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Italienische Reise-Teil 1 by Johann Wolfgang Goethe

Part 2 out of 7

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Der Brentakanal bei Padua. Zeichnung von Canaletto.

Nun wäre auch hier wieder einmal eingepackt, morgen früh geht es zu
Wasser auf der Brenta fort. Heute hat's geregnet, nun ist's wieder
ausgehellt, und ich hoffe, die Lagunen und die dem Meer vermählte
Herrscherin bei schöner Tageszeit zu erblicken und aus ihrem Schoß
meine Freunde zu begrüßen.

Venedig

So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben,
daß ich 1786 den achtundzwanzigsten September, abends, nach unserer
Uhr um fünfe, Venedig zum erstenmal, aus der Brenta in die Lagunen
einfahrend, erblicken und bald darauf diese wunderbare Inselstadt,
diese Biberrepublik betreten und besuchen sollte. So ist denn auch,
Gott sei Dank, Venedig mir kein bloßes Wort mehr, kein hohler Name,
der mich so oft, mich, den Todfeind von Wortschällen, geängstiget hat.

Als die erste Gondel an das Schiff anfuhr (es geschieht, um Passagiere,
welche Eil' haben, geschwinder nach Venedig zu bringen), erinnerte
ich mich eines frühen Kinderspielzeuges, an das ich vielleicht seit
zwanzig Jahren nicht mehr gedacht hatte. Mein Vater besaß ein schönes
mitgebrachtes Gondelmodell; er hielt es sehr wert, und mir ward es
hoch angerechnet, wenn ich einmal damit spielen durfte. Die ersten
Schnäbel von blankem Eisenblech, die schwarzen Gondelkäfige, alles
grüßte mich wie eine alte Bekanntschaft, ich genoß einen
langentbehrten freundlichen Jugendeindruck.

Der Markusplatz in Venedig. Zeichnung von Canaletto

Ich bin gut logiert in der "Königin von England", nicht weit vom
Markusplatze, und dies ist der größte Vorzug des Quartiers; meine
Fenster gehen auf einen schmalen Kanal zwischen hohen Häusern, gleich
unter mir eine einbogige Brücke und gegenüber ein schmales, belebtes
Gäßchen. So wohne ich, und so werde ich eine Zeitlang bleiben, bis
mein Paket für Deutschland fertig ist, und bis ich mich am Bilde
dieser Stadt satt gesehen habe. Die Einsamkeit, nach der ich oft so
sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genießen; denn nirgends
fühlt man sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich allen ganz
unbekannt durchdrängt. In Venedig kennt mich vielleicht nur ein
Mensch, und der wird mir nicht gleich begegnen.

Venedig, den 28. September 1786.

Wie es mir von Padua hierher gegangen, nur mit wenig Worten: Die Fahrt
auf der Brenta, mit dem öffentlichen Schiffe in gesitteter
Gesellschaft, da die Italiener sich vor einander in acht nehmen, ist
anständig und angenehm. Die Ufer sind mit Gärten und Lusthäusern
geschmückt, kleine Ortschaften treten bis ans Wasser, teilweise geht
die belebte Landstraße daran hin. Da man schleusenweis den Fluß
hinabsteigt, gibt es öfters einen kleinen Aufhalt, den man benutzen
kann, sich auf dem Lande umzusehen und die reichlich angebotenen
Früchte zu genießen. Nun steigt man wieder ein und bewegt sich durch
eine bewegte Welt voll Fruchtbarkeit und Leben.

Zu so viel abwechselnden Bildern und Gestalten gesellte sich noch eine
Erscheinung, die, obgleich aus Deutschland abstammend, doch hier ganz
eigentlich an ihrem Platze war, zwei Pilger nämlich, die ersten, die
ich in der Nähe sah. Sie haben das Recht, mit dieser öffentlichen
Gelegenheit umsonst weitergebracht zu werden; allein weil die übrige
Gesellschaft ihre Nähe scheut, so sitzen sie nicht mit in dem
bedeckten Raume, sondern hinten bei dem Steuermann. Als eine in der
gegenwärtigen Zeit seltene Erscheinung wurden sie angestaunt und, weil
früher unter dieser Hülle manch Gesindel umhertrieb, wenig geachtet.
Als ich vernahm, daß es Deutsche seien, keiner andern Sprache mächtig,
gesellte ich mich zu ihnen und vernahm, daß sie aus dem
Paderbornischen herstammten. Beides waren Männer schon über funfzig,
von dunkler, aber gutmütiger Physiognomie. Sie hatten vor allem das
Grab der heiligen drei Könige zu Köln besucht, waren sodann durch
Deutschland gezogen und nun auf dem Wege, zusammen bis Rom und sodann
ins obere Italien zurückzugehen, da denn der eine wieder nach
Westfalen zu wandern, der andere aber noch den heiligen Jakob zu
Compostell zu verehren gedachte.

Ihre Kleidung war die bekannte, doch sahen sie aufgeschürzt viel
besser aus, als wir sie in langen Taffetkleidern auf unsern Redouten
vorzustellen pflegen. Der große Kragen, der runde Hut, der Stab und
die Muschel als das unschuldigste Trinkgeschirr, alles hatte seine
Bedeutung, seinen unmittelbaren Nutzen, die Blechkapsel enthielt ihre
Pässe. Das Merkwürdigste aber waren ihre kleinen rotsaffianen
Brieftaschen; in diesen befand sich alles kleine Geräte, was nur
irgendeinem einfachen Bedürfnis abzuhelfen geeignet sein mochte. Sie
hatten dieselben hervorgezogen, indem sie an ihren Kleidern etwas zu
flicken fanden.

Der Steuermann, höchst zufrieden, daß er einen Dolmetscher fand, ließ
mich verschiedene Fragen an sie tun; dadurch vernahm ich manches von
ihren Ansichten, besonders aber von ihrer Reise. Sie beklagten sich
bitterlich über ihre Glaubensgenossen, ja Weltpriester und
Klostergeistliche. Die Frömmigkeit, sagten sie, müsse eine sehr
seltene Sache sein, weil man an die ihrige nirgends glauben wolle,
sondern sie fast durchaus, ob sie gleich die ihnen vorgeschriebene
geistliche Marschroute und die bischöflichen Pässe vorgezeigt, in
katholischen Landen wie Landstreicher behandle. Sie erzählten dagegen
mit Rührung, wie gut sie von den Protestanten aufgenommen worden,
besonders von einem Landgeistlichen in Schwaben, vorzüglich aber von
seiner Frau, welche den einigermaßen widerstrebenden Mann dahin
vermocht, daß sie ihnen reichliche Erquickung zuteilen dürfen, welche
ihnen sehr not getan. Ja beim Abschiede habe sie ihnen einen
Konventionstaler geschenkt, der ihnen sehr zustatten gekommen, sobald
sie das katholische Gebiet wieder betreten. Hierauf sagte der eine
mit aller Erhebung, deren er fähig war: "Wir schließen diese Frau aber
auch täglich in unser Gebet ein und bitten Gott, daß er ihre Augen
öffne, wie er ihr Herz für uns geöffnet hat, daß er sie, wenn auch
spät, aufnehme in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche. Und so
hoffen wir gewiß, ihr dereinst im Paradies zu begegnen."

Von diesem allen erklärte ich, was nötig und nützlich war, auf der
kleinen Steige sitzend, die auf das Verdeck führt, dem Steuermanne und
einigen andern Personen, die sich aus der Kajüte in den engen Raum
gedrängt hatten. Den Pilgern wurden einige ärmliche Erquickungen
gereicht; denn der Italiener liebt nicht, zu geben. Sie zogen hierauf
kleine geweihte Zettel hervor, worauf zu sehen das Bild der heiligen
drei Könige nebst lateinischen Gebeten zur Verehrung. Die guten
Menschen baten mich, die kleine Gesellschaft damit zu beschenken und
ihr den hohen Wert dieser Blätter begreiflich zu machen. Dies gelang
mir auch ganz gut; denn als die beiden Männer sehr verlegen schienen,
wie sie in dem großen Venedig das zur Aufnahme der Pilger bestimmte
Kloster ausfinden sollten, so versprach der gerührte Steuermann, wenn
sie landeten, wollte er einem Burschen sogleich einen Dreier geben,
damit er sie zu jenem entfernt gelegenen Orte geleitete. Sie würden
zwar, setzte er vertraulich hinzu, sie würden dort wenig Trost finden:
die Anstalt, sehr groß angelegt, um ich weiß nicht wieviel Pilger zu
fassen, sei gegenwärtig ziemlich zusammengegangen und die Einkünfte
würden eben anders verwendet.

So unterhalten, waren wir die schöne Brenta herunter gekommen, manchen
herrlichen Garten, manchen herrlichen Palast hinter uns lassend,
wohlhabende, belebte Ortschaften an der Küste mit flüchtigem Blick
beschauend. Als wir nun in die Lagunen einfuhren, umschwärmten
mehrere Gondeln sogleich das Schiff. Ein Lombard, in Venedig wohl
bekannt, forderte mich auf, ihm Gesellschaft zu leisten, damit wir
geschwinder drinne wären und der Doganenqual entgingen. Einige, die
uns abhalten wollten, wußte er mit einem mäßigen Trinkgeld zu
beseitigen, und so schwammen wir bei einem heitern Sonnenuntergang
schnell unserm Ziel entgegen.

Den 29sten, Michaelistag, abends.

Von Venedig ist schon viel erzählt und gedruckt, daß ich mit
Beschreibung nicht umständlich sein will, ich sage nur, wie es mir
entgegenkommt. Was sich mir aber vor allem andern aufdringt, ist
abermals das Volk, eine große Masse, ein notwendiges, unwillkürliches
Dasein.

Dies Geschlecht hat sich nicht zum Spaß auf diese Inseln geflüchtet,
es war keine Willkür, welche die Folgenden trieb, sich mit ihnen zu
vereinigen; die Not lehrte sie ihre Sicherheit in der
unvorteilhaftesten Lage suchen, die ihnen nachher so vorteilhaft ward
und sie klug machte, als noch die ganze nördliche Welt im Düstern
gefangen lag; ihre Vermehrung, ihr Reichtum war notwendige Folge. Nun
drängten sich die Wohnungen enger und enger, Sand und Sumpf wurden
durch Felsen ersetzt, die Häuser suchten die Luft, wie Bäume, die
geschlossen stehen, sie mußten an Höhe zu gewinnen suchen, was ihnen
an Breite abging. Auf jede Spanne des Bodens geizig und gleich
anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht mehr Breite,
als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden zu trennen
und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten. Übrigens war ihnen
das Wasser statt Straße, Platz und Spaziergang. Der Venezianer mußte
eine neue Art von Geschöpf werden, wie man denn auch Venedig nur mit
sich selbst vergleichen kann. Der große, schlangenförmig gewundene
Kanal weicht keiner Straße in der Welt, dem Raum vor dem Markusplatze
kann wohl nichts an die Seite gesetzt werden. Ich meine den großen
Wasserspiegel, der diesseits von dem eigentlichen Venedig im halben
Mond umfaßt wird. Über der Wasserfläche sieht man links die Insel St.
Giorgio Maggiore, etwas weiter rechts die Giudecca und ihren Kanal,
noch weiter rechts die Dogane und die Einfahrt in den Canal Grande, wo
uns gleich ein paar ungeheure Marmortempel entgegenleuchten. Dies
sind mit wenigen Zügen die Hauptgegenstände, die uns in die Augen
fallen, wenn wir zwischen den zwei Säulen des Markusplatzes
hervortreten. Die sämtlichen Aus--und Ansichten sind so oft in Kupfer
gestochen, daß die Freunde davon sich gar leicht einen anschaulichen
Begriff machen können.

Nach Tische eilte ich, mir erst einen Eindruck des Ganzen zu
versichern, und warf mich ohne Begleiter, nur die Himmelsgegenden
merkend, ins Labyrinth der Stadt, welche, obgleich durchaus von
Kanälen und Kanälchen durchschnitten, durch Brücken und Brückchen
wieder zusammenhängt. Die Enge und Gedrängtheit des Ganzen denkt man
nicht, ohne es gesehen zu haben. Gewöhnlich kann man die Breite der
Gasse mit ausgereckten Armen entweder ganz oder beinahe messen, in den
engsten stößt man schon mit den Ellbogen an, wenn man die Hände in die
Seite stemmt; es gibt wohl breitere, auch hie und da ein Plätzchen,
verhältnismäßig aber kann alles enge genannt werden.

Ich fand leicht den großen Kanal und die Hauptbrücke Rialto; sie
besteht aus einem einzigen Bogen von weißem Marmor. Von oben herunter
ist es eine große Ansicht, der Kanal gesäet voll Schiffe, die alles
Bedürfnis vom festen Lande herbeiführen und hier hauptsächlich anlegen
und ausladen, dazwischen wimmelt es von Gondeln. Besonders heute, als
am Michaelisfeste, gab es einen Anblick wunderschön lebendig; doch um
diesen einigermaßen darzustellen, muß ich etwas weiter ausholen.

Der Canal Grande in Venedig. Kupferstich nach Canaletto

Die beiden Hauptteile von Venedig, welche der große Kanal trennt,
werden durch die einzige Brücke Rialto miteinander verbunden, doch ist
auch für mehrere Kommunikation gesorgt, welche in offenen Barken an
bestimmten überfahrtspunkten geschieht. Nun sah es heute sehr gut aus,
als die wohlgekleideten, doch mit einem schwarzen Schleier bedeckten
Frauen sich viele zusammen übersetzen ließen, um zu der Kirche des
gefeierten Erzengels zu gelangen. Ich verließ die Brücke und begab
mich an einen solchen überfahrtspunkt, die Aussteigenden genau zu
betrachten. Ich habe sehr schöne Gesichter und Gestalten darunter
gefunden.

Nachdem ich müde geworden, setzte ich mich in eine Gondel, die engen
Gassen verlassend, und fuhr, mir das entgegengesetzte Schauspiel zu
bereiten, den nördlichen Teil des großen Kanals durch, um die Insel
der heiligen Klara, in die Lagunen, den Kanal der Giudecca herein, bis
gegen den Markusplatz, und war nun auf einmal ein Mitherr des
Adriatischen Meeres, wie jeder Venezianer sich fühlt, wenn er sich in
seine Gondel legt. Ich gedachte dabei meines guten Vaters in Ehren,
der nichts Besseres wußte, als von diesen Dingen zu erzählen. Wird
mir's nicht auch so gehen? Alles, was mich umgibt, ist würdig, ein
großes respektables Werk versammelter Menschenkraft, ein herrliches
Monument, nicht eines Gebieters, sondern eines Volks. Und wenn auch
ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe
schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die
ganze Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem
Beobachter weniger ehrwürdig sein. Sie unterliegt der Zeit, wie alles,
was ein erscheinendes Dasein hat.

Den 30. September.

Gegen Abend verlief ich mich wieder ohne Führer in die entferntesten
Quartiere der Stadt. Die hiesigen Brücken sind alle mit Treppen
angelegt, damit Gondeln und auch wohl größere Schiffe bequem unter den
Bogen hinfahren. Ich suchte mich in und aus diesem Labyrinthe zu
finden, ohne irgend jemand zu fragen, mich abermals nur nach der
Himmelsgegend richtend. Man entwirrt sich wohl endlich, aber es ist
ein unglaubliches Gehecke ineinander, und meine Manier, sich recht
sinnlich davon zu überzeugen, die beste. Auch habe ich mir bis an die
letzte bewohnte Spitze der Einwohner Betragen, Lebensart, Sitte und
Wesen gemerkt; in jedem Quartiere sind sie anders beschaffen. Du
lieber Gott! was doch der Mensch für ein armes, gutes Tier ist!

Sehr viele Häuserchen stehen unmittelbar in den Kanälen, doch gibt es
hie und da schön gepflasterte Steindämme, auf denen man zwischen
Wasser, Kirchen und Palästen gar angenehm hin und wider spaziert.
Lustig und erfreulich ist der lange Steindamm an der nördlichen Seite,
von welchem die Inseln, besonders Murano, das Venedig im kleinen,
geschaut werden. Die Lagunen dazwischen sind von vielen Gondeln
belebt.

