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Gockel, Hinkel und Gackeleia by Clemens Brentano

Part 2 out of 4

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mein lieber Mann, was machst du? ach ich unglückselige, er ist
närrisch geworden!" Da winkte ihr Gockel nochmals zu schweigen, und
sprach:

"Wer kömmt zu Rüge, wer kommt zu Recht?"

Da trat Alektryo hervor, und sprach mit gebeugtem Haupt:

"Alektryo klagt, dein Edelknecht!"

Ach! wie fuhr das der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia durch das
Gewissen, als sie hörten, daß der Hahn reden konnte; sie zitterten,
daß nun Alles gewiß herauskommen wurde. Da sprach Gockel:

"Alektryo, was ward dir gethan?"

Da antwortete Alektryo:

"Graf Gockel, trag mir das Schwert voran,
Trag es voran mit gewaffneter Hand,
Dann rufe ich Zeter wohl durch das Land."

Da zog Gockel einen alten Blechhandschuh an die rechte Hand, in der
er sein Schwert trug, und gieng so vor Alektryo, der ihm folgte, im
Kreis durch die Kapelle wieder zu den Gebeinen Gallina's zurück.

Da trat Alektryo zu den Gebeinen der Gallina und krähte Zeter mit
zitternden Stimme.

"Ach Herr, schau diese Gebeinlein an,
Das war mein Weib und meine Brut,
Die Katze zerriß sie und trank ihr Blut.
Zeter über Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog, Demagog;
Zeter und Weh und aber weh,
Und immer und ewig Herr Jemine!"

Bei diesen Worten krähte er wieder gar betrübt, und Gockel sagte:

"Alektryo, du mein edler Hahn,
Ich hörte, du hättest es selbst gethan.
Nun bringe du mir auch Zeugen bei,
Daß deine Klage wahrhaftig sey."

Da antwortete Alektryo:

"Hier war ich schon lange ein lästiger Gast,
Sie haben den redlichen Wächter gehaßt;
Oft mußte ich hören den Wiegengesang,
Der mir, wie ein Messer, die Kehle durchdrang:
"Ha heia, popeia, schlag's Kickelchen todt,
Er legt keine Eier und frißt mir mein Brod,
Dann rupfen wir ihm seine Federchen aus,
Und machen Gackeleia ein Bettchen daraus!"
O wär ich gestorben! Wie wär' mir jetzt gut
Mit meiner Gallina und mit meiner Brut,
Bei dir lieber Hiob, bei dir Salomo
In himmlischen Höfen auf goldenem Stroh!
Doch fehlte der Muth hier zu blutiger That,
Ich sollte verderben durch Lug und Verrath.
Weil oft ich zu früh das Gewissen erweckt,
Ward mit dem Gewissen in Sack ich gesteckt.
So hab ich gehört nur und hab nicht gesehn,
Wie hier ist die gräßliche Unthat geschehn,
Und lad' drum die lieben Schloßvögelein ein,
Sie sollen wahrhaftige Zeugen mir seyn."

Nach diesen Worten fiengen alle die Vögel an, so gewaltig
durcheinander zu zwitschern, zu schnurren und zu klappern, daß Gockel
sprach:

"Halt ein, hübsch stille, macht kein Geschrei,
Ich will euch vernehmen nun nach der Reih'!
Zuerst Frau Schwalbe, die früh aufsteht,
An dich mein Zeugenruf ergeht."

Da flog die Schwalbe heran und sprach:

"Noch zittere ich und beb ich,
Es ist wirklich, gewiß, sicherlich geschehn,
Sterb ich, oder leb ich, will ich's immer und ewig
Sicherlich nimmer mehr wieder sehn;
Wie die wilde Kätzin und ihre Kätzchen
Sprangen mit zierlichen Sprüngen und Sätzchen
Zum Nestchen und rissen ripps, rapps,
Die Küchlein und ihr Mütterlein treu,
Gripps, grapps in viele, viele Restchen,
Und federwinzige Fetzen entzwei.
Ich blieb drüber schier vor Schrecken
Zwier im zierlichen Gezwitscher stecken.
Wie ich eben im Begriffe bin gewesen,
Meinen Kindern, wie üblich, gar lieblich
Ein Capitel ersprießlich aus der Bibel
Von Tobiä Schwälblein und Sälblein
Exegisirend, explicirend zu lesen,
Geschah das himmelschreiende grimmige Uebel;
Als ich, wie's schicklich, erquicklich ist,
Mit witziger, spitziger List
Die Hirngespinnste meiner Gesichte,
Die figürlichen, manierlichen Traumgedichte
Den Kindern ein bischen zimperlich, spärlich,
Doch ziemlich klimperklärlich
Im glitzernden Frühlichts-Schimmer
Spintisirlich rezitirte, ist, was ich gewiß nimmer
Bis jetzt je gesehen, nie wieder will sehen,
Die verzwiefelte, verzweifelte Misse--Misse--
Missethat binnen kürzester Frist geschehen,
Daß die wilde Kätzin ohne Rezepisse
Und Gewissen die Gallina zerrisse;
Sieh, es ist die fleißige, ämsige, sitzende,
Giksende, gacksende, kratzende, kritzende
Gickel, Gackel, Gallina nicht mehr,
Das von weißen, weichen Ginster und Weidenzweigen
Zierlich gewickelte, figürlich gezwickelte, fleur-de-lysirte,
Gothisch verzierte, stilisirte, persisch ziselirte,
Von piependen, trippelnden, nickenden, pickenden
Küchelchen wimmelnde Erbhühnernest ist zerrissen,
Zerbissen und lee, lee, lee, leer;
Zwischen den Splittern zittern und wehen die Federchen rings her,
Ich theile gewißlich mit denen, die drum wissen,
Das stechende, beissende, böse Gewissen
Immer und ewiglich nimmer nie, nie, nie, mehr!"

Nach dieser sehr beweglichen Aussage der kleinen Schwalbe krähte
Alektryo wieder:

"Zeter über Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog, Demagog;
Zeter und Weh und aber weh,
Und immer und ewig, Herr Jemine!"

Bei dem Krähen aber ward der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia
fast zu Muthe, wie Einem, der seinen Herrn verläugnet hat, beim
Hahnenschrei zu Muthe ward. Gockel sprach nun:

"Hab Dank Frau Schwalbe, tritt von dem Plan,
Nun komm Rothkehlchen als Zeug' heran."

Da flog das liebe kleine Rothkehlchen auf einen wilden Rosenstrauch
in die Nähe des Altars und sagte:

"Auf des höchsten Giebels Spitze
Sang im ersten Sonnenblitze
Ich mein Morgenliedlein fromm,
Pries den lieben Tag willkomm.
Bei mir saß gar freundlich lächelnd,
Sich im Morgenlüftchen fächelnd,
Der erwachte Sonnenstrahl,
Unten lag die Nacht im Thal.
Unten zwischen finstern Mauern
Sah ich Katzenaugen lauern,
Und ich dankte Gott vertraut,
Daß ich hoch mein Nest gebaut.
Und ich sah die Katze schleichen,
Mit den Kätzchen unten streichen
In den Stall, und hört' Geschrei,
Wußt' bald, was geschehen sey;
Denn sie und die Kätzchen alle
Sprangen blutig aus dem Stalle,
Trugen Hühnchen in dem Maul
Und zerrissen sie nicht faul.
Ach, da war ich sehr erschrecket,
Hab' die Flügel ausgestrecket,
Flog ins Nest und deckt' in Ruh
Meine lieben Jungen zu.
Ja ich muß es eingestehen,
Hab' den bösen Mord gesehen,
Und mein kleines Mutterherz
Brach mir schier vor Leid und Schmerz!"

Nach diesen Worten krähte Alektryo wieder:

Zeter über Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog und Demagog!
Zeter und Weh und aber Weh!
Und immer und ewig, Herr Jemine!

Nun hörte Gockel noch viele andere Vögel als Zeugen ab, und alle, vom
Storch bis zur Grasmücke, erzählten, wie sie den Mord durch die Katze
gesehen.

Als aber Gockel sich nun zu Frau Hinkel und Gackeleia wendete und sie
beide fragte, wie sie das hätten können geschehen lassen, da die
Gallina doch dicht neben ihrem Ruhelager gebrütet habe, und wie sie
Alles auf den edlen Alektryo geschoben hätten, sanken beide auf die
Kniee, gestanden ihr Unrecht unter bitteren Thränen, und versprachen,
es niemals wieder zu thun. Gockel hielt ihnen eine scharfe Ermahnung
und bat den Alektryo, ihnen selbst ihre Strafe zu bestimmen. Der
gute Alektryo aber bat für sie und verzieh ihnen selbst. Gockel
sagte nun: "deine Strafe, Frau Hinkel, soll seyn, daß ich dir und
deiner Tochter ein Hühnerbein und einen Katzenellenbogen in das
Wappen setze zum ewigen Andenken für eure böse Handlung, und außerdem
soll Gackeleia, weil sie die Katze Schurrimurri mit ihren verwegenen
Söhnen, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog sich heimlich zum Spiele
erzogen und durch diese ihre Spielerei ein solches Unglück angestellt
hat, nie eine Puppe besitzen, nie mit einer Puppe spielen dürfen."
Ach, da fiengen Frau Hinkel und Gackeleia bitterlich zu weinen an.

Gockel befahl nun dem Hahn den Scharfrichter zu holen, damit die
Katze mit ihren Jungen hingerichtet würde. Da schrie der Hahn und
alle Vögel: "das ist die Eule, die große alte Eule, die dort draus in
der hohlen dürren Eiche mit ihren Jungen sitzt", und sogleich ward
die Eule gerufen. Als diese ernsthaft und finster wie ein verhaßtes,
gefürchtetes, von allen andern Vögeln geflohenes Thier mit ihren
Jungen zu der Kapelle mit schweren Flügeln hereinrasselte und mit dem
Schnabel knappte und hu hu schrie, und die Augen verdrehte,
versteckten sich die Vögel zitternd und bebend in alle Löcher und
Winkel; und Gackeleia verkroch sich schreiend unter die Schürze ihrer
Mutter, welche sich selbst die Augen zuhielt. Gockel aber legte den
Sack, worin die böse Katze mit ihren Jungen stack, in die Kapelle und
die Eule trat mit ihren drei Jungen vor den Sack hin und sprach:

Ich komm zu richten und zu rechten
Mit meinen drei Söhnen und Knechten;
Nun höret ihr armen Sünder,
Katz Schurrimurri und Kinder,
Du Mack, du Benack und du Gog,
Du Magog und du Demagog,
Die ihr seid arme Sünderlein,
Ein Exempel muß statuiret seyn.
Nun Hackaug, Blutklau, Brich-das-Genick!
Meine Söhne, macht eurer Meisterstück.

Da wollten sie den Sack aufmachen und die Katzen vor aller Augen
hinrichten, aber Gackeleia schrie so entsetzlich, daß Gockel der Eule
befahl, mit ihren Söhnen den Sack fortzutragen und sich zu Hause mit
den Katzen abzufinden, was sie auch buchstäblich gethan.--Ja, ja sie
fanden sich mit ihnen ab!

Als so dieses schreckliche Schauspiel vermieden war, trat Alektryo
vor Gockel und verlangte, daß er ihm nun den Kopf abschlagen, sich
den Siegelring Salomonis aus seinem Kropfe nehmen und ihn sodann mit
den Gebeinen der Gallina und ihrer Jungen verbrennen sollte. Gockel
weigerte sich lange, dem Begehren des Alektryo zu folgen, aber da er
sich auf keine Weise wollte abweisen lassen und ihn versicherte, daß
er sich doch in jedem Falle zu Tode hungern werde, so willigte Gockel
ein; er umarmte den edlen Alektryo nochmals von ganzem Herzen. Dann
streckte der ritterliche Hahn den Hals weit aus und rief, auf der
Inschrift des Grabsteins scharrend, mit lauter Stimme aus:

Alektryo bringt dir Glück selbst um Undank.
O Gockel! hau' ihm den Kopf ab,
Schneid' ihm den Kropf auf!
Salomo's Siegelring Jedem noch Brod gab.

Am Schluße dieser Worte schwang Gockel das Grafenschwert und hieb den
Hals des Alektryo mitten durch, daß ihm der Kopf des Hahnen vor die
Füße fiel und der todte Rumpf in den Scheiterhaufen sank. Gockel
nahm das ehrwürdige Haupt bei dem Kamm, hob es empor, küßte es,
schüttelte es dann über seiner Hand, und der Siegelring Salomonis
fiel ihm hinein. Alle Anwesenden weinten, Gockel legte das Haupt zu
dem Leibe auf den Scheiterhaufen der Gebeine Gallina's; alle Vögel
brachten noch dürre Reiser und legten sie drum her, da steckte Gockel
die Reiser an und verbrannte alles zu Asche; aus den Flammen aber sah
man die Gestalt eines Hahns wie ein goldenes Wölkchen durch die Luft
davon schweben. Nun begrub Gockel die Asche und deckte den Stein mit
der Schrift wieder mit Erde zu, und hielt dann eine herrliche
Leichenrede über die Verdienste Gallina's und besonders Alektryo's,
wie des edlen Hahnengeschlechts überhaupt. Nachdem er die Herkunft
Alektryo's von dem Hahne Hiobs nach der Erzählung Urgockels
mitgetheilt hatte, sprach er unter Anderm:

"Wer gibt die Weisheit ins verborgene Herz des Menschen, wer giebt
dem Hahnen den Verstand? Gleichwie der Hahn den Tag verkündet und
den Menschen vom Schlaf erweckt, so verkünden fromme Lehrer das Licht
der Wahrheit in die Nacht der Welt und sprechen: "die Nacht ist
vergangen, der Tag ist gekommen, lasset uns ablegen die Werke der
Finsterniß und anlegen die Waffen des Lichtes." Wie lieblich und
nützlich ist das Krähen des Hahnen; dieser treue Hausgenosse erwecket
den Schlafenden, ermahnet den Sorgenden, tröstet den Wanderer, meldet
die Stunde der Nacht und verscheuchet den Dieb und erfreuet den
Schiffer auf einsamem Meere, denn er verkündet den Morgen, da die
Stürme sich legen. Die Frommen weckt er zum Gebet und den Gelehrten
ruft er, seine Bücher bei Licht zu suchen. Den Sünder ermahnet er
zur Reue, wie Petrum. Sein Geschrei ermuthiget das Herz des Kranken.
Zwar spricht der weise Mann: "Dreierlei haben einen feinen Gang und
das Vierte geht wohl, der Löwe mächtig unter den Thieren, er fürchtet
Niemand--ein Hahn mit kraftgegürteten Lenden, ein Widder und ein
König, gegen den sich Keiner erheben darf"--aber dennoch fürchtet der
Löwe, der Niemanden fürchtet, den Hahn und fliehet vor seinem Anblick
und Geschrei; denn der Feind, der umhergeht wie ein brüllender Löwe
und suchet, wie er uns verschlinge, fliehet vor dem Rufe des Wächters,
der das Gewissen erwecket, auf daß wir uns rüsten zum Kampf. Darum
auch ward kein Thier so erhöhet; die weisesten Männer setzen sein
goldenes Bild hoch auf die Spitzen der Thürme über das Kreuz, daß bei
dem Wächter wohne der Warner und Wächter. So auch steht des Hahnen
Bild auf dem Deckel des ABC-Buchs, die Schüler zu mahnen, daß sie
früh aufstehen sollen, zu lernen. O wie löblich ist das Beispiel des
Hahnen! Ehe er kräht, die Menschen vom Schlafe zu wecken, schlägt er
sich selbst ermunternd mit den Flügeln in die Seite, anzeigend, wie
ein Lehrer der Wahrheit sich selbst der Tugend bestreben soll, ehe er
sie anderen lehret. Stolz ist der Hahn, der Sterne kundig, und
richtet oft seine Blicke zum Himmel; sein Schrei ist prophetisch, er
kündet das Wetter und die Zeit. Ein Vogel der Wachsamkeit, ein
Kämpfer, ein Sieger wird er von den Kriegsleuten auf den Rüstwagen
gesetzt, daß sie sich zurufen und ablösen zu gemessener Zeit. So es
dämmert und der Hahn mit den Hühnern zu ruhen sich auf die Stange
setzt, stellen sie die Nachtwache aus. Drei Stunden vor Mitternacht
regt sich der Hahn, und die Wache wird gewechselt; um die Mitternacht
beginnt er zu krähen, sie stellen die dritte Wache aus, und drei
Stunden gen Morgen rufet sein tagverkündender Schrei die vierte Wache
auf ihre Stelle. Ein Ritter ist der Hahn, sein Haupt ist geziert mit
Busch und rother Helmdecke und ein purpurnes Ordensband schimmert an
seinem Halse; stark ist seine Brust wie ein Harnisch im Streit, und
sein Fuß ist bespornt. Keine Kränkung seiner Damen duldet er, kämpft
gegen den eindringenden Fremdling auf Tod und Leben und selbst
blutend verkündet er seinen Sieg stolz emporgerichtet gleich einem
Herold mit lautem Trompetenstoß. Wunderbar ist der Hahn; schreitet
er durch ein Thor, wo ein Reiter hindurch könnte, bücket er doch das
Haupt, seinen Kamm nicht anzustoßen, denn er fühlt seine innere
Hoheit. Wie liebet der Hahn seine Familie! Dem legenden Huhn singt
er liebliche Arien: "bei Hühnern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein
gutes Herze nicht, die süßen Triebe mit zu fühlen, ist auch der
Hahnen erste Pflicht;"--stirbt ihm die brütende Freundin, so
vollendet er die Brut und führet die Hühnlein, doch ohne zu krähen,
um allein Mütterliches zu thun.--O welch erhabenes Geschöpf ist der
Hahn! Phidias setzte sein Bild auf den Helm der Minerva, Idomeneus
auf sein Schild. Er war der Sonne, dem Mars, dem Mercur, dem
Aesculap geweiht. O wie geistreich ist der Hahn! Wer kann es den
morgenländischen Kabbalisten verdenken, daß sie sich Alektryo's
bemächtigen wollten, da sie an die Seelenwanderung glaubten und der
Hahn des Mycillus sich seinem Herrn selbst als die Seele des
Pythagoras vorstellte, die inkognito krähte. Ja wie mehr als ein
Hahn ist ein Hahn, da sogar ein gerupfter Hahn noch den Menschen des
Plato vorstellen konnte"! u.s.w.

Noch unaussprechlich vieles Erbauliche, Moralische, Historische,
Allegorische, Medizinische, Mystische, selbst Politische brachte
Gockel in dieser schönen Leichenrede an, welche auch oft von dem
lauten Schluchzen und Weinen Gockels, der Frau Hinkel und der kleinen
Gackeleia unterbrochen ward. Selbst alle Vögelein gaben ihre Rührung
mit leisem Piepen zu verstehen; weil aber der größte Theil der Rede
aus Coleri Haushaltungsbuch und aus Gesneri Vogelbuch u.s.w.
herrührte, zogen sich die zuhörenden Vögel, denen es viel zu lang
dauerte, nach und nach in der Stille zurück,--und da er nun gar noch
allerlei Abergläubisches von der Alektryomantie, einer Art
zauberischer Wahrsagerei vermittelst der Hahnen, und von dem Hahnenei,
woraus die Basilisken entstehen, vorbrachte, ward Frau Hinkel auch
etwas unruhig--doch hielt sie sich noch zurück--dann aber kam er auf
einen gewissen unpartheiischen Engländer zu sprechen, und was dieser
von Hahnen und Hinkeln gesagt; da ward es Frau Hinkel nicht recht
wohl und sie sprach: "Lieber Gockel, ich glaube, wir haben das schon
gehört, wir sind auch noch nüchtern, ich fürchte die Milch wird sauer,
ich habe auch noch kein Wasser zum Kaffee am Feuer, ich dächte wir
hielten einen kleinen Leichenschmaus." Da lächelte der gute Gockel,
umarmte Frau Hinkel und Gackeleia und begab sich, selbst ermüdet von
der schlaflosen Nacht, gern mir ihr in den Hühnerstall.

Den ganzen übrigen Tag weinten Frau Hinkel und Gackeleia noch öfter,
und wollten sich gar nicht zufrieden geben, daß sie an dem Tode der
Gallina und Alektryo's Schuld gewesen.

Gockel gab ihnen die schönsten Ermahnungen, sie versprachen die
aufrichtigste Besserung, und so entschlief die ganze Familie am Abend
dieses traurigen Tages nach einem gemeinschaftlichen herzlichen Gebet.

Als Gockel in der Nacht erwachte, gedachte er der Frau Hinkel und
seines Töchterleins Gackeleia mit vieler Liebe, und entschloß sich,
ihnen nach dem vielen Schrecken, den sie gehabt, eine rechte Freude
zu machen, und zugleich den Siegelring Salomonis zu versuchen. Er
nahm daher den Ring aus der Tasche, steckte ihn an den Finger und
drehte ihn an demselben herum mit den Worten:

"Salomon du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Mach' mich und Frau Hinkel jung,
Trag' uns dann mit einem Sprung
Nach Gelnhausen in ein Schloß,
Gieb uns Knecht und Magd und Roß,
Gieb uns Gut und Gold und Geld,
Brunnen, Garten, Ackerfeld,
Füll' uns Küch und Keller auch,
Wie's bei großen Herrn der Brauch,
Gieb uns Schönheit, Weisheit, Glanz,
Mach' uns reich und herrlich ganz,
Ringlein, Ringlein, dreh' dich um,
Mach's recht schön, ich bitt' dich drum!"

Unter dem Drehen des Ringes und dem öfteren Wiederholen dieses
Spruches schlief Gockel endlich ein. Da träumte ihm, es trete ein
Mann in ausländischer reicher Tracht vor ihn, der ein grosses Buch
vor ihm aufschlug, worin die schönsten Paläste, Gärten, Springbrunnen,
Hausgeräthe, Kleidungsstücke, Tapeten, Schildereien,
Alamode-Kutschen, Pferde, Livreen und andere dergleichen Dinge
abgebildet waren, aus welchen er sich heraussuchen mußte, was ihm
wohlgefiel. Gockel beobachtete bei der Wahl Alles mit großem Fleiße,
was Frau Hinkel und Gackeleia gefallen konnte, denn er träumte so
klar und deutlich, als ob er wache. Da er aber das Buch
durchblättert hatte, schlug der Mann im Traume es so heftig zu, daß
Gockel plötzlich erwachte.

Es war noch dunkel, und er war so voll von seinem Traume, daß er sich
entschloß, seine Frau zu wecken, um ihr denselben zu erzählen; auch
fühlte er ein so wunderbares Behagen durch alle seine Glieder, daß er
sich kaum enthalten konnte, laut zu jauchzen. Da er sich immer mehr
vom Schlafe erholte, empfand er die lieblichsten Wohlgerüche um sich
her und konnte gar nicht begreifen, was nur in aller Welt für
köstliche Gewürzblumen in seinem alten Hühnerstall über Nacht müßten
aufgeblüht seyn. Als er aber, sich auf seinem Lager wendend,
bemerkte, daß kein Stroh unter ihm knistre, sondern daß er auf
seidenen Kissen ruhe, begann er vor Erstaunen auszurufen: "o Jemine,
was ist das?" In demselben Augenblicke rief Frau Hinkel dasselbe,
und dann riefen beide: "wer ist hier?" und beide antworteten: "ich
bin's, Gockel!--ich bin's Hinkel!" aber sie wollten's beide nicht
glauben, daß sie es seyen. Es hatte ihnen beiden dasselbe geträumt,
und sie würden geglaubt haben, daß sie noch träumten, aber sie fanden
gegenseitig ihre Stimmen so verändert, daß sie vor Verwunderung gar
nicht zu Sinnen kommen konnten. "Gockel," flüsterte Frau Hinkel,
"was ist mit uns geschehen? Es ist mir, als wäre ich zwanzig Jahre
alt." "Ach ich weiß nicht," sagte Gockel, "aber ich möchte eine
Wette anstellen, daß ich nicht über fünf und zwanzig alt bin." "Aber
sage nur, wie kommen wir auf die seidenen Betten?" fragte Frau Hinkel,
"so weich habe ich selbst nicht gelegen, als du noch Fasanenminister
in Gelnhausen warst,--und die himmlischen Wohlgerüche umher,--aber
ach, was ist das? Der Trauring, der mir immer so lose an dem Finger
hieng, daß ich ihn oft Nachts im Bettstroh verloren, sitzt mir jetzt
ganz ordentlich, so daß ich ihn eben drehen kann, ich bin gar nicht
mehr so klapperdürr."--Diese letzten Worte erinnerten Gockel an den
Ring Salomonis; er dachte: "ach, das mag Alles von meinem gestrigen
Wunsche herkommen;" da hörte er auch Roße im Stalle stampfen und
wiehern, hörte eine Thüre gehen, und es fuhr ein Licht durch die
Stube an der Decke weg, als wenn jemand mit einer Laterne Nachts über
den Hof geht. Er und Hinkel sprangen auf, aber sie fielen ziemlich
hart auf die Nase, denn jetzt merkten sie, daß sie nicht mehr auf der
ebenen Erde, sondern auf hohen Polsterbetten geschlafen hatten, und
der Schein, der durch die Stube gezogen war, hatte nicht die rauhe
Wand ihres Hühnerstalles, an welcher Stroh und die alte Hühnerleiter
lag, sondern prächtige gemalte und vergoldete Wände, seidene Vorhänge
und aufgestellte Silber-und Gold-Gefäße beleuchtet. Sie rafften sich
auf von einem spiegelglatten Boden, sie stürzten sich in die Arme und
weinten vor Freude, wie Kinder. Sie hatten sich so lieb, als hätten
sie sich zum erstenmale gesehen. Nun bemerkten sie den Schein wieder,
und sahen, daß er durch ein hohes Fenster herein fiel. Mit
verschlungenen Armen liefen sie nach dem Fenster und sahen, daß es
von der Laterne eines Kutschers in einer reichen Livree herkam, der
in einem großen geräumigen Hof stand, Haber siebte und ein Liedchen
pfiff. Im Schein der Laterne, der an das Fenster fiel, sah Gockel
Hinkel an und Hinkel Gockel, und beide lachten und weinten und fielen
sich um den Hals und riefen aus: "ach Gockel, ach Hinkel, wie jung
und schön bist du geworden!" Da sprach Gockel: "Alektryo hat die
Wahrheit gesprochen, der Ring Salomonis hat Probe gehalten, alle
meine Wünsche, bei welchen ich ihn drehte, sind in Erfüllung
gegangen"; und da erzählte er der Frau Hinkel, wie ihm der Mann mit
dem großen Bilderbuch erschienen und er Alles heraus gesucht und den
Ring dabei gedreht habe.--"Ach Gockel, Herzens-Gockel! hast du
wirklich Alles so gewünscht, Alles wie es mich freuet und erquicket?
Dieses lange, lange Hemd, diesen tiefrothen, chinesischen Schlafrock,
fein, fein, man kann ihn ganz in den Raum einer Nuß verbergen.
Gockel! und dieses seidene Netz um meine Haare--Alles, Alles so nach
meiner Lust?"--"Ja", sagte Gockel, "Alles nach deiner Lust, es wird
schon Tag werden, da wirst du erst sehen die hohen, hellen Räume,
Sääle, um Wettrennen darin anzustellen, lauter Doppelthüren, Fußböden
mit Purpurteppichen bedeckt, herrliche breite Treppen auf Säulen
ruhend, Terrassen, Gallerien, offne Hallen; ach Hinkel! welche Gärten
und Springbrunnen und Säulenhallen und Statuen und Aussichten und
schöne Berglinien und Lorbeern-, Myrten-, Cypressen-, Citronen-,
Pomeranzen-, Orangen-, Granatenhaine und eine Schaukel darin von
weißen Rosen--und eine Wiege von weißen Lilien--vom Küchengarten will
ich gar nicht reden, es wird dir genug seyn, wenn ich sage, daß die
Pflaumenbäume ihre Aeste mit getrockneten Früchten zum Küchenfenster
hineinhängen.--Was soll ich von der Garderobe sprechen, ehe ich dir
nur den hundertsten Theil der Stiefelchen, Pantöffelchen, Röckchen,
Schürzchen, Hütchen, Tüchelchen, Quästchen, Trottelchen u.s.w. nenne,
ist es Tag, und du knieest mitten darunter und räumst und packst und
probirst Alles nach der Reihe;--aber Herz Hinkel, das Schönste ist:
da ist kein Zapfenbrett, wie im Hühnerministerium, nein, da stehen
ganze Chöre der großartigsten, edelsten, lieblichsten, erhabensten,
kindlichsten Marmorfiguren von Engeln, Genien, Denkern, Dichtern,
Propheten, Göttern und Helden, und auf ihren Händen tragen sie die
Kleider, die in krystallenen Schalen zwischen duftenden Blumen ruhen,
in der Mitte der Garderobe stehen die drei Grazien um einen dicken
Lilienbusch, und wenn du zu träge bist, dich selbst anzukleiden,
trittst du zwischen die Grazien und sagst nur den Spruch deiner
Ahnfrau von Hennegau:

"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
Schönster Baum im Paradies,
Gieb mir Das und gieb mir Dies,
Rüttel dich und schüttel dich,
Schüttel Leib und Herz und Geist,
Und was diesen zierlich heißt,
Hüllend, füllend über mich."

O Hinkel!--dein blaues, oder wie du willst, farbiges Wunder sollst du
da sehen, augenblicklich sollst du da fix und fertig auf die schönste
und vortheilhafteste Weise bekleidet dastehen.--Ich will nicht weiter
sprechen, o Hinkel von Hennegau, von allen Kabinetten und
Kabinettchen, von der Bibliothek, der Hauskapelle, der Küche, der
Speisekammer, dem Saal, Ball zu schlagen, dem Musiksaal, der
Gemälde-Gallerie, der Aepfelkammer, der tiefsinnigen Denkhalle, der
Kinderstube, dem Karoussel, dem Badhaus, dem Hühnerhof, ach! und dem
bezaubernd schönen Stall voll der edelsten Pferde und Pferdchen, vor
Allem ein arabisches Schimmelchen, weiß wie der gefallne Schnee,
Mähnen und Schweif mit Purpurbändern durchflochten, mit tief rothem
Sammet gezäumt, Gebiß und Bügel von Gold und Rubin; ach Hinkel! und
der Sattel!--der Sattel ist ihm von Natur auf den Rücken gewachsen!
nun denke!"

"Lieber Gockel," sagte Frau Hinkel, "es ist nicht möglich, es ist zu
viel, ich kanns nicht glauben; aber ich möchte trinken, kannst du mir
nicht ein Glas Wasser herbeidrehen?"--"Geh nur links an deinen
Waschtisch," erwiederte Gockel, "und halte den Krystall-Pokal zum
Fenster hinaus." "O Gockel, gehe mit," sagte Hinkel, sich an seinen
Arm hängend, "ich weiß nicht Bescheid hier, es ist mir ganz bang vor
lauter Schönheit, ich fürchte, ich möchte über das siebente Wunder
der Welt stolpern und in das achte hineinstürzen."

Da führte Gockel sie zu ihrem Waschtisch an ein zweites Fenster,
dessen Vorhang der volle Mond mit angenehmem Licht durchstrahlte. O
da gieng das Verwundern erst recht an; neben einem Schirm von goldnen
Stäben, an welchem weiße Rosensträucher hinaufrankten, die alle ihre
Rosen nach Innen senkten, stand das Waschtischchen; aber welch ein
Waschtischchen, ein Waschtischchen, das sich nicht nur gewaschen
hatte, sondern sich auch in alle Ewigkeit fortwusch.--In den mit
tiefrothem Sammet belegten Marmorboden war ein eirundes tiefes Becken
von Krystall versenkt, der Rand oben war von Muscheln, Korallen und
lebendigen Blumen umgeben, Reseda und Veilchen und Vergißmeinnicht;
diese Wanne war voll Rosenwasser; über diesem ragte wie schwimmend
ein mit Lotos-Blumen gesattelter Delphin von Perlenmutter hervor, auf
seinem Rücken saß ein feingeflügeltes Kind von weißem Marmor, in der
einen Hand hielt es ein Sieb von Krystall voll der duftendsten Rosen,
in welches von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zwey Strahlen des
frischesten, klaresten Wassers aus den Nüstern des Delphins
sprudelten und als Rosenwasser in das Becken niederfloßen, mit der
andern Hand stützte das Marmorkind die krystallne, durchsichtige
Tischplatte, welche den Waschtisch bildete, und da war erst die
rechte Herrlichkeit von schönen sieben Sachen.

Frau Hinkel sah und fühlte Alles mit großem Entzücken an, aber sie
hatte gestern so viel geweint und nachher so viel gesalzenes Fleisch
gegessen, so daß sie ungemein dürstete und sprach:

Wunder über Wunder, Gockel!
Wunderherrlich ist der Sockel
Von dem Wischiwaschi-Tisch;
Herzerquicklich scheint der Fisch
Lustig in dem Meer zu gaukeln
Und das flinke Kind zu schaukeln
Mit dem vollen Rosensieb,
Alles ist so süß und lieb,
Alles ist so fein und frisch!--
Doch, eh ich das Glas erwisch,
Kann ich gar nichts recht betrachten
Und muß schier vor Durst verschmachten.

"Verzeih, Herz Hinkel!" sprach Gockel, "ich selbst vergesse über den
kuriosen Sachen Essen und Trinken"--da gab er ihr das Glas von dem
Waschtisch, dünn und klar und rein wie eine Seifenblase, die sich auf
eine Lilie niedergelassen, so war Kelch und Stiel gebildet--"halte es
zum Fenster hinaus, ich will den Ring Salomonis drehen."

Gockel zog den rothdamastenen Vorhang hinweg, da sah man durch die
blüthenvollen Wipfel der Orangenbäume in den blauen Himmel, an dessen
Osten der Tag graute; der Mond stand am Himmel wie ein freigebiger
Kavalier, welcher der Frau Gräfin Hinkel von Hennegau ein Ständchen
von der Nachtigall will bringen lassen.--"Reiche nur den Pokal hinaus,"
sagte Gockel, "fahre nur mit der Hand mitten durch die
Orangenblüthen, die Geister Salomonis werden schon einen Wasserstrahl
senden, der dir das Herz erlabt."--Frau Hinkel that, wie Gockel
befahl, und Gockel sprach den Ring drehend:

"Salomo, du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Füll' Frau Hinkel den Pokal
Mit der reinsten Quelle Strahl,
In der Felsen Herz entsprungen,
Durch der Erde Brust gedrungen,
Durch der Blüthen Duft geschwungen,
Von der Nachtigall besungen,
Von der Sterne Licht gegrüßt,
Von des Mondes Strahl geküß't;
Gieb zum Labsal durst'ger Zungen
Ein Glas Wasser, bitt' dich drum!
Ringlein, Ringlein, dreh dich um."

Schon während diesen Worten plätscherte es unter den Orangen-Bäumen
heftiger, die Blätter bewegten sich, die Blüthen küßten sich, und
zwischen ihnen spritzte der feine, im Mond--und Sternenlicht
schimmernde Strahl eines Springbrunnens aus dem unten liegenden
Garten empor und füllte den Pokal, welchen die Hand der Frau Hinkel
hinaushielt, ohne sie selbst im Mindesten zu benetzen. Frau Hinkel
trank und trank wieder, auch Gockel trank, und die allerliebste Frau
Nachtigall sang in der nahen Linde das freundlichste: "wohl bekomm's,
Frau Gräfin von Hennegau" dazu.

"Ach"! sagte Frau Hinkel, indem sie den Pokal wieder auf den
Waschtisch setzte, "das hat aber einmal geschmeckt, das Wasser
duftete ganz von Blüthen, und wie die liebe Nachtigall singt"!
--"Horch"! sagte Gockel, "da singt noch was", es war aber der
Kutscher, der den Haber siebte; als er die Nachtigall hörte, fieng er
an zu singen:

"Nachtigall, ich hör dich singen,
s'Herz im Leib möcht mir zerspringen,
Komme doch und sag mir bald,
Wie sich Alles hier verhalt'.
Nachtigall, ich seh dich laufen,
An dem Bächlein thust du saufen,
Tunkst hinein dein Schnäbelein,
Meinst es sey der beste Wein!
Nachtigall, wohl ist gut wohnen
In der Linde grünen Kronen,
Bei dir, lieb Frau Nachtigall,
Küß' dich Gott viel tausendmal!"

Das gefiel nun Gockel und Hinkel gar wohl, denn es war ihr
Lieblingslied und ihre Mutter hatte es ihr an der Wiege gesungen.
--Gockel war so froh, über Alles, was er so erfinderisch
herbeigewünscht hatte, daß er wünschte, Frau Hinkel möge gleich Alles
betrachten, was auf ihrem Waschtisch weiter liege. Sie sagte aber:
"nein, ich muß warten bis der Tag anbricht, es ist Alles so herrlich
und fein, ich zittre so vor Freude, ich habe eine solche Wallung im
Blut. Wir sahen nun dort in den Hof, hier in den blühenden Garten,
voll Duft und Springbrunnen und Nachtigallen, jetzt laß uns an jener
Seite hinaus schauen, was dort zu sehen ist."--Nun liefen sie an ein
drittes Fenster; "o je, welche Freude!" rief Frau Hinkel aus, "Wir
sind in Gelnhausen, da oben liegt das Schloß des Königs, und da
drüben, o zum Entzücken! da sehe ich in einer Reihe alle die
Bäcker--und Fleischerladen; es ist noch ganz stille in der Stadt;
horch, der Nachtwächter ruft in einer entfernten Straße, drei Uhr ist
es; ach, was wird er sich wundern, wenn er hieher auf den Markt kömmt
und auf einmal unsern prächtigen Palast sieht! Und der König, was
wird der König die Augen aufreissen und alle die Hofherrn und
Hofdamen, die uns so spöttisch ansahen, da wir in Ungnade fielen, was
werden sie gedemüthiget seyn durch unsern Glanz! O Gockel, liebster
Gockel, was bist du für ein herzallerliebster, beßter Gockel mit
deinem Ring Salomonis!" und da fielen sie sich wieder um den Hals und
fuhren vor Freude gleichsam Schlitten auf dem spiegelglatten Boden.

Es brach aber der Tag an und es war kein Traum; Alles hatte Bestand,
sie blickten Arm in Arm scheu und doch freudig bald sich in ihrer
verjüngten Gestalt und prächtigen Kleidung, bald die wunderbare
Pracht ihres Schlafgemaches an, und als sie neben ihrem großen
Prachtbett, welches wie ein Himmelwagen aussah, mit Federbüschen
besteckt, ein anderes schönes Bettchen sahen, fiel ihnen erst im
Taumel der großen Freude ihre liebe Gackeleia ein; sie rissen die
rothsammetnen, goldgestickten Vorhänge hinweg, da lag Gackeleia schön
wie ein Engel, ach viel schöner als sie je gewesen. Gockel und
Hinkel erweckten sie mit Küssen und Thränen: "wach auf, Gackeleia,
ach alle Freude ist um uns her; ach Gackeleia, sieh alle die schönen
Sachen an!" Da schlug Gackeleia die blauen Augen auf, und glaubte,
sie träume das Alles nur; und da sie Vater und Mutter, welche beide
so jung und schön geworden waren, gar nicht wieder erkannte, fieng
sie an zu weinen und verlangte nach ihren lieben Aeltern. Ja alle
die schönen Sachen konnten sie nicht zufrieden stellen; sie sagte
immer: "o was soll ich mit all der Herrlichkeit, ich will zu meiner
lieben Mutter, Frau Hinkel, zu meinem guten Vater, Gockel, zurück."
Die Mutter und der Vater konnten sie auf keine Weise bereden, daß sie
es selbst seyen. Endlich sagte Gockel zu ihr: "Wer bist du denn?"
"Gackeleia bin ich," erwiederte das Kind. "So", sagte Gockel",du
bist Gackeleia? Aber Gackeleia hatte ja gestern ein Röckchen von
grauer Leinwand an, wie kömmt den Gackeleia in das schöne,
buntgeblümte, seidene Schlafröckchen?" "Ach, das weiß ich nicht,"
antwortete Gackeleia, "aber ich bin doch ganz gewiß Gackeleia; ach
ich weiß es gewiß, die Augen schmerzen mich so sehr, ich habe gestern
gar viel geweint, ich habe grosses Unglück angestellt, ich habe die
Katze an das Nest der Gallina geführt; ich bin Schuld, daß sie
gefressen worden, ich habe dadurch den guten Alektryo in den Tod
gebracht, ach ich bin gewiß die böse Gackeleia;" dabei weinte sie so
bitterlich und fuhr fort: "o du bist Gockel nicht; der Vater Gockel
hat ganz schneeweiße Haare und einen weißen Bart und ist bleich im
Gesicht und hat eine spitze Nase; du Schwarzer mit den rothen Wangen
bist Gockel nicht; du bist auch die Mutter Hinkel nicht; du bist ja
so hübsch glatt und anmuthig wie ein Turteltäubchen; die Mutter
Hinkel ist klapperdürr wie ein Zaunpfahl; ich will fort in das alte
Schloß, ihr habt mich gestohlen;" und da weinte das Kind wieder
heftig. Gockel wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er sagte:
"Schau mich einmal recht an, ob ich dein Vater Gockel nicht bin." Da
guckte ihn Gackeleia scharf an, und er drehte den Ring Salomonis ganz
sachte am Finger und sprach leis:

"Salomon, du großer König,
Mache mich doch gleich ein wenig
Dem ganz alten Gockel ähnlich;
Mach' mich wieder wie gewöhnlich."

Und wie er am Ring drehte, ward er immer älter und grauer, und das
Kind sagte immer: "ach Herrje, ja, fast wie der Vater!" und als er
ganz fertig mit dem Drehen war, sprang das Kind aus dem Bett, und
flog ihm um den Hals und schrie: "ach ja, du bist's, du bist's,
liebes, gutes, altes Väterchen! Aber die Mutter ist es mein Lebtag
nicht." Da begann Gockel auch für Frau Hinkel den Ring zu drehen,
daß sie wieder ganz alt ward. Aber dieser machte das gar keine
Freude, und sie sagte immer: "halt ein Gockel, nein das ist doch ganz
abscheulich, einen so herunter zu bringen, nein das ist zu arg! so
habe ich mein Lebtag nicht ausgesehen; du machst mich viel älter, als
ich war!" und begann zu weinen und zu zanken, und wollte dem Gockel
mit Gewalt nach der Hand greifen und ihm den Ring wieder zurückdrehen.
Aber Gackeleia sprang ihr in die Arme und küßte und herzte sie, und
rief einmal über das anderemal aus: "ach Mutter, liebe Mutter, du
bist's, du bist's ganz gewiß!" Da sagte Frau Hinkel: "nun
meinethalben," und küßte das Kind Gackeleia von ganzem Herzen.
Gockel aber sprach: "ei, ei, Frau Hinkel, ich hätte mein Lebtag nicht
gedacht, daß du so eitel wärest; es ist gut, nun habe ich ein Mittel,
dich zu strafen; sieh, bist du mir nun nicht fein ordentlich und
fleißig, oder brummest du, oder bist du neugierig, so drehe ich
gleich den Ring um und mache dich hundert Jahre alt." Da sagte Frau
Hinkel: "thue was du willst, ich habe es nicht gern gethan, es hat
mich nur so überrascht." Nun umarmte sie Gockel und drehte den Ring
wieder, und sie wurden wieder jung und schön. So erfuhr auch
Gackeleia das Geheimniß mit dem Ringe, und Gockel schärfte ihr und
der Frau Hinkel ein, ja niemals etwas von dem Ringe zu sprechen,
sonst könnte er ihnen gestohlen werden, und dann müßten sie wohl
wieder arm und elend in das alte Schloß zurück. "Bewahr uns Gott
davor!" sagten alle, und Gockel fuhr fort: "ja, daß er uns davor
bewahre, lasset uns vor Allem beten und danken; ihm allein gebührt
die Ehre!" da knieten sie in Mitte der Stube nieder und dankten Gott
von Herzen.

Als sie wieder aufgestanden waren, sagte Frau Hinkel: "jetzt kommt,
jetzt geht das Hauptplaisir an, jetzt geht es ans Betrachten, und mit
uns selbst wird angefangen." Nun traten sie alle drei vor einen
großen Spiegel und beschauten sich in Lebensgröße von allen Seiten
und lachten und hüpften; Frau Hinkel machte einige spitze Mäulchen
und Gackeleia probirte so vielerlei, daß sie sogar die Zunge ziemlich
weit herausstreckte, worauf aber Gockel sagte: "Pfui, wawa, das ist
unartig!" Hierauf gieng Frau Hinkel nach ihrem Waschtisch, um Alles
zu betrachten, was sie in der Nacht noch nicht gesehen. In einer
andern Fensternische stand der Waschtisch Gockels, und zwischen
beiden ein Waschtischchen Gackeleia's.

Auf der krystallenen Platte des Tisches stand Waschbecken und Kanne
von gleichem Stoff, man konnte sie so oft man wollte bei dem Delphin
unter dem Tische füllen; hinter dem Waschbecken war etwas Hohes mit
einem feinsten weißen Tuche bedeckt.--"Was ist nur das?"--sagte Frau
Hinkel und zog das Tuch weg,--aber Alle wurden still und ernst, als
sie sahen, was es war; denn es war das Bild einer Gluckhenne auf dem
Neste sitzend mit ausgebreiteten Flügeln und über Hühnchen brütend,
die hie und da die Köpfchen hervorstreckten; Alles von Gold und
Silber, auf das natürlichste kunstreich ausgearbeitet; die Augen
waren alle von Edelsteinen und die Kämme von Rubinen!

"Ach!" sagte Frau Hinkel, "das ist wohl eine ernste Erinnerung, das
kann uns wohl demüthigen; sieh Gackeleia, da ist das Bild der Gallina,
wie sie leibte und lebte, da können wir an die betrübte Geschichte
denken!"--"Ach ja," sagte Gackeleia, und weinte. Gockel aber sprach:
"wollen wir dabei an irgend etwas denken, was uns vor Uebermuth
bewahrt, so ist das gut. Hier aber steht die goldene Henne nur als
ein altes Familienkleinod, das ich selbst zum erstenmal sehe; dort
auf meinem Waschtisch wird wohl der goldene Hahn stehen."--Da deckte
Gockel auf seinem Waschtisch das Gefäß auf, und wirklich stand das
Bild Alektryos von Gold in größter Vollkommenheit da.--Sie waren Alle
ganz erstaunt.

Gockel aber sprach weiter: "du wirst dich erinnern, Frau Hinkel, daß
in unsrer Familie ein altes Sprichwort ist, der goldne Hahn kräht
nicht mehr, die goldne Henne legt nicht mehr, um unsre Verarmung
anzudeuten. Das bezieht sich auf diese beiden unschätzbaren
Kunstwerke, die lange in dem Schatze der Kapelle zu Gockelsruh
bewahrt wurden. Als aber die Franzosen ihre angeblichen Rechte auf
alle Hahnen geltend machten, weil in dem wohl anatomirten Gehirn
jedes Hahns ihr Wappen, nämlich das Bild einer Lilie zu finden seyn
soll, haben sie sich dieses goldnen Geflügels vor allem Andern
bemeistert.--Bei seiner Vermählung mit Urhinkel von Hennegau drehte
Urgockel den Ring Salomos, und wünschte ihr das herrlichste
Toiletten-Geschenk, das Salomo selbst der Königin von Saba gegeben;
--dann drehte die Gräfin von Hennegau den Ring und wünschte dem
Urgockel das Gegengeschenk der Königin von Saba, und so standen am
Hochzeitmorgen dieser Waschtisch mit der goldnen Henne und jener dort
mit dem goldnen Hahn im Brautgemache, und von dieser Hochzeit an
wurden die goldne Henne und der goldne Hahn bei jeder Hochzeit in
Gockelsruh dem Brautpaar vorgetragen und bei der Mahlzeit aufgestellt,
bis sie verloren giengen. Jetzt wollen wir einmal sehen, wie die
Geschenke beschaffen sind, vor Allem die Probe, ob es gut Gold ist.
Sieh da unten an dem Neste die Probe in phönizischer Schrift; ich
drehe den Ring und wünsche es zu lesen, und sieh, ich kanns lesen.

"Dieses Necessaire, vorstellend das Siebengestirn als eine Gluckhenne
mit sechs Küchlein für ihre Majestät die Königin Balkis von Saba,
verfertigte auf Befehl Seiner Majestät des Königs Salomo von
Jerusalem, dessen erster Goldschmied Hieram von Tyrus, aus
24karatigem Gold von Ophir in Augsburgirter Butzbacher-Façon." Nun
sieh, welche Rarität, was mag aber Alles darin enthalten seyn?"

Nun zerlegte Gockel das ganze Huhn nach der Transchierkunst, die er
als Hühnerminister aus dem Fundament verstand; Alles bestand aus
Deckeln, Büchschen und Fächern u.s.w. Wenn man den Rücken mit den
ausgebreiteten Flügeln der Henne in die Höhe schlug, hatte man einen
aufgerichteten Handspiegel; im Innern der Henne befanden sich in
verschiedenen goldenen Kästchen mehrere Schwämme und Kämme, weite und
enge, Haarbürsten, Zahnbürsten, Ohrlöffel, Zahnstocher, Puderbüchsen
von allen Farben, Schönheitspflästerchen, Schminke aller Farben,
Nagelscheeren und Bürsten, eine Haarzange, ein Kämmchen für die
Augenbraunen, erstaunlich viele Sachen. In dem Kopf der Henne fand
man Hühneraugensalbe für den linken und rechten Fuß. Der Hals
enthielt eine Nadelbüchse voll allerlei Nadeln, auch eine
Insektenfalle. In jedem der Hühnchen, die man öffnen konnte, fand
sich eine andre wohlriechende Seife, oder Salbe, oder Essenz; das
Nest im Innern selbst war ein Näh--und Nadelkissen von tyrischem
Purpur, worauf die schönsten Muster mit goldenen Demantnadeln
abgesteckt waren. Das ganze künstliche Flechtwerk des goldenen
Nestes hieng und stack voll tausenderlei Geschmeid, Ringen, Ketten,
Spangen, Agraffen, Amuletten, Talismanen, Perlen und
Bernsteinschnüren. Aus dem Nest streckten sich vier Zweige von
gewachsenem Gold mit Lilien, weißen und rothen Rosen von Edelsteinen.
Diese Zweige bildeten Leuchter, worauf Wachskerzen standen und woran
viele Wachsstöckchen hiengen, alle von wohlriechendem Wachse gemacht,
das Erstlingsbienen beim Aufgang des Siebengestirns auf den Linden
des Hymettus und von Lilien gesammelt hatten, die schöner bekleidet
waren als Salomo selbst. Außerdem hiengen an diesen Goldzweigen
Siegelringe, kleine Kalenderchen und Notizbüchelchen von Elfenbein.
Vor der Henne kniete ein feines Kind mit Flügeln von Edelsteinen; es
hielt in der einen Hand eine Schale voll der köstlichsten
Stärkungskügelchen, in der andern eine Schale voll Balsam von Mekka,
als wolle es die Henne füttern. Das Wunderbarste aber war, daß die
Henne die Stundenzahl und die Hühnchen die Viertelstundenzahl mit
süßem Glucksen und Piepen angaben, und wenn man an einer Feder zog,
so sang eine im Innern befindliche Orgel die Melodie des höchsten
Liedes, das Salomo je gedichtet.

Frau Hinkel wußte sich gar keinen Rath über allen diesen Wundern und
schaute sich weiter bei dem Waschtische um, da sah sie in das Gitter
des Rosenschirms mehrere Engelchen geflochten; einige reichten Körbe
mit Rosenblättern, Orangenblüthen und Mandelkleie herein, andre boten
lange weiche Tücher von weißer oder purpurfarbiger indischer Leinwand
oder Wolle dar.--"Ach," sagte Frau Hinkel, "allen Respekt vor der
Frau Königin Balkis, aber sie muß viele Zeit und wenige Schönheit
gehabt haben, wenn sie Alles das gebraucht hat, sich zu waschen; ich
werde es nie gebrauchen."--"Da hast du wieder Recht," sagte Gockel,
"es ist auch nur ein Schau--und Familienstück, du wirst schon ein
andres Waschtischchen mit allem Nöthigen finden; ich aber will meinen
goldenen salomonischen Alektryo gleich gebrauchen, denn ich sehe, er
enthält nichts außer Stiefelzieher und Stiefelhacken, Schuh-,
Kleider--und Zahnbürste, Kamm und Scheere, nicht viel mehr, als ein
veritables englisches Rasirzeug, das habe ich mir lange gewünscht,"
und somit fing er gleich an und pinselte sich den Bart mit
Seifenschaum ein.

Gackeleia gieng auch nach ihrem Waschtischchen, aber es wollte ihr
nicht recht gefallen, denn es stand ein goldnes Kätzchen darauf, das
ein silbernes Hühnchen im Maul hatte. Sie wollte schon wieder
anfangen zu weinen, aber Frau Hinkel sagte zu ihr: "komm Gackeleia,
damit wir den Vater beim Rasiren nicht stören, er ist es lange nicht
mehr gewohnt, er könnte sich schneiden.--Wir wollen in die
Kleiderkammer gehen und uns unter das Bäumchen stellen und sagen:

Bäumchen rüttel dich und schüttel dich,
Schüttle schöne Kleider über mich!"

Da verließ Gackeleia sehr erfreut die Stube mit ihr, und bald traten
sie in schönen Morgenkleidern von schneeweißem Piqué mit leichter
Goldstickerei wieder herein.

Nun war die Sonne aufgegangen und der Nachtwächter war auf den Markt
gekommen und hatte das Wunder-Schloß Gockels, das wie ein Pilz in der
Nacht hervorgewachsen, kaum erblickt, als er ein ungemeines Geschrei
erhob:

"Hört ihr Herrn und laßt euch sagen,
Die Glocke hat vier Uhr geschlagen,
Aber das ist noch gar nicht viel
Gegen ein Schloß, das vom Himmel fiel;
Da steht's vor mir ganz lang und breit,
Wir leben in wunderbarer Zeit,
Ich schau es an, es kömmt mir vor,
Wie der alten Kuh das neue Thor.
Wacht auf ihr Herrn und werdet munter,
Schaut an das Wunder über Wunder,
Und wahrt das Feuer und das Licht,
Daß dieser Stadt kein Leid geschiecht
Und lobet Gott den Herren!"

Da wachten die Bürger rings am Markte auf, die Bäcker und die
Fleischer rieben sich die Augen und rissen die Mäuler sperrangelweit
auf und streckten die Köpfe mit sammt den Nachtmützen zum Fenster
heraus und schauten das Schloß mit großem Spektakel der Verwunderung
an.--Gockel, Hinkel und Gackeleia standen am Fenster und guckten
hinter dem Vorhang Allem zu. Endlich schrie ein dicker Fleischer:
"da ist da, das Schloß kann Keiner wegdisputiren; aber, ob Leute
darin sind, die Fleisch essen, das möcht ich wissen."

"Ja, und Brod und Semmeln und Eierwecken," fuhr ein staubiger,
untersetzter Bäckermeister fort. Da gieng aber auf einmal die
Schloßthüre auf, und es trat ein großer, bärtiger Thürsteher heraus
mit einem großen Kragen, wie ein Wagenrad, und einem breiten,
silberbordirten Bandelier über der Brust und weiten gepufften Hosen
und einem Federhut, wie ein alter Schweizer gekleidet; er trug einen
langen Stock, woran ein silberner Knopf war, wie ein Kürbis so groß,
und auf diesem ein großer silberner Hahn mit ausgebreiteten Flügeln.
Die versammelten Leute fuhren alle auseinander, als er mit ernster
drohender Miene ganz breitbeinig auf sie zuschritt; sie meinten, er
sey ein Gespenst. Auch Gockel und Hinkel oben am Fenster waren sehr
über ihn verwundert und öffneten das Fenster ein wenig, um zu hören,
was er sagte. Er sprach aber: "hört einmal ihr lieben Bürger von
Gelnhausen, es ist sehr unartig, daß ihr hier bei Anbruch des Tages
einen so abscheulichen Lärm vor dem Schloße Seiner Hoheit des
hochgebornen Raugrafen Gockel von Hanau, Hennegau und Henneberg,
Erbherrn auf Hühnerbein und Katzenellenbogen macht, Seine
hochgräflichen Gnaden werden es sehr ungern vernehmen, so ihr Sie
also frühe in der Ruhe störet, und wünsche sich das nicht wieder zu
erleben, das laßt euch gesagt seyn."--"Mit Gunst" sagte da der
Fleischer und zog seine Mütze höflich ab, "wenn erlaubt ist zu fragen,
wird dieß Schloß, das über Nacht wie ein Pilz aus der Erde gewachsen
ist, von dem ehemaligen hiesigen Hühnerminister bewohnt?"
"Allerdings," erwiederte der Schweizer, "es ist bewohnt von ihm und
seiner Gräflichen Gemahlin Hinkel und Hochdero Töchterlein Gackeleia,
außerdem von zwei Kammerdienern, zwei Kammerfrauen, vier Bedienten,
vier Stubenmädchen, zwei Jägern, zwei Laufern, zwei Kammerriesen,
zwei Kammerzwergen, zwei Thürstehern, wovon ich einer zu seyn mir
schmeicheln kann, zwei Leibkutschern, sechs Stallknechten, zwei
Köchen, sechs Küchenjungen, zwei Gärtnern, sechs Gärtnerburschen,
einem Haushofmeister, einer Haushofmeisterin, einem Kapaunenstopfer,
einem Hühnerhofmeister, einem Fasanenmeister und noch allerlei
anderem Gesinde, welche alle zusammen hundert Pfund Kalbfleisch,
fünfzig Pfund Hammelfleisch, fünfzig Pfund Schweinfleisch, sechszig
Würste und dergleichen essen."--"Ach", schrie da der Metzger und
kniete beinahe vor dem Schweizer nieder, "ich recommandire mich
beßtens als Hochgräflicher Hofmetzger." Und der Bäcker zupfte den
Schweizer am Aermel mit den Worten: "Seine Hochgräflichen Gnaden
nebst Familie werden doch das viele Fleisch nicht so ohne Brod in den
nüchternen Magen hineinfressen; das könnte ihnen unmöglich gesund
seyn." "Ei behüte," sagte der Schweizer, "Sie brauchen täglich
dreißig große Weißbrode, hundert fünfzig Semmeln, hundert Eierwecken,
hundert Bubenschenkel und zweihundert und sechs und neunzig Zwiebacke
zum Kaffee"--"O so empfehle ich mich beßtens zum Hochgräflichen
Hofbäcker", rief der Bäckermeister. "Wir wollen sehen", sprach der
Schweizer, "wer heute gleich das beßte liefern wird, kömmt ans Brett."
Da stürzten alle die Bäcker und Fleischer nach ihren Buden und
hackten und kneteten und rollten und glasirten die Eierwecken und
rissen die Läden auf und stellten Alles hinaus, daß es eine Pracht
war; und so gieng es nun auf allen Seiten von Gelnhausen; alle Krämer
und alle Krauthändler kamen, sahen, staunten und wurden berichtet und
waren voll Freude, daß sie so viel Geld verdienen sollten.

Gockel und Hinkel und Gackeleia aber liefen im Schloß herum und sahen
Alles an; alle die Dienerschaft setzte sich in Bewegung; man kleidete
sich an, man wurde frisirt, man putzte Stiefel und Schuh, man klopfte
Kleider aus, tränkte die Pferde, fütterte Hühner, frühstückte; es war
ein Leben und Weben wie in dem größten Schloß. Die Bürgerschaft, um
ihre Freude zu bezeigen, kam mit fliegenden Fahnen gezogen, jede
Zunft mit dem Bild ihres Schutzpatronen auf der Fahne und schöner
Musik; sie standen Alle vor dem Schloße, feuerten ihre rostigen
Flinten in die Luft und schrieen: "Vivat der Herr Graf Gockel von
Hanau! Vivat die Gräfin Hinkel und die Comtesse Gackeleia! Vivat
hoch! und abermal hoch!"--Gockel und Hinkel und Gackeleia standen auf
dem Balkon am Fenster und warfen Geld unter das Volk. Gockel warf
den Männern hundert Stück neue Gockeld'ors, Hinkel den Frauen hundert
Stück neue Hinkeld'ors, worunter auch eine große Anzahl Basler
Hennenthaler, und Gackeleia den Kindern hundert Stück neue
Gackeleid'ors aus. Sie riefen dabei immer: "theilt untereinander aus,
laßt wechseln, Einer gebe dem Andern heraus!" Weil aber damals der
Cours in Gelnhausen sehr hoch stand und das Gold sehr gesucht und man
mit Scheidemünze und Stübern und mit Waaren, z. B. Nüssen, Feigen,
Schellen und Kappen wohl assortirt war, so ward der Wechsel--und
Tauschhandel sehr lebhaft auf dem Markt. Je mehr das Gold fiel,
desto höher stieg es; der Platz ward mit ausgetheilten, gewechselten,
ausgetauschten, vollwichtigen Nasenstübern, Kopfnüssen, Ohrfeigen,
Maulschellen und gestochenen Kappen überschwemmt und Alles mußte
losschlagen, weil Viele ganz unverzeihlich mit diesen Artikeln
schleuderten. Man hat auch unter der Hand vertrauliche Informationen
eingezogen, daß damals das Haus: "Gebrüder Vatermörder", welches
später die Frankfurter Messe in Wachs poussirt bezog, den ersten
Grund zu seinem Renommee gelegt habe.--Als man sich nun bereits bei
den Haaren um das Gold riß, so daß Keiner mit einem blauen Auge davon
kam, der nicht Haare gelassen hatte, drehte Gockel den Ring Salomonis
und mit ihm den Kellermeister nebst einem Stück Faß Wein aus dem
Keller, und es ward eingeschenkt, jedem der trinken wollte und ein
Gefäß bei sich hatte. Da liefen sie auseinander nach Haus und holten
Eimer und Kübel und Züber und Schöpfkellen und Kessel und Krüge und
was sie fanden, und tranken, da der Goldregen aufgehört, Gockels
Gesundheit am Weinfaß.

Der König von Gelnhausen wohnte damals nicht in der Stadt, sondern
eine Meile davon, in seinem Lustschloße Kastellovo, auf deutsch
Eier-Burg, denn das ganze Schloß war von ausgeblasenen Eierschalen
errichtet, und in die Wände waren bunte Sterne von Ostereiern
hineingemauert. Dieses Schloß war des Königs Lieblingsaufenthalt,
denn der ganze Bau war seine Erfindung, und alle diese Eierschalen
waren bei seiner eigenen Haushaltung ausgeleert worden. Das Dach der
Eierburg aber war in Gestalt einer brütenden Henne wirklich von
lauter Hühnerfedern zusammengesetzt, und inwendig waren alle Wände
eiergelb ausgeschlagen. Gerade der Bau dieses Schloßes war schuld
gewesen, daß Gockel einstens aus den Diensten des Königs gegangen war,
weil er sich der entsetzlichen Hühner--und Eierverschwendung
widersetzte und dadurch den König erbittert hatte. Täglich kam nun
der königliche Küchenmeister mit einem Küchenwagen nach Gelnhausen
gefahren, um die nöthigen Vorräthe für den Hofstaat einzukaufen. Wie
erstaunte er aber heute, als er die ganze Stadt in einem allgemeinen
Bürgerfest vor einem nie gesehenen Palaste erblickte und den Namen
Gockels an allen Ecken ausrufen hörte. Aber sein Erstaunen ward bald
in einen großen Aerger verwandelt; denn wo er zu einem Bäcker oder
Fleischer oder Krämer mit seinem Küchenwagen hinfuhr, um einzukehren,
hieß es überall: Alles ist schon für Seine Raugräflichen Gnaden
Gockel von Hanau gekauft. Da nun endlich der königliche
Küchenmeister sich mit Gewalt der nöthigen Lebensmittel bemächtigen
wollte, widersetzten sich die Bürger und es entstand ein Getümmel.
Gockel, der die Ursache davon erfuhr, ließ sogleich dem Küchenmeister
sagen, er möge ohne Sorgen seyn, denn er wolle Seine Majestät den
König und Seine ganze Familie und Seine ganze Dienerschaft
allerunterthänigst heute auf einen Löffel Suppe zu sich einladen
lassen, und er, der Küchenmeister, möchte nur mit seinem Küchenwagen
vor seine Schloß-Speisekammer heranfahren, um ein kleines Frühstück
für den König mitzunehmen. Der Küchenmeister fuhr nun hinüber, und
Gockel ließ ihm den ganzen Küchenwagen mit Kibitzeneiern anfüllen und
setzte seine zwei Kammermohren oben drauf, welche den König
unterrichten sollten, wie man die Kibitzeneier mit Anstand esse; denn
der König hatte seiner Lebtage noch keine gegessen.

Der Küchenmeister fuhr durch den Sand in gestrecktem Galopp mit
seinem Küchenwagen voll Eiern nach dem Lustschloß, ohne ein Einziges
zu zerbrechen, nur daß die zwei Mohren, wo es zu langsam ging,
manchmal absteigen und zu Fuß gehen mußten; sie kamen jedoch zugleich
in der Eierburg an.

Mit höchster Verwunderung hörte König Eifrasius die Geschichte von
dem Schloß und dem Gockel durch den Küchenmeister erzählen, und ließ
sich sogleich ein Hundert von den Kibitzeneiern hart sieden. Als nun
die zwei schwarzen Kammermohren in ihren goldbordirten Röcken mit der
silbernen Schüssel voll Salz, in welches die Eier festgestellt waren,
hereintreten, und mit ihrer schwarzen Farbe so schön gegen den weißen
Eierpalast abstachen, hatte der König Eifrasius große Freude daran.
Er ließ seine Gemahlin Eilegia, und seinen Kronprinzen Kronovus zum
Frühstück berufen, und erzählte ihnen das große Wunder vom Palast
Gockels. "Ach", sagte Kronovus, "da ist wohl die kleine Gackeleia,
mit welcher ich sonst spielte, auch wieder dabei." "Natürlich",
sprach Eifrasius, "wir wollen gleich nach diesem Frühstück hinein
fahren und das ganze Spektackel ansehen. Aber seht nur die kuriosen
Eier, die er uns zum Frühstück sendet; grün sind sie mit schwarzen
Puncten; man nennt sie Kibitzeneier, sie kommen weit aus Rußland und
werden so genannt, weil sie in Kibitken, einer Art von Hühnerstall
auf vier Rädern gefunden, oder gelegt, oder hieher gefahren werden."

Da sprach der eine Kammermohr: "ich bitte Eure Majestät um Vergebung,
man nennt sie Kibitzeneier, sie werden vom Kibitz, einem Vogel gelegt,
der ungefähr so groß wie eine Taube und grau wie eine Schnepfe ist,
und wie eine französische Schildwache beim Eierlegen immer Ki wi, Ki
wi schreit, wenn man dann: "gut Freund" antwortet, so kann man
hingehen und ihm die Eier nehmen, worauf er gleich wieder andere legt."
Den König Eifrasius ärgerte es, daß der Mohr ihn in
Eierkenntnissen belehren wollte, und sagte zu ihm: "halt er sein Maul,
er versteht nichts davon, sey er nicht so nasenweis." Darüber
erschrack der Mohr wirklich so sehr, daß er ganz weiß um den Schnabel
wurde. Der andere Mohr sprach nun: "der Raugraf Gockel hat uns
befohlen, Eurer Majestät zu zeigen, wie diese Eier jetzt nach der
neuesten Mode gespeist zu werden pflegen." "Ich bin begierig", sagte
der König, "es zu sehen." Da nahm jeder der Kammermohren eins von
den Eiern in die flache linke Hand, und nun traten sie mit
aufgehobener Rechte einander gegenüber und baten den König eins, zwei,
drei zu kommandiren. Das that Eifrasius, und wie er drei sagte,
schlug der eine Mohr dem andern so auf das Ei, daß der gelbe Dotter
gar artig auf die schwarze Hand herausfuhr. Dem König gefiel dieses
über die Massen, und sie mußten es ihm bei allen hundert Eiern da
Capo machen, wofür er ihnen beim Abschied beiden den Orden des rothen
Ostereies dritter Klasse ohne Dotter taxfrei zur Belohnung um den
Hals hängte.

Nun fuhr der König und seine Gemahlin und der Kronprinz mit dem
ganzen Hofstaat auf einer Wurst nach Gelnhausen zu Gockel, der ihm
mit Hinkel und Gackeleia an der Schloßthüre entgegen trat. Die
Verwunderung über den Reichthum und die jugendliche Schönheit Gockels
konnte nur durch die außerordentliche Mahlzeit noch übertroffen
werden. Alles war in vollem Jubel. Kronovus und Gackeleia saßen an
einem aparten Tischchen und wurden von den zwei Kammerzwergen bedient,
und Musik war an allen Ecken. Beim Nachtisch tranken Eifrasius und
Gockel Bruderschaft, und Eilegia und Hinkel Schwesterschaft, und
Kronovus und Gackeleia Spielkameradschaft, sprechend: "du bist mein
König und du bist meine Königin." Eifrasius zog dann den Gockel an
ein Fenster und hieng ihm das Großei des Ordens des goldnen Ostereies
mit zwei Dottern und Petersilie um den Hals und borgte hundert
Gockeld'ors von ihm, worauf das Ganze mit einem grossen Volksfeste
beschlossen wurde. So lebten Gockel und die Seinigen beinah ein Jahr
in einer ganz ungemeinen irdischen Glückseligkeit zu Gelnhausen, und
der König war so gut Freund mit ihm und seiner vortrefflichen Küche
und seinem unerschöpflichen Geldbeutel, und alle Einwohner des Landes
hatten ihn seiner grossen Freigebigkeit wegen so lieb, daß man
eigentlich gar nicht mehr unterscheiden konnte, wer der König von
Gelnhausen war, Gockel oder Eifrasius. Auch wurde es unter beiden
fest beschlossen, daß einstens Gackeleia die Gemahlin des Erbprinzen
Kronovus werden und an seiner Seite den Thron von Gelnhausen
besteigen sollte. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt, und so kamen
auch über diese guten Leute noch manche Schicksale, an die sie gar
nicht gedacht hatten.

Alles hatte die kleine Gackeleia in vollem Ueberfluß, nur keine Puppe;
denn Gockel bestand streng auf dem Verbot, das er über sie bei dem
Tode des Alektryo hatte ergehen lassen, sie sollte zur Strafe niemals
eine Puppe haben. Wenn sie nun um Weihnachten oder am St. Niklastage
alle Mägdlein in Gelnhausen mit schönen neuen Puppen herumziehen sah,
war sie gar betrübt und weinte oft im Stillen; eine solche Sehnsucht
hatte sie nach einer Puppe. Merkte der alte Gockel aber, daß
Gackeleia, die er wie seinen Augapfel liebte, so traurig war, so that
er ihr Alles zu lieb, um sie zu trösten, zeigte ihr die schönsten
Bilderbücher, erzählte ihr die wunderbarsten Mährchen, ja er gab ihr
auch wohl manchmal den köstlichen Ring Salomonis in die Hände, der
mit seinem funkelnden Smaragd und den wunderbaren Zügen, die darauf
eingeschnitten waren, alle Augen erquickte, die ihn anschauten.

Einstens gierig nun Gackeleia in ihrem kleinen Gärtchen spazieren,
welches am Ende des Schloßgartens, dicht an der Landstraße lag. Da
waren die zierlichsten Beete voll schöner Blumen, alle mit Buchs,
Salbei und Schnittlauch eingefaßt, und die Wege waren mit glitzerndem
Goldsand bestreut; in der Mitte war ein Springbrünnchen, worin
Goldfischchen schwammen, und über demselben ein goldener Käfig voll
der buntesten singenden Vögel; hinter dem Brunnen aber war eine
kleine Laube von Rosen und eine kleine Rasenbank. Ein schönes
goldenes Gitter umgab das ganze liebe Gärtchen. "Ach", dachte
Gackeleia, "wie glückselig wäre ich, wenn ich eine Puppe in meinem
schönen Garten spazieren führen könnte, so allein gefällt er mir gar
nicht, was hilft es mir auch, wenn ich mir aus meinem Taschentuche
durch allerlei Knoten eine Puppe zusammenknüpfe, sie ist doch nie
eine schöne Gliederpuppe, ganz wie ein Mensch, mit einem schönen
lakirten Gesicht--und der Vater hat mir selbst solche Puppen verboten."

Während Gackeleia so in schweren Puppensorgen auf ihrer Rasenbank saß,
hörte sie auf einmal eine angenehme summende, aber sehr leise Musik
ganz nahe hinter ihr vor dem Garten, der an einem Feldweg lag. Da
guckte sie durch die Blätter und sah etwas Seltsames. Dicht vor dem
Gitter saß ein Mann in einem schwarzen Mantel ohne Kopf an der Erde
zusammengehuckt, und unter dem Mantel hervor schnurrte die Musik.
Gackeleia beugte sich zur Erde, um zu sehen, wo nur in aller Welt die
feine Musik herkomme; wie war sie erstaunt, als sie da unten ein paar
allerliebste Puppenbeinchen in himmelblauen, mit Silber gestickten
Schnürstiefelchen ganz im Takte der Musik herumschnurren sah, sie
wußte gar nicht, was sie vor Neugier, die Puppe ganz zu sehen,
anfangen sollte. Oft war sie im Begriffe, die Hand durchs Gitter zu
stecken und den schwarzen Mantel ein wenig aufzuheben, aber die
Furcht, weil sie an dieser Gestalt keinen Kopf sah, hielt sie immer
wieder zurück. Endlich brach sie sich eine lange Weidenruthe ab,
steckte sie durch das Gitter und lüftete den Mantel ein wenig, da
schnurrte eine wunderschöne Puppe in den artigsten Kleidern, wie eine
Reisende geputzt, unter dem Mantel hervor, und rannte gerade auf das
Gitter des Gartens zu, stieß einigemale an die goldenen Gitterstäbe
und würde gewiß zu ihr hineingekommen seyn, wenn sich nicht eine
hagere Hand aus dem Mantel nach ihr hingestreckt und sie wieder in
die Verborgenheit zurückgezogen hätte, wo die kleine Puppe von einer
rauhen Stimme sehr ausgeschimpft wurde, daß sie sich unterstanden
habe, unter dem Mantel hervorzulaufen.

Gackeleia konnte nicht mehr länger zurückhalten, und rief einmal über
das anderemal: "bitte, bitte du schwarzer Mantel, zanke doch die
liebe schöne Puppe nicht so, lasse sie doch ein wenig heraus zu mir
in den Garten." Da that sich auf einmal der Mantel auf, und ein
alter Mann mit einem langen weißen Bart richtete sich vor Gackeleia
auf und sprach: "ich bitte recht sehr um Verzeihung, daß ich meine
Puppe hier ein wenig unter meinen Mantel tanzen ließ und auf der
Maultrommel dazu spielte, ich habe nicht gewußt, daß das Comteßchen
zusah. Ich wollte nur versuchen, ob sie mir auf der Reise nicht
melancholisch geworden sey; denn ich will sie hier in Gelnhausen für
Geld auf dem Rathhause tanzen lassen. Sehen das Comteßchen nur, sie
ist ganz artig, jetzt ist sie in ihren Reisekleidern mit einem Mantel
und Reisehut und einem Blumenstrauß und einer Landkarte und einem
Nachtsack; aber die Schnürstiefelchen sind doch allerliebst, sie hält
gewaltig auf einen schönen Fuß, aber Comteßchen, sie hat eine viel
schönere Garderobe, sie kann sich verkleiden, in was sie will, bald
so, bald so, wenn das Comteßchen erlaubt, werde ich die Ehre haben,
Ihnen alle ihre Kleidchen und sieben Sächelchen zu zeigen, ich habe
mir hier um meinen Regenschirm sechszehn Silberglöckchen befestigt
und bei jedem Glöckchen ein anderes Kleidchen und was dazu gehört,
und wenn sie schmutzig sind, wäscht mir sie der Regen und im
Sonnenschein trocknen sie. Lasse ich im Wetter tanzen, geschieht es
unter dem Schirm, da ist sie wie unter einem chinesischen Dach, Alles
ist einfach und kurz beisammen, man muß auf Alles denken."--Da rief
Gackeleia aus: "ach! zeige mir Alles, Alles, explicire mir Alles; o
wie artig ist die Puppe! wie wackelt sie mit dem Köpfchen, wie
schüttelt sie die Zöpfchen, wie reicht sie die Aermchen, ach gieb sie
mir nur ein klein Bischen zu betrachten."

Der Alte sagte: "Comtesse, das kann ich nicht, aber die Kleider will
ich Ihnen gleich zeigen und Alles expliciren."

Da steckte er die Puppe in den Gürtel, die anfangs mit dem Kopf
daraus hervorwackelte und nachher stille ward; dann spannte der alte
Mann einen großen Regenschirm aus, der am Rande mit vielen kleinen
Glöckchen und bei jedem mit allerlei niedlichen Puppenkleidchen und
Kleinigkeiten behängt war. Zuerst drehte er den Schirm schnell herum,
daß die Schellen lieblich klingelten und die Puppenkleider bunt im
Kreise wehten, dann hielt er plötzlich den Schirm still und fing an,
mit einem Stäbchen deutend jedes Stück zu expliciren, wobei er halb
sprach, halb durch die Nase sang, und Gackeleia jedesmal antwortete.

Der Alte sang: "Guck', hier bei dem ersten Glöckchen
Dieses grüne, kurze Röckchen
Zieht sie an als Gärtnerin,
Möchte in dein Gärtchen hin;
Hier dies Gießkännchen, zu gießen
Alle Blümchen, die drin sprießen,
Kriegt sie in die kleine Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Sie ist klein, kann ohne Bücken
Mir die schönsten Sträußchen pflücken."

Der Alte:
"Guck', hier bei dem zweiten Glöckchen
Dieses schwarze, seidne Röckchen
Und das schwarze Schürzchen dran,
Zieht sie als Scribentin an;
Denn da giebt's leicht Tintenfleckchen.
Sieh' das Tintenfäßchen klein
Und das art'ge Federlein.
Hier ist auch das Wochenblatt,
Wenn sie es gelesen hat,
Putzt sie dran die Feder rein,
Alles muß hübsch sauber seyn.
Ein Wachsstöckchen hängt auch hier
Und ein niedliches Petschier
Und ein Sieg'llakstängelchen,
Grad wie für ein Engelchen.
Und dies Briefchen mit Adresse,
Alles voll Accuratesse,
Kriegt sie dann in ihre Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant
Wollen wir correspondiren,
Invitiren, gratuliren!"

Der Alte:
"Guck', hier bei dem dritten Glöckchen
Hängt ein grünes, krauses Röckchen
Und ein Hut mit grünem Band,
Goldne Fransen an dem Rand;
Spielhahnfeder, Gemsenbart
Stecket drauf, nichts ist gespart;
Sieh' den Brustlatz goldgeschnürt,
Alles, wie es sich gebührt,
Rothe Strümpfe, goldne Zwickel,
Ja, es fehlet kein Artikel,
Wenn sie als Tyrolermädchen,
Schmuck als wie ein Silberdräthchen,
Zitherspielend zieht durch's Land."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Zimm, zimm, zimm so spielest du,
Und ich singe Eins dazu."

Der Alte:
"Guck', hier bei dem vierten Glöckchen
Hängt ein dunkelbraunes Röckchen
Und ein Häubchen in der Ferne,
Denn sie trägt es gar nicht gerne
Und ein ABC-Büchlein,
Wenn sie Lehrerin soll seyn,
Auch von Christoph Schmidt nicht fehlen
Die Histörchen, zum Erzählen.
O, wie kann sie buchstabiren!
Fast so gut als deklamiren;
Und hier diese feine Ruthe
Für die kleinen Thunichtgute
Kriegt sie dann in ihre Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Nur die Ruthe nicht probiren,
Ich will recht hübsch deklamiren."

Der Alte:
"Hier bei diesem fünften Glöckchen
Blinkt ein luft'ges Flitterröckchen
Ganz voll Troddeln, Quästchen, Fransen,
Wenn sie soll als Tänz'rin tanzen;
Sieh' die Goldpantöffelchen,
Wie zwei Zuckerlöffelchen,
Zieht sie an und mit dem netten
Tamburin und Kastagnetten
Schnurrt und rasselt ihre Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Schnurre, raßle, klappre nur
Und wir tanzen nach der Schnur."

Der Alte:
"Guck', bei diesem sechsten Glöckchen
Hängt ein schwarz und weißes Röckchen;
Wenn sie soll ein Nönnchen seyn,
Hüllt man ihr die krausen Löckchen
Hier in dieses Schleierlein,
Setzt ihr auf dies Dornenkränzchen,
Und giebt ihr dies Rosenkränzchen
In die kleine, fromme Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Sag' hast du auch Pfeffernüßchen,
Bildchen, Blümchen, Leckerbißchen?"

Der Alte:
"Guck', hier bei dem sieb'ten Glöckchen
Hängt ein feuerfarbig Röckchen
Nach der Mode von Vadutz
Zugestutzt, ein Zauberputz.
Auf dem Gürtel schwarz auf weiß,
Der zugleich der Zauberkreis,
Groß das ganze Alphabeth
Abera-Cadabra steht.
Hier ist auch der Zauberstab,
Wen er anrührt, geht in's Grab;
Ist es heut nicht, ist es morgen,
Keiner braucht darum zu sorgen.
Und hier ist der Zauberspiegel,
Wer hineinblickt, sieht das Siegel
Seiner Thorheit im Gesicht,
So bei Nacht als Tageslicht.
Und hier ist das Zaubersieb,
Wer es stiehlt, der kennt den Dieb;
Doch sieh' hier ein Wunderding,
Sieh' von Gold ein runder Ring,
Wer ihn trägt, ist nicht ganz klug,
Hat zu viel und nie genug.
Lischt die Zauberlampe hier,
Riecht der Docht gar übel schier,
Zünde schnell den Wachsstock an,
Weil man sonst nichts sehen kann.
Dieses hier der Wünschhut ist,
Wünsch dich hin, wo du nicht bist.
Dies der Sack des Fortunat,
Gold ist drin, so viel man hat.
Aber hier dies Bäumchen heißt:
Rüttel dich und schüttel dich,
Schüttle, rüttle Herz und Geist,
Leib und Seele über mich.
Gieb mir Das und gieb mir Dies,
Schönster Baum im Paradies;
Wer dies sagt und rührt den Baum
Hat, was ihm gebührt, im Traum,
Schwer und leicht und seicht und tief,
Links und rechts und grad und schief.
Alles dies mit sauber'm Sinn
Braucht sie, wenn als Zauberin
Sie die Geister um sich bannt."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Rüttel dich und schüttel dich
Liebes Bäumchen über mich."

Der Alte:
"Guck', hier bei dem achten Glöckchen
Hängt ein grünes, kurzes Röckchen,
Jägerhut und Jägertasche
Und die fein umflocht'ne Flasche
Und die Stiefelchen, die knappen,
Um im Wald herum zu tappen;
Alles dies wird angezogen,
Wenn geschmückt mit Pfeil und Bogen
Sie die flinke Jäg'rin spielt,
Und nach Reh und Häschen zielt;
Dann auch führt an einem Band
Sie dies Windspiel an der Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Doch, das sollst du nicht mehr thun,
Lass' nur Reh und Häschen ruhn."

Der Alte:
"Guck', hier bei dem neunten Glöckchen
Ein ganz reputirlich Röckchen,
Wenn sie ist ein Nähemädchen;
Hier im Körbchen, Nähelädchen,
Sind viel Zwirn--und Seidenfädchen,
Nadeln, Scheerchen, Fingerhut
Und noch viele Dinger gut.
Nimmermehr ihr Finger ruht,
Denn zuletzt noch zupfet sie
Alle Restchen zur Charpie;
Und nimmt dann die Kinderkäppchen,
Flickelfleckt aus hundert Läppchen,
All die Hemdchen, Röckchen, Jäckchen
Und die Schürzchen mit zwei Säckchen,
Ausgespitzt aus vielen Fleckchen,
All' die art'gen Dingerchen
Auf die feinen Fingerchen,
Drehet sie mit Freudenblicken
Und mit kind'schem Beifallnicken
Appetitlich auf der Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Komm', ich hab gar schöne Läppchen,
Komm', wir machen Kinderkäppchen."

Der Alte:
"Guck', hier bei dem zehnten Glöckchen
Hängt für sie ein krauses Röckchen
Und ein Hut mit Blumenstrauß,
Geht als Sennerin sie aus.
Sieh' im Korb die Blätter decken
Viele reine Butterwecken;
Fette Milch und frische Eier
Trägt sie feil, ist gar nicht theuer,
Jeder sie noch billig fand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Sennerin komm' und mess' geschwind
Mir ein Schöppchen Milch für's Kind."

Der Alte:
"Guck', bei diesem eilften Glöckchen
Hängt ein grob geflicktes Röckchen
Und ein graues Futtersäckchen,
Und hier in dem Wanderbündlein
Trägt ein schreiend Wickelkindlein,
Mit dem Lutscher in dem Mündchen,
Sie als Pilgerin durch's Land;
Hier ihr kluges, mag'res Hündchen,
Das Septemberle genannt,
Ist in aller Welt bekannt."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Armes Kindchen komm' zu mir,
Deinen Lutscher füll' ich dir."

Der Alte:
"Guck', bei diesem zwölften Glöckchen
Glänzt ein Purpur-Sammetröckchen,
Breit verbrämt mit Hermelin,
Und am Krönchen goldig, perlich,
Und am Scepter blitzend herrlich
Lacht Smaragd und glüht Rubin.
Wenn sie sich als Königin
Setzt auf's goldne Thrönchen hin,
Und die goldgestickte Schleppe
Niederhänget auf der Treppe,
Küßt man still den goldnen Rand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Doch ich küsse ihre Hand,
Denn ich bin vom Grafenstand."

Der Alte:
"Guck', hier bei'm dreizehnten Glöckchen
Hänget bei dem braunen Röckchen
Schäferhut mit breitem Rand,
Rosen drauf und grünes Band,
Und dazu auch Schäfertasche,
Schäferstab und Kürbisflasche,
Und dies Lamm an rothem Band
Führt die Hirtin durch das Land."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Braucht mein Lamm nicht mehr zu seyn
So allein, allein, allein!"

Der Alte:
"Guck', hier bei'm vierzehnten Glöckchen
Hänget für das flinke Döckchen
Ein garnirtes Kaffeebrett,
Wenn sie schön die Wirthin macht;
O, das kann sie gar zu nett!
Sie nimmt Alles wohl in Acht,
Trägt nicht hoch das feine Näschen,
Stößt nicht um die kleinen Gläschen,
Theilt den Kuchen ein so klug,
Daß er reicht mehr, als genug.
Flinker als ein Wassernixchen
Präsentirt sie, macht ein Knixchen:
"Bitte, bitte!" rings herum.
Und kein Bischen kömmt je um,
Alles, was da übrig blieb,
Giebt den Armen sie aus Lieb',
Oder streut's den Vögelein--
Kann man allerliebster seyn!--
Mit der milden, treuen Hand."

Gackeleia:
"O wie artig! wie scharmant
Invitir ich sie zur Noth
Gleich auf Thee und Butterbrod."

Der Alte:
"Guck', hier bei'm fünfzehnten Glöckchen
Hängt ihr spiegelnd Panzer-Röckchen,
Helm und Speer und Schwert und Schild
Herrlich in der Sonne blitzt,
Wenn sie für Minerva gilt
Und das Eulchen bei ihr sitzt.
Ich verstehe nichts davon,
Doch ein hoher Kunstpatron,
Der mir schuldet, leider, leider!
Zahlte mich durch diese Kleider;
Er ist Extheaterschneider
Von Person und Condition,
Giebt auch Kindern Lektion
In der Mytholologie
Und Demagogokolie.
Er sprach: "Industrierende,
Krieger und Studierende
Rufen dir bei vollem Haus
Ihre Göttin gern heraus."
Wie er sprach, so ist's gescheh'n,
Jeder will Minervchen sehn.
Keiner weiß doch, was im Schild
Führt das kleine Götterbild;
Durch das Gitter aus dem Helm
Lauscht sie wie ein schlauer Schelm.
Hält sie's mit der Wissenschaft,
Gleich um ihres Speeres Schaft
Rosen, Myrthen und Gedanken
Sich in buntem Wechsel ranken.
Tritt sie krieg'risch in die Schranken,
Eifersüchtig gleich ihr Schwert
Jedes Listgeweb zerstört,
Das der Mückchen heiter'm Leben
Gift'ge Spinnen lauernd weben.
Rächend, daß Arachne's Hand
Sie einst webend überwand.
Ich verstehe nichts davon,
Sag' nur her die Lektion
Von dem hohen Kunstpatron,
Der wohl selbst sie nicht verstand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Kann die Spinnen nicht bedauern,
Die so auf die Mückchen lauern."

Der Alte:
"Guck', hier bei dem letzten Glöckchen
Hängt ein lust'ges, rothes Röckchen,
Fallhut, Rassel, rothe Schuh'
Und ein Püppchen auch dazu,
An Figur und Art und Sitten,
Wie ihr aus dem Aug geschnitten.
Wenn sie spielt die Kinderrolle,
Hüpft dies Püppchen hinter drein,
Und sie neckt es: Molle, Molle!
Weil es nicht wie sie so fein.
Kind und Püppchen wetten dann,
Wer von ihnen beiden kann
Süßer: "bitte, bitte" sagen,
Daß Mama nichts ab kann schlagen.
Und dann spielt das Kind Verstecken,
Mit dem Püppchen sich zu necken,
Thut sich mit dem Schurz bedecken,
Ruft: "Wu Wu", es zu erschrecken.
Hierauf streut das noch verhüllte
Kind, den Vöglein die Brosamen,
Womit es die Säckchen füllte,
Und sie rathen seinen Namen:
Klandestinchen? Schirosellchen?
Penseröschen? Hirondellchen?
Kaschettinchen? Allerleja?
Und das Kind spricht: "Eja! Eja!
Gukuk! gukuk--nit da, nit da!"
Läßt sie fressen aus der Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Aber ich ruf', um zu necken,
Girri, girri beim Verstecken."

Nun drehte der wunderliche Alte seinen Schellenschirm wieder klingend
im Kreis und machte ihn dann plötzlich vor den Augen Gackeleia's zu,
der das Herz flog vor Begierde nach der Puppe und all den schönen
Kleinigkeiten.--"Ach die Puppe, die Puppe, ach die schönen Kleider",
sagte sie einmal über das andremal, "ach dürfte ich sie nur ein
bischen haben, nur ein klein bischen! bitte, bitte, bitte!"

"Halten Sie ein Comteßchen," sagte der Alte: "halten Sie ein, es wird
mir so rührend, mein Herz läuft mir aus; ich kann das Lamentiren
nicht hören von einem so artigen Frauenzimmerchen; wollen Sie mir
eine kleine Freundschaft erweisen, nur ein bischen, ein bischen, so
sollen sie die Puppe und die schönen Kleidchen haben für immer, für
immer! bitte, bitte, bitte!"

"Die Puppe haben?" sagte Gackeleia mit großem Schmerz und rang die
Händchen, "ach edler Mann! Gackeleia darf keine Puppe haben, nie,
nie! Gackeleia hat Schurrimurri zu Gallina geführt, Gallina ward
erwürgt, und Gackeleia ward verurtheilt: nie, nie eine Puppe haben zu
dürfen--ach und ich hätte diese so gern! ach nur ein bischen, ein
bischen, bitte, bitte!"

Während Gackeleia so wehklagte, machte der Alte seinen Schirm bald
halb auf, bald wieder zu, so daß alle die schönen Kleidchen immer vor
den Augen des Kindes herumflatterten, und sagte dann: "ein grausames
Urtheil, ein hartes Wort, da müßte sich ein Stein erbarmen, wider die
Natur, wider die Menschheit, wider alle Sinnlichkeit für religiöse
Gefühle! ein Kind, ein so schönes, liebes Comteßchen soll keine Puppe
haben?--hat doch jed Hündchen sein Knöchelchen, hat doch jed Kätzchen
sein Mäuschen, womit es spielt!"--"Schweig still, schweig still",
sagte Gackeleia, "sag nichts von den Kätzchen, ach die Kätzchen sind
eben daran Schuld, daß ich keine Puppe haben darf!--aber es geht
nicht, es geht nicht, ich hätte diese doch gar zu gern, ach nur ein
Bischen, bitte, bitte!" Da fieng Gackeleia an zu weinen, und der
gefühlvolle Alte, der unter einem rauhen Aeußern ein zartes
kindliches Herz im Busen zu tragen hatte, weinte, oder ich müßte mich
sehr irren, mit.

"Comteßchen", sagte er, "ich halte das Mitleid nicht länger aus, mir
wird wie der große Dichter in der Poesie sagt:

Liebes Kind! was soll mir das?
Wein' nicht so, du wirst ganz naß,
Ich muß lachend dir gestehen,
Gleich werd' ich dich trocken sehn."

"Comteßchen, wischen Sie sich die Augen, putzen Sie sich die Augen,
putzen Sie sich das Näschen an die Schürze, aber an der innern Seite,
damit man's nicht sieht; Heimlichkeit, Verborgenheit sitzt ganz still
und kömmt doch weit. Jetzt geben Sie acht: verbietet uns der Herr
Doctor das Bier, so trinken wir Gerstensaft, die Aepfel, essen wir
süße Pomeranzen, das Brod, essen wir Kuchen--verstehen Sie Comteßchen,
jed Ding will sein Sach haben, man muß dem Beil einen Stiel suchen
und dem Kind ein Püppchen."-"Ach! ich darf aber keine haben",
jammerte Gackeleia, "gewiß, gewiß, ich darf keine Puppe haben"!--"Ganz
gut", sagte der Alte, "bei Leibe nicht! Gehorsam muß seyn, aber
können das Comteßchen lesen? schauen Sie da oben auf die Inschrift
über meinem chinesischen Sonnenschirm, was steht da geschrieben? denn
man muß immer sehen, was geschrieben steht." Da fieng Gackeleia an
zu buchstabiren: k. e. i. kei, n. e. ne keine u.s.w.--keine Puppe,
sondern nur eine schöne Kunstfigur--und sie guckte den Mann und dann
wieder die Puppe in seinem Gürtel mit großen Augen an und sprach:
"wie, das wäre keine Puppe? keine Puppe?"

Nun nahm der Alte die Puppe aus seinem Gürtel in seine Hand und sagte:

"Mit Verstand sind wir erschaffen,
Menschen haben nicht, wie Affen,
Alles nur gleich nachzumachen;
Zu begründen sind die Sachen.
Und so werd' ich auch beweisen,
Daß dies nicht kann Puppe heißen,
Daß Comteßchen ohne List
Sie darf haben, denn es ist
Keine Puppe, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur
Nach der Schnur und nach der Uhr,
Und ein Mäuschen von Natur.
Eine Puppe steht ganz starr,
Aber hier der liebe Narr,
Hat da an dem Kettchen fein
Zu der Uhr ein Schlüßelein.
Ich zieh' auf--horch--knirr, knirr, knirr!
Sieh', schon geht sie in's Geschirr!
Wackelt mit dem klugen Köpfchen,
Schüttelt ihre Seidenzöpfchen,
Regt die Aermchen hin und her,
Bis die Stund vorüber wär'.
Alles, Alles nach der Schnur,
Alles, Alles nach der Uhr
Thut kein Püppchen, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur."

"Ja", sagte Gackeleia, "das ist einmal richtig, keine Puppe, sondern
nur eine schöne Kunstfigur"; und der Alte fuhr fort:

"Eine Puppe kann nicht laufen,
Man muß stäts herum sie schleppen,
Diese rennt auf Flur und Treppen
Jede Puppe über'n Haufen.
Eine Puppe kann nicht hören,
Diese hier ist leicht zu stören,
Niemand hört sie, doch sie hört,
Wenn ein Blumenblatt sich kehrt,
Wenn ein Holzwurm leise pickt,
Das Figürchen um sich blickt,
Spitzt die Oehrchen und erschrickt;
Und wenn gar die Katze maut,
Schaudert ihr die zarte Haut,
Bang ist ihr, es könnt' die Katze
Halten sie für eine Ratze,
Und sie hielt' mit einem Satze
Sie in ihrer scharfen Tatze;
Und gleich sucht sie eine Ecke,
Daß sie sich darin verstecke.
Keine Puppe, so thut nur
Eine schöne Kunstfigur,
Die trotz Uhr und die trotz Schnur
Ist ein Mäuschen von Natur;
Darum bitt' ich um die Güte,
Daß man sie vor Katzen hüte."

Da sprach Gackeleia:

"Ach ich hüt' mich schon davor,
Vater schrieb mir's hinter's Ohr!"

Der Alte fuhr fort:

"Eine Puppe kann nicht essen,
Die Figur hat's nie vergessen,
Ißt zu der bestimmten Stund'
immer sich hübsch satt und rund;
Braungebackne Semmelrinde
Knuppert sie gern ab geschwinde,
Könnte auch nach ihrem Magen
Speck und Schinken wohl vertragen,
Was sie aber niemals that,
Denn sie ist zu delikat,
Daß des Morgenlands Gesetze
Sie durch solche Kost verletze,
Drum lass' ich steinharten Kuchen
Sie belohnend oft versuchen.
Andern gönnt sie stäts das Beste,
Und sich selbst läßt sie die Reste,
Was so übrig ist geblieben,
Ganz demüthiglich belieben.
Zuseh'n läßt sie sich nicht gerne,
Wenn sie ißt, sonst wär's gar leicht,
Daß man menschlich essen lerne
Und nicht mehr den Thieren gleicht.--
Ja ich zweifle, ob Comtessen
Jemals zierlicher gegessen."

Bei diesen Worten des Alten hob Gackeleia ihr Köpfchen mit einigem
Selbstgefühl in die Höhe, denn sie wußte wohl, daß sie eine Comtesse
sey, und daß sie sehr anständig nach den Tischregeln zu essen gelernt
hatte; ja sie bildete sich etwas darauf ein; daher sprach sie zu dem
Alten etwas in verweisendem Tone:

"Wie Comtessen essen, weiß ich,
Denn ich übe mich gar fleißig.
Die Erzmundwischmeisterin,
Comteß Torschon de Popin,
Lehrte mich, wie stäts bei Tische
Jeder anders, ländlich, sittlich,
Appe--und unappetitlich,
Standsgemäß das Maul sich wische.
Denk', die große Lektion
Vom Maulwischrecht kann ich schon;
Als ich mit Gefühlsbetonung
Sie bei Hof hab' deklamirt,
Wischt' die Königin, gerührt,
Mir das Mäulchen zur Belohnung."

Dann wendete sich Gackeleia gegen die Puppe und erzählte ihr, was ihr
vom anständigen Betragen bei Tisch gelehrt worden war:

"Hör'--nicht Puppe, sondern nur
Allerschönste Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und du Mäuschen von Natur!
Hör', was sittlich und dezent
Nach dem Tischzuchtreglement,
Alles, Alles sag ich dir.
Meine Meist'rin sprach zu mir:
"Alle Prinzen und Prinzessen,
Alle Grafen und Comtessen,
Alle Junker, alle Fräulchen
Wischen sich so Mund als Mäulchen,
Dupse-Däumchen, Fingerlein
An der Serviette rein.
O Comtesse, nie vergesse,
Wie ein Kind von deinem Adel
Mit Delikatesse esse--
Gackeleia ohne Tadel!
Schluck' nicht große Brocken ein,
Spuck' hübsch aus die Pflaumenstein';
Alles esse mit Manier,
Ohne Trägheit, ohne Gier,
Doch mit angeborner Zier;
Prüfe, ordne jeden Bissen
Recht mit zartestem Gewissen,
Ja mit feinem Skrupel schier.
Schiebe mit der Gabelspitze
Zierlich Alles, was nichts nütze,
Nicht an Reinheit ebenbürtig,
Nicht an Feinheit speisewürdig,
Daß du's über's Herzchen bringst
Und in's Mägelchen verschlingst,
Zähe Adern, harte Flechsen,
Harte Fasern von Gewächsen,
Schiebe solche Dingerchen
Leis auf deines Tellers Rand,
Heb' das kleine Fingerchen
Fein dabei an rechter Hand,
O, das steht dir ganz scharmant!
Niemals hör' ein Mensch dich schmatzen
Wie die Teller-Lecker-Katzen,
Die unehrbar unter'm Tisch
Hörbar fressen Fleisch und Fisch.
Nein, mit stäts geschloss'nen Lippen
Mußt du knuppern, und bei'm Trinken
Läßt du sanft die Aeuglein sinken,
Mußt du wie ein Vöglein nippen.
Wie man leckt und schmeckt und kaut,
Werde nie durch einen Laut
Irgendjemand anvertraut,
Eben so, wie man verdaut--
Alles still, gleich wie es thaut.
Gar Nichts lass' zu Grunde geh'n,
Was nicht soll zum Munde geh'n,
Jedes Krümchen noch so klein,
Streue aus den Vögelein!"

Gackeleia hatte ihre Lektion hergesagt und erwartete eine Antwort von
der Puppe, indem sie fortfuhr:

"Wie ich esse sagt' ich dir,
Wie du ißt, auch sage mir,
O! du Puppe, o du nur
Eine schöne Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und ein Mäuschen von Natur!"

So plauderte Gackeleia mit der Puppe, welche mit Kopf und Aermchen in
der Hand des Alten wackelte. Der Alte aber sagte: "Comtesse
Gackeleia, sie wird es Ihnen nicht sagen, Sie sollen sie auch nicht
fragen, ich habe es nie gewagt; es giebt Geheimnisse im
kunstfigürlichen Herzen, es ist gefährlich da eindringen zu wollen
nach den Worten des großen Abulfeda:

"In's Inn're der Natur dringt kein erschaffner Geist,
Zu glücklich, wem sie nur die äußre Schaale weis't.
Zum Kern der Kunstfigur, zu wissen wie sie speis't,
Dringt jener Frevler nur, den in die Nas' sie beißt."

"Sehen kann man es nicht, aber hören sollen Sie es gleich!"-"Hören?"
sagte Gackeleia, "sie schmatzt doch nicht, das wäre nicht artig!
"--"Geduld," sagte der Alte, "geben mir das Comteßchen ihr Körbchen,
haben Sie nichts zu naschen?"--"O ja", sagte Gackeleia, "da sind
Knackmandeln von Jungfer Widder, der Schuljungfer, sie hat sie nach
ihrem Bräutigam geworfen, und Prinz Kronovus hat sie aufgelesen und
mir geschenkt."-"Herrlich," sagte der Alte, "aber eine ist genug,"
und er that die Figur in den Korb und die Knackmandel dazu und den
Deckel darüber, und nun stellte er den Korb dicht ans Gartengitter
und sagte: "Jetzt horchen Sie, wie die Kunstfigur krustilliret.
"-Gackeleia hielt das Ohr an den Korb und hörte die Kunstfigur bald
so artig mit den Zähnchen knuppern, daß sie freudig ausrief:

"Knupper, Knupper Kneischen,
Du knupperst ja im Häuschen,
O du schöne Kunstfigur!
Wie ein Mäuschen von Natur."

Dann nahm der Alte die Kunstfigur wieder heraus, zog das Uhrwerk auf
und sagte: "Jetzt wird ihr zur Verdauung ein Spaziergang gesund seyn,
sonst schläft sie uns ein:

Denn nach Tische soll man stehn,
Oder tausend Schritte gehn,
Sagt der würdige Galen."

Die Puppe aber wackelte mit Kopf und Händchen und da er sie an den
Boden setzte, lief sie gar geschäftig am Gartengitter hin und her,
nickte und winkte und stieß manchmal ans Gitter, weil sie durch
wollte in den Garten, aber nicht konnte, denn die Oeffnungen waren
nicht groß genug.

Gackeleia außer sich vor Freude rief. "ach sie winkt mir, sie winkt
mir, sie möchte zu mir in den Garten--ach lieber alter Mann sage mir
geschwind, was ich dir zu Gefallen thun soll, daß du mir die
Kunstfigur giebst!"--Da steckte der Mann die Kunstfigur wieder in
seinen Gürtel und sprach: "O Comteßchen! es ist nur eine Miniatur von
einer Kleinigkeit von einer Bagatelle; ach! ich bin ein armer,
betrübter, verlassener Mann, ich habe nicht Vater nicht Mutter, nicht
Schwester nicht Bruder, nicht Kind nicht Rind, nicht Kuh und nicht
Kalb, nicht ganz und nicht halb, mir fehlet Alles, was man nicht
begehren darf, seines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Ochs, Esel und
Alles, was sein ist, ach! ich habe selbst keine Puppe, sondern nur
diese schöne Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur und ein
Mäuschen von Natur; aber mein Kummer ist so groß, daß auch sie mich
nicht trösten kann. Doch Sie können es, o Exzellenzchen, daß ich
lustig werde wie ein Lämmerschwänzchen."

Nach diesen Worten fieng der wunderliche Alte so zu weinen und zu
wimmern an, daß Gackeleia mit Thränen in den Augen zu ihm sprach:
"ach weine nur nicht so, du armer Mann! ich will dir ja Alles thun,
was dich trösten kann, wenn du mir die schöne Kunstfigur giebst; sage
mir doch um Gotteswillen, was dich trösten kann."--Da erwiederte der
Alte:

"Dein Vater hat ein Ringelein
Mit einem grünen Edelstein,
Der hat gar einen schönen Schein,
Laß mich nur einmal sehn hinein,
So werd ich gleich durch Mark und Bein
Froh wie ein Lämmerschwänzchen seyn,
Dann soll das Kunstfigürchen fein
Zu dir ins Gärtchen gleich hinein;
Es bleibt mit allen Kleidern sein
O lieb Comteßchen! immer dein,
Damit die Gackeleia klein
Nicht so allein, allein, allein!"

"Ei!" sagte Gackeleia",den Ring kenne ich wohl, er hat auch mich
manchmal schon fröhlich gemacht, wenn ich ihn ansehen durfte. Gehe
nur ein bischen weg, gleich wird mein Vater in einer nahen Laube sein
Mittagsschläfchen halten, da will ich den Ring schon auf ein Weilchen
kriegen. Aber, daß du mir gleich wieder da bist, wenn ich den Ring
bringe."

"Ganz gewiß", sagte der Alte, "ich will Ihnen die Kleider der
Kunstfigur als ein Pfand gleich hier lassen, Sie können sie alle
hübsch glatt streichen und in ihr Körbchen legen, sie sind an dem
Schirm ein bischen aus der Façon gekommen." Da gab er ihr die
Kleider und Kleinigkeiten, die er von dem Schirme ablöste, und
verließ dann mit der Kunstfigur die kleine Gackeleia, die ihm immer
nachrief "aber daß du nur auch ganz gewiß kömmst, der Ring soll dich
recht anlachen!" "Ja, ja ganz gewiß", rief der Alte und verschwand
hinter den Hecken. Gackeleia aber setzte sich in ihre Laube,
musterte und ordnete alle Kleider der Puppe, und dachte schon, wie
die kleine Gärtnerin bei ihr zwischen den Blumenbeeten herumlaufen
würde, und konnte sich zum Voraus vor Freude gar nicht fassen.

Aber schnell bewahrte sie die Kleider in ihrem Korb, da sie den Vater
Gockel auf seinem Stuhle in der Laube schnarchen hörte. Sie schlich
hin, setzte sich zu seinen Füßen, hatte seine Hand in der ihrigen und
sah in den grünen Stein des Ringes. Als sie nun den Stein berührte
und vor sich sagte: "ach wenn ich den Ring nur leise von seinem
Finger herunter hätte!" da that der Ring seine Wirkung. Gockel
schlief fest und schnarchte, und der Ring fiel in das Händchen der
Gackeleia, welche geschwind wie der Wind nach ihrem Gärtchen lief, wo
der alte Mann vor Begierde nach dem Ring sein mageres Gesicht mit dem
Barte schon wie ein alter Ziegenbock über das Gitter herüber streckte.
Gackeleia hielt ihm den Ring entgegen und sprach: "die Kunstfigur
her! die Kunstfigur her! sieh hier ist der Ring; aber ich gebe ihn
nicht, bis du mir erkläret hast, wie man die Figur aufzieht und wie
ich sonst mit ihr umgehen muß, damit sie mir nicht krank wird, und
bis ich sie in den Händen habe, dann kannst du geschwind in den Ring
gucken, denn ich muß ihn schnell in die Laube zurück bringen, ehe der
Vater aufwacht."

Der Alte, der nach dem Ring noch gieriger hin sah, als das Kind nach
der Puppe, nahm diese, steckte ihr das Schlüßelchen, welches sie
anhängen hatte, in das Ohr und sagte: "Comteßchen! links müssen Sie
leise drehen, bis Sie Widerstand fühlen, sonst könnte die Figur
überschnappen. Sie müssen sich nicht wundern, daß man die Kunstfigur
durch das Ohr aufzieht, man zieht ja auch die Kinder auf durch das
Gehör. Man schraubt auch die Jugend auf und verschraubt sie eben so
leicht, daß kein Uhrmacher mehr helfen kann, nur knarrt es ein
bischen mehr bei der Kunstfigur. Aber ich hoffe, die Comtesse werden
ihr dieses wegen anderer trefflicher Eigenschaften zu Gute halten.
Wenn ich nun aufgezogen, knirr, knirr, knirr, nickt sie ein Weilchen
gar lieblich mit dem Kopf und winkt mit den Händchen, ja läuft auch
auf ebenem Boden, weil aber Berg und Thal zusammen kommen, so wird
ihr das Laufen beschwerlich, und muß darum die Natur der Kunst zu
Hülfe kommen, wie umgekehrt bei Menschen die Kunst der Natur oft
nachhelfen muß. Was nun die Kunst dieser Figur betrifft, so lassen
ihr die Comtesse, so sie harthörig würde, manchmal ein Tröpfchen
Mandelöl ins andere Ohr laufen; dann geht sie wieder wie geschmiert.
Was die Natur betrifft, habe ich schon gesagt, was sie gern ißt:
braune Semmelrinde, auch hartes Zuckerbrod und Knackmandeln; ich
rathe nicht zu vielen fetten Speisen, weil sie sich leicht dadurch
ihre Garderobe beflecken könnte. Sie trinkt nicht viel, und setzt
Comteßchen ihr alle Tage ihr Fingerhütchen voll Wasser in den Korb,
ist es zum Trinken, Mundausspühlen und Waschen genug. In das
Körbchen machen Sie ihr Bettchen, Sie brauchen sie nicht schlafen zu
legen, sie legt sich von selbst. Morgens den Fingerhut und was zu
knuppern, Mittags, Abends eben so. Die Kleiderchen halten Sie hübsch
reinlich, und verbleichen sie, so lassen Sie sie färben. Hüten Sie
sie vor Ungeziefer, besonders vor Spinnen und vor Allem vor Katzen.
Ihre Stiefelchen und Tanzschuhe halten Sie besonders in Ordnung, denn
sie hält viel darauf und hat Hühneraugen; darum bitte ich, ihr nicht
auf die Füße zu treten; sie ist sehr empfindlich.--Hören Sie, um Sie
ganz zu überzeugen, daß sie keine Puppe ist, will ich Ihnen ihr
Stimmchen hören lassen." Da zwickte der Alte die Figur an der Spitze
des Füßchens, und sie piepte wie ein Mäuschen, so daß Gackeleia laut
aufschrie: "ach dem Klandestinchen nicht weh, weh thun!" der Alte
aber sagte: "nicht wahr Comteßchen, schreien kann doch

Keine Puppe, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und ein Mäuschen von Natur."

"Gewiß", sagte Gackeleia und sprach diese Worte mit. Der Alte aber
sagte noch: "Sie müssen ihr nicht beim Essen und Trinken zusehen;
wenn sie heraus ist, lassen Sie sie ruhig laufen, aber nicht wo es
ganz offen ist, sonst läuft sie Ihnen davon." Dann gab er die Puppe
der Gackeleia, und sie gab ihm den Ring, mit dem er sich unter seinem
Mantel verbarg, wo er ihn eifrig zu betrachten schien.

Gackeleia setzte die Puppe in dem Gärtchen nieder und tanzte voll
Entzücken vor ihr her, die ihr überall artig nachschnurrte; Gackeleia
patschte freudig in die kleinen Hände, der Alte aber patschte in
seine großen Hände. "Ach!" rief ihm Gackeleia zu, "gelt, du hast
dich in dem Ring schon recht lustig geguckt? O gieb ihn geschwind,
geschwind zurück, ich höre den Vater schon in der Laube gähnen."-"O
mir ist schon ganz fröhlich", sagte der Alte, "bald werde ich noch
lustiger seyn!" Nun gab er ihr den Ring zurück und wünschte ihr mit
einem häßlichen Gelächter viel Glück zu der schönen Kunstfigur,
worauf er sich in das Gebüsch verlor.

Gackeleia hatte bereits alle Kleiderchen in ihr Körbchen gelegt, sie
legte nun die Kunstfigur oben drauf und deckte den Deckel hübsch
darüber. Das Körbchen am Arm lief sie schnell in die Laube und
setzte sich zu den Füßen Gockels, der wieder eingeschlafen war, und
leise, leise schob sie ihm den Ring wieder an den Finger. Es war ihr,
als hätte sie einen Stein von dem Herzen.

Gackeleia saß nicht so lange zu den Füßen Gockels, als man braucht,
um ein Ei zu sieden, da ertönte in der Ferne ein Oratorium von sechs
Posthörnern von der Composition des Cospetto di Bacco, und von der
berühmten Agatha Gaddi ward darin eine Fuge Solo gesungen nach den
tiefsinnigen Worten des Königlich Gelnhausenischen
General-Ober-Hofpostamts-Dichters, der, seinen Namen zu verschweigen,
aus übertriebener Bescheidenheit allzufrüh mit Tod abgegangen ist:

"Fahr', fahr', fahr' auf der Post,
Frag', frag', frag' nit, was's kost,
Spann' mir sechs Schimmel ein,
Ich will der Postknecht seyn,
Fahr', fahr', fahr' auf der Post!"

Gleich erwachte Gockel und sprach: "ei, es ist schon vorgefahren, gut,
daß du da bist Gackeleia, geschwind laß uns einsteigen, die Mutter
sitzt gewiß schon in der Alamode-Barutsche, wir sind von Eifrasius
auf die Eierburg zum Eiertanz eingeladen." "Ich habe es gewußt",
sagte Gackeleia, "ich bin schon ganz geputzt und habe Alles bei mir.

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