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Geschichte des Agathon, Teil 2 by Christoph Martin Wieland

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m¸ssen wir gestehen, dafl es ihm hierin eben so erging, wie es, vermˆge der
t‰glichen Erfahrung, allen andern Sterblichen zu gehen pflegt. Er wurde
diese eben so unmerkliche als unleugbare Einfl¸sse, und die Ver‰nderungen,
welche sie verstohlner Weise in seiner Seele verursacheten, eben so wenig
gewahr, als ein gesunder Mensch die geheimen und schleichenden
Zerr¸ttungen empfindet, welche die Unbest‰ndigkeit der Witterung, die
kleinen Unordnungen in der Lebensart, die heterogene Beschaffenheit der
Nahrungs-Mittel, und das langsam w¸rkende Gift der Leidenschaften,
st¸ndlich in seiner Maschine verursachen. Die Ver‰nderungen, die in
unsrer innerlichen Verfassung vorgehen, m¸ssen betr‰chtlich sein, wenn sie
in die Augen fallen sollen; und wir fangen gemeiniglich nicht eher an, sie
deutlich wahrzunehmen, bis wir uns genˆtigt finden, zu stutzen, und uns
selbst zu fragen, ob wir noch eben dieselbe Person seien, die wir waren?
Aus diesem Grunde geschah es vermutlich, dafl Agathon die Progressen,
welche die schon zu Smyrna angefangene Revolution in seiner Seele w‰hrend
seinem Aufenthalt zu Syracus machte, ohne das mindeste Mifltrauen in sie zu
setzen, ganz allein den neuen oder best‰tigten Erfahrungen zuschrieb,
welche er in dieser ausgebreiteten Sph‰re zu machen, so viele
Gelegenheiten hatte.

Es ist unstreitig einer der grˆflesten Vorteile, wo nicht der einzige, den
ein denkender Mensch aus dem Leben in der groflen Welt mit sich nimmt,
wofern es ihm jemals so gut wird, sich wieder aus derselben herauswinden
zu kˆnnen--dafl er die Menschen darin kennen gelernt hat. Es l‰flt sich
zwar gegen diese Art von Kenntnis der Menschen, aus guten Gr¸nden eben so
viel einwenden, als gegen diejenige, welche man aus der Geschichte, und
den Schriften der Dichter, Sittenlehrer, Satyristen und Romanenmacher
zieht--oder gegen irgend eine andere: Aber man mufl hingegen auch gestehen,
dafl sie wenigstens eben so zuverl‰ssig ist, als irgend eine andre; ja dafl
sie es noch in einem hˆhern Grade ist, wenn anders das Subjekt, bei dem
sie sich befindet, mit allen den Eigenschaften versehen ist, die zu einem
Beobachter erfordert werden. Denn freilich kann nichts l‰cherlicher sein
als ein Geck, der nachdem er zehn oder f¸nfzehn Jahre seine Figur durch
alle L‰nder und Hˆfe der Welt herumgef¸hrt, etliche Dutzend zweideutige
Tugenden besiegt, und eben so viel schale Histˆrchen oder verd‰chtige
Beitr‰ge zur Chronique scandaleuse eines jeden Ortes, wo er gewesen ist,
zusammengebracht hat, mit deren H¸lfe er zween oder drei Tage eine
Tischgesellschaft lachen oder g‰hnen machen kann--sich selbst mit dem
Besitz einer vollkommenen Kenntnis der Welt und der Menschen schmeichelt,
und denjenigen mit dummem Hohnl‰cheln von der Seite ansieht, der vermˆge
einer vielj‰hrigen tiefen Erforschung der menschlichen Natur,
gelegenheitlich von Charaktern und Sitten urteilt, ohne die sieben T¸rme
gesehen, oder der Verm‰hlung des Doge von Venedig mit dem adriatischen
Meer beigewohnt zu haben. Wir wissen nicht, wie grofl ungef‰hr die Anzahl
der so genannten Welt-Leute sein mag, die in diese Klasse gehˆren: Aber
das scheint uns gewifl zu sein, dafl ein Mann von Genie und aufgekl‰rtem
Verstande (denn die blofle Empirie reicht hier so wenig zu, als in irgend
einer andern praktischen Wissenschaft) durch das Leben in der groflen Welt,
(in so fern wir dieses Wort in seiner echten Bedeutung nehmen) durch die
Verh‰ltnisse, worin er an einem betr‰chtlichen Platze mit allen Arten von
St‰nden und Charaktern kˆmmt, durch die h‰ufigen Gelegenheiten die er hat,
diejenige so er beobachtet, unter allerlei Umst‰nden, mit und ohne Maske
zusehen, sie auf allerlei Proben zu setzen, und so wohl durch den Gebrauch,
den man von ihnen macht, als den sie von andern zu manchen suchen, ihre
herrschenden Neigungen und geheime Springfedern ausf¸ndig zu machen--dafl
er dadurch zu einer unmittelbarern, ausgebreitetern und richtigern
Kenntnis der Menschen gelangt, als andre, welche ihre Theorie lediglich
den Geschichtschreibern, Metaphysikern und Moralisten (drei sehr wenig
zuverl‰ssigen Gattungen von Lehrern) zu danken--oder welche ihre
Beobachtungen nur in dem Microcosmus ihres eigenen Selbst angestellt haben.

Es ist oben schon bemerkt worden, dafl Agathon bei seinem Auftritt auf dem
Schauplatz, von dem er nun wieder abgetreten ist, lange nicht mehr so
erhaben und idealisch von der menschlichen Natur dachte, als zu Delphi;
denn es macht einen betr‰chtlichen Unterschied, ob man unter Bilds‰ulen
von Gˆttern und Helden, oder unter Menschen lebt; aber nachdem er die
Beobachtungen, die er zu Athen und Smyrna schon gesammelt, noch durch die
n‰here Bekanntschaft mit den Groflen, und mit den Hofleuten bereichert
hatte, sank seine Meinung von der angebornen Schˆnheit und W¸rde dieser
menschlichen Natur, von Grade zu Grade so tief, dafl er zuweilen in
Versuchung geriet, gegen die Stimme seines Herzens (welche eben so wohl,
dachte er, die Stimme der Eigenliebe oder des Vorurteils sein kˆnnte,)
alles was der gˆttliche Plato erhabenes und herrliches davon gesagt und
geschrieben hatte, f¸r M‰rchen aus einer andern Welt zu halten.
Unvermerkt kamen ihm die Begriffe, welche sich Hippias davon machte, nicht
mehr so ungeheuer vor, als damals, da er sich in den Garten dieses
woll¸stigen Weisen in den Mondschein hinsetzte, und Betrachtungen ¸ber den
Zustand der entkˆrperten Geister anstellte. Endlich kam es gar so weit,
dafl ihm diese Begriffe wahrscheinlich genug deuchten, um sich vorstellen
zu kˆnnen, wie Leute, die in ihrem eigenen Herzen nichts fanden, das ihnen
eine edlere Meinung von ihrer Natur zu geben geschickt w‰re, durch einen
langen Umgang mit der Welt dazu gelangen kˆnnten, sich g‰nzlich von der
Wahrheit desselben zu ¸berreden.

Soweit h‰tte Agathon gehen kˆnnen, ohne die Grenzen der weisen M‰fligung zu
¸berschreiten, welche uns in unsern Urteilen ¸ber diesen wichtigen
Gegenstand, und alles was sich auf ihn bezieht, langsam und zur¸ckhaltend
machen sollen. Aber in Stunden, da der Unmut seine schˆnsten Hoffnungen
durch die Torheit oder Bosheit derjenigen mit denen er leben muflte, vor
seinen Augen vernichten zu sehen, eine mehr als gewˆhnliche Verd¸sterung
in seiner Seele verursachte, ging er noch um einen Schritt weiter. "Nein",
sagte er dann zu sich selbst, "die Menschen sind nicht wof¸r ich sie
hielt, da ich sie nach mir selbst, und mich selbst nach den jugendlichen
Empfindungen eines gef¸hlvollen Herzens, und nach einer noch ungepr¸ften
Unschuld beurteilte. Meine Erfahrungen rechtfertigen das Schlimmste, was
Hippias von ihnen sagte; und wenn sie nichts bessers sind, was f¸r Ursache
habe ich, mich dar¸ber zu beschweren, dafl sie sich nicht nach Grunds‰tzen
behandeln lassen, die in keinem Ebenmafl mit ihrer Natur stehen? An mir
war der Fehler, an mir, der einen Mercur aus einem knottichten Feigenstock
schnitzeln wollte. Sagte er mir nicht vorher, dafl ich nichts anders zu
gewarten h‰tte, wenn ich den Plan meines Lebens nach meinen Ideen
einrichten w¸rde. Seine Vorhersagung h‰tte nicht richtiger eintreffen
kˆnnen. H‰tte ich seinen Grunds‰tzen gefolgt, h‰tte ich mich ehmals zu
Athen, oder hier zu Syracus so betragen, wie Hippias an meinem Platze
getan haben w¸rde--so w¸rde ich meine Absichten ausgef¸hrt haben; so w¸rde
ich gl¸cklich gewesen sein--und der Himmel weifl, ob es den Sicilianern
desto schlimmer ergangen w‰re. Dieses ist nun das zweite mal, dafl
Philistus, ein echter Anh‰nger des Systems meines Sophisten, ob er gleich
nicht f‰hig w‰re es so zusammenh‰ngend und scheinbar vorzutragen, ¸ber
Weisheit und Tugend den Sieg davon getragen hat.--Und habe ich noch der
Erfahrung vonnˆten, um zu wissen, dafl er eben so gewifl ¸ber einen andern
Plato, und ¸ber einen andern Agathon siegen w¸rde?--Wieviel liefl ich von
meinen Grunds‰tzen nach, wie tief stimmte ich mich selbst herab, da ich
die Unmˆglichkeit sah, diejenigen mit denen ich's zu tun hatte, so weit zu
mir heraufzuziehen? Wozu half es mir?--ich konnte mich nicht entschlieflen
niedertr‰chtig zu handeln, ein Schmeichler, ein Kuppler, ein Verr‰ter an
dem wahren Interesse des F¸rsten und des Landes zu werden--und so verlor'
ich die Gunst des F¸rsten, und die einzige Belohnung, die ich f¸r meine
Arbeiten verlange, die Vorteile, welche dieses Land von meiner Verwaltung
zu genieflen anfing, auf einmal, weil ich mich nicht dazu bequemen konnte,
alles f¸r anst‰ndig und recht zu halten, was n¸tzlich ist--O! gewifl
Hippias, deine Begriffe und Maximen, deine Moral, deine Staatskunst,
gr¸nden sich auf die Erfahrung aller Zeiten. Wenn sind die Menschen
jemals anders gewesen? Wenn haben sie jemals die Tugend hochgesch‰tzt,
als wenn sie ihrer Dienste benˆtigt waren; und wenn ist sie ihnen nicht
verhaflt gewesen, so bald sie ihren Leidenschaften im Lichte stund?"

Diese Betrachtungen f¸hrten unsern Helden bis an die ‰uflerste Spitze des
tiefen Abgrunds, der zwischen dem System der Tugend, und dem System des
Hippias liegt; aber der erste sch¸chterne Blick, den er hinunter wagte,
war genug, ihn mit Entsetzen zur¸ckfahren zu machen. Die Begriffe des
wesentlichen Unterschieds zwischen Recht und Unrecht, und die Ideen des
sittlichen Schˆnen, hatten zu tiefe Wurzeln in seiner Seele gefaflt, waren
zu genau mit den zartesten Fibern derselben verflochten und
zusammengewachsen, als dafl es mˆglich gewesen w‰re, dafl irgend eine
zuf‰llige Ursache, so stark sie immer auf seine Einbildung und auf seine
Leidenschaften w¸rken mochte, sie h‰tte ausreuten kˆnnen. Die Tugend
hatte bei ihm keinen anderen Sachwalter nˆtig als sein eignes Herz. In
eben dem Augenblick, da eine nur allzugegr¸ndete Misanthropie ihm die
Menschen in einem ver‰chtlichen Lichte, und vielleicht wie gewisse Spiegel,
um ein gutes Teil h‰fllicher zeigte, als sie w¸rklich sind, f¸hlte er mit
der vollkommensten Gewiflheit, dafl er, um die Krone des Monarchen von
Persien selbst, weder Hippias noch Philistus sein wollte; und dafl er,
sobald er sich wieder in die n‰mliche Umst‰nde gesetzt s‰he, eben so
handeln w¸rde, wie er gehandelt hatte, ohne sich durch irgend eine Folge
davon erschrecken zu lassen. Hingegen konnte es nicht wohl anders sein,
als dafl diese Betrachtungen, denen er sich seit seinem Fall, und
sonderheitlich w‰hrend seiner Gefangenschaft, fast g‰nzlich ¸berliefl, den
¸berrest des moralischen Enthusiasmus, von dem wir ihn bei seiner Flucht
aus Smyrna erhitzt gesehen haben, vollends verzehren muflten. Der Gedanke
f¸r das Gl¸ck der Menschen, f¸r das allgemeine Beste der ganzen Gattung zu
arbeiten, verliert seinen m‰chtigen Reiz, sobald wir klein von dieser
Gattung denken. Die Grˆfle dieses Vorhabens ist es eigentlich, was den
Reiz derselben ausmacht--und diese schrumpft nat¸rlicher Weise sehr
zusammen, sobald wir uns die Menschen als eine Herde von Kreaturen
vorstellen, deren grˆflester Teil seine ganze Gl¸ckseligkeit, den letzten
Endzweck aller seiner Bem¸hungen auf seine kˆrperliche Bed¸rfnisse
einschr‰nkt, und dabei dumm genug ist, durch eine niedertr‰chtige
Unterw¸rfigkeit unter eine kleine Anzahl der schlimmsten seiner Gattung,
sich fast immer in den Fall zu setzen, auch dieser blofl tierischen
Gl¸ckseligkeit nur selten oder auf kurze Zeit, bittweise oder verstohlner
Weise habhaft zu werden. "Jedes Tier sucht seine Nahrung--gr‰bt sich eine
Hˆhle, oder baut sich ein Nest--begattet sich--schl‰ft--und stirbt. Was
tut der grˆfleste Teil der Menschen mehr? Das betr‰chtlichste Gesch‰fte,
das sie von den ¸brigen Tieren voraus haben, ist die Sorge sich zu
bekleiden, welche die haupts‰chlichste Besch‰ftigung vieler Millionen
ausmacht. Und ich sollte", (sagte Agathon in einer von seinen schlimmsten
Launen zu sich selbst) "ich sollte meine Ruhe, meine Vergn¸gungen, meine
Kr‰fte, mein Dasein der Sorge aufopfern, damit irgend eine besondere Herde
dieser edeln Kreaturen besser esse, schˆner wohne, sich h‰ufiger begatte,
sich besser kleide, und weicher schlafe als sie zuvor taten, oder als
andere ihrer Gattung tun?--Ist das nicht alles was sie w¸nschen? Und
gebrauchen sie mich dazu? Was sollte mich bewegen, mir diese Verdienste
um sie zu machen? Ist vielleicht nur ein einziger unter ihnen, der bei
allem was er unternimmt, eine edlere Absicht hat, als seine eigne
Befriedigung? Bin ich ihnen etwan einige Hochachtung oder Dankbarkeit
daf¸r schuldig, dafl sie f¸r meine Bed¸rfnisse oder f¸r mein Vergn¸gen
arbeiten? Ich bin schuldig, sie daf¸r zu bezahlen; das ist alles was sie
wollen, und alles was sie an mich fordern kˆnnen."