Den 30. September, abends.

Heute habe ich abermals meinen Begriff von Venedig erweitert, indem
ich mir den Plan verschaffte. Als ich ihn einigermaßen studiert,
bestieg ich den Markusturm, wo sich dem Auge ein einziges Schauspiel
darstellt. Es war um Mittag und heller Sonnenschein, daß ich ohne
Perspektiv Nähen und Fernen genau erkennen konnte. Die Flut bedeckte
die Lagunen, und als ich den Blick nach dem sogenannten Lido wandte
(es ist ein schmaler Erdstreif, der die Lagunen schließt), sah ich zum
erstenmal das Meer und einige Segel darauf. In den Lagunen selbst
liegen Galeeren und Fregatten, die zum Ritter Emo stoßen sollten, der
den Algierern den Krieg macht, die aber wegen ungünstiger Winde
liegenbleiben. Die paduanischen und vicentinischen Berge und das
Tiroler Gebirge schließen zwischen Abend und Mitternacht das Bild ganz
trefflich schön.

Den 1. Oktober.

Ich ging und besah mir die Stadt in mancherlei Rücksichten, und da es
eben Sonntag war, fiel mir die große Unreinlichkeit der Straßen auf,
worüber ich meine Betrachtungen anstellen mußte. Es ist wohl eine Art
von Polizei in diesem Artikel, die Leute schieben den Kehrig in die
Ecken, auch sehe ich große Schiffe hin und wider fahren, die an
manchen Orten stille liegen und das Kehrig mitnehmen, Leute von den
Inseln umher, welche des Düngers bedürfen; aber es ist in diesen
Anstalten weder Folge noch Strenge, und desto unverzeihlicher die
Unreinlichkeit der Stadt, da sie ganz zur Reinlichkeit angelegt worden,
so gut als irgendeine holländische.

Alle Straßen sind geplattet, selbst die entferntesten Quartiere
wenigstens mit Backsteinen auf der hohen Kante ausgesetzt, wo es nötig,
in der Mitte ein wenig erhaben, an der Seite Vertiefungen, das Wasser
aufzufassen und in bedeckte Kanäle zu leiten. Noch andere
architektonische Vorrichtungen der ersten wohlüberdachten Anlage
zeugen von der Absicht trefflicher Baumeister, Venedig zu der reinsten
Stadt zu machen, wie sie die sonderbarste ist. Ich konnte nicht
unterlassen, gleich im Spazierengehen eine Anordnung deshalb zu
entwerfen und einem Polizeivorsteher, dem es Ernst wäre, in Gedanken
vorzuarbeiten. So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu
kehren.

Den 2. Oktober 1786.

Vor allem eilte ich in die Carità: ich hatte in des Palladio Werken
gefunden, daß er hier ein Klostergebäude angegeben, in welchem er die
Privatwohnung der reichen und gastfreien Alten darzustellen gedachte.
Der sowohl im Ganzen als in seinen einzelnen Teilen trefflich
gezeichnete Plan machte mir unendliche Freude, und ich hoffte ein
Wunderwerk zu finden; aber ach! es ist kaum der zehnte Teil ausgeführt;
doch auch dieser Teil seines himmlischen Genius würdig, eine
Vollkommenheit in der Anlage und eine Genauigkeit in der Ausführung,
die ich noch nicht kannte. Jahrelang sollte man in Betrachtung so
eines Werks zubringen. Mich dünkt, ich habe nichts Höheres, nichts
Vollkommneres gesehen, und glaube, daß ich mich nicht irre. Denke man
sich aber auch den trefflichen Künstler, mit dem innern Sinn fürs
Große und Gefällige geboren, der erst mit unglaublicher Mühe sich an
den Alten heranbildet, um sie alsdann durch sich wiederherzustellen.
Dieser findet Gelegenheit, einen Lieblingsgedanken auszuführen, ein
Kloster, so vielen Mönchen zur Wohnung, so vielen Fremden zur Herberge
bestimmt, nach der Form eines antiken Privatgebäudes aufzurichten.

Die Kirche stand schon, aus ihr tritt man in ein Atrium von
korinthischen Säulen, man ist entzückt und vergißt auf einmal alles
Pfaffentum. An der einen Seite findet man die Sakristei, an der
andern ein Kapitelzimmer, daneben die schönste Wendeltreppe von der
Welt, mit offener, weiter Spindel, die steinernen Stufen in die Wand
gemauert und so geschichtet, daß eine die andere trägt; man wird nicht
müde, sie auf--und abzusteigen; wie schön sie geraten sei, kann man
daraus abnehmen, daß sie Palladio selbst für wohlgeraten angibt. Aus
dem Vorhof tritt man in den innern großen Hof. Von dem Gebäude, das
ihn umgeben sollte, ist leider nur die linke Seite aufgeführt, drei
Säulenordnungen übereinander, auf der Erde Hallen, im ersten Stock ein
Bogengang vor den Zellen hin, der obere Stock Mauer mit Fenstern.
Doch diese Beschreibung muß durch den Anblick der Risse gestärkt
werden. Nun ein Wort von der Ausführung.

Nur die Häupter und Füße der Säulen und die Schlußsteine der Bogen
sind von gehauenem Stein, das übrige alles, ich darf nicht sagen von
Backsteinen, sondern von gebranntem Ton. Solche Ziegeln kenne ich gar
nicht. Fries und Karnies sind auch daraus, die Glieder der Bogen
gleichfalls, alles teilweise gebrannt, und das Gebäude zuletzt nur mit
wenig Kalk zusammengesetzt. Es steht wie aus einem Guß. Wäre das
Ganze fertig geworden, und man sähe es reinlich abgerieben und gefärbt,
es müßte ein himmlischer Anblick sein.

Jedoch die Anlage war zu groß, wie bei so manchem Gebäude der neuern
Zeit. Der Künstler hatte nicht nur voraus gesetzt, daß man das
jetzige Kloster abreißen, sondern auch anstoßende Nachbarshäuser
kaufen werde, und da mögen Geld und Lust ausgegangen sein. Du liebes
Schicksal, daß du so manche Dummheit begünstigt und verewigt hast,
warum ließest du dieses Werk nicht zustande kommen!

Den 3. Oktober.

Die Kirche Il Redentore, ein schönes, großes Werk von Palladio, die
Fassade lobenswürdiger als die von St. Giorgio. Diese mehrmals in
Kupfer gestochenen Werke müßte man vor sich sehen, um das Gesagte
verdeutlichen zu können. Hier nur wenige Worte.

Palladio war durchaus von der Existenz der Alten durchdrungen und
fühlte die Kleinheit und Enge seiner Zeit wie ein großer Mensch, der
sich nicht hingeben, sondern das übrige soviel als möglich nach seinen
edlen Begriffen umbilden will. Er war unzufrieden, wie ich aus
gelinder Wendung seines Buches schließe, daß man bei christlichen
Kirchen nach der Form der alten Basiliken zu bauen fortfahre, er
suchte deshalb seine heiligen Gebäude der alten Tempelform zu nähern;
daher entstanden gewisse Unschicklichkeiten, die mir bei Il Redentore
glücklich beseitigt, bei St. Giorgio aber zu auffallend erscheinen.
Volkmann sagt etwas davon, trifft aber den Nagel nicht auf den Kopf.

Inwendig ist Il Redentore gleichfalls köstlich, alles, auch die
Zeichnung der Altäre, von Palladio; leider die Nischen, die mit
Statuen ausgefüllt werden sollten, prangen mit flachen,
ausgeschnittenen, gemalten Brettfiguren.

Den 3. Oktober.

Dem heiligen Franziskus zu Ehren hatten die Patres Capucini einen
Seitenaltar mächtig ausgeputzt; man sah nichts von Stein als die
korinthischen Kapitäle; alles übrige schien mit einer geschmackvollen
prächtigen Stickerei nach Art der Arabesken überzogen, und zwar so
artig, als man nur etwas zu sehen wünschte. Besonders wunderte ich
mich über die breiten, goldgestickten Ranken und Laubwerke. Ich ging
näher und fand einen recht hübschen Betrug. Alles, was ich für Gold
gehalten hatte, war breitgedrücktes Stroh, nach schönen Zeichnungen
auf Papier geklebt, der Grund mit lebhaften Farben angestrichen, und
das so mannigfaltig und geschmackvoll, daß dieser Spaß, dessen
Material gar nichts wert war, und der wahrscheinlich im Kloster selbst
ausgeführt wurde, mehrere tausend Taler müßte gekostet haben, wenn er
echt hätte sein sollen. Man könnte es gelegentlich wohl nachahmen.

Auf einem Uferdamme im Angesicht des Wassers bemerkte ich schon
einigemal einen geringen Kerl, welcher einer größern oder kleinern
Anzahl von Zuhörern im venezianischen Dialekt Geschichten erzählte;
ich kann leider nichts davon verstehen, es lacht aber kein Mensch, nur
selten lächelt das Auditorium, das meist aus der ganz niedern Klasse
besteht. Auch hat der Mann nichts Auffallendes noch Lächerliches in
seiner Art, vielmehr etwas sehr Gesetztes, zugleich eine
bewunderungswürdige Mannigfaltigkeit und Präzision, welche auf Kunst
und Nachdenken hinwiesen, in seinen Gebärden.

Den 3. Oktober.

Den Plan in der Hand suchte ich mich durch die wunderlichsten Irrgänge
bis zur Kirche der Mendicanti zu finden. Hier ist das Konservatorium,
welches gegenwärtig den meisten Beifall hat. Die Frauenzimmer führten
ein Oratorium hinter dem Gitter auf, die Kirche war voll Zuhörer, die
Musik sehr schön, und herrliche Stimmen. Ein Alt sang den König Saul,
die Hauptperson des Gedichtes. Von einer solchen Stimme hatte ich gar
keinen Begriff; einige Stellen der Musik waren unendlich schön, der
Text vollkommen singbar, so italienisch Latein, daß man an manchen
Stellen lachen muß; die Musik aber findet hier ein weites Feld.

Es wäre ein trefflicher Genuß gewesen, wenn nicht der vermaledeite
Kapellmeister den Takt mit einer Rolle Noten wider das Gitter und so
unverschämt geklappt hätte, als habe er mit Schuljungen zu tun, die er
eben unterrichtete; und die Mädchen hatten das Stück oft wiederholt,
sein Klatschen war ganz unnötig und zerstörte allen Eindruck, nicht
anders als wenn einer, um uns eine schöne Statue begreiflich zu machen,
ihr Scharlachläppchen auf die Gelenke klebte. Der fremde Schall hebt
alle Harmonie auf. Das ist nun ein Musiker, und er hört es nicht,
oder er will vielmehr, daß man seine Gegenwart durch eine
Unschicklichkeit vernehmen soll, da es besser wäre, er ließe seinen
Wert an der Vollkommenheit der Ausführung erraten. Ich weiß, die
Franzosen haben es an der Art, den Italienern hätte ich es nicht
zugetraut, und das Publikum scheint daran gewöhnt. Es ist nicht das
einzige Mal, daß es sich einbilden läßt, das gerade gehöre zum Genuß,
was den Genuß verdirbt.

Den 3. Oktober.

Gestern abend Oper zu St. Moses (denn die Theater haben ihren Namen
von der Kirche, der sie am nächsten liegen); nicht recht erfreulich!
Es fehlt dem Poem, der Musik, den Sängern eine innere Energie, welche
allein eine solche Darstellung auf den höchsten Punkt treiben kann.
Man konnte von keinem Teil sagen, er sei schlecht; aber nur die zwei
Frauen ließen sich's angelegen sein, nicht sowohl gut zu agieren als
sich zu produzieren und zu gefallen. Das ist denn immer etwas. Es
sind zwei schöne Figuren, gute Stimmen, artige, muntere, gätliche
Persönchen. Unter den Männern dagegen keine Spur von innerer Gewalt
und Lust, dem Publikum etwas aufzuheben, sowie keine entschieden
glänzende Stimme.

Das Ballett, von elender Erfindung, ward im ganzen ausgepfiffen,
einige treffliche Springer und Springerinnen jedoch, welche letztere
sich es zur Pflicht rechneten, die Zuschauer mit jedem schönen Teil
ihres Körpers bekannt zu machen, wurden weidlich beklatscht.

Den 3. Oktober.

Heute dagegen sah ich eine andere Komödie, die mich mehr gefreut hat.
Im herzoglichen Palast hörte ich eine Rechtssache öffentlich
verhandeln; sie war wichtig und zu meinem Glück in den Ferien
vorgenommen. Der eine Advokat war alles, was ein übertriebener Buffo
nur sein sollte. Figur dick, kurz, doch beweglich, ein ungeheuer
vorspringendes Profil, eine Stimme wie Erz und eine Heftigkeit, als
wenn es ihm aus tiefstem Grunde des Herzens Ernst wäre, was er sagte.
Ich nenne dies eine Komödie, weil alles wahrscheinlich schon fertig
ist, wenn diese öffentliche Darstellung geschieht; die Richter wissen,
was sie sprechen sollen, und die Partei weiß, was sie zu erwarten hat.
Indessen gefällt mir diese Art unendlich besser als unsere
Stuben--und Kanzleihockereien. Und nun von den Umständen und wie
artig, ohne Prunk, wie natürlich alles zugeht, will ich suchen einen
Begriff zu geben.

In einem geräumigen Saal des Palastes saßen an der einen Seite die
Richter im Halbzirkel. Gegen ihnen über, auf einem Katheder, der
mehrere Personen nebeneinander fassen konnte, die Advokaten beider
Parteien, unmittelbar vor demselben, auf einer Bank, Kläger und
Beklagte in eigner Person. Der Advokat des Klägers war von dem
Katheder herabgestiegen, denn die heutige Sitzung war zu keiner
Kontrovers bestimmt. Die sämtlichen Dokumente für und wider, obgleich
schon gedruckt, sollten vorgelesen werden.

Ein hagerer Schreiber in schwarzem, kümmerlichem Rocke, ein dickes
Heft in der Hand, bereitete sich, die Pflicht des Lesenden zu erfüllen.
Von Zuschauern und Zuhörern war übrigens der Saal gedrängt voll.
Die Rechtsfrage selbst sowie die Personen, welche sie betraf, mußten
den Venezianern höchst bedeutend scheinen.

Fideikommisse haben in diesem Staat die entschiedenste Gunst, ein
Besitztum, welchem einmal dieser Charakter aufgeprägt ist, behält ihn
für ewige Zeiten, es mag durch irgend eine Wendung oder Umstand vor
mehrern hundert Jahren veräußert worden, durch viele Hände gegangen
sein, zuletzt, wenn die Sache zur Sprache kommt, behalten die
Nachkommen der ersten Familie recht, und die Güter müssen
herausgegeben werden.

Diesmal war der Streit höchst wichtig, denn die Klage ging gegen den
Doge selbst, oder vielmehr gegen seine Gemahlin, welche denn auch in
Person auf dem Bänkchen, vom Kläger nur durch einen kleinen
Zwischenraum getrennt, in ihren Zendal gehüllt, dasaß. Eine Dame von
gewissem Alter, edlem Körperbau, wohlgebildetem Gesicht, auf welchem
ernste, ja, wenn man will, etwas verdrießliche Züge zu sehen waren.
Die Venezianer bildeten sich viel darauf ein, daß die Fürstin in ihrem
eignen Palast vor dem Gericht und ihnen erscheinen müsse.

Der Schreiber fing zu lesen an, und nun ward mir erst deutlich, was
ein im Angesicht der Richter unfern des Katheders der Advokaten hinter
einem kleinen Tische auf einem niedern Schemel sitzendes Männchen,
besonders aber die Sanduhr bedeute, die er vor sich niedergelegt hatte.
Solange nämlich der Schreiber liest, so lange läuft die Zeit nicht,
dem Advokaten aber, wenn er dabei sprechen will, ist nur im ganzen
eine gewisse Frist gegönnt. Der Schreiber liest, die Uhr liegt, das
Männchen hat die Hand daran. Tut der Advokat den Mund auf, so steht
auch die Uhr schon in der Höhe, die sich sogleich niedersenkt, sobald
er schweigt. Hier ist nun die große Kunst, in den Fluß der Vorlesung
hineinzureden, flüchtige Bemerkungen zu machen, Aufmerksamkeit zu
erregen und zu fordern. Nun kommt der kleine Saturn in die größte
Verlegenheit. Er ist genötigt, den horizontalen und vertikalen Stand
der Uhr jeden Augenblick zu verändern, er befindet sich im Fall der
bösen Geister im Puppenspiel, die auf das schnell wechselnde
"Berlickel Berlockel" des mutwilligen Hanswursts nicht wissen, wie sie
gehen oder kommen sollen.

Wer in Kanzleien hat kollationieren hören, kann sich eine Vorstellung
von dieser Vorlesung machen, schnell, eintönig, aber doch artikuliert
und deutlich genug. Der kunstreiche Advokat weiß nun durch Scherze
die Langeweile zu unterbrechen, und das Publikum ergötzt sich an
seinen Späßen in ganz unmäßigem Gelächter. Eines Scherzes muß ich
gedenken, des auffallendsten unter denen, die ich verstand. Der
Vorleser rezitierte soeben ein Dokument, wodurch einer jener
unrechtmäßig geachteten Besitzer über die fraglichen Güter disponierte.
Der Advokat hieß ihn langsamer lesen, und als er die Worte deutlich
aussprach: "Ich schenke, ich vermache!", fuhr der Redner heftig auf
den Schreiber los und rief: "Was willst du schenken? Was vermachen?
Du armer ausgehungerter Teufel! gehört dir doch gar nichts in der Welt
an. Doch", fuhr er fort, indem er sich zu besinnen schien, "war doch
jener erlauchte Besitzer in eben dem Fall, er wollte schenken, wollte
vermachen, was ihm so wenig gehörte als dir." Ein unendlich Gelächter
schlug auf, doch sogleich nahm die Sanduhr die horizontale Lage wieder
ein. Der Vorleser summte fort, machte dem Advokaten ein flämisch
Gesicht; doch das sind alles verabredete Späße.

Den 4. Oktober.

Gestern war ich in der Komödie, Theater St. Lukas, die mir viel Freude
gemacht hat; ich sah ein extemporiertes Stück in Masken, mit viel
Naturell, Energie und Bravour aufgeführt. Freilich sind sie nicht
alle gleich; der Pantalon sehr brav, die eine Frau, stark und
wohlgebaut, keine außerordentliche Schauspielerin, spricht exzellent
und weiß sich zu betragen. Ein tolles Sujet, demjenigen ähnlich, das
bei uns unter dem Titel "Der Verschlag" behandelt ist. Mit
unglaublicher Abwechslung unterhielt es mehr als drei Stunden. Doch
ist auch hier das Volk wieder die Base, worauf dies alles ruht, die
Zuschauer spielen mit, und die Menge verschmilzt mit dem Theater in
ein Ganzes. Den Tag über auf dem Platz und am Ufer, auf den Gondeln
und im Palast, der Käufer und Verkäufer, der Bettler, der Schiffer,
die Nachbarin, der Advokat und sein Gegner, alles lebt und treibt und
läßt sich es angelegen sein, spricht und beteuert, schreit und bietet
aus, singt und spielt, flucht und lärmt. Und abends gehen sie ins
Theater und sehen und hören das Leben ihres Tages, künstlich
zusammengestellt, artiger aufgestutzt, mit Märchen durchflochten,
durch Masken von der Wirklichkeit abgerückt, durch Sitten genähert.
Hierüber freun sie sich kindisch, schreien wieder, klatschen und
lärmen. Von Tag zu Nacht, ja von Mitternacht zu Mitternacht ist immer
alles ebendasselbe.

Ich habe aber auch nicht leicht natürlicher agieren sehen als jene
Masken, so wie es nur bei einem ausgezeichnet glücklichen Naturell
durch längere übung erreicht werden kann.

Da ich das schreibe, machen sie einen gewaltigen Lärm auf dem Kanal
unter meinem Fenster, und Mitternacht ist vorbei. Sie haben im Guten
und Bösen immer etwas zusammen.

Den 4. Oktober.

öffentliche Redner habe ich nun gehört: drei Kerle auf dem Platze und
Ufersteindamme, jeden nach seiner Art Geschichten erzählend, sodann
zwei Sachwalter, zwei Prediger, die Schauspieler, worunter ich
besonders den Pantalon rühmen muß, alle diese haben etwas Gemeinsames,
sowohl weil sie von ein und derselben Nation sind, die, stets
öffentlich lebend, immer in leidenschaftlichem Sprechen begriffen ist,
als auch weil sie sich untereinander nachahmen. Hiezu kommt noch eine
entschiedene Gebärdensprache, mit welcher sie die Ausdrücke ihrer
Intentionen, Gesinnungen und Empfindungen begleiten.

Heute, am Fest des heiligen Franziskus, war ich in seiner Kirche alle
Vigne. Des Kapuziners laute Stimme ward von dem Geschrei der
Verkäufer vor der Kirche wie von einer Antiphone begleitet; ich stand
in der Kirchtüre zwischen beiden, und es war wunderlich genug zu hören.

Den 5. Oktober.

Heute früh war ich im Arsenal, mir immer interessant genug, da ich
noch kein Seewesen kenne und hier die untere Schule besuchte; denn
freilich sieht es hier nach einer alten Familie aus, die sich noch
rührt, obgleich die beste Zeit der Blüte und der Früchte vorüber ist.
Da ich denn auch den Handwerkern nachgehe, habe ich manches
Merkwürdige gesehen und ein Schiff von vierundachtzig Kanonen, dessen
Gerippe fertig steht, bestiegen.

Ein gleiches ist vor sechs Monaten an der Riva de' Schiavoni bis aufs
Wasser verbrannt, die Pulverkammer war nicht sehr gefüllt, und da sie
sprang, tat es keinen großen Schaden. Die benachbarten Häuser büßten
ihre Scheiben ein.

Das schönste Eichenholz, aus Istrien, habe ich verarbeiten sehen und
dabei über den Wachstum dieses werten Baumes meine stillen
Betrachtungen angestellt. Ich kann nicht genug sagen, was meine sauer
erworbene Kenntnis natürlicher Dinge, die doch der Mensch zuletzt als
Materialien braucht und in seinen Nutzen verwendet, mir überall hilft,
um mir das Verfahren der Künstler und Handwerker zu erklären; so ist
mir auch die Kenntnis der Gebirge und des daraus genommenen Gesteins
ein großer Vorsprung in der Kunst.

Den 5. Oktober.

Um mit einem Worte den Begriff des Bucentaur auszusprechen, nenne ich
ihn eine Prachtgaleere. Der ältere, von dem wir noch Abbildungen
haben, rechtfertigt diese Benennung noch mehr als der gegenwärtige,
der uns durch seinen Glanz über seinen Ursprung verblendet.

Abfahrt der Bucentaure. Vedute von Francesco Guardi

Ich komme immer auf mein Altes zurück. Wenn dem Künstler ein echter
Gegenstand gegeben ist, so kann er etwas Echtes leisten. Hier war ihm
aufgetragen, eine Galeere zu bilden, die wert wäre, die Häupter der
Republik am feierlichsten Tage zum Sakrament ihrer hergebrachten
Meerherrschaft zu tragen, und diese Aufgabe ist fürtrefflich
ausgeführt. Das Schiff ist ganz Zierat, also darf man nicht sagen:
mit Zierat überladen, ganz vergoldetes Schnitzwerk, sonst zu keinem
Gebrauch, eine wahre Monstranz, um dem Volke seine Häupter recht
herrlich zu zeigen. Wissen wir doch: das Volk, wie es gern seine Hüte
schmückt, will auch seine Obern prächtig und geputzt sehen. Dieses
Prunkschiff ist ein rechtes Inventarienstück, woran man sehen kann,
was die Venezianer waren und sich zu sein dünkten.

Den 5. Oktober, nachts.

Ich komme noch lachend aus der Tragödie und muß diesen Scherz gleich
auf dem Papier befestigen. Das Stück war nicht schlimm, der Verfasser
hatte alle tragischen Matadore zusammengesteckt, und die Schauspieler
hatten gut spielen. Die meisten Situationen waren bekannt, einige neu
und ganz glücklich. Zwei Väter, die sich hassen, Söhne und Töchter
aus diesen getrennten Familien, leidenschaftlich übers Kreuz verliebt,
ja das eine Paar heimlich verheiratet. Es ging wild und grausam zu,
und nichts blieb zuletzt übrig, um die jungen Leute glücklich zu
machen, als daß die beiden Väter sich erstachen, worauf unter
lebhaftem Händeklatschen der Vorhang fiel. Nun ward aber das
Klatschen heftiger, nun wurde "Fuora" gerufen und das so lange, bis
sich die zwei Hauptpaare bequemten, hinter dem Vorhang
hervorzukriechen, ihre Bücklinge zu machen und auf der andern Seite
wieder abzugehen.

Das Publikum war noch nicht befriedigt, es klatschte fort und rief: "I
morti!" Das dauerte so lange, bis die zwei Toten auch herauskamen und
sich bückten, da denn einige Stimmen riefen. "Bravi i morti!" Sie
wurden durch Klatschen lange festgehalten, bis man ihnen gleichfalls
endlich abzugehen erlaubte. Diese Posse gewinnt für den Augen--und
Ohrenzeugen unendlich, der das "Bravo! Bravi!", das die Italiener
immer im Munde führen, so in den Ohren hat wie ich, und dann auf
einmal auch die Toten mit diesem Ehrenwort anrufen hört.

"Gute Nacht!", so können wir Nordländer zu jeder Stunde sagen, wenn
wir im Finstern scheiden, der Italiener sagt: "Felicissima notte!" nur
einmal, und zwar wenn das Licht in das Zimmer gebracht wird, indem Tag
und Nacht sich scheiden, und da heißt es denn etwas ganz anderes. So
unübersetzlich sind die Eigenheiten jeder Sprache; denn vom höchsten
bis zum tiefsten Wort bezieht sich alles auf Eigentümlichkeiten der
Nation, es sei nun in Charakter, Gesinnungen oder Zuständen.

Den 6. Oktober.

Die Tragödie gestern hat mich manches gelehrt. Erstlich habe ich
gehört, wie die Italiener ihre eilfsilbigen Iamben behandeln und
deklamieren, dann habe ich begriffen, wie klug Gozzi die Masken mit
den tragischen Figuren verbunden hat. Das ist das eigentliche
Schauspiel für dieses Volk; denn es will auf eine krude Weise gerührt
sein, es nimmt keinen innigen, zärtlichen Anteil am Unglücklichen, es
freut sie nur wenn der Held gut spricht; denn aufs Reden halten sie
viel, sodann aber wollen sie lachen oder etwas Albernes vornehmen.

Ihr Anteil am Schauspiel ist nur als an einem Wirklichen. Da der
Tyrann seinem Sohne das Schwert reichte und forderte, daß dieser seine
eigne gegenüberstehende Gemahlin umbringen sollte, fing das Volk laut
an, sein Mißvergnügen über diese Zumutung zu beweisen, und es fehlte
nicht viel, so wäre das Stück unterbrochen worden. Sie verlangten,
der Alte sollte sein Schwert zurücknehmen, wodurch denn freilich die
folgenden Situationen des Stücks wären aufgehoben worden. Endlich
entschloß sich der bedrängte Sohn, trat ins Proszenium und bat demütig,
sie möchten sich nur noch einen Augenblick gedulden, die Sache werde
noch ganz nach Wunsch ablaufen. Künstlerisch genommen aber war diese
Situation nach den Umständen albern und unnatürlich, und ich lobte das
Volk um sein Gefühl.

Jetzt verstehe ich besser die langen Reden und das viele Hin--und
Herdissertieren im griechischen Trauerspiele. Die Athenienser hörten
noch lieber reden und verstanden sich noch besser darauf als die
Italiener; vor den Gerichtsstellen, wo sie den ganzen Tag lagen,
lernten sie schon etwas.

Den 6. Oktober.

An den ausgeführten Werken Palladios, besonders an den Kirchen, habe
ich manches Tadelnswürdige neben dem Köstlichsten gefunden. Wenn ich
nun so bei mir überlegte, inwiefern ich recht oder unrecht hätte gegen
einen solchen außerordentlichen Mann, so war es, als ob er dabei
stünde und mir sagte: "Das und das habe ich wider Willen gemacht, aber
doch gemacht, weil ich unter den gegebenen Umständen nur auf diese
Weise meiner höchsten Idee am nächsten kommen konnte."

Mir scheint, so viel ich auch darüber denke, er habe bei Betrachtung
der Höhe und Breite einer schon bestehenden Kirche, eines ältern
Hauses, wozu er Fassaden errichten sollte, nur überlegt: "Wie gibst du
diesen Räumen die größte Form? Im einzelnen mußt du wegen
eintretenden Bedürfnisses etwas verrücken oder verpfuschen, da oder
dort wird eine Unschicklichkeit entstehen, aber das mag sein, das
Ganze wird einen hohen Stil haben, und du wirst dir zur Freude
arbeiten."

Und so hat er das größte Bild, das er in der Seele trug, auch dahin
gebracht, wo es nicht ganz paßte, wo er es im einzelnen zerknittern
und verstümmeln mußte.

Der Flügel in der Carità dagegen muß uns deshalb von so hohem Werte
sein, weil der Künstler freie Hand hatte und seinem Geist unbedingt
folgen durfte. Wäre das Kloster fertig geworden, so stünde vielleicht
in der ganzen gegenwärtigen Welt kein vollkommeneres Werk der Baukunst.

Wie er gedacht und wie er gearbeitet, wird mir immer klarer, je mehr
ich seine Werke lese und dabei betrachte, wie er die Alten behandelt;
denn er macht wenig Worte, sie sind aber alle gewichtig. Das vierte
Buch, das die antiken Tempel darstellt, ist eine rechte Einleitung,
die alten Reste mit Sinn zu beschauen.

Den 6. Oktober.

Gestern abend sah ich "Elektra" von Crébillon auf dem Theater St.
Crisostomo, nämlich übersetzt. Was mir das Stück abgeschmackt vorkam,
und wie es mir fürchterliche Langeweile machte, kann ich nicht sagen.

Die Akteurs sind übrigens brav und wissen das Publikum mit einzelnen
Stellen abzuspeisen. Orest hat allein drei verschiedene Erzählungen,
poetisch aufgestutzt, in einer Szene. Elektra, ein hübsches Weibchen,
von mittlerer Größe und Stärke und fast französischer Lebhaftigkeit,
einem guten Anstand, spricht die Verse schön, nur betrug sie sich von
Anfang bis zu Ende toll, wie es leider die Rolle verlangt. Indessen
habe ich doch wieder gelernt. Der italienische, immer eilfsilbige
Iambe hat für die Deklamation große Unbequemlichkeit, weil die letzte
Silbe durchaus kurz ist und wider Willen des Deklamators in die Höhe
schlägt.

Den 6. Oktober.

Heute früh war ich bei dem Hochamte, welchem der Doge jährlich an
diesem Tage wegen eines alten Siegs über die Türken in der Kirche der
heiligen Justina beiwohnen muß. Wenn an dem kleinen Platz die
vergoldeten Barken landen, die den Fürsten und einen Teil des Adels
bringen, seltsam gekleidete Schiffer sich mit rot gemalten Rudern
bemühen, am Ufer die Geistlichkeit, die Brüderschaften mit
angezündeten, auf Stangen und tragbare silberne Leuchter gesteckten
Kerzen stehen, drängen, wogen und warten, dann mit Teppichen
beschlagene Brücken aus den Fahrzeugen ans Land gestreckt werden,
zuerst die langen violetten Kleider der Savj, dann die langen roten
der Senatoren sich auf dem Pflaster entfalten, zuletzt der Alte, mit
goldener phrygischer Mütze geschmückt, im längsten goldenen Talar mit
dem Hermelinmantel aussteigt, drei Diener sich seiner Schleppe
bemächtigen, alles auf einem kleinen Platz vor dem Portal einer Kirche,
vor deren Türen die Türkenfahnen gehalten werden, so glaubt man auf
einmal eine alte gewirkte Tapete zu sehen, aber recht gut gezeichnet
und koloriert. Mir nordischem Flüchtling hat diese Zeremonie viele
Freude gemacht. Bei uns wo alle Feierlichkeiten kurzröckig sind, und
wo die größte, die man sich denken kann, mit dem Gewehr auf der
Schulter begangen wird, möchte so etwas nicht am Ort sein. Aber
hierher gehören diese Schleppröcke, diese friedlichen Begehungen.

