieb mir nur noch übrig,
dieses Abenteuer auf eine schickliche Weise zu endigen. Ich begab
mich daher des andern Tags gleich nach Tische allein in ihre Wohnung.
Sie verwunderten sich, da ich hineintrat. Der Brief sei noch nicht
fertig, sagten sie, und einige ihrer Verwandten wünschten mich auch
kennen zu lernen, welche sich gegen Abend einfinden würden.

Ich versetzte, daß ich morgen früh schon abreisen müsse, daß ich noch
Visiten zu machen, auch einzupacken habe und also lieber früher als
gar nicht hätte kommen wollen.

Indessen trat der Sohn herein, den ich des Tags vorher nicht gesehen
hatte. Er glich seiner Schwester an Wuchs und Bildung. Er brachte
den Brief, den man mir mitgeben wollte, den er, wie es in jenen
Gegenden gewöhnlich ist, außer dem Hause bei einem der öffentlich
sitzenden Notarien hatte schreiben lassen. Der junge Mensch hatte ein
stilles, trauriges und bescheidenes Wesen, erkundigte sich nach seinem
Oheim, fragte nach dessen Reichtum und Ausgaben und setzte traurig
hinzu, warum er seine Familie doch so ganz vergessen haben möchte.
"Es wäre unser größtes Glück", fuhr er fort, "wenn er einmal hieher
käme und sich unserer annehmen wollte; aber", fuhr er fort, "wie hat
er Ihnen entdeckt, daß er noch Anverwandte in Palermo habe? Man sagt,
daß er uns überall verleugne und sich für einen Mann von großer Geburt
ausgebe." Ich beantwortete diese Frage, welche durch die
Unvorsichtigkeit meines Führers bei unserm ersten Eintritt veranlaßt
worden war, auf eine Weise, die es wahrscheinlich machte, daß der
Oheim, wenn er gleich gegen das Publikum Ursache habe, seine Abkunft
zu verbergen, doch gegen seine Freunde und Bekannten kein Geheimnis
daraus mache.

Die Schwester, welche während dieser Unterredung herbeigetreten war
und durch die Gegenwart des Bruders, wahrscheinlich auch durch die
Abwesenheit des gestrigen Freundes mehr Mut bekam, fing gleichfalls an,
sehr artig und lebhaft zu sprechen. Sie baten sehr, sie ihrem Onkel,
wenn ich ihm schriebe, zu empfehlen; ebensosehr aber, wenn ich diese
Reise durchs Königreich gemacht, wiederzukommen und das Rosalienfest
mit ihnen zu begehen.

Die Mutter stimmte mit den Kindern ein. "Mein Herr", sagte sie, "ob
es sich zwar eigentlich nicht schickt, da ich eine erwachsene Tochter
habe, fremde Männer in meinem Hause zu sehen, und man Ursache hat,
sich sowohl vor der Gefahr als der Nachrede zu hüten, so sollen Sie
uns doch immer willkommen sein, wenn Sie in diese Stadt zurückkehren."

"O ja", versetzten die Kinder, "wir wollen den Herrn beim Feste
herumführen, wir wollen ihm alles zeigen, wir wollen uns auf die
Gerüste setzen, wo wir die Feierlichkeit am besten sehen können. Wie
wird er sich über den großen Wagen und besonders über die prächtige
Illumination freuen!"

Indessen hatte die Großmutter den Brief gelesen und wieder gelesen.
Da sie hörte, daß ich Abschied nehmen wollte, stand sie auf und
übergab mir das zusammengefaltete Papier. "Sagen Sie meinem Sohn",
fing sie mit einer edlen Lebhaftigkeit, ja einer Art von Begeisterung
an, "sagen Sie meinem Sohn, wie glücklich mich die Nachricht gemacht
hat, die Sie mir von ihm gebracht haben! Sagen Sie ihm, daß ich ihn
so an mein Herz schließe"--hier streckte sie die Arme auseinander und
drückte sie wieder auf ihre Brust zusammen--, "daß ich täglich Gott
und unsere heilige Jungfrau für ihn im Gebet anflehe, daß ich ihm und
seiner Frau meinen Segen gebe, und daß ich nur wünsche, ihn vor meinem
Ende noch einmal mit diesen Augen zu sehen, die so viele Tränen über
ihn vergossen haben."

Die eigne Zierlichkeit der italienischen Sprache begünstigte die Wahl
und die edle Stellung dieser Worte, welche noch überdies von lebhaften
Gebärden begleitet wurden, womit jene Nation über ihre äußerungen
einen unglaublichen Reiz zu verbreiten gewohnt ist.

Ich nahm nicht ohne Rührung von ihnen Abschied. Sie reichten mir alle
die Hände, die Kinder geleiteten mich hinaus, und indes ich die Treppe
hinunterging, sprangen sie auf den Balkon des Fensters, das aus der
Küche auf die Straße ging, riefen mir nach, winkten mir Grüße zu und
wiederholten, daß ich ja nicht vergessen möchte, wiederzukommen. Ich
sah sie noch auf dem Balkon stehen, als ich um die Ecke herumging.

Ich brauche nicht zu sagen, daß der Anteil, den ich an dieser Familie
nahm, den lebhaften Wunsch in mir erregte, ihr nützlich zu sein und
ihrem Bedürfnis zu Hülfe zu kommen. Sie war nun durch mich abermals
hintergangen, und ihre Hoffnungen auf eine unerwartete Hülfe waren
durch die Neugierde des nördlichen Europas auf dem Wege, zum
zweitenmal getäuscht zu werden.

Mein erster Vorsatz war, ihnen vor meiner Abreise jene vierzehn Unzen
zuzustellen, die ihnen der Flüchtling schuldig geblieben, und durch
die Vermutung, daß ich diese Summe von ihm wiederzuerhalten hoffte,
mein Geschenk zu bedecken; allein als ich zu Hause meine Rechnung
machte, meine Kasse und Papiere überschlug, sah ich wohl, daß in einem
Lande, wo durch den Mangel von Kommunikation die Entfernung gleichsam
ins Unendliche wächst, ich mich selbst in Verlegenheit setzen würde,
wenn ich mir anmaßte, die Ungerechtigkeit eines frechen Menschen durch
eine herzliche Gutmütigkeit zu verbessern.

Gegen Abend trat ich noch zu meinem Handelsmanne und fragte ihn, wie
denn das Fest morgen ablaufen werde, da eine große Prozession durch
die Stadt ziehen und der Vizekönig selbst das Heiligste zu Fuß
begleiten solle. Der geringste Windstoß müsse ja Gott und Menschen in
die dickste Staubwolke verhüllen.

Der muntere Mann versetzte, daß man in Palermo sich gern auf ein
Wunder verlasse. Schon mehrmals in ähnlichen Fällen sei ein
gewaltsamer Platzregen gefallen und habe die meist abhängige Straße
wenigstens zum Teil rein abgeschwemmt und der Prozession reinen Weg
gebahnt. Auch diesmal hege man die gleiche Hoffnung nicht ohne Grund,
denn der Himmel überziehe sich und verspreche Regen auf die Nacht.

Palermo, Sonntag, den 15. April 1787.

Und so geschah es denn auch! der gewaltsamste Regenguß fiel vergangene
Nacht vom Himmel. Sogleich morgens eilte ich auf die Straße, um Zeuge
des Wunders zu sein. Und es war wirklich seltsam genug. Der zwischen
den beiderseitigen Schrittsteinen eingeschränkte Regenstrom hatte das
leichteste Kehricht die abhängige Straße herunter, teils nach dem
Meere, teils in die Abzüge, insofern sie nicht verstopft waren,
fortgetrieben, das gröbere Geströhde wenigstens von einem Orte zum
andern geschoben und dadurch wundersame, reine Mäander auf das
Pflaster gezeichnet. Nun waren hundert und aber hundert Menschen mit
Schaufeln, Besen und Gabeln dahinterher, diese reinen Stellen zu
erweitern und in Zusammenhang zu bringen, indem sie die noch
übriggebliebenen Unreinigkeiten bald auf diese, bald auf jene Seite
häuften. Daraus erfolgte denn, daß die Prozession, als sie begann,
wirklich einen reinlichen Schlangenweg durch den Morast gebahnt sah
und sowohl die sämtliche langbekleidete Geistlichkeit als der
nettfüßige Adel, den Vizekönig an der Spitze, ungehindert und
unbesudelt durchschreiten konnte. Ich glaubte die Kinder Israel zu
sehen, denen durch Moor und Moder von Engelshand ein trockner Pfad
bereitet wurde, und veredelte mir in diesem Gleichnisse den
unerträglichen Anblick, so viel andächtige und anständige Menschen
durch eine Allee von feuchten Kothaufen durchbeten und durchprunken zu
sehen.

Auf den Schrittsteinen hatte man nach wie vor reinlichen Wandel, im
Innern der Stadt hingegen, wohin uns die Absicht, verschiedenes bis
jetzt Vernachlässigtes zu sehen, gerade heute gehen hieß, war es fast
unmöglich, durchzukommen, obgleich auch hier das Kehren und Aufhäufen
nicht versäumt war.

Diese Feierlichkeit gab uns Anlaß, die Hauptkirche zu besuchen und
ihre Merkwürdigkeiten zu betrachten, auch, weil wir einmal auf den
Beinen waren, uns nach andern Gebäuden umzusehen; da uns denn ein
maurisches, bis jetzt wohlerhaltenes Haus gar sehr ergötzte--nicht
groß, aber mit schönen, weiten und wohlproportionierten, harmonischen
Räumen; in einem nördlichen Klima nicht eben bewohnbar, im südlichen
ein höchst willkommener Aufenthalt. Die Baukundigen mögen uns davon
Grund--und Aufriß überliefern.

Auch sahen wir in einem unfreundlichen Lokal verschiedene Reste
antiker marmorner Statuen, die wir aber zu entziffern keine Geduld
hatten.

Palermo, Montag, den 16. April 1787.

Da wir uns nun selbst mit einer nahen Abreise aus diesem Paradies
bedrohen müssen, so hoffte ich, heute noch im öffentlichen Garten ein
vollkommenes Labsal zu finden, mein Pensum in der "Odyssee" zu lesen
und auf einem Spaziergang nach dem Tale am Fuße des Rosalienbergs den
Plan der "Nausikaa" weiter durchzudenken und zu versuchen, ob diesem
Gegenstande eine dramatische Seite abzugewinnen sei. Dies alles ist,
wo nicht mit großem Glück, doch mit vielem Behagen geschehen. Ich
verzeichnete den Plan und konnte nicht unterlassen, einige Stellen,
die mich besonders anzogen, zu entwerfen und auszuführen.

Palermo, Dienstag, den 17. April 1787.

Es ist ein wahres Unglück, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt
und versucht wird! Heute früh ging ich mit dem festen, ruhigen
Vorsatz, meine dichterischen Träume fortzusetzen, nach dem
öffentlichen Garten, allein eh' ich mich's versah, erhaschte mich ein
anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen. Die
vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kübeln und Töpfen, ja die größte
Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen
hier froh und frisch unter freiem Himmel, und indem sie ihre
Bestimmung vollkommen erfüllen, werden sie uns deutlicher. Im
Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes fiel mir die alte
Grille wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze
entdecken könnte. Eine solche muß es denn doch geben! Woran würde
ich sonst erkennen, daß dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei,
wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären?

Ich bemühte mich zu untersuchen, worin denn die vielen abweichenden
Gestalten voneinander unterschieden seien. Und ich fand sie immer
mehr ähnlich als verschieden, und wollte ich meine botanische
Terminologie anbringen, so ging das wohl, aber es fruchtete nicht, es
machte mich unruhig, ohne daß es mir weiterhalf. Gestört war mein
guter poetischer Vorsatz, der Garten des Alcinous war verschwunden,
ein Weltgarten hatte sich aufgetan. Warum sind wir Neueren doch so
zerstreut, warum gereizt zu Forderungen, die wir nicht erreichen noch
erfüllen können!

Alcamo, Mittwoch, den 18. April 1787.

Beizeiten ritten wir aus Palermo. Kniep und der Vetturin hatten sich
beim Ein--und Aufpacken vortrefflich erwiesen. Wir zogen langsam die
herrliche Straße hinauf, die uns schon beim Besuch auf San Martino
bekannt geworden, und bewunderten abermals eine der Prachtfontänen am
Wege, als wir auf die mäßige Sitte dieses Landes vorbereitet wurden.
Unser Reitknecht nämlich hatte ein kleines Weinfäßchen am Riemen
umgehängt, wie unsere Marketenderinnen pflegen, und es schien für
einige Tage genugsam Wein zu enthalten. Wir verwunderten uns daher,
als er auf eine der vielen Springröhren losritt, den Pfropf eröffnete
und Wasser einlaufen ließ. Wir fragten mit wahrhaft deutschem
Erstaunen, was er da vorhabe, ob das Fäßchen nicht voll Wein sei,
worauf er mit großer Gelassenheit erwiderte, er habe ein Drittel davon
leer gelassen, und weil niemand ungemischten Wein trinke, so sei es
besser, man mische ihn gleich im ganzen, da vereinigten sich die
Flüssigkeiten besser und man sei ja nicht sicher, überall Wasser zu
finden. Indessen war das Fäßchen gefüllt, und wir mußten uns diesen
altorientalischen Hochzeitsgebrauch gefallen lassen.

Als wir nun hinter Monreale auf die Höhen gelangten, sahen wir
wunderschöne Gegenden, mehr im historischen als ökonomischen Stil.
Wir blickten rechter Hand bis ans Meer, das zwischen den wundersamsten
Vorgebirgen über baumreiche und baumlose Gestade seine schnurgerade
Horizontallinie hinzog und so, entschieden ruhig, mit den wilden
Kalkfelsen herrlich kontrastierte. Kniep enthielt sich nicht, deren
in kleinem Format mehrere zu umreißen.

Nun sind wir in Alcamo, einem stillen, reinlichen Städtchen, dessen
wohleingerichteter Gasthof als eine schöne Anstalt zu rühmen ist, da
man von hier aus den abseits und einsam belegenen Tempel von Segesta
bequem besuchen kann.

Alcamo, Donnerstag, den 19. April 1787.

Die gefällige Wohnung in einem ruhigen Bergstädtchen zieht uns an, und
wir fassen den Entschluß, den ganzen Tag hier zuzubringen. Da mag
denn vor allen Dingen von gestrigen Ereignissen die Rede sein. Schon
früher leugnete ich des Prinzen Pallagonia Originalität; er hat
Vorgänger gehabt und Muster gefunden. Auf dem Wege nach Monreale
stehen zwei Ungeheuer an einer Fontäne und auf dem Geländer einige
Vasen, völlig, als wenn sie der Fürst bestellt hätte.

Hinter Monreale, wenn man den schönen Weg verläßt und ins steinichte
Gebirge kommt, liegen oben auf dem Rücken Steine im Weg, die ich ihrer
Schwere und Anwitterung nach für Eisenstein hielt. Alle Landesflächen
sind bebaut und tragen besser oder schlechter. Der Kalkstein zeigte
sich rot, die verwitterte Erde an solchen Stellen desgleichen. Diese
rote, tonig-kalkige Erde ist weit verbreitet, der Boden schwer, kein
Sand darunter, trägt aber trefflichen Weizen. Wir fanden alte, sehr
starke, aber verstümmelte ölbäume.

Unter dem Obdach einer luftigen, an der schlechten Herberge
vorgebauten Halle erquickten wir uns an einem mäßigen Imbiß. Hunde
verzehrten begierig die weggeworfenen Schalen unserer Würste, ein
Betteljunge vertrieb sie und speiste mit Appetit die Schalen der äpfel,
die wir verzehrten, dieser aber ward gleichfalls von einem alten
Bettler verjagt. Handwerksneid ist überall zu Hause. In einer
zerlumpten Toga lief der alte Bettler hin und wider als Hausknecht
oder Kellner. So hatte ich auch schon früher gesehen, daß, wenn man
etwas von einem Wirte verlangt, was er gerade nicht im Hause hat, so
läßt er es durch einen Bettler beim Krämer holen.

Doch sind wir gewöhnlich vor einer so unerfreulichen Bedienung bewahrt,
da unser Vetturin vortrefflich ist--Stallknecht, Cicerone, Garde,
Einkäufer, Koch und alles.

Auf den höheren Bergen findet sich noch immer der ölbaum, Caruba,
Fraxinus. Ihr Feldbau ist auch in drei Jahre geteilt. Bohnen,
Getreide und Ruhe, wobei sie sagen: "Mist tut mehr Wunder als die
Heiligen." Der Weinstock wird sehr niedrig gehalten.

Die Lage von Alcamo ist herrlich auf der Höhe in einiger Entfernung
vom Meerbusen, die Großheit der Gegend zog uns an. Hohe Felsen, tiefe
Täler dabei, aber Weite und Mannigfaltigkeit. Hinter Monreale rückt
man in ein schönes doppeltes Tal, in dessen Mitte sich noch ein
Felsrücken herzieht. Die fruchtbaren Felder stehen grün und still,
indes auf dem breiten Wege wildes Gebüsch und Staudenmassen wie
unsinnig von Blüten glänzt: der Linsenbusch, ganz gelb von
Schmetterlingsblumen überdeckt, kein grünes Blatt zu sehen, der
Weißdorn, Strauß an Strauß, die Aloen rücken in die Höhe und deuten
auf Blüten, reiche Teppiche von amarantrotem Klee, die Insektenophrys,
Alpenröslein, Hyazinthen mit geschlossenen Glocken, Borraß, Allien,
Asphodelen.

Das Wasser, das von Segesta herunterkommt, bringt außer Kalksteinen
viele Hornsteingeschiebe, sie sind sehr fest, dunkelblau, rot, gelb,
braun, von den verschiedensten Schattierungen. Auch anstehend als
Gänge fand ich Horn--oder Feuersteine in Kalkfelsen, mit Sahlband von
Kalk. Von solchem Geschiebe findet man ganze Hügel, ehe man nach
Alcamo kommt.

Segesta, den 20. April 1787.

Der Tempel von Segesta ist nie fertig geworden, und man hat den Platz
um denselben nie verglichen, man ebnete nur den Umkreis, worauf die
Säulen gegründet werden sollten; denn noch jetzt stehen die Stufen an
manchen Orten neun bis zehn Fuß in der Erde, und es ist kein Hügel in
der Nähe, von dem Steine und Erdreich hätten herunterkommen können.
Auch liegen die Steine in ihrer meist natürlichen Lage, und man findet
keine Trümmer darunter.

Segesta. Kupferstich von Chatelet

Die Säulen stehen alle; zwei, die umgefallen waren, sind neuerdings
wieder hergestellt. Inwiefern die Säulen Sockel haben sollten, ist
schwer zu bestimmen und ohne Zeichnung nicht deutlich zu machen. Bald
sieht es aus, als wenn die Säule auf der vierten Stufe stände, da muß
man aber wieder eine Stufe zum Innern des Tempels hinab, bald ist die
oberste Stufe durchschnitten, dann sieht es aus, als wenn die Säulen
Basen hätten, bald sind diese Zwischenräume wieder ausgefüllt, und da
haben wir wieder den ersten Fall. Der Architekt mag dies genauer
bestimmen.

Die Nebenseiten haben zwölf Säulen ohne die Ecksäulen, die vordere und
hintere Seite sechs mit den Ecksäulen. Die Zapfen, an denen man die
Steine transportiert, sind an den Stufen des Tempels ringsum nicht
weggehauen, zum Beweis, daß der Tempel nicht fertig geworden. Am
meisten zeugt davon aber der Fußboden: derselbe ist von den Seiten
herein an einigen Orten durch Platten angegeben, in der Mitte aber
steht noch der rohe Kalkfels höher als das Niveau des angelegten
Bodens; er kann also nie geplattet gewesen sein. Auch ist keine Spur
von innerer Halle. Noch weniger ist der Tempel mit Stuck überzogen
gewesen, daß es aber die Absicht war, läßt sich vermuten: an den
Platten der Kapitäle sind Vorsprünge, wo sich vielleicht der Stuck
anschließen sollte. Das Ganze ist aus einem travertinähnlichen
Kalkstein gebaut, jetzt sehr verfressen. Die Restauration von 1781
hat dem Gebäude sehr wohl getan. Der Steinschnitt, der die Teile
zusammenfügt, ist einfach, aber schön. Die großen besonderen Steine,
deren Riedesel erwähnt, konnt' ich nicht finden, sie sind vielleicht
zu Restauration der Säulen verbraucht worden.

Die Lage des Tempels ist sonderbar: am höchsten Ende eines weiten,
langen Tales, auf einem isolierten Hügel, aber doch noch von Klippen
umgeben, sieht er über viel Land in eine weite Ferne, aber nur ein
Eckchen Meer. Die Gegend ruht in trauriger Fruchtbarkeit, alles
bebaut und fast nirgends eine Wohnung. Auf blühenden Disteln
schwärmten unzählige Schmetterlinge. Wilder Fenchel stand acht bis
neun Fuß hoch verdorret von vorigem Jahr her so reichlich und in
scheinbarer Ordnung, daß man es für die Anlage einer Baumschule hätte
halten können. Der Wind sauste in den Säulen wie in einem Walde, und
Raubvögel schwebten schreiend über dem Gebälke.

Die Mühseligkeit, in den unscheinbaren Trümmern eines Theaters
herumzusteigen, benahm uns die Lust, die Trümmer der Stadt zu besuchen.
Am Fuße des Tempels finden sich große Stücke jenes Hornsteins, und
der Weg nach Alcamo ist mit unendlichen Geschieben desselben gemischt.
Hiedurch kommt ein Anteil Kieselerde in den Boden, wodurch er
lockerer wird. An frischem Fenchel bemerkte ich den Unterschied der
unteren und oberen Blätter, und es ist doch nur immer dasselbe Organ,
das sich aus der Einfachheit zur Mannigfaltigkeit entwickelt. Man
gätet hier sehr fleißig, die Männer gehen wie bei einem Treibjagen das
ganze Feld durch. Insekten lassen sich auch sehen. In Palermo hatte
ich nur Gewürm bemerkt, Eidechsen, Blutegel, Schnecken, nicht schöner
gefärbt als unsere, ja nur grau.

Castel Vetrano, Sonnabend, den 21. April 1787

Von Alcamo auf Castel Vetrano kommt man am Kalkgebirge her über
Kieshügel. Zwischen den steilen, unfruchtbaren Kalkbergen weite,
hüglige Täler, alles bebaut, aber fast kein Baum. Die Kieshügel voll
großer Geschiebe, auf alte Meeresströmungen hindeutend; der Boden
schön gemischt, leichter als bisher, wegen des Anteils von Sand.
Salemi blieb uns eine Stunde rechts, hier kamen wir über Gipsfelsen,
dem Kalke vorliegend, das Erdreich immer trefflicher gemischt. In der
Ferne sieht man das westliche Meer. Im Vordergrund das Erdreich
durchaus hüglig. Wir fanden ausgeschlagne Feigenbäume, was aber Lust
und Bewunderung erregte, waren unübersehbare Blumenmassen, die sich
auf dem überbreiten Wege angesiedelt hatten und in großen, bunten,
aneinander stoßenden Flächen sich absonderten und wiederholten. Die
schönsten Winden, Hibiscus und Malven, vielerlei Arten Klee herrschten

Book of the day: