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Isabella von Ägypten

Part 2 out of 2

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angekommen sei und die Stellen im neuen Fähnlein wahrscheinlich in diesen
Tagen vergebe:

"Ach, lieber Herr Doktor", rief er in seiner militärischen Begeisterung,
"wenn ich so wegstürbe, hätte mich die Welt nie in dem Glanze und der
Herrlichkeit gekannt, wozu meine Abstammung und mein Mut mich berechtigen;
oft kommt es mir vor, als wenn böse Zauberer der wahren Verwandlung meines
Lebens entgegenstreben."

Der Erzherzog hörte ihn geduldig an und konnte sich das alles wiederum
nicht mit der fremden Prinzessin reimen, es sei denn, daß er ein von der
alten Fee verzauberter Prinz sei, wie damals die Geschichten in spanischen
Romanen häufig umliefen. Dieser Gedanke, zusammengehalten mit der
Erscheinung im Landhause, setzte ihn in ein gewisses Staunen, was ihn
leicht hätte verraten können, wenn der Kleine nicht allzu berauscht
gewesen wäre und seine ahndenden Augen hätte brauchen dürfen. Endlich
faßte doch der Erzherzog einen Entschluß, sagte ihm, das Mittel der
gnädigen Frau sei wohlerdacht, er müsse sich jetzt ganz mit Decken
überspannen und einwickeln lassen, um in einer recht gewaltsamen Dünstung
den Kern des Übels auszutreiben. Vergebens seufzte der Kleine, er
erschrecke vor sich selbst, als wenn er einen glühenden Ofen anfasse;
Braka warf ihm mit beredter Zunge eine Decke nach der andern über, band
sie zusammen und entfernte sich mit dem treuen Bärnhäuter unter dem
Vorwande, als ob sie dem Kleinen etwas zu seiner Erfrischung schaffen
wolle. Der Erzherzog war jetzt wieder mit Bella allein, doch mußten sie
aus Rücksicht gegen den eingepackten Kranken jedes laute Wort vermeiden;
auch war Bella noch sehr beschämt, als der Erzherzog sich auf ein Knie
niederließ und zu ihr sprach: "In welchem schönen Bekenntnisse sind Sie
gestört worden, Angebetete, ich ahnde, Sie sind eines edlen Fürsten
Tochter, ich ahnde alles, was Sie mir zu sagen haben, aber ich wünschte
die Gewißheit aus Ihrem Munde, die Gewißheit Ihrer Liebe, die allen Glanz
Ihres Standes aufgegeben hat, um dem verhaßten Zwange der Politik zu
entgehen. Nichts soll uns scheiden, ich kenne meine Niederländer, sie
kennen ihre Freiheiten und werden auch meine Freiheit schützen, und selbst
wenn die Gewalt über uns siegte, trägt uns das Meer zu einer neuentdeckten
reicheren Welt!"

Wer könnte es Bella verdenken, die von aller Politik Europas nichts wußte,
als daß der Fürst ihr Vater in derselben nicht geachtet, sondern verfolgt
worden, daß sie bestimmt glaubte, der Erzherzog habe ihre Abstammung
erfahren und erwähle sie zu seiner Gattin. Sie stand mit gerührtem Blicke
vor ihm, blickte auf und nieder und sprach dann gebrochen: sie habe sich
nur einmal verstellen können und nimmermehr wieder, sie leugne nicht ihre
Abkunft, sie leugne nicht ihre Zärtlichkeit, die er schon früher in ihrem
heimlichen Aufenthalte in ihr erweckt, die sein Anblick ihr bestätigt habe.

Sie senkte ihr holdes Angesicht, der Erzherzog wollte eben den Rand ihrer
Lippen berühren, als der Kleine unter den Decken Bewegungen machte,
entsetzlich über den Magen klagte und zuschwor, er müßte ersticken, ehe er
kuriert sei. Der glücklich Liebende duldet keinen Leidenden, der
Erzherzog sprang hinzu und öffnete das Gebinde, es dampfte, als wenn man
die Serviette öffnet, worin ein Pudding gekocht worden; der Erzherzog sah
ihn an, schob das Pflaster leicht von dem triefenden Gesichte und
versicherte, er sei schon kuriert; er eile jetzt, um ihm noch ein paar
stärkende Mittel zu senden, er möchte sich inzwischen ruhig halten.

So eilte er fort, und der Kleine, dem allmählich der Rausch verflogen, der
wieder um sich sehen konnte, lag auf dem Bette mit dem seligen Gefühle
eines vom Tode Erretteten, der sein Leben sehr lieb hat; er nahm Bellas
Hand, drückte sie und sprach, daß ihm der Gedanke des Todes darum lästig
gewesen sei, weil er sie hätte verlassen müssen. Er schien so sanft und
zärtlich, daß Bellas alte, gleichsam mütterliche Zuneigung zu ihm nicht
erlaubte, ihn zum Vertrauten ihrer neuen Liebe und ihres neuen Glücks zu
machen. Er küßte sie, wie er gewohnt war, und der Erzherzog, der wieder
an seiner Türwarte, an dem künstlich gebohrten Loche, lauerte, ergrimmte,
weil er sich von neuem verraten glaubte, doppelt verraten, weil er in
seiner Leichtgläubigkeit gegen Bella unverzeihlich kindisch und gutmütig
sich erschien. Der Kleine versuchte sich jetzt auf seinen Beinen, und er
konnte wieder gehen und stehen, ordnete seine Kleider und sagte Bella, sie
möchte jetzt recht artig sein, er werde den Erzherzog zu ihr führen, und
wenn dieser in recht heitrer Stimmung schiene, sollte sie um die
Hauptmannsstelle für ihn anhalten, sie möchte aber recht schmeicheln, das
Glück seines Lebens hänge daran; auch wolle er sie dann sicher heiraten.
Sie schwieg verlegen. Er vergaß über seine kriegerischen Aussichten so
ganz alle Krankheitsfurcht und alles Übelbefinden vom Trunk, daß er wie
vor tausend Mann in dem Zimmer auf- und niederstolzierte und Braka zur Tür
hinaustrieb, als diese mit ihrem heißen Wasser ihm in die Quere kam. So
sind die meisten kleinen Leute, das Herz ist ihnen so nahe am Kopf, daß es
in den Kopf überkocht oder überdampft.

Unser Wurzelmännlein konnte sich nicht mehr halten, er bürstete sich bald
rechts, bald links; gleich wollte er dem Erzherzoge seine Aufwartung
machen und fiel diesem, der in einem Anfalle der heftigsten Eifersucht Tag
und Stunde verfluchte, ins Zimmer. Kaum hatte er sein Anliegen
vorgebracht, so überhäufte ihn der Erzherzog mit Schimpfreden, nannte ihn
einen lächerlichen, kleinen Wurzelburzius, einen Dukatenmacher, ein
Alraunchen, daß der Kleine in die größte Verwunderung geriet, wie er diese
seine Entstehung erfahren habe, und sich eilig davon machte, indem er
verlegen ausrief: "Gnädiger Herr, woher wissen Sie das?"

Als er zurückgekommen, sagte er nichts von diesem Empfange, nur sah es ihm
Braka an seinem ganzen Wesen an, daß er gedemütigt worden. Er sprach nur,
daß er den Erzherzog nicht getroffen, daß er sich bald fort von dem Orte
wünsche, wo ihm in jetziger Pestzeit jeden Augenblick eine neue Gefahr
drohe; zugleich erkundigte er sich, ob der Arzt nichts gesendet. Braka,
um ihren Aufenthalt zu sichern, ging selbst über die Straße in den Laden
eines reisenden jüdischen Doktors, kaufte die stärksten Tropfen, welche
manchen Sterbenden schon belebt hatten, und brachte sie dem Kleinen als
etwas, das der belobte Arzt im Hause abgegeben. Kaum hatte der Kleine
diese Höllentropfen eingenommen, so kam ihm der alte Mut wieder zurück.
Er hätte rasend werden mögen, daß er dem Erzherzoge nicht derb geantwortet
hatte; ihm fiel so viel Beißendes ein, daß er, bloß um es ihm oder einem
seines Gefolges aufzuhängen, sich leicht bereden ließ, den Tag noch im
Orte zuzubringen.

Es war jetzt die Zeit des höchsten Tumultes herangerückt. Die Rennen auf
umgesattelten Pferden, wo der Reiter einer Gans, um sie zu gewinnen, den
Faden, der sie an einem Seile aufgehängt hält, mit der Schere abschneiden
muß, hatten angefangen; das Wiehern der Pferde, das Lachen der Menge über
die getäuschte Zuversicht, die sich im Sande erniedrigt fand, rief alles
herbei; auch unser Wurzelmännlein führte seine Damen zu diesem Schauspiele.
Kaum war er dort, so verlor er aus Eifer die beiden Frauen fast ganz
aus dem Gesicht, so daß Braka ihre Pflegetochter etwas überhören konnte.
Bella erzählte ihr, daß der Erzherzog sie heiraten wolle; Braka sagte, das
hätte seine schlimme Seite, sie könnte darüber ins Zuchthaus kommen, aber
sie möchte ihm nur dreist und ohne Umschweife zu verstehen geben, daß sie
ein Kind von ihm haben möchte, daß dies ihres Volkes Glück sei, so würde
sich alles von selbst ohne weitere Einsegnung finden. Bella versprach,
nach ihrer Vorschrift ihm alles zu sagen, wenn die Gelegenheit käme.
Diese wurde aber durch den Zorn des Erzherzogs auf eine wunderliche Art
herbeigeführt. Er hatte seine rasende Eifersucht ohne alle Zögerung
seinem Freunde Cenrio verraten, dem sogleich ein trefflicher Einfall
gekommen war. Er hatte bei einem Guckkasten einen gelehrten Juden aus
Polen wiedergefunden, der ihm schon früher durch seine Kunst, Golems zu
machen, manche Ergötzlichkeit verschafft hatte. Diese Golems sind Figuren
aus Ton nach dem Ebenbilde eines Menschen abgedruckt, über welche das
geheimnisreiche und wunderkräftige Schemhamphoras gesprochen worden, auf
dessen Stirn das Wort Aemaeth, Wahrheit, geschrieben, wodurch sie lebendig
werden und zu allen Geschäften zu gebrauchen wären, wenn sie nicht so
schnell wüchsen, daß sie bald stärker als ihre Schöpfer sind. Solange man
aber ihre Stirn erreichen kann, ist es leicht, sie zu töten, es braucht
nur das Ae vor der Stirne ausgestrichen zu werden, so bleibt bloß das
letztere Maeth stehen, welches Tod bezeichnet, und im Augenblicke fallen
sie wie eine trockene Tonerde zusammen.

Der alte Jude wurde herbeigeholt, der Erzherzog verlangte ein solches Bild
der schönen Bella und er wolle ihn fürstlich lohnen. Der Jude warnte ihn,
er möchte sich mit solchem Bilde nicht abgeben, in seinem Vaterlande sei
manches Unglück damit geschehen: einem Vetter sei der Golem, den er zu
häuslichen Diensten gebraucht, so hoch gewachsen, daß er ihm nicht mehr an
die Stirn habe langen können, um das Ae auszulöschen; da habe er befohlen,
er sollte ihm die Stiefeln ausziehen, und während sich der Golem danach
gebückt, habe er ihm listig das Ae von der Stirne gewischt, aber die ganze
Last der Erde sei auf den armen Vetter gefallen, und er sei davon erdrückt
worden. Der Erzherzog schwor, daß ein solcher Unfall dem nicht schade,
dem er ihn bereiten solle, doch eine neue Schwierigkeit sei zu überwinden,
wie das Bild der schönen Bella ähnlich zu machen sei. Der Jude verlangte,
sie nur einmal in seinen Kunstspiegel einsehen zu lassen, so bleibe ihr
Bild darin festgemalt. Der Kunstspiegel steckte in einem Guckkasten, und
die ganze Kunst war, Bella zu demselben hinzulocken. Cenrio, der den
Wurzelmann kannte, übernahm diese Besorgung, ihn und seine Schöne zu dem
Guckkasten zu führen, während der Erzherzog verkleidet hinter dem
Guckkasten versteckt war; alle eilten an ihren Posten. Cenrio traf den
Kleinen noch bei dem Pferderennen; er sagte ihm heimlich ins Ohr, er solle
sich den Zorn des Prinzen nicht zu Herzen nehmen, ein geheimer Feind von
ihm habe dem Prinzen eine verhaßte Erzählung von seinem Betragen gegen die
Schauspieler gemacht; doch sei dieser Eindruck noch zu überwinden, wenn er
behaupte, daß er einmal von einem tollen Hunde gebissen sei. Der Kleine
wurde froh und nötigte ihn, bei der Gesellschaft zu bleiben, indem er ihm
seine Braut vorstellte. Cenrio sagte ihr manches Artige und bat sie, doch
ja einem Guckkasten nicht vorbeizugehen, der eine Welt im Kleinen, alle
Städte, Völker in bunten Bildern zeigte. Sie gingen dahin, Bella sah
zuerst hinein, ungeachtet der neugierige Kleine nur mit Mißgunst diese
Artigkeit erlaubt hatte; sie war überrascht von aller Herrlichkeit und
hätte gern die ganze Vorstellungsreihe noch einmal übersehen, wenn nicht
des Kleinen Ungeduld sie von dem Glase zurückgerissen hätte. Er war ganz
außer sich über alles, was er erblickte: in jeder Stadt dachte er sich als
Fürst; sah er fremde Soldaten, so prüfte er sich, wie er als Heerführer in
der Tracht sich ausnehmen würde.

In dieser Zeit hatte sich der Erzherzog leise in ein Gespräch mit Bella
eingelassen. Er warf ihr die schändliche Falschheit vor, mit der sie ihm
Liebe geheuchelt, um dem kleinen Bräutigam eine Hauptmannsstelle zu
verschaffen. Bella brach in Tränen aus und schwor ihm, es sei alles
anders, ihre Liebe zu ihm sei ungeheuchelt, ja, es sei ihr edelster Wunsch,
von ihm ein Kind zu haben, das ihrem Volke Glanz und Freiheit gebe.
Diese Freimütigkeit setzte den Erzherzog in einige Verlegenheit (sie war
tiefinnerlich unschuldig, er aber war nur unschuldig aus Stolz); er schwor
stammelnd, daß er alles Mögliche tun wolle, ihren Wunsch zu erfüllen, der
auch seinem politischen Verhältnisse angemessen sei.

Unter solchen Versicherungen führte er sie, ohne daß es der Kleine merkte,
während Braka ihnen Zeichen zum Abzuge gab, ungestört von dannen.

Der Kleine hatte diese Welt im kleinen schon zweimal angesehen, und sie
gefiel ihm viel besser als die wirkliche, während der Jude unter allerlei
Gesprächen mit Cenrio das Ebenbild der feldflüchtigen Bella bearbeitete.
Cenrio bat den Juden, ihm doch nur eine Möglichkeit anzugeben, wie solch
ein Bild belebt werden könne.

Der Jude sprach: "Herr, warum hat Gott die Menschen erschaffen, als alles
übrige fertig war? Offenbar, weil das in ihrer Natur lag, als diese von
Gott sich losgedacht hatte. Liegt das in ihrer Natur, so bleibt's auch in
ihrer Natur, und der Mensch, der ein Ebenbild Gottes ist, kann etwas
Ähnliches hervorbringen, wenn er nur die rechten Worte weiß, die Gott
dabei gebraucht hat. Wenn es noch ein Paradies gäbe, so könnten wir so
viel Menschen machen, als Erdenklöße darin liegen; da wir aber
ausgetrieben aus dem Paradies, so werden unsre Menschen um so viel
schlechter, als dieses Landes Leimen sich zum Leimen des Paradieses
verhält!

Als er das gesprochen, hatte der alte Jude sein Werk beendigt, er hauchte
die Bildsäule an, schrieb das Wort auf ihre Stirn, das sich unter
Haarlocken versteckte, und eine zweite Bella stand vor beiden, die alles
durch jenen Spiegel wußte, was Bella bis dahin erfahren, die aber nichts
Eignes wollte, als was in des jüdischen Schöpfers Gedanken gelegen,
nämlich Hochmut, Wollust und Geiz, drei plumpe Verkörperungen geistiger,
herrlicher Richtungen, wie alle Laster; daß diese hier ohne die geistige
Richtung in ihr sich zeigten, das unterschied sie selbst vom Juden,
überhaupt aber von allen Menschen, die sie übrigens so wunderbar täuschen
konnte, wie jenes alte Bild von Früchten alle Vögel, daß sie an die
Leinewand flogen und davon zu naschen suchten. So naschten auch Cenrio
und der alte Jude an dem Bilde, jeder gab ihr einen Kuß, ehe sie dieselbe
an den Arm des Kleinen hingen, der endlich sich satt gesehen hatte und mit
seiner Bella durch die übrige Lust des Abendgewühls, wo jetzt schon
manches Messer unter den trunkenen Bauern gezogen wurde, sich nach Hause
zurückzog. Braka war des Austausches der beiden Gestalten so wenig inne
geworden wie der Kleine. Sie speisten alle drei in einer gewissen
Stummheit miteinander, die nach den geräuschvollen Abwechselungen eines so
wunderlichen Tages sehr natürlich war. Als sie abgesessen hatten, kam der
Bärnhäuter mit einem halbzerkratzten Gesicht ins Zimmer und sprach: "So
hat mich das verfluchte Weib, die Frau Nietken, zugerichtet, die in ihrer
Trunkenheit ein Auge auf mich geworfen hatte und mich nicht loslassen
wollte, da ich doch so dringende Neuigkeiten mitzuteilen habe. Sie hat
mir verraten, daß der Erzherzog einen Anschlag auf unser Fräulein vorhaben
müsse, weil er sich so heftig nach ihr erkundigt habe."

Golem Bella, die nur bis zu dem Punkte etwas von der wirklichen Bella
wußte, wo sie in den Spiegel gesehen, rief ganz laut: "Wie lieb ist mir
das, da werde ich ein Kind bekommen, das mein Volk frei machen wird!"

Braka erschrak über diese laute Vertraulichkeit, und der Kleine sprang wie
ein Rasender auf: "Also, du weißt davon, Bella, liebst ihn?"

"Freilich", antwortete Golem Bella.

Der Kleine riß sich die Hirsenhaare aus und erstickte fast in gekränkter
Eitelkeit, endlich brach sein Jammer, nach der Vorschrift seines
rhetorischen Lehrers bearbeitet, in folgenden Worten aus: "Warum hast du
mich zum Menschenleben aus dem sichern Schoße meiner Vorwelt durch
höllische Künste herausgerissen? Ohne Falsch bestrahlten mich Sonne und
Mond; ruhig sinnend stand ich da am Tage und faltete abends meine Blätter
zum Gebete; ich sah nichts Böses, denn ich hatte keine Augen, ich hörte
nichts Böses, denn ich hatte keine Ohren, aber die Anlage zu allem, die
ich in mir fühlte, machte mich so sicher und reich. Meine Augen werde ich
mir ausweinen und werde sie vermissen, mein Leben werde ich aufgeben und
werde es ewig suchen, aber dieses Suchen soll deine Qual sein; wenn du
mich fern von dir glaubst, werde ich bei dir sein. Du kannst mich nicht
zerstören, wie du mich leichtsinnig spielend geschaffen hast; ich bleibe
bei dir, werde die Wünsche deiner Habsucht nach Geld befriedigen, werde
dir Schätze bringen, soviel du verlangst, aber es wird dein Verderben sein.
Du wirst mich von dir werfen, mich vernichten wollen, aber doch bleibe
ich bei dir, dir bin ich gebannt, bis eine andre mit noch größerem Verrat,
als du gegen mich verübt, mich an sich kauft. Wehe allen kommenden
Geschlechtern! Du brachtest mich zur Teufelei in die Welt, von der ich
mich bis zum jüngsten Tage nicht frei machen kann!"

Golem Bella sprach ihm ganz in der Gesinnung der echten Bella von ihrer
Zärtlichkeit vor, die sie trotz aller Liebe zum Erzherzoge für ihn hegte.
Der Kleine sah sie verwundert an und sprach: "Du könntest mich wieder
belügen, Bella; wer weiß, was diese Nacht mit dem Erzherzog verabredet ist.
Gib mir ein Zeichen der Aufrichtigkeit. Der Mond scheint helle, wir
fahren in der herrlichsten Kühlung bis zum nächsten Morgen nach einem
Dorfe, wo wir in aller Stille getraut werden können, so kehren wir
verbunden nach Gent zurück, um es bald auf immer zu verlassen, daß der
glattzüngige Erzherzog uns nicht mehr versuchen kann. Wir reisen nach
Paris, und ich erbiete meinen kriegerischen Mut dem Könige von Frankreich,
der tapfere Männer, wenn sie auch klein von Gestalt sind, doch zu schätzen
weiß."

Golem Bella schwieg still, sie hatte keinen Willen und keine Redensart auf
diesen Fall. Der Kleine legte sich das zu seinen Gunsten aus, und als
Braka noch etwas dazwischen reden wollte, zog er seinen Degen und schwor,
ihn mit ihrem Blute zu färben, wenn sie sich seinem Glücke widersetzte.
Braka schüttelte sich vor Schrecken; sie konnte keinen Bissen essen. Der
Kleine befahl dem Bärnhäuter, zusammenzupacken und einen Fuhrmann, es
koste was es wolle, anzuschaffen, der sie nach dem nächsten Pfarrdorfe
führe, da in Buik, wegen der Nachtmessen, wohl kein Pfarrer zu einer
Trauung bereit sein möchte. Der Bärnhäuter betrieb alles, aus Furcht vor
der trunkenen Wirtin, mit dem größten Eifer und mit der lobenswertesten
Verschwiegenheit. Der Wagen stand vor der Türe, alle saßen darin, ehe
Frau Nietken etwas merkte. Ihrem widersinnigen Geschrei zu entgehen,
wurde ihr das Dreifache, was sie fordern konnte, zugeworfen; und die
sonderbare Gesellschaft, eine alte Hexe, ein Toter, der sich lebendig
stellen mußte, eine Schöne aus Tonerde und ein junger Mann, aus einer
Wurzel geschnitten, saßen in feierlicher Eintracht, hegten große Gedanken
vom Glück des Lebens, das sie eben zu begründen fuhren, von Schätzen,
Heldentaten und Biergeldern, auf die der Bärnhäuter bei dieser
Festlichkeit ungemein rechnete. Wie vergebens quält uns das Verhältnis zu
manchen Menschen; könnten wir uns einbilden, er sei ein Toter, eine
Erdscholle, eine Wurzel, unser Kummer und unser Zorn müßte verschwinden,
wie aller Gram über unsre Zeit, wenn wir nur endlich gewiß wüßten, daß wir
bloß träumten.

Wenn es sich in stürmender Nacht zuweilen in Blumenbeeten ereignet, daß
ein paar getrennte Blumenkelche zusammengebeugt werden und sich nicht
erkennen, bis der Mond wieder hervortritt, so ist die Freude stumm, die
Grillen singen aber davon die lange Nacht bis zum Morgen, wo die Vögel sie
ablösen. Der Erzherzog wollte sich rächen wegen des Verrats an seiner
Liebe, das machte ihn gegen jede Sorglichkeit Bellas taub, die nicht wußte,
was mit ihr vorgehe, als er sie heimlich auf sein Zimmer in sein Bette
gebracht. Beide waren eingeschlafen, als der Gesang: De profundis
clamavi ad te, Domine: Domine, exaudi vocem meam in der Kirche, die nicht
fern lag, sie erweckte: ein Gesang, in den die Haufen auf den Straßen, die
darin nicht mehr Platz finden konnten, einstimmten. Es war eine helle
Sommernacht, und beide eilten ans Fenster. Bella erwachte erst jetzt aus
ihrem Taumel: "Heiliger Gott, ist es schon so tief in der Nacht, wie soll
ich in mein Bette kommen, wo bin ich, was ist mir geschehen, was soll aus
mir werden?"

Der Erzherzog hatte sie zu lieb gewonnen, seine Freude war ihm zu neu, um
sie durch eine Erinnerung an ihre Falschheit zu kränken: "Du sollst nun
auf immer bei mir bleiben, wir verlassen uns nicht, wie Leib und Seele!"

"Ist es wahr?" fragte Bella treuherzig, "da bin ich sehr glücklich!"

Der Erzherzog verwunderte sich: "Aber deine Heirat mit Cornelius, willst
du die aufgeben?"

"Bin ich nicht dein?" fragte sie, "soll ich nicht ein Kind von dir haben,
das mein Volk zur Heimat führt?"

"Welchem Volke gehörst du, liebes Mädchen?" fragte der Erzherzog,
"betrüge mich nicht; fürstlich muß ich dich nennen, aber ich möchte wissen,
ob das Schicksal dir gerecht war und dich einem Fürstenstamme
einsegnete?"

"Mein Vater war Fürst Michael von Ägypten", sagte Bella gerührt, "ich bin
der letzte Zweig des alten Geschlechtes, das sich bei allen Umwälzungen
oft siegreich, oft fliehend, doch in steter Unabhängigkeit erhalten hat,
so sagte der Vater. Ich bin das letzte Kind aus meinem Stamme; mein Vater
starb in den Verfolgungen, die über unser Volk ausbrachen; eine alte
Wahrsagung bestimmt, daß ein Kind von mir und einem Weltbeherrscher die
letzten Unglücksscharen unserer verfolgten Untertanen zum segensreichen
Nil würde führen."

"Ich traue deinen Worten ganz", sprach Karl, "doch sage an, wie war es
möglich, da dich so großer Sinn trug, dich gegen mich mit deinem kleinen
Freunde zu verbinden? Wie konntest du dich mir hingeben wollen, ihm eine
Anstellung zu schaffen? Nun ich dich hier so schön und heilig sehe vor
mir stehen in dem Mondenscheine, da möcht' ich meine Ohren Lügen strafen;
doch hörte ich es, als ich nach deiner Schönheit durch die Türe lauschte,
und wollte im Genuß mich an dir rächen; doch hat mich diese Lust bezwungen,
und ich bekenne dir jetzt meine Wut!"

Bella verstand ihn nicht, er schien ihr lauter Güte. Sie lachte seines
Argwohns und erzählte ihm so natürlich alles, wie sie durch Braka zu einer
Nachgiebigkeit gegen die wunderlichen Launen des Kleinen beredet worden
sei; zugleich vertraute sie ihm unter dem Versprechen der Verschwiegenheit
dessen geheimnisvolle Entstehung. Der Erzherzog, aus der gewohnten
folgerechten Natürlichkeit in alle Wunder der Lust und der geheimen Kräfte
in einer Nacht hineingerissen, versank in ein tiefes, ernstes Nachdenken;
er stand innerlich, wie ein Stern hinaufgerissen, über der Welt, mit der
er bis dahin fortvegetiert hatte; was er künftig täte und spräche, alles
schien ihm bedeutsam. Er hatte ein reiches Geheimnis, das er sich
bewahren wollte und dessen er selbst seinen Cenrio nicht würdig achtete:
wie er seine Liebe fortführen sollte, beschäftigte ihn mit stillem Ernste.

"Bist du nicht glücklich wie ich?" fragte Bella -, "alles ist mir so
merkwürdig, und wie alles hat so kommen müssen. Denn wie ich mit dir
gegangen, ahndete ich von allem dem nichts; und sieh, wie die Spinnweben
am Baum im Mondschein sichtbar glänzen, während ich das Tauwerk des
Schiffes dort im Dunkel nicht unterscheiden kann: so fühle ich höhere Wege
und ahnde doch nichts, was mir in den nächsten Tagen bevorsteht. Der
Kleine ist böse, merkt er, daß ich mich ganz zu dir wandte, von ihm kommt
unser Reichtum, er wird uns alles versagen, kannst du mich dann ernähren?"

Der Erzherzog ließ eine Träne fallen: "Ach, liebes Kind, durch die Härte
meiner Eltern bin ich sehr beschränkt; für die törichte Lust an Pferden
habe ich mich tief verschuldet, meine Lehrer dürfen mir gar kein Geld mehr
einhändigen, sondern sie bezahlen, was ich brauche. Aber für dich schaffe
ich Geld, und sollte ich mein künftiges Reich verpfänden."

Bella küßte ihm die Augen und schwor, es sei nur ein Nachsprechen von
ihrer Tante gewesen, wenn sie über ihre Zukunft sich so bedenklich
gestellt hätte; wenn sie aus ihrem Herzen spreche, so sei ihr die Art
Staat, die sie in Gent um sich gesehen, lästig, ihr Anzug quäle sie, und
jede Stunde sei zu allerlei Beschäftigungen, die ihr verhaßt wären,
abgemessen. "Was soll ich Spanisch und Latein sprechen? Was bedarf ich's,
Amo, ich liebe, Amas, du liebest, zu lernen? Ich weiß ja nichts andres,
als daß ich dich liebe und daß du mich liebest." Sie umarmten sich still
traulich, als Cenrios Stimme plötzlich an der Türe schallte; er sagte, daß
Adrian von dem Orte forteile, weil er ein wunderbares Sternzeichen
entdeckt. Gleich darauf hörte der Prinz Adrians heftiges Husten, trieb
Bella in das Seitenzimmer, wo der Kleine krank darnieder gelegen hatte,
und eilte den eigensinnigen Adrian zu besänftigen. Dieser war aber außer
Fassung; er schwor, daß diese Nacht den wunderbarsten Sohn der Venus und
des Mars gezeugt habe, er müsse zu seinen Büchern, um die Beobachtungen
weiter zu vergleichen; er meinte im Erzherzoge gleiches Interesse für die
Beobachtung und hörte dessen Einwürfe kaum. Er war ein echter Hofmeister,
der in seinem Schüler seine Gedanken voraussetzte und durch ihn seine
Zwecke verfolgte. Der Prinz war aber seiner Willkür ganz überlassen und
mußte endlich folgsam sich anziehen, um mit ihm nach Gent zurückzukehren.
Gern hätte er seiner lieben Bella noch ein Lebewohl ins Seitenzimmer
gerufen; doch fürchtete er dadurch ihre Verbindung den Ihren zu verraten,
da er so wenig von dem Schicksale der Golem Bella wie von der Abreise
seiner Nachbarn in der Eile durch Cenrio unterrichtet werden konnte.
Sorgen machte er sich am wenigsten heute, wo sein Herz in den ersten
Freuden der Liebe schwebte und nachschwelgte. Die ganze Welt war ihm
aufgegangen, er dachte weder an Pferde noch an Jagdhunde, zum erstenmal
war ihm die zärtliche Saite seines Herzens angeklungen, die noch im späten
Alter im Lager bei Regensburg bei den Tönen einer schönen Harfenspielerin
nachklang, als Krankheit und Sorge um seine Lieblingswünsche ihn schon von
der Welt loslösten. Vielleicht wäre aus ihm nie der Unermüdliche, der
nach allem griff, alles zu verbinden strebte, geworden, wenn ihn nicht das
Geschick so rasch aus diesem Verhältnisse, das seine ganze Seele
befriedigen konnte, herausgerissen hätte.

Nachdem das Geräusch seiner Abreise vorübergegangen, währenddessen Bella
kaum durch die Scheiben ihm trübe nachzublicken wagte, als das Schiff im
Dunkel anfing zu schwanken, die weißen Segel sich ausbreiteten und die
Ruderer endlich das Wasser anregten: Ach, dachte sie, die mächtige Gewalt
des Tauwerks, das sich vorher unserm Blicke verbarg, tritt so schnell
hervor, uns zu trennen, wird es auch eine unsichtbare Gewalt geben, die
uns wieder verbindet?

Als sie sich in den Gedanken an ihn recht ersättigt und gestärkt hatte,
öffnete sie leise das Nebenzimmer, wo sie mit Braka schlafen sollte, war
aber verwundert, die Fenster offen, die Betten geschlossen und den
Reisekoffer nicht mehr an Ort und Stelle zu sehen. Sie nahte sich dem
Bette der Alten, rief sachte, endlich lauter; aber alles blieb still, und
sie sah jetzt im Mondenscheine, daß keine Spur ihrer Anwesenheit mehr zu
sehen als schmutziges Wasser im Becken und einige nasse Handtücher, über
die Stühle gehängt. Bella konnte sich das alles nicht erklären; aber sie
hatte auch kein Schrecken darüber. Sie ging endlich in das dritte Zimmer,
das Cornelius bewohnen sollte, schüchtern und leise, fand aber auch hier
niemand. Erst jetzt machte sie ihre Verlassenheit ängstlich, sie kannte
niemand im Hause als die widrige Frau Nietken; doch lieber wollte sie
heimlich entlaufen, ehe sie ihre Zuflucht zu der genommen hätte.

Aber Zufall führte sie ihr entgegen. Es wollten sich ein paar alte
Edelleute bei Wein und Spiel mit Mädchen erlustigen, und sie hatte keine
andre Zimmer frei als diese von der Brakaschen Familie und von dem
Erzherzoge verlassenen. Sie kam mit einem Licht, alles darin aufzuräumen,
und erschrak wie vor einem Gespenste, als sie Bella vor sich erblickte.

"Was ist Euch, Frau Nietken, wo ist meine Mutter?"

"Ei, Jesus Maria", seufzte die Alte, "da muß ich doch gleich was auf
meinen Schreck nehmen; haben Sie was vergessen gehabt, liebes Fräulein?
ei, ei, das muß Sie so lange aufhalten! wie weit waren Sie denn schon?
bei mir wär's so sicher aufgehoben, und wenn's ein Scheffel mit Gold
gewesen." Bella konnte sich diese Reden nicht erklären; sie fragte nach
ihrer Mutter, wohin sie gefahren, und kam dabei in Verlegenheit, wie sie
es ihr erklären solle, daß sie nichts davon wisse. Dadurch ward Frau
Nietken, die sich sogleich der Ausfragerei des Erzherzogs erinnerte, klug
genug, irgendein geheimes Einverständnis mit diesem anzunehmen, und da sie
von diesem oder vielmehr von Adrian, der die Kasse führte, schlecht
bezahlt worden, so suchte sie sich durch diese Entdeckung schadlos zu
halten. "Ei", schloß sie ihre Rede mit einem wunderlich ernsthaften
Gesichte, "das hätte ich von einem gnädigen Fräulein mein Seelen nicht
gedacht, daß Sie sich so schlecht aufführen würden. Pfui Teufel, mein
guter Ruf leidet es nicht, die Jungfer Demut muß in die Wache; sie soll
ausgestäupt werden auf öffentlichem Markte zur Warnung!"

Bella zitterte in Scham und Ärger. Sie sah und hörte nichts mehr, so aus
dem Glücke in die entsetzlichste Hilflosigkeit und Verachtung gestoßen,
ohne irgendeine Welterfahrung; kaum konnte sie glauben, daß sie dieselbe
sei, so schauderte ihr vor ihrem Zustande. Nicht das Unglück, aber die
Schande, die ihr so unvermeidlich nahe schien, konnte die Sicherheit ihres
fürstlichen Gemütes vernichten; sie weinte und warf sich auf einen Stuhl.

Frau Nietken ließ diese Verzweiflung noch tiefer in ihre Seele fressen, um
sie zu dem Vorschlage, hier zu bleiben und ein paar alten guten Edelleuten
die Zeit zu vertreiben, vorzubereiten. Bella, als sie ihn erfuhr, ahndete
nichts Schlimmes, sie meinte allenfalls, daß sie ihnen aufwarten, den
Tisch decken solle, und entschloß sich gern dazu, um ungekränkt am andere
Tage zur alten Braka zurückzukommen. Aber alles, was sie an Unmut in sich
spürte, setzte sie heimlich in Reden um, die sie der alten Braka recht
scharf ans Herz legen wollte.

Frau Nietken war sehr vergnügt, sie so willig zu finden. Als die beiden
alten Herren hereintraten, sperrten sie beide über die wunderbare
Schönheit der Bella ihre Augen weit auf und entschuldigten sich, daß sie
in ihr Zimmer gekommen wären: wer konnte sich einbilden, in der Gewalt der
Frau Nietken eine so junge, blühende Schönheit zu treffen. Als aber
dieser Irrtum berichtiget war, indem Bella ihnen schüchtern sagte, daß sie
zu ihrer Aufwartung bestimmt wäre, so erwachte in dem raschen Liebesfeuer,
das Nasen und Wangen der beiden Alten durchglühte, eine Eifersucht, den
Besitz dieser seltenen Jugend einander nicht zu gönnen, dergestalt, daß
jeder seine Stirnfalten hinaufrückte und einer List nachsann, den andern
zu entfernen oder bei der Frau Nietken zu überbieten. Während sie nun aus
hohen Gläsern den Wein tranken und miteinander im Brett spielten, benutzte
es der eine nach dem andern, während jener am Zuge, mit Frau Nietken
heimlich ein Wort zu reden, die in seliger Erwartung, wie hoch sie die
arme Bella in dieser Versteigerung hinauftreiben werde, sehr viele
Schwierigkeiten in Hinsicht ihres Besitzes aufzuzählen wußte. Bella war
in ihres Stammes Natur zu klug, um die Gefahr nicht einzusehen, worin ihre
Liebe und ihre Freiheit schwebten; die alten Herren erlaubten sich schon
manche unbequeme Zudringlichkeit, und sie sann auf einen Anschlag, wie sie
dem Hause entkommen möchte. Aber was sie auch erfinden mochte, sie war zu
strenge belauscht, und niemand gestattete ihr unter irgendeinem Vorwande
das Zimmer zu verlassen. Die beiden Alten, je mehr sie tranken, wurden
immer heftiger, sie sprachen von ihren Kriegszügen und fingen an sich zu
streiten. Die Wirtin fürchtete, sie möchten zu den alten rostigen Degen
greifen und ihre Tassen und Gläser zerschlagen; sie war deswegen sehr
erfreut, als sie eine Musikantenbande, wie sie damals häufig auf den
Kirmessen der Niederlande anzutreffen waren, die vor dem Fenster mit
Küchenmörseln auf Rosten zum Gesange klapperten, in das Zimmer rufen
konnte. Das lustige Völkchen, unter großen Mänteln und Larven versteckt,
trat ins Zimmer, sah sich um und sang, wie sie die beiden alten Herren so
zärtlich gegen das junge Mädchen erblickten, vom Glück des Alters, das
noch lieben kann und geliebt wird:

Väterchen, sang Jugendmut
Aus der Lippen rotem Blut,
Mische Honig zu dem Wein,
Und er wird dir lieblich sein;
Zünde auch ein Feuer an,
Daß sich Amor wärmen kann:
Sieh, der lose kleine Bub
Kommt auf Stelzen in die Stub'.

Bella stellte sich bei diesen Worten, als ob sie den alten Herren den
guten Willen durch Zuvorkommen erwecken wollte, sie trat zu den Musikanten
und sagte, daß sie mit ihnen singen wollte, sie sänge recht hübsch, doch
müßten sie ihr Tracht und Larven leihen. Frau Nietken war seelenvergnügt,
daß sie sich so leicht in ihr Schicksal gegeben: "Herzchen, tanz", sagte
sie, "daß die Röcke übern Kopf fliegen, den Herren will ich ein Glas
Malaga einschenken."

Bella benutzte diese Zeit, einer Musikantenfrau jene kostbare
Demanthalskette, die Cornelius damals in dem Stiefel entdeckte und ihr
umhing, anzubieten, wenn sie unter ihrer Larve entfliehen könnte und jene
an ihrer Stelle zurückbleiben wollte. Das Weib war mit dem Gebot sehr
zufrieden, sollte es darüber auch Händel geben; die Musiker waren ihrer
sechse, die an Raufereien, wie andere Menschen ans Kämmen, gewöhnt waren,
und weil sie nichts als einige alte Lumpen zu verlieren hatten, nur immer
dabei gewinnen konnten. Die Umkleidung war hinter dem Schirme bald
vollendet, und Bella entwich, während ihre reiche Haube von Gold und ihre
Halskette an dem verlarvten Weibe den alten verliebten Toren herrlich
entgegenglänzte; das Weib tanzte, und ihre Sprünge schienen ihnen so
reizend, daß einer nach dem andern aufsprang und ihr um den Hals fiel.
Endlich entfiel ihr bei diesem abwechselnden Zugreifen die Larve, und die
alten Herren erschraken nicht wenig, ein fremdes, abgelebtes Gesicht zu
sehen, das sie mit rechter Bosheit verlachte. "Wo ist Bella, ihr
Spitzbuben?" schrie Frau Nietken, und statt der Antwort warf sie ein
derber Faustschlag des einen Musikanten darnieder. Die alten Herren
sprangen zu, aber mit ihnen wurden die rüstigen Kämpfer noch schneller
fertig; sie knebelten sie, nahmen ihnen die vollen Geldbeutel, mit denen
sie Frau Nietken bestechen wollten, aus den Händen, verschlossen die Türe
und flüchteten sich aus dem stillen Hause, wo alles von den Rasereien des
Tages im Frühmorgen darniederlag, in das Freie; sie hatten genug gewonnen,
um allen Untersuchungen aus dem Wege zu gehen.

Bella hatte sich unterdes mit einer Schnelligkeit auf den ihr
wohlbekannten Fußpfad nach Gent begeben, daß sie sich nach einer Stunde
ganz erschöpft hinter einen Dornstrauch versteckte, um ein wenig sich zu
erholen. Es zog allerlei betrunknes Volk vorüber, was auch von der Kirmes
kam, aber keiner bemerkte sie, nur die Hunde schnupperten und bellten sie
an; da aber der Dornstrauch als Grenze einer Feldmark sie versteckte und
auch mancherlei Knochen den gewöhnlichen Gebrauch dieses Ortes verrieten,
so gab lange Zeit niemand auf sie Achtung. Sie verfiel in einen tiefen
Schlaf, aus dem ihr das Bewußtsein erst am folgenden Abende wiederkam.
Nun konnte sie zwar in dem krampfhaften Zustande, der sich ihrer
bemächtigt hatte, selbst dann noch nicht ein Glied erheben oder die Augen
aufschlagen, doch hörte sie in einzelnen Momenten, was ringsumher auf dem
Wege gesprochen wurde. Sie hörte das Bellen eines Hundes, wie in dichter,
nebeldunkler Nacht der verirrte Schiffer davon überrascht wird, aus einem
unbemerkt angenäherten Schiffe; jetzt hörte sie auch Stimmen, und sie
merkte aus der Art, wie sie sprachen, daß es ein paar Flurschützen von den
beiden aneinanderstoßenden Dörfern wären. Der eine sprach: "Hör, Peter,
das tote Weib liegt auf deinem Grund und Boden."

"Soll es gelten", antwortete der, "und wir müssen sie auf unsere Kosten
begraben lassen, so leg ich hier einen großen Stein in die Erde, und das
Stück gehört unser, und die Grenze kommt jenseits."

"Den Teufel nein", sagte der andre, "du bist verflucht gerieben und bist
noch ein halbwachsener Bengel, ich hätt' sie euch gern aufgeladen, ja da
werden wohl beide Gemeinden die Leichenbestattung zusammen bezahlen müssen,
das macht viel Mühe und Kosten und gibt sicher noch Streit."

"Hör, Alter", sagte der andre, "ich hab ein Kunststückchen vom vorigen
alten Flurschützen, dem rothaarigen Benedikt, gelernt, der sagte immer:
wenn ich einen Toten finde, so seh' ich's ihm gleich an, er sieht so
grämlich aus, bei uns will er nicht gern begraben sein: ei nun, sein Wille
geschehe, ich mache ein Kreuz über die Schelde, werf ihn hinein, und wo er
ans Land treibt, da will er gern hin--aber, Bub, es muß niemand sehen."

"Hör, Peter, der Gedanke ist so dumm nicht; siehst du niemand, wir fassen
zusammen an und tragen sie ins Wasser."

Bella wollte rufen, aber sie vermochte auch nicht die kleinste
Lebensäußerung zu zeigen; schon griffen die beiden Leute sie an, als der
junge Flurschütz rief: "Halt, laß liegen, was führt der Teufel da für
einen struppigen Kerl vom Galgenberge herunter, laß uns nach den Wiesen
gehen, in zwei Stunden ist's dunkel, da sieht uns niemand." Bei diesen
Worten gingen sie miteinander die Grenze herunter, und Bella war von der
unsäglichen Angst in einen wunderlichen Traumzustand übergegangen, in
welchem sie den Vater mit herrlicher Krone auf der ägyptischen Pyramide,
die er ihr oft gezeichnet hatte, sitzen sah; seine Beine waren aber
aneinander gewachsen und seine Hände an den Leib gelegt, und sie fragte
ihn ganz ruhig: "Deine Hand kannst du mir wohl nicht mehr reichen wie
sonst?"

"Nein", sagte er, "sonst hätte ich dir eben beigestanden; sonst hätte ich
dich früher zurückgehalten, als du den Alraun gegraben: sei froh, du bist
frei von ihm! Du bist gesegnet, ein Kind zu tragen, das unser Volk heim
führt. Du aber wirst noch Trauer erleben, sei aber furchtlos wie ein
Nachttau, welcher der Sonne entgegengeht und sie anblickt, auf daß sie ihn
von hinnen nehme." Nachdem dies Traumgesicht ihr entschwunden, wachte
sie auf. Die Sonne war im Sinken, und sie konnte sich erheben und fühlte
nur Ermattung noch in allen Gliedern. Sie schlich langsam der Stadt zu
und ging mit einem Seufzer bei dem verlassenen Landhause vorüber, das ihre
Jugend geschützt hatte: es war ihr jetzt zu eng, zu klein, und sie eilte
nach dem Hause, wo sie vor drei Tagen mit wunderlichen Erwartungen
ausgefahren war. Zutraulich bewegte sie den Klopfer der Tür, es trat ihr
die bekannte Magd entgegen, sie fiel ihr um den Hals; diese aber trat
zurück und kannte sie nicht. Als sie sich nannte, schrie das Mädchen auf,
ließ den Blaker fallen und lief hinauf zur Herrschaft und schrie, daß sie
es hören konnte: "Jesus Maria, da ist noch eine Bella!"

Braka, Cornelius und seine junge Gemahlin, die Golem Bella, stürzten zum
Zimmer hinaus, die Ankommende zu beschauen. Wie läßt sich alles
gegenseitige Erstaunen malen? Braka wußte durchaus sich nicht zu fassen;
Golem war gleichgültig, als wäre sie ihrer Sache zu gewiß, um sich in
ihrer eignen Person zu irren. Bella weinte; von der Müdigkeit, vom Hunger
erschöpft, hatte sie kaum die Kraft aufzublicken. Cornelius, der sich auf
einmal im Besitze zweier Frauen sah und durchaus jetzt nicht begreifen
konnte, wozu er überhaupt eine genommen, sprang wie ein brennender Frosch,
so nennen es die Feuerwerker, zwischen allen herum, fluchte und schimpfte
und wußte eigentlich selbst nicht, was er sagen sollte. Die Magd und
Braka kamen zuerst darauf, unsere Bella möchte doch wohl die echte sein,
aber Cornelius widersprach heftig, weil ihm die geschmückte Golem besser
gefiel als Bella in den alten Lumpen der Dorfsängerin. Bella bat nur um
ein Nachtlager und Nahrung, weil sie erschöpft sei von Müdigkeit; wenn sie
am Morgen nicht mehr geduldet werden sollte, könnte sie leicht
weiterziehen. Aber auch dies wollte Golem nicht leiden, die, wie wir
wissen, außer den wenigen Gedanken, welche der Spiegel von Bella zu ihr
übergetragen und die ihr eine auswendig gelernte Form waren, ein echtes
Judenherz in ihrem Körper bewahrte und jetzt in der Furcht, die Fremde
könnte sie verdrängen oder Geld kosten, schrie: daß, wenn sie nicht
freiwillig gleich das Haus verließe, wenn sie ihre trügliche Ähnlichkeit
mißbrauchen wollte, ihres Mannes Liebe zu teilen, so würde sie ihr das
falsche, lügenhafte Antlitz mit den Nägeln zerreißen. "Du, Mann", rief
sie und wendete sich drohend gegen ihn, "daß du noch so dastehst und ihr
nicht schon längst das Genick gebrochen, das beweist mir deine
Schlechtigkeit, du hast dich auch mit ihr abgegeben, und ich will euch
dafür die Köpfe zusammenstoßen, daß euch das Küssen auf ewig vergehen soll,
ihr Ehebrecher!"

Cornelius fürchtete sich gewaltig vor ihrer Stärke; er stellte sich darum
grimmiger, als er es eigentlich meinte, erhob sein Stöckchen und rief:
"Erbärmliches Fräulein, ich will dich strafen."

Braka mußte über sein närrisches Hahnreigesicht fast lachen, wie er sich
so grimmig anstellte; aber Bella schlich einsam hinunter, Cornelius hieb
auf das Geländer, trat zurück und sagte: "Der habe ich ein paar aufgezogen,
daran soll sie ihr Lebtag gedenken." Golem küßte ihn dafür und nannte
ihn ihren lieben Mann, und er ahndete nicht, daß er die herrliche Bella
für eine Lehmpuppe verworfen, denn leider hatte ihm Golem Bella in der
Nacht der Hochzeit die beiden ahndenden Augen, die er noch immer im Nacken
bewahrt hatte, unwissend, weil sie da keine Augen vermutete, eingedrückt.
Solch Unglück ist leicht bei außerordentlichen Eigenschaften; ich
erinnere mich eines außerordentlich begeisterten Redners, der diese
Eigenschaft ganz verloren, seit die Zuhörer, um einen Versuch mit ihm zu
machen, ihn einmal während dieser Begeisterung mit kaltem Wasser
übergossen. Bella war jetzt entschlossen, beim Erzherzoge eine Zuflucht
zu suchen; sie kannte sein Schloß, das über die andern Häuser hervorragte,
aus der Ferne, und so heftig ihr das Herz klopfte, ihre Knien zitterten
und ihre Sprache fast versagte, sie brachte es endlich doch beim Türsteher
an, daß sie den Erzherzog notwendig sprechen müsse. Der Türsteher, ein
alter Mann, war ganz in dem Interesse des alten Adrian, der ängstlich die
Unschuld seines Prinzen bewachen ließ, um seine Lebensdauer zu verlängern.
Der alte Türsteher ließ Bella in ein Zimmer treten, ging heimlich zu
Adrian und hinterbrachte ihm, daß ein verdächtiges Mädchen nach dem
Erzherzoge gefragt habe. Adrian saß eben bei seinem Nachtessen, einem
feisten Hahnenbraten, auf seinem Studierzimmer, wie er da abends allein zu
essen gewohnt war; er befahl mit zornigen Augenbraunen, das Mädchen
hereinzuführen. Bella wurde eingeführt, aber nach dem Erschrecken über
die Abwesenheit des Prinzen machte ihr der Anblick des kräftigen, würdigen
Adrian einen sehr beruhigenden Eindruck. Er sah sie an und sprach nichts
als: "Kurios, kurios!"

Sie sah den Braten, und vom langen Hunger getrieben, rückte sie einen
Stuhl ihm gegenüber zum Tisch, schnitt sich ein Stück ab und aß mit dem
Heißhunger eines armen Leibes, der seit zwei Tagen nichts genossen.
Adrian schüttelte mit dem Kopfe, sagte wieder: "Kurios, kurios", legte ihr
dann gekochte Früchte vor, die dem Braten zugesellt waren, und schenkte
ihr ein Glas Wein ein. "Du bist ein wunderliches Mädchen", sagte Adrian,
"sprich, wann bist du geboren? ich möchte deine Zeichen erforschen."

"Ach, würdiger Herr", sagte Bella, "ich weiß es mir nicht mehr recht zu
erinnern, ich muß zu der Zeit noch sehr dumm gewesen sein."

"Kurios, kurios", sagte Adrian, "wie hieß aber dein Vater?"

"Ach, mein armer Vater", sagte Bella, "wenn der das gewußt hätte!"

"Kurios, kurios", sagte Adrian; "nun, ich will deine Geheimnisse nicht
wissen."

"Aber kommt denn der Erzherzog nicht bald?" fragte Bella.

"Kurios, kurios", sagte Adrian, "du meinst wohl gar, ich soll dich zu ihm
führen, das geht nicht."

"Ei, Väterchen", schmeichelte Bella, "tu's doch, ich muß ihn sprechen,
führ mich zu ihm, es macht ihm sicher Freude, ich hab ihn so lieb."

"Ein wunderliches Mädchen", flüsterte Adrian vor sich, "macht mich zu
ihrem Liebesboten; wer weiß, ob ich mit dieser Liebschaft nicht des
Prinzen leichten Sinn an einen Menschen binden könnte; es wird nicht lange
mehr gelingen, ihn von dem Umgang mit den Frauen abzuhalten, gar viele
mühen sich um ihn, die ihn auf eitle Wege führen könnten, und diese
scheint noch schuldlos jung." Die Religion war in ihm beim Lesen der
alten römischen Dichter zu einer Art klugen Naturkunde geworden.

"Was sprichst du vor dir, lieber Vater?" fragte Bella.

"ich will dich bald zum Erzherzog führen", sagte Adrian, "wart nur etwas,
und bist du müde, ruhe aus auf meinem Bette und sprich recht zutraulich,
woher du bist, ich will es treu behalten."

Bella fand ihre ganze Seele gegen ihn erschlossen; sie erzählte ihm
aufrichtig ihr ganzes Schicksal, nur eins konnte sie ihm nicht sagen, wie
sie mit dem Prinzen in Buik zusammengetroffen, sie sagte, daß sie sich im
Gedränge von der alten Braka verloren hätte. Nach dieser Erzählung
versank Adrian in ein tiefes Nachdenken und in mancherlei Rechnerei,
worüber Bella einschlief. Sowie er wieder etwas Merkwürdiges über sie
herausgerechnet zu haben meinte, trat er an ihr Bette, lehnte sich sachte
über und sah sie verwundert an; überhaupt war es ihm merkwürdig, wie ein
Mädchen auf seinem harten, geistlichen Lager schlafe.

Endlich hörte er den Erzherzog, der bei dem Grafen Egmont zu Nacht
gegessen hatte, im Schlosse einreiten; er wartete noch einige Zeit und
ging dann fort, ohne daß es Bella bemerkte, ihn in seinem Schlafzimmer
aufzusuchen. Cenrio, von seiner Ankunft sehr überrascht, winkte ihm,
leise aufzutreten, weil der Prinz sehr müde gewesen und gleich in einen
tiefen Schlaf gesunken sei. Adrian ging an das Bette, sah das hellblonde
Haar des Prinzen, wie er es gewöhnlich mit einem goldenen Netze umspannte,
und zog sich auf den Zehen, mit der Hand Ruhe winkend, zurück. Cenrio biß
sich lachend auf einen Finger und krümmte vor Lustigkeit den Leib und hob
ein Bein auf; der gefährliche Betrug war gelungen, und Adrian hatte die
ausgestopfte Puppe für den wahren Erzherzog gehalten, der inzwischen seine
lebendige Bella versäumte, um bei der leblosen Puppe Golem Bella an dem
Nachgenusse der Liebe, die ihn das erstemal so reich entzückt hatte, zu
verzweifeln. Er hatte nämlich schon am Morgen jene Golem Bella, die außer
den Liebesgedanken der wirklichen Bella noch ein gemeines jüdisches Gemüt
hatte, durch Cenrio bestimmt, seinen Besuch in der Nacht anzunehmen,
nachdem das Wurzelmännlein mit einem Schlaftrunke, den er ihr mitgeteilt,
zur Ruhe gebracht sei. Auch Braka wußte darum und sollte in ihrem
Bettplatze vikariieren, weil der Kleine so eifersüchtig war, daß er selbst
schlafend einen Finger von ihr in Händen hielt; dies war seine einzige Art,
ihr zu liebkosen, daß er diesen Finger zuweilen küßte. Der Erzherzog war
in das Haus geschlichen, als der Kleine, über die zweite Bella noch immer
sehr verwundert, kaum zur Ruhe gebracht worden; er mußte lange harren, ehe
Golem Bella sich losmachen und zu ihm kommen konnte, und jetzt war seine
Neugierde aufs höchste gespannt, wie es ihr ergangen und wie sie dem Herrn
von Cornelius vermählt worden, was aus der Golem geworden sei, die er vom
Juden habe nachbilden lassen, um ihren Mann zu täuschen. Golem Bella
antwortete auf das alles so natürlich, daß er keinen Argwohn schöpfte, sie
selbst möchte diese Puppe sein: insbesondre, da er die täuschende Kunst
der Sinne für unfähig achtete, sein scharfes Auge zu täuschen. Sie sagte
ihm, daß Cornelius aus Argwohn gegen sie, als ob sie mit dem Erzherzoge
ein Verständnis habe, erst sehr böse gewesen und sie dann gezwungen hätte,
sich ihm im nächsten Dorfe zu vermählen, wofür sie in der Liebe des
Erzherzogs eine Entschädigung zu finden hoffe. Die geheimnisvolle Stunde
war nicht zu langen Erörterungen geschaffen; der Erzherzog hatte die
Zauberei spielend herausgefordert, seine Lüste zu begünstigen, diesmal
täuschte sie ihn um seine Lust; in der Liebe ist alles so ehrlich, daß
jeder Betrug, wie ein falscher Stein in dem prachtvollsten Ringe, das
freie Zutrauen stören kann, und betrog nicht der Erzherzog Bella, als er
sie durch sein Kunststück in seine Gewalt brachte? es war nicht Liebe
allein, es war der Wunsch in ihm, sich zu rächen, weil er sich betrogen
glaubte, daß er sie so wild und rasch seiner Lust opferte.

Als der Morgen dämmerte und die Krähen, die einzigen Singvögel großer
Städte, schrien, als ihn Cenrio erweckte, da konnte er nicht begreifen,
was ihm mitten im Genusse gefehlt hatte; sein ganzes Herz war traurig und
schwer, weil es nicht jubeln konnte, wie damals, als er sich von Bella in
Buik trennte; ja es war ihm, als sei es ein anderes Wesen gewesen, die bei
ihm geschlummert, und wäre sie nicht früher fortgeschlichen gewesen, er
hätte sicher die dunkeln Locken von der Stirn erhoben, um das Wort des
Todes zu entdecken. Er verfluchte die Nacht und schwor sich, nie wieder
diesen Weg zu gehen, auf welchem er sich verkleidet in sein Schloß schlich,
wo ihm Cenrio erst erzählte, welche Gefahr er gelaufen, von dem alten
Adrian entdeckt zu werden.

Der alte Adrian war unterdessen in einer viel ärgern Verlegenheit gewesen;
gleich nachdem er den ausgestopften Erzherzog verlassen, hatte er sich
ernste Vorwürfe gemacht, daß er auf den Gedanken gekommen, die Liebschaft
des Erzherzoges zu begünstigen. Er hätte Bella ohne Barmherzigkeit
verstoßen, wenn er nicht vorher schon dem Türsteher hätte sagen lassen,
das Schloß zu verschließen, er habe das verdächtige Mädchen schon zur
Hinterpforte hinausgelassen. Die Nachtposten waren jetzt auf den Gängen
verteilt, und es hätte ohne ein böses Gerede nicht endigen können, wenn er
so spät noch ein Mädchen aus seinem Zimmer entlassen hätte; er mußte sich
also in zagender Geduld fügen und der armen, müden Bella sein eignes Bette
zum Nachtlager anweisen, während er sich selbst vornahm, sich durch ein
hartes Bußlager von jeder Versuchung frei zu halten. Seine Verlegenheit
ging aber bald an, als ihm unwiderstehlich nach dem Wasserglase verlangte,
das sich Bella an ihr Bett gesetzt: es war das einzige, und es drängte ihn
der Durst, daß er aufstehen mußte und Bella, vom festen Schlafe rötlich
angewärmt, schnell atmend in schöner Lage erblickte. Ihm war nie solch
ein Anblick vorgekommen, und er konnte es selbst nicht recht begreifen,
warum er so langsam trinken mußte und gar nicht fertig werden konnte, die
einzelne Fliege abzuwehren, die immer zu dem schlafenden Engel
zurückkehrte; endlich stach ihn selbst eine Art Götterverehrung, die bis
dahin nur ganz äußerlich aus den römischen Dichtern in seine Rhetorik
übergegangen war. Venus war jetzt Fleisch geworden, er rief sie in
Horazens Versen leise an, und wer weiß, wozu ihn diese läppische
Schulweisheit verführt haben möchte, wenn er nicht mitten in seiner
Adonisrolle seine Tonsur und sein graues Haar im Spiegel gesehen hätte.
ihm schauderte, es war ihm, als habe er einen Heiligen gesehen, der sich
im Nachtmahlwein vor seinem Tode betrunken. Er legte sich seufzend auf
die harten Dielen, konnte aber nicht schlafen, denn seine Gedanken waren
immer beschäftigt, bald reuig, bald sündig, bald wie er sich aus der
Verlegenheit ziehen sollte, wie er Bella fortschaffen und doch für sie
sorgen könnte; auch war es ihm zumute, als könnte er sie nicht von sich
lassen. Allmählich verweilte sein Auge bei den Kleidern eines Knaben, der
ihm lange aufgewartet hatte, und den er wegen seiner Tücken endlich
fortgejagt hatte; diese schienen ihm geschickt, das Mädchen unbemerkt aus
dem Hause zu führen. Als Bella aufwachte, sich die großen Augen rieb und
erschreckend fragte, wo sie sei, und fast weinte, hatte der gute Alte erst
genug zu trösten. Er betete ihr ein Ave Maria, das sie ihm fromm
nachsagte, dann erst erzählte er ihr, daß sie sich in Geduld fügen müsse,
er könne sie nicht zum Erzherzoge führen, das sei gegen sein Gewissen;
aber er wolle für sie sorgen, ob sie ihm nicht einen Rat geben könne, wo
sie unterzubringen, da er niemand kenne. Sein voriger Knabe, der habe bei
armen Verwandten gewohnt und sei morgens und abends gekommen, um sich zu
erkundigen, ob er für ihn etwas zu laufen oder sonst zu verrichten habe;
wenn sie dessen Kleider anlegen wolle, könne sie ihm dieselben Dienste,
welche ihm die vornehmen Hoflakaien immer unordentlich versorgten, in den
Kleidern des Knaben verrichten. Bella nahm alles an, was ihr der Alte
riet, denn sie sah die Möglichkeit, den Erzherzog in dieser Verkleidung zu
sehen, und das war jetzt ihr einziges Verlangen; sie eilte zum Ankleiden
des neuen Staates, aber ihr fehlte alle Kenntnis, wie sie diese
verschlitzten und vielfach mit Haken und Ösen verbundenen Beinkleider und
den Wams anlegen sollte, so daß ihr der alte geistliche Herr nicht ohne
Lachen dabei helfen mußte. Sie erzählte ihm, daß sie wieder nach dem
Landhause zurückkehren und sich dort verstecken wolle; ihre Haut wisse sie
durch Pflanzensäfte so zu bräunen, daß niemand sie für ein Mädchen halten
sollte. Adrian sah wohl die Klugheit ihres Volks bei allen ihren
Äußerungen, aber er fürchtete sich doch vor Verrat und war gar sehr
erleichtert, als er sie aus dem Schloß entlassen über den Platz
hinschreiten sah, wo die Buben, welche einen Reifen trieben, ihr in der
Meinung zuriefen, es sei ihr alter Kamerad, der vorige Knabe Adrians.

Das war seine letzte Angst für diesen Tag; nachher eilte er zum Erzherzoge,
und als er ihn noch schlafend fand, der die Nacht versäumt hatte,
schüttelte er ihn auf und hielt ihm eine lange Strafrede über die Trägheit,
daß in ihr, wie in einem bodenlosen Meere, kein Anker der Tugend fassen
könne, sondern verloren gehe. Den Abend habe er ihn nicht stören wollen,
denn die Stunden vor Mitternacht seien der edelste Schlaf, wo eine einzige
für Körper und Seele mehr wert als zwei nachher; jetzt aber, wo ihm die
Sonne in die Naselöcher scheine, sei das Schnarchen etwas ganz
Ungeziemendes.

Er konnte stundenlang so fortreden und brachte diesmal den Erzherzog aus
einem Schlaf in den andern, so daß der alte Herr endlich unmutig aufstand
und Cenrio die Beweise vortrug, daß jenes vermeinte Werk des Petrus
Lombardus, was er in Buik aufgefunden, entweder erdichtet oder aus einer
Zeit des Verfassers sei, wo er seinen Geist und seine Grundsätze schon
aufgegeben hätte. Cenrio tat verwundert; heimlich lachte aber der Schelm,
daß die alte Scharteke dem gelehrten Manne so viel Studium gekostet; er
fragte ihn dann nach der merkwürdigen Sternenjunktur, die er in Buik
beobachtet, worauf ihm Adrian deutlich machte, daß in der Nacht ein
mächtiger Herrscher im Morgenlande gezeugt sei, wo aber, das könne er
nicht herausbringen. Auch hierin fand sich Cenrio heimlich wieder viel
besser unterrichtet, ungeachtet ihm einige Dinge im Kopfe herumgingen, die
er nicht bequem reimen konnte, vielleicht weil die Natur bloß Assonanzen
machen wollte, er hatte nicht herausbringen können, wo die Golem Bella
geblieben; auch wußte er nicht, wie Bella wieder zur alten Frau von Braka
zurückgekommen, nachdem sie von dieser in den Armen des Erzherzogs
zurückgelassen, Dinge, die er aus Zeitmangel und aus Überfluß an Zeugen
mit dem Erzherzoge noch nicht überlegen konnte. Nachdem der Alte das
Zimmer verlassen mit den Worten: "Kurios, kurios, ich gäbe was darum, dies
Wunderkind zu entdecken!"

so wendete Cenrio seine Fragen an den Erzherzog, der nicht wenig erstaunt
war, da er selbst in seiner Lust nach einer verlornen Bella geschmachtet
hatte.

"Gewiß ist jene verloren, die ich liebte, die im Tor meines Lebens wie die
zarte Morgenröte vor der hellen Sonne verschwunden ist, statt des
Götterbilds habe ich eine irdische Gestalt umarmt, die mich in niederer
Glut an sich zieht, und vor der mein Herz zurückweicht. Ach, daß
Millionen auf mich blicken! Dürft' ich ein armer Pilger werden, wie
wollte ich die Welt durchirren, meine Klagen allen Winden singen und sie
aufsuchen, der ich ewig gehöre, und wenn ich sie nicht fände, als
Einsiedler in den stillen Kapellen des Monserate vertrauern: Cenrio, das
wäre, was ich mir wünschte, und da ich es nicht erreichen kann, da werde
ich auch vieles nicht erfüllen, was die Welt von mir will."

Cenrio gehörte zu den verkehrten Fürstenhofmeistern, die jeden ernsten
Gedanken wie eine Zugluft von dem verehrten jungen Leben abhalten möchten.
Sie wollen sie im Genusse bilden, und der Genuß eines Fürsten ist so
beschränkt und die Entsagung so überschwenglich; der Scherz bleibt vor
ihrer Tür stehen, und der Ernst herrscht wie ein alter Geist im Schlosse.
Cenrio versprach dem Erzherzoge, in Buik alle Erkundigungen einzuziehen,
um das Rätsel zu erklären, und eilte dahin.

Unterdessen wurde der Herr von Cornelius bei dem Erzherzoge angemeldet,
und dieser nahm ihn an, weil er der Golem zur Sicherheit ihres
Verhältnisses versprochen hatte, ihm eine Anstellung zu schaffen, insofern
er von vielen Herren seines Standes ein Zeugnis brächte, daß er ein Mensch
sei.

Der kleine Kerl war schon den ganzen Morgen herumgelaufen und hatte sich
die Meinungen der Herren, ob er ein Mensch wirklich sei, aufschreiben
lassen, sah aber zu seinem Erstaunen, daß bei allen mehr oder weniger
Zweifel darüber obwalteten. Die Zeugnisse waren immer nur bedingungsweise
ausgestellt, so sagte von ihm der Baron Vanderloo: Wenn er hinter einem
Tische säße, würde man ihn schon für einen ordentlichen Menschen passieren
lassen, er dürfe aber niemals aufstehen wegen unverhältnismäßiger Kürze
seiner Beine, welche ihm Ähnlichkeit mit einem verkleideten Dachshunde
gebe.

Herr von Meulen erklärte, er würde durchaus untadelhaft sein, aber seine
Mutter müsse einen zu heißen Leib gehabt haben, darüber sei er, wie ein
allzu scharf gebackenes verbranntes Brot, aufgerissen und
zusammengekrochen.

Graf Egmont schrieb auf den Umlaufzettel: Da es eine Hauptkunst sei, dem
Feinde in gewissen Kriegsfällen seine Stärke zu verbergen, so könnte er
sehr nützlich in einer Hosentasche jedes tüchtigen Soldaten angestellt
werden, die Muskete auf dessen Hosenknopf anlegen und den Feind durch
einen ganz unerwarteten Schuß aus den Hosen des Soldaten erschrecken.

Diese und ähnliche Meinungen, die jeder ihm, als sehr günstig für seine
Anstellung, eingeredet hatte, brachte der Kleine jetzt dem Erzherzoge, der
sie mit verbissenem Lachen durchlas und ihm dann eine ihm angemessene
Anstellung in einem Regimente versprach, das er bald errichten wolle, und
wozu er neue Art von Helmen erfunden, die durch eine Schelle sich hörbar
und durch zwei lange Ohren sichtbar machten. Der Kleine war über die nahe
Erfüllung seiner Wünsche entzückt; er hatte noch nie einen Schalksnarren
gesehen als in Buik, und da hatte er ihn für eine militärische Person
gehalten und die Gewalt seiner Waffen gegen ihn versucht. Er war deswegen
auch sehr bereitwillig, den Erzherzog bei sich zu empfangen, der sich nach
seiner jungen Frau erkundigte und sie kennen zu lernen wünschte. Derselbe
Tag noch wurde zu einem Feste bestimmt, das Herr von Cornelius in seinem
Hause geben sollte. Der Erzherzog fühlte, trotz der unbefriedigten Nacht,
trotz der Vermutung, eine Zaubergestalt treibe ihren Spott mit seiner
Liebe, eine unwiderstehliche Begierde zu diesem Golem. Es war ein Drang
andrer Art, als er geahndet, aber er konnte ihn doch nicht abstreiten,
nicht zurückweisen; auch konnte er nicht leugnen, daß diese Empfindung
etwas Bestimmtes, etwas Mögliches forderte, während jene sich vielleicht
ins Unendliche traumartig ausblühte; ja in diesem Zwiespalte seines
Gemütes schien ihm das Wesenlose, das Ungewisse in jenen hohen Freuden
leer und verächtlich gegen diesen erkannten Sieg seiner Sinne.

Bella war am Morgen traurig den Weg nach dem Landhause gewandelt, wo sie
durch einige bekannte Löcher in der Gartenmauer unbemerkt einzuschlüpfen
hoffte. Es begegnete ihr aber in der Nähe des Kirchhofes der arme
Bärnhäuter, der sich beim Überzählen seines verdienten Schatzes im Sarge
etwas zu lange verweilt hatte; als er Bella erblickte, konnte er sich der
Tränen nicht enthalten, sondern faßte ihre Hand und fragte, was die liebe,
junge Herrschaft mache, er habe es gleich bemerkt, daß sie von einer
falschen, nachgebildeten Figur verdrängt sei, aber aus Furcht, seinen
Dienst zu verlieren, habe er nichts zu sagen gewagt. Bella bat ihn zu
schweigen: seit dem Empfange in dem Hause habe sie einen unwiderstehlichen
Widerwillen gegen Braka, Cornelius und alle bekommen, daß sie sich nie
entschließen könnte, ihre fürstliche Freiheit dem Zwange der Stadt zu
unterwerfen; sie wolle wieder in ihrem alten Hause leben, bis sie freie
Leute ihres Volkes antreffe. Dann fragte sie ihn aus, wie sich alles
begeben, und warum er an dem Abende nicht erschienen. Da erzählte er ihr,
daß er von der falschen Bella ausgestellt worden sei, um den Erzherzog
durch die Hintertüre einzuführen, der erst spät anlangen konnte. Bei
diesen Worten verschloß Bella den Mund des Bärnhäuters; sie wollte nichts
mehr hören, nachdem diese unselige Betrügerin ihr auch das letzte, was sie
auf Erden reichlich tröstete, die Liebe des Erzherzogs, entwendet hatte.
Der Jammer füllte ihre Seele, und es fiel ihr wie ein Stein vom Herzen,
als sie weinen konnte; sie hing sich an den Bärnhäuter und ließ ihn wohl
eine Stunde nicht los; ein Glück, daß den Weg wenig Leute gingen, es hätte
sonst Aufsehen gemacht. Der Bärnhäuter war bald in ein neues Rechnen in
Gedanken gekommen, wie lange er noch dienen müsse, und so ließ er die
Tränen an sich vorübergehen, wie eine Mühle den schönsten Wasserfall, sie
ist zufrieden, daß nur ihr Rad dabei gehen kann. Zuletzt, als er
fürchtete, zu spät zu kommen, wußte er sich nicht anders loszumachen, als
daß er eine Pflaume, die wurmstichig vom nahen Baume gefallen war,
aufdrückte und sprach: "Wieviel glücklicher ist doch solch eine Made als
wir Menschen, je länger sie lebt, je süßer wird die Frucht am Baume; was
ich aber als eine Undankbarkeit an dem Tiere betrachte, ist wohl, daß sie
alles in ihr Zimmer macht und sich dadurch ihren eignen Lebensgenuß
verdirbt."

Der einfältige Kerl dachte nicht, daß sein eignes Sammeln ins Leben nichts
anders gewesen war, als was die Maden in der edlen Frucht anhäufen. Bella
war zu traurig, um ihn darauf aufmerksam zu machen, sie ließ ihn aber los,
und er verließ sie eilig mit den heiligsten Versicherungen, er wolle für
eine Kleinigkeit jede Nacht zu ihr kommen und einholen, was sie brauche.

Sie dachte nicht, was sie noch brauchen könne; ihr fehlte alles.
Gleichgültig gegen alle Welt ging sie, ohne eine Vorsicht zu brauchen,
nach dem Gespensterhause und öffnete die Türe in der ihr bekannten Art.
Keine Betrachtung über die Veränderlichkeit ihres Schicksals störte sie;
ganz entehrt fühlte sie sich, seit der Erzherzog sie nicht mehr liebte,
ohne Sicherheit und Würde; sie wollte ihn vergessen, und doch war es ihre
Angst, wo er eben sein möchte. Auch war es dieser Gedanke mehr als der
Hunger, der sie abends nach dem Schlosse zurückführte, wo sie aber diesmal
Adrians Zimmer verschlossen fand, weil er mit einigen Geistlichen darin
disputierte. Als sie unbestimmt auf dem dunklen Gange des Schlosses stand,
kam der Erzherzog und hielt sie in der schwachen Beleuchtung für den
ehemaligen Knaben Adrians, den er sich durch kleine Geschenke lange zu
eigen gemacht hatte; er rief ihm zu, eine Fackel zu nehmen und ihm nach
dem Hause des Herrn von Cornelius vorzuleuchten. Bella erfüllte eilig
seinen Befehl, zündete eine Fackel und ging voran. Der Erzherzog war in
heftiger Bewegung: ein geheimer Freund war aus Spanien mit der sichern
Nachricht angekommen, sein Großvater könne nur wenige Tage noch mit dem
ihn lange bedrohenden Tode kämpfen; umsonst suche er dem Tode zu
entfliehen und ziehe aus einer Stadt in die andre, wie andre Kranke aus
einem Bett in das andre. Carvajal, Zapara und Vargas hätten ihm endlich
die Nähe seines Todes vorgestellt, und er hätte, sein Unrecht gegen Karl
zu verbessern, statt Ferdinands den Kardinal Ximenez zum Reichsverweser
ernannt und die rechtmäßige Erbfolge Karls unangefochten gelassen. Der
magnetische Kreis der nahen Herrschaft bewegte Karls herrschendes Gemüt so
unruhig wie ein Nordlicht die Magnetnadel; dabei war er so in sich
versunken, daß er keinen Blick auf Bella warf, sondern, ohne darauf weiter
zu achten, dem Schein der Fackel nachlief und Bella befahl, vor dem Hause
bis zu seiner Heimkehr zu warten.

Die arme Bella! sie löschte ihre Fackel wie ein guter Genius, der nicht
mehr helfen kann. Der ernste Blick und Ton des Erzherzogs hatte allen
ihren Mut, ihn anzureden, niedergeschlagen; sie gab ihn ihrer Liebe
verloren und war in sich still versunken, als sie das Geschrei einer
Musikantenbande aus ihrer Schmerzenstiefe erweckte. Sie hörte nichts von
dem Liede, womit sie sich eine Gabe aus dem erleuchteten Hause zu erflehen
suchten; die Erinnerung ihrer Retter aus den Händen der Alten stieg in
ihrem Herzen auf, zugleich die Erinnerung jener überstandnen Angst; sie
zagte für ihre Zukunft und wußte doch nicht, was sie noch verlieren könnte.
Es wohnt aber in den Menschen, die zu einer großen, allgemein wirkenden
Äußerung, von hoher Hand vorbereitet, sie noch nicht erkennen, eine
erhaltende Kraft, die ihnen im gewöhnlichen Kreise das Ansehen der
Zaghaftigkeit geben kann; ihren großen Lauf ahndend, scheuen sie die
hemmende Kraft des schlechten, und nur ein ganz erfassender Glaube kann
ihnen in den Unbedeutendheiten des Lebens die Zuversicht und Dreistigkeit
geben, die ihnen im großen nie fehlt. Bella fühlte ungeachtet ihrer
Vernichtung einen erhaltenden Wunsch in sich. Ihre Hilflosigkeit, und was
ihr im Gedränge der Menschen; die nachts in der Hauptstadt umherschwärmten,
geschehen könnte, erschreckte sie; sie verkroch sich zwischen den Säulen
einer kleinen Kapelle der heiligen Mutter, die neben ihrem ehemaligen
Hause ganz verlassen unerleuchtet stand. Diese Bande von Musikern, welche
sich vor dem Hause hören ließ, unterschied sich aber gar herrlich von
jenen rohen Sängern auf der Kirmes. Es waren weder Bettler noch Diebe,
sondern junge Leute aus allen Ständen, die sich abends zusammenfanden mit
ihren Lauten und allerlei Lieder, so gut ein jeder sie wußte, absangen.
Was sie einnahmen, verjubelten sie entweder zusammen gegen Morgen, ehe sie
voneinander schieden, oder sie schenkten es den Mädchen, die sie
mitzugehen beredet hatten. Diese Sänger waren in den Städten so beliebt,
daß die Eltern ihre Kinder abends nicht eher zu Bette bringen konnten, bis
der Zug vorübergegangen, und wenn auch die Knaben den Trommelschlag
vorzogen und ihm nachliefen, der abends den Torschluß verkündigte, die
kleinen Mädchen hörten lieber die Sänger und folgten ihnen bis an die
Straßenecke. Mancherlei freche und traurige Lieder waren unbemerkt vor
Bellas Ohren vorübergegangen, als ein junger fahrender Schüler sich vor
der heiligen Mutter hinstellte, daß die hellerleuchteten Fenster des
Hauses sein trauriges Gesicht erleuchteten; dann sang er ein Lied, das
damals allgemein gesungen wurde und in seinen Schicksalen vielleicht eine
besondre Rührung vorfand:

Die freie Nacht ist aufgegangen,
Unsichtbar wird ein Mensch dem andern,
So kann ich mit den Tränen prangen
Und hin zu Liebchens Fenster wandern.
Der Wächter rufet seine Stunden,
Der Kranke jammert seine Schmerzen,
Die Liebe klaget ihre Wunden,
Und bei der Leiche schimmern Kerzen.

Die Liebste ist mir heut gestorben,
Wo sie dem Feinde sich vermählet,
Ich habe Lieb' in Leid geborgen,
Ihr Tränen mir die Sterne zählet.
Wie herzhaft ist das Licht der Sterne,
Wie schmerzhaft ist das Licht der Fenster,
Ein dichter Nebel deckt die Ferne,
Und ich umspinnen die Gespenster.

Im Hause ist ein wildes Klingen,
Die Menschen mir so still ausweichen,
In Mitleid mich dann fern umringen:
So bin ich auch von euresgleichen?
Mich hielt der Wald bei Tag verborgen,
Die schwarze Nacht hat mich befreiet.
Mein Liebchen weckt ein schöner Morgen,
Der mich dein ew'gen Jammer weihet.

Wie oft hab ich hier froh gesessen,
Wenn alle Sterne im Erblassen,
Ach, alle Welt hat mich vergessen,
Seit mich die Liebste hat verlassen:
Nichts weiß von mir die grüne Erde,
Nichts weiß von mir die lichte Sonne,
Der Mondenglanz ist mir Beschwerde,
Die Nacht ist meiner Tränen Bronne.

Hier hielt er inne, schlug seinen Mantel über die Arme, zog eine kleine
Laterne hervor, holte eine brennende Kerze heraus und stellte diese vor
das Bild der heiligen Mutter; dann sang er in verändertem Ton:

Nichts weiß von mir die liebe Mutter,
Nichts weiß von mir der gute Vater,
Doch zünd ich ein Licht der heiligen Mutter,
Doch glaub ich an einen himmlischen Vater.

Als das Licht den jungen Mann erhellte, da erinnerte sie sich, ihn
mehrmals vor ihrem Hause erblickt zu haben, wenn sie zufällig nach der
Straße gesehen. Nicht ohne Grund glaubte sie sich die Ursache seiner
Trauer, weil er sie vermählt glaubte. Welche treue Liebe war ihr
unbekannt geblieben, während der Liebling ihres Herzens, dem sie sich so
ausschließlich hingegeben, sie in leichtsinniger Täuschung verlassen hatte.
Sollte sie sich ihm wie ein Almosen hingeben? Sie war sich nichts mehr
wert! sie konnte ein frommes Leben mit ihrer Liebe retten. Schon wollte
sie zu dem Betenden hinspringen und sich ihm zu erkennen geben und ihrem
Hause und ihrem Volke entsagen, als der Mond an dem hohen, pyramidalen
Kirchturm, der vor ihr wie ein Schatten stand, wie das Licht eines
Leuchtturms emporstieg, und sie dachte der Pyramiden Ägyptens und ihres
Volkes, und die Gedanken machten sie ihres Schicksals fast vergessen.
Inzwischen trat ein Knabe, der mit einem Teller, worauf ein Licht geklebt
war, im Kreise herumgegangen war, auch zu ihr; sie sah auf dem Teller
außer einigen Birnen und Äpfeln, Gaben der Kinder, kleine Ersparnisse vom
Abendbrot, nichts liegen. Sie fühlte einen quälenden Durst und meinte, es
werde ihr geboten, nahm einige Birnen und führte sie zum Munde. Der Knabe
sah sie verwundert an, dann sagte er ihr, sie möchte bezahlen. Sie griff
in Verlegenheit nach den Taschen und meinte darin Geld zu finden; es war
aber nur ein abgerissener Knopf, den der vorige Knabe darin vergessen.
Als sie ihn auf den Teller legte, lachte der Knabe und rief die lustige
Bande herbei. Da hieß es gleich, wenn er kein Geld zum Zahlen habe, müsse
er ein Lied zum besten geben. Bella verging fast in Angst; kein Lied
wollte ihr einfallen, sie wurde gezogen und bedrängt. Endlich stieß sie
an einen Stein, und da sang sie im Schmerz.

Wer sich an den Stein gestoßen,
Springt in die Höh
Mit Ach und Weh:
Wollet ihr das Tanzen nennen?
Wen die Liebe hat verstoßen,
Singt in die Höh
Mit Ach und Weh:
Wollet ihr das Singen nennen?
O Schmerz, wie soll ich dich singen,
Du bist mir zu schwer!
O Herz, wem soll ich dich bringen,
Dich will keiner mehr;
Verlorn ist Lieb' und Ehr'.

Bella hatte diese Worte mit solcher Angst ihrer Kehle entpreßt, daß der
traurige Sänger vom Gebete aufgestanden war und, ohne sie anzusehen, den
Teller mit Früchten und Geld in ihr Barett schüttete, das sie schüchtern
halb vor ihr Gesicht wie ein Becken mit Weihwasser hielt, ihre Tränen
waren hineingeflossen; hätte er sie erkannt, er hätte ihr mehr, er hätte
ihr alles gegeben, denn er war ihr eigen. Aber so schön ist eine fromme
Neigung, daß sie selbst da wohl tut, wo ein höheres Geschick ihr keine
Erfüllung gestattet. Der arme Schüler fühlte sich durch die kleine
Wohltat, er wußte nicht wie, erleichtert. Seine Bescheidenheit erlaubte
ihm nicht, dem er wohl getan, ins Auge zu sehn, darum zog er die Bande mit
seinem schönen Gesange weiter, daß sie den armen Burschen, dafür hielt er
Bella, nicht weiter mit Anforderungen zum Singen ängstigten.

Als Bella allein war, warf sie sich an die Stelle nieder, wo der arme
Schüler im Staube gekniet hatte, wo er sein Licht und einen Blumenstrauß
zurückgelassen. Die Blumen dufteten so angenehm zu ihr, und die heilige
Mutter sah so liebreich zu ihr herab, daß sie fühlte, die Sünde ihres
Volkes sei vergeben: "Heilige Mutter", seufzte sie, "hast du verziehen
unsre Missetat, nimmst du uns auf, nachdem wir dich verstoßen?"

Da glaubte sie, die heilige Mutter nicke ihr freundlich zu, und ihr Herz
schwamm in Andacht so selbstvergessen, daß sie den Schwarm der Gäste kaum
wahrnahm, die um Mitternacht das Haus verließen.

Ein paar trunkene Edelknaben des Erzherzogs erzählten, daß sie den kleinen
Cornelius, als er vom Mohnsafte eingeschlafen, unter den Ofen gesteckt und
ihn an den vier Ofenfüßen mit Armen und Beinen schwebend angebunden; es
sei schade, daß man noch nicht einheize, er würde sonst den Gesang der
Männer im feurigen Ofen sehr natürlich anstimmen können. So gingen sie
vorüber, ohne Bella zu bemerken, die sie ebenfalls nicht beobachtete und
endlich, als das kleine Licht des Schülers erloschen war, gleichsam mit
offenen, sehenden Augen in eine andre Welt getragen wurde. Sie sah ein
Kind in ihrem Schoße, das dem Erzherzoge gleich, vor dem sich zahlreiche
Völker beugten; sie war ganz verloren in dem Anblick.

Aber mitten aus diesem Entzücken weckte sie die geliebte Stimme des
Erzherzogs mit den Worten: "Wach auf, Knabe, zünde deine Fackel und
leuchte mir vor!"

Sie taumelte auf und sah Golem Bella, die mit einem Lichte ihn bis vor die
Türe begleitet hatte. Sie war in einen schwarzen Mantel gehüllt. Der
Erzherzog, den die sinnliche Gewohnheit mehr ergriffen, den die höheren
Forderungen der Liebe in der Unruhe weniger gestört hatten, näherte sich
ihr und sprach: "Also morgen abend bin ich wieder bei dir und übermorgen
wieder, und so alle Nächte, ja auch die Tage, wenn ich erst ganz frei der
Herrscher eines mächtigen Volkes bin, das wie wir die Torheiten des Lebens
in freudigem Genusse vergessen soll!"

"Vergiß nicht die Perlen, die du mir versprochen", sagte Golem. Bella
hatte jetzt an ihrem Lichte ihre Fackel entzündet. Ihr Barett lag noch
mit den Früchten in der Kapelle, und da ihre Knabenkleidung vom Mantel
bedeckt war, so erschrak der Erzherzog, der sie ganz wie am Frühlichte in
Buik wiedererkannte, fuhr mit seiner Hand gegen seine Stirne und rief:
"Heiliger Gott, es sind ihrer zwei!"

"Muß ich dich wiedersehen, du Vorgeschaffene Gottes, muß ich an dir
schaudern, daß ich nicht lebe?" schrie Golem und stach mit einer
pfeilförmigen, goldnen Haarnadel nach ihr. Der Erzherzog aber, dem alles
im Augenblicke schrecklich klar wurde, was er sich bisher abgestritten
hatte, hielt Golem Bella bei den Haaren zurück, deren Flechten
niederfielen; er sah die Schrift auf der Höhe der Stirn, das Aemaeth,
löschte die erste Silbe rasch aus, und im Augenblicke stürzte sie in Erde
zusammen. Der Mantel lag über der formlosen Masse, als ob eine Magd, die
in der Stadtsandgrube sich Sand ausgegraben hat, weggerufen wird und ihren
Mantel darüberlegt, damit kein andrer ihr den Haufen wegnimmt.

Aber weder der Erzherzog noch Bella hatten ein Verlangen nach diesem
irdischen Schatze. Der Erzherzog hob Bella rasch auf, daß ihr die Fackel
aus der Hand fiel, und trug sie in seinem Mantel nach dem nahen Brunnen,
wo er des klaren Wassers reinigende Kraft über sein Antlitz und seine
Hände hingehen ließ, gleichsam um jede Spur dieser falschen Berührung mit
der Erde zu tilgen. Und als er sich in Unschuld gewaschen, küßte er die
geliebten Lippen der echten Bella, bekannte ihr, wie diese Irrungen
veranlaßt worden wären, und bat sie, ihm ihr Geschick, und was sie in
diese Kleider gebracht, zu bekennen. Bella sah sich wieder in dem Besitze
des verlornen Schatzes, und doch atmete sie noch schwer und hätte doch
gern ganz froh und heiter sich angestellt. Es waren dieselben geliebten
Züge, aber ohne den farbigen Fruchtstaub, den das Anfassen der neugierigen
Welt so leicht von dem unschuldigen Leben hinwegwischt, was uns
Weintrinkern wie ein edles Faß vorkommt, das mit einer geringeren Menge
unedlen Gewächses aufgefüllt worden: der Wein ist darum doch klar, edel,
aber nicht mehr rein. Karl war heiter, aber er wollte es auch sein, um
seine Verirrung auszutilgen, der er doch zuweilen nachgähnte, und als ihm
Bella ihre Geschichte erzählte, da wurde ihm das Ereignis mit dem alten
Adrian so hervorstechend in seiner absichtlichen Laune, daß Bella ihm ihre
unsägliche Trauer und ihr Entsagen und ihren Wunsch nach Ägypten nicht
mitteilen konnte. Karl, den mitten in Liebkosungen die Freuden naher
Herrschaft beunruhigten und erkälteten, beschloß, dem Adrian, den er zur
Bewachung des Ximenez nach Spanien senden wollte, nach dieser feierlichen
Bestallung einen lustigen Streich zu spielen, damit er das Ende seiner
Hofmeisterschaft deutlich fühle.

Es sollte nämlich in dieser Nacht ein großer Staatsrat gehalten werden,
worin Adrian präsidierte; am Schlusse desselben sollte Bella hereintreten
und ihn verklagen, daß er sie verlasse, und ein Gericht der Liebe über den
Kardinal verlangen. Bella, die den Erzherzog so heiter sah, wollte gern
an ihres Karls Seite ihre überstandene Trauer vergessen, wenn sie gleich
zu diesem Scherz allzu beklommen war; sie glaubte es aber ihre
Schuldigkeit, alles Kränkende zu vergessen, insbesondre da der Erzherzog
ihr versprochen, für sie und für ihr zerstreutes Volk nachher etwas
Bedeutendes zu tun.

Nach dieser Verabredung gingen sie still ins Schloß zur Hintertür ein.
Der Erzherzog gönnte Bella auf seinem Bette einige Ruhe, gab ihr
Erfrischungen und verließ sie endlich recht ungern, um über die Schicksale
der Welt zum erstenmal einen Rat zu hören und eine Tat auszuführen. Die
Versammlung bestand aus Adrian, Chievres, Wilhelm von Croy, dessen Neffen,
und Sauvage. Als der Erzherzog eintrat, bemerkte er, nicht ohne Regung
seiner Eitelkeit, die verschiedne Art, wie sie ihn jetzt begrüßten. Jeder
spekulierte in seinem Herzen, welche Vorteile ihm aus diesen nahen
Veränderungen erwachsen möchten. Für sie war Ferdinand, der Großvater,
nicht bloß krank, sondern schon tot, begraben und vergessen; alle bemühten
sich, den jungen Erzherzog, der ein blindes Vertrauen in ihren guten
Willen setzte, gegen die Spanier einzunehmen, die nur ihre Rechte und
ihren Dünkel, nicht den Ruhm und die Macht ihrer Könige zu fördern suchten.
Der Erzherzog ließ sich leicht von etwas überreden, was er immer
geglaubt hatte; der früher von Chievres ersonnene Rat, den festen und
treuen Adrian dem Ximenez an die Seite zu setzen, wurde angenommen, und
Adrian sollte schon am nächsten Morgen sich nach Spanien einschiffen, ohne
die sichre Nachricht von dem wirklich erfolgten Tode des alten Königs
abzuwarten.

Als dieses abgetan und alle sich entlassen glaubten, sagte Karl ernsthaft,
daß er jetzt, wo er sein eigner Herr werde, ein Strafgericht über seinen
gewesenen Hofmeister Adrian eröffnen müsse, insbesondre, ob derselbe seine
geistlichen Gelübde der Keuschheit gewissenhaft erfüllt habe. Alle sahen
sich verwundert an, und Adrian, der einen solchen Ton im Erzherzoge nicht
gehört hatte und seiner Unschuld sich bewußt glaubte, verlor so gänzlich
sein kaltes Blut, daß er zornig ein geistliches Gericht verlangte, um sich
der strengsten Prüfung zu unterwerfen.

"Wir wollen nicht richten", sagte Karl, "sondern nur die Zeugen verhören,
denn diese könnte uns die geistliche List entziehen!"

Bei diesen Worten gab er das verabredete Zeichen, und Bella trat in der
Livrei des Kardinals schüchtern in die Versammlung. Der Kardinal wird im
Augenblicke sichtbar rot; die übrigen wissen nicht, was der Knabe
vorzubringen habe, bis der Erzherzog den Kardinal auf sein Gewissen frägt:
Ob dieses sein Diener? ob es ein Knabe? ob er es gewußt, daß es ein
Mädchen? ob dieses Mädchen nicht in seinem Bette geschlafen

Adrian hatte seine Fassung so ganz verloren, daß er kein Wort vorbringen
konnte; keine von den vielen Spitzfindigkeiten, die er in seinem Leben
durchdisputiert hatte, fiel ihm zu seinem Schutze ein. Er sagte endlich,
daß er nichts antworten wolle, es sei eine Verschwörung gegen ihn, seine
Gutmütigkeit werde hart bestraft. Länger konnten weder der Erzherzog noch
Bella seine Verlegenheit ansehen. Der Erzherzog nahm Bella lachend in
seinen Arm und rechtfertigte ihn vor der Versammlung, indem er sagte, daß
er ihn angeführt habe, daß er ihm eine Geliebte zur Aufwartung gegeben, um
sie sich selbst näher zu rücken. Adrian atmete wieder nach dieser Rede;
die Versammlung rühmte das frühe Liebesgeschick des Erzherzogs. Chievres,
der Karl gern zum Liebhaber seiner Frau gemacht hätte, um ihn desto mehr
in seine Gewalt zu bekommen, versicherte laut, er würde seine Frau nicht
mehr mit ihm allein lassen. Der Erzherzog bat unterdessen Bella, daß sie
zur Frau von Chievres, die im Schlosse wohnte, gehen und sich recht
kostbar möchte ankleiden lassen, dann sollte sie mit derselben in die
Versammlung zurückkehren, noch habe er einige Akten für Adrians Abreise zu
unterzeichnen.

Diese Ausfertigungen waren nur ein Vorwand, sich selbst eine Zeit der
Überlegung zu verschaffen; streitige Wünsche teilten seine Seele: was er
der Liebe, was er seinem Stande schuldig, ob er eine Herzogin von Ägypten
heiraten dürfe, ob es nicht seinen Thron unsicher mache. Diese Beratung
in ihm war noch nicht beendigt, als Bella in einem prachtvollen, silbernen
Kleide, das mit roten Blumen bestreut zu sein schien, auf ihrem Haupte
eine kleine goldne Krone, an der Seite der Frau von Chievres ins Zimmer
trat und die Bewunderung aller durch ihren sichern Anstand gewann, so daß
Sauvage und Croy einander zuflüsterten, es müsse wahrscheinlich eine
Fürstin sein, die Karl heimlich zu heiraten beschlossen habe. Karl beugte
sich vor ihr, führte sie auf seinen hohen Stuhl und versuchte zu sprechen,
aber die innere Bewegung machte es ihm unmöglich. Chievres bemerkte diese
Unbestimmtheit und glaubte, ihm einen Gefallen zu tun, wenn er ihm Zeit
verschaffte; darum trat er zu ihm und erzählte, daß Adrian fortgegangen
sei, weil ihm der Schreck über seinen gefährdeten Ruf auf seinen Magen
gewirkt hätte. Dieser lächerliche Erfolg seines Mutwillens löschte für
einen Augenblick das tiefere Gefühl Karls. Der Streit schien ihm
geschlichtet, er schien ihm unnütz. Vielleicht wirkte auch die
Erschöpfung der tätigen Nacht, als er zur Versammlung sagte: "Ich erkenne
öffentlich Isabella, die Tochter des Herzogs Michael von Ägypten, als
einzige Erbin dieses Lands, als Fürstin aller Zigeuner in allen Ländern
diesseit und jenseit des Meeres und gebe ihr die Freiheit, sie alle nach
Ägypten zurückzuschicken, insofern sie selbst nur unsrer Liebe bleiben
will."

Bella, die von der Rede nur wenig vernommen hatte, weil sie sein
herrliches Ansehen dabei, seine Würde mit freundlichen Blicken bewacht
hatte, fiel ihm nach deren Ende um den Hals; das befreite Karl von aller
Sorge, daß sie eine Heirat mit ihm fordern möchte, und er küßte sie mit
doppelter Zärtlichkeit. Die Versammelten baten um den Handkuß, und
Chievres, der gern den Neigungen seines Herrn zuvorkommen wollte,
erflehete seiner Frau die Gunst, daß die Prinzeß von Ägypten künftig bei
ihr wohnen sollte, bis ihr ein eigner Palast geschafft worden sei. Karl
bewilligte aus Gnade, was er früher für eine Gnade der Frau von Chievres
sich erbeten hätte. Bella ging mit ihrer neuen Mutter nach der andern
Seite des Schlosses, Karl sprach noch einige Worte mit den Versammelten.
Es war schon spät am Morgen, als sie auseinandergingen. Die Vögel sangen
ihr Lied, und die politischen Menschen gingen zu Bette. Karl aber
streckte sich auf eine Rasenbank im Schloßgarten, wo ihn Bella aus ihrem
Zimmer ersah und nicht einschlafen mochte. Schon war in dem Hause des
Herrn von Cornelius die größte Verwirrung ausgebrochen; sein Toben unter
dem Ofen, nachdem er den ärgsten Rausch ausgeschlafen hatte, rief alle
Bewohner in den abenteuerlichsten Nachtkleidern zusammen. Alle waren mehr
oder weniger betrunken gewesen, daß sich niemand um den Herrn bekümmert
hatte, sogar der Bärnhäuter, daß er diese Nacht vergessen, nach seinem
Schatze im Sarge zu sehen. Der Kleine, der schwebend angebunden hing und
unter sich die Fliesen sah, die ein Meer mit Schiffen darstellten, glaubte
in seinem Halbrausche, er fliege über dem Meere, und wollte sich damit
sehen lassen. Als ihm aber die Bande gelöst wurden und er mit der Nase
auf dieses Meer fiel, da glaubte er sich verloren. Diese Ideen verwirrten
ihn immerfort, als er schon aufgehoben und gereinigt war. Endlich sah er
alles ein und verlangte in sein Schlafzimmer; aber neue Verwirrung
entstand, als nichts von seiner Frau zu sehen war als das verwirrte Bette.
Das war allen ein Rätsel, selbst der alten Braka und der Magd, die recht
gut wußten, daß nicht alles sei, wie es sein sollte. "Sie ist wegen
ihrer Tugend gen Himmel gefahren, mein Six, das Fenster ist offen", rief
Braka, und das staunende Wurzelmännlein sah ihr an dem Fenster nach, ob
nicht ein Paar Beine am Himmel zu sehen. Braka tröstete sich mit dem
Gedanken, daß der Erzherzog für ihr gutes Unterkommen gesorgt haben möchte.
Das Wurzelmännchen, dem eine Schwalbe etwas in den Mund fallen lassen,
sprang in liebender Verzweifelung vom Fenster zurück, um in tausend
lächerlichen Sprüngen wie unsinnig durchs ganze Haus zu laufen. Als er
die Türe noch offen fand, tobte er gegen den Bärnhäuter; als er aber den
Mantel der Geliebten und darin eine Masse ordinären Leimen fand, da wußte
er nicht, warum, aber diese Erde gewann er so lieb, als sei es die
Verlorne; er sammelte sie sorgfältig, trug sie in sein Zimmer, küßte sie
unzähligemal und suchte sie wieder in eine Gestalt zu formen, die der
Verlornen ähnlich wäre. Die Beschäftigung tröstete ihn, während unzählige
Boten von ihm den Auftrag erhielten, das Land zu durchsuchen, um von ihrem
Aufenthalt, wenigstens von dem Wege, auf dem sie entflohen, Nachricht zu
bringen. Aber keiner wußte ihm eine Auskunft zu geben, bis endlich Braka,
die sich alles Vorteils beraubt glaubte, der ihr aus der Liebe des
Erzherzogs zur Golem Bella noch zuwachsen sollte, ihm die Nachricht
brachte, Isabella, die Fürstin von Ägypten, welche auf dem Schlosse
angekommen und der zu Ehren alle Zigeuner Freiheit erhalten, sich
öffentlich wieder zu zeigen und ihr Brot zu erwerben, sei seine verlorne
Frau. Der kleine Mann stand in Verwunderung wie erstarrt, dann gürtete er
sich mit seinem Schwerte und eilte nach dem Schlosse, um vom Erzherzog
hierüber eine Auskunft zu fordern.

Der Erzherzog ließ ihn gern vor sich kommen, hörte ihn an, sprach, daß er
die Fürstin vor seinen Richterstuhl fordern wolle, und versammelte
deswegen mehrere Herren um sich her. Der Kleine war nicht wenig eitel,
daß seinetwegen solch ein Aufsehen gemacht würde; er stand so ritterlich
in den Schranken, machte so stolze Augen, daß er, wie durch eine doppelte
Brille sehend, Isabella kaum erkennen konnte, als sie in einem roten
Samtkleide, mit Hermelin besetzt, Frau von Chievres in einem weißen Damast,
auf dessen vorderer Fläche Adam und Eva unter dem Apfelbaume gewebt waren,
in das Zimmer traten und die für sie bestimmten Plätze einnahmen. Der
Erzherzog verlangte jetzt von dem Herren von Cornelius Nepos, daß er seine
Klage vortrage. Dieser hatte nicht umsonst Stunden in der Rhetorik
genommen, das wollte er allen zeigen und bewähren; sehr pathetisch ergriff
er die ehelichen Mitgefühle der Versammelten, sprach von dem ersten Glücke
der Vermählten und von der seligen, sorglosen Ruhe, in welche es alles
Streben auflöse, um in dem Erstgebornen das Herrlichste darzustellen, was
die ungeschwächte Kraft in ungestörter Leidenschaft hervorbringen könne,
weswegen auch die Menschheit alles, was sie unteilbar erblich verliehe,
nicht dem zweifelhaft größeren Talente unter den Kindern eines Vaters
überlassen möchte, sondern dem Erstgebornen, der in den allgemeinen
Gesetzen der Natur das Übergewicht seines Lebens begründet finde. Auch
diesen seinen künftigen Erstgebornen, die Freude des Landes Hadeln, wolle
ihm der Leichtsinn seiner entlaufenen Frau entziehen, nicht zu gedenken,
wie diese jetzige Unruhe schon seinem ersten, keimenden Leben nachteilig
sein müsse.

"Der Teufel hat aus dem kleinen Kerl gesprochen", sagte Chievres leise,
"Mich rührt doch sonst so leicht nichts, aber er macht einem seine Not so
plausibel."

Der Kleine fuhr fort: "Wie soll ich aber mein Unglück beschreiben, als ich
in jener Nacht, wo das Glück meines Lebens mir entführt wurde, selbst in
bangem Bette auf weitem Ozean segelte und an einem andern Bette
Schiffbruch litt--gewiß eine Vorbedeutung der Schicksale meines Ehebettes
-, was mich dann aufweckte; worauf ich mich wie einen Adler mit
ausgebreiteten Flügeln über dem Meere zur Sonne schwebend erblickte,
welches doch sicher die Herstellung meines Glückes bezeichnet."

"Ja, wahrhaftig", fiel hier Frau von Braka ein, die als Zeugin gerufen
worden, "es war doch ein schlechter Streich von den jungen Windbeuteln,
die ihn unterm Ofen angebunden hatten, denn sehen Sie ihn nur an, es ist
doch immer nur ein schwacher, verbogener Mensch, wie leicht hätte er sich
einen Schaden tun können, daß ihm das Hinterste nach vorne umgedreht
worden wäre."

Diese gutmütige Rede versetzte die Versammlung in ein allgemeines
Gelächter, und der Kleine erboste, daß er seinen Degen gegen sie zog, der
ihm aber noch frühzeitig genug von einem Hellebardierer abgenommen wurde.
Jetzt ward er in aller Form des Gerichts von Cenrio verhört, ebenso Braka,
bis sie eingestanden, daß sie unter einem angenommenen Namen in der Stadt
gelebt. Von den Anforderungen an Bella wollte aber keiner abgehen; sie
baten, den Priester kommen zu lassen, welcher die Vermählung eingesegnet
hätte. Länger konnte sich Bella nicht halten; sie fragte sie mit Unwillen,
ob sie es vergessen, wie sie von ihnen zum Hause hinausgetrieben worden,
nachdem sie von ihnen in Buik den Händen einer verruchten Kupplerin
überlassen geblieben; sie fragte, ob sie das an dem Kleinen verdient, als
sie ihn aus einer unförmlichen Wurzel zu einem kleinen Menschen
emporgetrieben?

Der Kleine und Braka gerieten in die größte Verlegenheit; Braka hatte
indessen bald ihre Überlegung flott gemacht; sie setzte schnell zur Partei
der Bella über und sagte: was sie gesprochen, sei aus Furcht vor dem
kleinen Männchen ihr in den Mund gekommen, sie müsse jetzt eingestehen,
daß irgendeine falsche Gestalt unter dem Namen Bella dem Alraun vermählt
worden sei, die jetzt, sie wüßte nicht wie, verschwunden sei; diese echte
Bella müßte sie aber als Fürstin verehren, wie sie ihr seit frühern Jahren
gedient habe. Dabei heulte sie wie eine Meute Hunde, die ihr Fressen
erwarten, und warf sich vor Bella nieder.

Der kleine Wurzelmann tobte jetzt wie ein Rasender, warf seinen Handschuh
hin und schwur, daß er mit jedem fechten wolle, der ihm seine Frau
streitig machen oder ihn für einen Alraun erklären wollte. Chievres
erklärte jetzt, daß erst dieser letzte Punkt berichtigt sein müsse, ob er
ein Mensch, um ihm ritterlichen Zweikampf einzuräumen, ferner ob er
ebenbürtig und christlicher Religion sei. Der Kleine behauptete, er habe
einen Diener, Bärnhäuter genannt, der dies alles, was ihm hier
abgestritten, bescheinigen würde, man möchte nur erlauben, daß er den
herbeiholte. Dies wurde ihm bewilligt.

In der Zwischenzeit kam durch Brakas Geschwätzigkeit an den Tag, wie der
Alraun alle verborgnen Schätze zu heben wisse und allerorten dergleichen
angetroffen habe. Chievres horchte auf und sagte zum Erzherzoge: "Gott
segnet ihre Hoheit mit einem Finanzminister in der kleinen Person dieses
Alrauns, der ihre künftige Größe fest begründen kann; unabhängig von den
Launen der Stände schafft er Eurer Hoheit künftig die Mittel, jede
Tätigkeit für sich zu benutzen. Er wird die Seele des Staates; sein Genie
wird göttliche Rechte und menschliche Wünsche, die ewig einander
widersprechen, ausgleichen können. Lange lebe der Erzherzog und sein
Reichsalraun!"

Dem Erzherzoge wurde in diesem Augenblick die künftige Klugheit, die ihn
in allen Verhältnissen leitete, vorahndend; er nickte Chievres
wohlgefällig zu und sann darauf, wie er das kleine, nützliche Wesen sich
verbinden könne. Chievres stieg in seiner Gnade und in seinem Zutrauen
durch die unerschöpfliche Erfindungskraft seiner Klugheit.

Der Erzherzog begrüßte diesmal den Kleinen sehr freundlich, als er mit dem
Bärnhäuter hereintrat, der die zurückgelassenen Kleider und das
angefangene Bild der Golem Bella trug. Der Kleine hatte dem armen Kerl
den ganzen Rest des Schatzes auf einmal zu geben versprochen, insofern er
ein recht kräftiges Zeugnis ablegte, daß es nur eine Bella gebe, daß diese
ohne alle Veranlassung nach ihrer Verheiratung aus dem Hause entwichen und
eine Masse Leimen, von ihren Kleidern und ihrem Mantel umhüllt,
zurückgelassen habe; zugleich solle er beschwören, daß er des Alrauns
Eltern gekannt, die im Lande Hadeln als gute Christen und alter Adel
bekannt gewesen. Der alte, tote geizige Bärnhäuter hatte ihm das alles
versprochen; er trat vor und begann die verabredete Lügengeschichte. Wie
aber Braka oder Bella ihn zur Rede setzten, so antwortete der
neuangefressene Teil seines Leibes, gleichsam die verbesserte Ausgabe
seiner Natur, ganz entgegengesetzt mit einer helleren Stimme:
Mensch--Nichtmensch, Bella verheiratet--Bella aus dem Haus gejagt,
durchkreuzte sich so gewaltig, daß sein Zeugnis, nachdem die Richter
mehrere Bogen beschrieben, in Null aufging. Der kleine Mann wurde fast
unsinnig aus Ungeduld, entriß dem armen, ganz in sich zerrissenen
Bärnhäuter die Kleider und das Lehmbild, jagte ihn mit Fußtritten zur Tür
hinaus und schwur ihm, daß er den Schatz jetzt, statt ihn auszuliefern, in
alle Welt als Almosen zerstreuen wolle; daß der Bärnhäuter umsonst bis zum
Jüngsten Tage von einem Herren zum andern sich verdingen solle, um ihn
zusammenzubringen; daß er umsonst für einen alten Taler einen Herren dem
andern verraten werde, umsonst im Kriege von einem zum andern übergehe, um
das Werbegeld zu stehlen; seine bessere frische Natur werde das schändlich
gewonnene Geld zur großen Qual seines alten Leibes verschenken und
verschleudern, und so werde er am Jüngsten Tage noch so arm, abgerissen
und trostlos wie im gegenwärtigen Augenblicke erscheinen(1). Nachdem der
Kleine diesen Fluch ausgesprochen, wendete er sich in trostlosem Ärger zu
der Lehmfigur. Chievres fragte ihn, wen diese Gestalt bezeichne. Der
Kleine wies auf Bella und weinte bitterlich; wer hätte aber in der langen
Gurke, welche die Mitte des breiten Erdenkloßes bezeichnete, die feine,
zierlich geschwungene Nase der schönen Bella erkannt. Seiner Art Liebe
genügte aber vorläufig dieses Bild; es war zum Erstaunen, wie zärtlich er
den von seinen Tränen angefeuchteten Ton berührte. Der arme Prometheus!
Oft sah er Bella so grimmig an, daß der Erzherzog fürchtete, er möchte ihr
das Feuer ihrer Augen ausstechen, um es seinem Erdenkloße einzupropfen.
Dann fürchtete wieder der Erzherzog, er möchte mit seinen Händen in dem
Ton einwurzeln und seine geldbringende Weisheit in der Rückkehr zur
Wurzelnatur aufgeben. Er und Bella hatten längst erraten, daß dies der
irdische Rest des Golems sei, und ihnen graute davor(2).

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(1) Der Fluch war etwas lang, aber er gehörte
ausführlich hieher, wenn sich etwa ein solcher Bedienter oder ein solcher
Soldat, mit falschen Zeugnissen versehen, irgendwo melden sollte; ein
jeder kann ihn leicht aus der zweierlei einander widersprechenden Rede
erkennen und meiden.

(2) O ihr kunstschwatzenden Menschen, die ihr in alles sinnige Treiben
unserer eigentümlichen Natur mit ewig leerem Widerhall von griechischer
Bildung hineinschreit, euch muß ich, der Erzähler, hier anreden! Ihr
dünkt euch wohl hoch über die Arbeit des Alrauns erhaben, aber ich schwöre
euch, eure leeren Augen, mit denen ihr vor den alten Götterbildern steht,
euer leeres Herz, das sich in tausend abgelebten Worten darüber ausläßt,
sieht in den herrlichsten Schöpfungen des Altertums viel weniger als der
arme Kleine in seiner halbgebildeten Masse; denn was sie ist, das wurde
sie durch ihn, und wie er bis dahin gelangt, so wird er weiter dringen.
Von euch ist aber nichts übergegangen zu den Göttern und von den Göttern
nichts zu euch. Euch sind die kunstlebendigen Götterbilder Golems, und
lösche ich euch die Worte aus, so sind sie euch in nichts zerfallen.
Leugnet ihr das? Auf, so schafft etwas Eigenes, das ihr zu jenen stellen
könnt, ohne daß ihr selbst darüber lacht--aber eure Hände sind stets arm
an Werken und euer Mund voll von Worten.
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Bella lachte nicht des Bemühens im Kleinen, dies Bild ihr ähnlich zu schaffen.
Die gutmütige Bella fühlte Mitleiden; sie bat, diese öffentliche
Versammlung zu endigen, denn sie müsse sich endlich doch sein Unglück
wieder selbst vorwerfen, denn ihr Vorwitz habe ihn aus dem ruhigen Schoß
der Erde gerufen. "Den Kuckuck mag's da ruhig gewesen sein", sagte der
Kleine, indem er sich aus Widerspruchgeist verschnappte, "die Maulwürfe,
die Reitwürmer, die Ameisen haben mich da noch viel ärger geschoren als
ihr alle zusammen."

Chievres sagte, daß diese Anerkennung hinreiche, und verließ mit den
übrigen Herren vom Hofe das Zimmer. Der Erzherzog klopfte nun dem Kleinen
auf die Schulter und sagte ihm: er möchte jetzt an den Unterschied,
welchen die Geburt, die ihn aus einer Wurzel, Bella aus einem
Fürstenstamme hervorgehen lassen, mit ernstem Gemüte denken; eigentlich
der Mann von Bella zu sein, wäre ihm nun unmöglich, denn wie in der Bibel
stände: und der Mann soll dein Herr sein, so würde das Volk, das ihr
gehorchte, ihn nie an ihrer Seite dulden; was aber möglich wäre und schon
viel wert, er sollte ihr an der linken Hand angetraut werden und mit ihr
in einem Hause unter dem Titel ihres Feldmarschalls wohnen, doch von Tisch
und Bett geschieden sein; nur müßte er geloben, um sich dieser
Auszeichnung würdig zu machen, mit unermüdlichem Fleiße alle verborgenen
Schätze aufzusuchen und ihm, als dem Schützer des künftigen Zigeunerreichs,
zu überliefern.

Der Kleine besann sich, endlich rief er: "Bravo, so ist's mir ganz recht,
und ich möchte Eurer Hoheit um den Hals fallen, wenn Sie nicht so groß
wären. Habe ich mein eignes Schlafzimmer, so werde ich ruhig liegen; ich
weiß so nicht, wozu das Schlafen soll. Meine verlorene Frau, wenn es
diese nicht ist, ließ mir keine Ruhe und hat mir ein Paar ganz neue Augen
gekostet, die ich noch im Nacken sitzen hatte und mit denen ich
voraussehen konnte, wenn ich sie vorzubringen vermochte. Das
Zusammenessen hat mir auch bei meiner vorigen Frau, wenn es diese nicht
ist, niemals sonderlich behagt: ich mochte schreien, soviel ich wollte,
sie nahm die besten Stücke, und wenn ich nicht ruhig sein wollte, schlug
sie mir mit den heißen Knochen, item mit dem Suppenlöffel ins Gesicht."

Als Bella sich dem Vorschlage ebenfalls gefügt hatte, so schickte der
Erzherzog zu demselben Pfarrer, der den Alraun schon einmal getraut hatte,
und ließ drohen, ihn bei Wasser und Brot wegen der heimlich vollzogenen
Einsegnung gefangen zu setzen, wenn er eine zweite feierliche Einsegnung
zu verrichten sich weigerte. Die arme Seele war zu allem bereit, und
abends in einer Versammlung von wenigen Vertrauten des Erzherzogs wurde
die Vermählung an der linken Hand gefeiert, welche sowohl die
untergeordneten Seelen, wie Braka, Cornelius Nepos und den geizigen
Pfarrer, als auch die Häupter unsrer Geschichte, den Erzherzog und Bella,
miteinander in ein ruhig begründetes Verhältnis zu setzen versprach. Doch
Bella weinte während der Vermählungsfeier so heftig, so unwillkürlich, daß
sie keine Einwilligung geben konnte; umsonst fragte Karl zärtlich nach der
Ursache ihrer Tränen, aber sie wußte keine, als daß ihr eine kleine Katze
eingefallen, die sie einmal des Alrauns wegen ersäuft hatte: diese Sünde
hätte sie vergessen zu beichten. Da sie keine Einwendung gegen diese
Hochzeitzeremonien machte, so wurde die Hochzeit als beendigt angesehen,
und der Kleine bezeigte noch an dem Abend seine Dankbarkeit gegen den
Erzherzog, indem er aus einer zugemauerten Nische des Schlosses einen
Schatz an Münzen und goldnen Ketten befreite, der über zweihundert Jahre
darin geruht hatte.

Der Erzherzog, als er am Abende mit Bella allein war, fühlte sich ganz
unerwartet durch die Erinnerung an die Golem Bella, wie sie in Erde
zerfallen, so gestört, und Bella konnte die alte, ganz hingebende
Vertraulichkeit so wenig in sich finden, daß beide froh waren, ihre Betten
einander nicht so nahe wie in Buik gestellt zu sehen. Der Erzherzog
versank in einen schönen Traum: es war ihm, als sähe er mit den
prachtvollen Goldketten, die ihm der Alraun gefunden, die spanischen
Großen, die selbst vor dem Könige mit bedecktem Haupte zu erscheinen
wagten, zur Erde gedrückt; es war ihm, als könnte er viele tausend
Soldaten mit diesen Ketten ziehen, und überall, wohin er mit ihnen zog,
wurde ihm gehuldigt. Sein Nebenbuhler unterdessen, der doch aus einer
Regung seines Blutes nicht schlafen konnte, fühlte sich wieder zu dem
Leimen, der jetzt seines Wurzelherzens einziger Schatz geworden war,
zurückgetrieben, und in der Begeisterung über sein Glück gelang es ihm
diesmal besser: alles bildete sich unter seinen Händen so ähnlich, daß er
entzückt den Besitz dieses selbstgeschaffnen Weibes jedem von Gott
geschaffenen vorzog, das sich unmöglich den wunderlichen Gedanken eines
solchen am Sonntage Quasimodogeniti gebornen fügen konnte. Bella aber
genoß wohl in dieser Nacht des höchsten Glückes von allen, als ein
wunderbarer Klang sie in der Mitternachtsstunde ans Fenster rief. Sie
hörte die Sprache ihres Volkes, dessen zerstreute Führer, nachdem der
Erzherzog ihnen eine Freiheit des Aufenthalts in den Niederlanden gewährt
hatte, zu der anerkannten Fürstin ihres Volkes geeilt waren, sie mit einem
Gesange nächtlich zu begrüßen, ihr Treue und Liebe bis in den Tod zu
schwören. Wir wollen es versuchen, diese herzliche Begrüßung in einer
Übersetzung wiederzugeben, nachdem wir vorher noch über die Einrichtung
ihres Tanzes gesprochen haben. Sie hatten ihre Hände und Kleider mit
einer Phosphorauflösung getränkt, die in jener Zeit nur ihnen bekannt war;
sie leuchteten in Dampfwolken, und wo sie einander berührten oder
aneinander strichen, wurde dies Leuchten zu einem hellen Glanze, der
einige Zeit nachwährte und währenddessen der Gesang einfiel:

Gebüßt sind alle Sünden!
Wir steigen ans den Flammen
Und werden uns zusammen
Bei unsrer Fürstin finden;
Wir wecken die Schöne
Mit leisem Getöne,
Es klinget die Krone,
Vom Szepter berühret,
Der endlos regieret
Vom Vater zum Sohne
Im Herrschergeschlechte
Nach göttlichem Rechte.

Es füllt des Herbstes Odem
Das Aug' mit heißen Tränen,
Das Herz mit heil'gem Sehnen
Nach unsres Landes Boden.
Jetzt sinken die Wogen,
Die alles umzogen;
Die schaffende Stunde
Durchspielet die Felder,
und blühende Wälder
Entsteigen dem Grunde,
Und zahllose Kinder
Besingen den Winter.

Komm, Bella, führ die Deinen,
Wir schwören dir die Treue,
Komm, eil mit uns ins Freie,
Vom Schloß aus tote Steinen;
Wie schwarz sind die Mauern,
Da wohnet das Trauern,
Wie klirren die Waffen
Der lauernden Wachen;
Wie freundlich wird lachen
Des Morgens Erschaffen,
Wir folgen in Zuge
Den Vögeln im Fluge.

Wohl gehörte auch Bella zu einem Geschlechte der Zugvögel, die trotz aller
zärtlichen Pflege und Liebe durch den Menschen, wenn sie die Stimme ihrer
Brüder aus den Lüften vernehmen, nicht widerstehen können. Gibt es doch
arme Völker am Eispol, denen die Freuden und Erfindungen unserer Zone kein
Gefallen abgewinnen, und die beim Anblick eines Schwanes sich ins Wasser
stürzen und mit ihm nach ihrer Heimat zu schwimmen wähnen; wieviel
mächtiger wirkt die eigentümlich überlegene Natur in dem stolzen
Herrschersinne nach, aus welchem Bella hervorgegangen. Sie war doch in
Europa wie die fremde Blume, die sich nächtlich nur erschließt, weil dann
in ihrer Heimat der Tag aufgeht. Ihre Sehnsucht, ihre Wehmut überströmten
sie grenzenlos, sie konnte nicht bleiben und wußte doch nicht, warum; sie
liebte den Erzherzog, wie sie ihn jemals geliebt, aber sie fühlte, seit er
eine andre wie sie geliebt, daß sie seine erste Liebe mit sich trüge in
die Ferne, und erst jetzt gestand sie sich, daß diese scheinbare
Vermählung, so wenig dabei die Reinheit ihrer Sitte leiden konnte, sie
tief gekränkt habe, weil ihr Karls Gesinnung, sich nicht heilig und
ewiglich, wie ihr fürstlicher Sinn gemeint, mit ihr zu vermählen, deutlich
daraus hervorgegangen sei. Was galt ihr seine Klugheit, wie er den
Reichtum sich verbinden und benutzen wollte; sie kannte nur die
Herrlichkeit der Armut, die alles besitzt, weil sie alles verschmähen kann:
sie kannte nur ihr Volk, das jede Bezahlung von ihren Herrschern
verschmähte und jede Tat für sie als schönsten Gewinn achtete. Sie nahete
sich im innern Kampfe dem Bette des Erzherzogs, sie küßte ihn; wäre er
erwacht, sie hätte nicht von ihm lassen können; aber er stieß sie im
Schlaf von sich: ihm träumte, als ob die goldne Kette, worin er die Völker
führte, ihm selbst, der sie hielt, immer enger sich um den Fuß wickelte,
daß er dadurch zu fallen fürchtete; darum stieß er sie von sich. Sie aber
fühlte das im bewegten Gemüte anders und sprang leicht aufs Fenster und zu
den Ihren herab, ohne zu denken, ob ihr Sprung hoch oder nieder; aber das
Glück ihres Volkes wollte sie unverletzt erhalten. Ihre Zimmer waren im
ersten Geschoß, und der fahrende Schüler, den seine Liebe und Traurigkeit,
nachdem er sie im Schlosse erkannt, des Nachts unter ihr Fenster getrieben,
fing sie in seinen Armen auf. Die Zigeuner erkannten sie, setzten ihr
die Krone auf, gaben den Szepter ihr in die Hand und zogen, ohne daß die
Wachen etwas bemerkt hatten, stillschweigend mit ihr und dem fahrenden
Schüler, daß er sie nicht verraten konnte, vors Tor, wo sie auf leichten
Pferden, auf verborgenen Pfaden aller Nachforschung entgingen.

Als der Erzherzog aus dem bänglichen Schlusse seines Herrschertraumes zum
Lichte aufwachte, das allen Träumen mit den kecken Worten entgegenzutreten
scheint: ihr seid nicht wahr, denn ihr besteht nicht vor mir!--da meinte
auch er, alles Traurige, was ihn bedroht, sei ein Hirngespinst gewesen.
Wer spinnt aber im Innern unsres Hirnes? Der die Sterne im Gewölbe des
Himmels in Gleichheit und Abwechselung bewegt! Der Schatz der Erzherzogs
lag unversehrt vor dem Bette, er spielte leise damit, um Bella nicht zu
erwecken. Aber der geschäftige Drang des Tages nahte immer tosender auf
allen Straßen, und Bella erwachte immer noch nicht; er rief, er sah nach
ihrem Bette, aber er fand sie nicht. Er durchlief ängstlich das Haus;
aber Bella war nicht zu errufen. "Pflückt sie mir einen Blumenstrauß,
unsern Morgen zu schmücken? Ist sie in der Frühmesse und dankt Gott für
ihr Geschick?"

Beides widerlegte die nächste Stunde, und der Erzherzog befragte ohne
Erfolg die Wachen, ließ Braka vergebens rufen. Die alte Braka weinte
ernstlich um die schöne Bella, alle schöne Aussichten schwanden ihr. Wie
aber Weiber im Unglücke sind, der vornehme Stand hält die Zunge ihres
Unwillens nicht zurück, ihr Kopf füllt sich so ganz mit einem Gefühle, daß
sie jeder Rücksicht vergessen: statt den zornigen, ungeduldigen Erzherzog
zu fürchten, machte sie ihm die bittersten Vorwürfe, daß seine Grausamkeit,
Bella mit dem Kleinen zu verheiraten, sie zur Flucht veranlaßt hätte.
Der Erzherzog schwieg beschämt, er fühlte, daß sie recht hatte, daß seine
törichte Klugheit ihm das Köstlichste entrissen, was sein ganzes Leben
ausgestattet hätte; er fühlte sich so verächtlich vor den Augen der Alten,
als der kleine Alraun nimmer vor seinen Augen gestanden. Er befahl Braka,
sich zu entfernen, und gebot ihr nachher, ein Gnadengehalt anzunehmen und
es in der Nähe seines Hofes zu verzehren, damit er jemand hätte, mit dem
er von seiner Bella reden könnte. Seine unzähligen Boten, die Deutschland
durchstreiften, kamen ohne Nachricht zurück; sein Großvater Maximilian,
der etwas von seiner Leidenschaft vernommen, hatte sie allerorten abweisen
lassen. Erst sehr spät, nachdem Isabella mit den Ihren längst
weitergegangen, erfuhr er, daß sie im Böhmerwalde von einem Prinzen
entbunden worden, der in der Taufe den Namen Lrak (der umgekehrte Name des
Vaters Karl) erhalten hätte, und daß der fahrende Schüler, der mit den
Zigeunern entwichen, durch Bellas Gunst, unter dem Namen Sleipner, einer
ihrer Anführer geworden sei.

Das Warten auf diese Nachrichten war die Ursache seines unbegreiflichen
Zögerns, ehe er aus den Niederlanden nach Spanien ging, wo sein Großvater
inzwischen gestorben war und die gewaltsame Klugheit des Ximenez, ohne
seine Gegenwart, leicht bürgerliche Kriege veranlassen konnte. Als er
diese Kunde von Isabellen erhalten, wäre er ihr gern nachgezogen, aber wo
sollte er sie treffen? Wie sollte er den Jugendträumen seiner
Herrscherlust entsagen? Doch ward ihm die Krone, die er bis dahin bloß
als Schmuck angesehen, zu einem drückenden Gewichte, und die
Feierlichkeiten, die ihm bis dahin die Zierde der Tage geschienen, zu
einer verlornen Zeit, wie das Stundenschlagen, das mit seinem Klange die
ruhige Folge sehnender Gedanken unterbricht. Irren wir nicht, so läßt
sich manche seiner Launen, an denen seine wichtigsten Unternehmungen
scheiterten, aus diesem ersten Mißgriffe seiner Klugheit erklären: diese
Gleichgültigkeit, womit er das Regierungswesen zuerst behandelte, wie er
Chievres und die Seinen in der verächtlichsten Bestechlichkeit Spanien
verderben ließ; die Sinnlichkeit, in der er sich oft zu vergessen suchte
und worin er die Stärke seines Leibes früher erschöpfte; alles
Unbefriedigte und Unbefriedigende in seinem Leben. Er bedurfte der Zeit,
großer Ereignisse, wie die Eroberung von Neuspanien und seine Ernennung
zum Kaiser, und eines unermüdlichen Gegners, um nicht früher in einen
Überdruß gegen alle Regierungsgeschäfte zu versinken; endlich bedurfte er
auch des Alrauns, um seine übereilende Tätigkeit in Wirkung zu setzen.

Was wurde aus diesem Nebenbuhler seiner Liebe? Der Kleine hatte nach
allen Kräften seiner nun doppelt verlornen Gattin nachgeforscht, aber
vergebens; doch fand er früher als Karl eine Beruhigung, indem er mit
rastloser Tätigkeit an der Beendigung des Bildes der schönen Bella
arbeitete. In seiner unruhigen Betrübnis kam Karl eines Morgens auf sein
Zimmer, begrüßte das ähnliche Bild mit einem Schrei der Verwunderung und
trug es, ohne der Bitten und Drohungen des Kleinen zu achten, auf sein
Zimmer. Während er es da mit Blumen bekränzte und kniend es begrüßte,
vernahmen die Bewohner des Schlosses ein unerträgliches Lärmen im Zimmer
des Kleinen; mit Fluchen des Kleinen hatte es angefangen, bald waren immer
mehr Stimmen darin gehört worden. Als die Wachen das Zimmer erbrachen,
geschah ein heftiger Schlag, das Zimmer roch nach Schwefel, der kleine
Wurzelmann lag zerrissen und ohne Bewegung auf dem Boden. Als er heimlich
begraben, glaubte sich Karl von ihm befreit, die Menschen glaubten ihn
gänzlich zerstört, er aber war in seiner Wut dämonisiert, und der Kaiser
wußte bald, daß er ohne eine große Buße von seiner überlästigen Gegenwart
nicht wieder los und ledig werden konnte.

Umsonst wechselte er Wohnort und Kleider, umsonst versuchte er sogar den
afrikanischen Himmel; wenn er ihn auf immer gebannt glaubte und es bewegte
irgendein böser Wunsch sein Gemüt, gleich war der Alraun ihm nahe, bald in
der Gestalt eines Heimchens, das hinter dem Ofen ihm zurief, wo er Geld
und Gelegenheit dazu finden könnte, bald als eine Spinne, die von der
Decke des Zimmers sich auf seine Schreibereien herabließ, bald als eine
Kröte, die ihm im Gartengange entgegentrat, oft schnurrte er ihn auch an
als ein fliegender Käfer, abends und nachts schrie er wie ein wilder Vogel.
Karl horchte und gehorchte nur zu oft dieser Stimme, wehe uns Nachkommen
seiner Zeit. War ihm vieles durch diesen geldbringenden Geist möglich, so
mußte er dagegen früher seine Herrscherbahn schließen, um in heiligem
Leben, in Buße und Gebet jeden bösen Wunsch zu bannen.

Zu Gent, von den Erinnerungen seiner ersten Liebe und ihres Untergangs
abgetötet, beschloß er seinen eignen Sonnenuntergang zu feiern: hier
entließ er seinen Sohn Philipp mit vielen Tränen, auch von den Gesandten
nahm er Abschied und lebte bis zu seiner Abfahrt nach Spanien in der
tiefsten Einsamkeit eines gesonderten Lebens. An seinem Geburtstage nahm
er Besitz von dem für ihn eingerichteten Hieronymitenkloster St. Just in
Spanien: er dachte, daß dieser Tag den Alraun auch auf die Welt gesetzt,
der seine irdische Bahn verletzt hatte, und sprach, daß er an eben dem
Tage, da er auf Erden sei geboren worden, auch dem Himmel wolle
wiedergeboren sein. Sein ernstes Gebet ist ihm erfüllt worden, seine
blutige Geißel, die nach seinem Tode als ein Heiligtum bewahrt worden,
bezeugt, wie schwer es ihm geworden, sich den gewohnten Lieblingsgedanken
zu entschlagen; wir aber, deren Voreltern durch sein politisches
Glaubenswesen so viel erlitten, die von des Alrauns schnöder Geldlust fort
und fort gereizt und gequält worden, und endlich selbst noch an der
Trennung Deutschlands untergingen, welche er aus Mangel frommer Einheit
und Begeisterung, indem er sie hindern wollte, hervorbrachte, wir fühlen
uns durch das erzählte Mißgeschick seiner ersten Liebe, durch diese Reue
mit seiner Natur versöhnt und sehen ein, daß nur ein Heiliger auf dem
Throne jene Zeit hätte bestehen können.

So fühlte er sich selbst auch gerechtfertigt, als er, um sein Herz zu
prüfen, ob er bereit sei zu dem großen Übergange, der selbst dem
abgelebten Alter überraschend ist, mag es sich durch Betrachtung
vorgewöhnen oder in erkünstelter Tätigkeit ihn übersehen wollen, sich ein
prächtiges Grabmal in der Klosterkirche nach eigenem Plane bauen ließ, das
in kunstreichen Galerien, welche mit den Bildnissen seiner Vorgänger
bedeckt, zur Spitze anlief, wohin sein eigener Sarg gestellt werden sollte.
Er fühlte sich gerechtfertigt, als er sich nun lebend in diesen Sarg
legte, von Trauergesang, Glockengeläut und schwarzen Kerzen begleitet,
sich einsam hinaufstellen ließ und durch die irdisch geschlossene Decke
der Kirche Isabella erblickte, wie sie ihm tröstend und liebend an den
Gefilden der ewigen Gedanken begegnete, wo die Irrtümer des Menschen mit
der Last seines Leibes in Staub zerfallen. Sie winkte ihm, und er folgte
ihr bald und sah ein helles Morgenlicht, worin Isabella ihm den Weg zum
Himmel zeigte, und fragte die Anwesenden, ob es schon so hoch am Tage sei.
Der Erzbischof sagte aber, es sei Nacht. Da befahl er seinen Geist in
Gottes Hände und starb. Befragen wir unser Herz, wie wir sterben möchten:
sicher wie Karl, die Geliebte unsrer Jugend als einen heiligen Engel
zwischen uns und der Sonne, von der wir scheiden, weil sie uns blendet;
gleichsam wie einen farbigen Vorhang, daß selbst die Schatten der
blumenpflückenden und nichts fassenden Hände gefärbt erscheinen. Jenes
Leichenbegängnis Karls muß uns nicht wie eine wunderliche Schauspielerei
erschrecken. Derselbe Gedanke, der bei dem Beherrscher einer Welt zur Tat
wurde, bewegt viele Gemüter, die ein ernstes Leben geführt haben; aber er
bleibt Gedanke und verwandelt sich sonst häufig in eine Sorgsamkeit in der
Anordnung des wirklichen Leichenbegängnisses, worin sich selten Eitelkeit,
häufiger der Wunsch äußert, ein Leben, das nach gewissen festen
Grundsätzen geführt, in derselben Gesinnung zu schließen. Unsre eitle
Zeit verachtet jede Leichenfeier, bei unsern frommen Voreltern war oft ein
anständiges Leichentuch einzige Mitgabe der Braut, und ein prachtvoller
Sarg schloß ein bescheidnes Leben. Wer wagt das Sonderbarkeit zu
schelten? Es war Nebenäußerung jener Einheit, die uns in aller ihrer
Geschichte anspricht, aber noch lebendiger in den Denkmalen ihrer
vielhundertjährigen Andacht, die in den Kirchengebäuden alter deutscher
Zeit vor uns steht. Welche Einheit und Ausgleichung aller Verhältnisse,
wie fest begründet alles an der Erde und doch alles dem Himmel eigen, zum
Himmel führend, an seiner Grenze am herrlichsten und prachtvollsten
geschlossen. Zum Himmel richtet die Kirche wie betende Hände unzählige
Blütenknospen und Reihen erhabener Bilder empor, alle zu dem Kreuze hinauf,
das die Spitze des Baues als Schluß des göttlichen Lebens auf Erden
bezeichnet, das als die höchste Pracht der Erde, die sich dadurch zu
unendlichen Taten begeistert fühlt, einzig mit dem Golde glänzt, womit
kein andres Bild oder Zeichen neben ihm in der ganzen heiligen Geschichte,
die der Bau darstellt, sich zu schmücken wagt. Nicht nur über Kaiser
Karls Leichenbegängnis, auch über sein Leben hat die Nachwelt ein
langwieriges Totengericht gehalten, aber nur die Mitlebenden können einen
Herrscher am Ende seiner Laufbahn würdigen, und wie lehrreich scheinen
darin die Totengerichte der alten Ägypter, sie gehören aber nicht in unsre
europäische Welt. Noch jetzt finden wir sie in Abessinien, noch jetzt
werden die Nachkommen unsrer Isabella auf dem Throne den Tag nach ihrem
Tode in dem Eingange der Pyramide, die ihnen als Grabstätte dient,
öffentlich ausgestellt, und jeder ist verpflichtet, auszusagen, was er
über den Verstorbenen denkt. Auch über Isabella hat dieses Totengericht
gesprochen; noch jetzt sprechen die Abessinier von diesem Totengerichte,
das sie bei ihrem Leben noch über sich halten und aufzeichnen ließ; sie
zeigen noch jetzt ihr Bild bei den Quellen des Nils, wie sie da alle in
einem Siebe vereinigt, durch das sie als unzählige Quellen zur Erde laufen,
zum Zeichen, wie sie zwar die getrennten Völkerstämme der Abessinier oder
Zigeuner vereinigte, aber nicht hindern konnte, daß sie durch innern
Streit auseinanderliefen. Wir danken diese Nachrichten dem berühmten
Reisenden Taurinius, dessen eigene Worte wir hier mitteilen wollen:
"Isabella, die berühmte Königin, berief ihren Sohn Lrak, den sie von Karl
nach der Voraussagung Adrians empfangen, ihren Feldherren Sleipner, der
als ein armer fahrender Schüler aus Gent mit ihr fortgezogen war, ferner
alle Ehrenmänner und Vorsteher des Volks, nach dem Eingange der großen
Pyramide an den Quellen des Nils, welche sie sich zum Grabmal erbaut hatte.
Es war am 20. August 1558, an demselben Tage, wo ihr geliebter Karl
sein Leichenbegängnis bei lebendem Körper mit offenen Augen feierte,
gleichsam in einer heimlichen Ahndung, als wollte sie mit einem gleichen
ernsten Vorbilde vom Leben scheiden. Sie erklärte dort, indem sie von
allen freundlichen Abschied nahm und den trostlosen Sleipner auf den
Himmel verwies, wo seine Liebe eine reiche Belohnung finden würde, und
ihren Sohn an ihr Herz drückte. Da, sage ich, denn also habe ich es
mehrmals erzählen hören, erklärte sie, daß sie sich zu krank und hinfällig
fühle, um der Regierung länger vorzustehen, und weil sie jetzt aufhöre zu
herrschen und gleichsam aus der Welt gehe, so wäre es ihr sehnlicher
Wunsch und ihre letzte Bitte, daß die alte heilige Sitte des Totengerichts
nicht bis zu ihrem wirklichen leiblichen Tode ausgesetzt bleibe, sondern
daß ein jeglicher jetzo gleich, während sie sich in ihrem Sarge ausstrecke,
vorübergehe und seine Meinung nach geleistetem Eide wahr und unverhohlen
über sie ausspreche. So hatte sie sich erklärt, und da keine Bitten,
keine Tränen ihr diesen Entschluß auszureden vermochten, so schritt man
also gleich zur Eidesleistung. Die Königin legte sich unter unzähligen
Tränen in ihren Sarg, und ein jeglicher trat seiner Würde gemäß, wie er
pflegte, vor ihr hin und ließ sein wohlüberdachtes Urteil, also, daß sie
es deutlich vernehmen konnte, in das königliche Buch eintragen. O welch
ein seliger Tag für die Reine! Wie leicht war der Tadel gegen die
Vorwürfe, die sie sich selbst gar oft soll gemacht haben. Der Priester,
der mir das Ausführlichste darüber mitteilte, las mir, wie ihr dabei
geschehen und wie selig sie während des Totengerichts verstorben sei, wie
folget, aus einer alten Pergamentrolle vor, woraus ich es sogleich in
unsre deutsche Muttersprache zu übersetzen wagte, wobei mir aber zuweilen
copia verborum gefehlet hat, weswegen ich es nochmals von Magister Uhsen
wieder übersehen und sehr verbessern lassen: Sie versank während des
Totengerichts in ein freudiges Anschauen. Aus dem Nebel, der das
herrliche Land, das sie geschaffen, bisher noch gedeckt hatte, traten ihr
erst die nahen seligen Gärten hervor, darinnen die glücklichen Kinder
ihres umgetriebnen Volkes wieder ruhig spielten; darinnen die Brunnen
sprangen, wo sonst die Krokodile im dürren Sande sich gesonnt hatten;
darinnen rote und blaue Vögel sangen, wo sonst die Schlangen gezischt
hatten. Weiterhin erschien ihr die grüne Wiese voll Blumen, und die
Lämmer mit ihren Glocken bewegten sich langsam klingend zwischen den
Halmen, wo sonst der Tod unter dem grundlosen Moraste auf alles Lebende
lauerte. Dann aber strömte der Fluß, der Fluß aller Flüsse vorüber, das
unschuldige Metall der Oberwelt glänzend poliert wie ein Schwert; von den
Rudern der Schiffer fleißig gehämmert, wo sonst nur der Fisch in seichter
Fläche zu schwimmen wagte. Aber das Herrlichste lag drüben und jenseits,
und wie sie in tiefer Seele an dem Gedanken sich entzückte, ihrem
geliebten Volke in unablässigem Bemühen alle einzelnen Steine zu den
Palästen künftiger Macht behauen zu haben, da glänzten ihr drüben schon
die Schlösser und Kirchen künftiger Herrlichkeit im aufgehenden Lichte.
Sie näherte sich verwundert dem Strome und sah nur nach drüben, wo sich
die geahndete Erfüllung in sichrer Wirklichkeit zeigte, und so stürzte sie
in den Strom und ward von ihm hinübergeführt und war drüben--mit diesem
Bilde suchte ein frommer Zeuge ihres Todes die Seligkeit ihres sterbenden
Angesichtes auszudrücken und zu erklären."--Liebreiche Isabella! wir
haben dich schuldlos erfunden im kleinen Kreise deiner Jugendliebe, warum
sollten wir zweifeln an den Erzählungen der Reisenden, daß du auch auf der
Höhe eines Thrones im Überblick einer Welt dir selbst treu geblieben bist;
denn was ist diese Welt gegen diese Treue, die unwandelbar bleibt, wo sie
einmal bewährt ist. Deine Liebe ist nicht untergegangen in ihrer
Verschmähung, der eine sollte sie nicht begreifen, nicht würdigen, nicht
bewahren, daß sie übergehe zu einem Volke, welches in deiner Liebe sich
befreite. Kein Leiden, keine Reue, kein Zweifel wird deinen Blick
zurückgewendet haben zu dem, den du verlassen, weil er dich aufgegeben
hatte; was in reiner Seele die Begeisterung eines Augenblickes tut, bleibt
ihr notwendiges Gesetz in Ewigkeit. Reines Bild des jugendlichen Lebens,
wir blicken zu dir und flehen: Reinige uns von eingebildeten Leiden der
Liebe und von angebildeten Sünden der Zeit; das Totengericht der Menschen
soll uns nicht schrecken, aber wer scheut nicht die Totenrichter in sich
selbst, die unerbittliche Strenge der Gedanken, die sich nicht täuschen
lassen, wo wir andern genügen, aber nicht der eignen Kraft; heilige
Isabella, wehe Himmelsluft auf meine heiße Stirne, wenn ich Gericht halte
über mich selbst!

Am Himmel steht ein drohender Komet und glühet den Herbst zum Sommer, wozu
wird er den Frühling entbrennen? Sei getrost, liebe Seele, sei getrost,
du Welt, dir ist viel vom Herren verheißen.

Book of the day: