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Italienische Reise-Teil 1 by Johann Wolfgang Goethe

Part 3 out of 7

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Seiten in der Ferne von Hügeln eingefaßten Tale hin, endlich sah ich
Assisi liegen.

Der Minervatempel in Assisi. Aquarell von Ruhl

Aus Palladio und Volkmann wußte ich, daß ein köstlicher Tempel der
Minerva, zu Zeiten Augusts gebaut, noch vollkommen erhalten dastehe.
Ich verließ bei Madonna delAngelo meinen Vetturin, der seinen Weg nach
Foligno verfolgte, und stieg unter einem starken Wind nach Assisi
hinauf, denn ich sehnte mich, durch die für mich so einsame Welt eine
Fußwanderung anzustellen. Die ungeheueren Substruktionen der
babylonisch übereinander getürmten Kirchen, wo der heilige Franziskus
ruht, ließ ich links mit Abneigung, denn ich dachte mir, daß darin die
Köpfe so wie mein Hauptmannskopf gestempelt würden. Dann fragte ich
einen hübschen Jungen nach der Maria della Minerva; er begleitete mich
die Stadt hinauf, die an einen Berg gebaut ist. Endlich gelangten wir
in die eigentliche alte Stadt, und siehe, das löblichste Werk stand
vor meinen Augen, das erste vollständige Denkmal der alten Zeit, das
ich erblickte. Ein bescheidener Tempel, wie er sich für eine so
kleine Stadt schickte, und doch so vollkommen, so schön gedacht, daß
er überall glänzen würde. Nun vorerst von seiner Stellung! Seitdem
ich in Vitruv und Palladio gelesen, wie man Städte bauen, Tempel und
öffentliche Gebäude stellen müsse, habe ich einen großen Respekt vor
solchen Dingen. Auch hierin waren die Alten so groß im Natürlichen.
Der Tempel steht auf der schönen mittlern Höhe des Berges, wo eben
zwei Hügel zusammentreffen, auf dem Platz, der noch jetzt "der Platz"
heißt. Dieser steigt selbst ein wenig an, und es kommen auf demselben
vier Straßen zusammen, die ein sehr gedrücktes Andreaskreuz machen,
zwei von unten herauf, zwei von oben herunter. Wahrscheinlich standen
zur alten Zeit die Häuser noch nicht, die jetzt, dem Tempel gegenüber
gebaut, die Aussicht versperren. Denkt man sie weg, so blickte man
gegen Mittag in die reichste Gegend, und zugleich würde Minervens
Heiligtum von allen Seiten her gesehen. Die Anlage der Straßen mag
alt sein; denn sie folgen aus der Gestalt und dem Abhange des Berges.
Der Tempel steht nicht in der Mitte des Platzes, aber so gerichtet,
daß er dem von Rom Heraufkommenden verkürzt gar schön sichtbar wird.
Nicht allein das Gebäude sollte man zeichnen, sondern auch die
glückliche Stellung.

An der Fassade konnte ich mich nicht satt sehen, wie genialisch
konsequent auch hier der Künstler gehandelt. Die Ordnung ist
korinthisch, die Säulenweiten etwas über zwei Model. Die Säulenfüße
und die Platten darunter scheinen auf Piedestalen zu stehen, aber es
scheint auch nur; denn der Sockel ist fünfmal durchschnitten, und
jedesmal gehen fünf Stufen zwischen den Säulen hinauf, da man denn auf
die Fläche gelangt, worauf eigentlich die Säulen stehen, und von
welcher man auch in den Tempel hineingeht. Das Wagstück, den Sockel
zu durchschneiden, war hier am rechten Platze, denn da der Tempel am
Berge liegt, so hätte die Treppe, die zu ihm hinaufführte, viel zu
weit vorgelegt werden müssen und würde den Platz verengt haben.
Wieviel Stufen noch unterhalb gelegen, läßt sich nicht bestimmen; sie
sind außer wenigen verschüttet und zugepflastert. Ungern riß ich mich
von dem Anblick los und nahm mir vor, alle Architekten auf dieses
Gebäude aufmerksam zu machen, damit uns ein genauer Riß davon zukäme.
Denn was überlieferung für ein schlechtes Ding sei, mußte ich dieses
Mal wieder bemerken. Palladio, auf den ich alles vertraute, gibt zwar
dieses Tempels Bild, er kann ihn aber nicht selbst gesehen haben, denn
er setzt wirklich Piedestale auf die Fläche, wodurch die Säulen
unmäßig in die Höhe kommen und ein garstiges palmyrisches Ungeheuer
entsteht, anstatt daß in der Wirklichkeit ein ruhiger, lieblicher, das
Auge und den Verstand befriedigender Anblick erfreut. Was sich durch
die Beschauung dieses Werks in mir entwickelt, ist nicht auszusprechen
und wird ewige Früchte bringen. Ich ging am schönsten Abend die
römische Straße bergab, im Gemüt zum schönsten beruhigst, als ich
hinter mir rauhe, heftige Stimmen vernahm, die untereinander stritten.
Ich vermutete, daß es die Sbirren sein möchten, die ich schon in der
Stadt bemerkt hatte. Ich ging gelassen vor mich hin und horchte
hinterwärts. Da konnte ich nun gar bald bemerken, daß es auf mich
gemünzt sei. Vier solcher Menschen, zwei davon mit Flinten bewaffnet,
in unerfreulicher Gestalt, gingen vor mir vorbei, brummten, kehrten
nach einigen Schritten zurück und umgaben mich. Sie fragten, wer ich
wäre und was ich hier täte. Ich erwiderte, ich sei ein Fremder, der
seinen Weg über Assisi zu Fuße mache, indessen der Vetturin nach
Foligno fahre. Dies kam ihnen nicht wahrscheinlich vor, daß jemand
einen Wagen bezahle und zu Fuße gehe. Sie fragten, ob ich im Gran
Convento gewesen sei. Ich verneinte dies und versicherte ihnen, ich
kenne das Gebäude von alten Zeiten her. Da ich aber ein Baumeister
sei, habe ich diesmal nur die Maria della Minerva in Augenschein
genommen, welches, wie sie wüßten, ein musterhaftes Gebäude sei. Das
leugneten sie nicht, nahmen aber sehr übel, daß ich dem Heiligen meine
Aufwartung nicht gemacht, und gaben ihren Verdacht zu erkennen, daß
wohl mein Handwerk sein möchte, Kontrebande einzuschwärzen. Ich
zeigte ihnen das Lächerliche, daß ein Mensch, der allein auf der
Straße gehe, ohne Ranzen, mit leeren Taschen, für einen
Kontrebandisten gehalten werden solle. Darauf erbot ich mich, mit
ihnen nach der Stadt zurück und zum Podestà zu gehen, ihm meine
Papiere vorzulegen, da er mich denn als einen ehrenvollen Fremden
anerkennen werde. Sie brummten hierauf und meinten, es sei nicht
nötig, und als ich mich immerfort mit entschiedenem Ernst betrug,
entfernten sie sich endlich wieder nach der Stadt zu. Ich sah ihnen
nach. Da gingen nun diese rohen Kerle im Vordergrunde, und hinter
ihnen her blickte mich die liebliche Minerva noch einmal sehr
freundlich und tröstend an, dann schaute ich links auf den tristen Dom
des heiligen Franziskus und wollte meinen Weg verfolgen, als einer der
Unbewaffneten sich von der Truppe sonderte und ganz freundlich auf
mich los kam. Grüßend sagte er sogleich: "Ihr solltet, mein Herr
Fremder, wenigstens mir ein Trinkgeld geben, denn ich versichere, daß
ich Euch alsobald für einen braven Mann gehalten und dies laut gegen
meine Gesellen erklärt habe. Das sind aber Hitzköpfe und gleich oben
hinaus und haben keine Weltkenntnis. Auch werdet Ihr bemerkt haben,
daß ich Euren Worten zuerst Beifall und Gewicht gab." Ich lobte ihn
deshalb und ersuchte ihn, ehrenhafte Fremde, die nach Assisi sowohl
wegen der Religion als wegen der Kunst kämen, zu beschützen; besonders
die Baumeister, die zum Ruhme der Stadt den Minerventempel, den man
noch niemals recht gezeichnet und in Kupfer gestochen, nunmehro messen
und abzeichnen wollten. Er möchte ihnen zur Hand gehen, da sie sich
denn gewiß dankbar erweisen würden, und somit drückte ich ihm einige
Silberstücke in die Hand, die ihn über seine Erwartung erfreuten. Er
bat mich, ja wiederzukommen, besonders müsse ich das Fest des Heiligen
nicht versäumen, wo ich mich mit größter Sicherheit erbauen und
vergnügen sollte. Ja, wenn es mir, als einem hübschen Manne, wie
billig, um ein hübsches Frauenzimmer zu tun sei, so könne er mir
versichern, daß die schönste und ehrbarste Frau von ganz Assisi auf
seine Empfehlung mich mit Freuden aufnehmen werde. Er schied nun
beteurend, daß er noch heute abend bei dem Grabe des Heiligen meiner
in Andacht gedenken und für meine fernere Reise beten wolle. So
trennten wir uns, und mir war sehr wohl, mit der Natur und mit mir
selbst wieder allein zu sein. Der Weg nach Foligno war einer der
schönsten und anmutigsten Spaziergänge, die ich jemals zurückgelegt.
Vier volle Stunden an einem Berge hin, rechts ein reichbebautes Tal.

Mit den Vetturinen ist es eine leidige Fahrt; das Beste, daß man ihnen
bequem zu Fuße folgen kann. Von Ferrara lass' ich mich nun immer bis
hieher so fortschleppen. Dieses Italien, von Natur höchlich
begünstiget, blieb in allem Mechanischen und Technischen, worauf doch
eine bequemere und frischere Lebensweise gegründet ist, gegen alle
Länder unendlich zurück. Das Fuhrwerk der Vetturine, welches noch
Sedia, ein Sessel, heißt, ist gewiß aus den alten Tragsesseln
entstanden, in welchen sich Frauen, ältere und vornehmere Personen von
Maultieren tragen ließen. Statt des hintern Maultiers, das man hervor
neben die Gabel spannte, setzte man zwei Räder unter, und an keine
weitere Verbesserung ward gedacht. Man wird wie vor Jahrhunderten
noch immer fortgeschaukelt, und so sind sie in ihren Wohnungen und
allem.

Wenn man die erste poetische Idee, daß die Menschen meist unter freiem
Himmel lebten und sich gelegentlich manchmal aus Not in Höhlen
zurückzogen, noch realisiert sehen will, so muß man die Gebäude hier
herum, besonders auf dem Lande, betreten, ganz im Sinn und Geschmack
der Höhlen. Eine so unglaubliche Sorglosigkeit haben sie, um über dem
Nachdenken nicht zu veralten. Mt unerhörtem Leichtsinn versäumen sie,
sich auf den Winter, auf längere Nächte vorzubereiten, und leiden
deshalb einen guten Teil des Jahres wie die Hunde. Hier in Foligno,
in einer völlig homerischen Haushaltung, wo alles um ein auf der Erde
brennendes Feuer in einer großen Halle versammelt ist, schreit und
lärmt, am langen Tische speist, wie die Hochzeit von Kana gemalt wird,
ergreife ich die Gelegenheit, dieses zu schreiben, da einer ein
Tintenfaß holen läßt, woran ich unter solchen Umständen nicht gedacht
hätte. Aber man sieht auch diesem Blatt die Kälte und die
Unbequemlichkeit meines Schreibtisches an.

Jetzt fühl' ich wohl die Verwegenheit, unvorbereitet und unbegleitet
in dieses Land zu gehen. Mit dem verschiedenen Gelde, den Vetturinen,
den Preisen, den schlechten Wirtshäusern ist es eine tagtägliche Not,
daß einer, der zum ersten Male wie ich allein geht und ununterbrochnen
Genuß hoffte und suchte, sich unglücklich genug fühlen müßte. Ich
habe nichts gewollt, als das Land sehen, auf welche Kosten es sei, und
wenn sie mich auf Ixions Rad nach Rom schleppen, so will ich mich
nicht beklagen.

Terni, den 27. Oktober, abends.

Wieder in einer Höhle sitzend, die vor einem Jahr vom Erdbeben
gelitten; das Städtchen liegt in einer köstlichen Gegend, die ich auf
einem Rundgange um dasselbe her mit Freuden beschaute, am Anfang einer
schönen Plaine zwischen Bergen, die alle noch Kalk sind. Wie Bologna
drüben, so ist Terni hüben an den Fuß des Gebirgs gesetzt.

Bei Terni. Zeichnung von Goethe

Nun da der päpstliche Soldat mich verlassen, ist ein Priester mein
Gefährte. Dieser scheint schon mehr mit seinem Zustande zufrieden und
belehrt mich, den er freilich schon als Ketzer erkennt, auf meine
Fragen sehr gern von dem Ritus und andern dahin gehörigen Dingen.
Dadurch, daß ich immer wieder unter neue Menschen komme, erreiche ich
durchaus meine Absicht; man muß das Volk nur untereinander reden hören,
was das für ein lebendiges Bild des ganzen Landes gibt. Sie sind auf
die wunderbarste Weise sämtlich Widersacher, haben den sonderbarsten
Provinzial--und Stadteifer, können sich alle nicht leiden, die Stände
sind in ewigem Streit, und das alles mit immer lebhafter gegenwärtiger
Leidenschaft, daß sie einem den ganzen Tag Komödie geben und sich
bloßstellen, und doch fassen sie zugleich wieder auf und merken gleich,
wo der Fremde sich in ihr Tun und Lassen nicht finden kann.

Spoleto hab' ich bestiegen und war auf der Wasserleitung, die zugleich
Brücke von einem Berg zu einem andern ist. Die zehen Bogen, welche
über das Tal reichen, stehen von Backsteinen ihre Jahrhunderte so
ruhig da, und das Wasser quillt immer noch in Spoleto an allen Orten
und Enden. Das ist nun das dritte Werk der Alten, das ich sehe, und
immer derselbe große Sinn. Eine zweite Natur, die zu bürgerlichen
Zwecken handelt, das ist ihre Baukunst, so steht das Amphitheater, der
Tempel und der Aquadukt. Nun fühle ich erst, wie mir mit Recht alle
Willkürlichkeiten verhaßt waren, wie z. B. der Winterkasten auf dem
Weißenstein, ein Nichts um Nichts, ein ungeheurer Konfektaufsatz, und
so mit tausend andern Dingen. Das steht nun alles totgeboren da, denn
was nicht eine wahre innere Existenz hat, hat kein Leben und kann
nicht groß sein und nicht groß werden.

Was bin ich nicht den letzten acht Wochen schuldig geworden an Freuden
und Einsicht; aber auch Mühe hat mich's genug gekostet. Ich halte die
Augen nur immer offen und drücke mir die Gegenstände recht ein.
Urteilen möchte ich gar nicht, wenn es nur möglich wäre.

San Crocefisso, eine wunderliche Kapelle am Wege, halte ich nicht für
den Rest eines Tempels, der am Orte stand, sondern man hat Säulen,
Pfeiler, Gebälke gefunden und zusammengeflickt, nicht dumm, aber toll.
Beschreiben läßt sich's gar nicht, es ist wohl irgendwo in Kupfer
gestochen.

Und so wird es einem denn doch wunderbar zumute, daß uns, indem wir
bemüht sind, einen Begriff des Altertums zu erwerben, nur Ruinen
entgegenstellen, aus denen man sich nun wieder das kümmerlich
aufzuerbauen hätte, wovon man noch keinen Begriff hat.

Mit dem, was man klassischen Boden nennt, hat es eine andere
Bewandtnis. Wenn man hier nicht phantastisch verfährt, sondern die
Gegend real nimmt, wie sie daliegt, so ist sie doch immer der
entscheidende Schauplatz, der die größten Taten bedingt, und so habe
ich immer bisher den geologischen und landschaftlichen Blick benutzt,
um Einbildungskraft und Empfindung zu unterdrücken und mir ein freies,
klares Anschauen der Lokalität zu erhalten. Da schließt sich denn auf
eine wundersame Weise die Geschichte lebendig an, und man begreift
nicht, wie einem geschieht, und ich fühle die größte Sehnsucht, den
Tacitus in Rom zu lesen.

Das Wetter darf ich auch nicht ganz hintansetzen. Da ich von Bologna
die Apenninen heraufkam, zogen die Wolken noch immer nach Norden,
späterhin veränderten sie ihre Richtung und zogen nach dem
trasimenischen See. Hier blieben sie hangen, zogen auch wohl gegen
Mittag. Statt also daß die große Plaine des Po den Sommer über alle
Wolken nach dem Tiroler Gebirg schickt, sendet sie jetzt einen Teil
nach den Apenninen, daher mag die Regenzeit kommen.

Man fängt nun an, die Oliven abzulesen. Sie tun es hier mit den
Händen, an andern Orten schlagen sie mit Stöcken drein. Kommt ein
frühzeitiger Winter, so bleiben die übrigen bis gegen das Frühjahr
hängen. Heute habe ich auf sehr steinigem Boden die größten, ältesten
Bäume gesehen.

Die Gunst der Musen wie die der Dämonen besucht uns nicht immer zur
rechten Zeit. Heute ward ich aufgeregt, etwas auszubilden, was gar
nicht an der Zeit ist. Dem Mittelpunkte des Katholizismus mich
nähernd, von Katholiken umgeben, mit einem Priester in eine Sedie
eingesperrt, indem ich mit reinstem Sinn die wahrhafte Natur und die
edle Kunst zu beobachten und aufzufassen trachte, trat mir so lebhaft
vor die Seele, daß vom ursprünglichen Christentum alle Spur verloschen
ist; ja, wenn ich mir es in seiner Reinheit vergegenwärtigte, so wie
wir es in der Apostelgeschichte sehen, so mußte mir schaudern, was nun
auf jenen gemütlichen Anfängen ein unförmliches, ja barockes Heidentum
lastet. Da fiel mir der ewige Jude wieder ein, der Zeuge aller dieser
wundersamen Ent--und Aufwicklungen gewesen und so einen wunderlichen
Zustand erlebte, daß Christus selbst, als er zurückkommt, um sich nach
den Früchten seiner Lehre umzusehen, in Gefahr gerät, zum zweitenmal
gekreuzigt zu werden. Jene Legende: "Venio iterum crucifigi" sollte
mir bei dieser Katastrophe zum Stoff dienen.

Dergleichen Träume schweben mir vor. Denn aus Ungeduld, weiter zu
kommen, schlafe ich angekleidet und weiß nichts Hübscheres, als vor
Tag aufgeweckt zu werden, mich schnell in den Wagen zu setzen und
zwischen Schlaf und Wachen dem Tag entgegen zu fahren und dabei die
ersten besten Phantasiebilder nach Belieben walten zu lassen.

Città Castellana, den 28. Oktober.

Den letzten Abend will ich nicht fehlen. Es ist noch nicht acht Uhr
und alles schon zu Bette; so kann ich noch zu guter Letzt des
Vergangenen gedenken und mich aufs nächst Künftige freuen. Heute war
ein ganz heiterer, herrlicher Tag, der Morgen sehr kalt, der Tag klar
und warm, der Abend etwas windig, aber sehr schön.

Von Terni fuhren wir sehr früh aus; Narni kamen wir hinauf, ehe es Tag
war, und so habe ich die Brücke nicht gesehen. Täler und Tiefen,
Nähen und Fernen, köstliche Gegenden, alles Kalkgebirg, auch nicht
eine Spur eines andern Gesteins.

Otricoli liegt auf einem der von den ehemaligen Strömungen
zusammengeschwemmten Kieshügel und ist von Lava gebaut, jenseits des
Flusses hergeholt.

Sobald man über die Brücke hinüber ist, findet man sich im
vulkanischen Terrain, es sei nun unter wirklichen Laven oder unter
früherm Gestein, durch Röstung und Schmelzung verändert. Man steigt
einen Berg herauf, den man für graue Lava ansprechen möchte. Sie
enthält viele weiße, granatförmig gebildete Kristalle. Die Chaussee,
die von der Höhe nach Città Castellana geht, von eben diesem Stein,
sehr schön glatt gefahren, die Stadt auf vulkanischen Tuff gebaut, in
welchem ich Asche, Bimsstein und Lavastücke zu entdecken glaubte. Vom
Schlosse ist die Aussicht sehr schön; der Berg Soracte steht einzeln
gar malerisch da, wahrscheinlich ein zu den Apenninen gehöriger
Kalkberg. Die vulkanisierenden Strecken sind viel niedriger als die
Apenninen, und nur das durchreißende Wasser hat aus ihnen Berge und
Felsen gebildet, da denn herrlich malerische Gegenstände, überhangende
Klippen und sonstige landschaftliche Zufälligkeiten gebildet werden.

Morgen abend also in Rom. Ich glaube es noch jetzt kaum, und wenn
dieser Wunsch erfüllt ist, was soll ich mir nachher wünschen? Ich
wüßte nichts, als daß ich mit meinem Fasanenkahn glücklich zu Hause
landen und meine Freunde gesund, froh und wohlwollend antreffen möge.

Rom

Der Ponte Salaro bei Rom. Radierung von Mechau

Rom, den 1. November 1786.

Endlich kann ich den Mund auftun und meine Freunde mit Frohsinn
begrüßen. Verziehen sei mir das Geheimnis und die gleichsam
unterirdische Reise hierher. Kaum wagte ich mir selbst zu sagen,
wohin ich ging, selbst unterwegs fürchtete ich noch, und nur unter der
Porta del Popolo war ich mir gewiß, Rom zu haben.

Und laßt mich nun auch sagen, daß ich tausendmal, ja beständig eurer
gedenke in der nähe der gegenstände, die ich allein zu sehen niemals
glaubte. Nur da ich jedermann mit leib und seele in norden gefesselt,
alle anmutung nach diesen gegenden verschwunden sah, konnte ich mich
entschließen, einen langen, einsamen weg zu machen und den mittelpunkt
zu suchen, nach dem mich ein unwiderstehliches bedürfnis hinzog. Ja,
die letzten jahre wurde es eine art von krankheit, von der mich nur
der anblick und die gegenwart heilen konnte. Jetzt darf ich es
gestehen; zuletzt durft' ich kein lateinisch buch mehr ansehen, keine
zeichnung einer italienischen gegend. Die begierde, dieses land zu
sehen, war überreif: da sie befriedigt ist, werden mir freunde und
vaterland erst wieder recht aus dem grunde lieb und die rückkehr
wünschenswert, ja um desto wünschenswerter, da ich mit sicherheit
empfinde, daß ich so viele schätze nicht zu eignem besitz und
privatgebrauch mitbringe, sondern daß sie mir und andern durchs ganze
leben zur leitung und fördernis dienen sollen.

Rom, den 1. November 1786.

Ja, ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt! Wenn ich
sie in guter Begleitung, angeführt von einem recht verständigen Manne,
vor funfzehn Jahren gesehen hätte, wollte ich mich glücklich preisen.
Sollte ich sie aber allein, mit eignen Augen sehen und besuchen, so
ist es gut, daß mir diese Freude so spät zuteil ward.

über das Tiroler Gebirg bin ich gleichsam weggezogen. Verona, Vicenz,
Padua, Venedig habe ich gut, Ferrara, Cento, Bologna flüchtig und
Florenz kaum gesehen. Die Begierde, nach Rom zu kommen, war so groß,
wuchs so sehr mit jedem Augenblicke, daß kein Bleiben mehr war, und
ich mich nur drei Stunden in Florenz aufhielt. Nun bin ich hier und
ruhig und, wie es scheint, auf mein ganzes Leben beruhigt. Denn es
geht, man darf wohl sagen, ein neues Leben an, wenn man das Ganze mit
Augen sieht, das man teilweise in--und auswendig kennt. Alle Träume
meiner Jugend seh' ich nun lebendig; die ersten Kupferbilder, deren
ich mich erinnere (mein Vater hatte die Prospekte von Rom auf einem
Vorsaale aufgehängt), seh' ich nun in Wahrheit, und alles, was ich in
Gemälden und Zeichnungen, Kupfern und Holzschnitten, in Gips und Kork
schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir; wohin ich gehe,
finde ich eine Bekanntschaft in einer neuen Welt; es ist alles, wie
ich mir's dachte, und alles neu. Ebenso kann ich von meinen
Beobachtungen, von meinen Ideen sagen. Ich habe keinen ganz neuen
Gedanken gehabt, nichts ganz fremd gefunden, aber die alten sind so
bestimmt, so lebendig, so zusammenhängend geworden, daß sie für neu
gelten können.

Da Pygmalions Elise, die er sich ganz nach seinen Wünschen geformt und
ihr so viel Wahrheit und Dasein gegeben hatte, als der Künstler vermag,
endlich auf ihn zukam und sagte: "Ich bin's!", wie anders war die
Lebendige als der gebildete Stein!

Wie moralisch heilsam ist mir es dann auch, unter einem ganz
sinnlichen Volke zu leben, über das so viel Redens und Schreibens ist,
das jeder Fremde nach dem Maßstabe beurteilt, den er mitbringt. Ich
verzeihe jedem, der sie tadelt und schilt; sie stehn zu weit von uns
ab, und als Fremder mit ihnen zu verkehren, ist beschwerlich und
kostspielig.

Rom, den 3. November.

Einer der Hauptbeweggründe, die ich mir vorspiegelte, um nach Rom zu
eilen, war das Fest Allerheiligen, der erste November; denn ich dachte,
geschieht dem einzelnen Heiligen so viel Ehre, was wird es erst mit
allen werden. Allein wie sehr betrog ich mich! Kein auffallend
allgemeines Fest hatte die römische Kirche beliebt, und jeder Orden
mochte im besondern das Andenken seines Patrons im stillen feiern;
denn das Namensfest und der ihm zugeteilte Ehrentag ist's eigentlich,
wo jeder in seiner Glorie erscheint.

Der Monte Cavallo in Rom. Radierung von Pironesi.

Gestern aber, am Tage Allerseelen, gelang mir's besser. Das Andenken
dieser feiert der Papst in seiner Hauskapelle auf dem Quirinal.
Jedermann hat freien Zutritt. Ich eilte mit Tischbein auf den Monte
Cavallo. Der Platz vor dem Palaste hat was ganz eignes Individuelles,
so unregelmäßig als grandios und lieblich. Die beiden Kolossen
erblickt' ich nun! Weder Auge noch Geist sind hinreichend, sie zu
fassen. Wir eilten mit der Menge durch den prächtig geräumigen Hof
eine übergeräumige Treppe hinauf. In diesen Vorsälen, der Kapelle
gegenüber, in der Ansicht der Reihe von Zimmern, fühlt man sich
wunderbar unter einem Dache mit dem Statthalter Christi.

Die Funktion war angegangen, Papst und Kardinäle schon in der Kirche.
Der heilige Vater, die schönste, würdigste Männergestalt, Kardinäle
von verschiedenem Alter und Bildung.

Mich ergriff ein wunderbar Verlangen, das Oberhaupt der Kirche möge
den goldenen Mund auftun und, von dem unaussprechlichen Heil der
seligen Seelen mit Entzücken sprechend, uns in Entzücken versetzen.
Da ich ihn aber vor dem Altare sich nur hin und her bewegen sah, bald
nach dieser, bald nach jener Seite sich wendend, sich wie ein gemeiner
Pfaffe gebärdend und murmelnd, da regte sich die protestantische
Erbsünde, und mir wollte das bekannte und gewohnte Meßopfer hier
keineswegs gefallen. Hat doch Christus schon als Knabe durch
mündliche Auslegung der Schrift und in seinem Jünglingsleben gewiß
nicht schweigend gelehrt und gewirkt; denn er sprach gern, geistreich
und gut, wie wir aus den Evangelien wissen. Was würde der sagen,
dacht' ich, wenn er hereinträte und sein Ebenbild auf Erden summend
und hin und wider wankend anträfe? Das "Venio iterum crucifigi!" fiel
mir ein, und ich zupfte meinen Gefährten, daß wir ins Freie der
gewölbten und gemalten Säle kämen.

Hier fanden wir eine Menge Personen die köstlichen Gemälde aufmerksam
betrachtend, denn dieses Fest Allerseelen ist auch zugleich das Fest
aller Künstler in Rom. Ebenso wie die Kapelle ist der ganze Palast
und die sämtlichen Zimmer jedem zugänglich und diesen Tag für viele
Stunden frei und offen, man braucht kein Trinkgeld zu geben und wird
von dem Kastellan nicht gedrängt.

Die Wandgemälde beschäftigten mich, und ich lernte da neue, mir kaum
dem Namen nach bekannte treffliche Männer kennen, so wie z. B. den
heitern Karl Maratti schätzen und lieben.

Vorzüglich willkommen aber waren mir die Meisterstücke der Künstler,
deren Art und Weise ich mir schon eingeprägt hatte. Ich sah mit
Bewunderung die heilige Petronilla von Guercin, ehmals in St. Peter,
wo nun eine musivische Kopie anstatt des Originals aufgestellt ist.
Der Heiligen Leichnam wird aus dem Grabe gehoben und dieselbe Person
neubelebt in der Himmelshöhe von einem göttlichen Jüngling empfangen.
Was man auch gegen diese doppelte Handlung sagen mag, das Bild ist
unschätzbar.

Noch mehr erstaunte ich vor einem Bilde von Tizian. Es überleuchtet
alle, die ich gesehen habe. Ob mein Sinn schon geübter, oder ob es
wirklich das vortrefflichste sei, weiß ich nicht zu unterscheiden.
Ein ungeheures Meßgewand, das von Stickerei, ja von getriebenen
Goldfiguren starrt, umhüllt eine ansehnliche bischöfliche Gestalt.
Den massiven Hirtenstab in der Linken, blickt er entzückt in die Höhe,
mit der Rechten hält er ein Buch, woraus er soeben eine göttliche
Berührung empfangen zu haben scheint. Hinter ihm eine schöne Jungfrau,
die Palme in der Hand, mit lieblicher Teilnahme nach dem
aufgeschlagenen Buche hinschauend. Ein ernster Alter dagegen zur
Rechten, dem Buche ganz nahe, scheint er dessen nicht zu achten: die
Schlüssel in der Hand, mag er sich wohl eigenen Aufschluß zutrauen.
Dieser Gruppe gegenüber ein nackter, wohlgebildeter, gebundener, von
Pfeilen verletzter Jüngling, vor sich hinsehend, bescheiden ergeben.
In dem Zwischenraume zwei Mönche, Kreuz und Lilie tragend, andächtig
gegen die Himmlischen gekehrt. Denn oben offen ist das halbrunde
Gemäuer, das sie sämtlich umschließt. Dort bewegt sich in höchster
Glorie eine herabwärts teilnehmende Mutter. Das lebendig muntere Kind
in ihrem Schoße reicht mit heiterer Gebärde einen Kranz herüber, ja
scheint ihn herunterzuwerfen. Auf beiden Seiten schweben Engel,
Kränze schon im Vorrat haltend. Über allen aber und über dreifachem
Strahlenkreise waltet die himmlische Taube, als Mittelpunkt und
Schlußstein zugleich.

Wir sagen uns: hier muß ein heiliges altes überliefertes zum Grunde
liegen, daß diese verschiedenen, unpassenden Personen so kunstreich
und bedeutungsvoll zusammengestellt werden konnten. Wir fragen nicht
nach wie und warum, wir lassen es geschehen und bewundern die
unschätzbare Kunst.

Weniger unverständlich, aber doch geheimnisvoll ist ein Wandbild von
Guido in seiner Kapelle. Die kindlich lieblichste, frömmste Jungfrau
sitzt still vor sich hin und näht, zwei Engel ihr zur Seite erwarten
jeden Wink, ihr zu dienen. Daß jugendliche Unschuld und Fleiß von den
Himmlischen bewacht und geehrt werde, sagt uns das liebe Bild. Es
bedarf hier keiner Legende, keiner Auslegung.

Nun aber zu Milderung des künstlerischen Ernstes ein heiteres
Abenteuer. Ich bemerkte wohl, daß mehrere deutsche Künstler, zu
Tischbein als Bekannte tretend, mich beobachteten und sodann hin und
wider gingen. Er, der mich einige Augenblicke verlassen hatte, trat
wieder zu mir und sagte: "Da gibt's einen großen Spaß! Das Gerücht,
Sie seien hier, hatte sich schon verbreitet, und die Künstler wurden
auf den einzigen unbekannten Fremden aufmerksam. Nun ist einer unter
uns, der schon längst behauptet, er sei mit Ihnen umgegangen, ja er
wollte mit Ihnen in freundschaftlichem Verhältnis gelebt haben, woran
wir nicht so recht glauben wollten. Dieser ward aufgefordert, Sie zu
betrachten und den Zweifel zu lösen, er versicherte aber kurz und gut,
Sie seien es nicht und an dem Fremden keine Spur Ihrer Gestalt und
Aussehns. So ist doch wenigstens das Inkognito für den Moment gedeckt,
und in der Folge gibt es etwas zu lachen."

Ich mischte mich nun freimütiger unter die Künstlerschar und fragte
nach den Meistern verschiedener Bilder, deren Kunstweise mir noch
nicht bekannt geworden. Endlich zog mich ein Bild besonders an, den
heiligen Georg, den Drachenüberwinder und Jungfrauenbefreier,
vorstellend. Niemand konnte mir den Meister nennen. Da trat ein
kleiner, bescheidener, bisher lautloser Mann hervor und belehrte mich,
es sei von Pordenone, dem Venezianer, eines seiner besten Bilder, an
dem man sein ganzes Verdienst erkenne. Nun konnt' ich meine Neigung
gar wohl erklären: das Bild hatte mich angemutet, weil ich, mit der
venezianischen Schule schon näher bekannt, die Tugenden ihrer Meister
besser zu schätzen wußte.

Der belehrende Künstler ist Heinrich Meyer, ein Schweizer, der mit
einem Freunde namens Cölla seit einigen Jahren hier studiert, die
antiken Büsten in Sepia vortrefflich nachbildet und in der
Kunstgeschichte wohl erfahren ist.

Rom, den 7. November.

Nun bin ich sieben Tage hier, und nach und nach tritt in meiner Seele
der allgemeine Begriff dieser Stadt hervor. Wir gehn fleißig hin und
wider, ich mache mir die Plane des alten und neuen Roms bekannt,
betrachte die Ruinen, die Gebäude, besuche ein und die andere Villa,
die größten Merkwürdigkeiten werden ganz langsam behandelt, ich tue
nur die Augen auf und seh' und geh' und komme wieder, denn man kann
sich nur in Rom auf Rom vorbereiten.

Gestehen wir jedoch, es ist ein saures und trauriges Geschäft, das
alte Rom aus dem neuen herauszuklauben, aber man muß es denn doch tun
und zuletzt eine unschätzbare Befriedigung hoffen. Man trifft Spuren
einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere
Begriffe gehen. Was die Barbaren stehenließen, haben die Baumeister
des neuen Roms verwüstet.

Wenn man so eine Existenz ansieht, die zweitausend Jahre und darüber
alt ist, durch den Wechsel der Zeiten so mannigfaltig und vom Grund
aus verändert und doch noch derselbe Boden, derselbe Berg, ja oft
dieselbe Säule und Mauer, und im Volke noch die Spuren des alten
Charakters, so wird man ein Mitgenosse der großen Ratschlüsse des
Schicksals, und so wird es dem Betrachter von Anfang schwer, zu
entwickeln, wie Rom auf Rom folgt, und nicht allein das neue auf das
alte, sondern die verschiedenen Epochen des alten und neuen selbst
aufeinander. Ich suche nur erst selbst die halbverdeckten Punkte
herauszufühlen, dann lassen sich erst die schönen Vorarbeiten recht
vollständig nutzen; denn seit dem funfzehnten Jahrhundert bis auf
unsere Tage haben sich treffliche Künstler und Gelehrte mit diesen
Gegenständen ihr ganzes Leben durch beschäftigt.

Und dieses Ungeheure wirkt ganz ruhig auf uns ein, wenn wir in Rom hin
und her eilen, um zu den höchsten Gegenständen zu gelangen. Anderer
Orten muß man das Bedeutende aufsuchen, hier werden wir davon
überdrängt und überfüllt. Wie man geht und steht, zeigt sich ein
landschaftliches Bild aller Art und Weise, Paläste und Ruinen, Gärten
und Wildnis, Fernen und Engen, Häuschen, Ställe, Triumphbögen und
Säulen, oft alles zusammen so nah, daß es auf ein Blatt gebracht
werden könnte. Man müßte mit tausend Griffeln schreiben, was soll
hier eine Feder! und dann ist man abends müde und erschöpft vom
Schauen und Staunen.

Den 7. November 1786.

Verzeihen mir jedoch meine Freunde, wenn ich künftig wortkarg erfunden
werde; während eines Reisezugs rafft man unterwegs auf, was man kann,
jeder Tag bringt etwas Neues, und man eilt, auch darüber zu denken und
zu urteilen. Hier aber kömmt man in eine gar große Schule, wo ein Tag
so viel sagt, daß man von dem Tage nichts zu sagen wagen darf. Ja,
man täte wohl, wenn man, jahrelang hier verweilend, ein
pythagoreisches Stillschweigen beobachtete.

An demselben.

Ich bin recht wohl. Das Wetter ist, wie die Römer sagen, brutto; es
geht ein Mittagwind, Scirocco, der täglich mehr oder weniger Regen
herbeiführt; ich kann aber diese Witterung nicht unangenehm finden, es
ist warm dabei, wie es bei uns im Sommer regnichte Tage nicht sind.

Den 7. November.

Tischbeins Talente sowie seine Vorsätze und Kunstabsichten lerne ich
nun immer mehr kennen und schätzen. Er legte mir seine Zeichnungen
und Skizzen vor, welche sehr viel Gutes geben und verkünden. Durch
den Aufenthalt bei Bodmer sind seine Gedanken auf die ersten Zeiten
des menschlichen Geschlechts geführt worden, da, wo es sich auf die
Erde gesetzt fand und die Aufgabe lösen sollte, Herr der Welt zu
werden.

Tischbein, Selbstbildnis. Zeichnung

Als geistreiche Einleitung zu dem Ganzen bestrebte er sich, das hohe
Alter der Welt sinnlich darzustellen. Berge, mit herrlichen Wäldern
bewachsen, Schluchten, von Wasserbächen ausgerissen, ausgebrannte
Vulkane, kaum noch leise dampfend. Im Vordergrund ein mächtiger in
der Erde übriggebliebener Stock eines vieljährigen Eichbaums, an
dessen halbentblößten Wurzeln ein Hirsch die Stärke seines Geweihes
versucht, so gut gedacht als lieblich ausgeführt.

Dann hat er auf einem höchst merkwürdigen Blatte den Mann zugleich als
Pferdebändiger und allen Tieren der Erde, der Luft und des Wassers, wo
nicht an Stärke, doch an List überlegen dargestellt. Die Komposition
ist außerordentlich schön, als ölbild müßte es eine große Wirkung tun.
Eine Zeichnung davon müssen wir notwendig in Weimar besitzen. Sodann
denkt er an eine Versammlung der alten, weisen und geprüften Männer,
wo er Gelegenheit nehmen wird, wirkliche Gestalten darzustellen. Mit
dem größten Enthusiasmus aber skizziert er an einer Schlacht, wo sich
zwei Parteien Reiterei wechselseitig mit gleicher Wut angreifen, und
zwar an einer Stelle, wo eine ungeheure Felsschlucht sie trennt, über
welche das Pferd nur mit größter Anstrengung hinübersetzen kann. An
Verteidigung ist hier nicht zu denken. Kühner Angriff, wilder
Entschluß, Gelingen oder Sturz in den Abgrund. Dieses Bild wird ihm
Gelegenheit geben, die Kenntnisse, die er von dem Pferde, dessen Bau
und Bewegung besitzt, auf eine sehr bedeutende Weise zu entfalten.

Diese Bilder sodann und eine Reihe von folgenden und eingeschalteten
wünscht er durch einige Gedichte verknüpft, welche dem Dargestellten
zur Erklärung dienten, und denen er dagegen wieder durch bestimmte
Gestalten Körper und Reiz verliehe.

Der Gedanke ist schön, nur mußte man freilich mehrere Jahre zusammen
sein, um ein solches Werk auszuführen.

Den 7. November.

Die Logen von Raffael und die großen Gemälde der "Schule von Athen"
etc. hab' ich nur erst einmal gesehen, und da ist's, als wenn man den
Homer aus einer zum Teil verloschenen, beschädigten Handschrift heraus
studieren sollte. Das Vergnügen des ersten Eindrucks ist unvollkommen,
nur wenn man nach und nach alles recht durchgesehn und studiert hat,
wird der Genuß ganz. Am erhaltensten sind die Deckenstücke der Logen,
die biblische Geschichten vorstellen, so frisch wie gestern gemalt,
zwar die wenigsten von Raffaels eigner Hand, doch aber gar trefflich
nach seinen Zeichnungen und unter seiner Aufsicht.

Den 7. November.

Ich habe manchmal in früherer Zeit die wunderliche Grille gehabt, daß
ich mir sehnlichst wünschte, von einem wohlunterrichteten Manne, von
einem kunst--und geschichtskundigen Engländer nach Italien geführt zu
werden; und nun hat sich das alles indessen schöner gebildet, als ich
hätte ahnen können. Tischbein lebte so lange hier als mein herzlicher
Freund, er lebte hier mit dem Wunsche, mir Rom zu zeigen; unser
Verhältnis ist alt durch Briefe, neu durch Gegenwart; wo hätte mir ein
werterer Führer erscheinen können? Ist auch meine Zeit nur beschränkt,
so werde ich doch das Möglichste genießen und lernen.

Und bei allem dem seh' ich voraus, daß ich wünschen werde, anzukommen,
wenn ich weggehe.

Den 8. November.

Mein wunderliches und vielleicht grillenhaftes Halbinkognito bringt
mir Vorteile, an die ich nicht denken konnte. Da sich jedermann
verpflichtet, zu ignorieren, wer ich sei, und also auch niemand mit
mir von mir reden darf, so bleibt den Menschen nichts übrig, als von
sich selbst oder von Gegenständen zu sprechen, die ihnen interessant
sind, dadurch erfahr' ich nun umständlich, womit sich ein jeder
beschäftigt, oder was irgend Merkwürdiges entsteht und hervorgeht.
Hofrat Reiffenstein fand sich auch in diese Grille; da er aber den
Namen, den ich angenommen hatte, aus einer besondern Ursache nicht
leiden konnte, so baronisierte er mich geschwind, und ich heiße nun
der Baron gegen Rondanini über, dadurch bin ich bezeichnet genug, um
so mehr, als der Italiener die Menschen nur nach den Vornamen oder
Spitznamen benennet. Genug, ich habe meinen Willen und entgehe der
unendlichen Unbequemlichkeit, von mir und meinen Arbeiten Rechenschaft
geben zu müssen.

Den 9. November.

Manchmal stehe ich wie einen Augenblick still und überschaue die
höchsten Gipfel des schon Gewonnenen. Sehr gerne blicke ich nach
Venedig zurück, auf jenes große Dasein, dem Schoße des Meeres wie
Pallas aus dem Haupte Jupiters entsprossen. Hier hat mich die Rotonda,
so die äußere wie die innere, zu einer freudigen Verehrung ihrer
Großheit bewogen. In St. Peter habe ich begreifen lernen, wie die
Kunst sowohl als die Natur alle Maßvergleichung aufheben kann. Und so
hat mich Apoll von Belvedere aus der Wirklichkeit hinausgerückt. Denn
wie von jenen Gebäuden die richtigsten Zeichnungen keinen Begriff
geben, so ist es hier mit dem Original von Marmor gegen die
Gipsabgüsse, deren ich doch sehr schöne früher gekannt habe.

Der Apoll von Belvedere. Zeichnung von Bouchardon.

Den 10. November 1786.

Ich lebe nun hier mit einer Klarheit und Ruhe, von der ich lange kein
Gefühl hatte. Meine übung, alle Dinge, wie sie sind, zu sehen und
abzulesen, meine Treue, das Auge licht sein zu lassen, meine völlige
Entäußerung von aller Prätention kommen mir einmal wieder recht
zustatten und machen mich im stillen höchst glücklich. Alle Tage ein
neuer merkwürdiger Gegenstand, täglich frische, große, seltsame Bilder
und ein Ganzes, das man sich lange denkt und träumt, nie mit der
Einbildungskraft erreicht.

Heute war ich bei der Pyramide des Cestius und abends auf dem Palatin,
oben auf den Ruinen der Kaiserpaläste, die wie Felsenwände dastehn.
Hievon läßt sich nun freilich nichts überliefern! Wahrlich, es gibt
hier nichts Kleines, wenn auch wohl hier und da etwas Scheltenswertes
und Abgeschmacktes; doch auch ein solches hat teil an der allgemeinen
Großheit genommen.

Kehr' ich nun in mich selbst zurück, wie man doch so gern tut bei
jeder Gelegenheit, so entdecke ich ein Gefühl, das mich unendlich
freut, ja, das ich sogar auszusprechen wage. Wer sich mit Ernst hier
umsieht und Augen hat zu sehen, muß solid werden, er muß einen Begriff
von Solidität fassen, der ihm nie so lebendig ward.

Der Geist wird zur Tüchtigkeit gestempelt, gelangt zu einem Ernst ohne
Trockenheit, zu einem gesetzten Wesen mit Freude. Mir wenigstens ist
es, als wenn ich die Dinge dieser Welt nie so richtig geschätzt hätte
als hier. Ich freue mich der gesegneten Folgen auf mein ganzes Leben.

Und so laßt mich aufraffen, wie es kommen will, die Ordnung wird sich
geben. Ich bin nicht hier, um nach meiner Art zu genießen;
befleißigen will ich mich der großen Gegenstände, lernen und mich
ausbilden, ehe ich vierzig Jahre alt werde.

Den 11. November.

Heut' hab' ich die Nymphe Egeria besucht, dann die Rennbahn des
Caracalla, die zerstörten Grabstätten längs der Via Appia und das Grab
der Metella, das einem erst einen Begriff von solidem Mauerwerk gibt.
Diese Menschen arbeiteten für die Ewigkeit, es war auf alles
kalkuliert, nur auf den Unsinn der Verwüster nicht, dem alles weichen
mußte. Recht sehnlich habe ich dich herzugewünscht. Die Reste der
großen Wasserleitung sind höchst ehrwürdig. Der schöne, große Zweck,
ein Volk zu tränken durch eine so ungeheure Anstalt! Abends kamen wir
ans Coliseo, da es schon dämmrig war. Wenn man das ansieht, scheint
wieder alles andre klein, es ist so groß, daß man das Bild nicht in
der Seele behalten kann; man erinnert sich dessen nur kleiner wieder,
und kehrt man dahin zurück, kommt es einem aufs neue größer vor.

Frascati, den 15. November.

Die Gesellschaft ist zu Bette, und ich schreibe noch aus der
Tuschmuschel, aus welcher gezeichnet worden ist. Wir haben ein paar
schöne, regenfreie Tage hier gehabt, warm und freundlichen
Sonnenschein, daß man den Sommer nicht vermißt. Die Gegend ist sehr
angenehm, der Ort liegt auf einem Hügel, vielmehr an einem Berge, und
jeder Schritt bietet dem Zeichner die herrlichsten Gegenstände. Die
Aussicht ist unbegrenzt, man sieht Rom liegen und weiter die See, an
der rechten Seite die Gebirge von Tivoli und so fort. In dieser
lustigen Gegend sind Landhäuser recht zur Lust angelegt, und wie die
alten Römer schon hier ihre Villen hatten, so haben vor hundert Jahren
und mehr reiche und übermütige Römer ihre Landhäuser auch auf die
schönsten Flecke gepflanzt. Zwei Tage gehn wir schon hier herum, und
es ist immer etwas Neues und Reizendes.

Und doch läßt sich kaum sagen, ob nicht die Abende noch vergnügter als
der Tag hingehen. Sobald die stattliche Wirtin die messingene
dreiarmige Lampe auf den großen runden Tisch gesetzt und "Felicissima
notte!" gesagt hat, versammelt sich alles im Kreise und legt die
Blätter vor, welche den Tag über gezeichnet und skizziert worden.
Darüber spricht man, ob der Gegenstand hätte günstiger aufgenommen
werden sollen, ob der Charakter getroffen ist, und was solche erste
allgemeine Fordernisse sind, wovon man sich schon bei dem ersten
Entwurf Rechenschaft geben kann. Hofrat Reiffenstein weiß diese
Sitzungen durch seine Einsicht und Autorität zu ordnen und zu leiten.
Diese löbliche Anstalt aber schreibt sich eigentlich von Philipp
Hackert her, welcher höchst geschmackvoll die wirklichen Aussichten zu
zeichnen und auszuführen wußte. Künstler und Liebhaber, Männer und
Frauen, Alte und Junge ließ er nicht ruhen, er munterte jeden auf,
nach seinen Gaben und Kräften sich gleichfalls zu versuchen, und ging
mit gutem Beispiel vor. Diese Art, eine Gesellschaft zu versammeln
und zu unterhalten, hat Hofrat Reiffenstein nach der Abreise jenes
Freundes treulich fortgesetzt, und wir finden, wie löblich es sei, den
tätigen Anteil eines jeden zu wecken. Die Natur und Eigenschaft der
verschiedenen Gesellschaftsglieder tritt auf eine anmutige Weise
hervor. Tischbein z. B. sieht als Historienmaler die Landschaft ganz
anders an als der Landschaftszeichner. Er findet bedeutende Gruppen
und andere anmutige, vielsagende Gegenstände da, wo ein anderer nichts
gewahr würde, und so glückt es ihm auch, manchen menschlichen naiven
Zug zu erhaschen, es sei nun an Kindern, Landleuten, Bettlern und
andern dergleichen Naturmenschen, oder auch an Tieren, die er mit
wenigen charakteristischen Strichen gar glücklich darzustellen weiß
und dadurch der Unterhaltung immer neuen angenehmen Stoff unterlegt.

Will das Gespräch ausgehen, so wird gleichfalls nach Hackerts
Vermächtnis in Sulzers "Theorie" gelesen, und wenn man gleich von
einem höhern Standpunkte mit diesem Werke nicht ganz zufrieden sein
kann, so bemerkt man doch mit Vergnügen den guten Einfluß auf Personen,
die auf einer mittlern Stufe der Bildung stehen.

Rom, den 17. November.

Wir sind zurück! Heute nacht fiel ein entsetzlicher Regenguß mit
Donner und Blitzen, nun regnet es fort und ist immer warm dabei.

Ich aber kann nur mit wenig Worten das Glück dieses Tages bezeichnen.
Ich habe die Freskogemälde von Dominichin in Andrea della Valle,
angleichen die Farnesische Galerie von Carracci gesehen. Freilich
zuviel für Monate, geschweige für einen Tag.

Den 18. November.

Es ist wieder schön Wetter, ein heller, freundlicher, warmer Tag.

Ich sah in der Farnesina die Geschichte der Psyche, deren farbige
Nachbildungen so lange meine Zimmer erheitern, dann zu St. Peter in
Montorio die "Verklärung" von Raffael. Alles alte Bekannte, wie
Freunde, die man sich in der Ferne durch Briefwechsel gemacht hat, und
die man nun von Angesicht sieht. Das Mitleben ist doch ganz was
anders, jedes wahre Verhältnis und Mißverhältnis spricht sich sogleich
aus.

Auch finden sich aller Orten und Enden herrliche Sachen, von denen
nicht so viel Redens ist, die nicht so oft durch Kupfer und
Nachbildungen in die Welt gestreut sind. Hievon bringe ich manches
mit, gezeichnet von guten jungen Künstlern.

Den 18. November.

Daß ich mit Tischbein schon so lange durch Briefe in dem besten
Verhältnis stehe, daß ich ihm so manchen Wunsch, sogar ohne Hoffnung,
nach Italien zu kommen, mitgeteilt, machte unser Zusammentreffen
sogleich fruchtbar und erfreulich. Er hatte immer an mich gedacht und
für mich gesorgt. Auch was die Steine betrifft, mit welchen die Alten
und Neuen gebaut, ist er vollkommen zu Hause, er hat sie recht
gründlich studiert, wobei ihm sein Künstlerauge und die Künstlerlust
an sinnlichen Dingen sehr zustatten kommt. Eine für mich ausgewählte
Sammlung von Musterstücken hat er vor kurzem nach Weimar abgesendet,
die mich bei meiner Zurückkunft freundlich empfangen soll. Ein
bedeutender Nachtrag hat sich indessen gefunden. Ein Geistlicher, der
sich jetzt in Frankreich aufhält und über die antiken Steinarten ein
Werk auszuarbeiten dachte, erhielt durch die Gunst der Propagande
ansehnliche Stücke Marmor von der Insel Paros. Diese wurden hier zu
Musterstücken verschnitten, und zwölf verschiedene Stücke auch für
mich beiseitegelegt vom feinsten bis zum gröbsten Korn, von der
größten Reinheit und dann minder und mehr mit Glimmer gemischt, jene
zur Bildhauerei, diese zur Architektur anwendbar. Wie viel eine
genaue Kenntnis des Materials, worin die Künste gearbeitet, zu ihrer
Beurteilung hilft, fällt genugsam in die Augen.

Gelegenheit gibt's genug, dergleichen hier zusammenzuschleppen. Auf
den Ruinen des Neronischen Palastes gingen wir durch frisch
aufgehäufelte Artischockenländer und konnten uns nicht enthalten, die
Taschen vollzustecken von Granit, Porphyr und Marmortäfelchen, die zu
Tausenden hier herumliegen und von der alten Herrlichkeit der damit
überkleideten Wände noch als unerschöpfliche Zeugen gelten.

Zum 18. November.

Nun muß ich aber auch von einem wunderbaren problematischen Bilde
sprechen, das sich auf jene trefflichen Dinge noch immer gut sehen
läßt.

Schon vor mehrern Jahren hielt sich hier ein Franzos auf, als
Liebhaber der Kunst und Sammler bekannt. Er kommt zum Besitz eines
antiken Gemäldes auf Kalk, niemand weiß woher; er läßt das Bild durch
Mengs restaurieren und hat es als ein geschätztes Werk in seiner
Sammlung. Winckelmann spricht irgendwo mit Enthusiasmus davon. Es
stellt den Ganymed vor, der dem Jupiter eine Schale Wein reicht und
dagegen einen Kuß empfängt. Der Franzose stirbt und hinterläßt das
Bild seiner Wirtin als antik. Mengs stirbt und sagt auf seinem
Todbette, es sei nicht antik, er habe es gemalt. Und nun streitet
alles gegeneinander. Der eine behauptet, es sei von Mengs zum Scherz
nur so leicht hingemacht, der andere Teil sagt, Mengs habe nie so
etwas machen können, ja es sei beinahe für Raffael zu schön. Ich habe
es gestern gesehn und muß sagen, daß ich auch nichts Schöneres kenne
als die Figur Ganymeds, Kopf und Rücken, das andere ist viel
restauriert. Indessen ist das Bild diskreditiert, und die arme Frau
will niemand von dem Schatz erlösen.

Den 20. November 1786.

Da uns die Erfahrung genugsam belehrt, daß man zu Gedichten jeder Art
Zeichnungen und Kupfer wünscht, ja der Maler selbst seine
ausführlichsten Bilder der Stelle irgendeines Dichters widmet, so ist
Tischbeins Gedanke höchst beifallswürdig, daß Dichter und Künstler
zusammenarbeiten sollten, um gleich vom Ursprunge herauf eine Einheit
zu bilden. Die Schwierigkeit würde um vieles freilich vermindert,
wenn es kleine Gedichte wären, die sich leicht übersehen und fördern
ließen.

Tischbein hat auch hiezu sehr angenehme idyllische Gedanken, und es
ist wirklich sonderbar, daß die Gegenstände, die er auf diese Weise
bearbeitet wünscht, von der Art sind, daß weder dichtende noch
bildende Kunst, jede für sich, zur Darstellung hinreichend wären. Er
hat mir davon auf unsern Spaziergängen erzählt, um mir Lust zu machen,
daß ich mich darauf einlassen möge. Das Titelkupfer zu unserm
gemeinsamen Werke ist schon entworfen; fürchtete ich mich nicht, in
etwas Neues einzugehen, so könnte ich mich wohl verführen lassen.

Rom, den 22. November 1786, am Cäcilienfeste.

Das Andenken dieses glücklichen Tages muß ich durch einige Zeilen
lebhaft erhalten und, was ich genossen, wenigstens historisch
mitteilen. Es war das schönste, ruhigste Wetter, ein ganz heiterer
Himmel und warme Sonne. Ich ging mit Tischbein nach dem Petersplatze,
wo wir erst auf und ab gehend und, wenn es uns zu warm wurde, im
Schatten des großen Obelisks, der eben für zwei breit genug geworfen
wird, spazierten und Trauben verzehrten, die wir in der Nähe gekauft
hatten. Dann gingen wir in die Sixtinische Kapelle, die wir auch hell
und heiter, die Gemälde wohlerleuchtet fanden. Das "Jüngste Gericht"
und die mannigfaltigen Gemälde der Decke, von Michelangelo, teilten
unsere Bewunderung. Ich konnte nur sehen und anstaunen. Die innere
Sicherheit und Männlichkeit des Meisters, seine Großheit geht über
allen Ausdruck. Nachdem wir alles wieder und wieder gesehen,
verließen wir dieses Heiligtum und gingen nach der Peterskirche, die
von dem heitern Himmel das schönste Licht empfing und in allen Teilen
hell und klar erschien. Wir ergötzten uns als genießende Menschen an
der Größe und der Pracht, ohne durch allzu eklen und zu verständigen
Geschmack uns diesmal irremachen zu lassen, und unterdrückten jedes
schärfere Urteil. Wir erfreuten uns des Erfreulichen.

Der Petersplatz in Rom. Radierung von Piranesi

Endlich bestiegen wir das Dach der Kirche, wo man das Bild einer
wohlgebauten Stadt im kleinen findet. Häuser und Magazine, Brunnen,
(dem Ansehn nach) Kirchen und einen großen Tempel, alles in der Luft,
und schöne Spaziergänge dazwischen. Wir bestiegen die Kuppel und
besahen die hell-heitere Gegend der Apenninen, den Berg Soracte, nach
Tivoli die vulkanischen Hügel, Frascati, Castel Gandolfo und die
Plaine und weiter das Meer. Nahe vor uns die ganze Stadt Rom in ihrer
Breite und Weite, mit ihren Bergpalästen, Kuppeln etc. Es rührte sich
keine Luft, und in dem kupfernen Knopf war es heiß wie in einem
Treibhause. Nachdem wir das alles beherzigt hatten, stiegen wir herab
und ließen uns die Türen zu den Gesimsen der Kuppel, des Tambours und
des Schiffs aufschließen; man kann um selbe herumgehen und diese Teile
und die Kirche von oben betrachten. Als wir auf dem Gesimse des
Tambours standen, ging der Papst unten in der Tiefe vorbei, seine
Nachmittagsandacht zu halten. Es fehlte uns also nichts zur
Peterskirche. Wir stiegen völlig wieder herab, nahmen in einem
benachbarten Gasthofe ein fröhliches, frugales Mahl und setzten unsern
Weg nach der Cäcilienkirche fort.

Viele Worte würde ich brauchen, um die Auszierung der ganz mit
Menschen angefüllten Kirche zu beschreiben. Man sah eben keinen Stein
der Architektur mehr. Die Säulen waren mit rotem Samt überzogen und
mit goldenen Tressen umwunden, die Kapitäle mit gesticktem Samt in
ungefährer Kapitälform, so alle Gesimse und Pfeiler behangen und
bedeckt. Alle Zwischenräume der Mauern mit lebhaft gemalten Stücken
bekleidet, daß die ganze Kirche mit Mosaik ausgelegt schien, und über
zweihundert Wachskerzen brannten um und neben dem Hochaltar, so daß
die ganze eine Wand mit Lichtern besetzt und das Schiff der Kirche
vollkommen erleuchtet war. Die Seitengänge und Seitenaltäre ebenso
geziert und erhellt. Gegen dem Hochaltar über, unter der Orgel, zwei
Gerüste, auch mit Samt überzogen, auf deren einem die Sänger, auf dem
andern die Instrumente standen, die anhaltend Musik machten. Die
Kirche war voll gedrängt.

Eine schöne Art musikalischer Aufführung hört' ich hier. Wie man
Violin--oder andere Konzerte hat, so führen sie Konzerte mit Stimmen
auf, daß die eine Stimme, der Sopran z. B., herrschend ist und solo
singt, das Chor von Zeit zu Zeit einfällt und ihn begleitet, es
versteht sich, immer mit dem ganzen Orchester. Es tut gute Wirkung.
--Ich muß endigen, wie wir den Tag enden mußten. Den Abend gelangten
wir noch ans Opernhaus, wo eben die "Litiganti" aufgeführt wurden, und
hatten des Guten so viel genossen, daß wir vorübergingen.

Den 23. November.

Damit es mir denn aber doch mit meinem beliebten Inkognito nicht wie
dem Vogel Strauß ergehe, der sich für versteckt hält, wenn er den Kopf
verbirgt, so gebe ich auf gewisse Weise nach, meine alte These
immerfort behauptend. Den Fürsten von Liechtenstein, den Bruder der
mir so werten Gräfin Harrach, habe ich gern begrüßt und einigemal bei
ihm gespeist, und konnte bald merken, daß diese meine Nachgiebigkeit
mich weiter führen würde, und so kam es auch. Man hatte mir von dem
Abbate Monti präludiert, von seinem "Aristodem", einer Tragödie, die
nächstens gegeben werden sollte. Der Verfasser, sagte man, wünsche
sie mir vorzulegen und meine Meinung darüber zu hören. Ich ließ die
Sache fallen, ohne sie abzulehnen, endlich fand ich einmal den Dichter
und einen seiner Freunde beim Fürsten, und das Stück ward vorgelesen.

Der Held ist, wie bekannt, ein König von Sparta, der sich wegen
allerlei Gewissensskrupel selbst entleibt, und man gab mir auf eine
artige Weise zu verstehen, der Verfasser des "Werthers" würde wohl
nicht übel finden, wenn er in diesem Stücke einige Stellen seines
trefflichen Buches benutzt finde. Und so konnte ich selbst in den
Mauern von Sparta den erzürnten Manen des unglücklichen Jünglings
nicht entgehen.

Das Stück hat einen sehr einfachen, ruhigen Gang, die Gesinnungen wie
die Sprache sind, dem Gegenstande gemäß, kräftig und doch weichmütig.
Die Arbeit zeugt von einem sehr schönen Talente.

Ich verfehlte nicht, nach meiner Weise, freilich nicht nach der
italienischen, alles Gute und Lobenswürdige des Stücks herauszuheben,
womit man zwar leidlich zufrieden war, aber doch mit südlicher
Ungeduld etwas mehr verlangte. Besonders sollte ich weissagen, was
von dem Effekt des Stücks auf das Publikum zu hoffen sei. Ich
entschuldigte mich mit meiner Unkunde des Landes, der Vorstellungsart
und des Geschmacks, war aber aufrichtig genug, hinzuzusetzen, daß ich
nicht recht einsehe, wie die verwöhnten Römer, die ein komplettes
Lustspiel von drei Akten und eine komplette Oper von zwei Akten als
Zwischenspiel oder eine große Oper mit ganz fremdartigen Balletts als
Intermezz zu sehen gewohnt seien, sich an dem edlen, ruhigen Gang
einer ununterbrochen fortgehenden Tragödie ergötzen könnten. Alsdann
schien mir auch der Gegenstand des Selbstmordes ganz außer dem Kreise
italienischer Begriffe zu liegen. Daß man andere totschlage, davon
hätte ich fast Tag für Tag zu hören, daß man sich aber selbst das
liebe Leben raube, oder es nur für möglich hielte, davon sei mir noch
nichts vorgekommen.

Hierauf ließ ich mich gern umständlich unterrichten, was gegen meinen
Unglauben einzuwenden sein möchte, und ergab mich sehr gern in die
plausibeln Argumente, versicherte auch, daß ich nichts mehr wünsche,
als das Stück aufführen zu sehen und demselben mit einem Chor von
Freunden den aufrichtigsten, lautesten Beifall zu zollen. Diese
Erklärung wurde freundlichst aufgenommen, und ich hatte alle Ursache,
diesmal mit meiner Nachgiebigkeit zufrieden zu sein--wie denn Fürst
Liechtenstein die Gefälligkeit selbst ist und mir Gelegenheit
geschafft hat, mit ihm gar manche Kunstschätze zu sehen, wozu
besondere Erlaubnis der Besitzer und also eine höhere Einwirkung nötig
ist.

Dagegen aber reichte mein guter Humor nicht hin, als die Tochter des
Prätendenten das fremde Murmeltier gleichfalls zu sehen verlangte.
Das habe ich abgelehnt und bin ganz entschieden wieder untergetaucht.

Und doch ist das auch nicht die ganz rechte Art, und ich fühle hier
sehr lebhaft, was ich schon früher im Leben bemerken konnte, daß der
Mensch, der das Gute will, sich ebenso tätig und rührig gegen andere
verhalten müsse als der Eigennützige, der Kleine, der Böse. Einsehen
läßt sich's gut; es ist aber schwer in diesem Sinne handeln.

Den 24. November.

Von der Nation wüßte ich nichts weiter zu sagen, als daß es
Naturmenschen sind, die unter Pracht und Würde der Religion und der
Künste nicht ein Haar anders sind, als sie in Höhlen und Wäldern auch
sein würden. Was allen Fremden auffällt, und was heute wieder die
ganze Stadt reden, aber auch nur reden macht, sind die Totschläge, die
gewöhnlich vorkommen. Viere sind schon in unserm Bezirk in diesen
drei Wochen ermordet worden. Heute ward ein braver Künstler
Schwendimann, ein Schweizer, Medailleur, der letzte Schüler von
Hedlinger, überfallen, völlig wie Winckelmann. Der Mörder, mit dem er
sich herumbalgte, gab ihm an die zwanzig Stiche, und da die Wache
hinzukam, erstach sich der Bösewicht selbst. Das ist sonst hier nicht
Mode. Der Mörder erreicht eine Kirche, und so ist's gut.

Und so sollte ich denn, um auch Schatten in meine Gemälde zu bringen,
von Verbrechen und Unheil, Erdbeben und Wasserflut einiges melden,
doch setzt das gegenwärtige Ausbrechen des Feuers des Vesuvs die
meisten Fremden hier in Bewegung, und man muß sich Gewalt antun, um
nicht mit fortgerissen zu werden. Diese Naturerscheinung hat wirklich
etwas Klapperschlangenartiges und zieht die Menschen unwiderstehlich
an. Es ist in dem Augenblick, als wenn alle Kunstschätze Roms
zunichte würden; die sämtlichen Fremden durchbrechen den Lauf ihrer
Betrachtungen und eilen nach Neapel. Ich aber will ausharren in
Hoffnung, daß der Berg noch etwas für mich aufheben wird.

Den 1. Dezember.

Moritz ist hier, der uns durch "Anton Reiser" und die "Wanderungen
nach England" merkwürdig geworden. Es ist ein reiner, trefflicher
Mann, an dem wir viel Freude haben.

Den 1. Dezember.

Hier in Rom, wo man so viel Fremde sieht, die nicht alle der höheren
Kunst wegen diese Hauptstadt der Welt besuchen, sondern auch wohl auf
andere Art unterhalten sein wollen, ist man auf allerlei vorbereitet.
Es gibt so gewisse Halbkünste, welche Handgeschicklichkeit und
Handwerkslust verlangen, worin man es hier sehr weit gebracht hat und
die Fremden gern mit ins Interesse zieht.

Dahin gehört die Wachsmalerei, die einen jeden, der sich einigermaßen
mit Wasserfarben abgegeben hat, durch ihre Vorarbeiten und
Vorbereitungen, sodann zuletzt durch das Einbrennen, und was sonst
noch dazu gehört, mechanisch beschäftigen und einen oft geringen
Kunstwert durch die Neuheit des Unternehmens erhöhen kann. Es gibt
geschickte Künstler, die hierin Unterricht geben und unter dem Vorwand
der Anleitung oft das Beste bei der Sache tun, so daß zuletzt, wenn
das von Wachs erhöhte und glänzende Bild in goldenem Rahmen erscheint,
die schöne Schülerin ganz überrascht von ihrem unbewußten Talent
dasteht.

Eine andere artige Beschäftigung ist, hohlgeschnittene Steine in einen
feinen Ton abzudrucken, welches auch wohl mit Medaillen geschieht, wo
beide Seiten zugleich nachgebildet werden.

Mehr Geschick, Aufmerksamkeit und Fleiß erfordert denn endlich das
Verfertigen der Glaspasten selbst. Zu allen diesen Dingen hat Hofrat
Reiffenstein in seinem Hause oder wenigstens in seinen nächsten
Umgebungen die nötigen Gerätschaften und Anstalten.

Den 2. Dezember.

Zufällig habe ich hier Archenholzens "Italien" gefunden. Wie so ein
Geschreibe am Ort selbst zusammenschrumpft, eben als wenn man das
Büchlein auf Kohlen legte, daß es nach und nach braun und schwarz
würde, die Blätter sich krümmten und in Rauch aufgingen. Freilich hat
er die Sachen gesehen; aber um eine großtuige, verachtende Manier
gelten zu machen, besitzt er viel zu wenig Kenntnisse und stolpert
lobend und tadelnd.

Rom, den 2. Dezember 1786.

Das schöne, warme, ruhige Wetter, das nur manchmal von einigen
Regentagen unterbrochen wird, ist mir zu Ende Novembers ganz was Neues.
Wir gebrauchen die gute Zeit in freier Luft, die böse im Zimmer,
überall findet sich etwas zum Freuen, Lernen und Tun.

Am 28. November kehrten wir zur Sixtinischen Kapelle zurück, ließen
die Galerie aufschließen, wo man den Plafond näher sehen kann; man
drängt sich zwar, da sie sehr eng ist, mit einiger Beschwerlichkeit
und mit anscheinender Gefahr an den eisernen Stäbenweg, deswegen auch
die Schwindligen zurückbleiben: alles wird aber durch den Anblick des
größten Meisterstücks ersetzt. Und ich bin in dem Augenblicke so für
Michelangelo eingenommen, daß mir nicht einmal die Natur auf ihn
schmeckt, da ich sie doch nicht mit so großen Augen wie er sehen kann.
Wäre nur ein Mittel, sich solche Bilder in der Seele recht zu
fixieren! Wenigstens was ich von Kupfern und Zeichnungen nach ihm
erobern kann, bring' ich mit.

Sixtinische Kapelle, Teil des Deckengemädes von Michelangelo

Wir gingen von da auf die Logen Raffaels, und kaum darf ich sagen, daß
man diese nicht ansehen durfte. Das Auge war von jenen großen Formen
und der herrlichen Vollendung aller Teile so ausgeweitet und verwöhnt,
daß man die geistreichen Spielereien der Arabesken nicht ansehen
mochte, und die biblischen Geschichten, so schön sie sind, hielten auf
jene nicht Stich. Diese Werke nun öfter gegeneinander zu sehen, mit
mehr Muße und ohne Vorurteil zu vergleichen, muß eine große Freude
gewähren; denn anfangs ist doch alle Teilnahme nur einseitig.

Von da schlichen wir, fast bei zu warmem Sonnenschein, auf die Villa
Pamfili, wo sehr schöne Gartenpartien sind, und blieben bis an den
Abend. Eine große, mit immergrünen Eichen und hohen Pinien eingefaßte
flache Wiese war ganz mit Maßlieben übersäet, die ihre Köpfchen alle
nach der Sonne wendeten; nun gingen meine botanischen Spekulationen an,
denen ich den andern Tag auf einem Spaziergange nach dem Monte Mario,
der Villa Melini und Villa Madama weiter nachhing. Es ist gar
interessant, zu bemerken, wie eine lebhaft fortgesetzte und durch
starke Kälte nicht unterbrochene Vegetation wirkt; hier gibt's keine
Knospen, und man lernt erst begreifen, was eine Knospe sei. Der
Erdbeerbaum (arbutus unedo) blüht jetzt wieder, indem seine letzten
Früchte reif werden, und so zeigt sich der Orangenbaum mit Blüten,
halb und ganz reifen Früchten (doch werden letztere Bäume, wenn sie
nicht zwischen Gebäuden stehen, nun bedeckt). Über die Zypresse, den
respektabelsten Baum, wenn er recht alt und wohl gewachsen ist, gibt's
genug zu denken. Ehstens werd' ich den botanischen Garten besuchen
und hoffe, da manches zu erfahren. Überhaupt ist mit dem neuen Leben,
das einem nachdenkenden Menschen die Betrachtung eines neuen Landes
gewährt, nichts zu vergleichen. Ob ich gleich noch immer derselbe bin,
so mein' ich, bis aufs innerste Knochenmark verändert zu sein.

Für diesmal schließ' ich und werde das nächste Blatt einmal ganz von
Unheil, Mord, Erdbeben und Unglück anfüllen, daß doch auch Schatten in
meine Gemälde komme.

Den 3. Dezember.

Die Witterung hat bisher meist von sechs zu sechs Tagen abgewechselt.
Zwei ganz herrliche, ein trüber, zwei bis drei Regentage und dann
wieder schöne. Ich suche jeden nach seiner Art aufs beste zu nutzen.

Doch immer sind mir noch diese herrlichen Gegenstände wie neue
Bekanntschaften. Man hat nicht mit ihnen gelebt, ihnen ihre
Eigentümlichkeiten nicht abgewonnen. Einige reißen uns mit Gewalt an
sich, daß man eine Zeitlang gleichgültig, ja ungerecht gegen andere
wird. So hat z. B. das Pantheon, der Apoll von Belvedere, einige
kolossale Köpfe und neuerlich die Sixtinische Kapelle so mein Gemüt
eingenommen, daß ich daneben fast nichts mehr sehe. Wie will man sich
aber klein wie man ist und ans Kleine gewohnt, diesem Edlen,
Ungeheuren, Gebildeten gleichstellen? Und wenn man es einigermaßen
zurechtrücken möchte, so drängt sich abermals eine ungeheure Menge von
allen Seiten zu, begegnet dir auf jedem Schritt, und jedes fordert für
sich den Tribut der Aufmerksamkeit. Wie will man sich da
herausziehen? Anders nicht, als daß man es geduldig wirken und
wachsen läßt und fleißig auf das merkt, was andere zu unsern Gunsten
gearbeitet haben.

Winckelmanns Kunstgeschichte, übersetzt von Fea, die neue Ausgabe, ist
ein sehr brauchbares Werk, das ich gleich angeschafft habe und hier am
Orte in guter, auslegender und belehrender Gesellschaft sehr nützlich
finde.

Auch die römischen Altertümer fangen mich an zu freuen. Geschichte,
Inschriften, Münzen, von denen ich sonst nichts wissen mochte, alles
drängt sich heran. Wie mir's in der Naturgeschichte erging, geht es
auch hier, denn an diesen Ort knüpft sich die ganze Geschichte der
Welt an, und ich zähle einen zweiten Geburtstag, eine wahre
Wiedergeburt, von dem Tage, da ich Rom betrat.

Den 5. Dezember.

In den wenigen Wochen, da ich hier bin, habe ich schon manchen Fremden
kommen und gehen sehen und mich über die Leichtigkeit verwundert, mit
welcher so viele diese würdigen Gegenstände behandeln. Gott sei Dank,
daß mir von diesen Zugvögeln künftig keiner mehr imponiert, wenn er
mir im Norden von Rom spricht, keiner mir die Eingeweide mehr erregt;
denn ich hab's doch auch gesehn und weiß schon einigermaßen, woran ich
bin.

Den 8. Dezember.

Wir haben mitunter die schönsten Tage. Der Regen, der von Zeit zu
Zeit fällt, macht Gras und Gartenkräuter grün. Die immergrünen Bäume
stehen auch hier hin und wieder, so daß man das abgefallene Laub der
übrigen kaum vermißt. In den Gärten stehen Pomeranzenbäume voller
Früchte, aus der Erde wachsend und unbedeckt.

Von einer sehr angenehmen Spazierfahrt, die wir ans Meer machten, und
von dem Fischfang daselbst dachte ich umständlich zu erzählen, als
abends der gute Moritz hereinreitend den Arm brach, indem sein Pferd
auf dem glatten römischen Pflaster ausglitschte. Das zerstörte die
ganze Freude und brachte in unsern kleinen Zirkel ein böses Hauskreuz.

Rom, den 13. Dezember.

Wie herzlich freut es mich, daß ihr mein Verschwinden so ganz, wie ich
wünschte, genommen habt. Versöhnt mir nun auch jedes Gemüt, das daran
dürfte Anstoß genommen haben. Ich habe niemand kränken wollen und
kann nun auch nichts sagen, um mich zu rechtfertigen. Gott behüte
mich, daß ich jemals mit den Prämissen zu diesem Entschlusse einen
Freund betrübe.

Ich erhole mich nun hier nach und nach von meinem salto mortale und
studiere mehr, als daß ich genieße. Rom ist eine Welt, und man
braucht Jahre, um sich nur erst drinnen gewahr zu werden. Wie
glücklich find' ich die Reisenden, die sehen und gehn.

Heute früh fielen mir Winckelmanns Briefe, die er aus Italien schrieb,
in die Hand. Mit welcher Rührung hab' ich sie zu lesen angefangen!
Vor einunddreißig Jahren, in derselben Jahreszeit kam er, ein noch
ärmerer Narr als ich, hier her, ihm war es auch so deutsch Ernst um
das Gründliche und Sichere der Altertümer und der Kunst. Wie brav und
gut arbeitete er sich durch! Und was ist mir nun aber auch das
Andenken dieses Mannes auf diesem Platze!

Außer den Gegenständen der Natur, die in allen ihren Teilen wahr und
konsequent ist, spricht doch nichts so laut als die Spur eines guten,
verständigen Mannes, als die echte Kunst, die ebenso folgerecht ist
als jene. Hier in Rom kann man das recht fühlen, wo so manche
Willkürlichkeit gewütet hat, wo so mancher Unsinn durch Macht und Geld
verewigt worden.

Eine Stelle in Winckelmanns Brief an Franken freute mich besonders:
"Man muß alle Sachen in Rom mit einem gewissen Phlegma suchen, sonst
wird man für einen Franzosen gehalten. In Rom, glaub' ich, ist die
hohe Schule für alle Welt, und auch ich bin geläutert und geprüft."

Das Gesagte paßt recht auf meine Art, den Sachen hier nachzugehn, und
gewiß, man hat außer Rom keinen Begriff, wie man hier geschult wird.
Man muß sozusagen wiedergeboren werden, und man sieht auf seine
vorigen Begriffe wie auf Kinderschuhe zurück. Der gemeinste Mensch
wird hier zu etwas, wenigstens gewinnt er einen ungemeinen Begriff,
wenn es auch nicht in sein Wesen übergehen kann.

Dieser Brief kommt euch zum neuen Jahre, alles Glück zum Anfange, vor
Ende sehn wir uns wieder, und das wird keine geringe Freude sein. Das
vergangene war das wichtigste meines Lebens; ich mag nun sterben oder
noch eine Weile dauern, in beiden Fällen war es gut. Jetzt noch ein
Wort an die Kleinen.

Den Kindern mögt ihr folgendes lesen oder erzählen: Man merkt den
Winter nicht, die Gärten sind mit immergrünen Bäumen bepflanzt, die
Sonne scheint hell und warm, Schnee sieht man nur auf den
entferntesten Bergen gegen Norden. Die Zitronenbäume, die in den
Gärten an den Wänden gepflanzt sind, werden nun nach und nach mit
Decken von Rohr überdeckt, die Pomeranzenbäume aber bleiben frei
stehen. Es hängen viele Hunderte der schönsten Früchte an so einem
Baum, der nicht wie bei uns beschnitten und in einen Kübel gepflanzt
ist, sondern in der Erde frei und froh in einer Reihe mit seinen
Brüdern steht. Man kann sich nichts Lustigeres denken als einen
solchen Anblick. Für ein geringes Trinkgeld ißt man deren so viel man
will. Sie sind schon jetzt recht gut, im März werden sie noch besser
sein.

Neulich waren wir am Meere und ließen einen Fischzug tun; da kamen die
wunderlichsten Gestalten zum Vorschein an Fischen, Krebsen und
seltsamen Unformen; auch der Fisch, der dem Berührenden einen
elektrischen Schlag gibt.

Den 20. Dezember.

Und doch ist das alles mehr Mühe und Sorge als Genuß. Die
Wiedergeburt, die mich von innen heraus umarbeitet, wirkt immer fort.
Ich dachte wohl, hier was Rechts zu lernen; daß ich aber so weit in
die Schule zurückgehen, daß ich so viel verlernen, ja durchaus
umlernen müßte, dachte ich nicht. Nun bin ich aber einmal überzeugt
und habe mich ganz hingegeben, und je mehr ich mich selbst verleugnen
muß, desto mehr freut es mich. Ich bin wie ein Baumeister, der einen
Turm aufführen wollte und ein schlechtes Fundament gelegt hatte; er
wird es noch beizeiten gewahr und bricht gern wieder ab, was er schon
aus der Erde gebracht hat, seinen Grundriß sucht er zu erweitern, zu
veredeln, sich seines Grundes mehr zu versichern, und freut sich schon
im voraus der gewissern Festigkeit des künftigen Baues. Gebe der
Himmel, daß bei meiner Rückkehr auch die moralischen Folgen an mir zu
fühlen sein möchten, die mir das Leben in einer weitern Welt gebracht
hat. Ja, es ist zugleich mit dem Kunstsinn der sittliche, welcher
große Erneuerung leidet.

Doktor Münter ist hier, von seiner Reise nach Sizilien zurückkehrend,
ein energischer, heftiger Mann, seine Zwecke kenne ich nicht. Er wird
im Mai zu euch kommen und mancherlei zu erzählen wissen. Er reiste
zwei Jahr in Italien. Mit den Italienern ist er unzufrieden, welche
die bedeutenden Empfehlungsschreiben, die er mitgebracht, und die ihm
manches Archiv, manche geheime Bibliothek eröffnen sollten, nicht
genugsam respektiert, so daß er nicht völlig zu seinen Wünschen
gelangt.

Schöne Münzen hat er gesammelt und besitzt, wie er mir sagte, ein
Manuskript, welches die Münzwissenschaft auf scharfe Kennzeichen, wie
die Linnéschen sind, zurückführt. Herder erkundigt sich wohl mehr
darum, vielleicht wird eine Abschrift erlaubt. So etwas zu machen,
ist möglich, gut, wenn es gemacht ist, und wir müssen doch auch, früh
oder spat, in dieses Fach ernstlicher hinein.

Goethe am Fenster seiner Wohnung in Rom. Tuschezeichnung von
Tischbein

Den 25. Dezember.

Ich fange nun schon an, die besten Sachen zum zweitenmal zu sehen, wo
denn das erste Staunen sich in ein Mitleben und reineres Gefühl des
Wertes der Sache auflöst. Um den höchsten Begriff dessen, was die
Menschen geleistet haben, in sich aufzunehmen, muß die Seele erst zur
vollkommenen Freiheit gelangen.

Der Marmor ist ein seltsames Material, deswegen ist Apoll von
Belvedere im Urbilde so grenzenlos erfreulich, denn der höchste Hauch
des lebendigen, jünglingsfreien, ewig jungen Wesens verschwindet
gleich im besten Gipsabguß.

Gegen uns über im Palast Rondanini steht eine Medusenmaske, wo in
einer hohen und schönen Gesichtsform über Lebensgröße das ängstliche
Starren des Todes unsäglich trefflich ausgedrückt ist. Ich besitze
schon einen guten Abguß, aber der Zauber des Marmors ist nicht
übriggeblieben. Das edle Halbdurchsichtige des gelblichen, der
Fleischfarbe sich nähernden Steins ist verschwunden. Der Gips sieht
immer dagegen kreidenhaft und tot.

Und doch, was für eine Freude bringt es, zu einem Gipsgießer
hineinzutreten, wo man die herrlichen Glieder der Statuen einzeln aus
der Form hervorgehen sieht und dadurch ganz neue Ansichten der
Gestalten gewinnt. Alsdann erblickt man nebeneinander, was sich in
Rom zerstreut befindet, welches zur Vergleichung unschätzbar dienlich
ist. Ich habe mich nicht enthalten können, den kolossalen Kopf eines
Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenüber, wohl
beleuchtet, damit ich sogleich meine Morgenandacht an ihn richten kann,
und der uns bei aller seiner Großheit und Würde das lustigste
Geschichtchen veranlaßt hat.

Unserer alten Wirtin schleicht gewöhnlich, wenn sie das Bett zu machen
hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich saß im großen Saale und
hörte die Frau drinne ihr Geschäft treiben. Auf einmal, sehr eilig
und heftig gegen ihre Gewohnheit, öffnet sie die Türe und ruft mich,
eilig zu kommen und ein Wunder zu sehen. Auf meine Frage, was es sei,
erwiderte sie, die Katze bete Gott-Vater an. Sie habe diesem Tiere
wohl längst angemerkt, daß es Verstand habe wie ein Christ, dieses
aber sei doch ein großes Wunder. Ich eilte, mit eigenen Augen zu
sehen, und es war wirklich wunderbar genug. Die Büste steht auf einem
hohen Fuße, und der Körper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so
daß also der Kopf in die Höhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch
gesprungen, hatte ihre Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt, und
reichte mit ihrer Schnauze, indem sie die Glieder möglichst ausdehnte,
gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit der größten Zierlichkeit
beleckte und sich weder durch die Interjektion der Wirtin noch durch
meine Dazwischenkunft im mindesten stören ließ. Der guten Frau ließ
ich ihre Verwundrung, erklärte mir aber diese seltsame Katzenandacht
dadurch, daß dieses scharf riechende Tier wohl das Fett möchte gespürt
haben, das sich aus der Form in die Vertiefungen des Bartes gesenkt
und dort verhalten hatte.

Den 29. Dezember 1786.

Von Tischbein muß ich noch vieles erzählen und rühmen, wie ganz
original deutsch er sich aus sich selbst herausbildete, sodann aber
dankbar melden, daß er die Zeit seines zweiten Aufenthalts in Rom über
für mich gar freundschaftlich gesorgt hat, indem er mir eine Reihe
Kopien nach den besten Meistern fertigen ließ, einige in schwarzer
Kreide, andere in Sepia und Aquarell, die erst in Deutschland, wo man
von den Originalen entfernt ist, an Wert gewinnen und mich an das
Beste erinnern werden.

Auf seiner Künstlerlaufbahn, da er sich erst zum Porträt bestimmte,
kam Tischbein mit bedeutenden Männern, besonders auch zu Zürich, in
Berührung und hat an ihnen sein Gefühl gestärkt und seine Einsicht
erweitert.

Den zweiten Teil der "Zerstreuten Blätter" brachte ich mit hieher und
war doppelt willkommen. Wie gut dies Büchlein auch bei wiederholtem
Lesen wirkt, sollte wohl Herder zu seiner Belohnung recht umständlich
erfahren. Tischbein wollte gar nicht begreifen, wie man so etwas habe
schreiben können, ohne in Italien gewesen zu sein.

Den 29. Dezember.

In diesem Künstlerwesen lebt man wie in einem Spiegelzimmer, wo man
auch wider Willen sich selbst und andere oft wiederholt sieht. Ich
bemerkte wohl, daß Tischbein mich öfters aufmerksam betrachtete, und
nun zeigt sich's, daß er mein Porträt zu malen gedenkt. Sein Entwurf
ist fertig, er hat die Leinwand schon aufgespannt. Ich soll in
Lebensgröße als Reisender, in einen weißen Mantel gehüllt, in freier
Luft auf einem umgestürzten Obelisken sitzend, vorgestellt werden, die
tief im Hintergrunde liegenden Ruinen der Campagna di Roma
überschauend. Es gibt ein schönes Bild, nur zu groß für unsere
nordischen Wohnungen. Ich werde wohl wieder dort unterkriechen, das
Porträt aber wird keinen Platz finden.

Den 29. Dezember.

Wieviel Versuche man übrigens macht, mich aus meiner Dunkelheit
herauszuziehen, wie die Poeten mir schon ihre Sachen vorlesen oder
vorlesen lassen, wie es nur von mir abhinge, eine Rolle zu spielen,
irrt mich nicht und ist mir unterhaltend genug, da ich schon abgepaßt
habe, wo es in Rom hinaus will. Denn die vielen kleinen Zirkel zu den
Füßen der Herrscherin der Welt deuten hie und da auf etwas
Kleinstädtisches.

Ja, es ist hier wie allenthalben, und was mit mir und durch mich
geschehen könnte, macht mir schon Langeweile, ehe es geschieht. Man
muß sich zu einer Partei schlagen, ihre Leidenschaften und Kabalen
verfechten helfen, Künstler und Dilettanten loben, Mitwerber
verkleinern, sich von Großen und Reichen alles gefallen lassen. Diese
sämtliche Litanei, um derentwillen man aus der Welt laufen möchte,
sollte ich hier mitbeten und ganz ohne Zweck?

Nein, ich gehe nicht tiefer, als nur um das auch zu kennen und dann
auch von dieser Seite zu Hause zufrieden zu sein und mir und andern
alle Lust in die liebe weite Welt zu benehmen. Ich will Rom sehen,
das bestehende, nicht das mit jedem Jahrzehnt vorübergehende. Hätte
ich Zeit, ich wollte sie besser anwenden. Besonders liest sich
Geschichte von hier aus ganz anders als an jedem Orte der Welt.
Anderwärts liest man von außen hinein, hier glaubt man, von innen
hinaus zu lesen, es lagert sich alles um uns her und geht wieder aus
von uns. Und das gilt nicht allein von der römischen Geschichte,
sondern von der ganzen Weltgeschichte. Kann ich doch von hier aus die
Eroberer bis an die Weser und bis an den Euphrat begleiten oder, wenn
ich ein Maulaffe sein will, die zurückkehrenden Triumphatoren in der
heiligen Straße erwarten, indessen habe ich mich von Korn--und
Geldspenden genährt und nehme behaglich teil an aller dieser
Herrlichkeit.

Den 2. Januar 1787.

Man mag zugunsten einer schriftlichen und mündlichen überlieferung
sagen, was man will, in den wenigsten Fällen ist sie hinreichend, denn
den eigentlichen Charakter irgendeines Wesens kann sie doch nicht
mitteilen, selbst nicht in geistigen Dingen. Hat man aber erst einen
sichern Blick getan, dann mag man gerne lesen und hören, denn das
schließt sich an an den lebendigen Eindruck; nun kann man denken und
beurteilen.

Ihr habt mich oft ausgespottet und zurückziehen wollen, wenn ich
Steine, Kräuter und Tiere mit besonderer Neigung aus gewissen
entschiedenen Gesichtspunkten betrachtete: nun richte ich meine
Aufmerksamkeit auf den Baumeister, Bildhauer und Maler und werde mich
auch hier finden lernen.

Den 6. Januar.

Eben komme ich von Moritz, dessen geheilter Arm heute aufgebunden
worden. Es steht und geht recht gut. Was ich diese vierzig Tage bei
diesem Leidenden als Wärter, Beichtvater und Vertrauter, als
Finanzminister und geheimer Sekretär erfahren und gelernt, mag uns in
der Folge zugute kommen. Die fatalsten Leiden und die edelsten
Genüsse gingen diese Zeit her immer einander zur Seite.

Zu meiner Erquickung habe ich gestern einen Ausguß des kolossalen
Junokopfes, wovon das Original in der Villa Ludovisi steht, in den
Saal gestellt. Es war dieses meine erste Liebschaft in Rom, und nun
besitz' ich sie. Keine Worte geben eine Ahnung davon. Es ist wie ein
Gesang Homers.

Ich habe aber auch für die Zukunft die Nähe einer so guten
Gesellschaft wohl verdient, denn ich kann nun vermelden, daß
"Iphigenia" endlich fertig geworden ist, d. h. daß sie in zwei
ziemlich gleichlautenden Exemplaren vor mir auf dem Tische liegt,
wovon das eine nächstens zu euch wandern soll. Nehmt es freundlich
auf, denn freilich steht nicht auf dem Papiere, was ich gesollt, wohl
aber kann man erraten, was ich gewollt habe.

Ihr beklagtet euch schon einigemal über dunkle Stellen meiner Briefe,
die auf einen Druck hindeuten, den ich unter den herrlichsten
Erscheinungen erleide. Hieran hatte diese griechische Reisegefährtin
nicht geringen Anteil, die mich zur Tätigkeit nötigte, wenn ich hätte
schauen sollen.

Ich erinnerte mich jenes trefflichen Freundes, der sich auf eine große
Reise eingerichtet hatte, die man wohl eine Entdeckungsreise hätte
nennen können. Nachdem er einige Jahre darauf studiert und
ökonomisiert, fiel es ihm zuletzt noch ein, die Tochter eines
angesehenen Hauses zu entführen, weil er dachte, es ging' in einem hin.

Ebenso frevelhaft entschloß ich mich, "Iphigenien" nach Karlsbad
mitzunehmen. An welchem Orte ich mich besonders mit ihr unterhalten,
will ich kürzlich aufzeichnen.

Als ich den Brenner verließ, nahm ich sie aus dem größten Paket und
steckte sie zu mir. Am Gardasee, als der gewaltige Mittagswind die
Wellen ans Ufer trieb, wo ich wenigstens so allein war als meine
Heldin am Gestade von Tauris, zog ich die ersten Linien der neuen
Bearbeitung, die ich in Verona, Vicenz, Padua, am fleißigsten aber in
Venedig fortsetzte. Sodann aber geriet die Arbeit in Stocken, ja, ich
ward auf eine neue Erfindung geführt, nämlich "Iphigenia auf Delphi"
zu schreiben, welches ich auch sogleich getan hätte, wenn nicht die
Zerstreuung und ein Pflichtsgefühl gegen das ältere Stück mich
abgehalten hätte.

In Rom aber ging die Arbeit in geziemender Stetigkeit fort. Abends
beim Schlafengehen bereitete ich mich aufs morgende Pensum, welches
denn sogleich beim Erwachen angegriffen wurde. Mein Verfahren dabei
war ganz einfach: ich schrieb das Stück ruhig ab und ließ es Zeile vor
Zeile, Period vor Period regelmäßig erklingen. Was daraus entstanden
ist, werdet ihr beurteilen. Ich habe dabei mehr gelernt als getan.
Mit dem Stücke selbst erfolgen noch einige Bemerkungen.

Den 6. Januar.

Daß ich auch einmal wieder von kirchlichen Dingen rede, so will ich
erzählen, daß wir die Christnacht herumschwärmten und die Kirchen
besuchten, wo Funktionen gehalten werden. Eine besonders ist sehr
besucht, deren Orgel und Musik überhaupt so eingerichtet ist, daß zu
einer Pastoral-Musik nichts an Klängen abgeht, weder die Schalmeien
der Hirten, noch das Zwitschern der Vögel, noch das Blöken der Schafe.

Am ersten Christfeste sah ich den Papst und die ganze Klerisei in der
Peterskirche, da er zum Teil vor dem Thron, zum Teil vom Thron herab
das Hochamt hielt. Es ist ein einziges Schauspiel in seiner Art,
prächtig und würdig genug, ich bin aber im protestantischen
Diogenismus so alt geworden, daß mir diese Herrlichkeit mehr nimmt als
gibt; ich möchte auch wie mein frommer Vorfahre zu diesen geistlichen
Weltüberwindern sagen: "Verdeckt mir doch nicht die Sonne höherer
Kunst und reiner Menschheit."

Heute, als am Dreikönigsfeste, habe ich die Messe nach griechischem
Ritus vortragen sehen und hören. Die Zeremonien scheinen mir
stattlicher, strenger, nachdenklicher und doch populärer als die
lateinischen.

Auch da hab' ich wieder gefühlt, daß ich für alles zu alt bin, nur
fürs Wahre nicht. Ihre Zeremonien und Opern, ihre Umgänge und
Ballette, es fließt alles wie Wasser von einem Wachstuchmantel an mir
herunter. Eine Wirkung der Natur hingegen wie der Sonnenuntergang,
von Villa Madama gesehen, ein Werk der Kunst wie die viel verehrte
Juno machen tiefen und bleibenden Eindruck.

Nun graut mir schon vor dem Theaterwesen. Die nächste Woche werden
sieben Bühnen eröffnet. Anfossi ist selbst hier und gibt "Alexander
in Indien"; auch wird ein "Cyrus" gegeben und die "Eroberung von
Troja" als Ballett. Das wäre was für die Kinder.

Den 10. Januar.

Hier folgt denn also das Schmerzenskind, denn dieses Beiwort verdient
"Iphigenia", aus mehr als einem Sinne. Bei Gelegenheit, daß ich sie
unsern Künstlern vorlas, strich ich verschiedene Zeilen an, von denen
ich einige nach meiner überzeugung verbesserte, die andern aber
stehenlasse, ob vielleicht Herder ein paar Federzüge hineintun will.
Ich habe mich daran ganz stumpf gearbeitet.

Denn warum ich die Prosa seit mehreren Jahren bei meinen Arbeiten
vorzog, daran war doch eigentlich schuld, daß unsere Prosodie in der
größten Unsicherheit schwebt, wie denn meine einsichtigen, gelehrten,
mitarbeitenden Freunde die Entscheidung mancher Fragen dem Gefühl, dem
Geschmack anheimgeben, wodurch man denn doch aller Richtschnur
ermangelte.

"Iphigenia" in Jamben zu übersetzen, hätte ich nie gewagt, wäre mir in
Moritzens "Prosodie" nicht ein Leitstern erschienen. Der Umgang mit
dem Verfasser, besonders während seines Krankenlagers, hat mich noch
mehr darüber aufgeklärt, und ich ersuche die Freunde, darüber mit
Wohlwollen nachzudenken.

Es ist auffallend, daß wir in unserer Sprache nur wenige Silben finden,
die entschieden kurz oder lang sind. Mit den andern verfährt man
nach Geschmack oder Willkür. Nun hat Moritz ausgeklügelt, daß es eine
gewisse Rangordnung der Silben gebe, und daß die dem Sinne nach
bedeutendere gegen eine weniger bedeutende lang sei und jene kurz
mache, dagegen aber auch wieder kurz werden könne, wenn sie in die
Nähe von einer andern gerät, welche mehr Geistesgewicht hat. Hier ist
denn doch ein Anhalten, und wenn auch damit nicht alles getan wäre, so
hat man doch indessen einen Leitfaden, an dem man sich hinschlingen
kann. Ich habe diese Maxime öfters zu Rate gezogen und sie mit meiner
Empfindung übereinstimmend getroffen.

Da ich oben von einer Vorlesung sprach, so muß ich doch auch, wie es
damit zugegangen, kürzlich erwähnen. Diese jungen Männer, an jene
früheren, heftigen, vordringenden Arbeiten gewöhnt, erwarteten etwas
Berlichingisches und konnten sich in den ruhigen Gang nicht gleich
finden; doch verfehlten die edlen und reinen Stellen nicht ihre
Wirkung. Tischbein, dem auch diese fast gänzliche Entäußerung der
Leidenschaft kaum zu Sinne wollte, brachte ein artiges Gleichnis oder
Symbol zum Vorschein. Er verglich es einem Opfer, dessen Rauch, von
einem sanften Luftdruck niedergehalten, an der Erde hinzieht, indessen
die Flamme freier nach der Höhe zu gewinnen sucht. Er zeichnete dies
sehr hübsch und bedeutend. Das Blättchen lege ich bei.

Und so hat mich denn diese Arbeit, über die ich bald hinauszukommen
dachte, ein völliges Vierteljahr unterhalten und aufgehalten, mich
beschäftigt und gequält. Es ist nicht das erste Mal, daß ich das
Wichtigste nebenher tue, und wir wollen darüber nicht weiter
grillisieren und rechten.

Einen hübschen geschnittenen Stein lege ich bei, ein Löwchen, dem eine
Bremse vor der Nase schnurrt. Die Alten liebten diesen Gegenstand und
haben ihn oft wiederholt. Ich wünsche, daß ihr damit künftig eure
Briefe siegelt, damit durch diese Kleinigkeit eine Art von Kunstecho
von euch zu mir herüberschalle.

Den 13. Januar 1787.

Wieviel hätte ich jeden Tag zu sagen, und wie sehr hält mich
Anstrengung und Zerstreuung ab, ein kluges Wort aufs Papier zu bringen.
Dazu kommen noch die frischen Tage, wo es überall besser ist als in
den Zimmern, die ohne Ofen und Kamin uns nur zum Schlafen oder
Mißbehagen aufnehmen. Einige Vorfälle der letzten Woche darf ich
jedoch nicht unberührt lassen.

Im Palaste Giustiniani steht eine Minerva, die meine ganze Verehrung
hat. Winckelmann gedenkt ihrer kaum, wenigstens nicht an der rechten
Stelle, und ich fühle mich nicht würdig genug, über sie etwas zu sagen.
Als wir die Statue besahen und uns lang dabei aufhielten, erzählte
uns die Frau des Kustode, es sei dieses ein ehmals heiliges Bild
gewesen, und die Inglesi, welche von dieser Religion seien, pflegten
es noch zu verehren, indem sie ihm die eine Hand küßten, die auch
wirklich ganz weiß war, da die übrige Statue bräunlich ist. Auch
setzte sie hinzu, eine Dame dieser Religion sei vor kurzem dagewesen,
habe sich auf die Knie niedergeworfen und die Statue angebetet. Eine
so wunderliche Handlung habe sie, eine Christin, nicht ohne Lachen
ansehen können und sei zum Saal hinausgelaufen, um nicht loszuplatzen.
Da ich auch von der Statue nicht weg wollte, fragte sie mich, ob ich
etwa eine Schöne hätte, die diesem Marmor ähnlich sähe, daß er mich so
sehr anzöge. Das gute Weib kannte nur Anbetung und Liebe, aber von
der reinen Bewunderung eines herrlichen Werkes, von der brüderlichen
Verehrung eines Menschengeistes konnte sie keinen Begriff haben. Wir
freuten uns über das englische Frauenzimmer und gingen weg mit der
Begier, umzukehren, und ich werde gewiß bald wieder hingehen. Wollen
meine Freunde ein näheres Wort hören, so lesen sie, was Winckelmann
vom hohen Stil der Griechen sagt. Leider führt er dort diese Minerva
nicht an. Wenn ich aber nicht irre, so ist sie von jenem hohen,
strengen Stil, da er in den schönen übergeht, die Knospe, indem sie
sich öffnet, und nun eine Minerva, deren Charakter eben dieser
übergang so wohl ansteht!

Nun von einem Schauspiel anderer Art! Am Dreikönigstage, am Feste des
Heils, das den Heiden verkündigt worden, waren wir in der Propaganda.
Dort ward in Gegenwart dreier Kardinäle und eines großen Auditorii
erst eine Rede gehalten, an welchem Orte Maria die drei Magos
empfangen, im Stalle oder wo sonst? Dann nach verlesenen einigen
lateinischen Gedichten ähnliches Gegenstandes traten bei dreißig
Seminaristen nach und nach auf und lasen kleine Gedichte, jeder in
seiner Landessprache: Malabarisch, Epirotisch, Türkisch, Moldauisch,
Elenisch, Persisch, Kolchisch, Hebräisch, Arabisch, Syrisch, Koptisch,
Sarazenisch, Armenisch, Hibernisch, Madagaskarisch, Isländisch, Boisch,
ägyptisch, Griechisch, Isaurisch, äthiopisch etc. und mehrere, die
ich nicht verstehen konnte. Die Gedichtchen schienen, meist im
Nationalsilbenmaße verfaßt, mit der Nationaldeklamation vorgetragen zu
werden; denn es kamen barbarische Rhythmen und Töne hervor. Das
Griechische klang, wie ein Stern in der Nacht erscheint. Das
Auditorium lachte unbändig über die fremden Stimmen, und so ward auch
diese Vorstellung zur Farce.

Nun noch ein Geschichtchen, wie lose man im heiligen Rom das Heilige
behandelt. Der verstorbene Kardinal Albani war in einer solchen
Festversammlung, wie ich sie eben beschrieben. Einer der Schüler fing
in einer fremden Mundart an, gegen die Kardinäle gewendet: "Gnaja!
gnaja!", so daß es ungefähr klang wie "Canaglia! canaglia!". Der
Kardinal wendete sich zu seinen Mitbrüdern und sagte: "Der kennt uns
doch!"

Den 13. Januar.

Wieviel tat Winckelmann nicht, und wieviel ließ er uns zu wünschen
übrig! Mit den Materialien, die er sich zueignete, hatte er so
geschwind gebaut, um unter Dach zu kommen. Lebte er noch, und er
könnte noch frisch und gesund sein, so wäre er der erste, der uns eine
Umarbeitung seines Werks gäbe. Was hätte er nicht noch beobachtet,
was berichtigt, was benutzt, das von andern nach seinen Grundsätzen
getan und beobachtet, neuerdings ausgegraben und entdeckt worden. Und
dann wäre der Kardinal Albani tot, dem zuliebe er manches geschrieben
und vielleicht manches verschwiegen hat.

Den 15. Januar 1787.

Und so ist denn endlich auch "Aristodem", und zwar sehr glücklich und
mit dem größten Beifall, aufgeführt. Da Abbate Monti zu den
Hausverwandten des Nepoten gehört und in den obern Ständen sehr
geschätzt ist, so war von daher alles Gute zu hoffen. Auch sparten
die Logen ihren Beifall nicht. Das Parterre war gleich von vornherein
durch die schöne Diktion des Dichters und die treffliche Rezitation
der Schauspieler gewonnen, und man versäumte keine Gelegenheit, seine
Zufriedenheit an den Tag zu legen. Die deutsche Künstlerbank
zeichnete sich dabei nicht wenig aus, und es war diesmal ganz am
Platze, da sie überhaupt ein wenig vorlaut ist.

Der Verfasser war zu Hause geblieben, voller Sorge wegen des Gelingens
des Stücks, von Akt zu Akt kamen günstige Botschaften, welche nach und
nach seine Besorglichkeit in die größte Freude verwandelten. Nun
fehlt es nicht an Wiederholung der Vorstellung, und alles ist in dem
besten Gleise. So kann man durch die entgegengesetztesten Dinge, wenn
nur jedes sein ausgesprochenes Verdienst hat, den Beifall der Menge
sowohl als der Kenner erwerben.

Aber die Vorstellung war auch sehr löblich, und der Hauptakteur, der
das ganze Stück ausfüllt, sprach und spielte vortrefflich: man glaubte
einen der alten Kaiser auftreten zu sehen. Sie hatten das Kostüm, das
uns an den Statuen so sehr imponiert, recht gut in Theaterpracht
übersetzt, und man sah dem Schauspieler an, daß er die Antiken
studiert hatte.

Den 16. Januar.

Ein großer Kunstverlust steht Rom bevor. Der König von Neapel läßt
den Herkules Farnese in seine Residenz bringen. Die Künstler trauern
sämtlich, indessen werden wir bei dieser Gelegenheit etwas sehen, was
unsern Vorfahren verborgen blieb.

Gedachte Statue nämlich vom Kopf bis an die Knie und sodann die
unteren Füße mit dem Sockel, worauf sie stehen, wurde auf farnesischem
Grund und Boden gefunden, die Beine aber, vom Knie bis an die Knöchel,
fehlten und wurden durch Wilhelm Porta ersetzt. Auf diesen steht er
nun bis auf den heutigen Tag. Indessen waren auf borghesischem Grund
und Boden die echten alten Beine gefunden worden, die man denn auch in
der Borghesischen Villa aufgestellt sah.

Gegenwärtig gewinnt es Prinz Borghese über sich und verehrt diese
köstlichen Reste dem König von Neapel. Die Beine des Porta werden
abgenommen, die echten an die Stelle gesetzt, und man verspricht sich,
ob man gleich mit jenen bisher ganz wohl zufrieden gewesen, nunmehr
eine ganz neue Anschauung und mehr harmonischen Genuß.

Den 18. Januar.

Gestern, als am Feste des heiligen Antonius Abbas, machten wir uns
einen lustigen Tag, es war das schönste Wetter von der Welt, hatte die
Nacht Eis gefroren, und der Tag war heiter und warm.

Es läßt sich bemerken, daß alle Religionen, die entweder ihren Kultus
oder ihre Spekulationen ausdehnten, zuletzt dahin gelangen mußten, daß
sie auch die Tiere einigermaßen geistlicher Begünstigungen teilhaft
werden ließen. Sankt Anton, der Abt oder Bischof, ist Patron der
vierfüßigen Geschöpfe, sein Fest ein saturnalischer Feiertag für die
sonst belasteten Tiere sowie für ihre Wärter und Lenker. Alle
Herrschaften müssen heute zu Hause bleiben oder zu Fuß gehen, man
verfehlt niemals, bedenkliche Geschichten zu erzählen, wie ungläubige
Vornehme, welche ihre Kutscher an diesem Tage zu fahren genötigt,
durch große Unfälle gestraft worden.

Die Kirche liegt an einem so weitschichtigen Platz, daß er beinahe für
öde gelten könnte, heute ist er aber auf das lustigste belebt, Pferde
und Maultiere, deren Mähnen und Schweife mit Bändern schön, ja
prächtig eingeflochten zu schauen, werden vor die kleine, von der
Kirche etwas abstehende Kapelle geführt, wo ein Priester, mit einem
großen Wedel versehen, das Weihwasser, das in Butten und Kübeln vor
ihm steht, nicht schonend, auf die muntern Geschöpfe derb losspritzt,
manchmal sogar schalkhaft, um sie zu reizen. Andächtige Kutscher
bringen größere oder kleinere Kerzen, die Herrschaften senden Almosen
und Geschenke, damit die kostbaren, nützlichen Tiere ein Jahr über vor
allem Unfall sicher bleiben mögen. Esel und Hornvieh, ihren Besitzern
ebenso nützlich und wert, nehmen gleichfalls an diesem Segen ihr
beschieden Teil.

Nachher ergötzten wir uns an einer großen Wanderung unter einem so
glücklichen Himmel, umgeben von den interessantesten Gegenständen,
denen wir doch diesmal wenig Aufmerksamkeit schenkten, vielmehr Lust
und Scherz in voller Maße walten ließen.

Den 19. Januar.

So hat denn der große König, dessen Ruhm die Welt erfüllte, dessen
Taten ihn sogar des katholischen Paradieses wert machten, endlich auch
das Zeitliche gesegnet, um sich mit den Heroen seinesgleichen im
Schattenreiche zu unterhalten. Wie gern ist man still, wenn man einen
solchen zur Ruh' gebracht hat.

Heute machten wir uns einen guten Tag, besahen einen Teil des Kapitols,
den ich bisher vernachlässigt, dann setzten wir über die Tiber und
tranken spanischen Wein auf einem neugelandeten Schiffe. In dieser
Gegend will man Romulus und Remus gefunden haben, und so kann man wie
an einem doppelt und dreifachen Pfingstfeste zugleich vom heiligen
Kunstgeiste, von der mildesten Atmosphäre, von antiquarischen
Erinnerungen und von süßem Weine trunken werden.

Den 20. Januar.

Was im Anfang einen frohen Genuß gewährte, wenn man es oderflächlich
hinnahm, das drängt sich hernach beschwerlich auf, wenn man sieht, daß
ohne gründliche Kenntnis doch auch der wahre Genuß ermangelt.

Auf Anatomie bin ich so ziemlich vorbereitet, und ich habe mir die
Kenntnis des menschlichen Körpers bis auf einen gewissen Grad nicht
ohne Mühe erworben. Hier wird man durch die ewige Betrachtung der
Statuen immerfort, aber auf eine höhere Weise hingewiesen. Bei
unserer medizinisch-chirurgischen Anatomie kommt es bloß darauf an,
den Teil zu kennen, und hierzu dient auch wohl ein kümmerlicher Muskel.
In Rom aber wollen die Teile nichts heißen, wenn sie nicht zugleich
eine edle, schöne Form darbieten.

In dem großen Lazarett San Spirito hat man den Künstlern zulieb einen
sehr schönen Muskelkörper dergestalt bereitet, daß die Schönheit
desselben in Verwunderung setzt. Er könnte wirklich für einen
geschundenen Halbgott, für einen Marsyas gelten.

So pflegt man auch nach Anleitung der Alten das Skelett nicht als eine
künstlich zusammengereihte Knochenmasse zu studieren, vielmehr
zugleich mit den Bändern, wodurch es schon Leben und Bewegung erhält.

Sage ich nun, daß wir auch abends Perspektiv studieren, so zeigt es
doch wohl, daß wir nicht müßig sind. Bei allem dem aber hofft man
immer mehr zu tun, als wirklich geschieht.

Den 22. Januar.

Von dem deutschen Kunstsinn und dem dortigen Kunstleben kann man wohl
sagen: man hört läuten, aber nicht zusammenklingen. Bedenke ich jetzt,
was für herrliche Sachen in unserer Nachbarschaft sind, und wie wenig
sie von mir genutzt worden, so möchte ich verzweifeln, und dann kann
ich mich wieder auf den Rückweg freuen, wenn ich hoffen kann, jene
Meisterwerke zu erkennen, an denen ich nur herumtappte.

Doch auch in Rom ist zu wenig für den gesorgt, dem es Ernst ist, ins
Ganze zu studieren. Er muß alles aus unendlichen, obgleich
überreichen Trümmern zusammenstoppeln. Freilich ist's wenigen Fremden
reiner Ernst, etwas Rechts zu sehen und zu lernen. Sie folgen ihren
Grillen, ihrem Dünkel, und das merken sich alle diejenigen wohl, die
mit Fremden zu tun haben. Jeder Führer hat Absichten, jeder will
irgendeinen Handelsmann empfehlen, einen Künstler begünstigen, und
warum sollte er es nicht? Denn schlägt der Unerfahrne nicht das
Vortrefflichste aus, das man ihm anbietet?

Einen außerordentlichen Vorteil hätte es der Betrachtung bringen
können, ja es wäre ein eignes Museum entstanden, wenn die Regierung,
die doch erst die Erlaubnis geben muß, wenn ein Altertum ausgeführt
werden soll, fest darauf bestanden hätte, daß jedesmal ein Abguß
geliefert werden müsse. Hätte aber auch ein Papst solch einen
Gedanken gehabt, alles hätte sich widersetzt, denn man wäre in wenigen
Jahren erschrocken über Wert und Würde solcher ausgeführten Dinge,
wozu man die Erlaubnis in einzelnen Fällen heimlich und durch allerlei
Mittel zu erlangen weiß.

Den 22. Januar.

Schon früher, aber besonders bei der Aufführung des "Aristodem",
erwachte der Patriotismus unserer deutschen Künstler. Sie unterließen
nicht, Gutes von meiner "Iphigenia" zu reden, einzelne Stellen wurden
wieder verlangt, und ich fand mich zuletzt zu einer Wiederholung des
Ganzen genötigt. Auch da entdeckte ich manche Stelle, die mir
gelenker aus dem Munde ging, als sie auf dem Papier stand. Freilich
ist die Poesie nicht fürs Auge gemacht.

Dieser gute Ruf erscholl nun bis zu Reiffenstein und Angelika, und da
sollte ich denn meine Arbeit abermals produzieren. Ich erbat mir
einige Frist, trug aber sogleich die Fabel und den Gang des Stücks mit
einiger Umständlichkeit vor. Mehr, als ich glaubte, gewann sich diese
Darstellung die Gunst gedachter Personen, auch Herr Zucchi, von dem
ich es am wenigsten erwartet, nahm recht freien und wohlempfundenen
Anteil. Dieses klärt sich aber dadurch sehr gut auf, daß das Stück
sich der Form nähert, die man im Griechischen, Italienischen,
Französischen längst gewohnt ist, und welche demjenigen noch immer am
besten zusagt, welcher sich an die englischen Kühnheiten noch nicht
gewöhnt hat.

Rom, den 25. Januar 1787.

Nun wird es mir immer schwerer, von meinem Aufenthalte in Rom
Rechenschaft zu geben; denn wie man die See immer tiefer findet, je
weiter man hineingeht, so geht es auch mir in Betrachtung dieser Stadt.

Man kann das Gegenwärtige nicht ohne das Vergangene erkennen, und die
Vergleichung von beiden erfordert mehr Zeit und Ruhe. Schon die Lage
dieser Hauptstadt der Welt führt uns auf ihre Erbauung zurück. Wir
sehen bald, hier hat sich kein wanderndes, großes, wohlgeführtes Volk
niedergelassen und den Mittelpunkt eines Reichs weislich festgesetzt;
hier hat kein mächtiger Fürst einen schicklichen Ort zum Wohnsitz
einer Kolonie bestimmt. Nein, Hirten und Gesindel haben sich hier
zuerst eine Stätte bereitet, ein paar rüstige Jünglinge haben auf dem
Hügel den Grund zu Palästen der Herren der Welt gelegt, an dessen Fuß
sie die Willkür des Ausrichters zwischen Morast und Schilf einst
hinlegte. So sind die sieben Hügel Roms nicht Erhöhungen gegen das
Land, das hinter ihnen liegt, sie sind es gegen die Tiber und gegen
das uralte Bette der Tiber, was Campus Martius ward. Erlaubt mir das
Frühjahr weitere Exkursionen, so will ich die unglückliche Lage
ausführlicher schildern. Schon jetzt nehm' ich den herzlichsten
Anteil an dem Jammergeschrei und den Schmerzen der Weiber von Alba,
die ihre Stadt zerstören sehn und den schönen, von einem klugen
Anführer gewählten Platz verlassen müssen, um an den Nebeln der Tiber
teilzunehmen, den elenden Hügel Coelius zu bewohnen und von da nach
ihrem verlassenen Paradiese zurückzusehn. Ich kenne noch wenig von
der Gegend, aber ich bin überzeugt, kein Ort der ältern Völker lag so
schlecht als Rom, und da die Römer endlich alles verschlungen hatten,
mußten sie wieder mit ihren Landhäusern hinaus und an die Plätze der
zerstörten Städte rücken, um zu leben und das Leben zu genießen.

Den 25. Januar.

Zu einer recht friedlichen Betrachtung gibt es Anlaß, wie viele
Menschen hier im stillen leben, und wie sich jeder nach seiner Weise
beschäftigt. Wir sahen bei einem Geistlichen, der ohne großes
angebornes Talent sein Leben der Kunst widmete, sehr interessante
Kopien trefflicher Gemälde, die er in Miniatur nachgebildet hat. Sein
vorzüglichstes nach dem Abendmahl des Leonhard da Vinci in Mailand.
Der Moment ist genommen, da Christus den Jüngern, mit denen er
vergnügt und freundschaftlich zu Tische sitzt, erklärt und sagt: "Aber
doch ist einer unter euch, der mich verrät."

Man hofft einen Kupferstich entweder nach dieser Kopie oder nach
andern, mit denen man sich beschäftigt. Es wird das größte Geschenk
sein, wenn eine treue Nachbildung im großen Publikum erscheint.

Vor einigen Tagen besuchte ich den Pater Jacquier, einen Franziskaner,
auf Trinità de' Monti. Er ist Franzos von Geburt, durch mathematische
Schriften bekannt, hoch in Jahren, sehr angenehm und verständig. Er
kannte zu seiner Zeit die besten Männer, und hat sogar einige Monate
bei Voltaire zugebracht, der ihn sehr in Affektion nahm.

Und so habe ich noch mehr gute, solide Menschen kennen lernen,
dergleichen sich hier unzählige befinden, die ein pfäffisches
Mißtrauen auseinander hält. Der Buchhandel gibt keine Verbindung, und
die literarischen Neuigkeiten sind selten fruchtbar.

Und so geziemt es dem Einsamen, die Einsiedler aufzusuchen. Denn seit
der Aufführung des "Aristodems", zu dessen Gunsten wir uns wirklich
tätig erwiesen hatten, führte man mich abermals in Versuchung; es lag
aber nur zu klar am Tage, daß es nicht um mich zu tun sei, man wollte
seine Partei verstärken, mich als Instrument brauchen, und wenn ich
hätte hervorgehen und mich erklären wollen, hätte ich auch als Phantom
eine kurze Rolle gespielt. Nun aber, da sie sehen, daß mit mir nichts
anzufangen ist, lassen sie mich gehn, und ich wandle meinen sichern
Weg fort.

Ja, meine Existenz hat einen Ballast bekommen, der ihr die gehörige
Schwere gibt; ich fürchte mich nun nicht mehr vor den Gespenstern, die
so oft mit mir spielten. Seid auch gutes Muts, ihr werdet mich oben
halten und mich zu euch zurückziehen.

Den 28. Januar 1787.

Zwei Betrachtungen, die durch alles durchgehen, welchen sich
hinzugeben man jeden Augenblick aufgefordert wird, will ich, da sie
mir klar geworden, zu bezeichnen nicht verfehlen.

Zuerst also wird man bei dem ungeheuern und doch nur trümmerhaften
Reichtum dieser Stadt, bei jedem Kunstgegenstande aufgefordert, nach
der Zeit zu fragen, die ihm das Dasein gegeben. Durch Winckelmann
sind wir dringend aufgeregt, die Epochen zu sondern, den verschiedenen
Stil zu erkennen, dessen sich die Völker bedienten, den sie in Folge
der Zeiten nach und nach ausgebildet und zuletzt wieder verbildet.
Hievon überzeugte sich jeder wahre Kunstfreund. Anerkennen tun wir
alle die Richtigkeit und das Gewicht der Forderung.

Aber wie nun zu dieser Einsicht gelangen! Vorgearbeitet nicht viel,
der Begriff richtig und herrlich aufgestellt, aber das Einzelne im
ungewissen Dunkel. Eine vieljährige entschiedene übung des Auges ist

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