"Himmel!"--so deucht mich, hˆre ich hier einige r¸hrende Stimmen
ausrufen--"ist's mˆglich? Konnte Agathon so denken? So klein, so unedel
-" "so kalt, meine schˆnen Damen, so kalt! Und sie werden mir gestehen,
dafl man in einer Einkerkerung von zween oder drei Monaten, die man sich
ganz allein durch grofle und edle Gesinnungen zugezogen, gute Gelegenheit
hat, sich von der Hitze der groflm¸tigen Schw‰rmerei ein wenig abzuk¸hlen
-" "Aber was wird nun aus der Tugend unsers Helden werden?--Was ist die
Tugend ohne dieses schˆne Feuer, ohne diese erhabene Begeisterung, welche
den Menschen ¸ber die ¸brigen seiner Gattung, welche ihn ¸ber sich selbst
erhˆht, und zu einem allgemeinen Wohlt‰ter, zu einem Genius, zu einer
subalternen Gottheit macht?"--"Wir gestehen es, sie ist ohne diese
‰therische Flamme ein sehr unansehnliches, sehr wenig gl‰nzendes Ding -"
"Und wie traurig ist es, die Tugend unsers Helden gerade da unterliegen zu
sehen, wo sie sich in ihrer grˆflesten St‰rke zeigen
sollte?--Wie?--erliegen, weil man Widerstand findet? Die gute Sache
aufgeben, weil man, und vielleicht ohne Not, an einem gl¸cklichen Ausgang
verzweifelt? Was ist denn die wahre Tugend anders, als ein immerw‰hrender
Streit mit den Leidenschaften, Torheiten und Lastern--in uns, und aufler
uns?"--"Vortrefflich!--und in Bunyans 'Reise' so wohl ausgef¸hrt, meine
Herren, dafl ihr uns hier weiter nichts zu sagen braucht. Es ist
bedaurlich, dafl unser Held seine Rolle nicht besser behauptet--Aber allem
Ansehen nach, war er wohl niemals ein Held--und wir hatten Unrecht ihm
einen so ehrenvollen Namen beizulegen -" "Das eben nicht; er fing
vortrefflich an; er war ein Held, da er sich den zudringlichen
Liebkosungen der verf¸hrischen Pythia entrifl -" "Das konnte die scheue und
schamhafte Unschuld der unb‰rtigen Jugend getan haben; und liebte er
damals nicht die schˆne Psyche?"--"So verdiente er doch ein Held genannt
zu werden, als er den Mut hatte, sich eines verlassenen Unschuldigen gegen
eine m‰chtige Partei anzunehmen?"--"Ihr kˆnntet vielleicht eben soviel aus
Ehrgeiz--oder aus Hafl gegen einen der Feinde eures Klienten--oder aus
einer geheimen Absicht auf die Gemahlin eures Klienten--oder um vierzig
tausend Livres aus der Kasse eures Klienten tun?--und ihr h‰ttet in keinem
von diesen F‰llen eine Heldentat getan. Dafl Agathon damals aus edeln
Gesinnungen handelte, wissen wir--von ihm selbst; und wir haben Gr¸nde, es
ihm zu glauben--aber er konnte sich mit der grˆflesten Wahrscheinlichkeit
einen gl‰nzenden Sukzefl versprechen; und was f¸r ein Triumph war das f¸r
die Ruhmbegierde eines J¸nglings von zwanzig Jahren?"--"Nun, so war er
doch gewifl ein Held, da er gleichm¸tig und unersch¸tterlich sich dem
ungerechten Verbannungs-Urteil der Athenienser unterzog, und lieber das
‰uflerste erdulden, als seine Lossprechung einer Niedertr‰chtigkeit zu
danken haben wollte!--So war er's damals, da er von sich sagen konnte:
'Ich verwies es der Tugend nicht, dafl sie mir den Hafl und die Verfolgungen
der Bˆsen zugezogen hatte; ich f¸hlte, dafl sie sich selbst belohnt.'"--"In
der Tat, er war in diesem Augenblick grofl; aber wir m¸ssen nicht vergessen,
dafl er sich damals in einem auflerordentlichen Zustande, auf dem ‰uflersten
Grade dieses Enthusiasmus der Tugend befand, der den Menschen vergessen
macht, dafl er nur ein Mensch ist. Diese Art von Heldentum daurt
nat¸rlicher Weise nicht l‰nger, als der Paroxysmus des Affekts. Agathon
war sich damals, als er so dachte, einer unbefleckten Tugend bewuflt; und
zu was f¸r einem Stolz muflte dieses Gef¸hl seine Seele in einem Augenblick
aufschwellen, da sich ganz Athen zusammenverschworen zu haben schien, ihn
zu dem¸tigen; in einem Augenblick, da dieser Stolz der ganzen Last seines
Ungl¸cks das Gleichgewicht halten muflte, und ihm den Triumph verschaffte,
die Herren ¸ber sein Schicksal die ganze Obermacht, die ihm seine Tugend
¸ber sie gab, f¸hlen zu lassen? Diese Art von Stolz gleicht in ihren
W¸rkungen der Wut eines tapfern Mannes der zur Verzweiflung getrieben wird.
Die Gewiflheit des Todes, in den er sich hineinst¸rzt, macht, dafl er
Taten eines Unsterblichen tut. Aber Agathon hatte dermalen nicht mehr
soviel Ursache, auf seine Tugend stolz zu sein. Eben diese
enthusiastische Gem¸ts-Beschaffenheit, welche ihm bei seiner Verbannung zu
Athen die Gesinnungen eines Gottes eingehaucht, hatte ihn zu Smyrna den
Schwachheiten eines gemeinen Menschen ausgesetzt. Er dachte nicht mehr so
grofl von sich selbst, und da ihm nun, in ‰hnlichen Umst‰nden, dieser
heroische Stolz nicht mehr zu statten kommen konnte, so muflte sich
derselbe notwendig in diejenige Art von Misanthropie verwandeln, welche
sich ¸ber die ganze Gattung erstreckt. In diesem St¸cke, wie in vielen
andern, ist die Geschichte Agathons die Geschichte aller Menschen. Wir
denken so lange grofl von der menschlichen Natur, als wir grofl von uns
selber denken; unsere Verachtung hat alsdann nur einzelne Menschen oder
kleinere Gesellschaften zum Gegenstand. Aber sobald wir in unsrer Meinung
von uns selbst fallen, sinkt durch eine innerliche Gewalt ¸ber welche wir
nicht Meister sind, unsre Meinung von der ganzen Gattung zu welcher wir
gehˆren; wir verwundern uns, dafl wir nicht eher wahrgenommen, dafl die
Torheiten, die Laster derjenigen, unter denen wir leben, Gebrechen der
Natur selbst sind, denen (mehr oder weniger, auf diese oder eine andre Art,
je nachdem Zeit, Umst‰nde, Temperament und Gewohnheit es mit sich
bringen) ein jeder unterworfen ist; je genauer wir die Menschen
untersuchen, je mehr Gr¸nde finden wir, so zu denken; und diese
Denkungsart flˆflet uns, zu eben der Zeit, da sie uns eine gewisse
Geringsch‰tzung gegen die ganze Gattung gibt, mehr Nachsicht gegen die
Fehler und Gebrechen der einzelnen Personen, und besondern Gesellschaften,
mit denen wir in Verh‰ltnis stehen, ein; so dafl wir das, was wir an jenem
tugendhaften Schwulst, welchen die Einfalt ¸bereilter Weise f¸r die Tugend
selbst h‰lt, verlieren, zu eben der Zeit an den notwendigsten und
liebensw¸rdigsten Tugenden, an Geselligkeit und M‰fligung gewinnen:
Tugenden, welche zwar nichts blendendes haben, aber desto mehr W‰rme geben,
und uns desto geschickter machen, unter Geschˆpfen zu leben, welche ihrer
alle Augenblicke benˆtiget sind.

Es ist ein gemeiner und oft getadelter Fehler des menschlichen Geschlechts,
dafl sie das Wunderbare mehr lieben als das Nat¸rliche, und das Gl‰nzende
mehr als was nicht so gut in die Augen f‰llt, wenn es gleich brauchbarer
und dauerhafter ist. Diese Art von dem Werte der Sachen zu urteilen ist
nirgends betr¸glicher, als wenn sie auf moralische Gegenst‰nde angewendet
wird. Der Schlufl, den man ˆfters von der Erhabenheit der Begriffe und
Empfindungen einer Person, und von der Fertigkeit eine gewisse Sprache der
Begeistrung zu reden, welche (wie die homerische Gˆttersprache) allen
Dingen andre Namen gibt, ohne dafl die Dinge selbst darum etwas anders sind,
als sie unter ihren gewˆhnlichen Namen sind, auf eine auflerordentliche
Vortrefflichkeit des Charakters dieser Person zu machen pflegt, ist eben
so falsch, als das Vorurteil, welches viele gegen eine gelassene und
bescheidene Tugend gefaflt haben, welche, ohne sich durch feirliches
Gepr‰nge, hochfliegende Ideen, anmaflliche Privilegien von den Gebrechen
der menschlichen Natur, und unerbittliche Strenge gegen dieselben
anzuk¸ndigen, nur darum weniger zu versprechen scheint, um im Werke selbst
desto mehr zu leisten. Dieses vorausgesetzt kˆnnten wir vielleicht mit
gutem Grunde behaupten, dafl die Tugend unsers Helden, durch die neuerliche
Ver‰nderung, die in seiner Denkensart vorging, in verschiedenen
Betrachtungen, grofle Vorteile erhalten habe. Aber (wir wollen es nur
gestehen) was sie dabei auf einer Seite gewann, verlor sie auf einer
andern wieder. Die Begriffe, welche wir uns von unsrer eignen Natur
machen, haben einen entscheidenden Einflufl auf alle unsre ¸brigen Begriffe.
So irrig, so l‰cherlich und kindisch es ist, wenn wir uns einbilden (und
doch bilden sich das die Meisten ein) dafl der Mensch die Hauptfigur in der
ganzen Schˆpfung, und alles andere blofl um seinetwillen da sei--So
nat¸rlich ist hingegen, dafl er es in dem besondern System seiner eignen
Ideen ist. In dieser kleinen Welt ist und bleibt er, er wolle oder wolle
nicht, der Mittelpunkt--der Held des St¸cks, auf den alles sich bezieht,
und dessen Gl¸ck oder Fall alles entscheidet. Alles ist grofl, wichtig,
interessant, wenn die Hauptperson wichtig ist, und eine grofle Rolle zu
spielen hat; aber wenn Scapin oder Harlekin der Held ist, was kann das
ganze St¸ck anders sein, als eine Farce?"

Man erinnert sich vermutlich noch der Zweifel, worin sich Agathon
verwickelt fand, als er die bezauberten Ufer von Jonien verliefl, wo er,
vielleicht zu seinem Vorteil, erfahren hatte, dafl die Ideen, welche sich
in den Hainen zu Delphi seiner jugendlichen Seele bem‰chtiget, und durch
den Unterricht und Umgang des gˆttlichen Platons zu Athen noch mehr darin
befestiget hatten, ihm bei einer Gelegenheit, wo er sich mit vollkommner
Sicherheit auf ihre St‰rke und besch¸tzende Kraft verlassen hatte, mehr
nachteilig als n¸tzlich gewesen waren, ja sich endlich (zu einem billigen
Verdacht gegen ihre Realit‰t) von ganz entgegengesetzten so unmerklich und
gutwillig hatten verdr‰ngen lassen, dafl er die Ver‰nderung nicht eher
wahrgenommen, als da sie schon vˆllig zu Stande gekommen war. Agathon
hatte damals keine Zeit, dieser Zweifel wegen mit sich selbst einig zu
werden; er glaubte zwar, oder hoffte vielmehr ¸berhaupt, dafl dasjenige was
in seinen vormaligen Grunds‰tzen wahres sei, sich mit seinen neuerlangten
Begriffen sehr wohl vereinigen lassen werde--aber er sah doch noch nicht
deutlich genug, wie?--und wurde beim ersten Anblick L¸cken gewahr, welche
ihm desto mehr Sorge machten, je weniger er geneigt war, sie nach dem
Exempel der Meisten, die sich in dieser Schwierigkeit befinden, mit dem
ersten Besten, es mˆchte Stroh, Leimen, Lumpen oder was ihm sonst in die
H‰nde fiele, sein, auszustopfen. Indes hatten doch damals seine vorigen
Lieblings-Ideen noch einen starken Anhang in seinem Herzen, und er
beruhigte sich, auf die Eingebungen desselben hin, mit der Hoffnung, dafl
es ihm, sobald er in ruhigere Umst‰nde k‰me, leicht sein w¸rde, die
Harmonie zwischen seinem Kopf und seinem Herzen vollkommen wieder
herzustellen. Allein die Gesch‰fte und die Zerstreuungen, welche zu
Syracus alle seine Zeit verschlangen, hatten ihn genˆtigt, eine f¸r ihn so
wichtige Arbeit lange genug aufzuschieben, um sie durch immer neu
hervorbrechende Schwierigkeiten ungleich schwerer zu machen, als sie
anfangs gewesen w‰re. Die ungereimte und l‰cherliche Seite der
menschlichen Meinungen, Leidenschaften, und Gewohnheiten ist gemeiniglich
die erste, welche sie einem Manne von Verstand und Witz zeigen, der die
Mufle nicht hat, sie mit anhaltender Aufmerksamkeit zu betrachten. Agathon
gewˆhnte sich also unvermerkt an diese Art, die Sachen anzuschauen; die
nat¸rliche Heiterkeit und Lebhaftigkeit seiner Sinnesart disponierte ihn
ohnehin dazu; und die Syracusaner, deren Charakter eine Vermischung des
Atheniensischen und Corinthischen, oder eine Komposition von den
widersprechendesten Eigenschaften, welche ein Volk nur immer haben kann,
ausmachte--und ein Hof, wie Dionysens Hof war--versahen ihn so reichlich
mit komischen Charaktern, Bildern und Begebenheiten, dafl der Absatz,
welchen der gegenw‰rtige Ton seiner Seele (wenn man uns dieses malerische
Kunst-Wort hier erlauben will) mit seinem ehmaligen machte, von Tag zu Tag
immer st‰rker werden muflte. Der Oromasdes und Arimanius der alten Persen
werden uns nicht als tˆdlichere Feinde vorgestellt, als es der komische
Geist, und der Geist des Enthusiasmus sind; und die nat¸rliche Antipathie
dieser beiden Geister wird dadurch nicht wenig vermehrt, dafl beide gleich
geneigt sind, ¸ber die Grenzen der M‰fligung hinauszuschweifen. Der
Enthusiastische Geist sieht alles in einem strengen feierlichen Licht; der
Komische alles in einem milden und lachenden; nichts ist dem ersten
leichter als so weit zugehen, bis ihm alles, was Spiel und Scherz heiflt,
verdammlich vorkommt; nichts dem andern leichter, als gerade in demjenigen,
was jener mit der grˆflesten Ernsthaftigkeit behandelt, am meisten Stoff
zum Scherzen und Lachen zu finden.

Nehmen wir zu diesem noch, dafl der leichtsinnige und scherzhafte Ton von
jeher den Hˆfen vorz¸glich eigen gewesen ist--und den besondern Umstand,
dafl die anmafllichen Akademisten, oder Hof-Philosophen des Dionys, den
einzigen Aristipp ausgenommen, eine Art von Tragikomischen Narren
vorstellten, welche recht mit Fleifl dazu ausgesucht zu sein schienen, um
die erhabenen Wissenschaften, f¸r deren Priester und Mystagogen sie sich
ausgeben, so ver‰chtlich zu machen, als sie selbst waren--Nehmen wir alles
dieses zusammen, so werden wir uns kaum verwundern kˆnnen, wie es mˆglich
gewesen, dafl unser Held nach und nach sich endlich auf einem Punkt befand,
wo ihn damals, da er in der Grotte der Nymphen auf Erscheinungen der
Gˆtter wartete--oder da er die Grunds‰tze, die Verheiflungen und die
Freundschaft des Sophisten Hippias mit einem so feurigen Unwillen von sich
stiefl--vermutlich niemand, oder nur die schlauesten Kenner des
menschlichen Herzens erwartet haben mˆgen--n‰mlich da, wo ihm ein grofler
Teil seiner vormaligen Ideen, an denen er zu Smyrna nur zu zweifeln
angefangen hatte, nun selbsten ganz schim‰risch und belachenswert, und
diejenigen, deren Gegenst‰nde ihm zwar ehrw¸rdig bleiben muflten, doch
subjektivisch betrachtet, in der barokischen Gestalt, wie sie in der
Einbildung der Sterblichen verkleinert, verzerrt, vermischt oder
verkleidet werden, zu nichts anderm zu taugen schienen, als lustig damit
zu machen.

Unsere nachdenkenden Leser werden nunmehr ganz deutlich begreifen, warum
wir Bedenken getragen haben, dem Urheber der Griechischen Handschrift in
seinem allzug¸nstigen Urteil von dem gegenw‰rtigen moralischen Zustande
unsers Helden, Beifall zu geben. Wir kˆnnen uns nicht verbergen, dafl
dieser Zustand f¸r seine Tugend gef‰hrlich ist, und desto gef‰hrlicher, je
mehr man in demselben durch eine gewisse Behaglichkeit, Munterkeit des
Geistes, und andre Anscheinungen einer vˆlligen Gesundheit, sicher gemacht
zu werden pflegt, sich in seinem nat¸rlichen Zustande zu glauben. Nicht
als ob es uns eben so leid sei, unsern Helden (den wir mit allen seinen
Fehlern eben so sehr lieben, als ob er ein Sir Carl Grandison w‰re) auf
dem Wege zu sehen, von allen Arten der Schw‰rmerei von Grund aus geheilt
zu werden--Denn so viel schˆnes und gutes sich immer zu ihrem Vorteil
sagen lassen mag, so bleibt doch gewifl, dafl es besser ist gesund sein, und
keine Entz¸ckungen haben, als die Harmonie der Sph‰ren hˆren, und an einem
hitzigen Fieber liegen--aber wir besorgen billig, dafl die allzustarke
Nachlassung, welche in der Seele eben sowohl als im Leibe, auf eine
¸berm‰flige Spannung zu folgen pflegt, seinem Herzen wenigstens so
nachteilig werden kˆnnte, als es die liebensw¸rdige Schw‰rmerei, womit wir
ihn behaftet gesehen haben, seiner Vernunft sein mochte. Der neue Schwung,
den seine Denkungsart zu Syracus bekam, w¸rde uns ziemlich gleichg¸ltig
sein, wenn die Ver‰nderung sich blofl auf spekulative Begriffe oder den Ton
und die Verteilung des Lichts und Schattens in seiner Seele erstreckte:
Aber wenn er dadurch weniger rechtschaffen, weniger ein Liebhaber der
Wahrheit, weniger empfindlich f¸r das Beste des menschlichen Geschlechts,
weniger edelgesinnt, und wohlt‰tig, weniger zur vorz¸glichen Teilnehmung
an der Gl¸ckseligkeit irgend einer besondern Gesellschaft (ohne welche die
anmaflliche Welt-B¸rgerschaft gewisser Leute blofle Groflsprecherei oder
hˆchstens eine Art von Don-Quischotterie ist) und zur Freundschaft, diesem
Lieblings-Phantom schˆner Seelen, weniger aufgelegt w¸rde--erlaubet mir,
ihr strengen Anti-Platonisten, denen alles Schim‰re heiflt, was sich nicht
geometrisch beweisen l‰flt, erlaubet mir noch weiter zu gehen--wenn dieser
schˆne, herzerhˆhende, wohlt‰tige, und der Tugend so vorteilhafte
Gedanke--f¸r eine grˆflere Sph‰re als dieses animalische Leben, f¸r eine
edlere Art von Existenz, f¸r vollkommnere Gegenst‰nde, und zu einer
vollkommnern Art von Aktivit‰t, als unsre dermalige bestimmt zu sein--und
die begeisternden, wiewohl tr‰umerischen Aussichten, die uns dieser Beste
aller Gedanken gibt--wenn er keinen Reiz, keine Macht auf seine Seele mehr
h‰tte--O! Agathon, Agathon! dann w¸rdest du, nicht unsern Hafl, nicht eine
lieblose Beurteilung, nicht eine triumphierende Freude ¸ber deinen Fall,
aber--unser Mitleiden verdienen.

Die Gem¸ts-Verfassung worin wir ihn in diesem Kapitel gesehen haben,
scheint allerdings nicht sehr geschickt zu sein, uns ¸ber diesen Punkt
seinetwegen aufler Sorgen zu setzen. Es ist eine so unbest‰ndige Sache um
die Begriffe, Meinungen und Urteile eines Menschen! Die Umst‰nde, der
besondere Gesichts-Punkt, in den sie uns stellen, die Gesellschaft worin
wir leben, tausend kleine Einfl¸sse, die wir einzeln nicht gewahr werden,
haben soviel Gewalt ¸ber dieses unerkl‰rbare, launische, widersinnische
Ding, unsre Seele!--dafl wir nicht B¸rge daf¸r sein wollten, was aus unserm
Helden h‰tte werden kˆnnen, wofern er mit solchen Dispositionen in eine
Gesellschaft von Hippiassen und Alcibiaden, oder zur¸ck in die schˆne Welt
zu Smyrna versetzt worden w‰re. Zu gutem Gl¸ck sehen wir ihn im Begriff,
zu Leuten zukommen, welche ihn mit der Menschheit wieder aussˆhnen, und
seinem schon erk‰ltenden Herzen diese beseelende W‰rme wieder mitteilen
werden, ohne welche die Tugend eine blofle Spekulation ist, die zwar einen
unerschˆpflichen Stoff zu scharfsinnigen Betrachtungen gibt, aber unter
den vielerlei chemischen Prozessen, welche die allzuspitzf¸ndige Vernunft
mit ihr vornimmt, endlich ein so abgezogenes, so feines, so delikates Ding
wird, dafl sich kein Gebrauch davon machen l‰flt.

So sehr sich auch die Einbildungs-Kraft unsers Helden abgek¸hlt hat, so
unzuverl‰ssig, ¸bertrieben und grillenhaft er die Geister-Lehre und die
metaphysische Politik seines Freundes Plato zu finden glaubt; so komisch
ihm seine eigene Ausschweifungen in dem Stande der Bezauberung, worin er
sich ehemals befunden, vorkommen; so klein er ¸berhaupt von den Menschen
denkt, und so fest er entschlossen zu sein vermeint, von dem schˆnen
Phantom, wie er es itzo nennt, von dem Gedanken, sich Verdienste um seine
Gattung zu machen, in seinem Leben sich nicht wieder t‰uschen zu lassen;
so ist es doch bei weitem noch nicht an dem, dafl er diese zarte
Empfindlichkeit der Seele, und diesen eingewurzelten Hang zu dem
idealischen Schˆnen verloren haben sollte, der das geheime Principium
seiner ehemaligen Begeisterung, und aller der manchfaltigen Schw‰rmereien,
Bezauberungen und Entz¸ckungen, in deren magischem Labyrinthe sie ihn,
nach Maflgabe der Umst‰nde, herumgef¸hrt, gewesen ist. Die verstohlnen
Blicke, die er noch so gerne in die Szenen seiner gl¸cklichen Jugend wirft;
das Bild der liebensw¸rdigen Psyche, welches durch alle Ver‰nderungen,
die in seiner Seele vorgegangen, nichts von seinem Glanze verloren hat;
die Erinnerung dieser reinen, unbeschreiblichen, fast vergˆtternden
Wollust, in welcher sein Herz zerflofl, als er es noch in seiner Gewalt
hatte, Gl¸ckliche zu machen; und als die Reinigkeit dieser gˆttlichen Lust
noch durch keine Erfahrungen von der Undankbarkeit und Bosheit der
Menschen verd¸stert und tr¸be gemacht wurde--diese Bilder, denen er sich
noch so gerne ¸berl‰flt--welche sich selbst in seinen Tr‰umen seiner
ger¸hrten Seele so oft und so lebhaft darstellen--die Seufzer, die W¸nsche,
die er diesen geliebten verschwindenden Schatten nachschickt--alle diese
Symptomen sind uns B¸rge daf¸r, dafl er noch Agathon ist; dafl die
Ver‰nderung in seinen Begriffen und Urteilen, die neue Theorie von allem
dem, was w¸rklich ein Gegenstand unsrer Nachforschung zu sein verdient,
oder von Eitelkeit und Vorwitz dazu gemacht worden, welche sich in seiner
Seele zu entwickeln angefangen, die edlern Teile seines Herzens nicht
angegriffen habe; kurz, dafl wir uns Hoffnung machen kˆnnen, aus dem Streit
der beiden widerw‰rtigen und feindlichen Geister, wodurch seine ganze
innerliche Verfassung seit einiger Zeit ersch¸ttert, verwirrt und in
G‰rung gesetzt worden, zuletzt eine eben so schˆne Harmonie von Weisheit
und Tugend hervorkommen zu sehen, wie nach dem System der alten
Morgenl‰ndischen Weisen, aus dem Streit der Finsternis und des Lichts,
diese schˆne Welt hervorgegangen sein soll.

EILFTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Apologie des griechischen Autors

Bis hieher scheint die Geschichte unsers Helden, wenigstens in den
haupts‰chlichsten St¸cken, dem ordentlichen Lauf der Natur, und den
strengesten Gesetzen der Wahrscheinlichkeit so gem‰fl zu sein, dafl wir
keinen Grund sehen, an der Wahrheit derselben zu zweifeln. Aber in diesem
eilften Buch, wir m¸ssen es gestehen, scheint der Autor aus dieser unsrer
Welt, welche, unparteiisch von der Sache reden, zu allen Zeiten nichts
bessers als eine Werkel-Tags-Welt (wie Shakespear sie irgendwo nennt)
gewesen ist, ein wenig in das Land der Ideen, der Wunder, der
Begebenheiten, welche gerade so ausfallen, wie man sie h‰tte w¸nschen
kˆnnen, und um alles auf einmal zu sagen, in das Land der schˆnen Seelen,
und der utopischen Republiken verirret zu sein. Es stehet bei den Lesern,
ihm hierin soviel Glauben beizumessen, als sie gerne wollen; wir an unserm
Teil nehmen uns der Sache weiter nichts an; unsere Absichten sind bereits
erreicht, und die gl¸cklichen oder ungl¸cklichen Umst‰nde, welche dem
Agathon noch bevorstehen mˆgen, haben nichts damit zu tun. Indessen
glauben wir doch, dafl der Autor allen den gutherzigen Leuten, welche sich
f¸r den Helden einer solchen Geschichte nach und nach interessieren, und
gerne haben, wenn sich am Ende alles zu allerseitigem Vergn¸gen, mit
Entdeckungen, Erkennungen, gl¸cklichem Wiederfinden der verlornen Freunde,
und etlichen Hochzeiten endet, einen Gefallen getan habe, seinen Helden,
nachdem er eine hinl‰ngliche Anzahl guter und schlimmer Abenteuer
bestanden hat, endlich f¸r seine ganze ¸brige Lebens-Zeit gl¸cklich zu
machen. Es mag sein, dafl der Verfasser der griechischen Handschrift
hierin seinem guten Naturell den Lauf gelassen hat; denn in der Tat,
scheint es ein Zeichen eines harten und grausamen Herzens zu sein, welches
ein Vergn¸gen an der Qual und den Tr‰nen seiner unschuldigen Leser findet,
wenn man alles anwendet, uns f¸r den Helden und die Heldin einer
wundervollen Geschichte einzunehmen, blofl um uns zuletzt durch einen so
j‰mmerlichen Ausgang, als eine schwerm¸tige, menschenfeindliche
Imagination nur immer erdenken kann, in einen desto empfindlichern und
unleidlichern Schmerz zu versenken, da es lediglich bei dem guten Willen
des Autors stund, uns desselben zu ¸berheben. Gleichwohl aber scheint uns
unser edler gesinnte Verfasser noch eine andre Absicht dabei gehabt zu
haben, welche er, ohne sich einer noch grˆflern Unwahrscheinlichkeit
schuldig zu machen, nicht wohl anders als durch diese nicht
allzuwahrscheinliche Verbindung gl¸cklicher Umst‰nde, worein er seinen
Helden in diesem Buche setzt, erreichen konnte--Und was f¸r eine Absicht
mag das wohl sein?--Ich will es ihnen unverbl¸mt und ohne Umschweife sagen,
meine Herren und Damen, ob ich gleich besorgen mufl, dafl die ungewˆhnliche
Offenherzigkeit, welche ich ihnen in dem ganzen Laufe dieses Werkes habe
sehen lassen, mir von einem oder dem andern aus ihrem Mittel ¸bel
aufgenommen werden mˆchte--Unser Verfasser wollte dem Vorwurf ausweichen,
welchen Horaz gleichnisweise in dem bekannten Verse-... Amphora coepit
Institui--currente rot‚ cur urceus exit?- denjenigen Dichtern macht, in
deren Werken das Ende sich nicht zu dem Anfang schickt. Er wollte in
seinem Helden, dessen Jugend und erste Auftritte in der Welt so grofle
Hoffnungen erweckt hatten, nachdem er ihn durch so viele verschiedene
Umst‰nde gef¸hrt, als er f¸r nˆtig hielt seine Tugend zu pr¸fen, zu
l‰utern und zu der gehˆrigen Konsistenz zu bringen, am Ende einen so
weisen und tugendhaften Mann darstellen, als man nur immer unter der Sonne
zu sehen w¸nschen, oder nach Gestalt der Sachen, erwarten kˆnnte. Der
Enthusiasmus, der die eigentliche Anlage seines Helden zu einem mehr als
gewˆhnlichen Grade moralischer Vollkommenheit enthielt, verhinderte ihn zu
eben der Zeit da er seine Tugend erhˆhte, so weise zu sein, als man sein
mufl, um nicht mit den erhabensten Begriffen, und den edelsten Gesinnungen,
von sich selbst und von andern betrogen zu werden. Eine Art zu denken,
welche ihn zu einer hˆhern Klasse von Wesen als die gewˆhnlichen Menschen
sind, zu erheben schien, setzte ihn dem Neid, der verkehrten Beurteilung,
den Nachstellungen und Verfolgungen dieser Menschen aus; und machte ihn,
welches f¸r seine Tugend das Schlimmste war, unvermerkt vergessen, dafl er
im Grunde doch immer weder mehr noch weniger sei, als ein Mensch. Die
Erfahrungen, die er endlich hier¸ber bekam, ˆffneten ihm die Augen, und
zerstreuten einen Teil der Bezauberung; er lernte sich selbst besser
kennen; aber er kannte die Welt noch nicht genug. Ein neues und grofles
Theater, auf welches er versetzt wurde, half diesem Mangel ab; eine immer
weiter ausgebreitete und vervielf‰ltigte Erfahrung stimmte seine
allzuidealische Denk-Art herab, und ¸berf¸hrte ihn, dafl er, wie der
groflm¸tige, tugendhafte und tapfre Ritter von Mancha (dieses lehrreiche
Bild der Schwachheiten und Verirrungen des menschlichen Geistes!)
Windm¸hlen f¸r Riesen, Wirtsh‰user f¸r bezauberte Schlˆsser, und
Dorf-Nymphen f¸r gˆttliche Dulcineen angesehen hatte. Er wurde weiser,
aber auf Unkosten seiner Tugend. So wie die Bezauberung seiner
Einbildungs-Kraft vorging, hˆrte auch die Begierde auf, grofle Taten zu tun,
allem Unrecht in der Welt zu steuern, mit den Feinden der allgemeinen
Gl¸ckseligkeit sich herumzuschlagen, und die Menschen, wider ihren Dank
und Willen, gl¸cklich machen zu wollen. Nun sage man mir, nachdem es mit
unserm Helden dazu gekommen war, (und, alles wohl erwogen, muflte es auf
eine oder andere Art endlich dazu kommen; denn die edelste, die
liebensw¸rdigste Schw‰rmerei, wenn sie gar zu lange dauert, und sich so
gar durch die Maul-Esel-Treiber von Jangois nicht austreiben lassen will,
wird endlich zu Narrheit,) was sollte, was konnte unser Autor nun weiter
mit ihm anfangen? Einen misanthropischen Einsiedler aus ihm machen?--Dazu
war sein Kopf zu heiter und sein Herz zu schwach--oder zu z‰rtlich--oder
zu gut; was ihr wollt; und zudem mochte unser Autor, der ein Grieche war,
und wenigstens in die Zeiten des Alciphrons gesetzt werden mufl, (wie die
Gelehrten ohne unser Erinnern bemerkt haben) vermutlich von der
Vortrefflichkeit einer einsiedlerischen Tugend die erhabenen Begriffe
nicht haben, welche man sich in den wundervollen Zeiten des dreizehnten
und vierzehnten Jahrhunderts bis zu unsern philosophischen Zeiten davon
gemacht hat, und (allem Ansehen nach) in einigen L‰ndern noch lange machen
wird. Ihn wieder in die weite Welt zur¸ckzuf¸hren, w‰re nichts anders
gewesen, als ihn der augenscheinlichsten Gefahr aussetzen, in seiner
antiplatonischen Denk-Art durch immer neue Erfahrungen best‰rkt, und durch
die Gesellschaft witziger und liebensw¸rdiger Leute, welche entweder gar
keine Grunds‰tze, oder nicht viel bessere als der weise Hippias, gehabt
h‰tten, nach und nach auch um diesen kostbaren ¸berrest seiner ehemaligen
Tugend gebracht zu werden, den er gl¸cklicher Weise aus der verpesteten
Luft der groflen Welt noch davon gebracht hat. Vielleicht h‰tte er in
solchen Umst‰nden noch immer eine Art von Mittel zwischen Weisheit und
Torheit, eine mehr l‰cherliche als hassensw¸rdige Komposition von k¸hnem
Witz und unschl¸ssiger Vernunft, von wahren und willk¸rlichen Begriffen,
von Aberglauben und Unglauben, von guten und bˆsen Leidenschaften,
Gewohnheiten und Launen, von gleich betr¸glichen Tugenden und Lastern;
kurz, eine so vortreffliche Art von Geschˆpfen werden kˆnnen, wie ungef‰hr
die meisten von uns andern sind, wir mˆgen es nun einsehen--und wenn wir's
einsehen, eingestehen--oder nicht. Bei so bewandten Umst‰nden, und da es
(wie gesagt) nun einmal die Absicht des Autors war, aus seinem Helden
einen tugendhaften Weisen zu machen, und zwar solchergestalt, dafl man ganz
deutlich mˆchte begreifen kˆnnen, wie ein solcher Mann--so geboren--so
erzogen--mit solchen F‰higkeiten und Dispositionen--mit einer solchen
besondern Bestimmung derselben--nach einer solchen Reihe von Erfahrungen,
Entwicklungen und Ver‰nderungen--in solchen Gl¸cks-Umst‰nden--an einem
solchen Ort und in einer solchen Zeit--in einer solchen
Gesellschaft--unter einem solchen Himmels-Strich--bei solchen
Nahrungs-Mitteln (denn auch diese haben einen st‰rkern Einflufl auf
Weisheit und Tugend, als sich manche Moralisten einbilden)--bei einer
solchen Di‰t--kurz, unter solchen gegebenen Bedingungen, wie alle
diejenigen Umst‰nde sind, in welche er den Agathon bisher gesetzt hat, und
noch setzen wird--ein so weiser und tugendhafter Mann habe sein kˆnnen,
und (diejenigen, welche nicht gewohnt sind zu denken, mˆgen es nun glauben
oder nicht,) unter den n‰mlichen, oder doch sehr ‰hnlichen Umst‰nden, es
auch noch heutzutage werden kˆnnte: Da, sage ich, dieses seine Absicht war,
so blieb ihm freilich kein andrer Weg ¸brig, als seinen Helden in diesen
Zusammenhang gl¸cklicher Umst‰nde zu setzen, in welchen er sich nun bald,
zu seinem eigenen Erstaunen, befinden wird. Freilich ist ein solcher
Zusammenflufl gl¸cklicher Umst‰nde allzuselten, um wahrscheinlich zu sein.
Aber wie soll sich ein armer Autor helfen, der (alles wohl ¸berlegt) nur
ein einziges Mittel vor sich sieht, aus der Sache zu kommen, und dieses
ein gewagtes? Man hilft sich wie man kann, und wenn es auch durch einen
Sprung aus dem Fenster sein sollte. Der kleine Held der Kˆnigin von
Golconde ist nicht der erste, der sich durch dieses Mittel helfen muflte:
Julius C‰sar w¸rde ohne einen solchen Sprung das Vergn¸gen nicht gehabt
haben, als Herr der Welt (wie man, zwar l‰cherlich genug, zu sprechen
gewohnt ist,) durch die Straflen Roms ins Capitolium einzuziehen.

Und soviel mag dann zur Rechtfertigung unsers Autors gesagt sein; wenn es
anders zu seiner Rechtfertigung dienen kann, welches wir den Kunstrichtern
¸berlassen m¸ssen. Das Urteil mag indessen ausfallen wie es will, so
beladet sich der Herausgeber, wie er schon erkl‰rt hat, dessen im
geringsten nicht. Die Absichten, warum er die alte Urkunde, welche
zuf‰lliger Weise in seine H‰nde gekommen ist, in einen Auszug von
derjenigen Form und Beschaffenheit, wie die vorhergehenden zehen B¸cher
weisen, gebracht hat, sind bereits erreicht. Es ist verhoffentlich
unnˆtig, sich hier¸ber n‰her zu erkl‰ren. Doch soviel kˆnnen wir wohl
sagen, dafl er niemalen daran gedacht hat, einen Roman zu schreiben, wie
sich vielleicht manche, ungeachtet des Titels und der Vorrede, zu glauben
in den Kopf gesetzt haben mˆgen--und da dieses Buch, in so fern der
Herausgeber Teil daran hat, kein Roman ist, noch einer sein soll; so hat
er sich auch um die so genannte Sch¸rzung des Knotens, und ob der
Verfasser der Urkunde seinen Knoten geschickt oder ungeschickt entwickelt
oder zerschnitten hat, wenig zu bek¸mmern.

ZWEITES KAPITEL

Die Tarentiner. Charakter eines liebensw¸rdigen alten Mannes

Archytas, durch dessen nachdr¸ckliche Verwendung Agathon der H‰nde seiner
Feinde zu Syracus entrissen worden, war ein vertrauter Freund seines
Vaters Stratonicus gewesen; ihre beiden Familien waren durch die Bande des
Gastrechts (welches bekannter maflen den Griechen sehr heilig war) von
uralten Zeiten her verbunden; der ausgebreitete Ruhm, welchen sich der
Philosoph von Tarent, als der W¸rdigste unter den Nachfolgern des
Pythagoras, als ein tiefer Kenner der Geheimnisse der Natur und der
mechanischen K¸nste, als ein weiser Staatsmann, als ein geschickter und
allezeit gl¸cklicher Feldherr, und was allen diesen Vorz¸gen die Krone
aufsetzt, als ein rechtschaffener Mann, in der vollkommensten Bedeutung
dieses Worts erworben, hatte den Namen des Archytas unserm Helden schon
lange ehrw¸rdig gemacht; und hiezu kam noch, dafl dessen j¸ngerer Sohn,
Critolaus, in den Zeiten des hˆchsten Wohlstandes Agathons zu Athen zwei
Jahre in seinem Hause zugebracht, und mit allen ersinnlichen
Freundschafts-Erweisungen ¸berh‰uft, eine Zuneigung von derjenigen Art f¸r
ihn gefaflt hatte, welche in schˆnen Seelen (denn damals gab es noch schˆne
Seelen) sich nur mit dem Leben endet. Diese Freundschaft war zwar durch
zuf‰llige Ursachen, und den Aufenthalt Agathons zu Smyrna eine Zeitlang
unterbrochen, aber sogleich nach seinem Entschlufl, bei dem Dionys zu leben,
wieder erneuert, und seither sorgf‰ltig unterhalten worden. Agathon
hatte w‰hrend seiner Staats-Verwaltung sich ˆfters bei der weisen
Erfahrenheit des Archytas Rats erholt; und die verschiedenen Verh‰ltnisse,
worin die Tarentiner und Syracusaner, besonders in Absicht der
Handelschaft, mit einander stunden, hatten ihm ˆfters Gelegenheit gegeben,
sich um die ersten verdient zu machen. Bei allen diesen Umst‰nden ist
leicht zu ermessen, dafl er den z‰rtlichen und dringenden Einladungen
seines Freundes Critolaus um so weniger widerstehen konnte, als die
Pflichten der Erkenntlichkeit gegen seine Erretter ihm keine Freiheit zu
lassen schienen, andere Beweggr¸nde bei der Wahl seines Aufenthalts in
Betrachtung zu ziehen.

In der Tat h‰tte er sich auch keinen zu seinen nunmehrigen Absichten
bequemern Ort erw‰hlen kˆnnen als Tarent. Diese Republik war damals
gerade in dem Zustande, worin ein jeder patriotischer Republikaner die
seinige zu sehen w¸nschen soll--zu klein, um ehrgeizige Projekte zu machen,
und zu grofl, um den Ehrgeiz und die Vergrˆflrungs-Sucht ihrer Nachbarn
f¸rchten zu m¸ssen; zu schwach, um in andern Unternehmungen, als in den
K¸nsten des Friedens, ihren Vorteil zu finden; stark genug, sich gegen
einen jeden nicht allzu¸berm‰chtigen Feind (und solche Feinde hat eine
kleine Republik selten) in ihrer Verfassung zu erhalten. Archytas hatte
sie, in einer Zeit von mehr als dreiflig Jahren, in welcher er sieben mal
die Stelle des obersten Befehlhabers in der Republik bekleidete, an die
weisen Gesetze, die er ihnen gegeben hatte, so gut angewˆhnt, dafl sie mehr
durch die Macht der Sitten als durch das Ansehen der Gesetze regiert zu
werden schienen. Der grˆfleste Teil der Tarentiner bestund aus Fabrikanten
und Handelsleuten. Die Wissenschaften und schˆnen K¸nste stunden in
keiner besondern Hochachtung bei ihnen; aber sie waren auch nicht
verachtet. Diese Gleichg¸ltigkeit bewahrte die Tarentiner vor den
Fehlern und Ausschweifungen der Athenienser, bei denen jedermann, bis auf
die Gerber und Schuster, ein Philosoph und Redner, ein witziger Kopf und
ein Kenner sein wollte. Sie waren eine gute Art von Leuten, einf‰ltig von
Sitten, emsig, arbeitsam, regelm‰flig, Feinde der Pracht und Verschwendung,
* leutselig und gastfrei gegen die Fremden, H‰sser des Gezwungnen,
Spitzf¸ndigen und ¸bertriebenen in allen Sachen, und aus eben diesem
Grunde, Liebhaber des Nat¸rlichen und Gr¸ndlichen, welche bei allem mehr
auf die Materie als auf die Form sahen, und nicht begreifen konnten, dafl
eine fein gearbeitete Sch¸ssel aus corinthischem Erzt besser sein kˆnne,
als eine schlechte aus Silber, oder dafl ein Narr liebensw¸rdig sein kˆnne,
weil er artig sei. Sie liebten ihre Freiheit, wie eine Gattin, nicht wie
eine Beischl‰ferin, ohne Leidenschaft, und ohne Eifersucht; sie setzten
ein billiges Vertrauen in diejenige, denen sie die Vormundschaft ¸ber den
Staat anvertrauten; aber sie forderten auch, dafl man dieses Vertrauen
verdiene. Der Geist der Emsigkeit, der dieses achtungsw¸rdige und
gl¸ckliche Volk beseelte--der unschuldigste und wohlt‰tigste unter allen
sublunarischen Geistern, die uns bekannt sind--machte, dafl man sich zu
Tarent weniger, als in den meisten mittelm‰fligen St‰dten zu geschehen
pflegt, um andre bek¸mmerte; in so fern man sie durch keine gesetzwidrige
Tat, oder durch einen beleidigenden Kontrast mit ihren Sitten ‰rgerte,
konnte jeder leben wie er wollte. Alles dieses zusammengenommen, machte,
wie uns deucht, eine sehr gute Art von republikanischem Charakter; und
Agathon h‰tte schwerlich einen Freistaat finden kˆnnen, welcher
geschickter gewesen w‰re, seinen gegen dieselbe gefaflten Widerwillen zu
bes‰nftigen. Ohne Zweifel hatte dieses Volk auch seine Fehler, wie alle
andre; aber der weise Archytas, unter welchem der National-Charakter der
Tarentiner erst eine gesetzte und feste Gestalt gewonnen hatte, wuflte
diejenige Art derselben, welche man die Temperaments-Fehler eines Volks
nennen kann, so kl¸glich zu behandeln, dafl sie durch die Vermischung mit
ihren Tugenden, beinahe aufhˆrten, Fehler zu sein--eine notwendige und
vielleicht die grˆfleste Kunst eines Gesetzgebers, deren genauere
Untersuchung und Analyse wir, beil‰ufig, denenjenigen empfohlen haben
wollen, welche zu der schweren, und vermutlich sp‰tern Zeiten aufbehaltnen,
aber mˆglichen Auflˆsung eines Problems, welches nur von Lilliputtischen
Seelen f¸r schim‰risch gehalten wird, der Aufgabe, welche Gesetzgebung
unter gegebenen Bedingungen, die beste sei? etwas beizutragen sich
berufen f¸hlen.

Agathon entdeckte beim ersten Blick an die Italischen Ufer, seinen Freund
Critolaus, der mit einem Gefolge der edelsten J¸nglinge von Tarent ihm
entgegengeflogen war, um ihn in einer Art von freundschaftlichem Triumph
in eine Stadt einzuf¸hren, welche sich's zur Ehre rechnete, von einem
Manne wie Agathon, vor andern zu seinem Aufenthalt erw‰hlt zu werden. Die
angenehme Luft dieser von einem g¸nstigen Himmel umflossenen Ufer, der
Anblick eines der schˆnsten L‰nder unter der Sonne, und der noch s¸flere
Anblick eines Freundes, von dem er bis zur Schw‰rmerei geliebt wurde,
machten unsern Helden in einem einzigen Augenblick alles Ungemach
vergessen, das er in Sicilien und in seinem ganzen Leben ausgestanden
hatte. Ein frohes ahnendes Erwarten der Gl¸ckseligkeit, die in diesem zum
erstenmal betretenen Lande auf ihn wartete, verbreitete eine Art von
angenehmer Empfindung durch sein ganzes Wesen, welche sich nicht
beschreiben l‰flt. Die unbestimmte Wollust, welche alle seine Sinnen
zugleich einzunehmen schien, war nicht dieses seltsame zauberische Gef¸hl,
womit ihn die Schˆnheiten der Natur und die Empfindung ihrer reinsten
Triebe, in seiner Jugend durchdrungen hatte--dieses Gef¸hl, diese Bl¸te
der Empfindlichkeit, diese z‰rtliche Sympathie mit allem was lebt oder zu
leben scheint; dieser Geist der Freude, der uns aus allen Gegenst‰nden
entgegenatmet; dieser magische Firnis der sie ¸berzieht, und uns ¸ber
einem Anblick, von dem wir zehn Jahre sp‰ter kaum noch fl¸chtig ger¸hrt
werden, in stillem Entz¸cken zerflieflen macht--dieses beneidensw¸rdige
Vorrecht der ersten Jugend verliert sich mit dem Anwachs unsrer Jahre
unvermerkt, und kann nicht wieder gefunden werden; aber es war etwas, das
ihm ‰hnlich war; seine Seele schien dadurch wie von allen verd¸sternden
Flecken seines unmittelbar vorhergehenden Zustandes ausgewaschen, und zu
den z‰rtlichen Eindr¸cken vorbereitet zu werden, welche sie in dieser
neuen Periode seines Lebens bekommen sollte.

Eine seiner gl¸ckseligsten Stunden, (wie er in der Folge ˆfters zu
versichern pflegte) war diejenige, worin er die persˆnliche Bekanntschaft
des Archytas machte. Dieser ehrw¸rdige Greis hatte der Natur und der
M‰fligung, welche von seiner Jugend an ein unterscheidender Zug seines
Charakters gewesen war, den Vorteil einer Lebhaftigkeit aller Kr‰fte zu
danken, welche in seinem Alter etwas seltnes ist, aber bei den alten
Griechen lange nicht so selten war, als bei den meisten Europ‰ischen
Vˆlkern unsrer Zeit, bei denen es zur Gewohnheit zu werden angefangen hat,
die erste H‰lfte des Lebens so unbesonnen zu verschwenden, dafl man in der
andern die geheimsten Kr‰fte der Arznei-Kunst zu H¸lfe rufen mufl, um einen
schmachtenden Mittelstand von Sein und Nichtsein, von einem Tag zum andern
erbettelter Weise fortschleppen zu kˆnnen. So erkaltet als die
Einbildungs-Kraft unsers Helden war, so konnte er doch nicht anders als
etwas idealisches in dem Gemische von Majest‰t und Anmut, welches ¸ber die
ganze Person dieses liebensw¸rdigen Alten ausgebreitet war, zu
empfinden--und es desto st‰rker zu empfinden, je st‰rker der Absatz war,
den dieser Anblick mit allem demjenigen machte, woran sich seine Augen
seit geraumer Zeit hatten gewˆhnen m¸ssen--Und warum konnte er nicht
anders? Die Ursache ist ganz simpel; weil dieses idealische nicht in
seinem Gehirne, sondern in dem Gegenstande selbst war. Stellet euch einen
groflen stattlichen Mann vor, dessen Ansehen beim ersten Blick ank¸ndiget,
dafl er dazu gemacht ist, andre zu regieren, und dem ihr ungeachtet seiner
silbernen Haare noch ganz wohl ansehen kˆnnet, dafl er vor f¸nfzig Jahren
ein schˆner Mann gewesen ist--Ihr erinnert euch ohne Zweifel dergleichen
gesehen zu haben; aber das ist es noch nicht--Stellet euch vor, dafl dieser
Mann in dem ganzen Laufe seines Lebens ein tugendhafter Mann gewesen ist;
dafl eine lange Reihe von Jahren seine Tugend zu Weisheit gereift hat; dafl
die unbewˆlkte Heiterkeit seiner Seele, die Ruhe seines Herzens, die
allgemeine G¸te wovon es beseelt ist, das stille Bewufltsein eines
unschuldigen und mit guten Taten erf¸llten Lebens, sich in seinen Augen
und in seiner ganzen Gesichts-Bildung mit einer Wahrheit, mit einem
Ausdruck von stiller Grˆfle und W¸rdigkeit abmalt, dessen Macht man f¸hlen
mufl, man wolle oder nicht--das ist, was ihr vielleicht noch nicht gesehen
habt--das ist das idealische, das ich meinte; und das war es was Agathon
sah--Ihr erinnert euch doch der guten alten Frau Shirley?--welche ich, f¸r
meinen Teil, so reizend und selbst idealisch auch immer die Henrietten
Byrons, und ihre Rivalinnen sind, dennoch in gewissen Stunden einem ganzen
Serail von Henrietten, Clementinen und Emilien, (die Charlotten, Olivien
und alle andern Gˆttinnen von dieser Art, zusamt der schˆnen Magellone,
mit eingerechnet,) vorziehen wollte--Gut; ein Gem‰lde von dieser n‰mlichen
alten Frau, von der Hand eines van Dyk, (wenn es noch einen van Dyk g‰be)
w¸rde ein Cabinetst¸ck machen, um welches ich alle Liebes-Gˆttinnen und
Grazien der Vanloos und Bouchers, so wenig ich sonst ein Feind von ihnen
w‰re, mit Freuden geben w¸rde. Archytas, von der Hand eines Apelles (wenn
zu seiner Zeit ein Apelles gewesen w‰re) w¸rde das Gegenbild davon sein.
Agathon hatte nichts nˆtig, als ihn anzusehen, um ¸berzeugt zu sein, dafl
er endlich gefunden habe, was er so oft gew¸nscht, aber noch nie gefunden
zu haben geglaubt hatte, ohne dafl er in der Folge auf eine oder die andere
Art seines Irrtums ¸berf¸hrt worden w‰re--einen wahrhaftig weisen Mann,
einen Mann, der nichts zu sein scheinen wollte, als was er w¸rklich war,
und an welchem das scharfsichtigste Auge nichts entdecken konnte, das man
anders h‰tte w¸nschen mˆgen. Die Natur schien sich vorgesetzt zu haben,
durch ihn zu beweisen, dafl die Weisheit nicht weniger ein Geschenke von
ihr sei, als der Genie; und dafl, wofern es gleich der Kunst nicht
unmˆglich ist, ein schlimmes Naturell zu verbessern, und aus einem Silen,
so der Himmel will, einen Socrates zu machen, (ein Triumph, den die Kunst
gleichwohl sehr selten davon tr‰gt,) es dennoch der Natur allein zukomme,
diese gl¸ckliche Temperatur der Elemente, woraus der Mensch
zusammengesetzt ist, hervorzubringen, welche, unter einem Zusammenflufl
eben so gl¸cklicher Umst‰nde, endlich zu dieser vollkommnen Harmonie aller
Kr‰fte und Bewegungen des Menschen, worin Weisheit und Tugend in Einem
Punkt zusammenflieflen, erhˆht werden kann. Archytas hatte niemalen weder
eine gl¸hende Einbildungs-Kraft, noch heftige Leidenschaften gehabt; eine
gewisse St‰rke, welche den Mechanismus seines Kopfs und seines Herzens
charakterisierte, hatte von seiner Jugend an die W¸rkung der Gegenst‰nde
auf seine Seele gem‰fliget; die Eindr¸cke, die er von ihnen bekam, waren
deutlich und nett genug, um seinen Verstand mit wahren Bildern zu erf¸llen,
und die Verwirrung zu verhindern, welche in dem Gehirne derjenigen zu
herrschen pflegt, deren allzuschlaffe Fibern nur schwache und matte
Eindr¸cke von den Gegenst‰nden empfangen; aber sie waren nicht so lebhaft
und von keiner so starken Ersch¸tterung begleitet, wie bei denjenigen,
welche, durch z‰rtlichere Werkzeuge und reizbarere Sinnen zu den
enthusiastischen K¸nsten der Musen bestimmt, den zweideutigen Vorzug einer
zauberischen Einbildungs-Kraft und eines unendlich empfindlichen Herzens
durch die Tyrannie der Leidenschaften, der sie, mehr oder weniger,
unterworfen sind, teuer genug bezahlen m¸ssen. Archytas hatte es dem
Mangel dieses eben so schimmernden, als wenig beneidenswerten Vorzugs zu
danken, dafl er wenig M¸he hatte, Ruhe und Ordnung in seiner innerlichen
Verfassung zu erhalten; dafl er anstatt von seinen Ideen und Empfindungen
beherrscht zu werden, allezeit Meister von ihnen blieb, und die
Verirrungen des Geistes und des Herzens nur aus der Erfahrung andrer
kannte, von denen das schw‰rmerische Volk der Helden, Dichter und
Virtuosen aller Arten aus seiner eigenen sprechen kann. Und daher kam es
auch, dafl die Pythagor‰ische Philosophie, in deren Grunds‰tzen er erzogen
worden war--eben diese Philosophie, welche in dem Gehirne so vieler andrer
zu einem seltsamen Gemische von Wahrheit und Tr‰umerei wurde,--sich durch
Nachdenken und Erfahrung in dem seinigen zu einem System von eben so
simpeln, als fruchtbaren und praktischen Begriffen ausbildete; zu einem
System, welches der Wahrheit n‰her zu kommen scheint, als irgend ein
anders; welches die menschliche Natur veredelt, ohne sie aufzubl‰hen, und
ihr Aussichten in bessere Welten erˆffnet, ohne sie fremd und unbrauchbar
in der gegenw‰rtigen zu machen; welches durch das Erhabenste und Beste,
was unsre Seele von Gott, von dem Welt-System, und von ihrer eigenen Natur
und Bestimmung zu denken f‰hig ist, ihre Leidenschaften reiniget und
m‰fliget, ihre Gesinnungen verschˆnert, und (was kein so kleiner Vorteil
ist, als neunhundert und neun und neunzig Menschen unter tausenden sich
einbilden,) sie von der tyrannischen Herrschaft dieser pˆbelhaften
Begriffe befreiet, welche die Seele verunstalten, sie klein,
niedertr‰chtig, furchtsam, falsch und sklavenm‰flig machen; jede edle
Neigung, jeden groflen Gedanken abschrecken und ersticken, und doch darum
nicht weniger von politischen und religiˆsen D‰magogen unter dem grˆflten
Teile des menschlichen Geschlechts, aus Absichten, woraus diese Herren
billig ein Geheimnis machen, eifrigst unterhalten werden.

Die zuverl‰ssigste Probe ¸ber die G¸te der Philosophie des weisen Archytas
ist, wie uns deucht, der moralische Charakter, den ihm das einstimmige
Zeugnis der Alten beilegt. Diese Probe, es ist wahr, geht bei einem
System von metaphysischen Spekulationen nicht an; aber die Philosophie des
Archytas war ganz praktisch. Das Exempel so vieler groflen Geister,
welche in der Bestrebung, ¸ber die Grenzen des menschlichen Verstandes
hinauszugehen, verungl¸ckt waren, h‰tte ihn in diesem St¸cke vielleicht
nicht weiser gemacht, wenn er mehr Eitelkeit und weniger kaltes Blut
gehabt h‰tte; aber so wie er war, ¸berliefl er diese Art von Spekulationen
seinem Freunde Plato, und schr‰nkte seine Nachforschungen ¸ber die blofl
intellektualischen Gegenst‰nde lediglich auf diese einf‰ltigen Wahrheiten
ein, welche das allgemeine Gef¸hl erreichen kann, welche die Vernunft
bekr‰ftiget, und deren wohlt‰tiger Einflufl auf den Wohlstand unsers
Privat-Systems so wohl als auf das allgemeine Beste allein schon genugsam
ist, ihren Wert zu beweisen. Es l‰flt sich also ganz sicher von dem Leben
eines solchen Mannes auf die G¸te seiner Denkens-Art schlieflen. Archytas
verband alle h‰uslichen und b¸rgerlichen Tugenden, mit dieser schˆnsten
und gˆttlichsten unter allen, welche sich auf keine andre Beziehung
gr¸ndet, als das allgemeine Band, womit die Natur alle Wesen verkn¸pft.
Er hatte das seltene Gl¸ck, dafl die untadeliche Unschuld seines
ˆffentlichen und Privat-Lebens, die Bescheidenheit, wodurch er den Glanz
so vieler Verdienste zu mildern wuflte, und die M‰fligung, womit er sich
seines Ansehens bediente, endlich so gar den Neid entwaffnete, und ihm die
Herzen seiner Mitb¸rger so g‰nzlich gewannen dafl er (ungeachtet er sich
seines hohen Alters wegen von den Gesch‰ften zur¸ckgezogen hatte) bis an
sein Ende als die Seele des Staats und der Vater des Vaterlands angesehen
wurde, und in dieser Qualit‰t eine Autorit‰t beibehielt, welcher nur die
‰uflerlichen Zeichen der kˆniglichen W¸rde fehlten. Niemals hat ein Despot
unumschr‰nkter ¸ber die Leiber seiner Sklaven geherrschet, als dieser
ehrw¸rdige Greis ¸ber die Herzen eines freien Volkes; niemals ist der
beste Vater von seinen Kindern z‰rtlicher geliebt worden. Gl¸ckliches
Volk! welches von einem Archytas geregiert wurde, und den ganzen Wert
dieses Gl¸cks so wohl zu sch‰tzen wuflte!--Und gl¸cklicher Agathon, der in
einem solchen Mann einen Besch¸tzer, einen Freund, und einen zweiten Vater
fand.

* Der Charakter, der hier den Tarentinern gegeben wird, macht einen
starken Absatz mit demjenigen, den sie zu den Zeiten des Kˆnigs Pyrrhus
hatten, und bis zum Untergang ihrer Freiheit behielten; allein es ist zu
bemerken, dafl Archytas und Pyrrhus wenigstens 80 Jahre von einander
entfernt sind. (Zur¸ck)

DRITTES KAPITEL

Eine unverhoffte Entdeckung

Archytas hatte zwei Sˆhne, deren wetteifernde Tugend die seltene und
verdiente Gl¸ckseligkeit seines Alters vollkommen machte. Diese
liebensw¸rdige Familie lebte in einer Harmonie beisammen, deren Anblick
unsern Helden in die selige Einfalt und Unschuld des goldnen Alters
versetzte. Niemals hatte er eine so schˆne Ordnung, eine so vollkommne
Eintracht, ein so regelm‰fliges und schˆnes Ganzes gesehen, als das Haus
des weisen Archytas darstellte. Alle Hausgenossen, bis auf die unterste
Klasse der Bedienten, waren eines solchen Hausvaters w¸rdig. Jedes schien
f¸r den Platz, den es einnahm, ausdr¸cklich gemacht zu sein. Archytas
hatte keine Sklaven; der freie, aber sittsame Anstand seiner Bedienten,
die Munterkeit, die Genauigkeit, der Wetteifer, womit sie ihre Pflichten
erf¸llten, das Vertrauen, welches man auf sie setzte, bewies, dafl er
Mittel gefunden hatte, selbst diesen rohen und mechanischen Seelen ein
Gef¸hl von Ehre und Tugend einzuflˆflen; die Art wie sie dienten, und die
Art, wie ihnen begegnet wurde, schien das unedle und dem¸tigende ihres
Standes auszulˆschen; sie waren stolz darauf, einem so vortrefflichen
Herrn zu dienen, und es war nicht einer, der die Freiheit auch unter den
vorteilhaftesten Bedingungen angenommen h‰tte, wenn er der Gl¸ckseligkeit
h‰tte entsagen m¸ssen, ein Hausgenosse des Archytas zu sein. Das
Vergn¸gen mit seinem Zustande leuchtete aus jedem Gesicht hervor; aber
keine Spur dieses ¸ppigen ¸bermuts, der gemeiniglich den m¸fligg‰ngerischen
Haufen der Bedienten in groflen H‰usern bezeichnet; alles war in Bewegung;
aber ohne dieses l‰rmende Ger‰usch, welches den schweren Gang der Maschine
ank¸ndiget; das Haus des Archytas glich dem inwendigen Mechanismus des
animalischen Kˆrpers, in welchem alles in rastloser Arbeit begriffen ist,
ohne dafl man eine Bewegung wahrnimmt, wenn die ‰uflern Teile ruhen.

Agathon befand sich noch in diesem angenehmen Erstaunen, welches in den
ersten Stunden, die er in einem so sonderbaren Hause zubrachte, sich mit
jedem Augenblick vermehren muflte; als er auf einmal, und ohne dafl ihn die
mindeste innerliche Ahnung dazu vorbereitet h‰tte, durch eine Entdeckung
¸berrascht wurde, welche ihn beinahe dahin gebracht h‰tte, alles was er
sah, f¸r einen Traum zu halten.

Das Gyn‰ceum war, wie man weifl, bei den Griechen den Fremden, welche in
einem Hause aufgenommen wurden, ordentlicher Weise, eben so unzugangbar
als der Harem bei den Morgenl‰ndern. Aber Agathon wurde in dem Hause des
Archytas nicht wie ein Fremder behandelt. Dieser liebensw¸rdige Alte
f¸hrte ihn also, nachdem sie sich ein paar Stunden, welche unserm Helden
sehr kurz wurden, mit einander besprochen hatten, in Begleitung seiner
beiden Sˆhne in das Innerste des Hauses, welches von dem weiblichen Teil
der Familie bewohnt wurde; um, wie er sagte, seinen Tˆchtern ein Vergn¸gen,
worauf sie sich schon so lange gefreuet h‰tten, nicht l‰nger
vorzuenthalten. Stellet euch vor, was f¸r eine s¸fle Best¸rzung ihn befiel,
da die erste Person, die ihm beim Eintritt in die Augen fiel, seine
Psyche war!--Augenblicke von dieser Art lassen sich besser malen, als
beschreiben--diese Erscheinung war so unerwartet, dafl sein erster Gedanke
war, sich durch eine zuf‰llige ‰hnlichkeit dieser jungen Dame mit seiner
geliebten Psyche betrogen zu glauben. Er stutzte; er betrachtete sie von
neuem; und wenn er nunmehr auch seinen Augen nicht h‰tte trauen wollen, so
liefl ihm das, was in seinem Herzen vorging, keinen Zweifel ¸brig. Und
doch kam es ihm so wenig glaublich vor, dafl er gl¸cklich genug sein sollte,
nach einer so langen Abwesenheit und bei so wenigem Anschein, sie jemals
wieder zu sehen, sie in dem Gyn‰ceo seiner Freunde zu Tarent wieder zu
finden! Ein andrer Gedanke, der in diesen Umst‰nden sehr nat¸rlich war,
vermehrte seine Verwirrung, und hielt ihn zur¸ck, sich der Freude zu
¸berlassen, welche ein eben so erw¸nschter als wenig verhoffter Anblick
¸ber seine Seele ergofl. Psyche sah nicht so aus, als ob sie eine Sklavin
in diesem Hause vorstelle; was konnte er also anders denken, als dafl sie
die Gemahlin eines von den Sˆhnen des Archytas sein m¸flte? Es ist wahr, er
h‰tte eben so wohl denken kˆnnen, dafl sie seine wiedergefundene Tochter
sein kˆnnte; aber in solchen Umst‰nden bildet man sich immer das ein, was
man am meisten f¸rchtet. In der Tat erriet er die Sache aufs erstemal;
Psyche war seit einigen Monaten die Gemahlin des Critolaus.

Unsere Leser sehen nun auf den ersten Blick, was f¸r schˆne Gelegenheit zu
pathetischen Beschreibungen und tragischen Auftritten uns dieser kleine
Umstand gibt--was f¸r eine Situation! Den Gegenstand der z‰rtlichsten
Neigung seines Herzens, seine erste Liebe, nach einer langen schmerzlichen
Trennung unverhofft wieder finden, aber nur dazu wieder finden, um sie in
den Armen eines andern, und was uns nicht einmal das Recht zu klagen, zu
w¸ten und Rache zu schnauben ¸brig l‰flt, in den Armen unsers liebsten
Freundes zu sehen!--Zu gutem Gl¸ck f¸r unsern Helden--und f¸r den
Autor--waren diejenigen, welche in diesem Augenblick Zeugen von seiner
Best¸rzung waren, keine so passionierte Liebhaber pathetischer Auftritte,
dafl sie h‰tten f‰hig sein kˆnnen, an seiner Qual Vergn¸gen zu finden. Sie
wollten sich ein Vergn¸gen daraus machen, ihn zu ¸berraschen; aber es
w¸rde grausam gewesen sein, eine Tragˆdie mit ihm zu spielen, so gl¸cklich
auch am Ende die Entwicklung immer h‰tte sein mˆgen. Die z‰rtliche
Psyche sah etliche Augenblicke seiner Verwirrung zu; aber l‰nger konnte
sie sich nicht zur¸ckhalten. Sie flog ihm mit offnen Armen entgegen, und
indem ihre Freuden-Tr‰nen seine gl¸hende Wangen betauten, hˆrte er sich
mit einem Namen benennen, der ihre z‰rtlichste Liebkosungen selbst in
Gegenwart eines Gemahls rechtfertigte.

W‰re die Liebe, welche sie ihm in dem Hain zu Delphi eingeflˆflt hatte,
weniger platonisch gewesen, so w¸rde die Entdeckung einer Schwester in der
Geliebten seines Herzens nicht so erfreulich gewesen sein, als sie ihm war.
Aber man erinnert sich noch, dafl ihre Liebe, so ausnehmend z‰rtlich sie
auch gewesen war, doch mehr der Liebe, welche die Natur zwischen
Geschwistern von ¸bereinstimmender Gem¸ts-Art stiftet, als derjenigen
geglichen hatte, welche sich auf die Zauberei eines andern Instinkts
gr¸ndet, von dessen fiebrischen Symptomen die ihrige allezeit frei
geblieben war. Sie hatten damals schon ein sonderbares Vergn¸gen daran
gefunden, sich einzubilden, dafl ihre Seelen wenigstens einander
verschwistert seien, da sie nicht Grund genug hatten, so sehr sie es auch
w¸nschten, die unschuldige Anmutung, welche sie f¸r einander f¸hlten, der
W¸rkung der Sympathie des Blutes zu zuschreiben. Agathon befand sich also
¸ber alles was er h‰tte w¸nschen kˆnnen, gl¸cklich, da er, nach den
Erl‰uterungen, welche ihm gegeben wurden, nicht mehr zweifeln konnte, in
Psyche eine Schwester, welche er nach der ehmaligen Erz‰hlung seines
Vaters f¸r tot gehalten hatte, wieder zu finden, und durch sie ein Teil
einer Familie zu werden, f¸r welche sein Herz bereits so eingenommen war,
dafl der Gedanke sich jemals wieder von ihr zu trennen, ihm unertr‰glich
gewesen sein w¸rde. Nun meine z‰rtlichen Leserinnen, mangelte ihm, um so
gl¸ckselig zu sein, als es Sterbliche sein kˆnnen, nichts als dafl
Archytas--nicht irgend eine liebensw¸rdige Tochter oder Nichte hatte, mit
der wir ihn verm‰hlen kˆnnten. Aber ungl¸cklicher Weise f¸r ihn hatte
Archytas keine Tochter; und wofern er Nichten hatte, welches wir nicht f¸r
gewifl sagen kˆnnen, so waren sie entweder schon verheiratet, oder nicht
dazu gemacht, das Bild der schˆnen Danae, und die Erinnerungen seiner
ehmaligen Gl¸ckseligkeit, welche von Tag zu Tag wieder lebhafter in seinem
Gem¸te wurden, auszulˆschen.

Diese Erinnerungen hatten schon zu Syracus in melancholischen Stunden
wieder angefangen einige Gewalt ¸ber sein Herz zu bekommen; der Gram,
wovon seine Seele in der letzten Periode seines Hof-Lebens, ganz
verd¸stert und niedergeschlagen wurde, veranlaflte ihn, Vergleichungen
zwischen seinem vormaligen und nunmehrigen Zustande anzustellen, welche
unmˆglich anders als zum Vorteil des ersten ausfallen konnten. Er machte
sich selbst Vorw¸rfe, dafl er das liebensw¸rdigste unter allen Geschˆpfen,
in einem Anstofl von schw‰rmerischem Heldentum, aus so schlechten Ursachen,
auf die blofle Anklage eines so ver‰chtlichen Menschen als Hippias, ¸ber
welche sie sich vielleicht, wenn er sie gehˆrt h‰tte, vollkommen h‰tte
rechtfertigen kˆnnen, verlassen habe. Diese Tat, auf welche er sich
damals, da er sie f¸r einen herrlichen Sieg ¸ber die unedlere H‰lfte
seiner selbst, f¸r ein grofles Versˆhn-Opfer, welches er der beleidigten
Tugend brachte, ansah, so viel zu gut getan hatte, schien ihm itzt
undankbar und niedertr‰chtig-, es schmerzte ihn, wenn er dachte, wie
gl¸cklich er durch die Verbindung seines Schicksals mit dem ihrigen h‰tte
werden kˆnnen; und der Enthusiasmus gewann nichts dabei, wenn er zugleich
dachte, durch was f¸r schim‰rische Vorstellungen und Hoffnungen er ihn um
seine Privat-Gl¸ckseligkeit gebracht habe. Aber der Gedanke, dafl er durch
ein so schnˆdes Verfahren die schˆne Danae gezwungen habe, ihn zu
verachten, zu hassen, sich der Z‰rtlichkeit, die er ihr eingeflˆflt,
niemals anders als wie einer ungl¸cklichen Schwachheit zu erinnern, deren
Andenken sie mit Gram und Reue erf¸llen muflte--dieser Gedanke war ihm ganz
unertr‰glich; Danae, so sehr sie auch beleidigt war, konnte ihn unmˆglich
so sehr verabscheuen, als er in den Stunden, da diese Vorstellungen seine
Vernunft ¸berw‰ltigten, sich selbst verabscheuete. Allein diese Stunden
gingen endlich vor¸ber, und das ungeduldige Gef¸hl der gegenw‰rtigen ¸bel
trug nicht wenig dazu bei, ihm die Ursachen und Umst‰nde seiner Entfernung
von Smyrna in einem so splenetischen Lichte vorzustellen. Die gl¸ckliche
Ver‰nderung, welche die Versetzung in den Schofl der liebensw¸rdigsten
Familie, die vielleicht jemals gewesen ist, in seinen Umst‰nden
hervorbrachte, ver‰nderte notwendiger Weise auch die Farbe seiner
Einbildungs-Kraft. H‰tte er Danae nicht verlassen, so w¸rde er weder
seine Schwester gefunden, noch mit dem weisen Archytas persˆnlich bekannt
worden sein. Diese Folgen seiner tugendhaften Untreue machten den Wunsch,
sie nicht begangen zu haben, unmˆglich; aber sie befˆrderten dagegen einen
andern, der in den Umst‰nden, worin er zu Tarent lebte, sehr nat¸rlich war.
Die heitre Stille, welche in seinem ohnehin zur Freude aufgelegten Gem¸t
in kurzem wieder hergestellt wurde; die Freiheit von allen Gesch‰ften und
Sorgen; der Genufl alles dessen, womit die Freundschaft ein gef¸hlvolles
Herz beseligen kann; der Anblick der Gl¸ckseligkeit seines Freundes
Critolaus, welche im Besitz der liebensw¸rdigen Psyche alle Tage zu
zunehmen schien; der Mangel an Zerstreuungen, wodurch die Seele verhindert
wird, sich in die Sph‰re ihrer angenehmsten Ideen und Empfindungen zu
konzentrieren; die nat¸rliche Folge hievon, dafl diese Ideen und
Empfindungen desto lebhafter werden m¸ssen--alles dieses vereinigte sich,
ihn nach und nach wieder in Dispositionen zu setzen, welche die
z‰rtlichste Erinnerungen an die einst so sehr geliebte Danae erweckten,
und ihn von Zeit zu Zeit in eine Art von sanfter woll¸stiger Melancholie
setzten, worin sein Herz sich ohne Widerstand in diese zauberischen Szenen
von Liebe und Wonne zur¸ckf¸hren liefl, welche--aus Ursachen, die wir den
Moralisten zu entwickeln ¸berlassen wollen--durch die in seiner Seele
vorgegangene Revolution ungleich weniger von ihrem Reiz verloren hatten,
als die abstraktern und blofl intellektualischen Gegenst‰nde seines
ehmaligen Enthusiasmus. Kˆnnen wir ihn verdenken, dafl er in solchen
Stunden die schˆne Danae unschuldig zu finden w¸nschte--dafl er dieses so
oft und so lebhaft w¸nschte, bis er sich endlich ¸berredete, sie f¸r
unschuldig zu halten--und dafl die Unmˆglichkeit, ein Gut wieder zu
erlangen, dessen er sich selbst so leichtgl‰ubig und auf eine so verhaflte
Art beraubt hatte, ihn zuweilen in eine Traurigkeit versenkte, die ihm den
Geschmack seiner gegenw‰rtigen Gl¸ckseligkeit verbitterte, und sich nur
desto tiefer in sein Gem¸t eingrub, weil er sich nicht entschlieflen konnte,
sein Anliegen denjenigen anzuvertrauen, denen er, diesen einzigen Winkel
ausgenommen, das Innerste seiner Seele aufzuschlieflen pflegte--"Wohin uns
diese Vorbereitung wohl f¸hren soll?"--werden vielleicht einige von unsern
scharfsinnigen Lesern denken--"ohne Zweifel wird man uns nun auch die Dame
Danae von irgend einem dienstwilligen Sturmwind herbeif¸hren lassen,
nachdem uns, ohne zu wissen, wie? das gute M‰dchen Psyche, durch einen
wahren Schlag mit der Zauberrute, aus dem Gyn‰ceo des alten Archytas
entgegengesprungen ist -" "Und warum nicht?--nachdem wir nun einmal wissen,
wie gl¸cklich wir unsern Freund Agathon dadurch machen kˆnnten" "aber wo
bleibt alsdann das Vergn¸gen der ¸berraschung, welches andre Autoren ihren
Lesern mit so vieler M¸he und Kunst zu zuwenden pflegen." "Es bleibt aus,
meine Herren; und Diderot kann Ihnen, wenn Sie wollen, sagen, warum Sie
wenig oder nichts dabei verlieren werden. Inzwischen ist uns lieb,
erinnert worden zu sein, dafl wir Ihnen einige Nachricht schuldig sind, wie
Psyche (welche wir, in einen Ganymed verkleidet, in den H‰nden eines
Seer‰ubers verlassen hatten,) dazu gekommen sei, die Gemahlin des
Critolaus und die Schwester Agathons zu werden. Ein kurzer Auszug aus der
Erz‰hlung, welche dem Agathon teils von seiner Schwester selbst, teils von
ihrer Amme gemacht wurde, (und die letzte hatte den Fehler, ein wenig
weitl‰ufiger in ihren Erz‰hlungen zu sein, als wir selbst,) wird
hinl‰nglich sein, dero gerechte Wissens-Begierde ¸ber diesen Punkt zu
befriedigen."

Ein heftiger Sturm ist ein sehr ungl¸cklicher Zufall f¸r Leute, die sich
mitten auf der offenen See, nur durch die Dicke eines Brettes von einem
feuchten Tode geschieden finden; aber f¸r die Geschichtschreiber der
Helden und Heldinnen ist es beinahe der gl¸cklichste unter allen Zuf‰llen,
welche man herbeibringen kann, um sich aus einer Schwierigkeit
herauszuhelfen. Es war also ein Sturm, (und Sie haben sich nicht dar¸ber
zu beschweren, meine Herren, denn es ist, unsers Wissens, der erste in
dieser Geschichte,) der die liebensw¸rdige Psyche aus der f¸rchterlichen
Gewalt eines verliebten Seer‰ubers rettete. Das Schiff scheiterte an der
Italienischen K¸ste, einige Meilen von Capua; und Psyche, von den Nereiden
oder Liebes-Gˆttern beschirmt, war die einzige Person auf dem Schiffe,
welche auf einem Brette gl¸cklich von den Zephyrn ans Land getragen wurde.
Die Zephyrn allein w‰ren hiezu vielleicht nicht hinreichend gewesen; aber
mit H¸lfe einiger Fischer, welche gl¸cklicher Weise bei der Hand waren,
hatte die Sache keine Schwierigkeit. Das war nun alles sehr gl¸cklich;
aber es ist nichts in Vergleichung mit dem, was nun folgen wird. Einer
von den Fischern (der mitleidigste ohne Zweifel) f¸hrte die verkleidete
Psyche, welche sehr vonnˆten hatte, sich zu trocknen, und von dem
ausgestandenen Ungemach zu erholen, zu seinem Weib in seine H¸tte. Die
Fischerin, (eine h¸bsche, dicke Frau von drei oder vier und vierzig
Jahren) welche die Miene hatte, in ihrer Jugend kein unempfindliches Herz
gehabt zu haben, bezeugte ungemeines Mitleiden mit dem Ungl¸ck eines so
liebensw¸rdigen jungen Herrn, als die schˆne Psyche zu sein schien; sie
pflegte seiner, so gut es nur immer mˆglich war, und konnte sich nicht
satt an ihm sehen. Es war ihr immer, sagte sie, als ob sie schon einmal
ein solches Gesicht gesehen h‰tte, wie das seinige; und sie konnte es kaum
erwarten, bis der schˆne Fremdling im Stande war, nach eingef¸hrter
Gewohnheit, seine Geschichte zu erz‰hlen. Aber Psyche hatte der Ruhe
vonnˆten; sie wurde also zu Bette gebracht; und bei dieser Gelegenheit
entdeckte die Fischerin, welche auf die kleinsten Umst‰nde aufmerksam war,
dafl der vermeinte J¸ngling ein ¸beraus schˆnes M‰dchen--aber doch nicht
mehr so schˆn war, als sie in ihren Manns-Kleidern ausgesehen hatte. Es
war nat¸rlich, ¸ber diese Verwandlung im ersten Augenblick ein wenig
miflvergn¸gt zu sein; aber dieser kleine vor¸bergehende Unmut verwandelte
sich bald in die lebhafteste und z‰rtlichste Freude--kurz, es entdeckte
sich, dafl die Fischerin Clonarion, die Amme der schˆnen Psyche war, welche,
mit H¸lfe dieses Namens, ihrer geliebten Amme sich wieder eben so gut zu
erinnern glaubte, als diese aus den Gesichts-Z¸gen der Psyche, aus ihrer
‰hnlichkeit mit ihrer Mutter, Musarion, und besonders aus einem kleinen
Mal, welches sie unter der linken Brust hatte, ihre allerliebste
Pflegtochter erkannte. Clonarion war die vertrauteste Sklavin der Mutter
unsrer Heldin gewesen, und ihrer Pflege wurde nach dem Tode derselben die
kleine Psyche, oder Philoclea, wie sie eigentlich hiefl, anvertraut; denn
Psyche war nur ein Liebkosungs-Name, den ihr ihre Amme aus Z‰rtlichkeit
gab, und welchen die kleine Philoclea, weil sie sich niemals anders als
Psyche oder Psycharion nennen gehˆrt hatte, in der Folge als ihren
w¸rklichen Namen angab. Stratonicus hatte der Clonarion mit der noch
unm¸ndigen Psyche eine hinl‰ngliche Summe Gelds ¸bergeben, und befohlen,
sie in der N‰he von Corinth zu erziehen, weil er dort die beste
Gelegenheit hatte, sie von Zeit zu Zeit unerkannt zu sehen. Die junge
Psyche, die Freude und der Stolz ihrer z‰rtlichen Amme, von der sie wie
ihr eigenes Kind geliebet wurde, wuchs so schˆn heran, dafl man nichts
liebensw¸rdigers sehen konnte. Die Hoffnung des Gewinsts reizte endlich
einige Bˆsewichter, sie, da sie ungef‰hr f¸nf bis sechs Jahre alt war,
heimlich wegzustehlen, und an die Priesterin zu Delphi zu verkaufen. Ein
Halsgeschmeide, woran ein kleines Bildnis ihrer Mutter hing, und womit die
junge Psyche allezeit geschm¸ckt zu sein pflegte, wurde zugleich mit ihr
verkauft, und diente in der Folge zur Best‰tigung, dafl sie w¸rklich die
Tochter des Stratonicus sei. Clonarion raufte sich einen guten Teil ihrer
Haare aus, da sie ihre Psyche vermiflte; und nachdem sie eine ziemliche
Zeit zugebracht hatte, sie allenthalben (aufler da, wo sie w¸rklich war,)
zu suchen, wuflte sie kein ander Mittel, sich bei ihrem Herrn von der
Schuld einer strafbarn Nachl‰ssigkeit entledigen zu kˆnnen, als vorzugeben,
dafl sie gestorben sei; und Stratonicus konnte desto leichter hintergangen
werden, weil er damals eben in Gesch‰fte verwickelt war, welche ihn lange
Zeit hinderten, nach Corinth zu kommen. Inzwischen hatte die allenthalben
herumirrende Clonarion eine Menge Abenteuer, welche sich endlich damit
endigten, dafl sie die Gattin eines schon ziemlich bejahrten Fischers aus
der Gegend von Capua wurde, in dessen Augen sie damals wenigstens so schˆn
als Thetis und Galathea war. Sie hatte ihre geliebte Pflegtochter in so
z‰rtlichem Andenken behalten, dafl sie einer Tochter, von der sie selbst
entbunden wurde, den Namen Psyche gab, blofl um sich derselben best‰ndig zu
erinnern. Der Tod dieses Kindes, der beinahe in eben dem Alter erfolgte,
worin Psyche geraubt worden war, rifl die alte Wunde wieder auf; und da ihr
durch diese Umst‰nde das Bild der jungen Psyche immer gegenw‰rtig blieb,
so hatte sie desto weniger M¸he, sie wieder zu erkennen, ungeachtet
vierzehn oder f¸nfzehn Jahre einige Ver‰nderung in ihren Gesichts-Z¸gen
gemacht haben muflten. Unsre Heldin vermehrte also nunmehr die kleine
Familie des alten Fischers, welcher seinen Aufenthalt ver‰nderte, und in
die Gegend von Tarent zog, wo er sie, weil sie alle unbekannt waren, f¸r
seine Tochter ausgeben konnte. Psyche bequemte sich so gut in die
schlechten Umst‰nde, worin sie bei ihrer Pflegmutter leben muflte, als ob
sie niemals in bessern gelebt h‰tte, und liefl sich nichts angelegner sein,
als ihr durch emsiges Arbeiten die Last ihres Unterhalts zu erleichtern.
Endlich f¸gte es sich zuf‰lliger Weise, dafl der junge Critolaus unsre
Heldin zu Gesicht bekam, welche in ihrem b‰urischen, aber reinlichen Anzug,
und mit frischen Blumen geschm¸ckt, demjenigen, dem sie in einem Haine
begegnete, eher eine von den Gespielen der Diana, als die Tochter eines
armen Fischers scheinen muflte. Critolaus faflte die heftigste Leidenschaft
f¸r sie; weil seine Liebe eben so tugendhaft, als z‰rtlich war, so brachte
er bald die mitleidige Clonarion auf seine Seite; und da Psyche selbst
nunmehr wuflte, dafl Agathon ihr Bruder sei, so war kein Grund, warum sie
gegen die Zuneigung eines so liebensw¸rdigen jungen Menschen unempfindlich
h‰tte sein sollen. In der Tat war Critolaus in mehrern Absichten der
zweite Agathon; allein die Umst‰nde lieflen so wenig Hoffnung zu, dafl eine
rechtm‰flige Verbindung zwischen ihnen mˆglich sein kˆnnte, dafl Psyche sich
verbunden hielt, ihm dasjenige, was zu seinem Vorteil in ihrem Herzen
vorging, desto sorgf‰ltiger zu verbergen, je entschlossener er war, seiner
Liebe alle andre Betrachtungen aufzuopfern. Endlich wuflte er sich nicht
anders zu helfen, als dafl er das Geheimnis seines Herzens demjenigen
entdeckte, dessen Beifall er am wenigsten zu erhalten hoffen konnte. Die
ganze Beredsamkeit der begeisterten Liebe w¸rde ¸ber einen Weisen, wie
Archytas war, wenig vermocht haben; aber Critolaus sagte so viel
auflerordentliches von dem Geist und der Tugend seiner Geliebten, dafl sein
Vater endlich aufmerksam zu werden anfing. Archytas hatte die Macht des
D‰mons der Liebe nie erfahren; aber er war menschlich, g¸tig, und ¸ber die
gemeine Vorurteile und Absichten erhaben. Ein schˆnes und tugendhaftes
M‰dchen war in seinen Augen ein sehr edles Geschˆpfe, dessen Wert durch
den Schatten der Niedrigkeit und Armut nur desto mehr erhaben wurde. Kaum
wurde der junge Critolaus gewahr, dafl sein Vater zu wanken anfing; so
wagte er's, ihm das Geheimnis der Geburt seiner Geliebten zu entdecken,
welches ihm Clonarion, in Hoffnung, dafl es gute Folgen haben kˆnnte, ohne
Wissen der schˆnen Psyche vertraut hatte. Archytas, welchem Stratonicus
ehmals seine heimliche Verbindung mit Musarion entdeckt hatte, war ¸ber
diesen Zufall nicht wenig erfreut; er w¸nschte nichts mehr, als dafl
diejenige, f¸r welche sein Sohn so heftig eingenommen war, die Tochter
seines liebsten Freundes sein mˆchte; aber er wollte gewifl sein, dafl sie
es sei; und hiezu schien ihm das blofle Zeugnis eines Fischer-Weibs zu
wenig. Er veranstaltete es, dafl er Psychen und ihre angebliche Amme
selbst zu sehen bekam; er glaubte, in der Gesichtsbildung der ersten
einige Z¸ge von ihrem Vater zu entdecken; und die Unterredung, die er mit
ihr hatte, best‰tigte den g¸nstigen Eindruck, den ihr Anblick auf sein
Gem¸t gemacht hatte. Er liefl sich ihre Geschichte mit allen Umst‰nden
erz‰hlen, und fand nun immer weniger Ursache, an der Wahrheit dessen zu
zweifeln, was sein Sohn auf die blofle Aussage der Amme, ohne die mindeste
Untersuchung, f¸r die ausgemachteste Wahrheit hielt. Das Halsgeschmeide,
welches Psyche in den H‰nden der Pythia hatte zur¸cklassen m¸ssen, schien
ihm allein noch abzugehen, um ihn g‰nzlich zu ¸berzeugen. Er schickte
deswegen einen seiner Vertrauten nach Delphi ab; und die Pythia, da sie
sah, dafl ein Mann von solcher Wichtigkeit sich des Schicksals ihrer
ehemaligen Sklavin annahm, machte keine Schwierigkeiten, dieses
Merkzeichen der Abkunft derselben auszuliefern. Nunmehr glaubte Archytas
berechtigt zu sein, Psyche als die Tochter eines Freundes, dessen Andenken
ihm teuer war, anzusehen; und nun hatte er selbst nichts angelegners, als
sie je eher je lieber in seine Familie zu verpflanzen. Sie wurde also die
Gemahlin des gl¸cklichen Critolaus; und diese Verbindung gab nat¸rlicher
Weise neue Beweggr¸nde, sich der Befreiung Agathons mit so lebhaftem Eifer
anzunehmen, als es, obenerz‰hlter maflen, geschehen war.

VIERTES KAPITEL

Etwas, das man ohne Divination vorhersehen konnte

Agathon hatte zwar viel fr¸her zu leben angefangen, als es gemeiniglich
geschieht; aber er war doch noch lange nicht alt genug, um sich von der
Welt g‰nzlich zur¸ckzuziehen. Indessen hielt er sich, nachdem er schon
zu zweien malen eine nicht unansehnliche Rolle auf dem Schauplatz des
ˆffentlichen Lebens gespielt, und sie f¸r einen jungen Mann gut genug
gespielt hatte, berechtiget, so lange er keinen besondern Beruf erhalten
w¸rde, seiner Nation zu dienen, oder so lange sie seiner Dienste nicht
schlechterdings vonnˆten h‰tte, sich in den Zirkel des Privat-Lebens
zur¸ckzuziehen; und hierin stimmten die Grunds‰tze des weisen Archytas
vˆllig mit seiner Art zu denken ¸berein. "Ein Mann von mehr als
gewˆhnlicher F‰higkeit", sagte Archytas, "hat zu tun genug, an seiner
eigenen Besserung und Vervollkommnung zu arbeiten; er ist am
geschicktesten zu dieser Besch‰ftigung, nachdem er durch eine Reihe
betr‰chtlicher Erfahrungen sich selbst und die Welt kennen zu lernen
angefangen hat; und indem er solchergestalt an sich selbst arbeitet,
arbeitet er w¸rklich f¸r die Welt, indem er dadurch um soviel geschickter
wird, seinen Freunden, seinem Vaterland, und den Menschen ¸berhaupt,
n¸tzlich zu sein, und es sei nun mit vielem oder wenigem Gepr‰nge, in
einem grˆflern oder kleinern Zirkel, auf eine ˆffentliche oder nicht so
merkliche Art, zum allgemeinen Besten des Systems mitzuw¸rken."

Dieser Maxime zufolge besch‰ftigte sich Agathon, nachdem er zu Tarent
einheimisch zu sein angefangen hatte, haupts‰chlich mit den mathematischen
Wissenschaften, mit Erforschung der Kr‰fte und Eigenschaften der
nat¸rlichen Dinge, mit der Astronomie, kurz mit demjenigen Teil der
spekulativen Philosophie, welche uns, mit H¸lfe unsrer Sinnen und
behutsamer Vernunft-Schl¸sse zu einer zwar mangelhaften, aber doch
zuverl‰ssigen Erkenntnis der Natur und ihrer majest‰tisch-einf‰ltigen,
weisen und wohlt‰tigen Gesetze f¸hrt. Er verband mit diesen erhabenen
Studien, worin ihm die Anleitung des Archytas vorz¸glich zu statten kam,
das Lesen der besten Schriftsteller von allen Klassen, insonderheit der
Geschichtschreiber, und das Studium des Altertums, welches er, so wie die
Verbal-Kritik, f¸r eine der edelsten und n¸tzlichsten, oder f¸r eine der
nichtsw¸rdigsten Spekulationen hielt, je nachdem es auf eine
philosophische oder blofl mechanische Art getrieben werde. Nicht selten
setzte er diese anstrengenden Besch‰ftigungen bei Seite, um, wie er sagte,
mit den Musen zu scherzen; und der nat¸rliche Schwung seines Genie machte
ihm diese Art von Gem¸ts-Ergˆtzung so angenehm, dafl er M¸he hatte sich
wieder von ihr loszureiflen. Auch die Malerei und die Musik, die
Schwestern der Dichtkunst, deren hˆhere Theorie sich in den
geheimnisvollesten Tiefen der Philosophie verliert, hatten einen Anteil an
seinen Stunden, und halfen ihm, das allzueinfˆrmige in den Besch‰ftigungen
seines Geistes, und die sch‰dlichen Folgen, die aus der Einschr‰nkung
desselben auf eine einzige Art von Gegenst‰nden entspringen, zu vermeiden.

Die h‰ufigen Unterredungen, welche er mit dem weisen Archytas hatte,
trugen viel und vielleicht das Meiste bei, seinen Geist in den
tiefsinnigern Spekulationen ¸ber die metaphysischen Gegenst‰nde, von
Abwegen zur¸ckzuhalten. Agathon, welcher ehmals, da alles in seiner Seele
zur Empfindung wurde, seinen Beifall zu leicht ¸berraschen liefl; fand itzt,
seitdem er mit k‰lterm Blute philosophierte, beinahe alles zweifelhaft;
die Zahl der menschlichen Begriffe und Meinungen, welche die Probe einer
ruhigen, gleichg¸ltigen und genauen Pr¸fung aushielten, wurde alle Tage
kleiner f¸r ihn; die Systeme der dogmatischen Weisen verschwanden nach und
nach, und zerflossen vor den Strahlen der pr¸fenden Vernunft, wie die
Luft-Schlˆsser und Zauber-G‰rten, welche wir zuweilen an Sommer-Morgen im
d¸ftigen Gewˆlke zu sehen glauben, vor der aufgehenden Sonne. Der weise
Archytas billigte den bescheidnen Skeptizismus seines Freundes; aber indem
er ihn von allzuk¸hnen Reisen im Lande der Ideen zu den wenigen
einf‰ltigen, aber desto sch‰tzbarern Wahrheiten zur¸ckf¸hrte, welche der
Leitfaden zu sein scheinen, an welchem uns der allgemeine Vater der Wesen
durch diesen Labyrinth des Lebens sicher hindurchf¸hren will--verwahrte er
ihn vor dieser g‰nzlichen Ungewiflheit des Geistes, welche eine eben so
grofle Unentschlossenheit und Mutlosigkeit des Willens nach sich zieht, und
dadurch eine Quelle so vieler sch‰dlicher Folgen f¸r die Tugend und
Religion, und also f¸r die Ruhe und Gl¸ckseligkeit unsers Lebens wird, dafl
der Zustand des bezaubertesten Enthusiasten dem Zustand eines solchen
Weisen vorzuziehen ist, der aus immerw‰hrender Furcht zu irren, sich
endlich gar nichts mehr zu bejahen oder zu verneinen getraut. In der Tat
gleicht die Vernunft in diesem St¸ck ein wenig dem Doktor Peter Rezio von
Aguero; sie hat gegen alles, womit unsre Seele gen‰hrt werden soll, soviel
einzuwenden, dafl diese endlich eben sowohl aus Inanition verschmachten
m¸flte, wie die ungl¸cklichen Statthalter der Insel Barataria bei der Di‰t,
wozu sie das verw¸nschte St‰bchen ihres allzuskrupulosen Leibarztes
verurteilte. Das beste ist in diesem Falle, sich wie Sancho zu helfen.
Der Instinkt und dieses am wenigsten betr¸gliche Gef¸hl des Wahren und
Guten, welches die Natur allen Menschen zugeteilt hat, kˆnnen uns am
besten sagen, woran wir uns halten sollen; und dahin m¸ssen, fr¸her oder
sp‰ter, die grˆflesten Geister zur¸ckkommen, wenn sie nicht das Schicksal
haben wollen, wie die Taube des Altvaters Noah allenthalben
herumzuflattern und nirgends Ruhe zu finden.

Bei allen diesen manchfaltigen Besch‰ftigungen, womit unser ehmaliger Held
seine Mufle zu seinem eigenen Vorteil erf¸llte, blieben ihm doch viele
Stunden ¸brig, welche der Freundschaft und dem geselligen Vergn¸gen
gewidmet waren--und f¸r seine Ruhe nur allzuviele, in denen eine Art von
z‰rtlicher Schwermut, deren er sich nicht erwehren konnte, seine Seele in
die bezauberten Gegenden zur¸ckf¸hrte, deren wir im vorigen Kapitel schon
Erw‰hnung getan haben. In einer solchen Gem¸ts-Disposition liebt man
vorz¸glich den Aufenthalt auf dem Lande, wo man Gelegenheit hat, seinen
Gedanken ungestˆrter nachzuh‰ngen, als unter den Pflichten und
Zerstreuungen des geselligern Stadt-Lebens. Agathon zog sich also ˆfters
in ein Landgut zur¸ck, welches sein Bruder Critolaus, ungef‰hr zwo Stunden
von Tarent besafl, und wo er sich in seiner Gesellschaft zuweilen mit der
Jagd belustigte. Hier geschah es einsmals, dafl sie von einem Ungewitter
¸berrascht wurden, welches wenigstens so heftig war, als dasjenige,
wodurch, auf Veranstaltung zwoer Gˆttinnen, Aeneas und Dido in die
n‰mliche Hˆhle zusammengescheucht wurden-Aber da zeigte sich nirgends
keine wirtschaftliche Hˆhle, welche ihnen einigen Schirm angeboten h‰tte;
und das schlimmste war, dafl sie sich von ihren Leuten verloren hatten, und
eine geraume Zeit nicht wuflten, wo sie waren; ein Zufall, der an sich
selbst wenig auflerordentliches hat, aber wie man sehen wird, eines der
gl¸cklichsten Abenteuer veranlassete, das unserm Helden jemals zugestoflen
ist. Nachdem sie sich endlich aus dem Walde herausgefunden hatten,
erkannte Critolaus die Gegend wieder; aber er sah zugleich, dafl sie
etliche Stunden weit von Haus entfernt waren. Das Ungewitter w¸tete noch
immer fort, und es fand sich kein n‰herer Ort, wohin sie ihre Zuflucht
nehmen konnten, als ein einsames Landhaus, welches seit mehr als einem
Jahr von einer fremden Dame von sehr sonderbarem Charakter bewohnt wurde.
Man vermutete aus einigen Umst‰nden, dafl sie die Witwe eines Mannes von
Ansehen und Vermˆgen sein m¸sse; aber es war bisher unmˆglich gewesen,
ihren Namen und vorigen Aufenthalt, oder was sie bewogen haben kˆnnte, ihn
zu ver‰ndern, und in einer g‰nzlichen Abgeschiedenheit von der Welt zu
leben, auszuforschen. Das Ger¸chte sagte Wunder von ihrer Schˆnheit;
indessen war doch niemand der sich r¸hmen konnte, sie gesehen zu haben.
¸berhaupt hatte man eine Zeit lang vieles und desto mehr von ihr
gesprochen, je weniger man wuflte; allein da sie fest entschlossen schien,
sich nichts darum zu bek¸mmern; so hatte man endlich auf einmal aufgehˆrt
von ihr zu reden, und es der Zeit ¸berlassen, das Geheimnis, das unter
dieser Person und ihrer sonderbaren Lebens-Art verborgen sein mˆchte, zu
entdecken. "Vielleicht", sagte Critolaus, "ist es eine zweite Artemisia,
die sich, ihrem Schmerz ungestˆrt nachzuh‰ngen, in dieser Einˆde lebendig
begraben will. Ich bin schon lange begierig gewesen sie zu sehen; dieser
Sturm hoff' ich, soll uns Gelegenheit dazu geben. Sie kann uns eine
Zuflucht in ihrem Hause nicht versagen; und wenn wir nur einmal drinnen
sind, so wollen wir wohl Mittel finden, vor sie zu kommen, ob wir gleich
die ersten in dieser Gegend w‰ren, denen dieses Gl¸ck zu Teil w¸rde." Man
kann sich leicht vorstellen, dafl Agathon, so gleichg¸ltig er auch seit
seiner Entfernung von der schˆnen Danae gegen die Damen war, dennoch
begierig werden muflte, eine so auflerordentliche Person kennen zu lernen.
Sie kamen vor dem ‰uflersten Tor eines Hauses an, welches einem
verw¸nschten Schlosse ‰hnlicher sah, als einem Landhause in Jonischem oder
Corinthischem Geschmacke. Das schlimme Wetter, ihr anhaltendes Bitten,
und vielleicht auch ihre gute Miene brachte zuwegen, dafl sie eingelassen
wurden. Einige alte Sklaven f¸hrten sie in einen Saal, wo man sie mit
vieler Freundlichkeit nˆtigte, alle die kleinen Dienste anzunehmen, welche
sie in dem Zustande, worin sie waren, nˆtig hatten. Die Figur dieser
Fremden schien die Leute des Hauses in Verwundrung zu setzen, und die
Meinung von ihnen zu erwecken, dafl es Personen von Bedeutung sein m¸flten;
aber Agathon, dessen Aufmerksamkeit bald durch einige Gem‰lde angezogen
wurde, womit der Saal ausgeziert war, wurde nicht gewahr, dafl er von einer
Sklavin mit noch weit grˆflerer Aufmerksamkeit betrachtet wurde. Diese
Sklavin, (wie Critolaus in der Folge erz‰hlte, denn anfangs hielt er's
blofl f¸r eine W¸rkung der Schˆnheit unsers Helden) schien einer Person
gleich zu sehen, welche nicht weifl, ob sie ihren Augen trauen soll; und
nachdem sie ihn einige Minuten mit verschlingenden Blicken angestarrt
hatte, verlor sie sich auf einmal aus dem Saal. Sie lief so hastig dem
Zimmer ihrer Gebieterin zu, dafl sie ganz aufler Atem kam. "Und wer meinen
sie wohl, gn‰dige Frau", keuchte sie, "dafl unten im Saal ist? Hat es
ihnen ihr Herz nicht schon gesagt?--Diana sei mir gn‰dig! Was f¸r ein
Zufall das ist! Wer h‰tte sich das nur im Traum einbilden kˆnnen? Ich
weifl vor Erstaunen nicht wo ich bin -" "In der Tat deucht mich, du bist
nicht recht bei Sinnen", sagte die Dame ein wenig betroffen; "und wer ist
denn unten im Saal?"--"O! bei den Gˆttinnen! ich h‰tte es bei nahe
meinen eignen Augen nicht geglaubt--aber ich erkannte ihn auf den ersten
Blick, ob er gleich ein wenig st‰rker worden ist; es ist nichts
gewisser--er ist es, er ist es!"--"Plage mich nicht l‰nger mit deinem
geheimnisvollen Galimathias", rief die Dame, immer mehr best¸rzt; "rede
N‰rrin, wer ist es?"--"Aber sie erraten doch auch gar nichts, gn‰dige
Frau--wer ist es?--Ich sage ihnen, dafl Agathon unten im Saal ist, ja
Agathon, es kann nichts gewisser sein--er selbst, oder sein Geist, eines
von beiden unfehlbar, denn die Mutter die ihn geboren hat, kann ihn nicht
besser kennen, als ich ihn erkannt habe, sobald er den Mantel von sich
warf, worin er anfangs eingewickelt war"--Das gute M‰dchen w¸rde noch
l‰nger in diesem Ton fortgeplaudert haben, denn ihr Herz ¸berflofl von
Freude--wenn sie nicht auf einmal wahrgenommen h‰tte, dafl ihre Gebieterin
ohnm‰chtig auf ihren Sopha zur¸ckgesunken war. Sie hatte einige M¸he sie
wieder zu sich selbst zu bringen; endlich erholte sich die schˆne Dame
wieder, aber nur, um ¸ber sich selbst zu zˆrnen, dafl sie sich so
empfindlich fand. "Sie machen einem ja ganz bange, Madam", rief die
Sklavin--"wenn sie schon bei seinem bloflen Namen in Ohnmacht fallen, wie
wird es ihnen erst werden, wenn sie ihn selbst sehen?--Soll ich gehen, und
ihn geschwinde heraufholen?"--"Ihn heraufholen?" versetzte die Dame; "nein
wahrhaftig; ich will ihn nicht sehen!"--"Sie wollen ihn nicht sehen,
Madam? Was f¸r ein Einfall! Aber es kann nicht ihr Ernst sein! O! wenn
sie ihn nur sehen sollten--er ist so schˆn--so schˆn als er noch nie
gewesen ist, deucht mich; ich h‰tte ihn mit den Augen aufessen mˆgen; sie
m¸ssen ihn sehen, Madam--das w‰re ja unverantwortlich, wenn sie ihn wieder
fortgehen lassen wollten, ohne dafl er sie gesehen h‰tte--wof¸r h‰tten sie
sich dann -" "Schweige, nichts weiter", rief die Dame; "verlafl mich--aber
untersteh dich nicht wieder in den Saal hinunter zu gehen; wenn er es ist,
so will ich nicht, dafl er dich erkennen soll; ich hoffe doch nicht, dafl du
mich schon verraten haben solltest?"--"Nein, Madam", erwiderte die
Vertraute; "er hat mich noch nicht wahrgenommen, denn er schien ganz in
die Betrachtung der Gem‰lde vertieft, und mich deuchte, ich hˆrte ihn ein
oder zweimal seufzen; vermutlich -" "Du bist nicht klug", fiel ihr die
Dame ins Wort; "verlafl mich--ich will ihn nicht sehen, und er soll nicht
wissen, in wessen Hause er ist; wenn er's erf‰hrt, so hast du eine
Freundin verloren"--die Sklavin entfernte sich also, in Hoffnung, dafl ihre
Gebieterin sich wohl eines bessern besinnen w¸rde, und--die schˆne Danae
blieb allein.

Eine Erz‰hlung alles dessen, was in ihrem Gem¸te vorging, w¸rde etliche
Bogen ausf¸llen, ob es gleich weniger Zeit als sechs Minuten einnahm.--Was
f¸r ein Streit! Was f¸r ein Get¸mmel von widerw‰rtigen Bewegungen! Sie
hatte ihn bis auf diesen Augenblick so z‰rtlich geliebt--und glaubte itzt
zu f¸hlen, dafl sie ihn hasse--Sie f¸rchtete sich vor seinem Anblick--und
konnte ihn kaum erwarten. Was h‰tte sie vor einer Stunde gegeben, diesen
Agathon zu sehen, der, auch undankbar, auch ungetreu, ¸ber ihre ganze
Seele herrschte; dessen Verlust ihr alle Vorz¸ge ihres ehmaligen Zustandes,
den Aufenthalt zu Smyrna, ihre Freunde, ihre Reicht¸mer, unertr‰glich
gemacht hatte--dessen Bild, mit allen den zauberischen Erinnerungen ihrer
ehmaligen Gl¸ckseligkeit, das einzige Gut, das einzige Vergn¸gen war,
welches sie noch zu empfinden f‰hig war. Aber nun da sie wuflte, dafl es in
ihrer Gewalt war, ihn wieder zu sehen, wachte auf einmal ihr ganzer Stolz
auf, und schien etliche Augenblicke sich nicht entschlieflen zu kˆnnen ihm
zu vergeben. Und wenn auch einen Augenblick darauf die Liebe wieder die
Oberhand erhielt; so st¸rzte sie die Furcht, ihn unempfindlich zu finden,
sogleich wieder in die vorige Verlegenheit. Zu allem diesem kam noch eine
andre Betrachtung, welche vielleicht bei der schˆnen Danae
allzuspitzf¸ndig scheinen kˆnnte, wenn wir nicht zu ihrer Rechtfertigung
sagen m¸flten, dafl die Flucht unsers Helden, die Entdeckung der Ursachen,
welche ihn zu einem so gewaltsamen Entschlufl getrieben, der Gedanke dafl
ihre eigene Fehltritte sie in den Augen des einzigen Mannes, den sie
jemals geliebt hatte, ver‰chtlich gemacht--eine Ver‰nderung in ihrer
ganzen Denkens-Art hervorgebracht hatte, wozu sie durch den Umgang mit
Agathon und jene Seelen-Mischung, wovon wir bereits im f¸nften Buche
gesprochen haben, vorbereitet worden war. Danae liefl sich durch die
Vorw¸rfe, welche sie sich selbst zu machen hatte, und von denen vielleicht
ein guter Teil auf ihre Umst‰nde fiel, nicht von dem edeln Vorsatz
abschrecken, sich in einem Alter, wo dieser Vorsatz noch ein Verdienst in
sich schlofl, der Tugend zu widmen. In der Tat hatte eine Art von
verliebter Verzweiflung den grˆflesten Anteil an dem auflerordentlichen
Schritt, sich aus einer Welt, worin sie angebetet wurde, freiwillig in
eine Einˆde zu verbannen, wo die Freiheit, sich mit ihren Empfindungen zu
unterhalten, das einzige Vergn¸gen war, welches sie f¸r den Verlust alles
dessen, was sie aufopferte, entsch‰digen muflte. Aber es gehˆrte doch eine
grofle, und zur Tugend gebildete Seele dazu, um in den gl‰nzenden Umst‰nden,
worin sie lebte, einer solchen Verzweiflung f‰hig zu sein, und in einem
Vorsatz auszuhalten, unter welchem eine jede schw‰chere Seele gar bald
h‰tte erliegen m¸ssen. W‰re Danae nur woll¸stig gewesen, so w¸rde sie zu
Smyrna, und allenthalben Gelegenheit genug gefunden haben, sich wegen des
Verlusts ihres Liebhabers zu trˆsten. Aber ihre Liebe war, wie man sich
vielleicht noch erinnern wird, von einer edlern Art, und so nahe mit der
Liebe der Tugend selbst verwandt, dafl wir Ursache haben, zu vermuten, dafl
in der g‰nzlichen Abgeschiedenheit, worin unsre Heldin lebte, jene sich
endlich g‰nzlich in dieser verloren haben w¸rde. Allein eben darum, weil
ihre Liebe zur Tugend aufrichtig war, machte sie sich ein gerechtes
Bedenken, bei dem Bewufltsein der unfreiwilligen Schwachheit ihres Herzens
f¸r den allzuliebensw¸rdigen Agathon, sich der Gefahr auszusetzen, durch
eine nur allzumˆgliche Wiederkehr seiner ehmaligen Empfindungen mit dahin
gerissen zu werden; ein Gedanke, der ohne eine ¸bertriebne Meinung von
ihren Reizungen zu haben, in ihr entstehen konnte, und durch das Mifltrauen
in sich selbst, womit die wahre Tugend allezeit begleitet ist, kein
geringes Gewicht erhalten muflte. Solchergestalt k‰mpften Liebe, Stolz und
Tugend f¸r und wider das Verlangen, den Agathon zu sehen, in ihrem
unschl¸ssigen Herzen--mit welchem Erfolg l‰flt sich leicht erraten. Die
Liebe m¸flte nicht Liebe sein, wenn sie nicht Mittel f‰nde, den Stolz und
die Tugend selbst endlich auf ihre Seite zu bringen. Sie flˆflte jenem die
Begierde ein, zu sehen wie sich Agathon halten w¸rde, wenn er so plˆtzlich
und unerwartet der einst so sehr geliebten, und so grausam beleidigten
Danae unter die Augen k‰me; und munterte diese auf, sich selbst St‰rke
genug zu zutrauen, von den Entz¸ckungen, in welche er vielleicht bei
diesem Anblick geraten mˆchte, nicht zu sehr ger¸hrt zu werden. Kurz;
der Erfolg dieses innerlichen Streites war, dafl sie eben im Begriff war,
ihre Vertraute (die einzige Person, welche sie bei ihrer Entfernung von
Smyrna mit sich genommen hatte) hereinzurufen, um ihr die nˆtige
Verhaltungs-Befehle zu geben; als diese Sklavin selbst hereintrat, und
ihrer Dame sagte, dafl die beiden Fremden durch einen von den Sklaven, von
denen sie bedient worden waren, auf eine sehr dringende Art um die
Erlaubnis anhalten lieflen, vor die Frau des Hauses gelassen zu
werden--Neue Unentschlossenheit, ¸ber welche sich niemand wundern wird,
der das weibliche Herz kennt. In der Tat klopfte der guten Danae das
ihrige in diesem Augenblick so stark, dafl sie nˆtig hatte, sich vorher in
eine ruhigere Verfassung zu setzen, ehe sie es einer so schweren Probe
auszustellen sich getrauen durfte.

Unterdessen, bis diese schˆne Dame mit sich selbst einig wird, wozu sie
sich entschlieflen, und wie sie sich bei einer so erw¸nschten, und so
gef¸rchteten Zusammenkunft verhalten wolle, kehren wir einen Augenblick zu
unserm Helden in den Saal zur¸ck. Je mehr Agathon die Gem‰lde betrachtete,
womit die W‰nde desselben beh‰nget waren, je lebhafter wurde die
Einbildung, dafl er sie in dem Landhause der Danae zu Smyrna gesehen habe.
Allein er konnte sich so wenig vorstellen, wie sie von dem Orte, wo er sie
vor zweien Jahren gesehen h‰tte, hieher gekommen sein sollten, dafl er f¸r
weniger unmˆglich hielt, von seiner Einbildung betrogen zu werden. Zudem
konnte ja der n‰mliche Meister unterschiedliche Kopien von seinen St¸cken
gemacht haben. Aber wenn er wieder die Augen auf ein St¸ck heftete,
welches die Gˆttin Luna vorstellte, wie sie mit Augen der Liebe den
schlafenden Endymion betrachtet--so glaubte er es so gewifl f¸r das
n‰mliche zu erkennen, vor welchem er in einem Garten-Saal der Danae zu
Smyrna oft Viertelstunden lang in bewundernder Entz¸ckung gestanden, dafl
es ihm unmˆglich war, seiner ¸berzeugung zu widerstehen. Die Verwirrung,
in die er dadurch gesetzt wurde, ist unbeschreiblich--Sollte Danae--aber
wie kˆnnte das mˆglich sein?--Und doch schien alles das Sonderbare, was
ihm Critolaus von der Dame dieses Hauses gesagt hatte, den Gedanken zu
bekr‰ftigen, der in ihm aufstieg, und den er sich kaum auszudenken
getrauete. Die schˆne Danae h‰tte zufrieden sein kˆnnen, wenn sie gesehen
h‰tte, was in seinem Herzen vorging. Er h‰tte nicht erschrockner sein
kˆnnen, vor das Antlitz einer beleidigten Gottheit zu treten, als er es
vor dem Gedanken war, sich dieser Danae darzustellen, welche er seit
geraumer Zeit gewohnt war, sich wieder so unschuldig vorzustellen, als sie
ihm damals, da er sie verliefl, ver‰chtlich und hassensw¸rdig schien.
Allein das Verlangen sie zu sehen, verschlang endlich alle andre
Empfindungen, von denen sein Herz ersch¸ttert wurde. Seine Unruhe war so
sichtbar, dafl Critolaus sie bemerken muflte. Agathon w¸rde besser getan
haben, ihm die Ursache davon zu entdecken; aber er tat es nicht, und
behalf sich mit der allgemeinen Ausflucht, dafl ihm nicht wohl sei. Dem
ungeachtet bezeugte er ein so ungeduldiges Verlangen, die Dame des Hauses
zu sehen, dafl Critolaus aus allem was er an ihm wahrnahm, zu mutmaflen
anfing, dafl irgend ein Geheimnis darunter verborgen sein m¸sse, dessen
Entwicklung er begierig erwartete. Inzwischen kam der Sklave, den sie
abgeschickt hatten, sie bei seiner Gebieterin zu melden, mit der Antwort
zur¸ck, dafl er Befehl habe sie in ihr Zimmer zuf¸hren. Und hier ist es,
wo wir mehr als jemals zu w¸nschen versucht sind, dafl dieses Buch von
niemand gelesen werden mˆchte, der keine schˆnen Seelen glaubt. Die
Situation, worin man unsern Helden in wenigen Augenblicken sehen wird, ist
vielleicht eine von den delikatesten, in welche man in seinem Leben kommen
kann. W‰re hier die Rede von solchen phantasierten Charaktern, wie
diejenige, welche aus dem Gehirn der Verfasserin der 'geheimen Geschichte
von Burgund', und der 'Kˆnigin von Navarra' hervorgegangen sind, so w¸rden
wir uns kaum in einer kleinern Verlegenheit befinden, als Agathon selbst,
da er mit pochendem Herzen und schweratmender Brust dem Sklaven folgte,
der ihn ins Vorgemach einer Unbekannten f¸hrte, von der er fast mit
gleicher Heftigkeit w¸nschte und f¸rchtete, dafl es Danae sein mˆchte.
Allein da Agathon und Danae so gut historische Personen sind als Brutus,
Portia, und hundert andre, welche darum nicht weniger existiert haben,
weil sie nicht gerade so dachten, und handelten wie gewˆhnliche Leute: So
bek¸mmern wir uns wenig, wie dieser Agathon und diese Danae, vermˆge der
moralischen Begriffe des einen oder andern, der ¸ber dieses Buch gut oder
¸bel urteilen wird, h‰tten handeln sollen, oder gehandelt haben w¸rden,
wenn sie nicht gewesen w‰ren, was sie waren. Das Recht zu urteilen kann
und soll niemandem streitig gemacht werden; unsre Pflicht ist zu erz‰hlen,
nicht zu dichten; und wir kˆnnen nichts daf¸r, wenn Agathon bei dieser
Gelegenheit sich nicht weise und heldenm‰flig genug, um die Hochachtung
strenger Sittenrichter zu verdienen, verhalten; oder wenn Danae die Rechte
des weiblichen Stolzes nicht so gut behaupten sollte, als viele andre,
welche dem Himmel danken, dafl sie keine Danaen sind, an ihrem Platze getan
haben w¸rden.

Die schˆne Danae erwartete, auf ihrem Sopha sitzend, den Besuch, den sie
bekommen sollte, mit so vieler St‰rke als eine weibliche Seele nur immer
zu haben f‰hig sein mag, welche zugleich so z‰rtlich und lebhaft ist, als
eine solche Seele sein kann -. "Ob es wohl weibliche Seelen gibt?"--"O
mein Herr, ich sagte ihnen ja, dafl der letzte Teil dieses Kapitels nicht
f¸r sie geschrieben sei--Sie mˆgen vielleicht ¸berall in Zweifel ziehen,
ob die Weiber Seelen haben; denn wenn sie Seelen haben, so sind es
weibliche Seelen, der Himmel bewahre uns vor den Penthesileen und
M‰nninnen, an denen nichts als die Figur weiblich ist!"--Doch dar¸ber
wollen wir itzt nicht streiten. Danae erwartete also den Anblick ihres
Fl¸chtlings mit ziemlicher Standhaftigkeit; aber was in ihrem Herzen
vorging, mˆgen unsre z‰rtlichen Leserinnen, welche f‰hig sind, sich an
ihre Stelle zu setzen, in ihrem eigenen Herzen lesen. Sie wuflte, dafl
Agathon einen Gef‰hrten hatte, und dieser Umstand kam ihr zu statten; aber
Agathon befand sich wenig dadurch erleichtert. Die T¸re des Vorzimmers
wurde ihnen von der Sklavin erˆffnet--er erkannte beim ersten Anblick die
Vertraute seiner Geliebten, und nun konnte er nicht mehr zweifeln, dafl die
Dame, die er in einigen Augenblicken sehen w¸rde, Danae sei. Er raffte
seinen ganzen Mut zusammen, indem er zitternd hinter seinem Freunde
Critolaus fortwankte--Er sah sie, wollte auf sie zugehen, konnte nicht,
heftete seine Augen auf sie, und sank, vom ¸bermafl seiner Empfindlichkeit
¸berw‰ltiget, in die Arme seines Freundes zur¸ck. Auf einmal vergafl die
schˆne Danae alle die groflen Entschlieflungen von Gelassenheit und
Zur¸ckhaltung, welche sie mit so vieler M¸he gefaflt hatte. Sie lief in
z‰rtlicher Best¸rzung auf ihn zu, nahm ihn in ihre Arme, liefl dem ganzen
Strom ihrer Empfindung den Lauf, und dachte nicht daran, dafl sie einen
Zeugen davon hatte, der ¸ber alles was er sah und hˆrte, erstaunt sein
muflte. Allein die G¸te seines Herzens, und diese Sympathie, welche
schˆne Seelen in wenigen Augenblicken vertraut mit einander macht, gab ihm
in einer Situation, auf die er sich so wenig hatte gefaflt machen kˆnnen,
gerade die n‰mliche Art des Betragens ein, die er h‰tte haben kˆnnen, wenn
er schon von Jahren her ihr Vertrauter gewesen w‰re. Er trug seinen
Freund auf den Sopha, auf welchen sich Danae neben ihn hinwarf, und da er
nun schon genug wuflte, um zu sehen, dafl er hier weiter nichts helfen
konnte, so entfernte er sich unvermerkt weit genug, um unsre Liebenden von
dem Zwang einer Zur¸ckhaltung zu entledigen, welche in so sonderbaren
Augenblicken ein grˆfleres ¸bel ist, als die unempfindlichen Leute sich
vorstellen kˆnnen. Allm‰hlich bekam Agathon, an der Seite der
gef¸hlvollen Danae, und von einem ihrer schˆnen Arme umschlungen, das
Vermˆgen zu atmen wieder; sein Gesicht ruhte an ihrem Busen, und die
Tr‰nen, welche ihn zu benetzen anfingen, waren das erste, was ihr seine
wiederkehrende Empfindung anzeigte. Ihre erste Bewegung war, sich von ihm
zur¸ckzuziehen; aber ihr Herz versagte ihr die Kraft dazu; es sagte ihr,
was in dem seinigen vorging, und sie hatte den Mut nicht, ihm eine
Lindrung zu entziehen, welche er so nˆtig zu haben schien, und in der Tat
nˆtig hatte. Allein in wenigen Augenblicken machte er sich selbst den
Vorwurf, dafl er einer so groflen G¸tigkeit unw¸rdig sei--er raffte sich auf,
warf sich zu ihren F¸flen, umfaflte ihre Knie mit einer Empfindung, welche
mit Worten nicht ausgedr¸ckt werden kann, versuchte es sie anzusehen, und
sank, weil er ihren Anblick nicht auszuhalten vermochte, mit Tr‰nen
beschwemmtem Gesicht, auf ihren Schofl nieder. Danae konnte nun nicht
zweifeln, dafl sie geliebt werde, und es kostete sie, die Entz¸ckung
zur¸ckzuhalten, worin sie durch diese Gewiflheit gesetzt wurde; aber es war
notwendig, dieser allzuz‰rtlichen Szene ein Ende zu machen. Agathon
konnte noch nicht reden--und was h‰tte er reden sollen?--"Ich bin
zufrieden, Agathon", sagte sie mit einer Stimme, welche wider ihren Willen
verriet, wie schwer es ihr wurde, ihre Tr‰nen zur¸ckzuhalten--"Ich bin
zufrieden--du findest eine Freundin wieder--und ich hoffe du werdest sie
k¸nftig deiner Hochachtung weniger unw¸rdig finden, als jemals--Keine
Entschuldigungen mein Freund", (denn Agathon wollte etwas sagen, das einer
Entschuldigung gleich sah, und woraus er sich in der heftigen Bewegung,
worin er war, schwerlich zu seinem Vorteil gezogen h‰tte) "du wirst keine
Vorw¸rfe von mir hˆren--wir wollen uns des Vergangenen nur erinnern, um
das Vergn¸gen eines so unverhofften Wiedersehens desto vollkommner zu
genieflen -" "Groflm¸tige, gˆttliche Danae!" rief Agathon in einer
Entz¸ckung von Dankbarkeit und Liebe--"Keine Beiwˆrter, Agathon",
unterbrach ihn Danae, "keine Schw‰rmerei! Du bist zu sehr ger¸hrt;
beruhige dich--wir werden Zeit genug haben, uns von allem, was seitdem wir
uns zum letzten mal gesehen haben, vorgegangen ist, Rechenschaft zu
geben--Lafl mich das Vergn¸gen dich wieder gefunden zu haben unvermischt
genieflen; es ist das erste, das mir seit zweien Jahren zu Teil wird."

Mit diesen Worten (und in der Tat h‰tte sie die letztern f¸r sich selbst
behalten kˆnnen, wenn es mˆglich w‰re, immer Meister von seinem Herzen zu
sein) stund sie auf, n‰herte sich dem Critolaus, und liefl dem mehr als
jemals bezauberten Agathon Zeit, sich in eine ruhigere Gem¸tsfassung zu
setzen.

Coetera intus agentur--Unsere schˆnen Leserinnen wissen nun schon genug,
um sich vorstellen zu kˆnnen, was diese z‰rtliche Szene f¸r Folgen haben
muflte. Danae und Critolaus wurden gar bald gute Freunde. Dieser junge
Mann gestund, seine Psyche ausgenommen, nichts vollkommners gesehen zu
haben, als Danae; und Danae erfuhr mit vielem Vergn¸gen, dafl Critolaus der
Gemahl der schˆnen Psyche, und Psyche die wiedergefundene Schwester
Agathons sei. Sie hatte nicht viel M¸he ihre G‰ste zu bereden, das
Nachtlager in ihrem Hause anzunehmen; unsre Liebenden h‰tten also die
Schuld sich selbst beimessen m¸ssen, wenn sie keine Gelegenheit gefunden
h‰tten, sich umst‰ndlich zu besprechen, und gegen einander zu erkl‰ren.
Die schˆne Danae meldete ihrem Freunde, dafl sie die Verr‰terei des Hippias,
und die Ursache der heimlichen Entweichung Agathons, bei ihrer
Zur¸ckkunft nach Smyrna bald entdeckt habe. Sie verbarg ihm nicht, dafl
der Schmerz ihn verloren zu haben, sie zu dem seltsamen Entschlufl gebracht,
der Welt zu entsagen, und in irgend einer entlegenen Einˆde sich selbst
f¸r die Schwachheiten und Fehltritte ihres vergangenen Lebens zu bestrafen;
jedoch setzte sie hinzu, hoffe sie, dafl wenn sie einmal Gelegenheit haben
w¸rde, ihm eine ganz aufrichtige und umst‰ndliche Erz‰hlung der Geschichte
ihres Herzens bis auf die Zeit, da sein Umgang und die Begeistrung, worein
sie durch ihn allein zum ersten mal in ihrem Leben gesetzt worden, ihrer
Seele wie ein neues Wesen gegeben, zu machen--er Ursache finden w¸rde sie,
wo nicht immer zu entschuldigen, doch mehr zu bedauren als zu verdammen.
Die Furcht, den Gedanken in ihr zu veranlassen, als ob sie durch das was
ehmals zwischen ihnen vorgegangen war, von seiner Hochachtung verloren
h‰tte, zwang unsern Helden eine geraume Zeit, die Lebhaftigkeit seiner
Empfindungen in seinem Herzen zu verschlieflen. Danae wurde indessen mit
der Familie des Archytas bekannt, man muflte sie lieben, sobald man sie sah;
und sie gewann desto mehr dabei, je besser man sie kennen lernte. Es war
¸berdies eine von ihren Gaben, dafl sie sich sehr leicht und mit der besten
Art in alle Personen, Umst‰nde und Lebens-Arten schicken konnte. Wie
konnte es also anders sein, als dafl sie in kurzem durch die z‰rtlichste
Freundschaft mit dieser liebensw¸rdigen Familie verbunden werden muflte?
Selbst der weise Archytas liebte ihre Gesellschaft, und sie machte sich
ein Vergn¸gen daraus, einem alten Manne von so seltnen Verdiensten die
Beschwerden des hohen Alters durch die Annehmlichkeiten ihres Umgangs
erleichtern zu helfen. Aber nichts war der Liebe zu vergleichen, welche
Psyche und Danae einander einflˆflten. Niemalen hat vielleicht unter zwo
Frauenzimmern, welche so geschickt waren, Rivalinnen zu sein, eine so
z‰rtliche, und vollkommne Freundschaft geherrschet. Man kann sich
einbilden, ob Agathon dabei verlor. Er sah die schˆne Danae alle Tage; er
hatte alle Vorrechte eines Bruders bei ihr--aber wie sollte es mˆglich
gewesen sein, dafl er sich immer daran begn¸gt h‰tte?--Es gab Augenblicke,
wo er, von den Erinnerungen seiner ehmaligen Gl¸ckseligkeit berauscht,
sich die Rechte eines beg¸nstigten Liebhabers herausnehmen wollte. Aber
Danae wurde durch den vertrauten Umgang mit so tugendhaften Personen, als
diejenigen waren, mit denen sie nunmehr lebte, in ihrer neuen Denkungs-Art
so sehr best‰rkt, dafl die z‰rtlichsten Verf¸hrungen der Liebe nichts ¸ber
sie erhielten. In diesem St¸cke wollte sie nicht mehr Danae f¸r ihn sein.
"Das ist unwahrscheinlich", werden die Kenner sagen; "unwahrscheinlich",
antworte ich, "aber mˆglich". Mit einem Worte, Danae bewies durch ihr
Exempel, dafl es einer Danae mˆglich sei; und Agathon erfuhr es so sehr,
dafl Psyche endlich selbst Mitleiden mit ihm zu haben anfing. Sie wuflte
die geheime Geschichte ihrer Freundin; Danae hatte Tugend genug gehabt,
ihr eine aufrichtige Erz‰hlung davon zu machen. Die Bedenklichkeiten sind
leicht zu erraten, welche der Gl¸ckseligkeit dieser Liebenden, welche so
ganz f¸r einander geschaffen zu sein schienen, im Wege stund. Aber waren
sie wichtig genug, um ihrentwillen ungl¸cklich zu sein?--Hatte er nicht
das Beispiel des groflen Perikles vor sich? Verdiente Danae nicht in allen
Betrachtungen das Schicksal der Aspasia?--Es w‰re uns leicht, unsern
Lesern hier¸ber aus dem Wunder zu helfen; aber wir ¸berlassen es ihnen zu
erraten, was er tat--oder auszumachen, was er h‰tte tun sollen.

F‹NFTES KAPITEL

Abdankung

Und nun, nachdem wir in diesem letzten Buche zu Gunsten unsers Helden
alles getan zu haben glauben, was die z‰rtlichsten Freunde, die er sich
erworben haben kann, (und wir hoffen, dafl er einige haben werde,) nur
immer zu seinem Besten w¸nschen konnten--Nachdem er so gl¸cklich ist, als
es vielleicht noch kein Sterblicher gewesen ist--oder es doch in seiner
Gewalt hat, gl¸cklich zu sein--Nun bleibt uns nichts ¸brig, als unsern
Lesern und Leserinnen, welche Geduld genug gehabt haben, bis zu diesem
Blatte fortzulesen--daf¸r zu danken--und sie zu versichern, dafl es uns
sehr angenehm sein sollte, wenn sie soviel Geschmack an dieser Geschichte
gefunden h‰tten, um sie noch einmal zu lesen--und noch angenehmer, wenn
sie weiser oder besser dadurch geworden sein sollten. Indessen ist das
ihre Sache. Der Herausgeber dieser Geschichte schmeichelt sich wenigstens,
(und wer schmeichelt sich nicht?) dafl er ihnen viele Gelegenheit zu dem
einen und zu dem andern gegeben habe; und wofern der Erfolg seiner
Erwartung nicht entsprechen sollte, so wird er sich durch das t‰gliche
Beispiel so vieler tausend Anstalten und Bem¸hungen, welche ihren Zweck
verfehlen, beruhigen, und mit Horaz, sich in die Tugend seiner Absicht
einwickeln.

‹brigens kann er nicht umhin, seinen Freunden im Vertrauen zu entdecken,
dafl ihn das griechische Manuskript, welches er in Handen hat, in den Stand
setzt, noch einige Nachtr‰ge oder Zugaben zu der Geschichte des Agathon zu
liefern, welche ihrer Neugier vielleicht nicht unw¸rdig sein mˆchten. Es
ist zum Exempel nicht unmˆglich, dafl sie begierig sein kˆnnten, das System
des weisen Archytas genauer zu kennen; oder zu wissen, wie Agathon in
seinem f¸nfzigsten Jahre ¸ber alles was im Himmel und auf Erden ein
Gegenstand unsers Nachforschens, unsrer Gedanken--Neigungen--W¸nsche--oder
Tr‰ume zu sein verdient, gedacht habe. Vielleicht mˆchte es ihnen auch
nicht unangenehm sein, die Geschichte der schˆnen Danae (so wie sie den
Mut gehabt, sie dem Agathon zu einer Zeit zu erz‰hlen, da er nicht mehr so
enthusiastisch, aber desto billiger dachte) in einer ausf¸hrlichen
Erz‰hlung zu lesen?--Mit allem diesem kˆnnten wir dem Verlangen unsrer
Freunde ein Gen¸ge tun--wenn wir erst gewifl davon w‰ren, dafl sie ein
solches Verlangen h‰tten--und wenn wir einige Ursache finden sollten zu
hoffen, dafl dem Publico durch diese Nachtr‰ge nur ein halb so grofler
Dienst geleistet w¸rde, als der franzˆsische Verfasser des Traktats von
den Nachtigallen (dessen Helvetius erw‰hnt) dem menschlichen Geschlechte
durch sein Buch geleistet zu haben glaubte.

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