Der Doge ist ein gar schön gewachsener und schön gebildeter Mann, der
krank sein mag, sich aber nur noch so, um der Würde willen, unter dem
schweren Rocke gerade hält. Sonst sieht er aus wie der Großpapa des
ganzen Geschlechts und ist gar hold und leutselig; die Kleidung steht
sehr gut, das Käppchen unter der Mütze beleidigt nicht, indem es, ganz
fein und durchsichtig, auf dem weißesten, klarsten Haar von der Welt
ruht.

Etwa funfzig Nobili in langen dunkelroten Schleppkleidern waren mit
ihm, meist schöne Männer, keine einzige vertrackte Gestalt, mehrere
groß, mit großen Köpfen, denen die blonden Lockenperücken wohl ziemten;
vorgebaute Gesichter, weiches, weißes Fleisch, ohne schwammig und
widerwärtig auszusehen, vielmehr klug, ohne Anstrengung, ruhig, ihrer
selbst gewiß, Leichtigkeit des Daseins und durchaus eine gewisse
Fröhlichkeit.

Wie sich alles in der Kirche rangiert hatte und das Hochamt anfing,
zogen die Brüderschaften zur Haupttüre herein und zur rechten
Seitentüre wieder hinaus, nachdem sie Paar für Paar das Weihwasser
empfangen und sich gegen den Hochaltar, den Dogen und den Adel geneigt
hatten.

Den 6. Oktober.

Auf heute abend hatte ich mir den famosen Gesang der Schiffer bestellt,
die den Tasso und Ariost auf ihre eignen Melodien singen. Dieses muß
wirklich bestellt werden, es kommt nicht gewöhnlich vor, es gehört
vielmehr zu den halb verklungenen Sagen der Vorzeit. Bei Mondenschein
bestieg ich eine Gondel, den einen Sänger vorn, den andern hinten; sie
fingen ihr Lied an und sangen abwechselnd Vers für Vers. Die Melodie,
welche wir durch Rousseau kennen, ist eine Mittelart zwischen Choral
und Rezitativ, sie behält immer denselbigen Gang, ohne Takt zu haben;
die Modulation ist auch dieselbige, nur verändern sie nach dem Inhalt
des Verses mit einer Art von Deklamation sowohl Ton als Maß; der Geist
aber, das Leben davon, läßt sich begreifen, wie folgt.

Auf welchem Wege sich die Melodie gemacht hat, will ich nicht
untersuchen, genug, sie paßt gar trefflich für einen müßigen Menschen,
der sich etwas vormoduliert und Gedichte, die er auswendig kann,
solchem Gesang unterschiebt.

Mit einer durchdringenden Stimme--das Volk schätzt Stärke vor
allem--sitzt er am Ufer einer Insel, eines Kanals auf einer Barke und
läßt sein Lied schallen, so weit er kann. Über den stillen Spiegel
verbreitet sich's. In der Ferne vernimmt es ein anderer, der die
Melodie kennt, die Worte versteht und mit dem folgenden Verse
antwortet; hierauf erwidert der erste, und so ist einer immer das Echo
des andern. Der Gesang währt Nächte durch, unterhält sie, ohne zu
ermüden. Je ferner sie also voneinander sind, desto reizender kann
das Lied werden: wenn der Hörer alsdann zwischen beiden steht, so ist
er am rechten Flecke.

Um dieses mich vernehmen zu lassen, stiegen sie am Ufer der Giudecca
aus, sie teilten sich am Kanal hin, ich ging zwischen ihnen auf und ab,
so daß ich immer den verließ, der zu singen anfangen sollte, und mich
demjenigen wieder näherte, der aufgehört hatte. Da ward mir der Sinn
des Gesangs erst aufgeschlossen. Als Stimme aus der Ferne klingt es
höchst sonderbar, wie eine Klage ohne Trauer; es ist darin etwas
unglaublich, bis zu Tränen Rührendes. Ich schrieb es meiner Stimmung
zu; aber mein Alter sagte: "È singolare, come quel canto intenerisce,
e molto piè, quando è piè ben cantato." Er wünschte, daß ich die
Weiber vom Lido, besonders die von Malamocco und Pelestrina hören
möchte, auch diese sängen den Tasso auf gleiche und ähnliche Melodien.
Er sagte ferner: "Sie haben die Gewohnheit, wenn ihre Männer aufs
Fischen ins Meer sind, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender
Stimme abends diese Gesänge erschallen zu lassen, bis sie auch von
ferne die Stimme der Ihrigen vernehmen und sich so mit ihnen
unterhalten." Ist das nicht sehr schön? Und doch läßt sich wohl
denken, daß ein Zuhörer in der Nähe wenig Freude an solchen Stimmen
haben möchte, die mit den Wellen des Meeres kämpfen. Menschlich aber
und wahr wird der Begriff dieses Gesanges, lebendig wird die Melodie,
über deren tote Buchstaben wir uns sonst den Kopf zerbrochen haben.
Gesang ist es eines Einsamen in die Ferne und Weite, damit ein anderer,
Gleichgestimmter höre und antworte.

Den 8. Oktober.

Den Palast Pisani Moretta besuchte ich wegen eines köstlichen Bildes
von Paul Veronese. Die weibliche Familie des Darius kniet vor
Alexandern und Hephästion, die voranknieende Mutter hält den letztern
für den König, er lehnt es ab und deutet auf den rechten. Man erzählt
das Märchen, der Künstler sei in diesem Palast gut aufgenommen und
längere Zeit ehrenvoll bewirtet worden, dagegen habe er das Bild
heimlich gemalt und als Geschenk zusammengerollt unter das Bett
geschoben. Es verdient allerdings, einen besondern Ursprung zu haben,
denn es gibt einen Begriff von dem ganzen Werte des Meisters. Seine
große Kunst, ohne einen allgemeinen Ton, der über das ganze Stück
gezogen wäre, durch kunstreich verteiltes Licht und Schatten und
ebenso weislich abwechselnde Lokalfarben die köstlichste Harmonie
hervorzubringen, ist hier recht sichtbar, da das Bild vollkommen
erhalten und frisch wie von gestern vor uns steht; denn freilich,
sobald ein Gemälde dieser Art gelitten hat, wird unser Genuß sogleich
getrübt, ohne daß wir wissen, was die Ursache sei.

Wer mit dem Künstler wegen des Kostüms rechten wollte, der dürfte sich
nur sagen, es habe eine Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts gemalt
werden sollen, und so ist alles abgetan. Die Abstufung von der Mutter
durch Gemahlin und Töchter ist höchst wahr und glücklich; die jüngste
Prinzeß, ganz am Ende knieend, ist ein hübsches Mäuschen und hat ein
gar artiges, eigensinniges, trotziges Gesichtchen; ihre Lage scheint
ihr gar nicht zu gefallen.

Zum 8. Oktober.

Meine alte Gabe, die Welt mit Augen desjenigen Malers zu sehen, dessen
Bilder ich mir eben eingedrückt, brachte mich auf einen eignen
Gedanken. Es ist offenbar, daß sich das Auge nach den Gegenständen
bildet, die es von Jugend auf erblickt, und so muß der venezianische
Maler alles klarer und heiterer sehn als andere Menschen. Wir, die
wir auf einem bald schmutzkotigen, bald staubigen, farblosen, die
Widerscheine verdüsternden Boden und vielleicht gar in engen Gemächern
leben, können einen solchen Frohblick aus uns selbst nicht entwickeln.

Als ich bei hohem Sonnenschein durch die Lagunen fuhr und auf den
Gondelrändern die Gondoliere, leicht schwebend, buntbekleidet, rudernd,
betrachtete, wie sie auf der hellgrünen Fläche sich in der blauen
Luft zeichneten, so sah ich das beste, frischeste Bild der
venezianischen Schule. Der Sonnenschein hob die Lokalfarben blendend
hervor, und die Schattenseiten waren so licht, daß sie verhältnismäßig
wieder zu Lichtern hätten dienen können. Ein Gleiches galt von den
Widerscheinen des meergrünen Wassers. Alles war hell in hell gemalt,
so daß die schäumende Welle und die Blitzlichter darauf nötig waren,
um das Tüpfchen aufs i zu setzen.

Tizian und Paul hatten diese Klarheit im höchsten Grade, und wo man
sie in ihren Werken nicht findet, hat das Bild verloren oder ist
ausgemalt.

Die Kuppeln und Gewölbe der Markuskirche nebst ihren Seitenflächen,
alles ist bilderreich, alles bunte Figuren auf goldenem Grunde, alles
musivische Arbeit; einige sind recht gut, andere gering, je nachdem
die Meister waren, die den Karton verfertigten.

Es fiel mir recht aufs Herz, daß doch alles auf die erste Erfindung
ankommt, und daß diese das rechte Maß, den wahren Geist habe, da man
mit viereckigen Stückchen Glas, und hier nicht einmal auf die
sauberste Weise, das Gute sowohl als das Schlechte nachbilden kann.
Die Kunst, welche dem Alten seine Fußboden bereitete, dem Christen
seine Kirchenhimmel wölbte, hat sich jetzt auf Dosen und Armbänder
verkrümelt. Diese Zeiten sind schlechter, als man denkt.

Den 8. Oktober.

In dem Hause Farsetti ist eine kostbare Sammlung von Abgüssen der
besten Antiken. Ich schweige von denen, die ich von Mannheim her und
sonst schon gekannt, und erwähne nur neuere Bekanntschaften. Eine
Kleopatra in kolossaler Ruhe, die Aspis um den Arm geschlungen und in
den Tod hinüberschlafend, ferner die Mutter Niobe, die ihre jüngste
Tochter mit dem Mantel vor den Pfeilen des Apollo deckt, sodann einige
Gladiatoren, ein in seinen Flügeln ruhender Genius, sitzende und
stehende Philosophen.

Es sind Werke, an denen sich die Welt Jahrtausende freuen und bilden
kann, ohne den Wert des Künstlers durch Gedanken zu erschöpfen.

Viele bedeutende Büsten versetzen mich in die alten herrlichen Zeiten.
Nur fühle ich leider, wie weit ich in diesen Kenntnissen zurück bin,
doch es wird vorwärts gehen, wenigstens weiß ich den Weg. Palladio hat
mir ihn auch dazu und zu aller Kunst und Leben geöffnet. Es klingt
das vielleicht ein wenig wunderlich, aber doch nicht so paradox, als
wenn Jakob Böhme bei Erblickung einer zinnernen Schüssel durch
Einstrahlung Jovis über das Universum erleuchtet wurde. Auch steht in
dieser Sammlung ein Stück des Gebälks vom Tempel des Antonins und der
Faustina in Rom. Die vorspringende Gegenwart dieses herrlichen
Architekturgebildes erinnerte mich an das Kapitäl des Pantheon in
Mannheim. Das ist freilich etwas anderes als unsere kauzenden, auf
Kragsteinlein übereinander geschichteten Heiligen der gotischen
Zierweisen, etwas anderes als unsere Tabakspfeifensäulen, spitze
Türmlein und Blumenzacken; diese bin ich nun, Gott sei Dank, auf ewig
los!

Noch will ich einiger Werke der Bildhauerkunst erwähnen, die ich diese
Tage her, zwar nur im Vorbeigehen, aber doch mit Erstaunen und
Erbauung betrachtet: zwei ungeheure Löwen von weißem Marmor vor dem
Tore des Arsenals; der eine sitzt aufgerichtet, auf die Vorderpfoten
gestemmt, der andere liegt--herrliche Gegenbilder, von lebendiger
Mannigfaltigkeit. Sie sind so groß, daß sie alles umher klein machen,
und daß man selbst zunichte würde, wenn erhabene Gegenstände uns nicht
erhüben. Sie sollen aus der besten griechischen Zeit und vom Piräeus
in den glänzenden Tagen der Republik hierher gebracht sein.

Aus Athen mögen gleichfalls ein paar Basreliefe stammen in dem Tempel
der heiligen Justina, der Türkenbesiegerin, eingemauert, aber leider
durch Kirchstühle einigermaßen verfinstert. Der Küster machte mich
aufmerksam darauf, weil die Sage gehe, daß Tizian seine unendlich
schönen Engel im Bilde, die Ermordung des heiligen Petrus Martyr
vorstellend, darnach geformt habe. Es sind Genien, welche sich mit
Attributen der Götter schleppen, freilich so schön, daß es allen
Begriff übersteigt.

Sodann betrachtete ich mit ganz eignem Gefühl die nackte kolossale
Statue des Marcus Agrippa in dem Hofe eines Palastes; ein sich ihm zur
Seite heraufschlängelnder Delphin deutet auf einen Seehelden. Wie
doch eine solche heroische Darstellung den reinen Menschen Göttern
ähnlich macht!

Die Pferde auf der Markuskirche besah ich in der Nähe. Von unten
hinauf bemerkt man leicht, daß sie fleckig sind, teils einen schönen
gelben Metallglanz haben, teils kupfergrünlich angelaufen. In der
Nähe sieht und erfährt man, daß sie ganz vergoldet waren, und sieht
sie über und über mit Striemen bedeckt, da die Barbaren das Gold nicht
abfeilen, sondern abhauen wollten. Auch das ist gut, so blieb
wenigstens die Gestalt.

Ein herrlicher Zug Pferde! Ich möchte einen rechten Pferdekenner
darüber reden hören. Was mir sonderbar scheint, ist, daß sie in der
Nähe schwer und unten vom Platz leicht wie die Hirsche aussehen.

Den 8. Oktober.

Ich fuhr heute früh mit meinem Schutzgeiste aufs Lido, auf die
Erdzunge, welche die Lagunen schließt und sie vom Meere absondert.
Wir stiegen aus und gingen quer über die Zunge. Ich hörte ein starkes
Geräusch, es war das Meer, und ich sah es bald, es ging hoch gegen das
Ufer, indem es sich zurückzog, es war um Mittag, Zeit der Ebbe. So
habe ich denn auch das Meer mit Augen gesehen und bin auf der schönen
Tenne, die es weichend zurückläßt, ihm nachgegangen. Da hätte ich mir
die Kinder gewünscht, um der Muscheln willen; ich habe, selbst
kindisch, ihrer genug aufgelesen, doch widme ich sie zu einigem
Gebrauch, ich möchte von der Feuchtigkeit des Tintenfisches, die hier
so häufig wegfließt, etwas eintrocknen.

Auf dem Lido, nicht weit vorn Meer, liegen Engländer begraben und
weiterhin Juden, die beiderseits in geweihtem Boden nicht ruhen
sollten. Ich fand das Grab des edlen Konsul Smith und seiner ersten
Frauen; ich bin ihm mein Exemplar des Palladio schuldig und dankte ihm
auf seinem ungeweihten Grabe dafür.

Und nicht allein ungeweiht, sondern halbverschüttet ist das Grab. Das
Lido ist immer nur wie eine Düne anzusehen; der Sand wird dorthin
geführt, vom Winde hin und her getrieben, aufgehäuft, überall
angedrängt. In weniger Zeit wird man das ziemlich erhöhte Monument
kaum wiederfinden können.

Das Meer ist doch ein großer Anblick! Ich will sehen, in einem
Fischerkahn eine Fahrt zu tun; die Gondeln wagen sich nicht hinaus.

Den 8. Oktober.

Am Meere habe ich auch verschiedene Pflanzen gefunden, deren ähnlicher
Charakter mir ihre Eigenschaften näher kennen ließ; sie sind alle
zugleich mastig und streng, saftig und zäh, und es ist offenbar, daß
das alte Salz des Sandbodens, mehr aber die salzige Luft ihnen diese
Eigenschaften gibt; sie strotzen von Säften wie Wasserpflanzen, sie
sind fest und zäh wie Bergpflanzen; wenn ihre Blätterenden eine
Neigung zu Stacheln haben, wie Disteln tun, sind sie gewaltig spitz
und stark. Ich fand einen solchen Busch Blätter, es schien mir unser
unschuldiger Huflattich, hier aber mit scharfen Waffen bewaffnet, und
das Blatt wie Leder, so auch die Samenkapseln, die Stiele, alles
mastig und fett. Ich bringe Samen mit und eingelegte Blätter
(Eryngium maritimum).

Der Fischmarkt und die unendlichen Seeprodukte machen mir viel
Vergnügen; ich gehe oft darüber und beleuchte die unglücklichen
aufgehaschten Meeresbewohner.

Den 9. Oktober.

Ein köstlicher Tag, vom Morgen bis in die Nacht! Ich fuhr bis
Pelestrina gegen Chiozza über, wo die großen Baue sind, Murazzi
genannt, welche die Republik gegen das Meer aufführen läßt. Sie sind
von gehauenen Steinen und sollen eigentlich die lange Erdzunge, Lido
genannt, welche die Lagunen von dem Meere trennt, vor diesem wilden
Elemente schützen.

Die Lagunen sind eine Wirkung der alten Natur. Erst Ebbe, Flut und
Erde gegeneinander arbeitend, dann das allmähliche Sinken des
Urgewässers waren Ursache, daß am obern Ende des adriatischen Meeres
sich eine ansehnliche Sumpfstrecke befindet, welche, von der Flut
besucht, von der Ebbe zum Teil verlassen wird. Die Kunst hat sich der
höchsten Stellen bemächtigt, und so liegt Venedig, von hundert Inseln
zusammengruppiert und von hunderten umgeben. Zugleich hat man mit
unglaublicher Anstrengung und Kosten tiefe Kanäle in den Sumpf
gefurcht, damit man auch zur Zeit der Ebbe mit Kriegsschiffen an die
Hauptstellen gelangen könne. Was Menschenwitz und Fleiß vor alters
ersonnen und ausgeführt, muß Klugheit und Fleiß nun erhalten. Das
Lido, ein langer Erdstreif, trennt die Lagunen von dem Meere, welches
nur an zwei Orten hereintreten kann, bei dem Kastell nämlich und am
entgegengesetzten Ende, bei Chiozza. Die Flut tritt gewöhnlich des
Tages zweimal herein, und die Ebbe bringt das Wasser zweimal hinaus,
immer durch denselben Weg in denselben Richtungen. Die Flut bedeckt
die innern morastigen Stellen und läßt die erhöhteren, wo nicht
trocken, doch sichtbar.

Ganz anders wäre es, wenn das Meer sich neue Wege suchte, die Erdzunge
angriffe und nach Willkür hinein und heraus flutete. Nicht gerechnet,
daß die örtchen auf dem Lido, Pelestrina, St. Peter und andere,
untergehen müßten, so würden auch jene Kommunikationskanäle ausgefüllt
und, indem das Wasser alles durcheinander schlemmte, das Lido zu
Inseln, die Inseln, die jetzt dahinter liegen, zu Erdzungen verwandelt
werden. Dieses zu verhüten, müssen sie das Lido verwahren, was sie
können, damit das Element nicht dasjenige willkürlich angreifen,
hinüber und herüber werfen möge, was die Menschen schon in Besitz
genommen, dem sie schon zu einem gewissen Zweck Gestalt und Richtung
gegeben haben.

Bei außerordentlichen Fällen, wenn das Meer übermäßig wächst, ist es
besonders gut, daß es nur an zwei Orten herein darf und das übrige
geschlossen bleibt, es kann also doch nicht mit der größten Gewalt
eindringen und muß sich in einigen Stunden dem Gesetz der Ebbe
unterwerfen und seine Wut mindern.

übrigens hat Venedig nichts zu besorgen; die Langsamkeit, mit der das
Meer abnimmt, gibt ihr Jahrtausende Zeit, und sie werden schon, den
Kanälen klug nachhelfend, sich im Besitz zu erhalten suchen.

Wenn sie ihre Stadt nur reinlicher hielten, welches so notwendig als
leicht ist und wirklich auf die Folge von Jahrhunderten von großer
Konsequenz. Nun ist zwar bei großer Strafe verboten, nichts in die
Kanäle zu schütten, noch Kehrig hineinzuwerfen; einem schnell
einfallenden Regenguß aber ist's nicht untersagt, allen den in die
Ecken geschobnen Kehrig aufzurühren, in die Kanäle zu schleppen, ja,
was noch schlimmer ist, in die Abzüge zu führen, die nur zum Abfluß
des Wassers bestimmt sind, und sie dergestalt zu verschlemmen, daß die
Hauptplätze in Gefahr sind, unter Wasser zu stehen. Selbst einige
Abzüge auf dem kleinen Markusplatze, die, wie auf dem großen, gar klug
angelegt sind, habe ich verstopft und voll Wasser gesehen.

Wenn ein Tag Regenwetter einfällt, ist ein unleidlicher Kot, alles
flucht und schimpft, man besudelt beim Auf--und Absteigen der Brücken
die Mäntel, die Tabarros, womit man sich ja das ganze Jahr schleppt,
und da alles in Schuh und Strümpfen läuft, bespritzt man sich und
schilt, denn man hat sich nicht mit gemeinem, sondern beizendem Kot
besudelt. Das Wetter wird wieder schön, und kein Mensch denkt an
Reinlichkeit. Wie wahr ist es gesagt: das Publikum beklagt sich immer,
daß es schlecht bedient sei, und weiß es nicht anzufangen, besser
bedient zu werden. Hier, wenn der Souverän wollte, könnte alles
gleich getan sein.

Den 9. Oktober.

Heute abend ging ich auf den Markusturm; denn da ich neulich die
Lagunen in ihrer Herrlichkeit zur Zeit der Flut von oben gesehen,
wollt' ich sie auch zur Zeit der Ebbe in ihrer Demut schauen, und es
ist notwendig, diese beiden Bilder zu verbinden, wenn man einen
richtigen Begriff haben will. Es sieht sonderbar aus, ringsum überall
Land erscheinen zu sehen, wo vorher Wasserspiegel war. Die Inseln
sind nicht mehr Inseln, nur höher bebaute Flecke eines großen
graugrünlichen Morastes, den schöne Kanäle durchschneiden. Der
sumpfige Teil ist mit Wasserpflanzen bewachsen und muß sich auch
dadurch nach und nach erheben, obgleich Ebbe und Flut beständig daran
rupfen und wühlen und der Vegetation keine Ruhe lassen.

Ich wende mich mit meiner Erzählung nochmals ans Meer, dort habe ich
heute die Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse
gesehen und mich herzlich darüber gefreut. Was ist doch ein
Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding! Wie abgemessen zu
seinem Zustande, wie wahr, wie seiend! Wieviel nützt mir nicht mein
bißchen Studium der Natur, und wie freue ich mich, es fortzusetzen!
Doch ich will, da es sich mitteilen läßt, die Freunde nicht mit bloßen
Ausrufungen anreizen.

Die dem Meere entgegengebauten Mauerwerke bestehen erst aus einigen
steilen Stufen, dann kommt eine sacht ansteigende Fläche, sodann
wieder eine Stufe, abermals eine sanft ansteigende Fläche, dann eine
steile Mauer mit einem oben überhängenden Kopfe. Diese Stufen, diese
Flächen hinan steigt nun das flutende Meer, bis es in
außerordentlichen Fällen endlich oben an der Mauer und deren Vorsprung
zerschellt.

Mauern bei Pellestrina (Lido von Venedig). Zeichnung von Goethe

Dem Meere folgen seine Bewohner, kleine eßbare Schnecken, einschalige
Patellen, und was sonst noch beweglich ist, besonders die
Taschenkrebse. Kaum aber haben diese Tiere an den glatten Mauern
Besitz genommen, so zieht sich schon das Meer weichend und schwellend,
wie es gekommen, wieder zurück. Anfangs weiß das Gewimmel nicht,
woran es ist, und hofft immer, die salzige Flut soll wiederkehren;
allein sie bleibt aus, die Sonne sticht und trocknet schnell, und nun
geht der Rückzug an. Bei dieser Gelegenheit suchen die Taschenkrebse
ihren Raub. Wunderlicher und komischer kann man nichts sehen als die
Gebärden dieser aus einem runden Körper und zwei langen Scheren
bestehenden Geschöpfe; denn die übrigen Spinnenfüße sind nicht
bemerklich. Wie auf stelzenartigen Armen schreiten sie einher, und
sobald eine Patelle sich unter ihrem Schild vom Flecke bewegt, fahren
sie zu, um die Schere in den schmalen Raum zwischen der Schale und dem
Boden zu stecken, das Dach umzukehren und die Auster zu verschmausen.
Die Patelle zieht sachte ihren Weg hin, saugt sich aber gleich fest an
den Stein, sobald sie die Nähe des Feindes merkt. Dieser gebärdet
sich nun wunderlich um das Dächelchen herum, gar zierlich und
affenhaft; aber ihm fehlt die Kraft, den mächtigen Muskel des weichen
Tierchens zu überwältigen, er tut auf diese Beute Verzicht, eilt auf
eine andere wandernde los, und die erste setzt ihren Zug sachte fort.
Ich habe nicht gesehen, daß irgendein Taschenkrebs zu seinem Zweck
gelangt wäre, ob ich gleich den Rückzug dieses Gewimmels stundenlang,
wie sie die beiden Flächen und die dazwischen liegenden Stufen
hinabschlichen, beobachtet habe.

Den 10. Oktober.

Nun endlich kann ich denn auch sagen, daß ich eine Komödie gesehen
habe! Sie spielten heut' auf dem Theater St. Lukas "Le Baruge
Chiozzotte", welches allenfalls zu übersetzen wäre: "Die Rauf--und
Schreihändel von Chiozza". Die Handelnden sind lauter Seeleute,
Einwohner von Chiozza, und ihre Weiber, Schwestern und Töchter. Das
gewöhnliche Geschrei dieser Leute im Guten und Bösen, ihre Händel,
Heftigkeit, Gutmütigkeit, Plattheit, Witz, Humor und ungezwungene
Manieren, alles ist gar brav nachgeahmt. Das Stück ist noch von
Goldoni, und da ich erst gestern in jener Gegend war und mir Stimmen
und Betragen der See--und Hafenleute noch im Aug' und Ohr widerschien
und widerklang, so machte es gar große Freude, und ob ich gleich
manchen einzelnen Bezug nicht verstand, so konnte ich doch dem Ganzen
recht gut folgen. Der Plan des Stücks ist folgender: Die
Einwohnerinnen von Chiozza sitzen auf der Reede vor ihren Häusern,
spinnen, stricken, nähen, klippeln wie gewöhnlich; ein junger Mensch
geht vorüber und grüßt eine freundlicher als die übrigen, sogleich
fängt das Sticheln an, dies hält nicht Maße, es schärft sich und
wächst bis zum Hohne, steigert sich zu Vorwürfen, eine Unart
überbietet die andere, eine heftige Nachbarin platzt mit der Wahrheit
heraus, und nun ist Schelten, Schimpfen, Schreien auf einmal
losgebunden, es fehlt nicht an entschiedenen Beleidigungen, so daß die
Gerichtspersonen sich einzumischen genötigt sind.

Im zweiten Akt befindet man sich in der Gerichtsstube; der Aktuarius
an der Stelle des abwesenden Podestà, der als Nobile nicht auf dem
Theater hätte erscheinen dürfen, der Aktuarius also läßt die Frauen
einzeln vorfordern; dieses wird dadurch bedenklich, daß er selbst in
die erste Liebhaberin verliebt ist und, sehr glücklich, sie allein zu
sprechen, anstatt sie zu verhören, ihr eine Liebeserklärung tut. Eine
andere, die in den Aktuarius verliebt ist, stürzt eifersüchtig herein,
der aufgeregte Liebhaber der ersten gleichfalls, die übrigen folgen,
neue Vorwürfe häufen sich, und nun ist der Teufel in der Gerichtsstube
los wie vorher auf dem Hafenplatz.

Im dritten Akt steigert sich der Scherz, und das Ganze endet mit einer
eiligen, notdürftigen Auflösung. Der glücklichste Gedanke jedoch ist
in einem Charakter ausgedrückt, der sich folgendermaßen darstellt.

Ein alter Schiffer, dessen Gliedmaßen, besonders aber die Sprachorgane,
durch eine von Jugend, auf geführte harte Lebensart stockend geworden,
tritt auf als Gegensatz des beweglichen, schwätzenden, schreiseligen
Volkes, er nimmt immer erst einen Anlauf durch Bewegung der Lippen und
Nachhelfen der Hände und Arme, bis er denn endlich, was er gedacht,
herausstößt. Weil ihm dieses aber nur in kurzen Sätzen gelingt, so
hat er sich einen lakonischen Ernst angewöhnt, dergestalt, daß alles,
was er sagt, sprichwörtlich oder sententios klingt, wodurch denn das
übrige wilde, leidenschaftliche Handeln gar schön ins Gleichgewicht
gesetzt wird.

Aber auch so eine Lust habe ich noch nie erlebt, als das Volk laut
werden ließ, sich und die Seinigen so natürlich vorstellen zu sehen.
Ein Gelächter und Gejauchze von Anfang bis zu Ende. Ich muß aber auch
gestehen, daß die Schauspieler es vortrefflich machten. Sie hatten
sich nach Anlage der Charaktere in die verschiedenen Stimmen geteilt,
welche unter dem Volke gewöhnlich vorkommen. Die erste Aktrice war
allerliebst, viel besser als neulich in Heldentracht und Leidenschaft.
Die Frauen überhaupt, besonders aber diese, ahmten Stimme, Gebärden
und Wesen des Volks aufs anmutigste nach. Großes Lob verdient der
Verfasser, der aus nichts den angenehmsten Zeitvertreib gebildet hat.
Das kann man aber auch nur unmittelbar seinem eignen lebenslustigen
Volk. Es ist durchaus mit einer geübten Hand geschrieben.

Von der Truppe Sacchi, für welche Gozzi arbeitete, und die übrigens
zerstreut ist, habe ich die Smeraldina gesehen, eine kleine, dicke
Figur, voller Leben, Gewandtheit und guten Humors. Mit ihr sah ich
den Brighella, einen hagern, wohlgebauten, besonders in Mienen--und
Händespiel trefflichen Schauspieler. Diese Masken, die wir fast nur
als Mumien kennen, da sie für uns weder Leben noch Bedeutung haben,
tun hier gar zu wohl als Geschöpfe dieser Landschaft. Die
ausgezeichneten Alter, Charaktere und Stände haben sich in
wunderlichen Kleidern verkörpert, und wenn man selbst den größten Teil
des Jahrs mit der Maske herumläuft, so findet man nichts natürlicher,
als daß da droben auch schwarze Gesichter erscheinen.

Den 11. Oktober.

Und weil die Einsamkeit in einer so großen Menschenmasse denn doch
zuletzt nicht recht möglich sein will, so bin ich mit einem alten
Franzosen zusammengekommen, der kein Italienisch kann, sich wie
verraten und verkauft fühlt und mit allen Empfehlungsschreiben doch
nicht recht weiß, woran er ist. Ein Mann von Stande, sehr guter
Lebensart, der aber nicht aus sich heraus kann; er mag stark in den
Funfzigen sein und hat zu Hause einen siebenjährigen Knaben, von dem
er bänglich Nachrichten erwartet. Ich habe ihm einige Gefälligkeiten
erzeigt, er reist durch Italien bequem, aber geschwind, um es doch
einmal gesehen zu haben, und mag sich gern im Vorbeigehen soviel wie
möglich unterrichten; ich gebe ihm Auskunft über manches. Als ich mit
ihm von Venedig sprach, fragte er mich, wie lange ich hier sei, und
als er hörte, nur vierzehn Tage und zum erstenmal, versetzte er: "Il
parait que vous n'avez pas perdu votre temps." Das ist das erste
Testimonium meines Wohlverhaltens, das ich aufweisen kann. Er ist nun
acht Tage hier und geht morgen fort. Es war mir köstlich, einen recht
eingefleischten Versailler in der Fremde zu sehen. Der reist nun auch!
Und ich betrachte mit Erstaunen, wie man reisen kann, ohne etwas
außer sich gewahr zu werden, und er ist in seiner Art ein recht
gebildeter, wackrer, ordentlicher Mann.

Den 12. Oktober.

Gestern gaben sie zu St. Lukas ein neues Stück: "L'Inglicismo in
Italia". Da viele Engländer in Italien leben, so ist es natürlich,
daß ihre Sitten bemerkt werden, und ich dachte hier zu erfahren, wie
die Italiener diese reichen und ihnen so willkommenen Gäste betrachten;
aber es war ganz und gar nichts. Einige glückliche Narrenszenen wie
immer, das übrige aber zu schwer und ernstlich gemeint, und denn doch
keine Spur von englischem Sinn, die gewöhnlichen italienischen
sittlichen Gemeinsprüche, und auch nur auf das Gemeinste gerichtet.

Auch gefiel es nicht und war auf dem Punkt, ausgepfiffen zu werden;
die Schauspieler fühlten sich nicht in ihrem Elemente, nicht auf dem
Platze von Chiozza. Da dies das letzte Stück ist, was ich hier sehe,
so scheint es, mein Enthusiasmus für jene Nationalrepräsentation
sollte noch durch diese Folie erhöht werden.

Nachdem ich zum Schluß mein Tagebuch durchgegangen, kleine
Schreibtafelbemerkungen eingeschaltet, so sollen die Akten inrotuliert
und den Freunden zum Urteilsspruch zugeschickt werden. Schon jetzt
finde ich manches in diesen Blättern, das ich näher bestimmen,
erweitern und verbessern könnte; es mag stehen als Denkmal des ersten
Eindrucks, der, wenn er auch nicht immer wahr wäre, uns doch köstlich
und wert bleibt. Könnte ich nur den Freunden einen Hauch dieser
leichtern Existenz hinübersenden! Jawohl ist dem Italiener das
ultramontane eine dunkle Vorstellung, auch mir kommt das jenseits der
Alpen nun düster vor; doch winken freundliche Gestalten immer aus dem
Nebel. Nur das Klima würde mich reizen, diese Gegenden jenen
vorzuziehen; denn Geburt und Gewohnheit sind mächtige Fesseln. Ich
möchte hier nicht leben, wie überall an keinem Orte, wo ich
unbeschäftigt wäre; jetzt macht mir das Neue unendlich viel zu
schaffen. Die Baukunst steigt wie ein alter Geist aus dem Grabe
hervor, sie heißt mich ihre Lehren wie die Regeln einer ausgestorbenen
Sprache studieren, nicht um sie auszuüben oder mich in ihr lebendig zu
erfreuen, sondern nur um die ehrwürdige, für ewig abgeschiedene
Existenz der vergangenen Zeitalter in einem stillen Gemüte zu verehren.
Da Palladio alles auf Vitruv bezieht, so habe ich mir auch die
Ausgabe des Galiani angeschafft; allein dieser Foliante lastet in
meinem Gepäck wie das Studium desselben auf meinem Gehirn. Palladio
hat mir durch seine Worte und Werke, durch seine Art und Weise des
Denkens und Schaffens den Vitruv schon nähergebracht und verdolmetscht,
besser als die italienische übersetzung tun kann. Vitruv liest sich
nicht so leicht, das Buch ist an sich schon düster geschrieben und
fordert ein kritisches Studium. Dessenungeachtet lese ich es flüchtig
durch, und es bleibt mir mancher würdige Eindruck. Besser zu sagen:
ich lese es wie ein Brevier, mehr aus Andacht als zur Belehrung.
Schon bricht die Nacht zeitiger ein und gibt Raum zum Lesen und
Schreiben.

Gott sei Dank, wie mir alles wieder lieb wird, was mir von Jugend auf
wert war! Wie glücklich befinde ich mich, daß ich den alten
Schriftstellern wieder näherzutreten wage! Denn jetzt darf ich es
sagen, darf meine Krankheit und Torheit bekennen. Schon einige Jahre
her durft' ich keinen lateinischen Autor ansehen, nichts betrachten,
was mir ein Bild Italiens erneute. Geschah es zufällig, so erduldete
ich die entsetzlichsten Schmerzen. Herder spottete oft über mich, daß
ich all mein Latein aus dem Spinoza lerne, denn er hatte bemerkt, daß
dies das einzige lateinische Buch war, das ich las; er wußte aber
nicht, wie sehr ich mich vor den Alten hüten mußte, wie ich mich in
jene abstrusen Allgemeinheiten nur ängstlich flüchtete. Noch zuletzt
hat mich die Wielandsche übersetzung der "Satiren" höchst unglücklich
gemacht; ich hatte kaum zwei gelesen, so war ich schon verrückt.

Hätte ich nicht den Entschluß gefaßt, den ich jetzt ausführe, so wär'
ich rein zugrunde gegangen: zu einer solchen Reife war die Begierde,
diese Gegenstände mit Augen zu sehen, in meinem Gemüt gestiegen. Die
historische Kenntnis förderte mich nicht, die Dinge standen nur eine
Hand breit von mir ab; aber durch eine undurchdringliche Mauer
geschieden. Es ist mir wirklich auch jetzt nicht etwa zumute, als
wenn ich die Sachen zum erstenmal sähe, sondern als ob ich sie
wiedersähe. Ich bin nur kurze Zeit in Venedig und habe mir die
hiesige Existenz genugsam zugeeignet und weiß, daß ich, wenn auch
einen unvollständigen, doch einen ganz klaren und wahren Begriff mit
wegnehme.

Venedig, den 14. Oktober, 2 Stunden in der Nacht.

In den letzten Augenblicken meines Hierseins: denn es geht sogleich
mit dem Kurierschiffe nach Ferrara. Ich verlasse Venedig gern; denn
um mit Vergnügen und Nutzen zu bleiben, müßte ich andere Schritte tun,
die außer meinem Plan liegen; auch verläßt jedermann nun diese Stadt
und sucht seine Gärten und Besitzungen auf dem festen Lande. Ich habe
indes gut aufgeladen und trage das reiche, sonderbare, einzige Bild
mit mir fort.

Ferrara bis Rom

Den 16. Oktober, früh, auf dem Schiffe.

Meine Reisegesellschaft, Männer und Frauen, ganz leidliche und
natürliche Menschen, liegen noch alle schlafend in der Kajüte. Ich
aber, in meinen Mantel gehüllt, blieb auf dem Verdeck die beiden
Nächte. Nur gegen Morgen ward es kühl. Ich bin nun in den
fünfundvierzigsten Grad wirklich eingetreten und wiederhole mein altes
Lied: dem Landesbewohner wollt' ich alles lassen, wenn ich nur wie
Dido so viel Klima mit Riemen umspannen könnte, um unsere Wohnungen
damit einzufassen. Es ist denn doch ein ander Sein. Die Fahrt bei
herrlichem Wetter war sehr angenehm, die Aus--und Ansichten einfach,
aber anmutig. Der Po, ein freundlicher Fluß, zieht hier durch große
Plainen, man sieht nur seine bebuschten und bewaldeten Ufer, keine
Fernen. Hier wie an der Etsch sah ich alberne Wasserbaue, die
kindisch und schädlich sind wie die an der Saale.

Ferrara, den 16. nachts.

Heute früh sieben Uhr deutschen Zeigers hier angelangt, bereite ich
mich, morgen wieder wegzugehen. Zum erstenmal überfällt mich eine Art
von Unlust in dieser großen und schönen, flachgelegenen, entvölkerten
Stadt. Dieselben Straßen belebte sonst ein glänzender Hof, hier
wohnte Ariost unzufrieden, Tasso unglücklich, und wir glauben uns zu
erbauen, wenn wir diese Stätte besuchen. Ariosts Grabmal enthält viel
Marmor, schlecht ausgeteilt. Statt Tassos Gefängnis zeigen sie einen
Holzstall oder Kohlengewölbe, wo er gewiß nicht aufbewahrt worden ist.
Auch weiß im Hause kaum jemand mehr, was man will. Endlich besinnen
sie sich um des Trinkgeldes willen. Es kommt mir vor, wie Doktor
Luthers Tintenklecks, den der Kastellan von Zeit zu Zeit wieder
auffrischt. Die meisten Reisenden haben doch etwas
Handwerkspurschenartiges und sehen sich gern nach solchen Wahrzeichen
um. Ich war ganz mürrisch geworden, so daß ich an einem schönen
akademischen Institut, welches ein aus Ferrara gebürtiger Kardinal
gestiftet und bereichert, wenig teilnahm, doch erquickten mich einige
alte Denkmale im Hofe.

Sodann erheiterte mich der gute Einfall eines Malers. Johannes der
Täufer vor Herodes und Herodias. Der Prophet in seinem gewöhnlichen
Wüstenkostüme deutet heftig auf die Dame. Sie sieht ganz gelassen den
neben ihr sitzenden Fürsten, und der Fürst still und klug den
Enthusiasten an. Vor dem Könige steht ein Hund, weiß, mittelgroß,
unter dem Rock der Herodias hingegen kommt ein kleiner Bologneser
hervor, welche beide den Propheten anbellen. Mich dünkt, das ist
recht glücklich gedacht.

Cento, den 17. abends.

In einer bessern Stimmung als gestern schreibe ich aus Guercins
Vaterstadt. Es ist aber auch ein ganz anderer Zustand. Ein
freundliches, wohlgebautes Städtchen von ungefähr fünftausend
Einwohnern, nahrhaft, lebendig, reinlich, in einer unübersehlich
bebauten Plaine. Ich bestieg nach meiner Gewohnheit sogleich den Turm.
Ein Meer von Pappelspitzen, zwischen denen man in der Nähe kleine
Bauerhöfchen erblickt, jedes mit seinem eignen Feld umgeben.
Köstlicher Boden, ein mildes Klima. Es war ein Herbstabend, wie wir
unserm Sommer selten einen verdanken. Der Himmel, den ganzen Tag
bedeckt, heiterte sich auf, die Wolken warfen sich nord--und südwärts
an die Gebirge, und ich hoffe einen schönen morgenden Tag.

Hier sah ich die Apenninen, denen ich mich nähere, zum erstenmal. Der
Winter dauert hier nur Dezember und Januar, ein regniger April,
übrigens nach Beschaffenheit der Jahreszeit gut Wetter. Nie
anhaltender Regen; doch war dieser September besser und wärmer als ihr
August. Die Apenninen begrüßte ich freundlich im Süden, denn ich habe
der Flächen bald genug. Morgen schreibe ich dort an ihrem Fuße.

Guercino liebte seine Vaterstadt, wie überhaupt die Italiener diesen
Lokalpatriotismus im höchsten Sinne hegen und pflegen, aus welchem
schönen Gefühl so viel köstliche Anstalten, ja die Menge Ortsheilige
entsprungen sind. Unter jenes Meisters Leitung entstand nun hier eine
Malerakademie. Er hinterließ mehrere Bilder, an denen sich noch der
Bürger freut, die es aber auch wert sind.

Guercin ist ein heiliger Name, und im Munde der Kinder wie der Alten.

Sehr lieb war mir das Bild, den auferstandenen Christus vorstellend,
der seiner Mutter erscheint. Vor ihm knieend, blickt sie auf ihn mit
unbeschreiblicher Innigkeit. Ihre Linke berührt seinen Leib gleich
unter der unseligen Wunde, die das ganze Bild verdirbt. Er hat seine
linke Hand um ihren Hals gelegt und biegt sich, um sie bequemer
anzusehen, ein wenig mit dem Körper zurück. Dieses gibt der Figur
etwas, ich will nicht sagen Gezwungenes, aber doch Fremdes.
Dessenungeachtet bleibt sie unendlich angenehm. Der stilltraurige
Blick, mit dem er sie ansieht, ist einzig, als wenn ihm die Erinnerung
seiner und ihrer Leiden, durch die Auferstehung nicht gleich geheilt,
vor der edlen Seele schwebte.

Strange hat das Bild gestochen; ich wünschte, daß meine Freunde
wenigstens diese Kopie sähen.

Darauf gewann eine Madonna meine Neigung. Das Kind verlangt nach der
Brust, sie zaudert schamhaft, den Busen zu entblößen. Natürlich, edel,
köstlich und schön.

Ferner eine Maria, die dem vor ihr stehenden und nach den Zuschauern
gerichteten Kinde den Arm führt, daß es mit aufgehobenen Fingern den
Segen austeile. Ein im Sinn der katholischen Mythologie sehr
glücklicher und oft wiederholter Gedanke.

Guercin ist ein innerlich braver, männlich gesunder Maler, ohne Roheit.
Vielmehr haben seine Sachen eine zarte moralische Grazie, eine
ruhige Freiheit und Großheit, dabei etwas Eignes, daß man seine Werke,
wenn man einmal das Auge darauf gebildet hat, nicht verkennen wird.
Die Leichtigkeit, Reinlichkeit und Vollendung seines Pinsels setzt in
Erstaunen. Er bedient sich besonders schöner, ins Braunrote
gebrochener Farben zu seinen Gewändern. Diese harmonieren gar gut mit
dem Blauen, das er auch gerne anbringt.

Die Gegenstände der übrigen Bilder sind mehr oder weniger unglücklich.
Der gute Künstler hat sich gemartert und doch Erfindung und Pinsel,
Geist und Hand verschwendet und verloren. Mir ist aber sehr lieb und
wert, daß ich auch diesen schönen Kunstkreis gesehen habe, obgleich
ein solches Vorüberrennen wenig Genuß und Belehrung gewährt.

Bologna, den 18. Oktober, nachts.

Heute früh, vor Tage, fuhr ich von Cento weg und gelangte bald genug
hieher. Ein flinker und wohlunterrichteter Lohnbediente, sobald er
vernahm, daß ich nicht lange zu verweilen gedächte, jagte mich durch
alle Straßen, durch so viel Paläste und Kirchen, daß ich kaum in
meinem Volkmann anzeichnen konnte, wo ich gewesen war, und wer weiß,
ob ich mich künftig bei diesen Merkzeichen aller der Sachen erinnere.
Nun gedenke ich aber ein paar lichter Punkte, an denen ich wahrhafte
Beruhigung gefühlt.

Zuerst also die Cäcilia von Raffael! Es ist, was ich zum voraus wußte,
nun aber mit Augen sah: er hat eben immer gemacht, was andere zu
machen wünschten, und ich möchte jetzt nichts darüber sagen, als daß
es von ihm ist. Fünf Heilige nebeneinander, die uns alle nichts
angehen, deren Existenz aber so vollkommen dasteht, daß man dem Bilde
eine Dauer für die Ewigkeit wünscht, wenn man gleich zufrieden ist,
selbst aufgelöst zu werden. Um ihn aber recht zu erkennen, ihn recht
zu schätzen und ihn wieder auch nicht ganz als einen Gott zu preisen,
der wie Melchisedek ohne Vater und ohne Mutter erschienen wäre, muß
man seine Vorgänger, seine Meister ansehen. Diese haben auf dem
festen Boden der Wahrheit Grund gefaßt, sie haben die breiten
Fundamente emsig, ja ängstlich gelegt und miteinander wetteifernd die
Pyramide stufenweis in die Höhe gebaut, bis er zuletzt, von allen
diesen Vorteilen unterstützt, von dem himmlischen Genius erleuchtet,
den letzten Stein des Gipfels aufsetzte, über und neben dem kein
anderer stehen kann.

Das historische Interesse wird besonders rege, wenn man die Werke der
ältern Meister betrachtet. Francesco Francia ist ein gar respektabler
Künstler, Peter von Perugia ein so braver Mann, daß man sagen möchte,
eine ehrliche deutsche Haut. Hätte doch das Glück Albrecht Dürern
tiefer nach Italien geführt! In München habe ich ein paar Stücke von
ihm gesehen von unglaublicher Großheit. Der arme Mann, wie er sich in
Venedig verrechnet und mit den Pfaffen einen Akkord macht, bei dem er
Wochen und Monate verliert! Wie er auf seiner niederländischen Reise
gegen seine herrlichen Kunstwerke, womit er sein Glück zu machen
hoffte, Papageien eintauscht und, um das Trinkgeld zu sparen, die
Domestiken porträtiert, die ihm einen Teller Früchte bringen! Mir ist
so ein armer Narr von Künstler unendlich rührend, weil es im Grunde
auch mein Schicksal ist, nur daß ich mir ein klein wenig besser zu
helfen weiß.

Gegen Abend rettete ich mich endlich aus dieser alten, ehrwürdigen,
gelehrten Stadt, aus der Volksmenge, die in den gewölbten Lauben,
welche man fast durch alle Straßen verbreitet sieht, geschützt vor
Sonne und Witterung, hin und her wandeln, gaffen, kaufen und ihre
Geschäfte treiben kann. Ich bestieg den Turm und ergötzte mich an der
freien Luft. Die Aussicht ist herrlich! Im Norden sieht man die
paduanischen Berge, sodann die Schweizer, Tiroler, Friauler Alpen,
genug, die ganze nördliche Kette, diesmal im Nebel. Gegen Westen ein
unbegrenzter Horizont, aus dem nur die Türme von Modena herausragen.
Gegen Osten eine gleiche Ebene, bis ans adriatische Meer, welches man
bei Sonnenaufgang gewahr wird. Gegen Süden die Vorhügel der Apenninen,
bis an ihre Gipfel bepflanzt, bewachsen, mit Kirchen, Palästen,
Gartenhäusern besetzt, wie die vicentinischen Hügel. Es war ein ganz
reiner Himmel, kein Wölkchen, nur am Horizont eine Art Höherauch. Der
Türmer versicherte, daß nunmehro seit sechs Jahren dieser Nebel nicht
aus der Ferne komme. Sonst habe er durch das Sehrohr die Berge von
Vicenza mit ihren Häusern und Kapellen gar wohl entdecken können,
jetzt bei den hellsten Tagen nur selten. Und dieser Nebel legt sich
denn vorzüglich an die nördliche Kette und macht unser liebes
Vaterland zum wahren Cimmerien. Der Mann ließ mich auch die gesunde
Lage und Luft der Stadt daran bemerken, daß ihre Dächer wie neu
aussähen und kein Ziegel durch Feuchtigkeit und Moos angegriffen sei.
Man muß gestehen, die Dächer sind alle rein und schön, aber die Güte
der Ziegeln mag auch etwas dazu beitragen, wenigstens in alten Zeiten
hat man solche in diesen Gegenden kostbar gebrannt.

Der hängende Turm ist ein abscheulicher Anblick, und doch höchst
wahrscheinlich, daß er mit Fleiß so gebaut worden. Ich erkläre mir
diese Torheit folgendermaßen. In den Zeiten der städtischen Unruhen
ward jedes große Gebäude zur Festung, aus der jede mächtige Familie
einen Turm erhob. Nach und nach wurde dies zu einer Lust--und
Ehrensache, jeder wollte auch mit einem Turm prangen, und als zuletzt
die graden Türme gar zu alltäglich waren, so baute man einen schiefen.
Auch haben Architekt und Besitzer ihren Zweck erreicht, man sieht an
den vielen graden schlanken Türmen hin und sucht den krummen. Ich war
nachher oben auf demselben. Die Backsteinschichten liegen horizontal.
Mit gutem, bindendem Kitt und eisernen Ankern kann man schon tolles
Zeug machen.

Bologna, den 19. Oktober, abends.

Meinen Tag habe ich bestmöglichst angewendet, um zu sehen und
wiederzusehen, aber es geht mit der Kunst wie mit dem Leben: je weiter
man hineinkommt, je breiter wird sie. An diesem Himmel treten wieder
neue Gestirne hervor, die ich nicht berechnen kann und die mich
irremachen: die Carracci, Guido, Dominichin, in einer spätern
glücklichern Kunstzeit entsprungen; sie aber wahrhaft zu genießen,
gehört Wissen und Urteil, welches mir abgeht und nur nach und nach
erworben werden kann. Ein großes Hindernis der reinen Betrachtung und
der unmittelbaren Einsicht sind die meist unsinnigen Gegenstände der
Bilder, über die man toll wird, indem man sie verehren und lieben
möchte.

Es ist, als da sich die Kinder Gottes mit den Töchtern der Menschen
vermählten, daraus entstanden mancherlei Ungeheuer. Indem der
himmlische Sinn des Guido, sein Pinsel, der nur das Vollkommenste, was
geschaut werden kann, hätte malen sollen, dich anzieht, so möchtest du
gleich die Augen von den abscheulich dummen, mit keinen Scheltworten
der Welt genug zu erniedrigenden Gegenständen wegkehren, und so geht
es durchaus; man ist immer auf der Anatomie, dem Rabensteine, dem
Schindanger, immer Leiden des Helden, niemals Handlung, nie ein
gegenwärtig Interesse, immer etwas phantastisch von außen Erwartetes.
Entweder Missetäter oder Verzückte, Verbrecher oder Narren, wo denn
der Maler, um sich zu retten, einen nackten Kerl, eine hübsche
Zuschauerin herbeischleppt, allenfalls seine geistlichen Helden als
Gliedermänner traktiert und ihnen recht schöne Faltenmäntel überwirft.
Da ist nichts, was einen menschlichen Begriff gäbe! Unter zehn
Sujets nicht eins, das man hätte malen sollen, und das eine hat der
Künstler nicht von der rechten Seite nehmen dürfen.

Das große Bild von Guido in der Kirche der Mendicanti ist alles, was
man malen, aber auch alles, was man Unsinniges bestellen und dem
Künstler zumuten kann. Es ist ein Votivbild. Ich glaube, der ganze
Senat hat es gelobt und auch erfunden. Die beiden Engel, die wert
wären, eine Psyche in ihrem Unglück zu trösten, müssen hier-Der
heilige Proclus, eine schöne Figur; aber dann die andern, Bischöfe und
Pfaffen! Unten sind himmlische Kinder, die mit Attributen spielen.
Der Maler, dem das Messer an der Kehle saß, suchte sich zu helfen, wie
er konnte, er mühte sich ab, nur um zu zeigen, daß nicht er der Barbar
sei. Zwei nackte Figuren von Guido: ein Johannes in der Wüste, ein
Sebastian, wie köstlich gemalt, und was sagen sie? Der eine sperrt
das Maul auf, und der andere krümmt sich.

Betrachte ich in diesem Unmut die Geschichte, so möchte ich sagen: der
Glaube hat die Künste wieder hervorgehoben, der Aberglaube hingegen
ist Herr über sie geworden und hat sie abermals zugrunde gerichtet.

Nach Tische etwas milder und weniger anmaßlich gestimmt als heute früh,
bemerkte ich folgendes in meine Schreibtafel: Im Palast Tanari ist
ein berühmtes Bild von Guido, die säugende Maria vorstellend, über
Lebensgröße, der Kopf, als wenn ihn ein Gott gemalt hätte;
unbeschreiblich ist der Ausdruck, mit welchem sie auf den saugenden
Knaben heruntersieht. Mir scheint es eine stille, tiefe Duldung,
nicht als wenn sie ein Kind der Liebe und Freude, sondern ein
untergeschobenes himmlisches Wechselkind nur so an sich zehren ließe,
weil es nun einmal nicht anders ist, und sie in tiefster Demut gar
nicht begreift, wie sie dazu kommt. Der übrige Raum ist durch ein
ungeheures Gewand ausgefüllt, welches die Kenner höchlich preisen; ich
wußte nicht recht, was ich daraus machen sollte. Auch sind die Farben
dunkler geworden; das Zimmer und der Tag waren nicht die hellsten.

Unerachtet der Verwirrung, in der ich mich befinde, fühle ich doch
schon, daß übung, Bekanntschaft und Neigung mir schon in diesen
Irrgärten zu Hülfe kommen. So sprach mich eine Beschneidung von
Guercin mächtig an, weil ich den Mann schon kenne und liebe. Ich
verzieh den unleidlichen Gegenstand und freute mich an der Ausführung.
--Gemalt, was man sich denken kann, alles daran respektabel und
vollendet, als wenn's Emaille wäre.

Und so geht mir's denn wie Bileam, dem konfusen Propheten, welcher
segnete, da er zu fluchen gedachte, und dies würde noch öfter der Fall
sein, wenn ich länger verweilte.

Trifft man denn gar wieder einmal auf eine Arbeit von Raffael, oder
die ihm wenigstens mit einiger Wahrscheinlichkeit zugeschrieben wird,
so ist man gleich vollkommen geheilt und froh. So habe ich eine
heilige Agathe gefunden, ein kostbares, obgleich nicht ganz wohl
erhaltenes Bild. Der Künstler hat ihr eine gesunde, sichere
Jungfräulichkeit gegeben, doch ohne Kälte und Roheit. Ich habe mir
die Gestalt wohl gemerkt und werde ihr im Geist meine "Iphigenie"
vorlesen und meine Heldin nichts sagen lassen, was diese Heilige nicht
aussprechen möchte.

Da ich nun wieder einmal dieser süßen Bürde gedenke, die ich auf
meiner Wanderung mit mir führe, so kann ich nicht verschweigen, daß zu
den großen Kunstund Naturgegenständen, durch die ich mich
durcharbeiten muß, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten
hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento herüber wollte ich
meine Arbeit an "Iphigenia" fortsetzen, aber was geschah? Der Geist
führte mir das Argument der "Iphigenia von Delphi" vor die Seele, und
ich mußte es ausbilden. So kurz als möglich sei es hier verzeichnet:

Elektra, in gewisser Hoffnung, daß Orest das Bild der Taurischen Diana
nach Delphi bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll und
widmet die grausame Axt, die so viel Unheil in Pelops' Hause
angerichtet, als schließliches Sühnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt,
leider, einer der Griechen und erzählt, wie er Orest und Pylades nach
Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode führen sehen und sich
glücklich gerettet. Die leidenschaftliche Elektra kennt sich selbst
nicht und weiß nicht, ob sie gegen Götter oder Menschen ihre Wut
richten soll.

Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades gleichfalls zu Delphi
angekommen. Iphigeniens heilige Ruhe kontrastiert gar merkwürdig mit
Elektrens irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten
wechselseitig unerkannt zusammentreffen. Der entflohene Grieche
erblickt Iphigenien, erkennt die Priesterin, welche die Freunde
geopfert, und entdeckt es Elektren. Diese ist im Begriff, mit
demselbigen Beil, welches sie dem Altar wieder entreißt, Iphigenien zu
ermorden, als eine glückliche Wendung dieses letzte schreckliche übel
von den Geschwistern abwendet. Wenn diese Szene gelingt, so ist nicht
leicht etwas Größeres und Rührenderes auf dem Theater gesehen worden.
Wo soll man aber Hände und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig
wäre!

Indem ich mich nun in dem Drang einer solchen überfüllung des Guten
und Wünschenswerten geängstigt fühle, so muß ich meine Freunde an
einen Traum erinnern, der mir, es wird eben ein Jahr sein, bedeutend
genug schien. Es träumte mir nämlich, ich landete mit einem ziemlich
großen Kahn an einer fruchtbaren, reich bewachsenen Insel, von der mir
bewußt war, daß daselbst die schönsten Fasanen zu haben seien. Auch
handelte ich sogleich mit den Einwohnern um solches Gefieder, welches
sie auch sogleich häufig, getötet, herbeibrachten. Es waren wohl
Fasanen, wie aber der Traum alles umzubilden pflegt, so erblickte man
lange, farbig beaugte Schweife, wie von Pfauen oder seltenen
Paradiesvögeln. Diese brachte man mir schockweise ins Schiff, legte
sie mit den Köpfen nach innen, so zierlich gehäuft, daß die langen,
bunten Federschweife, nach außen hängend, im Sonnenglanz den
herrlichsten Schober bildeten, den man sich denken kann, und zwar so
reich, daß für den Steuernden und die Rudernden kaum hinten und vorn
geringe Räume verblieben. So durchschnitten wir die ruhige Flut, und
ich nannte mir indessen schon die Freunde, denen ich von diesen bunten
Schätzen mitteilen wollte. Zuletzt in einem großen Hafen landend,
verlor ich mich zwischen ungeheuer bemasteten Schiffen, wo ich von
Verdeck auf Verdeck stieg, um meinem kleinen Kahn einen sichern
Landungsplatz zu suchen.

An solchen Wahnbildern ergötzen wir uns, die, weil sie aus uns selbst
entspringen, wohl Analogie mit unserm übrigen Leben und Schicksalen
haben müssen.

Nun war ich auch in der berühmten wissenschaftlichen Anstalt, das
Institut oder die Studien genannt. Das große Gebäude, besonders der
innere Hof, sieht ernsthaft genug aus, obgleich nicht von der besten
Baukunst. Auf den Treppen und Korridors fehlt es nicht an Stukko--und
Freskozierden; alles ist anständig und würdig, und über die
mannigfaltigen schönen und wissenswerten Dinge, die hier
zusammengebracht worden, erstaunt man billig, doch will es einem
Deutschen dabei nicht wohl zumute werden, der eine freiere
Studienweise gewohnt ist.

Mir fiel eine frühere Bemerkung hier wieder in die Gedanken, daß sich
der Mensch im Gange der alles verändernden Zeit so schwer losmacht von
dem, was eine Sache zuerst gewesen, wenn ihre Bestimmung in der Folge
sich auch verändert. Die christlichen Kirchen halten noch immer an
der Basilikenform, wenngleich die Tempelgestalt vielleicht dem Kultus
vorteilhafter wäre. Wissenschaftliche Anstalten haben noch das
klösterliche Ansehn, weil in solchen frommen Bezirken die Studien
zuerst Raum und Ruhe gewannen. Die Gerichtssäle der Italiener sind so
weit und hoch, als das Vermögen einer Gemeinde zureicht, man glaubt,
auf dem Marktplatze unter freiem Himmel zu sein, wo sonst Recht
gesprochen wurde. Und bauen wir nicht noch immer die größten Theater
mit allem Zubehör unter ein Dach, als wenn es die erste Meßbude wäre,
die man auf kurze Zeit von Brettern zusammenschlug? Durch den
ungeheuern Zudrang der Wißbegierigen um die Zeit der Reformation
wurden die Schüler in Bürgerhäuser getrieben, aber wie lange hat es
nicht gedauert, bis wir unsere Waisenhäuser auftaten und den armen
Kindern diese so notwendige Welterziehung verschafften!

Bologna, den 20. abends.

Diesen heitern schönen Tag habe ich ganz unter freiem Himmel
zugebracht. Kaum nahe ich mich den Bergen, so werde ich schon wieder
vom Gestein angezogen. Ich komme mir vor wie Antäus, der sich immer
neu gestärkt fühlt, je kräftiger man ihn mit seiner Mutter Erde in
Berührung bringt.

Ich ritt nach Paderno, wo der sogenannte Bologneser Schwerspat
gefunden wird, woraus man die kleinen Kuchen bereitet, welche
kalziniert im Dunkeln leuchten, wenn sie vorher dem Lichte ausgesetzt
gewesen, und die man hier kurz und gut Fosfori nennt.

Auf dem Wege fand ich schon ganze Felsen Fraueneis zu Tage anstehend,
nachdem ich ein sandiges Tongebirg hinter mir gelassen hatte. Bei
einer Ziegelhütte geht ein Wasserriß hinunter, in welchen sich viele
kleinere ergießen. Man glaubt zuerst, einen aufgeschwemmten Lehmhügel
zu sehen, der vom Regen ausgewaschen wäre, doch konnte ich bei näherer
Betrachtung von seiner Natur so viel entdecken: das feste Gestein,
woraus dieser Teil des Gebirges besteht, ist ein sehr feinblättriger
Schieferton, welcher mit Gips abwechselt. Das schiefrige Gestein ist
so innig mit Schwefelkies gemischt, daß es, von Luft und Feuchtigkeit
berührt, sich ganz und gar verändert. Es schwillt auf, die Lagen
verlieren sich, es entsteht eine Art Letten, muschlig, zerbröckelt,
auf den Flächen glänzend wie Steinkohlen. Nur an großen Stücken,
deren ich mehrere zerschlug und beide Gestalten deutlich wahrnahm,
konnte man sich von dem übergange, von der Umbildung überzeugen.
Zugleich sieht man die muschligen Flächen mit weißen Punkten
beschlagen, manchmal sind gelbe Partieen drin; so zerfällt nach und
nach die ganze Oberfläche, und der Hügel sieht wie ein verwitterter
Schwefelkies im großen aus. Es finden sich unter den Lagen auch
härtere, grüne und rote. Schwefelkies hab' ich in dem Gestein auch
öfters angeflogen gefunden.

Nun stieg ich in den Schluchten des bröcklig aufgelösten Gebirgs
hinauf, wie sie von den letzten Regengüssen durchwaschen waren, und
fand zu meiner Freude den gesuchten Schwerspat häufig, meist in
unvollkommener Eiform, an mehreren Stellen des eben zerfallenden
Gebirgs hervorschauen, teils ziemlich rein, teils noch von dem Ton, in
welchem er stak, genau umgeben. Daß es keine Geschiebe seien, davon
kann man sich beim ersten Anblick überzeugen. Ob sie gleichzeitig mit
der Schiefertonlage, oder ob sie erst bei Aufblähung oder Zersetzung
derselben entstanden, verdient eine nähere Untersuchung. Die von mir
aufgefundenen Stücke nähern sich, größer oder kleiner, einer
unvollkommenen Eigestalt, die kleinsten gehen auch wohl in eine
undeutliche Kristallform über. Das schwerste Stück, welches ich
gefunden, wiegt siebzehn Lot. Auch fand ich in demselbigen Ton lose,
vollkommene Gipskristalle. Nähere Bestimmung werden Kenner an den
Stücken, die ich mitbringe, zu entwickeln wissen. Und ich wäre nun
also schon wieder mit Steinen belastet! Ein Achtelszentner dieses
Schwerspats habe ich ausgepackt.

Den 20. Oktober in der Nacht.

Wieviel hätte ich noch zu sagen, wenn ich alles gestehen wollte, was
mir an diesem schönen Tage durch den Kopf ging. Aber mein Verlangen
ist stärker als meine Gedanken. Ich fühle mich unwiderstehlich
vorwärts gezogen, nur mit Mühe sammle ich mich an dem Gegenwärtigen.
Und es scheint, der Himmel erhört mich. Es meldet sich ein Vetturin
gerade nach Rom, und so werde ich übermorgen unaufhaltsam dorthin
abgehen. Da muß ich denn wohl heute und morgen nach meinen Sachen
sehn, manches besorgen und wegarbeiten.

Lojano auf den Apenninen, den 21. Oktober, abends.

Ob ich mich heute selbst aus Bologna getrieben, oder ob ich daraus
gejagt worden, wüßte ich nicht zu sagen. Genug, ich ergriff mit
Leidenschaft einen schnellern Anlaß, abzureisen. Nun bin ich hier in
einem elenden Wirtshause in Gesellschaft eines päpstlichen Offiziers,
der nach Perugia, seiner Vaterstadt, geht. Als ich mich zu ihm in den
zweirädrigen Wagen setzte, machte ich ihm, um etwas zu reden, das
Kompliment, daß ich als ein Deutscher, der gewohnt sei, mit Soldaten
umzugehen, sehr angenehm finde, nun mit einem päpstlichen Offizier in
Gesellschaft zu reisen.--"Nehmt mir nicht übel", versetzte er darauf,
"Ihr könnt wohl eine Neigung zum Soldatenstande haben, denn ich höre,
in Deutschland ist alles Militär; aber was mich betrifft, obgleich
unser Dienst sehr läßlich ist, und ich in Bologna, wo ich in Garnison
stehe, meiner Bequemlichkeit vollkommen pflegen kann, so wollte ich
doch, daß ich diese Jacke los wäre und das Gütchen meines Vaters
verwaltete. Ich bin aber der jüngere Sohn, und so muß ich mir's
gefallen lassen."

Den 22. abends.

Giredo, auch ein kleines Nest auf den Apenninen, wo ich mich recht
glücklich fühle, meinen Wünschen entgegenreisend. Heute gesellten
sich reitend ein Herr und eine Dame zu uns, ein Engländer mit einer
sogenannten Schwester. Ihre Pferde sind schön, sie reisen aber ohne
Bedienung, und der Herr macht, wie es scheint, zugleich den Reitknecht
und den Kammerdiener. Sie finden überall zu klagen, man glaubt,
einige Blätter im Archenholz zu lesen.

Die Apenninen sind mir ein merkwürdiges Stück Welt. Auf die große
Fläche der Regionen des Pos folgt ein Gebirg, das sich aus der Tiefe
erhebt, um zwischen zwei Meeren südwärts das feste Land zu endigen.
Wäre die Gebirgsart nicht zu steil, zu hoch über der Meeresfläche,
nicht so sonderbar verschlungen, daß Ebbe und Flut vor alten Zeiten
mehr und länger hätten hereinwirken, größere Flächen bilden und
überspülen können, so wäre es eins der schönsten Länder in dem
herrlichsten Klima, etwas höher als das andere Land.

So aber ist's ein seltsam Gewebe von Bergrücken gegeneinander; oft
sieht man gar nicht ab, wohin das Wasser seinen Ablauf nehmen will.
Wären die Täler besser ausgefüllt, die Flächen mehr glatt und
überspült, so könnte man das Land mit Böhmen vergleichen, nur daß die
Berge auf alle Weise einen andern Charakter haben. Doch muß man sich
keine Bergwüste, sondern ein meist bebautes, obgleich gebirgiges Land
vorstellen. Kastanien kommen hier sehr schön, der Weizen ist
trefflich und die Saat schon hübsch grün. Immergrüne Eichen mit
kleinen Blättern stehen am Wege, um die Kirchen und Kapellen aber
schlanke Zypressen.

Gestern abend war das Wetter trübe, heute ist's wieder hell und schön.

Den 25. abends. Perugia.

Zwei Abende habe ich nicht geschrieben. Die Herbergen waren so
schlecht, daß an kein Auslegen eines Blattes zu denken war. Auch
fängt es mir an, ein bißchen verworren zu werden; denn seit der
Abreise von Venedig spinnt sich der Reiserocken nicht so schön und
glatt mehr ab.

Den Dreiundzwanzigsten früh, unserer Uhr um zehne, kamen wir aus den
Apenninen hervor und sahen Florenz liegen in einem weiten Tal, das
unglaublich bebaut und ins Unendliche mit Villen und Häusern besät ist.

Die Stadt hatte ich eiligst durchlaufen, den Dom, das Baptisterium.
Hier tut sich wieder eine ganz neue, mir unbekannte Welt auf, an der
ich nicht verweilen will. Der Garten Boboli liegt köstlich. Ich
eilte so schnell heraus als hinein.

Der Stadt sieht man den Volksreichtum an, der sie erbaut hat; man
erkennt, daß sie sich einer Folge von glücklichen Regierungen erfreute.
Überhaupt fällt es auf, was in Toskana gleich die öffentlichen Werke,
Wege, Brücken für ein schönes grandioses Ansehen haben. Es ist hier
alles zugleich tüchtig und reinlich, Gebrauch und Nutzen mit Anmut
sind beabsichtigt, überall läßt sich eine belebende Sorgfalt bemerken.
Der Staat des Papstes hingegen scheint sich nur zu erhalten, weil ihn
die Erde nicht verschlingen will.

Wenn ich neulich von den Apenninen sagte, was sie sein könnten, das
ist nun Toskana: weil es so viel tiefer lag, so hat das alte Meer
recht seine Schuldigkeit getan und tiefen Lehmboden aufgehäuft. Er
ist heugelb und leicht zu verarbeiten. Sie pflügen tief, aber noch
recht auf die ursprüngliche Art: ihr Pflug hat keine Räder, und die
Pflugschar ist nicht beweglich. So schleppt sie der Bauer, hinter
seinen Ochsen gebückt, einher und wühlt die Erde auf. Es wird bis
fünfmal gepflügt, wenigen und nur sehr leichten Dünger streuen sie mit
den Händen. Endlich säen sie den Weizen, dann häufen sie schmale
Sotteln auf, dazwischen entstehen tiefe Furchen, alles so gerichtet,
daß das Regenwasser ablaufen muß. Die Frucht wächst nun auf den
Sotteln in die Höhe, in den Furchen gehen sie hin und her, wenn sie
jäten. Diese Verfahrungsart ist begreiflich, wo Nässe zu fürchten ist;
warum sie es aber auf den schönsten Gebreiten tun, kann ich nicht
einsehen. Diese Betrachtung machte ich bei Arezzo, wo sich eine
herrliche Plaine auftut. Reiner kann man kein Feld sehen, nirgends
auch nur eine Erdscholle, alles klar wie gesiebt. Der Weizen gedeiht
hier recht schön, und er scheint hier alle seiner Natur gemäßen
Bedingungen zu finden. Das zweite Jahr bauen sie Bohnen für die
Pferde, die hier keinen Hafer bekommen. Es werden auch Lupinen gesäet,
die jetzt schon vortrefflich grün stehen und im März Früchte bringen.
Auch der Lein hat schon gekeimt, er bleibt den Winter über und wird
durch den Frost nur dauerhafter.

Die ölbäume sind wunderliche Pflanzen; sie sehen fast wie Weiden,
verlieren auch den Kern, und die Rinde klafft auseinander. Aber sie
haben dessenungeachtet ein festeres Ansehn. Man sieht auch dem Holze
an, daß es langsam wächst und sich unsäglich fein organisiert. Das
Blatt ist weidenartig, nur weniger Blätter am Zweige. Um Florenz an
den Bergen ist alles mit ölbäumen und Weinstöcken bepflanzt,
dazwischen wird das Erdreich zu Körnern benutzt. Bei Arezzo und so
weiter läßt man die Felder freier. Ich finde, daß man dem Efeu nicht
genug abwehrt, der den ölbäumen und andern schädlich ist, da es so ein
leichtes wäre, ihn zu zerstören. Wiesen sieht man gar nicht. Man
sagt, das türkische Korn zehre den Boden aus; seitdem es eingeführt
worden, habe der Ackerbau in anderm Betracht verloren. Ich glaube es
wohl bei dem geringen Dünger.

Heute abend habe ich von meinem Hauptmann Abschied genommen, mit der
Versicherung, mit dem Versprechen, ihn auf meiner Rückreise in Bologna
zu besuchen. Er ist ein wahrer Repräsentant vieler seiner Landsleute.
Hier einiges, das ihn besonders bezeichnet. Da ich oft still und
nachdenklich war, sagte er einmal: "Che pensa! non deve mai pensar
l'uomo, pensando s'invecchia." Das ist verdolmetscht: "Was denkt Ihr
viel! der Mensch muß niemals denken, denkend altert man nur." Und
nach einigem Gespräch: "Non deve fermarsi l'uomo in una sola cosa,
perchè allora divien matto; bisogna aver mille cose, una confusione
nella testa." Auf deutsch: "Der Mensch muß sich nicht auf eine
einzige Sache heften, denn da wird er toll, man muß tausend Sachen,
eine Konfusion im Kopfe haben."

Der gute Mann konnte freilich nicht wissen, daß ich eben darum still
und nachdenkend war, weil eine Konfusion von alten und neuen
Gegenständen mir den Kopf verwirrte. Die Bildung eines solchen
Italieners wird man noch klarer aus folgendem erkennen. Da er wohl
merkte, daß ich Protestant sei, sagte er nach einigem Umschweif, ich
möchte ihm doch gewisse Fragen erlauben, denn er habe so viel
Wunderliches von uns Protestanten gehört, worüber er endlich einmal
Gewißheit zu haben wünsche. "Dürft ihr denn", so fragte er, "mit
einem hübschen Mädchen auf einem guten Fuß leben, ohne mit ihr gerade
verheiratet zu sein?--erlauben euch das eure Priester?" Ich erwiderte
darauf: "Unsere Priester sind kluge Leute, welche von solchen
Kleinigkeiten keine Notiz nehmen. Freilich, wenn wir sie darum fragen
wollten, so würden sie es uns nicht erlauben."--"Ihr braucht sie also
nicht zu fragen?" rief er aus. "O ihr Glücklichen! und da ihr ihnen
nicht beichtet, so erfahren sie's nicht." Hierauf erging er sich in
Schelten und Mißbilligen seiner Pfaffen und in dem Preise unserer
seligen Freiheit.--"Was jedoch die Beichte betrifft", fuhr er fort,
"wie verhält es sich damit? Man erzählt uns, daß alle Menschen, auch
die keine Christen sind, dennoch beichten müssen; weil sie aber in
ihrer Verstockung nicht das Rechte treffen können, so beichten sie
einem alten Baume, welches denn freilich lächerlich und gottlos genug
ist, aber doch beweist, daß sie die Notwendigkeit der Beichte
anerkennen." Hierauf erklärte ich ihm unsere Begriffe von der Beichte
und wie es dabei zugehe. Das kam ihm sehr bequem vor, er meinte aber,
es sei ungefähr ebensogut, als wenn man einem Baum beichtete. Nach
einigem Zaudern ersucht' er mich sehr ernsthaft, über einen andern
Punkt ihm redlich Auskunft zu geben, er habe nämlich aus dem Munde
eines seiner Priester, der ein wahrhafter Mann sei, gehört, daß wir
unsere Schwestern heiraten dürften, welches denn doch eine starke
Sache sei. Als ich diesen Punkt verneinte und ihm einige menschliche
Begriffe von unserer Lehre beibringen wollte, mochte er nicht
sonderlich darauf merken, denn es kam ihm zu alltäglich vor, und er
wandte sich zu einer neuen Frage:--"Man versichert uns", sagte er,
"daß Friedrich der Große, welcher so viele Siege selbst über die
Gläubigen davongetragen und die Welt mit seinem Ruhm erfüllt, daß er,
den jedermann für einen Ketzer hält, wirklich katholisch sei und vom
Papste die Erlaubnis habe, es zu verheimlichen; denn er kommt, wie man
weiß, in keine eurer Kirchen, verrichtet aber seinen Gottesdienst in
einer unterirdischen Kapelle mit zerknirschtem Herzen, daß er die
heilige Religion nicht öffentlich bekennen darf; denn freilich, wenn
er das täte, würden ihn seine Preußen, die ein bestialisches Volk und
wütende Ketzer sind, auf der Stelle totschlagen, wodurch denn der
Sache nicht geholfen wäre. Deswegen hat ihm der heilige Vater jene
Erlaubnis gegeben, dafür er denn aber auch die alleinseligmachende
Religion im stillen so viel ausbreitet und begünstigt als möglich."
Ich ließ das alles gelten und erwiderte nur: da es ein großes
Geheimnis sei, könnte freilich niemand davon Zeugnis geben. Unsere
fernere Unterhaltung war ungefähr immer von derselben Art, so daß ich
mich über die kluge Geistlichkeit wundern mußte, welche alles
abzulehnen und zu entstellen sucht, was den dunkeln Kreis ihrer
herkömmlichen Lehre durchbrechen und verwirren könnte.

Ich verließ Perugia an einem herrlichen Morgen und fühlte die
Seligkeit, wieder allein zu sein. Die Lage der Stadt ist schön, der
Anblick des Sees höchst erfreulich. Ich habe mir die Bilder wohl
eingedrückt. Der Weg ging erst hinab, dann in einem frohen, an beiden

Book of the day: