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Gockel, Hinkel und Gackeleia by Clemens Brentano

Part 4 out of 4

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sollst zum Lohne deiner Güte nun auch den Ring immer am Finger haben,
du sollst Alles wünschen, was du willst!" Gackeleia sagte: "ich
nehme es an, vor Allem wollen wir die drei Esel, welche im Hofe
stehen mit Allem bepacken; was ich dem guten Mäusekönig versprochen
habe und dann sollt ihr sehen, wie vernünftig ich wünschen will."

Nun giengen sie hinab und wünschten, nachdem die Käse und die
Schinken den Eseln auf den Rücken gepackt waren, den Königsberger
Marzipan, den Thornischen Pfefferkuchen, die Jauerischen Bratwürste,
die Spandauer Zimmetbretzeln, den Nürnberger Lebkuchen, die
Frankfurter Brenten, die Sachsenhauser Kugelhupfen, die Mainzer
Vitzen, die Gelnhausner Bubenschenkel, die Koblenzer Todtenbeinchen,
die Liestaller Leckerli und die Botzener Zelten auch dazu, welche
sich ohne Verzug einstellten und die Esel so belasteten, daß sie
schier niederbrachen.

Als nun die Zeit kam, daß Prinz Speckelfleck und Prinzessin Sissi
Abschied nehmen wollten, drehte Gackeleia den Ring Salomonis mit dem
Wunsch, die Sprache der Mäuse zu verstehen, ohne grade zu schlafen,
und dadurch ward die Unterhaltung jetzt ganz leicht. Gackeleia sagte:
"Meine liebsten durchlauchtigen Freunde! Euer Abschied thut mir
sehr leid, wir verdanken euch Alles; ich will es euch belohnen. Ihr
habt gesehen was der Ring vermag; die Petschierstecher hat er in Esel
verwandelt--so ihr es verlangt, soll er euch gleich in Menschen
verwandeln, und ihr könnt für immer hier bei uns bleiben."--Die
beiden Mäuschen schauten sich ernsthaft an und dann erwiederte Sissi:
"Gackeleia, du sagst ein großes Wort--aber lasse uns bleiben, was wir
sind, wir wollen uns nicht von unserm Volke trennen, wolltest du auch
unser ganzes Volk zu Menschen machen, wo wäre das Land, das sie
fassen und ernähren könnte? o es gäbe Mord und Todschlag und
Hungersnoth! nein, wir sind uns als Mäuse genug; uns bleibt Nichts
mehr zu wünschen übrig, als daß wir, glücklich nach Hause gekommen,
die Verschwörung Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog mit der
Pulvertonne in dem herrlichen Monumente Gackeleioeum auf ewig
eingemauert finden, daß wir unsre königlichen Eltern mit all den
köstlichen Leckerbissen erquicken können und daß weder Papa noch Mama
sich den Magen verdirbt. O die Einweihung des Monuments wird
monumental werden!--o wie hinreißend wird Muskulus deklamiren! wie
süß wird der edle Piloris duften!"--da fiel Speckelfleck ein: "und
wie bezaubernd die holde Marquise Marmotte tanzen!"--Sissi aber that,
als wenn sie ihn nicht hörte; und Gackeleia erwiederte: "Sissi! du
sprichst sehr vernünftig, aber frage doch den anmuthigen jungen Igel,
ob er vielleicht ein Mensch seyn möchte, er scheint mir melancholisch;
--"ich glaube kaum," versetzte Sissi", aber ich will es thun."

Als hierauf Prinz Pfiffi und Prinzessin Sissi von ihren Freunden den
zärtlichsten Abschied genommen hatten, befestigte Gockel den falschen
Ring Salomonis dem Esel, der ihn nachgemacht hatte, als ein Andenken
in das Ohr, heftete ihm seine Pudelmütze auf den Kopf und setzte die
Mäuschen hinein, dann ließen sie durch die Treiber die drei Esel nach
dem Mäuseland hintreiben und recht viele schöne Grüße ausrichten.

Als sie fort waren, sagte Gackeleia: "jetzt wollen wir auch einmal in
unsre Schloßkapelle gehen und sehen, wie sie sich verändert hat."
Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die Glocke zu läuten
anfieng und sie in die Kapelle rief. Sie traten hinein und konnten
sich nicht satt sehen, wie Alles so reinlich und festlich mit Blumen
und Laubkränzen geschmückt war. Alle Wände und Steinbilder, das
Grabmal des Urgockels und die Bilder aus seinem Leben waren wie neu,
rein und polirt. Es war eine schöne Kanzel an der Seite und
gegenüber eine Orgel mit einem stattlichen Organisten und seinen
Blasebalgtretern. Mehrere kleine Jungen läuteten am Glockenstrang
aus Leibeskräften. Ein Anderer lief mit Wasser und Sprengwedel umher
und sprengte, daß es kühl sey. An einer Seite streuten
weißgekleidete Mädchen Blumen, an der anderen standen Knaben hinter
großen Sträußern versteckt. Aber es war doch keine rechte Kapelle,
der Altar war auch nicht, wie zu Urgockels Zeiten, da waren keine
Leuchter, keine Kerzen, kein Heiligthum. Der Ring Salomonis hatte
sein Mögliches gethan; aber er kann nur Zeitliches, Natürliches,
Künstliches, Weltliches, aber nichts Ewiges und Geistliches geben.

Als sie Alles mit Freuden betrachtet hatten, wurden sie durch den
Anblick des Hahns auf dem Grabmal des Urgockels recht lebhaft an den
guten Alektryo erinnert. Sie dachten an das Halsgericht, das Gockel
hier gehalten. Frau Hinkel und Gackeleia schlugen die Augen nieder;
da spielte auf einmal der Organist eine sehr rührende Arie: "Wie sie
so sanft ruhn." Es war ein gar feierlicher Moment.--"Ach der edle
Alektryo!" seufzte Gockel, "ich kanns nicht aushalten," schluchzte
Frau Hinkel, "ach wäre er nur wieder da!"--"Ei," dachte Gackeleia,
"dazu kann ich helfen" und drehte ganz still an ihrem Ring:

"Salomo du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Mache meine Eltern froh
Durch den Hahn Alektryo;
Ringlein! Ringlein! dreh' dich um,
Mach geschwind, ich bitt' dich drum."

Da hob sich ein Wölkchen auf der Stelle aus dem Boden, wo die Gebeine
Alektryo's verbrannt worden waren, und wirbelte und ballte sich
zusammen und ward wie ein Hahn und der Uralektryo auf dem Grabmal
rührte sich, streckte den Hals, schlug mit den Flügeln und krähte
durchdringend, und es fuhr wie ein Feuerstrahl aus seiner Kehle
sichelförmig zu der kleinen Wolke nieder, die im Augenblick der alte
kräftige Alektryo ward, auf Gockels Schulter flog, mit den Flügeln
schlug und mit ritterlichem Krähen dem steinernen Hahn antwortete,
worauf draußen in dem Hühnerhof alle Hahnen antworteten; es gieng wie
ein Zurufen der Schildwachen von Hahn zu Hahn das Krähen umher.

Aller Freude über Alektryo war sehr groß, er selbst aber war
tiefsinnig und nachdenklich, er meditirte. Da nun von allen Seiten
die Hühner und Hahnen in die Kapelle hinein kamen, den Alektryo zu
sehen, benutzte dieser die durch seine Wiedergeburt erschütterten
Hahnenherzen und Hühnergemüther, schwang sich auf die Kanzel empor
und hielt eine ganz erstaunlich ergreifende Rede über Familienglück
und Kinderzucht, so daß auch kein Hühnerauge ohne Mitgefühl blieb,
all das unten zuhörende Federvieh schluchzte und piepte ganz
leise--der Organist accompagnirte gar lieblich mit einer
melancholischen Arie: "Ach Schwester! die du sicher u.s.w." Auch die
raugräfliche Familie war sehr gerührt.

Als nun Alektryo am Schluße seiner Rede ausrief: "ist jemand unter
den verehrten Anwesenden, der feierliche Verlöbniß oder Hochzeit zu
halten wünscht?"--drehte Gackeleia den Ring, ohne zu wissen wie, und
sprach ganz heimlich, ohne zu wissen was:

"Salomo du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Bring' doch den Kronovus her
So ganz, wie von ungefähr;
Ringlein! Ringlein! dreh' dich um,
Mach' geschwind, ich bitt' dich drum."

Da ertönten plötzlich Jagdhörner im Schloßhof. Gackeleia lief hinaus,
als ob ihr der Kopf brenne, und sah das Prinzchen Kronovus in einem
grünen Jagdröckchen von seinem Schimmelchen springen, und sie flogen
sich einander in die Arme mit dem Ausruf: "Ach wie bist du so groß,
bück dich!"--"Ach wie bist du so klein, streck dich!" Gackeleia aber
drehte schnell den Ring hinter dem Rücken des Kronovus und wünschte,
daß er so erwachsen und verständig seyn möge, als sie selbst, und
sieh da, er ward es zusehends, worüber sie eine große Freude hatte.
Da eilte sie mit ihm in die Kapelle, sein Jagdgefolge aber blieb in
den Thüren stehen.

Gockel und Hinkel grüßten den Kronovus herzlich und dieser sagte
sogleich, da sein Herr Vater Eifrasius und seine Frau Mutter Eilegia,
das Zeitliche gesegnet hätten und mit Tod abgegangen seyen, erkläre
er ihnen, daß, so sie ihm die Hand ihrer Tochter Gackeleia geben
wollten, er sie zu seiner Königin von Gelnhausen zu machen Willens
sey. Da alle Theile zufrieden waren, führten die Eltern das junge
Paar zu dem blumengeschmückten Altar.

Indessen spielte und sang der Organist die schöne Arie: "Schönstes
Hirschlein über die Maßen, hörst du nicht den Jäger blasen?"
Alektryo aber schrie dreimal hinter einander von der Kanzel:

"Zum Verlöbniß hier sich melden
Die Hochachtbar Wohlbestellten,
Majestät Kronovus, König
Von Gelnhausen, oberthänig,
Mit der zarten Raugräfinn
Gackeleia, unterthänig,
Grafen Gockels Gau-Erbinn,
Wend't Niemand was dawider ein,
So sollen sie verlobet seyn!"

Kein Piepswörtchen von einer Einwendung ließ sich hören, als er aber
zum drittenmal fragte: "wer wendet was dawider ein?" erschallte eine
dumpfe Stimme, die alle erschreckte:

"Ich Urgockelio sag: Nein!"

Alles schaute das Bild des Urgockels an, Kronovus aber zog grimmig
seinen Degen und schrie gegen den Grabstein:

"Wer wagt's und spricht ein Wort darein?"

Urgockel aber schlug mit der Ruthe auf das steinerne Abc-buch, daß es
rasselte und sprach, die Augen wie ein erzürnter Schulmeister rollend:

"Gleich steck' mir ein den Flederwisch,
Sonst ich dich bei dem Fell erwisch'
Und lasse dir die Kunstfigur
Von Birkenreis recht tüchtig schmecken;
Kennst du sie nicht? die Braut frag' nur,
Sie wird dir, wie sie schmeckt, entdecken!"

Das plötzliche Reden des steinernen Urgockels brachte keine geringe
Störung unter die hohen Anwesenden und deren Federvieh, Gackeleia
hatte kaum das Wort "Kunstfigur von Besenreis" gehört, als eine
glühende Röthe ihre Wangen überzog; aber sie sammelte sich
augenblicklich und winkte dem Organisten, der in einem Spiegelchen
Alles sah, was am Altare geschah, und dieser ließ plötzlich alle
Pfeifen los und machte einen Tusch wie mit Paucken und Trompeten, so
daß die ganze Drohung Urgockels nicht gehört ward. Indessen zog
Gackeleia die Kunstfigur auf, gab ihr einen kleinen Klingelbeutel in
die Händchen und ließ sie unter den anwesenden Hühnern herumschnurren,
mehrere junge Hahnen aber, welche kein kleines Geld bei sich hatten,
fiengen darüber zu schwätzen und endlich zu streiten an, und ein
kleiner Junge nahm einen Sprengwedel und spritzte unter sie, daß sie
mit großem Geschrei wegliefen, dazu schrie Alektryo fortwährend von
der Kanzel, und Gackeleia war herzlich froh, daß man über all dem
Spektakel die Worte Urgockels nicht gehört und Kronovus seinen Degen
wieder eingesteckt hatte. Als es wieder etwas ruhig geworden, rief
Alektryo zum drittenmal:

"Wendt Niemand was dawider ein,
So sollen sie verlobet seyn!"

und aller Anwesenden Augen waren auf das Bild Urgockels gerichtete
welches sprach:

"Ich segne euer Bündniß nur,
Wenn ihr gehalten euern Schwur,
Den ihr bei meinem Namen sprachet,
Als ihr beim Fest die Bretzel brachet,
Nur dann einander nie zu lassen,
Wenn die gebrochnen Stücke passen!"

Urgockel hatte aber diese Worte kaum ausgesprochen, als auch
Gackeleia gleich aus ihrem Körbchen und Kronovus aus seiner
Jagdtasche, die Hälfte der Bretzel und des Bubenschenkels hervorzogen
und zusammenhielten; und die Bruchstücke paßten so scharf zusammen,
als ob sie eben jetzt erst gebrochen wären.--Sie entschuldigten sich
nicht, daß sie ihr Gelübde in der Freude des Wiedersehens vergessen
hatten, aber sie wurden bei den Worten Urgockels roth bis über die
Ohren und sahen ganz blöd vor sich hin, weil sie sich beschämt
fühlten.

Bei dieser feierlichen Handlung herrschte eine allgemeine Stille, man
hörte nichts als das Glöckchen am Klingelbeutel, den die Kunstfigur
herumtrug. Urgockel aber streckte seine steinerne Hand hervor und
segnete Kronovus und Gackeleia mit den Worten:

"Wie die beiden Hälften Eines,
Trenne sich vom Andern Keines;
Und in euren Wappenschilden
Sollt in einem Myrthenkranz
Ihr im goldnem Feld abbilden,
Glänzend, unverletzt und ganz,
Bretzel und auch Bubenschenkel
Zum Gedächtniß später Enkel.
Zwei gekrönte Mäuschen fein
Sollen die Schildhalter seyn;
Unter'm Schild am Ordensband
Hänge als der Treue Pfand
Des Kronovus buntes Ei,
Worauf Vivat Gackelei.
Auf des Schilds zwei Helmen stehen
Königskrone, Grafenkrone,
Und Alektryo mit Krähen
Auf der Königskrone throne
Und ein starkes Nest behüte,
Worin Frau Gallina brüte.
Auf der Grafenkrone Rand
Schweb' in purpurnem Gewand,
Hebend mit der kleinen Hand
Hoch des Glückes Unterpfand,
Salomonis Siegelring,
Jenes liebe Wunderding,
Keine Puppe, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur!"

Nach diesen Worten zog Urgockel seine Hand wieder zurück und war ein
unbeweglicher Grabstein wie zu vor. Der Organist aber sang eine
schöne kunstfigurirte Arie, wozu Menschen und Federvieh einstimmten
und die Glocken läuteten--denn sieh, ein merkwürdiges Ereigniß hatte
den Bund bekräftiget, die beiden Stücke der Bretzel und des
Bubenschenkels waren fest und wieder Eins geworden, als seyen sie nie
getrennt gewesen.--Gackeleia aber drehte den Ring mit dem Wunsche das
Wappen möge nach dem Willen Urgockels fertig seyn und sogleich stand
es auf einer schönen Fahne neben der Orgel. Schon wollte man sich
ordnen mit der vorgetragenen Fahne in den Speisesaal zu ziehen, als
Gackeleia an den goldnen Hahn, die goldne Henne, das Geschenk von
Salomo und der Königin von Saba gedachte, das sonst bei jeder
Hochzeit in Gockelsruh im Brautzug getragen worden. Schnell drehte
sie den Ring und wünschte, dieses Kleinod möge sich im Schatze der
Kapelle befinden und in ihrem Zuge getragen werden.--Da trat ein
Jüngling und eine Jungfrau, beide in morgenländischer Tracht,
herrlich geschmückt in die Kapelle vor eine eiserne Thüre in der Wand,
die mit Rasseln aufsprang. Da sah man die beiden Brautgeschenke
schimmernd stehen. Sie nahmen sie heraus und präsentirten sie dem
Brautpaare, welche sie auf den Altare stellten und mit großer Freude
anschauten.--Indem nun Alektryo von der Kanzel das Bild der brütenden
Gallina in der goldnen Henne erkannte, schlug er mit den Flügeln und
krähte gar wehmüthig. Gackeleia verstand seine Sehnsucht und drehte
den Ring, auch die gute Gallina möge wieder im Kreise ihrer Lieben
verweilen. Da hob sich ein Wölkchen auf dem Grabstein, wo die
Gebeine Gallinas und ihrer Jungen verbrannt worden, wirbelte, drehte,
ballte sich und ward zum großen Erstaunen aller Anwesenden Hühner,
denen die Federn darüber zu Berge stiegen--Gallina; Alektryo
unterbrach seine ernste Rede und flog von der Kanzel zu seiner
Gefährtin nieder, die er freudig begrüßte; aber Alektryo besann sich,
flog wieder auf die Kanzel, bat die Anwesenden um Vergebung, daß er
von der Freude des Wiedersehens hingerissen, ihre ernsten
Betrachtungen unterbrochen habe und forderte abermals jene sich zu
melden auf, welche sich zu vereinigen gedächten.

Da trat die Primadonna von Gelnhausen in die Kapelle und da der
Organist eben die Fuge anstimmte:

"Laurentia, schönste Laurentia mein,
Wann werden wir endlich vereiniget seyn?"

wollte sie künftig die Fugen nicht mehr Solo singen, sondern mit ihm,
da sie aber sich immer mit dem Gesang einander flohen und nachließen,
ohne jemals sich zu vereinigen und ihr Zusammensingen eine Fuga
perpetua, eine immerwährende Flucht war, und da der gräfliche
Erztruchseß hereintrat, vermeldend, daß bereits servirt sey und bei
längerem Verziehen das Fett am Hammelsbraten leicht gerinnen könne,
so ordnete sich der Brautzug die Kapelle zu verlassen.

Man hatte die Wappenfahne bereits in Bewegung gesetzt, die Träger der
Braut-Henne und des Braut-Hahnes hielten bereits diese
Reichskleinodien auf purpurnen Sammtkissen vor ihrer Brust, und
Kronovus und Gackeleia wollten so eben von den Stufen des Altares
herabsteigen, als Urgockel auf dem Grabstein sich abermals sehr
heftig bewegte und mit drohender Stimme sprach:

"Wohl ist das Sprichwort wahr gestellt:
Undank ist stets der Lohn der Welt,
Undank ward dem Alektryo,
Undank dem Urgockelio.
Ich habe euch den Ring geschenkt,
Doch ist hier Niemand, der mein denkt,
Ich muß euch Ringe wechseln sehn
Und Keiner will den Ring mir drehn,
Ich stehe hier auf meinem Stein--
Verlassen, einsam, ganz allein,
Und draußen bei der Linde ruht
Mein edles Weib, Urhinkel gut,
Sie wählte diesen Ort zum Grab,
Weil ich sie dort errettet hab'.
Drei Lilien stehn auf ihrer Gruft
Und senden Weihrauch in die Luft;
Wenn ein Geschick vorübergeht,
Ihr Geist bei diesen Lilien steht,
Mit denen er zum Himmel fleht'
Und Gott erhöret ihr Gebet.
Die Lilien leuchten dann zumal,
Die Sterne senken Strahl um Strahl
In ihre reinen Kelche ein;
Auch schweben schöne Engelein
In sie hinein und singen fein;
Das höret Alles klar und rein
Urhinkel an und stimmt mit ein
Und läßt das weiße Schleierlein
Im Sternenschein, im Mondenschein,
Hin spielen in den Lüftelein;
Ich aber muß hier einsam seyn
Und recht in meines Herzens Pein,
Wie's Kindlein nach dem Mütterlein,
Nach dem Urhinkel draußen schrein:
O laß doch den Urgockel dein
Nicht so allein, allein, allein!
Du plauderst draußen mit der Lilie,
Vom Thau berauscht im Sternenschein,
Mich hüllt hier trocken ohne Familie
Der alte kalte Epheu ein.
Urhinkel komm! ich rück' zur Seite,
Du bist ja Bein von meinem Bein,
Es ist vollkommen für uns Beide
Raum, Licht und Luft auf diesem Stein."

Dann schaute Urgockel das Brautpaar sehr gebieterisch an und fuhr
fort:

"Was euch ist recht, das ist mir billig,
Ihr wollet zwei und zwei hier seyn,
Und drum in Zukunft nicht mehr will ich
Das ein mal eins hier seyn allein;
Dreh, Gackelei den Ring und führe
Die Ahnfrau her mit Sang und Klang;
Bleibt Wahrheit immer vor der Thüre,
Wird Zeit und Mährchen stäts zu lang."

Gackeleia, welche großes Mitleid mit dem Urgockel hatte, drehte den
Ring Salomonis schnell, schnell mit dem Wunsche, die Gebeine der Frau
Urhinkel möchten aus dem Grabe unter der Hennenlinde erhoben und
Alles bereit seyn, um sie in die Gruft Urgockels beisetzen zu können.
Als sie nun aus der Kapelle hinausgezogen waren, fanden sie Alles
folgendermassen geordnet; im Schatten der Hennenlinde um das
Hennenkreuz standen bei den Lilien drei schneeweiß gekleidete
Klosterjungfrauen und mitten zwischen ihnen schwebte der Geist der
Frau Urhinkel von Hennegau in einem schneeweißen, schimmernden Gewand;
ihr von langen schwarzen Locken umströmtes Haupt war über einem
weißen Schleier mit weißen Rosen gekrönt, auf ihrer Schulter saß eine
weiße Henne, in der einen Hand hielt sie eine goldne Spindel, in der
andern ein feines leuchtendes Brod. Ihr Angesicht war nicht irdisch
schön, aber von einer himmlischen Liebe und Freundlichkeit übergossen,
man konnte nicht aufhören, sie anzuschauen, ihr Blick war eine
segnende Verbindung von Thau und mildem Sonnenlicht. In kleiner
Entfernung von ihnen war das Grab der Ahnfrau eröffnet und stand
neben demselben ihr irdisches Kleid im Sarge auf einer Tragbahre;
nicht weit von diesem aber bei jenen Kräutern, die bei dem Begräbniß
Gallina's so großes Beileid bezeugt hatten, stand die Erscheinung von
acht altfränkisch festlich gekleideten Jungfrauen, sie waren mit
Kräutern bekränzt und mit einem Orden an amaranthfarbigem Band
geschmückt. Eine jede trug ein schönes Huhn in einem Körbchen unter
dem Arm. Sie blickten alle mit dem Ausdruck ernster Freude und
Rührung nach dem Geiste und dem Leibe der Ahnfrau und waren in einer
lieblich schwebenden Bewegung. Sie schienen Etwas zu erwarten, die
Tragbahre war mit einer tiefrothen Sammtdecke, worauf das
Hennegausche Wappen in Gold gestickt, bedeckt. Auf dieser Bahre
stand nun der offne Sarg, worin die liebste Frau Urhinkel ruhte; aber
welch ein seltsamer Sarg! es war ein langer Gitterkorb von Zypressen
und Myrthenzweigen geflochten und mit erstaunlich vielerlei Blumen
durchschlungen, welche durch ihre Namen und Bedeutungen ausdrückten,
wie sehr die Todte von den Armen geliebt worden war, die ihr den Sarg
geflochten und ausgeschmückt hatten und ihrer Leiche gefolgt waren.
Gackeleia hatte oft von dem Blumensarg ihrer Ahnfrau erzählen hören.
Es gab ein Mährchen davon in der Gockelschen Familie, das man den
Kindern erzählte, um ihnen Milde gegen die Armen einzuflößen.--Nun
sah sie diesen Blumensarg vor ihren Augen; aber er war ganz welk und
verdorrt.--Sie wollte um Alles in der Welt den Blumensarg wieder in
seiner ganzen Schönheit sehen. So drehte sie dann den Ring Salomonis
mit den Worten:

"Salomo, du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Lasse neu den Sarg verzieren
Mit des Dankes Blumengaben;
Wolle uns vorüber führen
Alle Armen, alle Kinder,
Die den Sarg gewebet haben;
All der Liebe Kränzewinder,
Die in Blumen einst begraben
Dieses Herz, den Trost der Kinder.
Sende all die Kronenbinder,
Jene Blumen einzusammeln,
Jene Kräuter, jene Halmen,
Deren Namen Wünsche stammeln,
Deren Namen Dankespsalmen,
Süße Grüße, Wohlgefallen,
Wie unschuldige Kinder lallen.
Um das Bettlein, wo in Frieden
Ruht das ird'sche Kleid der Braut,
Die vom Leib der Zeit geschieden,
Ward dem ew'gen Geist getraut,
Werde von dem Dank hienieden
Neu ein Blumenzelt gebaut.
Schmücket neu dies Herz mit Blüthen,
Liebeswerke, die drin glühten,
Daß die Blumen, Erdensterne,
Zeitlich hier den Leib umkränzen,
Wie des Himmels Blumen, Sterne,
Ewig dort den Geist umglänzen;
Ringlein! Ringlein! dreh dich um,
Schmück' den Sarg, ich bitt dich drum!"

Auf diese Worte Gackeleias ertönte ein leiser, ungemein reiner und
lieblicher Gesang von den drei Lilien her, welche zu Häupten des
Hennenkreuzes standen:

"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Nach diesen Stimmen nahte hinter der Linde hervor von beiden Seiten
eine gar rührende Prozession von Greisen, Männern, Frauen, Jünglingen
und Jungfrauen, Knaben und Mägdlein, ja Säuglingen auf den Armen der
Mütter. Alle waren sie durch Kränze und Gewinde der manichfaltigsten
Blumen und Kräuter verbunden, die sie in der einen Hand hielten,
während sie in der andern an weißen Stäben schimmernde Fahnen trugen
und rings um Frau Urhinkel aufpflanzten. Diese Fahnen aber bestanden
aus nichts anderm, als aus Hemden, Strümpfen, Röcken, Wämsern und
besonders aus vielen allerliebsten, kleinen Kindermützchen, welche
Frau Urhinkel mit eigenen Händen verfertigt hatte, um die Armen damit
zu bekleiden. Alle die Kleidungsstücke schimmerten wie Silber und
Gold und was mit großem Fleiße, mit großer Liebe und Ueberwindung
genäht war, das war wie mit Edelsteinen und Perlen ausgeziert. Es
waren die Werke der Frau Urhinkel, welche ihr nachfolgten. Als nun
alle diese Siegsfahnen um die liebe Seele aufgepflanzt waren, zogen
die Geister der Armen, welche sie durch milde Austheilung der Gaben
Gottes vor Noth, Verzweiflung und Verbrechen gehütet und als dankbare
Kinder in das Haus des Vaters geführt hatte, hin zu dem Sargkorbe,
worin der Leib ihrer Wohlthäterin ruhte, und verwandelten ihn mit
allen ihren Laubgewinden durchflechtend in ein Schiff von Blumen.
Die guten, dankbaren Seelen schmückten das Ruhebettlein der Ahnfrau
mit allem Danke, aller Liebe, die sich durch Blumennamen aussprechen
lassen, und als der Blumensarg neu erblüht war, brach Gackeleia
freudig in die Worte aus:

"o das ist eine schöne Leichenrede, das sind keine rednerischen
Blumen, das ist eine Blumenrede, mir ist, als spräche ich selbst so,
wenn ich diese Blumengewinde ansehe; denn was die Blumen heißen, das
sind sie mir!"

"Ja, liebe Ahnfrau, da ist Augentrost für dich, welche alle Thränen
getrocknet, Liebäugelein für dich, weil du alle Arme so lieblich
anblicktest, brennende Liebe mit den granatrothen Blumen, weil dein
Herz von Nächstenliebe geglüht; Thymian, das gewürzige Demuthkraut
für dich du Demüthige; Ehrenpreis für dich du aller Ehren werthe;
Engelsüß und Engelblume sprechen: "du süßer milder Engel in aller
Noth!--O du Herzblümlein, du Herzenstrost, du Herzensfreude flüstern
drei andre Blümlein;--du Honigblümchen, je länger je lieber hatten
wir dich, sagen andre.--Wie viele stammeln mit Kinderaugen, "Vergiß
mein nicht."-Das Schlafkräutlein spricht: "schlummere süß"--und das
Fühlkraut: "rühr mich nicht an."--Das Mollenkraut, das Wunderbäumchen,
Palme Christi säußelt um dein Haupt.--Das Herrgottsbärtlein weht
durch deine Locken.--Die Passionsblume schaut dich an--ruhe sanft
lieb Denkeli--an deinem schattigen sonnigen Herzen, du Liebstöckel,
blühet dein Herzgespann, das demüthige Sophienkraut, das
Sonnenbräutlein, der Sonnenthau füllt ihm die Löffelchen seiner Hände,
im tiefsten Schatten, wie in glühender Sonne heilend und erquickend.
Dem lieben Herzen, dem es nahe ist, müssen die Feinde vergeben, wie
es ihnen vergiebt, alle müssen es lieben, kein Zauber kann es kränken,
selbst der eigne nicht.--O schlummre selig, der Engeltrank dir Wohl
verleih!--Sey Wohlgemuth, Gottes Gnade, Gottes Hülfe, Gottes Heil
sind mit dir.--Zum Himmel kehr dich du Sonnenwende.--Wandle träumend
durch den Himmelsthau zu dem Kreuzblümlein, dem Jesusblümlein.--Der
Heiland legt den Himmelsschlüssel in deine Hände--Du ewige Blume.
--Gotteshülfe sey dir ewig grün.--Tausendblättchen hast du reine,
feine Garbe voll Heilkraft--und Floramor, Tausendschön, die
purpursammtne Amaranthe schimmert dich an, daß dir das Herz lacht u.s.
w.--Wer kann alle Liebe aussprechen, welche die Blumen
stammelten?--Zu ihren Füßen deutete die Jerusalemsblume, die feurige
Liebe, die Mannstreue auf die Liebe und Treue Graf Gockels. Alle
diese Blumen waren von vielen weißen Rosen durchflochten und an den
Ecken des Sarges ragten Lilien hervor, und beide wußten nichts
freudigeres zu sagen, als, "sie liebte uns." In der Hand hatte die
liebe Todte einige Heilkräuter, einen Strauß von Schlüsselblumen,
Chamomillen, Melissen, weißen Nesseln, Lindenblüthe und
Orangenblättern.--Ein Monatröschen, das sie lange gepflegt, blühte in
einem Körbchen an ihrer Seite.--Die ganze sprechende Blumendecke des
Sarges war von einer immergrünen Epheuranke übersponnen, welche an
dem Kreuze zu Häupten des Sarges hinanrankend sagte: "immergrün ist
meine Treue, wer will mich trennen von meiner Liebe, ich halte ihn
und lasse ihn nicht. Wer ist treuer als ich? selbst von der Wurzel
getrennt, lasse ich nicht von dem, was ich umarmte, und grüne und
lebe klammernd an meiner Stütze. Mit ewigem Grün umschließet die
Treue die Asche der Todten und bindet die Scherben der Urne; denn
losgerissen würde sie sterben. Selbst den gefallenen Stamm umgrüne
ich. Seit ich lebe, ringe ich aufwärts, nicht aus eigener Kraft,
sondern getragen von zuvorkommender Gnade, die ich dankbar mit den
Wurzeln meiner Zweige erfaße.--Weil ich barmherzig den nackten Fels
bekleide, decket die ewige Liebe meine eigne Armuth und trägt mich
aufwärts mit den Barmherzigen, die sie selig spricht; auf daß ich
aufsteige aus der Wüste, gestützt auf den Geliebten überfließend von
Beglückungen."--Solches und vieles andere stammelten die Blumen und
Kräuter, womit die Geister der dankbaren Armen, denen Frau Urhinkel
alle Barmherzigkeit erwiesen hatte, ihren Sarg von neuem schmückten.
--Als sie den Sarg geschmückt hatten, zogen sie sich zu beiden Seiten
der Frau Urhinkel zurück, erhoben ihre Fahnen wieder und traten in
den Hintergrund.

Alles das sahen Gockel, Hinkel, Gackeleia und Kronovus ganz still mit
tiefer Rührung an und nun sprach Gackeleia: "das also ist der schöne
Blumensarg unsrer Ahnfrau von dem du mir so oft erzählt liebe Mutter,
daß die Engel die Blumen dazu im Himmelsgarten gepflückt?"--da
erwiederte Frau Hinkel: "Ja, und er ist noch viel schöner als ich
wußte, denn die Engel waren die Armen, die sie in den Himmel durch
ihre Liebe geleitet und der Himmelsgarten war der Garten ihres
liebvoll barmherzigen Wirkens und alle die Blumen und Kräuter waren
ihre Liebeswerke. Sie hat mit der Gnade Gottes ihren Garten selbst
gebaut!"--Da sprach Gockel: "Hier kann man wohl sagen, unsere Werke
folgen uns, und wie man von Kummer und Bösem sagt, das ist ein Nagel
in meinen Sarg, kann man wohl von allen Werken der Liebe sagen, sie
sind Blumen auf meinem Grab, o wer sollte sich nicht einen solchen
Garten zu bauen wünschen!"--"Ach," sprach Kronovus, "du mußt helfen
Gackeleia, wir wollen fleißig im Garten arbeiten." Gackeleia hatte
Thränen in den Augen und nickte still.

So standen sie und sahen den Leib der Ahnfrau an, der ernst und
ehrwürdig und doch so lieblich mit seinem Brautkleid in dem
Blumenbettchen ruhte. Keine Spur von Verwesung entstellte die
rührende Gestalt. Sie war ganz dieselbe, wie man sie in dem
Grafensaal in Gockelsruh als Braut gemalt sah, nur noch weiser, noch
reiner. Das edle, kluge Haupt trug die Grafenkrone über einen Kranz
von Amaranthen, der die reichen mit Perlen durchflochtenen Locken
umfieng und ruhte mit geschloßnen Augen, wie das Antlitz eines
schlummernden Heldenkindes, auf einem runden goldnen, mit Rubinen
verzierten Polster, das sie gleich einem Heiligen Schein umleuchtete;
die eine Wange jedoch lehnte etwas zur Seite geneigt an einem Kissen
von der feinsten schneeweißen Leinwand.--"Kennst du das kleine
Kissen?" fragte Frau Hinkel die Gackeleia und diese antwortete: "o
gewiß, davon hast du mir ja auch erzählt, wie von dem Blumensarg; die
Gräfin Amey von Hennegau spann so fein, so fein, webte so fein, so
fein, und trocknete mit ihrem Linnen die Thränen der Armen; weil aber
noch so fein gesponnen, endlich doch kömmt an die Sonnen, so haben
ihr die Armen dieses Linnen an der Sonne mit Thränen des Dankes
gebleicht. Sie theilte aber Alles mit ihnen und so auch dieses
Linnen; da haben dann die dankbaren Armen ihr aus ihrem Theil ein
Brauthemd und ein Todtenhemd genäht, und da noch ein Stückchen übrig
blieb, verfertigten sie dies kleine Kissen daraus und nähten den
Spruch darauf. "ein gutes Gewissen ist das ruhigste Kissen." Es
kamen aber alle Vögelein, denen sie von Jugend auf ihre Brosamen
ausgestreut hatte, herangezogen, und rupften sich selbst aus
Dankbarkeit die zartesten Flaumfederchen aus der Brust in das Kissen,
bis es recht weich und reichlich gefüllt war. Diese Gaben verehrten
sie der lieben Wohlthäterin als Brautgeschenk und sie nahm sie mit in
den Blumensarg."--"Du weißt Alles noch recht schön," erwiederte Frau
Hinkel, "sieh, zum Andenken dieses so ehrenvollen Ereignisses haben
auch alle Jungfrauen und Frauen unseres Stammes in ihrer Ausstattung
zwei solche Hemden und ein solches kleines Kissen, welche von den
Armen verfertigt werden müssen und dieser Theil der Ausstattung heißt
die Armen-Linnen-Spiegelgabe, weil wir uns an der Milde unsrer
Ahnfrau spiegeln sollen."

"Ach," sagte Gackeleia, "es ist schwer den Blick von dem lieben
Angesicht zu trennen, es ist so ehrwürdig, so ernst wie eine Sybille,
welche Schicksale träumt, so liebvoll sorgend und warnend wie eine
fromme Mutter, und auf der sinnenden Stirne ruht der Friede besiegter
Leiden, und wenn ich ganz bewegt bin und die Thränen mir in die Augen
treten wollen, lächeln mir ihre Wangen und ihre Lippen so kindlich
entgegen und es ist mir, als küße mir ein Kind die Thränen von den
Augen und streiche mir tröstend die Locken von der Stirne."--Da
sprach Gockel: "Kind, du hast ein gutes sicheres Aug, was du sagst,
muß wohl so gewesen seyn. Sieh, darum hat das liebe Herz, die gute
Ahnfrau auch schon als Jungfrau den Hennegauschen Mägdlein-Orden der
freudig-frommen Kinder gestiftet, dessen höchster Grad hier im Sarge
ihre Brust bedeckt. Es ist derselbe Orden, den Mutter Hinkel und
auch du jetzt trägst.

Es war in den Tagen der guten Ahnfrau im Lande Hennegau unter dem
weiblichen Geschlecht eine traurige tiefsinnige Andachtsweise
eingerissen; das Ei wollte klüger seyn, als das Huhn, und die Hühner
sprachen erstaunlich viel über umgelegte Eier. Es war wie eine
Krankheit unter den Mägdlein des Landes geworden, aller weiblichen
Handarbeit und Pflege und ebenso aller Freude und Heiterkeit zu
entsagen und sich allein einem tiefsinnigen Hinbrüten zu ergeben,
wodurch manche auf sehr verkehrte Dinge kamen.--Da nun im Jahre 1310
Porette, eine Jungfrau aus Hennegau, welche die Gräfin Amey kannte,
durch diese Lebensweise auf so unsinnige Meinungen und Lehren kam,
daß sie in Paris zum Feuertode verurtheilt ward, nahm Gräfin Amey
sich dieses so zu Herzen, daß sie sich entschloß, dieser Verkehrtheit
durch ihr Beispiel entgegen zu arbeiten. Sie errichtete deswegen für
Jungfrauen den Orden der freudigen frommen Kinder, in welchem sie
alle ihre Freundinnen verbindlich machte, mit Arbeit und Pflege für
die Armen, kindliche Freude und Andacht zu vereinigen. Alles Gute
und Heilige hatte einen Altar in ihrem Herzen, alles Kindliche und
Heitere aber auch eine gastfreie Herberge darin; und so kam die liebe
Amey in ein recht liebes, natürliches Wesen. Sie ward der Trost der
Armen und die Freude der Kinder, sie selbst nannte sich als
Großmeisterinn des Ordens das arme Kind von Hennegau. Da begann eine
gute Zeit für die Kinder in Hennegau, welche durch die übertriebene
Selbstbeschauung ihrer Mütter und älteren Schwestern ganz
unbeobachtet, verwildert, schmutzig, zerrissen und zerlumpt geworden
waren. Die liebe Amey errichtete große Ordensfeste und jede ihrer
Ordensgespielinnen mußte eine Heerde Kinder sauber und reinlich
gekleidet auf die Wiese bringen, wo getanzt und gespielt, gegessen
und getrunken und auch Gott gedankt wurde. Alle edlen Jungfrauen
wollten in dem Orden der freudig frommen Kinder seyn, und die
weibliche Sitte erhielt eine neue schöne Wendung, so daß es ein
Sprichwort geworden: "Wie wohl wär mir, hätt' ich zur Frau ein' edle
Dirn aus Hennegau!" Um aber die Verbindung der freudigen Frömmigkeit
und Kindlichkeit zu bezeichnen, um auszudrücken, daß die tiefste
Betrachtung es eben nicht viel weiter bringt, als ein lallendes Kind,
so besteht das Ordenszeichen aus einer Figur, welche auf der einen
Seite ein zur Sonne auffliegendes Lerchlein als das Bild freudiger
Betrachtung und auf der anderen Seite ein kleines, lächelndes
Wickelkind, das sich geduldig von einem Arm auf den andern nehmen
läßt, vorstellt. Es wird dieser Orden aber an einem amaranthrothen,
mit allerlei Glöckchen und Quästchen und sieben Sächelchen behängten
Bande um den Hals getragen, weil die Amaranthe nicht verwelkt und
ihre tiefe, rothe Farbe auch getrocknet bewahrt. Die Amaranthe ist
das Sinnbild treuer, beständiger Gottes--und Menschenliebe, und ein
Schmuck geliebter Todten, und es ward dem armen Kind von Hennegau
hier im Blumenbettlein die schöne Amaranthenkrone aufgesetzt, weil es
recht gewandelt ist. Die Erde trägt eigentlich nur den Schatten
dieser Blume, der Himmel allein bringt sie in der Fülle ihrer ganzen
Bedeutung wirklich hervor, als ein unvergängliches, unbeflecktes,
unverwelkliches Erbtheil, das uns in ihm bewahrt ist.--Die Amaranthe
ist ein Sinnbild der unschuldigen Kindlein, weil diese durch das
Schwert vom Leben getrennt, in ihrem Blute im Himmel wie die
tiefrothen Amaranthen glühen, welche selbst von der Pflanze
abgeschnitten, ihre Farbe nicht verlieren.--Die Amaranthe ist das
Sinnbild der Beständigkeit, der treuen Ausdauer, und von ihr heißt es,
in Kälte und Hitze, auch getrennt beständig, nimmer welkend, in
Thränen erneuet.--Dieser Eigenschaften wegen trägt Gräfin Amey die
Amaranthen-Krone und den Orden am amaranthrothen Band; daß aber am
Saum dieses ernsten Bandes alle die kleinen artigen Spielsachen,
Quasten, Glöckchen, Troddeln hängen, deutet wieder auf unschuldige
Freude am Saum des ernsten Tagwerks, so wie die Beete eines Gartens,
den wir mühselig bauen, mit kleinen lieblichen Blumen eingefaßt sind.
Sieh Gackeleia, wegen der tiefen Bedeutung der Amaranthenfarbe hatte
die gute Ahnfrau auch wohl eine so tiefe Rührung bei ihrem Anblick,
denn sie konnte sich oft gar nicht zurückhalten, wenn sie diese Farbe
sah; oder entsprang die Macht dieser Farbe über sie aus einem
Vorgefühl des Schicksals, das ihr durch dieselbe bevorstand?--ich
kann es nicht entscheiden--nur muß ich dich ermahnen, liebe Gackeleia,
nie eine Hinneigung zu irgend einer Sache allzu heftig werden zu
lassen, damit sie dich nicht endlich überwältige; denn sieh--die gute
Ahnfrau wurde durch diese Farbe gefangen und aus Hennegau hieher nach
Gockelsruh entführt. Die Räuber, welche wußten, daß sie dieser Farbe
nicht wiederstehen konnte, breiteten auf einer grünen Wiese, auf der
sie oft spazieren gierig, eine amaranthfarbige, seidene Decke aus,
und sangen ein Lied in der Nähe, das sie sehr liebte:

"Feuerrothe Blümelein,
Aus dem Blute springt der Schein,
Aus der Erde dringt der Wein,
Roth schwing ich mein Fähnelein."

Dieses Lied lockte Amey ans Fenster und als sie den tiefrothen Fleck
im Abendschein auf der Wiese funkeln sah, konnte sie der Begierde
nicht wiederstehen; sie mußte hineilen, und sich auf die Decke
niedersetzen, und so entschlummerte sie. Da zogen die Räuber mit
verborgenen Schnüren plötzlich die Decke über ihr zusammen, banden
sie auf ein Pferd und entführten sie bis hieher unter die Hennenlinde,
wo Urgockel sie auf ihr Hülfsgeschrei befreite.--Sieh, sie ist ganz
in ein weites amaranthseidenes Gewand gehüllt, das deutet auf jene
Decke, in der sie entführt, gerettet und die Braut Urgockels ward.
"--"Es paßt recht schön," sprach nun Gackeleia, "daß sie diese Farbe
auch hier im Tode trägt, denn so ist sie auch in dieser Farbe von der
Erde entführt, und unter dem wahren Hennenkreuz gerettet, eine Braut
des Himmels und wie ein Küchlein unter die Flügel der Henne
versammelt worden.--Aber sage, warum haben denn die Räuber die liebe
Ahnfrau entführen wollen?--Sie sieht doch gar nicht so
reichgeschmückt aus wie andere Gräfinnen, die von funkelndem
Geschmeide strotzen, und ich habe mich schon über diese Armuth
verwundert, kannst du mir wohl sagen, warum hat sie denn gar keinen
andern Schmuck auf ihrem amaranthseidenen Brautkleid, als nur zwei
kleine Edelsteine auf den beiden Spangen, welche das weite Gewand auf
den Schultern zusammen fassen?"--Da schaute Gockel die Gackeleia
lächelnd an und sprach: "du bist ein rechter Schelm, du fragst mich
über Allerlei, was längst vergessen ist, und dann drehst du heimlich
den Ring Salomonis, damit mir Alles in den Sinn kommen soll, was ich
nie oder doch nur dunkel gewußt habe."--"Freilich mache ich es so,"
antwortete Gackeleia, "denn wie jede Speise ihr eigenthümliches Gefäß
hat, so sind solche alte Geschichten immer am schönsten, wenn sie der
Vater erzählt."--Da fuhr Gockel fort: "du fragst ganz recht wegen den
Räubern, die sie entführten und diesen einsamen Edelsteinen auf ihren
Achselbändern zugleich, denn wegen dieser wollten die Räuber, welches
böse Edelleute aus dem Turgau waren, sie entführen, und Kronovus mag
dich nur gut bewachen, sonst kann dir es auch so gehen; denn auch du
trägst solche zwei kleine Edelsteine auf den goldnen Spangen, welche
die Aermel deines amaranthfarbigen Brautkleides auf der Schulter
schürzen, und es sind diese Spangen deine eigentliche Morgengabe,
welche dir allein gehört. Es sind die sogenannten heiligen
Lehns-Kleinode der Grafschaft Vadutz, deren Wappen darauf eingegraben
ist. Vadutz mit seinen Felsenschlößern ist ein Frauenlehn und gehört
allen erstgebornen Gräfinnen von Hennegau, die mit diesen Spangen
auch alle Rechte einer Lehnshuldinn von Vadutz empfangen. Es ist
eine alte geheimnisvolle Sage mit diesen Steinen verbunden; es heißt,
die wahren, heiligen Gnaden-Kleinode, habe schon Rebecka auf ihren
Schultern getragen, sie seyen wunderthätig, die Ahnfrau habe sie mit
ins Grab genommen, um ihre Nachkommen vor Gefahren zu hüten, und jene,
welche diese trügen, seyen gewöhnliche Edelsteine; das mag wohl auch
so seyn, denn Mutter Hinkel trug diese Kleinode auch, seit sie Gräfin
von Vadutz ward, aber ich habe sie dadurch nie Wunder wirken sehen.
Jedoch sind die Kleinode, wodurch die Gräfin Amey ihre Tochter zur
Gräfin von Vadutz weihte und welche nun bis auf deine Schultern
gekommen sind, an die ächten Edelsteine angerührt worden und mögen so
einen Strahl ihres Segens empfangen haben. Die ächten heiligen
Lehns-Kleinode aber sehen wir hier auf den Spangen der lieben Ahnfrau,
und in dem großen Buche, welches hier neben ihr im Sarge liegt,
steht von dem Geheimniß dieser Steine, wir wollen es heute nach der
Hochzeitsmahlzeit lesen, jetzt aber sollt ihr mit der Nachricht
Vorlieb nehmen, wie diese Kleinodien und das Ländchen Vadutz an die
Gräfinnen von Hennegau gekommen sind.--Der Vater der lieben Ahnfrau
trug diese Kleinode selbst, er war ein Erb-Graf von Vadutz, vermählte
sich aber mit einer Gräfin von Hennegau, zog mit den Kleinoden nach
Hennegau und nahm dessen Namen an. Er sehnte sich lange nach einem
Töchterlein; als nun seine Gemahlin die liebe Amey gebohren, war es
gerade Neujahrstag, der Graf von Hennegau war in der Schloßkapelle
und im Augenblick als man sang:

"Uns ist geboren ein Kindelein,
Sein Reich lehnt auf den Schultern sein."

kam ein Edelknab gelaufen, er solle geschwind zu der Frau Gräfin
kommen, so eben habe ihr der Klapperstorch ein allerliebstes
Töchterchen gebracht. Da lief der Graf geschwind hinauf in das
Zimmer der Gräfin und sang den ganzen Weg:

"Mir ist geboren ein Töchterlein,
Sein Reich lehnt auf den Schultern sein,"

und als er hinauf kam, saß die Gräfin aufrecht auf ihrem Lager und
hatte das liebe, arme Kind von Hennegau am Herzen, und der Graf war
ganz außer sich vor Freude und lehnte sein Haupt auf die Schulter der
Mutter und sah dem Töchterlein in die lieben Augen und vergoß
Freudenthränen, dann nahm er seine Achselbänder, worauf zwei
Edelsteine, die Reichskleinode von Vadutz, befestiget waren und sagte
feierlich: "weil uns das liebe Töchterchen gerade bescheert worden
ist, da man das Verschen sang, so will ich ihm auch sein Reich auf
seine Schultern lehnen und zwar jetzt dir, als seiner treuen
Vormünderin." Da heftete er seiner Gemahlin die Achselbänder mit den
Edelsteinen, worauf das Wappen von Vadutz eingeschnitten war, auf die
Schultern und sagte: "Ich belehne deine Erstgeborne durch dich und
alle erstgebornen Töchter ihrer Nachkommen mit dem Ländchen Vadutz,
es sey ein Frauenlehn, ein Kunkellehn in unsren Nachkommen, und
sollen den erstgebornen Töchtern der Grafen von Hennegau, sobald sie
die erste Kunkel des zartesten Flachses für die Armen, ohne den Faden
zu zerreißen, abgesponnen haben, diese Edelsteine auf die Schultern
geheftet und sie so mit dem Ländchen Vadutz belehnt werden."--Du nun,
liebe Gackeleia, trägst jetzt diese Kleinodien auf deinen
Achselbändern. Der alte Graf von Hennegau sprach nichts von dem
Ursprung und den Gnaden dieser Kleinode, die bei seinen Vorfahren
schon in Vergessenheit gekommen waren, welche aber die Ahnfrau später
von drei Klosterfrauen erfuhr, denen sie zum Lohn ein Kloster
Lilienthal stiftete, es sind dieselben, welche dort neben den Lilien
bei ihr stehen.--Wegen diesen Kleinoden nun und dem Besitz der
Grafschaft Vadutz entführten einige Ritter, welche nicht vom Auslande
her regiert werden wollten, die Lehnshuldin und wurden hier von
Urgockel erschlagen."

Hierauf schwieg Gackeleia ein Weilchen, und da Gockel sie fragte,
"warum sprichst du nicht?" antwortete sie, in dem sie ihm eine
Spindel voll des feinsten Gespinnstes reichte: "Ei Vater, weil ich
jenen Rocken nicht abgesponnen, lehnte mir das Ländchen so schwer auf
den Schultern wie ungerechtes Gut, da drehte ich den Ring Salomonis
geschwind, geschwind am Finger wie eine Spindel und da hab ich sie
nun voll feinem Garn für die Armen und es ist mir wieder ganz leicht
auf den Schultern."

Da lächelten sie alle über die Gewissenhaftigkeit der neuen Königin
Gackeleia von Gelnhausen, Gräfin von Gockelsruh und Hennegau,
Lehnshuldin von Vadutz, und schauten die liebe Ahnfrau weiter an.
Die goldnen Armringe, welche einst die weiten Aermel fest
angeschlossen, waren los an den dürren Armen herabgesunken, die
feinen weißen Hände ruhten an beiden Seiten des Leibes. Die Linke
hielt die obengenannten Heilkräuter, die Rechte ruhte auf einem
großen Buch und faßte acht lange amaranthfarbige, mit Perlen
gestickte Bänder, welche von dem ähnlichen Gürtel ausliefen, der das
weite Gewand über den Hüften umschloß. An diesem Gürtel hingen auch
Schlüssel, und ein Löffel, Kinder zu speisen und eine Rassel, Scheere
und Aehnliches. Die hagern feinen Füßchen schauten so arm und
rührend unter dem Saum des Gewandes hervor, als zitterten sie, und
die mit Perlen gestickten Goldpantöffelchen waren zu weit geworden,
und eines herunter gefallen, so daß der eine Fuß mit den weißen
schimmernden Zehen hervorsah.--Da kniete Gackeleia mit großer Liebe
und Rührung an dem Sarge nieder und küßte den Fuß und benetzte ihn
mit Thränen, mit den Worten: "du liebes armes Kind von Hennegau hast
ja dein Pantöffelchen verloren, o Mutter Hinkel sieh, wie muß das
liebe Ahnfrauchen zu den Armen im Schnee herumgepatscht seyn, die
Spitze des Fußes ist ganz braun, sie hat sich die Füße verfroren,
--wart, ich weiß, was ich thue, in der goldnen Gallina der Königin
von Saba ist eine Frostsalbe, hohle mir sie Kronovus!"--Gleich
brachte Kronovus die Salbe und sie pflegte den Fuß der geliebten
Todten damit und schaute mit Thränen den Vater an und sprach: "Vater
Gockel, das liebe, arme Kind von Hennegau ist schon lange todt, aber
ich darf es doch pflegen, nicht wahr Vater, das ist nicht ganz
unvernünftig? denn sieh, ich muß es thun aus Liebe und Dank und würde
mich schämen, so ich es nicht thäte, ich thue es mit dem Wunsche, es
ihr selbst zu thun, sie wird schon wissen, wozu sie es gebrauchen
kann, vielleicht kann sie jetzt, da ich ihr Liebe erwiesen habe, viel
lustiger im Paradiesgarten herumtrippeln, und dankt mir es."--Unter
diesen Worten küßte Gackeleia den Fuß, den sie gepflegt und nur einem
reinen Tüchlein verbunden hatte und steckte ihn wieder in das
Pantöffelchen, dann erhob sie sich und alle umarmten sie schweigend,
und es ertönte von dem Geiste der Frau Urhinkel mit inniger Freude
der Gesang her:

"Mein Schmerz ward milder, tausend Dank!
Lieb ewig heilt, was zeitlich krank,
Nimm dir zu deiner Liebe Lohn
Die ächten Steine von Vadutz;
Im großen Buche findst du schon,
Wie heilsam dieser Gnadenputz;
O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Es war eine schimmernde Freude in der Erscheinung und den drei weisen
Nönnchen bei den Lilien, die süßer dufteten, als je.--Gackeleia aber
besann sich nicht lange, schnell vertauschte sie ihre Achselspangen
mit jenen des armen Kindes von Hennegau, und nahm zugleich das große
Buch aus dem Sarg und gab es dem Vater.--Gockel blätterte ein wenig
dann und sagte: "es ist kurios geschrieben von beiden Seiten nach der
Mitte zu. Von einer Seite einhält es die Rechnungen der Grafschaft
Vadutz, von der andern ein Tagebuch.--Potz tausend! was stehen da für
Lehen und Zinsen darin, aber--aber irren ist menschlich, das Kind hat
sich auch da einmal verrechnet. Hier auf diesem Blatt bei der
Almosen-Rechnung hatte sie subtrahiren sollen, 1 von 100 bleibt 99,
aber sie hat statt dessen gesagt, 1 von 100 kann ich nicht, 1 von 10
bleibt 9 und 9 von 9 geht auf,--das kann ja unmöglich eintreffen,
aber aufgegangen ist's doch, wie Saat im Garten der Armen.--In der
Orthographie war sie auch nicht ganz fest, hier in der täglichen
Haushaltungsrechnung steht immer, eine Maß Michl, ein Schoppen Michl,
immer Michl statt Milch; aber halt, da kömmt Etwas, das muß jetzt
verlesen werden, lies Gackeleia!" und er gab ihr das Buch und sie las:

Gräflich Hennegauische Hühner--und Menschensatzungen Zu der Sache
ewiger Gedächtniß. Wir von Gottes Gnaden Gräfin Amey, Urhinkel von
Hennegau, allererste Lehnshuldin des Ländchens Vadutz, armes Kind von
Hennegau und des Ordens der freudigen frommen Kinder Stifterin,
erklären in hoher Pünktlichkeit, Komma cum Pünktlichkeit und
Duopünktlichkeit.--Als wir, der abgründlichen Untiefe übertriebener
Beschaulichkeit zu begegnen, unsern Orden errichteten, haben wir
unsern Namensverwandten und ersten Ordensgespielinnen bei
verschiedenen Veranlassungen, welche in den Tagebüchern des Jahres
1318 aufgeschrieben sind, mancherlei Gnaden und Rechte für sich und
ihre weiblichen Nachkommen verliehen, wogegen dem Brautzug und
Leichenzug jeder Gräfin von Hennegau eine Nachkommin dieser
Gespielinnen gottesfürchtig beizuwohnen und ein Huhn an dem
sogenannten Hühnerabend abzuliefern hat. Auch sollen dieselben
solchen Brautund Leichenzügen mit ihren Namen bezeichnenden Blumen
geschmückt beiwohnen und derlei Blumen zu Füßen des Grabes erhalten,
mit der kindlichen Liebesmeinung, diese möchten dort statt ihrer
beten, wenn sie selbst nicht anwesend seyn könnten.--Eine jede
erstgeborne Tochter meiner Nachkommen nimmt mit ihren mündigen Jahren
das Amt der Ordensgeneralin und den Titel: "das arme Kind von
Hennegau" an und hat an ihrem Gürtel als Braut und als Leiche acht
Bänder von amaranthfarbigem Linnenband befestiget, welche die
Ordensgespielinnen anfassen, wenn sie dem Zuge folgen. Sie gehen in
dem Grand Cortege dicht hinter den drei Klosterfrauen von Lilienthal.
--Sie haben dies Alles zu erfüllen bei Verlust ihrer Rechte.

Diese unsre Erklärung soll bei Braut--und Leichenzügen den
Ordensgespielinnen jedesmal vorgelesen werden.--Sodann sind die
Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal zu lesen und dieselben
aufzurufen, worauf die Ordensgespielinnen oder deren Lehnserben
aufgerufen und von ihnen die Pflichthühner abgeliefert werden sollen.
Gegeben in unserm Kabinetchen im Jahr, da man sang:

"Gott grüß dich Mond und Sternenschein,
Entlaubet ist das Fensterlein!"

Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal. Als ich am Tage nach
Johanni des Jahres 1318 den drei Fräulein zur Lilien auf Gottes
höhere Mahnung und ihr dringendes Bitten das Kloster Lilienthal
gründete und ausstattete, wurde dieses Kloster Lilienthal
verpflichtet, den Braut--und Leichenzug jeder Gräfin von Hennegau und
Lehnshuldinn von Vadutz, welche das Kleinod auf den Schultern trägt,
von drei Klosterjungfrauen begleiten zu lassen und auf ewige Zeiten
drei weiße Lilien auf meinem Grabe zu erhalten.--Es sind aber diese
drei Klosterschwestern bei solcher Gelegenheit mit den Worten
aufzurufen:

"Ihr Lilien im Garten
Gedenket der Nacht,
Gedenket der Zarten,
Die bei euch gewacht;
Gedenket der Gnade,
Die auf euch gethaut,
Und duftet am Pfade
Der lieblichen Braut,
Und bittet am Grabe,
In dem sie nun ruht,
Daß Friede sie habe,
Die lieb war und gut."

Da neigten sich die drei weißen Klosterfrauen gegen die rechte
Schulter der Ahnfrau und man hörte die Worte wieder:

"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Hierauf nahte die Mutter Gackeleias dem Sarge und legte vier der acht
Amaranthbänder, die von dem Gürtel der Ahnfrau ausliefen, zur rechten
und vier zur linken Seite des Sarges heraus, und indem sie die weiten
Aermel ein wenig über den hagern elfenbeinernen Händen der Ahnfrau in
die Höhe zog, sprach sie: "sieh Gackeleia, da bewährt sich das
Sprichwort wieder--an der Klaue kennt man den Löwen und an der Hand
die Gräfin von Hennegau.--Wenn wir es auch nicht wüßten, so würden
uns diese Hände sagen, daß sie der Gräfin Amey von Hennegau gehören.
Sieh, Gackeleia, von ihr haben wir die sogenannten Hennegauischen
Dockadaumen oder Gnadendaumen geerbt." Gackeleia küßte die Hände der
Ahnfrau ehrerbietig, indem sie den Vater fragte, woher denn der Name
Hennegauische Gnadendaumen komme; da erwiederte Gockel: "die ganze
Hennegauische Familie stammt mütterlicher Seite von einem römischen
Kaiser Curio und dessen Weib Docka her, die Christen geworden, nach
Deutschland gezogen und auch das Land Vadutz gegründet. Es war aber
bei den heidnischen Römern eine grausame Belustigung, Männer mit
Schwertern auf Tod und Leben mit einander fechten zu sehen. Wenn nun
einer der Kämpfer unterlag, setzte ihm der andere das Messer an die
Kehle und schaute umher, ob man ihn tödten oder begnadigen lassen
wolle; wer nun verlangte, der Ueberwundene solle leben bleiben, der
hob die Hände in die Höhe und schloß den Daumen fest in die Faust,
das war das Zeichen der Gnade; die Kaiserinn Docka soll gleich nach
ihrer Geburt schon die Händchen in dieser Stellung gehabt haben, so
daß die Mutter ausrief: "Ach mein liebes Kind du bist ein Gnadenkind!"
--Docka aber hielt bei jeder Gelegenheit, wo es Hilfe und Rettung
galt, von frühester Jugend auf ihre Händchen immer in dieser
Gnadenstellung, so daß ihre Daumen sich ganz danach bildeten und man
dieselben Gnadendaumen, Dockadaumen nannte, und von ihr ist diese
Handbildung auf alle Gräfinnen von Hennegau, mit der großen Neigung
zu begnadigen und zu vergeben, vererbt.--Sieh Gackeleia, daher kömmt
der Gebrauch, daß man sagt, halte mir den Daumen, wenn man verlangt,
ein anderer solle mit seiner ganzen Seele unser Glück wünschen."

"Nun wissen wir Alles," sprach Gackeleia, "so recht, wie man sagt,
bis auf den Fingernagel; wir wissen, warum die drei Lilien und die
drei weißen Klosterfrauen bei der lieben Ahnfrau unter der
Hennenlinde stehen; und warum dort bei den acht Pflanzen die acht
Ordensgespielen des armen Kindes von Hennegau festlich geschmückt
erscheinen und Hühner in Körbchen unter dem Arm tragen. Sie kommen
zur Leichen-Uebertragung des ältesten armen Kindes von Hennegau und
zum Brautzug des jüngsten, und das bin ich!--Sie wollen ihre
Pflichthühner abliefern.--Geschwind, geschwind, laßt uns sie
empfangen, ich sehe, sie schwanken schon ein wenig ungeduldig
durcheinander. Wohlan, ich rufe sie auf--"Im Namen Ihrer
Kindlichkeit der Gräfin Amey von Hennegau, ersten Lehnshuldin von
Vadutz und ersten armen Kindes von Hennegau mahne ich, Gackeleia
Königin von Gelnhausen, Gräfin in Hennegau und von Gockelsruh,
jüngste Lehnshuldin von Vadutz und jüngstes armes Kind von Hennegau,
--Euch, acht erste Ordensgespielen, die acht Pflichthühner
abzuliefern.--Zuerst rufe ich auf. Fräulein Ornitogalia, für eine am
30. April 1318 empfangene Weide-Gerechtigkeit liefere ab ein
Hirtenhuhn!"

Auf diesen Ruf schwebte Ornitogalia, ein Kränzlein des Kräutleins
Hühnermilch auf den blonden Locken und ein schönes Huhn in einem
Körbchen tragend, zwischen den Sarg und Gackeleia. Sie verbeugte
sich gegen den Geist der Ahnfrau, küßte dann knieend den Orden, den
der Leichnam im Sarge trug. Hierauf erhob sie sich wieder, lehnte
ihr Haupt gegen das Kleinod der rechten Achselspange Gackeleias,
setzte sodann ihren Korb mit dem Hirtenhuhn zu ihren Füßen nieder und
nahm ihn wieder unter den Arm, worauf sie das erste der acht
amaranthfarbenen Bänder ergriff und ruhig an ihrer Stelle stehen
blieb.--Hierauf rief Gackeleia nach der Reihe die sieben folgenden
Fräulein auf. Alle trugen sie Kränze von Kräutern ihres Namens und
den Orden der freudig frommen Kinder, und jede that wie Ornitogalia.
--Osterluzia lieferte für ein am 1. Mai empfangenes Stück Wald ein
Waldhuhn.--Kretellina brachte für das am 7. Mai erhaltene Recht, im
Wald zu grasen, ein Grashuhn.--Serpoleta gab für den am 14. Mai
verliehenen jährlichen Holzbedarf ein Rauchhuhn.--Morgelina hatte am
21. Mai das Recht erhalten, im Walde Laub zu sammeln und brachte ein
Laubhuhn.--Moskatellina entrichtete für ein am 28. Mai empfangenes
Kornfeld ein Aehrenhuhn.--Kornelia leistete ihre Lehnspflicht für
einen am 4. Juni empfangenen Rosengarten mit einem Gartenhuhn.
--Esparsetta entrichtete für ein am 13. Juni, Pfingstdienstag,
empfangenes Feldgut ein Pfingsthuhn.--Als alle Ordensgespielinnen
ihre Pflicht gelöst und die acht Bänder anfassend, zur Rechten und
Linken des Blumensarges standen, erhoben Gackeleia und Kronovus die
beiden vorderen, Gockel und Hinkel die beiden hinteren Stangen der
Tragbahre und zogen mit dem Blumensarge der Kapelle zu.--Der Geist
der Ahnfrau folgte seinem eignen Leibe zu Grab.--Es war ein Anblick
von der rührendsten Erhabenheit.--Hinter dem von den acht
Ordensgespielinnen umgebenen bunten Blumensarg, in welchem das
bleiche, arme Kind von Hennegau in tiefrothem Gewand gleich einem
elfenbeinernen ernsten Jungfräulein zu schlummern schien, schwebte
dessen eigner Geist zwischen den drei weißen Klosterfrauen, welche
Lilien trugen--selbst eine Lilie--in unaussprechlich rührender
Einfachheit, in schneeweißem, langem Gewand, Spindel und Brod tragend,
das verschleierte Haupt mit weißen Rosen bekränzt, mit lieblichem
Frieden im Angesicht über die Blumen und Grasspitzen dahin. Eine der
drei Klosterjungfrauen, welche sie mehr, als die beiden andern zu
lieben schien, trug ihr demüthig die Schleppe.--Alle drei sangen:

"Die reine Lilie prangt mit größrer Herrlichkeit,
Als jemals Salomo in seinem Königskleid,
Du trägst dies Brautgewand seit deiner Tauf' auf Erden,
Du konntest herrlicher niemals geschmücket werden."

Worauf der Geist der Ahnfrau mit wehmüthiger Innigkeit wieder sang:

"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Nun aber folgte der ganze Zug der Geister der dankbaren Armen, welche
den Sarg geschmückt hatten, sie trugen die schimmernden Fahnen von
Röckchen, Hemdchen, Schürzchen, Jäckchen, Mützchen, die guten Werke
des armen Kindes von Hennegau. Wer aber kam ganz, ganz zuletzt, so
daß gar nichts mehr hinter ihm kam?--Niemand Anders, als jene alte
Frau mit einer blauen Schürze, welche bei allen Prozessionen und
Leichenzügen zuletzt kommen muß--jene gesetzte, solide Person, die
nicht im Himmel ist, nicht auf der Erde ist und die selber nicht weiß,
wo sie ist und wer sie ist. Alle Nachforschungen der so
ausgezeichneten geheimen Polizei von Gelnhausen haben doch keine
entschiedenere Auskunft über sie zu Stande gebracht, als, es heiße,
sie solle ein buckliches Fragezeichen hinter einer Leichenrede seyn,
man halte sie für eine Art Nachrede, sie gebe sich für ein gewisses
Gewissen aus u. dgl. mehr.--Man suchte ihrer auf alle Weise habhaft
zu werden, man stellte bei allen Blaufärbern Spionen auf, um sie zu
ergreifen, wenn sie etwa ihre Schürze neu wolle färben lassen; aber
sie ließ sie nicht färben. Endlich ward sie von der
Verschönerungskommission, als geschmacklos und die künstlerische
Würde solcher Prachtzüge störend, und von der Aufklärungskommission
als ein abgeschmackter alter Aberglauben für null und nichtig in
Contumaziam erklärt.--Der Oberhof-Osterhaas schrieb eine gekrönte
Preisschrift gegen sie, worin er sie für eine optische Täuschung,
oder höchstens für das fünfte Rad am Wagen erklärte, welches, so oft
man seiner auch erwähne, doch eigentlich niemals da sey.--Unter der
Regierung des Kronovus aber ward, weil er sie selbst trotz aller
Null--und Nichtigkeits-Erklärung hinter dem Leichenzug seines Herrn
Vaters Eifrasius allerhöchstaugenscheinlich herschleichen gesehen,
alles Schreiben über sie verboten und eingeführt, bei ihrem Anblick
immer einem Armen eine neue blaue Schürze zu schenken; man hat
bemerkt, daß sie seitdem immer eine neue blaue Schürze trägt, und daß
die Blaufärberei in Gelnhausen einen solchen Aufschwung gewonnen hat,
daß sie der Bäcker--und Fleischerzunft gar nichts nachgiebt.

So nun kam der Zug in die Kapelle, wo unter dem Vortritt Alektryos
und Gallinas alles anwesende Federvieh sich tiefneigend Spalier
machte. Als sie mit dem Sarg vor den Altar kamen, drehte Gackeleia
den Ring, das Grab Urgockels öffnete sich, da sahen sie das Gerippe
des alten Herrn auch im reichen Grafenornat gar ehrbar unten ruhen.

Nun legten die acht Ordensgespielinnen, die acht Bänder in die Hand
der Ahnfrau im Sarge zurück und ergriffen die ähnlichen Bänder, die
zum Gürtel Gackeleias gehörten, und standen eine Weile um sie her.
Man senkte den Sarg neben den Sarg des Urgockels hinab, das Grab
schloß sich, die Jungfrauen stellten ihre Körbchen mit den Hühnern
darauf und legten alle ihre Kränze umher.--Der Geist der Frau
Urhinkel schwebte licht gegen den Grabstein Urgockels, die drei
Klosterfrauen mit den Lilien standen zu dessen Füssen. Eine
Lichtwolke erfüllte die Kapelle und zog sich oben wie in einen offnen
Himmel hinauf, dahin schwebte der Geist der lieben Gräfin Amey von
Hennegau zwischen den drei Klosterfrauen.--Gackeleia sprach zu den
acht Jungfrauen um sich her: "segne euch Gott, liebe Gespielen, ich
danke eurer Treue, folget dem liebsten Herzen dahin, wo es noch
besser ist als hier in Gockelsruh!" da neigten sie sich gegen ihre
rechte Schulter und schwebten in die Lichtbahn des ersten Kindes von
Hennegau hinan, und die ganze Prozession der Armen zog hinten nach
und man hörte den Gesang:

"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

immer leiser und leiser, bis er zuletzt ganz verstummte und Alles in
der Kapelle wie vorher war; da sah man das Steinbild der Frau
Urhinkel mit der Urgallina auf der Schulter neben dem des Urgockels
an der Wand und unter demselben schauten drei weiße Lilien über dem
Altare hervor. Auf dem Grab vor dem Altar hatten die Kränze der
Ordensgespielen Wurzel geschlagen und grünten alle die Kräuter, aus
denen sie bestanden.--Gackeleia übergab die verehrten Hühner dem
Alektryo, der sie sogleich in Eid und Pflicht nahm und nebst der
übrigen Hühnergemeinde in den Hühnerhof führte, wo ihnen ein
Hochzeitsschmaus von Waitzenkörnern, Brodsamen, allerlei Grünem,
Maikäfern, Regenwürmern und andern Delikatessen zubereitet war.
--Während allem diesem wurden fortwährend die Glocken geläutet, lief
die Kunstfigur immer mit dem Klingelbeutel umher und endeten der
Organist und die Primadonna ihre Fuge nicht.--Hierauf setzte sich der
Zug in Bewegung, den Wappenfahnen folgten die blumentragenden Knaben,
die blumenstreuenden Mägdlein, die Jünglinge mit den Geschenken
Salomos;--dann Kronovus und Gackeleia, welche die Kunstfigur im Arm
trug, und zuletzt Gockel und Hinkel, welchen, als sie die Thüre
verließen, Alektryo und Gallina auf die Schulter flogen.--So kam der
Zug in den herrlichen Raugräflich-Gockelschen Speisesaal, wo eine
vortreffliche Mahlzeit aufgetragen war. Im ganzen Schlosse gieng es
lustig zu, viele gute Leute aus Gelnhausen, die sich damals über
Gockels Pallast so verwundert hatten, waren Extrapost hergefahren.
Der Herr Postmeister hatte nichts zu thun, als einzuspannen, der Herr
Schirrmeister schmierte unerschöpflich, die Herrn Postillone bliesen
sich schier den Athem aus. Alles was in Gelnhausen kurfähig war,
wurde zur gräflichen Tafel gezogen, und sogar der geheime
Oberhof-Osterhaas, alle Ritter und Ritterinnen des hohen Eierordens;
auch viele reisende Künstler und Gelehrte und Standespersonen, welche
gerade zu der Frankfurter-Messe durchpassirten, benutzten die seltene
Gelegenheit, alle die Herrlichkeit mit anzusehen.--Es wurden der
Gäste so viel, daß Gackeleia alle Augenblicke den Ring drehen mußte,
um den Tisch zu verlängern. Einen großen Tisch allein bedurfte der
Oberhof-Osterhaas, denn er hatte eine ihm empfohlene großmächtige,
breite Schottländerinn bei sich, deren Gefolge aus einem lebensgroßen
Lebkuchenfiguren-Kabinet und einem Leib-Lebküchler bestand, die Alle
mit ihr an einer Tafel saßen.--Der Oberhof-Osterhaas stellte sie den
hohen Herrschaften mit den Worten vor: "die sehr honorable Kounteß
Samsonia Molle Gothol, Meisterinn von St. Eduards Stuhl, auf welchem
die Könige von England gesalbt werden, eine Nachkomminn der
schottischen Könige, Gothol, Simon Breach, Fergus, Kenneth u.s.w.,
welche schon Jahrhunderte vor christlicher Zeit, auf jenem Steine
gethronet haben, auf dem Jakob bei Bethel Luz schlief und der jetzt
in St. Eduards Stuhl bewahrt wird, dessen Pflege ihr anvertraut ist.
Diese hohe Dame ist mir von der Akademie der old druidical
Superstitions dringend empfohlen, sie hat sich eine schwarze
Melancholie durch zu urälterliche und altvorderliche Studien
zugezogen, indem sie schon auf ihrem Kinderstühlchen vor St. Eduards
Stuhl bei dem darin bewahrten Steine Jakobs anfangs mit der Puppe
spielend zur Wache gesessen und dann durch stätes Brüten über die
Herkunft dieses Steins vor lauter Kindern Gottes und der Menschen und
den vielen Kindern Israels die eigne Kindheit verloren hat. Nun aber
reist sie mit ihrem Kinderstühlchen umher, dieselbe wieder zu finden
und darauf zu setzen. Da sie Alles vom Ei an ergründen muß, und von
meinen geringen Verdiensten als unwürdigem Oberhof-Osterhaas gehört
hat, hat sie gehofft, vielleicht in einem Osterei, den wahren
Kindskopf zu finden, aber leider vergebens!--Es ist ihr bei längerem
Aufenthalt in der Grafschaft Vadutz bekannt geworden, daß die
Lehnshuldinnen dieser Grafschaft die Achselspangen Rebekkas auf den
Schultern tragen, und weil sie weiß, daß diese Kleinode mit dem Stein
Jakobs zusammenhängen, so wünscht sie für ihre Studien eine nähere
Kenntniß dieser Alterthümer aus schriftlichen, gleichzeitigen
Urkunden zu erlangen.--Die bei ihr befindlichen Lebkuchen sind ihre
theils noch heidnische Vorfahren, die schottischen Könige Gothol,
Breach, Fergus, Kenneth und dergleichen. Der sie begleitende
Leib-Lebküchler arbeitet mit lauter Honig aus dem Rachen des Löwen
Samsons, und da sie eine Vorstellung dieses ihres Namenspatrons, wie
er seine Feinde mit dem Eselskinnbacken erschlägt, in
Honigkuchenteich poussiren lassen will, hat sie ihn mitgenommen, um
Studien zu skitziren, was sehr unterhaltend ist; er hat mich schon
portraitirt, und es gleicht, wie kein Osterei dem andern.--Diese
würdige Märtyrin der Ernsthaftigkeit empfehle ich nun der
theilnehmenden Kind--und Kinds-Kindlichkeit der königlichen und
gräflichen Familie, allerunterthänigster, unwürdiger
Oberhof-Osterhaas." Gackeleia empfand eine große Theilnahme für die
honorable Kounteß und wollte sie umarmen, sie war aber zu groß und zu
breit und wollte sich nicht bücken, da half sich Gackeleia mit dem
Ring und drehte die Kounteß herunter, daß sie gerade groß genug war
und schloß sie herzlich in ihre Arme, wobei dieser sehr wohl zu Muthe
ward, so daß sie lächelnd sagte: "Euer Kindlichkeit können auch mehr
als Brod essen!"-Gackeleia lächelte und drehte die Kounteß wieder in
ihre große, breite Gestalt zurück, worauf sich Alles zu Tisch
niedersetzte.--Daß Gackeleia mehr als Brod essen konnte, bewies der
Küchenzettel der hochzeitlichen Mahlzeit; denn aus Achtung für die
Kounteß verwandelte Gackeleia durch den Ring Salomonis die ganze
Gelnhausische Mahlzeit in eine Schottländische, und die Verwunderung
der auftragenden Bedienten und die Verlegenheit der Gelnhauser Gäste,
die nicht wußten, wie sie die fremden Gerichte anfassen sollten,
erlustigte das ganze Fest.--Besonders viel zur allgemeinen Freude
trug der Leib-Lebküchler der Kounteß Gothol bei. Sie saß zwischen
den Bildern ihrer Vorältern, er neben dem Oberhof-Osterhaas unten an
und war in stäter Arbeit, daß ihm der Schweiß ausbrach, er hatte
einen großen Kübel Honigteich neben sich, und indem er mit großen
Appetit zu essen schien, knetete er mit Löffel, Messer und Gabel, das
Bild irgend eines Anwesenden aus Teig auf den Boden seines Tellers,
dann begehrte er einen frischen Teller und ließ den andern am Tische
von Hand zu Hand gehen, was ein großes Aufsehen unter allen Gästen
machte. Als nun Gackeleias Bild zu Kronovus und des Kronovus Bild zu
Gackeleia kam, fanden diese sich so getroffen, daß sie sich freßlieb
gewannen, und das wurde auf einmal Mode am Tisch, Einer aß des Andern
Bild auf. Da drehte Gackeleia, die melancholische Kounteß auch
wieder durch eine Artigkeit zu erheitern, den Ring Salomonis, daß
alle ihre Lebzelten-Vorältern neben ihr leben und mit ihr sprechen
möchten und eben so möchten die neugeformten Gesichter mit dem
Lebküchler thun. Das gab nun einen seltsamen Spaß, die alten
Schottischen Könige fiengen an mit der Kounteß, und dann unter
einander von dem Stein Jakobs zu disputiren und zwar sehr heftig, die
Gesichter, welche der Künstler auf die Teller formte, schnitten
Gesichter und streckten ihm die Zunge heraus, er wurde unwillig
darüber, knetete ihnen die Mäuler zu, da bliesen sie dann die Backen
auf, kurz es ward eine stäte Abwechslung von Grimassen. Da nun alle
die Könige anfiengen, dem Meth und Aepfelwein tüchtig zu zusprechen
und auch dem Lebküchler häufig zutranken, gab es Streit und sie
warfen sich die Teller ins Gesicht und modellirten sich ganz grandios
mit den Humpen auf den Köpfen herum. Diese alten Schotten-Könige
hatten eine Art Bauernkrieg unter einander und bald war dieser bald
jener Trumpf,--und dazwischen wurde immer vom Stein Jakobs geschrieen,
ohne daß sie irgend einig werden konnten. Alles das ward der guten
Kounteß ein Stein des Anstoßes, sie wußte gar nicht mehr, was sie von
ihren Altvorderen halten sollte, sie kam zitternd und bebend mit
ihrem Kinderstühlchen zu Gackeleia gelaufen und lehnte ihren großen
Kopf Hilfe suchend, da Gackeleia, um dem Streite zu zusehen, auf den
Stuhl gestiegen war, ganz bequem gegen das Achselband ihrer rechten
Schulter mit den Worten: "o mein Gott, welch ein Greul, o wo seyd ihr
hin, ihr schönen Tage meiner Kindheit!"--Gackeleia aber drehte den
Ring mit dem Wunsche, alle die Streitenden möchten sich in
unschuldige, belustigende Gegenstände verwandeln und alsbald wurden
die Könige und der Lebküchler zu Hollundermännchen, welche sich
einander auf den Kopf stellten und wieder auf die Füße purzelten, was
allgemeinen Beifall fand. Die Ueberreste der Lebkuchen-Bilder wurden
theils von den Originalen, theils von Alektryo und Gallina verzehrt.
--Selbst die Kounteß lächelte darüber und sagte: "seit ich die
Achselspange der Rebecka berührt habe, ist mir ein solcher kindlicher
Friede, eine solche Lust ins Herz gekommen, daß es mir lächerlich
vorkömmt, wie ich so entsetzlich über den Stein Jakobs habe studieren
können, o jetzt habe ich keinen Wunsch mehr, als daß ich noch, wie
einst auf meinen Kinderstühlchen neben St. Eduards Stuhl sitzen und
meine Puppe darauf stellen könnte."--Diese Rede gefiel der ganzen
gräflichen Familie so wohl, daß Gockel ihr Kinderstühlchen auf den
Tisch und die Puppe daraufstellte, worauf er ihr den eignen Orden der
Kinderei, Kronovus den Orden des goldnen Ostereis mit zwei Dottern,
und Gackeleia den Orden der freudig frommen Kinder umhängten, sie
rückten zusammen und nahmen sie in die Mitte und tranken Gesundheiten
und Alles war voll Lust und Herrlichkeit.--Gockel aber nahm nun das
große Tagebuch der Ahnfrau, das vor ihnen bei den Geschenken Salomos
und der Königin von Saba auf dem Tische lag und überreichte es der
Kounteß mit der Bitte, da sie sich so sehr für schriftliche Urkunden
interessire und eine so schöne Aussprache habe, möge sie mit der
Vorlesung die Mahlzeit beschließen; wahrscheinlich werde dort zu
ihrer Freude auch etwas von den Spangen der Rebecka und dem Steine
Jakobs verzeichnet seyn.--Sie nahm das Buch, blätterte ein wenig
darin hin und her, wie ein Kind, das keine Lust zu lesen hat, und
sagte: "es sind gar keine Bilder darin, das ist Schade, es ist mir
auch jetzt ganz unleserlich zu Muthe; mir ist so lustig und kindisch,
daß ich mich ordentlich zusammennehmen muß, um mich nicht da auf den
Tisch hinauf auf mein Kinderstühlchen zu setzen und mit den Füßen zu
pampeln. So lächerlich, ja unmöglich dieses bei meiner allzu
großmächtigen Figur nun scheint, muß ich dennoch leiblich dagegen
kämpfen; denn mein Seelchen sitzt wirklich schon darauf und läßt
jedermann seine schönen, neuen, rothen Schuhe bewundern. Nein, jetzt
lese ich nicht--ich habe eine große Angst, wieder in die
Untersuchungen alttestamentarischer Antiquitäten zu fallen, mir ist,
als verstünde ich jetzt erst den Stein Jakobs recht, mir ist, als
stiege ich mit den Engeln auf der Himmelsleiter, die er auf diesem
Steine schlafend im Traume gesehen, auf und nieder, und wir spielten
zusammen und einer von ihnen hat mir gesagt: "sey ein frommes Kind,
laufe nicht in alle Gassen hinein, halte dich hübsch fest an der
Schürze der Mutter und trau den falschen Ammen nicht--die treuen
Kinder wird die Mutter gewiß zum lieben Vater bringen, und da giebt
es Kuchen und Herz, was verlangst du?"--seht, so ist mir--ich will
mir keine neuen Skrupel in den Kopf setzen; aber ich will Euch
hernach doch aus dem Buche lesen--jetzt nun hätte ich vor mein Leben
gern, daß die liebe Gackeleia mir und uns Allen das wünsche, was ihr
das Liebste und uns Allen das Nützlichste und Gott das
Wohlgefälligste, am Ende aber ein wenig plaisirlich für jedermann
wäre.--Wünsche, Gackeleia, wünsche, bitte, bitte, bitte!"--Die große
majestätische Schottländerin sagte dies so von ganzen Herzen, so ganz
wie ein unschuldiges Kind, das erst der Flamme des Lichtes mit den
Händchen winkt, und weil sie nicht gleich naht, unbesorgt hinein
greift, ja so ganz von Herzen, daß sie in ihrer jetzigen Aeußerung
einem schönen, schimmernden Schmetterling glich, der sich aus der
finsteren Hülle einer Puppe, wie aus einem Kerker hervorwindet; die
Flügel träumend entfaltet, und rührt und ruft: o Blumen her, Rosen,
Lilien, mich zu schauckeln!--o es war rührend, leicht hätte er das
Licht selbst für eine in der Nacht leuchtende Lilie halten und den
Tod darin finden können.--Gackeleia fühlte das Alles so tief, daß sie
die gute Samsonia Molle Gothol ans Herz drückte, mit den Worten:
"gewiß, gewiß, du bist die erste liebste Ordensgespielin des armen
Kindes von Hennegau!"--Da blickte Gackeleia den Kronovus und Vater
und Mutter und alle Gäste gar lieblich, schlau und kindlich lächelnd
der Reihe nach an und hob den Ring an dem Finger mit der Frage empor:
"wollt ihr von Herzen mit Allem zufrieden seyn, was ich wünsche?" und
alle riefen einstimmig: "ja, ja, von Herzen zufrieden, wünsche
Gackeleia, wünsche!"

Nun umarmte Gackeleia Vater und Mutter und den Kronovus und drückte
die schöne Kunstfigur ans Herz und reichte allen Gästen der Reihe
nach die Hand--dann schaute sie rings um aber das fröhliche Volk,
über Schloß, Hof und Garten, über die ganze freudige Umgegend und
sprach: "o wie ist Alles so einig und freudig umher! nur Eines bleibt
zu wünschen übrig--ich wünsche es," da drehte sie den Ring Salomonis
am Finger und sprach:

"Salomo, du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Setz' uns von dem stolzen Pferde,
Ohne Fallen sanft zur Erde,
Führ uns von dem hohen Stuhle
Bei der Nachtigall zur Schule,
Die mit ihrem süßen Lallen
Gott und Menschen kann gefallen,
Laß, das hohe Lied zu singen,
Uns aufs Kinderstühlchen schwingen,
Führ uns nicht in die Versuchung
Unfruchtbarer Untersuchung;
Nicht der Kelter ew'ge Schraube,
Nein die Rebe bringt die Traube.
Mach' einfältig uns gleich Tauben,
Segne uns mit Kinderglauben.
Lasse uns um jede Gnade
Kindlich bitten, kindlich danken
Und durch Dorn und Blumenpfade
Treu gepflegt sie ohne Wanken,
Freudig, doch mit frommem Zagen,
Hin zum lieben Vater tragen.
Laß die Engel bei uns wachen,
Daß wir wie die Kinder lachen,
Daß wir wie die Kinder weinen,
Laß uns Alles seyn, nichts scheinen.--
Mache uns zu Kindern Alle,
Jedes sey nach seiner Art,
Wie's dem lieben Gott gefalle,
Einsam oder treu gepaart.
Bricht ein Herz am andern Herzen,
Mach ihm Blumen aus den Schmerzen,
Daß mit duftendem Gewinde
Seine Wunde es verbinde,
Roth, wie Amaranthen blühe,
Bis in Schmerzen es verglühe.
Wessen Herz ein Anderes spiegelt,
Der sey rein und stark geflügelt,
Daß er heil empor es trage
Zur Befriedung aller Klage,
Zur Erlösung aller Frage,
Aus der Nacht zum Herrn der Tage.
Zieh'n schon Engel durch die Halmen,
Wogt das Korn schon Well auf Welle,
Naht der Schnitter unter Psalmen,
Spielen Kinder auf der Schwelle
Doch mit Blumen roth und blau,
Die des letzten Tages Thau
Bräutlich schmückt mit mildem Glanz
Für des Festes Erndtekranz,
Und sie singen: Uns liebt morgen,
Der uns heut so treu geliebt,
Ein fromm Kind braucht nicht zu sorgen,
Wenn's noch Heut und Morgen giebt;
Und kömmt erst die Ewigkeit,
Halt ich reinlich nur mein Kleid,
Bin ich fertig und bereit
Und geh ein zur Herrlichkeit.
Darum liebster Salomo!
Mach uns heute groß und klein
Gleich zu solchen Kinderlein,
Knaben derb und Mägdlein fein,
Die im Grase frisch und froh
All in Kleidchen nett und rein
Rings um den Alektryo
Glücklich bei einander sitzen
Und die Ohren horchend spitzen.
Mach, daß Alles auf ein Häärchen
Nichts ist, als ein altes Mährchen,
Das der Hahn uns hübsch erzählt,
Den wir lang darum gequält,
Und die Puppe, nein--die nur
Eine schöne Kunstfigur,
Sey gleich eine ganz scharmante,
Aprobirte Gouvernante,
Schmeidig, wie ein Seidenfädchen,
Zierlich, wie ein Silberdräthchen,
Die mit zimperlichen Schritten
Einen Kuchen schon zerschnitten,
Weil das Beste kömmt zuletzt,
Lächelnd vor uns niedersetzt.
Und wir drängen uns um sie,
Herzen und bekränzen sie,
Und sie stimmet mit uns ein:
"Bitte, bitte, artig seyn!"
Und wir patschen in die Hände,
Und das Mährchen hat ein Ende;
Ringlein, Ringlein, dreh dich um,
Mach es so, ich bitt dich drum!"

Während Gackeleia diese Worte theils mit tiefer Rührung, so daß ihr
die Thränen in die Augen traten, theils lächelnd mit gutmüthigem
Muthwill aussprach, drehte sie den Ring immer schneller, denn sie
ward immer ungeduldiger, wieder ein Kind zu seyn. Kronovus hängte
sich an ihren Arm, er war ordentlich bang, sie würde ganz klein
werden und ihm endlich gar verschwinden; weil sich aber in seiner
Seele alles zugleich mit ihr veränderte, merkte er keinen Unterschied.
--Das verschiedene Betragen aller Gäste war lustig anzusehen, einigen
sehr soliden Standespersonen aus Gelnhausen war gleich anfangs schon
nicht recht wohl bei dem Handel zu Muthe, sie waren froh, die
Kinderschuhe ausgetreten zu haben, sie fürchteten, sie müßten wieder
in die Schule und besonders in die Kinderlehre gehen und würden sehr
beschämt werden, weil sie den Katechismus ganz vergessen hatten.
--Einige Damen dachten auch, man könne sich das Verjüngen bis auf
einen gewissen Grad wohl gefallen lassen, dann aber wollten sie sich
unter irgend einem Vorwand zurückziehen; so kam es dann, daß vielen
gleich anfangs übel ward, daß sie Nasenbluten bekamen, heftig zu
husten anfiengen und sich aus dem Staube machten. Andere, welche
tüchtig gegessen und getrunken hatten, begannen zu gähnen und
schliefen ein oder fiengen an zu tändeln und zu spielen und ganz
kindisch vertraut allerlei Neckereien mit ihren Nachbarn zu treiben.
--Es kam viele Natur, viele Art und Unart, aber auch gar viel
verstecktes Liebes an den Leuten zu Tag.--Da nun Gackeleia mit ihrem
Wunsche fertig war, zog sie den Ring ab und legte ihn auf den Teller,
um ihn für immer dem Kronovus zu überreichen, aber Alektryo, der
neben ihr auf der Schulter Gockels saß, zuckte mit dem Schnabel
hervor nach dem Ringe und verschluckte ihn wieder, in demselben
Augenblicke gieng der Wunsch Gackeleias plötzlich in seine ganze
Erfüllung.--Die großmächtige Schottländerin hatte noch gerade so viel
Zeit, das große Tagebuch der Ahnfrau unter den Arm zu klemmen und ihr
Kinderstühlchen zu erwischen, denn sonst hätte sie mit den andern
Kindern auf der Erde sitzen müßen.--Mehr als drei dutzend Personen
waren gerade noch übrig, und diese waren auch richtig in eben so
viele gesunde vergnügte Kinder verwandelt, die auf einem schönen,
blumigen Grasplätzchen am Rande eines Kornfeldes um den Hahn Alektryo
herumsaßen, der ihnen die Geschichte erzählte, die ein altes Mährchen
war, welches er in seiner Kindheit von einem italienischen
Schokolademacher gehört, und um das sie ihn schon lange gequält
hatten. Als er nun eben fertig war, kam das Beste zuletzt, nicht die
Puppe, sondern nur die allerschönste Kunstfigur war in eine wohl
aprobirte Gouvernante verwandelt und trippelte mit einem
Präsentirteller, worauf ein großer, schon getheilter Kuchen lag,
mitten unter die Kinder und ließ sich auf ein Knie nieder und setzte
den Kuchen auf den Rasen zwischen die Kinder. Da war der Jubel
allgemein, die Kinder drängten sich um sie, umarmten sie,
schmeichelten ihr, setzten ihr Kränze auf, machten Musik, schrien
Vivat, und jedes that nach seiner Art, gesellt oder einsam; es waren
auch Kinder da, die schliefen, die gähnten, die aufwachten, die sich
neckten, versteckten, liebkosten, Kränzchen aufsetzten.--Sie hatten
ihre Lämmchen, Hündchen, Vögelchen u.s.w. bei sich.--Unter allen
diesen lustigen Kindern saß Eines ein wenig abgesondert, etwas
ernsthafter auf einem Kinderstühlchen, es hatte ein großes Buch unter
dem Arm, ein Schmetterling lebte und starb ihm auf dem Händchen. Es
schien ein Bißchen tiefsinnig, wie träumend, als sey es einmal eine
sehr große breite Figur gewesen und könnte sich noch nicht in Alles
recht finden. Ein Knabe auf dem Steckenpferd wollte es vorwärts
reißen, wodurch es sich noch mehr zusammennahm. Es sah auf den
Kuchen hin, auf welchem seine Vorältern, als Hollundermännchen um
eine Puppe herumpurzelten.--Es lächelte kaum, denn es hörte in der
Ferne die ernsten Psalmen des Schnitters, es hörte das Wogen der
Aehren Welle auf Welle, und wenn es gleich freudig mit den andern
Kindern auf der Schwelle des Erndtefestes saß, so spielte es doch
nicht mit den blauen und rothen Blumen, die vom Thau des letzten
Tages schimmerten, sondern es gedachte dieses Tages und sah die Boten
der Erndte, zwei Engel aus dem Weizen hervortreten; der eine führte
ein armes verwaistes Kind, das lange keine Freude gehabt, hin auf die
Schwelle, wo die freudig frommen Kinder spielten, und zu dem Kuchen,
der da ausgetheilt ward.--Da sagte das nachdenkliche Mädchen auf dem
Kinderstühlchen vor sich: "ach und das Leben ist doch so ernst!
"--Gleich darauf sah es den zweiten Engel, sich aus dem Korn
hervorbeugend, mit einem andern Kinde in das Nest der Gallina schauen,
welche dort brütete; da sprach das ernste Kind:

"Engel, die Gott zugesehn,
Sonn und Mond und Sterne bauen,
Sprechen: "Herr, es ist auch schön,
Mit dem Kind ins Nest zu schauen!"

Darüber dachte es nun wieder nach, als der Knabe auf dem Steckenpferd
vorüber reitend es an der Schürze zupfte.

Als nun Alles so voll Freude und Jubel über die wohlaprobirte
Gouvernante und ihren Kuchen war, sagte diese, dem Ungestümm der
Kinder wehrend: "bitte, bitte, artig seyn, jetzt will ich austheilen."
Da patschten Alle so freudig in die Hände, und ich vor allen so
unmäßig, daß mir die Hände noch brennen, denn ich war auch dabei,
sonst hätte ich die ganze Geschichte ja nie erfahren und hätte keinen
Kuchen erhalten von der Puppe--nein der nur allerschönsten Kunstfigur
u.s.w.

***

Alle patschten in die Hände
Und das Mährchen schien am Ende
Selbst ganz artig zugespitzt,
Ja ein kleines Sternchen blitzt
Unten an der Himmelsleiter
Unter einem--und so weiter;
Und dies heißt: der kleine Stern
Plauderte noch gar zu gern;
Denn, wie sichs versteht am Rande,
Hat die edle Gouvernante
All die Kinder heimgeführt,
Und dann, wie es sich gebührt,
Gleich die Schaar, daß sie gedeihe,
Rein gewaschen, nach der Reihe
Umgekleidet und gepflegt,
Wie ins Bett man Kinder legt;
Und weil Alles auf ein Härchen
Mußte sein ein artig Mährchen,
Kämmt' und flocht den Kinderköpfchen
Allen sie die linden Zöpfchen,
Sprengte dann mit Wassertröpfchen
Noch die lieblichen Geschöpfchen,
So wie Blumen man erquickt,
Die man in die Kirche schickt,
Und nun ist sie fromm mit Allen
Auf die Kniee hingefallen,
Hat mit ihnen süß gesungen,
Daß zum Himmel es gedrungen:
"Müde bin ich, geh zur Ruh,
Schließe beide Aeuglein zu,
Vater, laß die Augen dein
Ueber meinem Bette seyn;
Hab ich Unrecht heut gethan,
Sieh es, lieber Gott, nicht an,
Deine Gnad und Jesu Blut
Macht ja allen Schaden gut;
Vater hab mit mir Geduld
Und vergieb mir meine Schuld,
Wie ich Allen auch verzeih,
Daß ich ganz in Liebe sey.
Alle, die mir sind verwandt,
Herr laß ruhn in deiner Hand,
Alle Menschen groß und klein
Sollen dir befohlen seyn.
Kranken Herzen sende Ruh,
Nasse Augen schließe zu,
Laß den Mond am Himmel stehn,
Und die stille Welt besehn!"--
Alle sagten dann gut Nacht,
Haben lieb sich angelacht,
Zu einander nach der Reihe
Sprachen sie: "verzeih, verzeihe,
Morgen, läßt uns Gott erwachen,
Wollen wir es besser machen."
All ins Bettchen dann gesteckt
Hat sie und hübsch zugedeckt.
Als sie dann in sich gekehrt
Suchte, was ihr Gott bescheert,
Trat ihr Engel ihr entgegen
Und gab ihr den Kindersegen,
Und, was Alles sie geträumt,
War mit Himmelsgold gesäumt.
Nicht lang nach dem Abendlied,
Als die Gouvernante schied,
Alle Kinder einen tiefen
Traum-durchblümten Schlummer schliefen;
Eines nur verließ das Pfühlchen,
Mit dem Buch und Kinderstühlchen
Wollt's zum Mond in's Freie gehn
Und die stille Welt besehn.
Und ich folgt' ihm, sah im Traum,
Wie es an der Aehren Saum
Zwischen Lilien in dem Feld
Vor Sankt Eduards Thronstuhl dicht
Hat sein Stühlchen hingestellt.
Aus dem Thronstuhl sind von Licht
Dann zwei Pflanzen aufgeschossen,
Blatt vor Blatt gleich Leitersproßen
Waren wie das Blatt des Mohns
Und des Siegels Salomons,
Und sie wuchsen bis zum Mond.
Oben in dem Strauße thront
Mild ein Weib in ernster Feier,
Thront die Nacht in weiter Hülle,
Schauet, thauet durch den Schleier
Mutterstille, Mutterfülle
Träumerisch vom blauen Zelt
Auf das goldne Aehrenfeld.
Ihr zur Rechten, ihr zur Linken
Auf des Mohnes Blumen winken
Sterne, Kinder aller Launen,
Die da sinnen, harren, staunen,
Beten, sehnen, prophezeihen,
Wenig wohl um uns bekümmert
Schweigen und ins Herz uns schreien.
Während oben es so schimmert,
Blättert unten in dem Düstern
Still das Kind im großen Buche,
"Find' nicht," sprach es, "was ich suche,
Hör, doch alle Blätter flüstern
Von des Jakobs Schlummerstein
Und Rebeckas Edelstein,
Was zu lesen ich so lüstern;
Stiegen doch die Engel wieder
Auf der Himmelsleiter nieder,
Brächten mir ein Bischen Licht!
Denn trotz Mond und Sterngefunkel
Ist's zum Lesen doch zu dunkel.
Sieh, als kaum das Kind so spricht,
Nahen auf der lichten Bahn
Gleich zwei Engel sich geschwinde
Mit zwei Sternlein und dem Kinde
Zünden sie die Lilien linde
Zu des Thronstuhls Seiten an,
Und nun ist es hell zum Lesen
Wie in einem Chor gewesen,
Wo man wechselnd singt die Psalmen,
Als das Kind hat intoniret,
Haben auf des Mohnes Halmen
Gleich die Sterne respondiret:
"Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, Zeit und Ewigkeit."
Und den ganzen Wiederhall
Sang das Lied der Nachtigall,
Die da auf dem Thronstuhl saß
Und kein Wörtchen je vergaß,
Das das Kind im Buche las.
Und ich sah das Kind im Singen
Sich zum höhern Chor erschwingen,
Wie es so emporgestiegen,
Ließ sein Buch es unten liegen,
Hat zu mir sich umgeschaut,
Und sprach milde, wie es thaut:
"War in Schottland einst geboren,
Irrt in Irland lang verloren,
Geh ins wahre Engelland
An der lieben Engel Hand;
Gieb mir Acht auf meine Sachen,
Wenn die Kinder all erwachen,
Lese ihnen aus dem Buch
Von dem Segen, von dem Fluch,
Von des Kleinods Heil und Noth,
Von der Fahne weiß und roth,
Von dem Wolfbrand Hammelstutz
Und dem Hego von Vadutz;
Jetzt gut Nacht, auf Wiedersehn!"
Und da war's um mich geschehn,
Kind gieng in den Himmel ein,
Und ich blieb allein, allein!
Rings die weite, weite Nacht
Und der Sterne ernste Pracht,
Keiner hat an mich gedacht,
Keiner hat mich angelacht.
In der Lilien Wunderlicht
Sitz ich gleichsam vor Gericht,
Und das liebe Kinderstühlchen
Ward mein Armesünderstühlchen;
In die Nacht hab ich gedichtet,
Was gen Morgen wird gelichtet,
Und gesichtet und gerichtet;
Vor mir ruht das große Buch,
Und ich harre auf den Spruch.
Horch, wie ernst die Aehren wogen,
Horch, der Schnitter kömmt gezogen!
Träume thauen von dem Mohn
Und vom Schlafe übermannt
Sinkt das müde Haupt mir schon
Auf des Thronstuhls harten Rand,
Und mir träumt, wie zwei Jungfrauen
Aus der frühen alten Welt
Durch das reiche Aehrenfeld
Mild zu mir herüberschauen;
Und die Junge fragt die Alte:
"Vreneli, was macht das Büblein?"
"Amey," sprach die, "dicht am Grüblein
Schläft es, o daß Gott sein walte!
Seine Sache hats vollbracht,
Und daß, wenn der Tag erwacht,
In der Erndte es nicht darbe,
Leg ihm milde in den Arm
Eine kleine feine Garbe,
Hart liegt's jetzt, daß Gott erbarm!"
Und so that die liebe, gute,
Daß mein Haupt nun friedlich ruhte,
Flocht dann bei der Sterne Glanz
Aemsig an dem Erndtekranz,
Neben ihr die andere kniete,
Betend: "Büblein ruh in Friede!"
Aber ach! es wehrt nicht lange,
Horch! es rührt sich auf der Stange
Bei der Henne schon der Hahn;
Morgenthau rührt mir die Wange
Weckend, bald zerrinnt der Wahn;
Und der erste Hahnenschrei,
Wenn die Kinder auferstehen,
Bricht den lieben Traum entzwei;
Und sie werden dann verstehen,
Wie mir also ist geschehen.
Dann wird Alles vorgelesen,
Und wird das, was es gewesen,
Tretend aus dem trüben Schein
Auch in vollem Lichte seyn;
Ja dann ist selbst auf ein Härchen
Dieses Mährchen mehr kein Mährchen;
Und bis so das Mährchen aus,
Sing ich in die Nacht hinaus:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

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