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Geschichte des Agathon, Teil 2 by Christoph Martin Wieland

Part 3 out of 4

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Windstille auf dem Meer, der gewisse Vorbote des Sturms und Untergangs
sein w¸rde. Er zeigte, dafl die Tugend, dieses geheiligte Palladium der
Freistaaten, an dessen Erhaltung ihre Gesetzgeber das ganze Gl¸ck
derselben gebunden h‰tten, eine Art von unsichtbaren und durch verj‰hrten
Aberglauben geheiligten Gˆtzen sei, an denen nichts als der Name verehrt
werde; dafl man in diesen Staaten einen stillschweigenden Vertrag mit
einander gemacht zu haben scheinen sich durch den Namen und ein gewisses
Phantom von Gerechtigkeit, M‰fligung, Uneigenn¸tzigkeit, Liebe des
Vaterlandes und des gemeinen Besten von einander betr¸gen zu lassen; und
dafl unter der Maske dieser politischen Heuchelei, unter dem ehrw¸rdigen
Namen aller dieser Tugenden, das Gegenteil derselben nirgends
unversch‰mter ausge¸bt werde. Es w¸rden, meinte er, eine Menge besonderer
Umst‰nde, welche sich in etlichen tausend Jahren kaum einmal in irgend
einem Winkel des Erdbodens zusammenfinden kˆnnten, dazu erfordert, um eine
Republik in dieser Mittelm‰fligkeit zu erhalten, ohne welche sie von keinem
Bestand sein kˆnne: Und daher dafl dieser Fall so selten sei, und von so
vielen zuf‰lligen Ursachen abhange, komme es, dafl die meisten Republiken
entweder zu schwach w‰ren, ihren B¸rgern die mindeste Sicherheit zu
gew‰hren; oder dafl sie nach einer Grˆfle strebten, welche nach einer Folge
von Miflhelligkeiten, Kabalen, Verschwˆrungen und B¸rgerkriegen endlich den
Untergang des Staats nach sich ziehe, und demjenigen, welcher Meister vom
Kampf-Platze bliebe, nichts als Einˆden zu bevˆlkern und Ruinen wieder
aufzubauen ¸berlasse. So gar die Freiheit, auf welche diese Staaten mit
Ausschlufl aller andern Anspruch machten, finde kaum in den despotischen
Reichen Asiens weniger Platz; weil entweder das Volk sich dem¸tiglich
gefallen lassen m¸sse, was die Edeln und Reichen, ihrem besondern
Interesse gem‰fl, schlˆssen und handelten; oder wenn das Volk selbst den
Gesetzgeber und Richter mache, kein ehrlicher Mann sicher sei, dafl er
nicht morgen das Opfer derjenigen sein werde, denen seine Verdienste im
Wege stehen, oder die durch sein Ansehen und Vermˆgen reicher und grˆfler
zu werden hoffeten. In keinem andern Staat sei es weniger erlaubt von
seinen F‰higkeiten Gebrauch zu machen, selbst zu denken, und ¸ber wichtige
Gegenst‰nde dasjenige was man f¸r gemeinn¸tzlich halte, ohne Gefahr,
bekannt werden zu lassen; alle Vorschl‰ge zu Verbesserungen w¸rden unter
dem verhaflten Namen der Neuerungen verworfen, und zˆgen ihren Urhebern
geheime oder ˆffentliche Verfolgungen zu. Selbst die Grundpfeiler der
menschlichen Gl¸ckseligkeit, und dasjenige, was den gesitteten Menschen
eigentlich von dem Wilden und Barbaren unterscheide, Wahrheit, Tugend,
Wissenschaften, und die liebensw¸rdigen K¸nste der Musen, seien in diesen
Staaten verd‰chtig oder gar verhaflt; w¸rden durch tausend im Finstern
schleichende Mittel entkr‰ftet, an ihrem Fortgang verhindert, oder doch
gewifl weder aufgemuntert noch belohnt; und allein zu Unterst¸tzung der
herrschenden Vorurteile und Miflbr‰uche verurteilt--Doch genug!--wir haben
zu viel Ursache g¸nstiger von freien Staaten zu denken--wenn es auch nur
darum w‰re, weil wir die Ehre haben unter einer Nation zu leben, deren
Verfassung selbst republikanisch ist, und in der Tat die wunderbarste Art
von Republik vorstellt, welche jemals auf dem Erdboden gesehen worden
ist--als dafl wir diesen Auszug einer f¸r den Ruhm der Freistaaten so
nachteiligen Rede ohne Widerwillen sollten fortsetzen kˆnnen. Es geschah
aus diesem n‰mlichen Grunde, dafl wir, anstatt den Diskurs des Agathon
seinem ganzen Umfange nach aus unsrer Urkunde abzuschreiben, uns begn¸gt
haben, einige Z¸ge davon, als eine wiewohl sehr unvollkommene Probe des
Ganzen anzuf¸hren. Ferne soll es allezeit von uns sein, irgend einem
Erdenbewohner die Stellung worin er sich befindet, unangenehmer zu machen,
als sie ihm bereits sein mag; oder Anlafl zu geben, dafl die Gebrechen
einiger l‰ngst zerstˆrten Griechischen Republiken, aus denen Agathon seine
Gem‰lde hernahm, zur Verunglimpfung derjenigen miflbraucht werden kˆnnten,
welche in neuern Zeiten als ehrw¸rdige Freist‰dte und Zufluchts-Pl‰tze der
Tugend, der gesunden Denkungs-Art, der ˆffentlichen Gl¸ckseligkeit und
einer politischen Gleichheit, welche sich der nat¸rlichen mˆglichst n‰hert,
angesehen werden kˆnnen. Unsrer ¸brigens ganz unmaflgeblichen Meinung
nach, gehˆrt die Frage, ¸ber welche hier disputiert wurde, unter die
wichtigen Fragen--ob Scaramuz, ob Scapin besser tanze--und so viele andre
von diesem Schlage, (wenn sie gleich ein ernsthafteres Ansehen haben)
wor¸ber bis auf unsre Tage so viel Zeit und M¸he--von G‰nsespulen, Papier
und Dinte nichts zu sagen--verloren worden, ohne dafl sich absehen liefle,
wie, worin oder um wieviel die Welt jemals durch ihre Auflˆsung sollte
gebessert werden kˆnnen. Wir kˆnnten diese unsre Meinung rechtfertigen;
aber es ist unnˆtig; ein jeder hat die Freiheit anders zu meinen wenn er
will, ohne dafl wir ihn zur Rechenschaft ziehen werden; hanc veniam petimus,
damusque vicissim; denn in der Tat, ein Buch w¸rde niemalen zu Ende
kommen, wenn der Autor schuldig w‰re, alles zu beweisen, und sich ¸ber
alles zu rechtfertigen. Wir ¸bergehen also auch, aus einem andern Grunde,
den wir den Liebhabern der R‰tsel und Logogryphen zu erraten geben, die
Lobrede, welche Agathon der monarchischen Staats-Verfassung hielt. Die
Beherrscher der Welt scheinen (mit Recht, w¸rde Philistus sagen, denn ich
machte es an ihrem Platz auch so) ordentlicher Weise sehr gleichg¸ltig
¸ber die Meinung zu sein, welche man von ihrer Regierungs-Art hat--Es gibt
F‰lle, wir gestehen es, wo dieses eine Ausnahme leidet--aber diese F‰lle
begegnen selten, wenn man die Vorsichtigkeit gebraucht, hundert und
f¸nfzigtausend wohlbewaffnete Leute bereit zu halten, mit deren Beistand
man sehr wahrscheinlich hoffen kann, sich ¸ber die Meinung aller
friedsamen Leute in der ganzen Welt hinwegsetzen zu kˆnnen. Sind nicht
eben diese hundert und f¸nfzigtausend--oder wenn ihrer auch mehr sind;
desto besser!--ein lebendiger, augenscheinlicher, ja der beste Beweis, der
alle andre unnˆtig macht, dafl eine Nation gl¸cklich gemacht wird?--Genug
also (und dieser Umstand allein gehˆrt wesentlich zu unsrer Geschichte)
dafl diese Rede, worin Agathon alle Gebrechen verdorbener Freistaaten und
alle Vorz¸ge wohlregierter Monarchien, in zwei kontrastierende Gem‰lde
zusammendr‰ngte, das Gl¸ck hatte, alle Stimmen davon zu tragen, alle
Zuhˆrer zu ¸berreden, und dem Redner eine Bewunderung zu zuziehen, welche
den Stolz des eitelsten Sophisten h‰tte s‰ttigen kˆnnen. Jedermann war
von einem Manne bezaubert, welcher so seltne Gaben mit einer so groflen
Denkungs-Art und mit so menschenfreundlichen Gesinnungen vereinigte. Denn
Agathon hatte nicht die Tyrannie, sondern die Regierung eines Vaters
angepriesen, der seine Kinder wohl erzieht und gl¸cklich zu machen sucht.
Man sagte sich selbst, was f¸r goldene Tage Sicilien sehen w¸rde, wenn ein
solcher Mann das Ruder f¸hrte. Er hatte nicht vergessen, im Eingang
seines Diskurses dem Verdacht vorzukommen, als ob er die Republiken aus
Rachsucht schelte, und die Monarchie aus Schmeichelei und geheimen
Absichten erhebe: Er hatte bei dieser Gelegenheit zu erkennen gegeben, dafl
er entschlossen sei, nach Tarent ¸berzugehen, um in der ruhigen Dunkelheit
des Privatstandes, welchen er seiner Neigung nach allen andern vorziehe,
dem Nachforschen der Wahrheit und der Verbesserung seines Gem¸ts
obzuliegen--(Redensarten, die in unsern Tagen seltsam und l‰cherlich
klingen w¸rden, aber damals ihre Bedeutung und W¸rde noch nicht g‰nzlich
verloren hatten.) Jedermann tadelte oder bedaurte diese Entschlieflung, und
w¸nschte, dafl Dionys alles anwenden mˆchte, ihn davon zur¸ckzubringen.
Niemalen hatte sich die Neigung des Prinzen mit den W¸nschen seines Volkes
so gleichstimmig befunden wie dieses mal. Die starke Zuneigung, die er
f¸r die Person unsers Helden, und die hohe Meinung, die er von seinen
F‰higkeiten gefasset hatte, war durch diesen Diskurs auf den hˆchsten Grad
gestiegen. So wenig best‰ndiges auch in Dionysens Charakter war, so hatte
er doch seine Augenblicke, wo er w¸nschte, dafl es weniger Verleugnung
kosten mˆchte, ein guter F¸rst zu sein. Die Beredsamkeit Agathons hatte
ihn wie die ¸brige Zuhˆrer mit sich fortgerissen; er f¸hlte die Schˆnheit
seiner Gem‰lde, und vergafl dar¸ber, dafl eben diese Gem‰lde eine Art von
Satyre ¸ber ihn selbst enthielten. Er setzte sich vor, dasjenige zu
erf¸llen, was Agathon auf eine stillschweigende Art von seiner Regierung
versprochen hatte; und um sich die Pflichten, die ihm dieser Vorsatz
auferlegte, zu erleichtern, wollte er sie durch eben denjenigen aus¸ben
lassen, der so gut davon reden konnte. Wo konnte er ein tauglicheres
Instrument finden, den Syracusanern seine Regierung beliebt zu machen? Wo
konnte er einen andern Mann finden, der so viele angenehme Eigenschaften
mit so vielen n¸tzlichen vereinigte?--Dionys hatte sich, wie wir schon
bemerkt haben, angewˆhnt, zwischen seine Entschlieflungen und ihre
Ausf¸hrung so wenig Zeit zu setzen als mˆglich war. Alles was er einmal
wollte, das wollte er hastig und ungeduldig; denn, in so fern er sich
selbst ¸berlassen blieb, sah er eine Sache nur von einer Seite an; und
dieses mal entdeckte er sich niemand als dem Aristipp, der nichts vergafl,
was ihn in seinem Vorhaben best‰rken konnte. Dieser Philosoph erhielt
also den Auftrag, dem Agathon Vorschl‰ge zu tun. Agathon entschuldigte
sich mit seiner Abneigung vor dem gesch‰ftigen Leben, und bestimmte den
Tag seiner Abreise. Dionys wurde dringender. Agathon bestand auf seiner
Weigerung, aber mit einer so bescheidenen Art, dafl man hoffen konnte, er
werde sich bewegen lassen. In der Tat war seine Absicht nur, die
Zuneigung eines so wenig zuverl‰ssigen Prinzen zuvor auf die Probe zu
stellen, eh er sich in Verbindungen einlassen wollte, welche f¸r das Gl¸ck
anderer und f¸r seine eigene Ruhe so gute oder so schlimme Folgen haben
konnten.

Endlich, da er Ursache hatte zu glauben, dafl die Hochachtung die er ihm
eingeflˆflt hatte, etwas mehr als ein launischer Geschmack sei, gab er
seinem Anhalten nach; aber nicht anders als unter gewissen Bedingungen,
welche ihm Dionys zugestehen muflte. Er erkl‰rte sich, dafl er allein in
der Qualit‰t seines Freundes an seinem Hofe bleiben wollte, so lange als
ihn Dionys daf¸r erkennen, und seiner Dienste nˆtig zu haben glauben w¸rde;
er wollte sich aber auch nicht fesseln lassen, und die Freiheit behalten
sich zur¸ckzuziehen, so bald er s‰he, dafl sein Dasein zu nichts n¸tze sei.
Die einzige Belohnung, welche er sich bef¸gt halte f¸r seine Dienste zu
verlangen, sei diese, dafl Dionys seinen R‰ten folgen mˆchte, so lange er
werde zeigen kˆnnen, dafl dadurch jedesmal das Beste der Nation, und die
Sicherheit, der Ruhm und die Privat-Gl¸ckseligkeit des Prinzen zugleich
befˆrdert werde. Endlich bat er sich noch aus, dafl Dionys niemals einige
heimliche Eingebungen oder Anklagen gegen ihn annehmen mˆchte, ohne ihm
solche offenherzig zu entdecken, und seine Verantwortung anzuhˆren.

Dionys bedachte sich um so weniger, alle diese Bedingungen zu
unterschreiben, da er entschlossen war ihn zu haben, wenn es auch die
H‰lfte seines Reichs kosten sollte. Agathon bezog also die Wohnung,
welche man im Palast aufs pr‰chtigste f¸r ihn ausger¸stet hatte; Dionys
erkl‰rte ˆffentlich, dafl man sich in allen Sachen an seinen Freund Agathon,
wie an ihn selbst, wenden kˆnne; die Hˆflinge stritten in die Wette, wer
dem neuen G¸nstling seine Unterw¸rfigkeit auf die sklavenm‰fligste Art
beweisen kˆnne; und Syracus sah mit froher Erwartung der Wiederkunft der
Saturnischen Zeiten entgegen.

Wir machen hier eine kleine Pause, um dem Leser Zeit zu lassen, dasjenige
zu ¸berlegen, was er sich selbst in diesem Augenblick f¸r oder wider
unsern Helden zu sagen haben mag. Vermutlich mag einigen der Eifer
miflf‰llig gewesen sein, womit er, aus Hafl gegen sein undankbares Vaterland,
wider die Republiken ¸berhaupt gesprochen; indessen dafl vielleicht andere
sein ganzes Betragen, seit dem wir ihn an dem Hofe des Kˆnigs Dionys sehen,
einer gek¸nstelten Klugheit, welche nicht in seinem Charakter sei, und
ihm eine schielende Farbe gebe, beschuldigen werden. Wir haben uns schon
mehrmalen erkl‰rt, dafl wir in diesem Werke die Pflichten eines
Geschichtschreibers und nicht eines Apologisten ¸bernommen haben; indessen
bleibt uns doch erlaubt, von den Handlungen eines Mannes, dessen Leben wir
zwar nicht f¸r ein Muster, aber doch f¸r ein lehrreiches Beispiel geben,
eben so frei nach unserm Gesichtspunkt zu urteilen, als es unsre Leser aus
dem ihrigen tun mˆgen. Was also den ersten Punkt betrifft, so haben wir
bereits erinnert, dafl es unbillig sein w¸rde, dasjenige was Agathon wider
die Republiken seiner Zeit gesprochen, f¸r eine, von ihm gewifl nicht
abgezielte, Beleidigung solcher Freistaaten anzusehen, welche (wie er als
mˆglich erkannt hat) unter dem Einflufl g¸nstiger Umst‰nde, durch ihre Lage
selbst vor ausw‰rtigem Neid, und vor ausschweifenden
Vergrˆflerungs-Gedanken gesichert, durch weise Gesetze, und was noch mehr
ist, durch die Macht der Gewohnheit, in einer gl¸ckseligen Mittelm‰fligkeit
fortdauern, und die Gebrechen kaum dem Namen nach kennen, welche Agathon
an den Republiken seiner Zeit f¸r unheilbar angesehen. Ob er aber diesen
letztern zuviel getan habe, mˆgen diejenigen entscheiden, welche mit den
besondern Umst‰nden ihrer Geschichte bekannt sind. Hat die Empfindung des
Unrechts, welches ihm selbst zu Athen zugef¸gt worden, etwas Galle in
seine Kritik gemischt; so ersuchen wir unsre Leser (nicht dem Agathon zu
lieb; denn was kann diesem durch ihre Meinung von ihm zu--oder abgehen?)
sich an seinen Platz zu stellen, und sich alsdann zu fragen, wie wert
ihnen ein Vaterland sein w¸rde, welches ihnen so mitgespielt h‰tte? Sie
mˆgen sich erinnern, dafl es insgemein nur auf eine kleine Beleidigung
ihrer Eigenliebe ankommt, um ihre Hochachtung gegen eine Person in
Verachtung, ihre Liebe in Abscheu, ihre Lobspr¸che in Schm‰hreden, ihre
guten Dienste in Verfolgungen zu verwandeln. "Wie oft, meine Herren, hat
sich schon um einer nichts bedeutenden Ursache willen, ihre ganze
Denkungs-Art von Personen und Sachen ge‰ndert?--Antworten Sie Sich selbst
so leise als Sie wollen; denn wir verlangen nichts davon zu hˆren; und
wenn Sie, nach diesem kleinen Blick in sich selbst, unserm Helden nicht
vergeben kˆnnen, dafl er ein Vaterland nicht liebte, welches alles mˆgliche
getan hatte, sich ihm verhaflt zu machen: So m¸ssen wir zwar die Strenge
ihrer Sittenlehre bewundern; aber--doch gestehen, dafl wir Sie noch mehr
bewundern w¸rden, wenn Sie so lange, bis Sie gelernt h‰tten etwas weniger
Parteilichkeit f¸r sich selbst zu hegen, etwas mehr Nachsicht gegen andre
sich empfohlen sein lassen wollten."

¸berhaupt hat man Ursache zu glauben, dafl Agathon gesprochen habe wie er
dachte, und das ist zu Rechtfertigung seiner Redlichkeit genug. Und warum
sollten wir an dieser zu zweifeln anfangen? Sein ganzes Betragen, w‰hrend
dafl er das Herz des Tyrannen in seinen H‰nden hatte, bewies, dafl er keine
Absichten hegete, welche ihn genˆtiget h‰tten, ihm gegen seine ¸berzeugung
zu schmeicheln. Es ist wahr, er hatte Absichten, bei allem was er von dem
Augenblick, da er den Fufl in Dionysens Palast setzte, tat; sollte er
vielleicht keine gehabt haben? Was kˆnnen wir, nach der ‰uflersten Sch‰rfe,
mehr fodern, als dafl seine Absichten edel und tugendhaft sein sollen; und
so waren sie, wie wir bereits gesehen haben. Es scheint also nicht, dafl
man Grund habe, ihm aus der Vorsichtigkeit einen Vorwurf zu machen, womit
er, in der neuen und schl¸pfrigen Situation, worin er war, alle seine
Handlungen einrichten muflte, wenn sie Mittel zu seinen Absichten werden
sollten. Wir geben zu, dafl eine Art von Zur¸ckhaltung und Feinheit daraus
hervorblickt, welche nicht ganz in seinem vorigen Charakter zu sein
scheint. Aber das verdient an sich selbst keinen Tadel. Es ist noch
nicht ausgemacht, ob diese Unver‰nderlichkeit der Denkungs-Art und
Verhaltungs-Regeln, worauf manche ehrliche Leute sich so viel zu gute tun,
eine so grofle Tugend ist, als sie sich vielleicht einbilden. Die
Eigenliebe schmeichelt uns zwar sehr gerne, dafl wir so wie wir sind, am
besten sind; aber sie hat Unrecht uns so zu schmeicheln. Es ist unmˆglich,
dafl indem alles um uns her sich ver‰ndert, wir allein unver‰nderlich sein
sollten; und wenn es auch nicht unmˆglich w‰re, so w‰r' es unschicklich.
Andre Zeiten erfordern andre Sitten; andre Umst‰nde, andre Bestimmungen
und Wendungen unsers Verhaltens. In moralischen Romanen finden wir
freilich Helden, welche sich immer in allem gleich bleiben--und darum zu
loben sind--denn wie sollte es anders sein, da sie in ihrem zwanzigsten
Jahre Weisheit und Tugend bereits in eben dem Grade der Vollkommenheit
besitzen, den die Socraten und Epaminondas nach vielfachen Verbesserungen
ihrer selbst kaum im sechzigsten erreicht haben? Aber im Leben finden wir
es anders. Desto schlimmer f¸r die, welche sich da immer selbst gleich
bleiben--Wir reden nicht von Toren und Lasterhaften--die Besten haben an
ihren Ideen, Urteilen, Empfindungen, selbst an dem worin sie vortrefflich
sind, an ihrem Herzen, an ihrer Tugend, unendlich viel zu ver‰ndern. Und
die Erfahrung lehrt, dafl wir selten zu einer neuen Entwicklung unsrer
Selbst, oder zu einer merklichen Verbesserung unsers vorigen innerlichen
Zustandes gelangen, ohne durch eine Art von Medium zu gehen, welches eine
falsche Farbe auf uns reflektiert, und unsre wahre Gestalt eine Zeitlang
verdunkelt. Wir haben unsern Helden bereits in verschiedenen Situationen
gesehen; und in jeder, durch den Einflufl der Umst‰nde, ein wenig anders
als er w¸rklich ist. Er schien zu Delphi ein blofler spekulativer
Enthusiast; und man hat in der Folge gesehen, dafl er sehr gut zu handeln
wuflte. Wir glaubten, nachdem er die schˆne Cyane gedem¸tiget hatte, dafl
ihm die Verf¸hrungen der Wollust nichts anhaben kˆnnten, und Danae bewies,
dafl wir uns betrogen hatten; es wird nicht mehr lange anstehen, so wird
eine neue vermeinte Danae, welche seine schwache Seite ausfindig gemacht
zu haben glauben mag, sich eben so betrogen finden. Er schien nach und
nach ein and‰chtiger Schw‰rmer, ein Platonist, ein Republikaner, ein Held,
ein Stoiker, ein Woll¸stling; und war keines von allen, ob er gleich in
verschiedenen Zeiten durch alle diese Klassen ging, und in jeder eine
N¸ance von derselben bekam. So wird es vielleicht noch eine Zeitlang
gehen--Aber von seinem Charakter, von dem was er w¸rklich war, worin er
sich unter allen diesen Gestalten gleich blieb, und was zuletzt, nachdem
alles Fremde und Heterogene durch die ganze Folge seiner Umst‰nde davon
abgeschieden sein wird, ¸brig bleiben mag--davon kann dermalen die Rede
noch nicht sein. Ohne also eben so voreilig ¸ber ihn zu urteilen, wie man
gewohnt ist, es im t‰glichen Leben alle Augenblicke zu tun--wollen wir
fortfahren, ihn zu beobachten, die wahren Triebr‰der seiner Handlungen so
genau als uns mˆglich sein wird auszusp‰hen, keine geheime Bewegung seines
Herzens, welche uns einigen Aufschlufl hier¸ber geben kann, entwischen
lassen, und unser Urteil ¸ber das Ganze seines moralischen Wesens so lange
zur¸ckhalten, bis--wir es kennen werden.

ZEHENTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Von Haupt--und Staats-Aktionen. Betragen Agathons am Hofe des Kˆnigs
Dionys

Man tadelt an Shakespear--demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der
die Menschen, vom Kˆnige bis zum Bettler, und von Julius C‰sar bis zu Jack
Fallstaff am besten gekannt, und mit einer Art von unbegreiflicher
Intuition durch und durch gesehen hat--dafl seine St¸cke keinen, oder doch
nur einen sehr fehlerhaften unregelm‰fligen und schlecht ausgesonnenen Plan
haben; dafl komisches und tragisches darin auf die seltsamste Art durch
einander geworfen ist, und oft eben dieselbe Person, die uns durch die
r¸hrende Sprache der Natur, Tr‰nen in die Augen gelockt hat, in wenigen
Augenblicken darauf uns durch irgend einen seltsamen Einfall oder
barokischen Ausdruck ihrer Empfindungen wo nicht zu lachen macht, doch
dergestalt abk¸hlt, dafl es ihm hernach sehr schwer wird, uns wieder in die
Fassung zu setzen, worin er uns haben mˆchte.--Man tadelt das--und denkt
nicht daran, dafl seine St¸cke eben darin nat¸rliche Abbildungen des
menschlichen Lebens sind.

Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen d¸rften) der
Lebenslauf der groflen Staats-Kˆrper selbst, in so fern wir sie als eben so
viel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt--und Staats-Aktionen
im alten gothischen Geschmack in so vielen Punkten, dafl man beinahe auf
die Gedanken kommen mˆchte, die Erfinder dieser letztern seien kl¸ger
gewesen als man gemeiniglich denkt, und h‰tten, wofern sie nicht gar die
heimliche Absicht gehabt, das menschliche Leben l‰cherlich zu machen,
wenigstens die Natur eben so getreu nachahmen wollen, als die Griechen
sich angelegen sein lieflen sie zu verschˆnern. Um itzo nichts von der
zuf‰lligen ‰hnlichkeit zu sagen, dafl in diesen St¸cken, so wie im Leben,
die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch die schlechtesten Acteurs
gespielt werden--was kann ‰hnlicher sein, als es beide Arten der
Haupt--und Staats-Aktionen einander in der Anlage, in der Abteilung und
Disposition der Szenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein pflegen.
Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst, warum
sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben? Wie oft
¸berraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten
vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten,
ohne dafl sich begreifen l‰flt, warum sie kamen, oder warum sie wieder
verschwinden? Wie viel wird in beiden dem Zufall ¸berlassen? Wie oft
sehen wir die grˆflesten W¸rkungen durch die armseligsten Ursachen
hervorgebracht? Wie oft das Ernsthafte und Wichtige mit einer
leichtsinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit l‰cherlicher Gravit‰t
behandelt? Und wenn in beiden endlich alles so kl‰glich verworren und
durch einander geschlungen ist, dafl man an der Mˆglichkeit der Entwicklung
zu verzweifeln anf‰ngt; wie gl¸cklich sehen wir durch irgend einen unter
Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott, oder durch
einen frischen Degen-Hieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgelˆst, aber
doch aufgeschnitten, welches in so fern auf eines hinaus lauft, dafl auf
die eine oder andere Art das St¸ck ein Ende hat, und die Zuschauer
klatschen oder zischen kˆnnen, wie sie wollen oder--d¸rfen. ¸brigens weifl
man, was f¸r eine wichtige Person in den komischen Tragˆdien, wovon wir
reden, der edle Hans Wurst vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen
Denkmal des Geschmacks unsrer Voreltern, auf dem Theater der Hauptstadt
des deutschen Reichs erhalten zu wollen scheint. Wollte Gott, dafl er
seine Person allein auf dem Theater vorstellte! Aber wie viele grofle
Aufz¸ge auf dern Schauplatze der Welt hat man nicht in allen Zeiten mit
Hans Wurst--oder, welches noch ein wenig ‰rger ist, durch Hans
Wurst--auff¸hren gesehen? Wie oft haben die grˆflesten M‰nner, dazu
geboren, die sch¸tzenden Genii eines Throns, die Wohlt‰ter ganzer Vˆlker
und Zeitalter zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen
kleinen schnakischen Streich von Hans Wurst, oder solchen Leuten vereitelt
sehen m¸ssen, welche ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen,
doch gewifl seinen ganzen Charakter an sich trugen? Wie oft entsteht in
beiden Arten der Tragi-Komˆdien die Verwicklung selbst lediglich daher,
dafl Hans Wurst durch irgend ein dummes oder schelmisches St¸ckchen von
seiner Arbeit den gescheiten Leuten, eh sie sich's versehen kˆnnen, ihr
Spiel verderbt?--Manum de tabula!--Aber wenn diese Vergleichung, wie wir
besorgen, ihren Grund hat; so mˆgen wir wohl den Weisen und
Rechtschaffenen Mann bedauren, den sein Schicksal dazu verurteilt hat,
unter einem schlimmen, oder--welches ist ‰rger?--unter einem schwachen
F¸rsten, in die Verwaltung der ˆffentlichen Angelegenheiten verwickelt zu
sein? Was wird es ihm helfen, Einsichten und Mut zu haben, nach den
besten Grunds‰tzen und nach dem richtigsten Plan zu handeln; wenn das
ver‰chtlichste Ungeziefer, wenn ein Sklave, ein Kuppler, eine Bacchidion,
oder etwas noch schlimmers, irgend ein Parasite, dessen ganzes Verdienst
in Geschmeidigkeit, Verstellung und Schalkheit besteht, es in ihrer Gewalt
haben, seine Maflregeln zu verr¸cken, aufzuhalten, oder gar zu
hintertreiben? Indessen bleibt ihm, wenn er sich einmal an ein so
gefahrvolles Abenteuer gewagt hat, wie zum Exempel dasjenige, welches
Agathon w¸rklich zu bestehen hat, kein andres Mittel ¸brig, sich selbst zu
beruhigen, und auf alle F‰lle sein Betragen vor dem unparteiischen Gericht
der Weisen und der Nachwelt rechtfertigen zu kˆnnen--als dafl er sich, eh
er die Hand ans Werk legt, einen regelm‰fligen Plan seines ganzen
Verhaltens entwerfe. Wenn gleich alle Weisheit eines solchen Entwurfs ihm
f¸r den Ausgang nicht Gew‰hr leisten kann; so bleibt ihm doch der
trˆstende Gedanke, alles getan zu haben, was ihn, ohne Zuf‰lle die er
entweder nicht vorhersehen, oder nicht hintertreiben konnte, des
gl¸cklichen Erfolgs h‰tte versichern kˆnnen.

Dieses war also die erste Sorge unsers Helden, nachdem er sich anheischig
gemacht hatte, die Person eines Ratgebers und Vertrauten bei dem Kˆnige
Dionys zu spielen. Er sah alle, oder doch einen groflen Teil der
Schwierigkeiten, einen solchen Plan zu machen, der ihm durch den Labyrinth
des Hofes und des ˆffentlichen Lebens zum Leitfaden dienen kˆnnte. Aber
er glaubte, dafl der mangelhafteste Plan besser sei, als gar keiner; und in
der Tat war ihm die Gewohnheit, seine Ideen wor¸ber es auch sein mˆchte,
in ein System zu bringen, so nat¸rlich geworden, dafl sie sich, so zu sagen,
von sich selbst in einen Plan ordneten, welcher vielleicht keinen andern
Fehler hatte, als dafl Agathon noch nicht vˆllig so ¸bel von den Menschen
denken konnte, als es diejenigen verdienten, mit denen er zu tun hatte.
Indessen dachte er doch lange nicht mehr so erhaben von der menschlichen
Natur, als ehmals; oder richtiger zu reden, er kannte den unendlichen
Unterschied zwischen dem metaphysischen Menschen, welchen man sich in
einer spekulativen Einsamkeit ertr‰umt; dem nat¸rlichen Menschen, in der
rohen Einfalt und Unschuld, wie er aus den H‰nden der allgemeinen Mutter
der Wesen hervorgeht; und dem gek¸nstelten Menschen, wie ihn die
Gesellschaft, ihre Gesetze, ihre Gebr‰uche und Sitten, seine Bed¸rfnisse,
seine Abh‰nglichkeit, der immer w‰hrende Kontrast seiner Begierden mit
seinem Unvermˆgen, seines Privat-Vorteils mit den Privat-Vorteilen der
¸brigen, die daher entspringende Notwendigkeit der Verstellung, und
immerw‰hrenden Verlarvung seiner wahren Absichten, und tausend dergleichen
physikalische und moralische Ursachen in unz‰hliche betr¸gliche Gestalten
ausbilden--er kannte, sage ich, nach allen Erfahrungen, die er schon
gemacht hatte, diesen Unterschied der Menschen von dem was sie sein
kˆnnten, und vielleicht sein sollten, bereits zu gut, um seinen Plan auf
platonische Ideen zu gr¸nden. Er war nicht mehr der jugendliche
Enthusiast, der sich einbildet, dafl es ihm eben so leicht sein werde, ein
grofles Vorhaben auszuf¸hren, als es zu fassen. Die Athenienser hatten ihn
auf immer von dem Vorurteil geheilt, dafl die Tugend nur ihre eigene St‰rke
gebrauche, um ¸ber ihre H‰sser obzusiegen. Er hatte gelernt, wie wenig
man von andern erwarten kann; wie wenig man auf sie Rechnung machen, und
(was das wichtigste f¸r ihn war) wie wenig man sich auf sich selbst
verlassen darf, Er hatte gelernt, wieviel man den Umst‰nden nachgeben mufl;
dafl der vollkommenste Entwurf an sich selbst oft der schlechteste unter
den gegebenen Umst‰nden ist; dafl sich das Bˆse nicht auf einmal gut machen
l‰flt; dafl sich in der moralischen Welt, wie in der materialischen, nichts
in gerader Linie fortbewegt, und dafl man selten anders als durch viele
Kr¸mmen und Wendungen zu einem guten Zweck gelangen kann--Kurz, dafl das
Leben, zumal eines echten Staats-Mannes, einer Schiffahrt gleicht, wo der
Pilot sich gefallen lassen mufl, seinen Lauf nach Wind und Wetter
einzurichten; wo er keinen Augenblick sicher ist durch widrige Strˆme
aufgehalten oder seitw‰rts getrieben zu werden; und wo alles darauf
ankommt, mitten unter tausend unfreiwilligen Abweichungen von der Linie,
die er sich in seiner Karte gezogen hat, endlich dennoch, und so bald und
wohlbehalten als mˆglich, an dem vorgesetzten Ort anzulangen.

Diesen allgemeinen Grunds‰tzen zufolge bestimmte er die Absichten bei
allem was er unternahm, den Grad des Guten, welches er sich zu erreichen
vorsetzte, und sein Verhalten gegen diejenige, welche ihm dabei am meisten
hinderlich oder befˆrderlich sein kˆnnten--jenes, nach dem Zusammenhang
aller Umst‰nde, worin er die Sachen antraf--dieses nach Beschaffenheit der
Personen mit denen er's zu tun hatte, oder richtiger zu reden, nach der
zum teil wenig sichern Vorstellung, die er sich von ihrem Charakter machte.

Er konnte, seit dem er den Dionys n‰her kannte, nicht daran denken, ein
Muster eines guten F¸rsten aus ihm zu machen; aber er hoffte doch nicht
ohne Grund, seinen Lastern ihr sch‰dlichstes Gift benehmen, und seiner
guten Neigungen, oder vielmehr seiner guten Launen, seiner Leidenschaften
und Schwachheiten selbst, sich zum Vorteil des gemeinen Besten bedienen zu
kˆnnen. Diese Meinung von seinem Prinzen war in der Tat so bescheiden,
dafl er sie nicht tiefer herabstimmen konnte, ohne alle Hoffnung zu
Erreichung seiner Entw¸rfe aufzugeben; und doch zeigte sich in der Folge,
dafl er noch zu gut von ihm gedacht hatte. Dionys hatte in der Tat
Eigenschaften, welche viel gutes versprachen; aber ungl¸cklicher Weise
hatte er f¸r jede derselben eine andere, welche alles wieder vernichtete,
was jene zusagte; und wenn man ihn lange genug in der N‰he betrachtet
hatte, so befand sich's, dafl seine vermeinten Tugenden w¸rklich nichts
anders als seine Laster waren, welche von einer gewissen Seite betrachtet,
eine Farbe der Tugend annahmen. Indessen liefl sich doch Agathon durch
diese guten Anscheinungen so verblenden, dafl er die Unverbesserlichkeit
eines Charakters von dieser Art, und also den Ungrund aller seiner
Hoffnungen nicht eher einsah, als bis ihm diese Entdeckung zu nichts mehr
nutzen konnte.

Die grˆfleste Schwachheit des Prinzen, seiner Meinung nach, war sein
¸berm‰fliger Hang zur Gem‰chlichkeit und Wollust. Er hoffte dem ersten
dadurch zu begegnen, dafl er ihm die Gesch‰fte so leicht und so angenehm zu
machen suchte als mˆglich war; und dem andern, wenn er ihn wenigstens von
den wilden Ausschweifungen abgewˆhnte, zu denen er sich bisher hatte
hinreiflen lassen. Unsre Vergn¸gungen werden desto feiner, edler und
sittlicher, je mehr die Musen Anteil daran haben. Aus diesem richtigen
Grundsatz bem¸hte er sich, dem Dionys mehr Geschmack an den schˆnen
K¸nsten beizubringen, als er bisher davon gehabt hatte. In kurzem wurden
seine Pal‰ste, Landh‰user und G‰rten, mit den Meisterst¸cken der besten
Maler und Bildhauer Griechenlandes angef¸llt. Agathon zog die
ber¸hmtesten Virtuosen in allen Gattungen von Athen nach Syracus; er
f¸hrte ein pr‰chtiges Odeon nach dem Muster dessen, worauf Perikles den
ˆffentlichen Schatz der Griechen verwendet hatte, auf; und Dionys fand so
viel Vergn¸gen an den verschiedenen Arten von Schauspielen, womit er,
unter der Aufsicht seines G¸nstlings, fast t‰glich auf diesem Theater
belustiget wurde, dafl er, seiner Gewohnheit nach, eine Zeitlang allen
Geschmack an andern Ergˆtzlichkeiten verloren zu haben schien. Indessen
war doch eine andre Leidenschaft ¸brig, deren Herrschaft ¸ber ihn allein
hinl‰nglich war, alle guten Absichten seines neuen Freundes zu
hintertreiben. Gegenw‰rtig befand sich die T‰nzerin Bacchidion im Besitz
derselben; aber es fiel bereits in die Augen, dafl die unm‰flige Liebe,
welche sie ihm beigebracht, sehr viel von ihrer ersten Heftigkeit verloren
hatte. Es w¸rde vielleicht nicht schwer gehalten haben, die W¸rkung
seiner nat¸rlichen Unbest‰ndigkeit um etliche Wochen zu beschleunigen.
Aber Agathon hatte Bedenklichkeiten, die ihm wichtig genug schienen, ihn
davon abzuhalten. Die Gemahlin des Prinzen war in keinerlei Betrachtung
dazu gemacht, einen Versuch, ihn in die Grenzen der ehlichen Liebe
einzuschr‰nken, zu unterst¸tzen. Dionys konnte nicht ohne Liebesh‰ndel
leben; und die Gewalt, welche seine Maitressen ¸ber sein Herz hatten,
machte seine Unbest‰ndigkeit gef‰hrlich. Bacchidion war eines von diesen
gutartigen frˆhlichen Geschˆpfen, in deren Phantasie alles rosenfarb ist,
und welche keine andre Sorge in der Welt haben, als ihr Dasein von einem
Augenblick zum andern wegzuscherzen, ohne sich jemals einen Gedanken von
Ehrgeiz und Habsucht, oder einigen Kummer ¸ber die Zukunft anfechten zu
lassen. Sie liebte das Vergn¸gen ¸ber alles; immer aufgelegt es zu geben
und zu nehmen, schien es unter ihren Tritten aufzusprossen; es lachte aus
ihren Augen, und atmete aus ihren Lippen. Ohne daran zu denken, sich
durch die Leidenschaft des Prinzen f¸r sie wichtig zu machen, hatte sie
aus einer Art von mechanischer Neigung, vergn¸gte Gesichter zu sehen, ihre
Gewalt ¸ber sein Herz schon mehrmalen dazu verwandt, Leuten die es
verdienten, oder auch nicht verdienten (denn dar¸ber liefl sie sich in
keine Untersuchung ein) gutes zu tun. Agathon besorgte, dafl ihre Stelle
leicht durch eine andere besetzt werden kˆnnte, welche sich versuchen
lassen mˆchte, einen schlimmern Gebrauch von ihren Reizungen zu machen.
Er hielt es also seiner nicht unw¸rdig, mit guter Art, und ohne dafl es
schien, als ob er einige besondere Aufmerksamkeit auf sie habe, die
Neigung des Prinzen zu ihr mehr zu unterhalten als zu bek‰mpfen. Er
verschaffte ihr Gelegenheit, ihre belustigende Talente in einer
Mannichfaltigkeit zu entfalten, welche ihr immer die Reizungen der Neuheit
gab. Er wuflte es zu veranstalten, dafl Dionys durch ˆftere kleine
Entfernungen verhindert wurde, sich zu bald an dem Vergn¸gen zu ers‰ttigen,
welches er in den Armen dieser angenehmen Kreatur zu finden schien. Er
ging endlich gar so weit, dafl er bei Gelegenheit eines Gespr‰chs, wo die
Rede von den anzustrengen Grunds‰tzen des Plato ¸ber diesen Artikel war,
sich kein Bedenken machte, zu sagen: Dafl es unbillig sei, einen Prinzen,
welcher sich die Erf¸llung seiner groflen und wesentlichen Pflichten mit
gehˆrigem Ernst angelegen sein lasse, in seinen Privat-Ergˆtzungen ¸ber
die Grenzen einer anst‰ndigen M‰fligung einschr‰nken zu wollen. Alles, was
ihm hier¸ber wiewohl in allgemeinen Ausdr¸cken, entfiel, schien die
Bedeutung einer stillschweigenden Einwilligung in die Schwachheit des
Prinzen f¸r die schˆne Bacchidion zu haben, und in der Tat war dieses sein
Gedanke. Wir lassen dahin gestellt sein, ob die gute Absicht die er dabei
hatte, hinl‰nglich sein mag, eine so gef‰hrliche ‰uflerung zu rechtfertigen;
aber es ist gewifl, dafl Dionys, der bisher aus einer gewissen Scham vor
der Tugend unsers Helden sich bem¸ht hatte, seine schwache Seite vor ihm
zu verbergen, von dieser Stunde an weniger zur¸ckhaltend wurde, und aus
dem vielleicht unrichtigen aber sehr gemeinen Vorurteil, dafl die Tugend
eine erkl‰rte Feindin der Gottheiten von Cythere sein m¸sse, einen Argwohn
gegen unsern Helden faflte, wodurch er um einige Stufen herab, und mit ihm
selbst und den ¸brigen Erdenbewohnern, in Absicht gewisser Schwachheiten,
in die n‰mliche Linie gestellt wurde--ein Verdacht, der zwar durch die
sich selbst immer gleiche Auff¸hrung Agathons bald wieder zum Schweigen
gebracht, aber doch nicht so g‰nzlich unterdr¸ckt wurde, dafl sein geheimer
Einflufl in der Folge den Beschuldigungen der Feinde Agathons, den Zugang
in das Gem¸t eines Prinzen nicht erleichtert h‰tte, welcher ohnehin so
geneigt war, die Tugend entweder f¸r Schw‰rmerei oder f¸r Verstellung zu
halten. Indessen gewann Agathon durch seine Nachsicht gegen die
Lieblings-Fehler dieses Prinzen, dafl er sich desto williger bewegen liefl,
an den Gesch‰ften der Regierung mehr Anteil zu nehmen, als er gewohnt war;
und wir an unserm teil kˆnnen es ihm verzeihen, dafl er das viele Gute,
welches er dadurch erhielt, f¸r eine hinl‰ngliche Vergutung des Tadels
ansah, den er sich durch diese Gef‰lligkeit bei gewissen Leuten von
strengen Grunds‰tzen zuzog, welche in der weiten Entfernung von der Welt,
worin sie leben, gute Weile haben, an andern zu verdammen, was sie an
derselben Platz, vielleicht noch schlimmer gemacht haben w¸rden.

Aufler der schˆnen Bacchidion, welche, wie wir gesehen haben, allen ihren
Ehrgeiz darein setzte, das Vergn¸gen eines Prinzen, den sie liebte,
auszumachen--war Philistus, durch die Gnade, worin er bei Dionysen stund,
die betr‰chtlichste Person unter allen denjenigen, mit denen Agathon in
seiner neuen Stelle mehr oder weniger in Verh‰ltnis war. Dieser Mann
spielt in diesem St¸ck unsrer Geschichte eine Rolle, welche begierig
machen kann, ihn n‰her kennen zu lernen. Und ¸ber dem ist es eine von den
geheiligten Pflichten der Geschichte, den verf‰lschenden Glanz zu
zerstreuen, welchen das Gl¸ck und die Gunst der Groflen sehr oft ¸ber
nichtsw¸rdige Kreaturen ausbreitet, um der Nachwelt, zum Exempel, zu
zeigen, dafl dieser Pallas, welchen so viele Dekrete des Rˆmischen Senats,
so viele Statuen und ˆffentliche Ehren-M‰ler eben dieser Nachwelt als
einen Wohlt‰ter des menschlichen Geschlechts, als einen Halb-Gott
ank¸ndigen, nichts bessers noch grˆflers als ein schamloser lasterhafter
Sklave war. Wenn Philistus in Vergleichung mit einem Pallas oder Tigellin
nur ein Zwerg gegen einen Riesen scheint, so kommt es in der Tat allein
von dem unermefllichen Unterschied zwischen der Rˆmischen Monarchie im
Zeitpunkt ihrer ‰uflersten Hˆhe, und dem kleinen Staat, worin Dionys zu
gebieten hatte, her. Eben dieser Teufel, der seinem schlimmen Humor Luft
zu machen, eine Herde Schweine ers‰ufte, w¸rde mit ungleich grˆflerm
Vergn¸gen den ganzen Erdboden unter Wasser gesetzt haben, wenn er Gewalt
dazu gehabt h‰tte: Und Philistus w¸rde Pallas gewesen sein, wenn er das
Gl¸ck gehabt h‰tte, in den Vorzimmern eines Claudius aufzuwachsen. Die
Proben, welche er in seiner kleinen Sph‰re von dem was er in einer grˆflern
f‰hig gewesen w‰re, ablegte, lassen uns nicht daran zweifeln. Ein
geborner Sklave, und in der Folge einer von den Freigelassenen des alten
Dionys, hatte er sich schon damals unter seinen Kameraden durch den
schlauesten Kopf und die geschmeidigste Gem¸ts-Art hervorgetan, ohne dafl
es ihm jedoch einigen besondern Vorzug bei seinem Herrn verschaffet h‰tte.
Philistus gramte sich billig ¸ber diese wiewohl nicht ungewˆhnliche Laune
des Gl¸cks; aber er wuflte sich selbst zu helfen. Gl¸cklichere Vorg‰nger
hatten ihm den Weg gezeigt, sich ohne M¸he und ohne Verdienste zu dieser
hohen Stufe emporzuschwingen, nach welcher ihm eine Art von Ambition, die
sich in gewissen Seelen mit der ver‰chtlichsten Niedertr‰chtigkeit
vollkommen wohl vertr‰gt, ein ungez‰hmtes Verlangen gab. Wir haben schon
bemerkt, dafl der j¸ngere Dionys von seinem Vater ungewˆhnlich hart
gehalten wurde. Philistus war der einzige, der den Verstand hatte zu
sehen, wieviel Vorteil sich aus diesem Umstande ziehen lasse. Er fand
Mittel, die N‰chte des jungen Prinzen angenehmer zu machen als seine Tage
waren. Brauchte es mehr, um als ein Wohlt‰ter von ihm angesehen zu werden,
dessen gute Dienste er niemals genug werde belohnen kˆnnen? Philistus
liefl es nicht dabei bewenden; er fiel auf den Einfall, zu gleicher Zeit,
und durch einen einzigen kleinen Handgriff, sich dieser Belohnung w¸rdiger
und b‰lder teilhaft zu machen. Eine bˆsartige Kolik, wozu er das Rezept
hatte, beschleunigte das Ende des alten Tyrannen; Philistus war der erste,
der seinem jungen Gebieter die freudige Nachricht brachte, und nun sah er
sich auf einmal in dem geheimesten Vertrauen eines Kˆnigs, und in kurzem
am Ruder des Staats. Diese wenigen Anekdoten sind zureichend, uns einen
so sichern Begriff von dem moralischen Charakter dieses w¸rdigen Ministers
zu geben, dafl er nunmehr das ‰rgste dessen ein Mensch f‰hig ist, begehen
kˆnnte, ohne dafl wir uns dar¸ber verwundern w¸rden. Aber was f¸r ein
Physiognomist m¸flte der gewesen sein, der diese Anekdoten in seinen Augen
h‰tte lesen kˆnnen? Es ist wahr, Agathon dachte anfangs nicht
allzuvorteilhaft von ihm; aber wie h‰tte er, ohne besondere Nachrichten zu
haben, oder selbst ein Philistus zu sein, sich vorstellen sollen, dafl
Philistus das sein kˆnnte, was er war? Wenige kannten die inwendige Seite
dieses Mannes; und diese wenige waren zu gute Hofm‰nner, um ihren
bisherigen Gˆnner eher zu verraten, als sein Sturz gewifl war, und sie
wissen konnten, was sie dadurch gewinnen w¸rden; und Aristipp, f¸r den
sein wahrer Charakter gleichfalls kein Geheimnis war, hatte sich
vorgesetzt, einen bloflen Zuschauer abzugeben. Agathon konnte also desto
leichter hintergangen werden, da Philistus alle seine Verstellungs-Kunst
anstrengte, sich bei ihm in Achtung zu setzen. Zu seinem groflen
Miflvergn¸gen konnte er mit aller Kenntnis, die er (nach einem gewˆhnlichen,
wiewohl sehr betr¸glichen Vorurteil der Hofleute) von den Menschen zu
haben glaubte, die schwache Seite unsers Helden nicht ausfindig machen.
Es blieb ihm also kein andrer Weg ¸brig, als durch eine grofle
Arbeitsamkeit und P¸nktlichkeit in den Gesch‰ften sich bei dem neuen
G¸nstling in das Ansehen eines brauchbaren Mannes, und durch Tugenden, die
er eben so leicht als man eine Maskerade-Kleidung anzieht, affektieren
konnte, so bald er ihrer vonnˆten hatte, sich endlich so gar in das
Ansehen eines ehrlichen Mannes zu setzen. Da zu diesen Eigenschaften,
welche Agathon in ihm zu finden glaubte, noch die Achtung, welche Dionys
f¸r ihn trug, und die Betrachtung hinzukam, dafl es f¸r den Staat weniger
sicher sei, einen ehrgeizigen Minister abzudanken, als ihn mit scheinbarer
Beibehaltung seines Ansehens in engere Schranken zu setzen: So geschah es,
dafl sich diejenige in ihrer Meinung betrogen fanden, welche den Fall des
Philistus f¸r eine unfehlbare Folge der Erhebung Agathons gehalten hatten.
Das Ansehen desselben schien sich eher zu vermehren, indem er zum
Vorsteher aller der verschiednen Tribunalien ernennt wurde, unter welche
Agathon, mit der erforderlichen Einschr‰nkung und Subordination, diejenige
Gewalt verteilte, welche vormals von den Vertrauten des Prinzen
willk¸rlich ausge¸bt worden war: In der Tat aber wurde er dadurch beinahe
in die Unmˆglichkeit gesetzt, bˆses zu tun, wofern ihn etwan eine
Versuchung dazu ankommen sollte; da er bei allen seinen Handlungen von so
vielen Augen beobachtet, und verbunden war, von allem Rechenschaft zu
geben, und nichts ohne die Einstimmung des Prinzen, oder, welches eine
Zeitlang einerlei war, seines Repr‰sentanten, zu unternehmen.

Wir kˆnnten ohne Zweifel viel schˆnes von der Staats-Verwaltung Agathons
sagen, wenn wir uns in eine ausf¸hrliche Erz‰hlung aller der n¸tzlichen
Ordnungen und Einrichtungen ausbreiten wollten, welche er in Absicht der
Staats-ˆkonomie, der Einziehung und Verwaltung der ˆffentlichen Eink¸nfte,
der Polizei, der Landwirtschaft, des Handlungs-Wesens, und (welches in
seinen Augen eines der wesentlichsten St¸cke war) der ˆffentlichen Sitten
und der Bildung der Jugend, teils w¸rklich zu machen anfing, teils gemacht
haben w¸rde, wenn ihm die Zeit dazu gelassen worden w‰re. Allein alles
dieses gehˆrt nicht zu dem Plan des gegenw‰rtigen Werkes; und es w‰re in
der Tat nicht abzusehen, wozu ein solcher DÈtail in unsern Tagen nutzen
sollte, worin die Kunst zu regieren einen Schwung genommen zu haben
scheint, der die Maflregeln und das Beispiel unsers Helden eben so unn¸tz
macht, als die Projekte des guten Abts von Saint Pierre, patriotischen
Ged‰chtnisses. Die Art, wie sich Agathon ehmals seines Ansehens und
Vermˆgens zu Athen bedient hat, kann unsern Lesern einen hinl‰nglichen
Begriff davon geben, wie er sich einer beinahe unumschr‰nkten Macht und
eines kˆniglichen Vermˆgens bedient haben werde.

Nur einen Umstand kˆnnen wir nicht vorbeigehen, weil er einen merklichen
Einflufl in die folgende Begebenheiten unsers Helden hatte. Dionys befand
sich, als Agathon an seinen Hof kam, in einen Krieg mit den
Carthaginensern verwickelt, welche durch verschiedene kleine Republiken
des s¸dlichen und westlichen Teils von Sicilien unterst¸tzt, unter dem
Schein sie gegen die ¸bermacht von Syracus zu sch¸tzen, sich der
innerlichen Zwietracht der Sicilianer, als einer guten Gelegenheit
bedienen wollten, diese f¸r ihre Handlungs-Absichten unendlich vorteilhaft
gelegene Insel in ihre Gewalt zu bringen. Einige von diesen kleinen
Republiken wurden von so genannten Tyrannen beherrscht; und diese hatten
sich bereits in die Arme der Carthaginenser geworfen; die andren hatten
sich bisher noch in einer Art von Freiheit erhalten, und schwankten,
zwischen der Furcht von Dionysen ¸berw‰ltiget zu werden, und dem Mifltrauen
in die Absichten ihrer anmafllichen Besch¸tzer, in einem Gleichgewicht,
welches alle Augenblicke auf die Seite der letztern ¸berzuziehen drohte.
Timocrates dem Dionys die oberste Befehlhabers-Stelle in diesem Kriege
anvertraute, hatte sich bereits durch einige Vorteile ¸ber die Feinde den
oft wohlfeilen Ruhm eines guten Generals erworben; aber mehr darauf
bedacht, bei dieser Gelegenheit Lorbeern und Reicht¸mer zu sammeln, als
das wahre Interesse seines Prinzen zu besorgen, hatte er das Feuer der
innerlichen Unruhen Siciliens mehr ausgebreitet als ged‰mpft, und durch
seine Auff¸hrung sich bei denenjenigen, welche noch keine Partei genommen
hatten, so verhaflt gemacht, dafl sie im Begriff waren sich f¸r Carthago zu
erkl‰ren. Agathon glaubte, dafl seine Beredsamkeit dem Dionys in diesen
Umst‰nden grˆflere Dienste tun kˆnne, als die ganze, wiewohl nicht
ver‰chtliche Land--und Seemacht, welche Timocrates unter seinen Befehlen
hatte. Er hielt es f¸r besser Sicilien zu beruhigen, als zu erobern;
besser es zu einer Art von freiwilliger ¸bergabe an Syracus zu bewegen,
als es den Gefahren und verderblichen Folgen eines Kriegs ausgesetzt zu
lassen, der, wenn er auch am gl¸cklichsten f¸r den Dionys ausfiele, ihm
doch nichts mehr als den zweideutigen Vorteil verschaffen w¸rde, seine
Untertanen um eine Anzahl gezwungner und miflvergn¸gter Leute vermehrt zu
haben, auf deren guten Willen er keinen Augenblick h‰tte z‰hlen kˆnnen.
Dionys konnte den Gr¸nden, womit Agathon sein Vorhaben, und die Hoffnung
des gew¸nschten Ausgangs unterst¸tzte, seinen Beifall nicht versagen.
¸berhaupt galt es ihm gleich, durch was f¸r Mittel er zu ruhigem Besitz
der hˆchsten Gewalt in Sicilien gelangen kˆnnte, wenn er nur dazu gelangte;
und ob er gleich klein genug war, sich auf die zwar wenig entscheidende
aber desto prahlerischer vergrˆflerte Siege seines Feldherrn eben so viel
einzubilden, als ob er sie selbst erhalten h‰tte; so war er doch auch
feigherzig genug, sich zu dem unr¸hmlichsten Frieden geneigt zu f¸hlen, so
bald er mit einiger Aufmerksamkeit an die Unbest‰ndigkeit des
Kriegs-Gl¸ckes dachte. Die edlern Beweggr¸nde unsers Helden fanden also
leicht Eingang bei ihm, oder richtiger zu reden, Agathon schrieb die
gef‰llige Disposition, die er bei ihm fand, dem Eindruck seiner eignen
Vorstellungen zu, ohne wahrzunehmen, dafl sie ihren eigentlichen Grund in
der niedertr‰chtigen Gem¸tsart des Prinzen hatte. Er begab sich also
ingeheim (denn es war ihm daran gelegen, dafl Timocrates von seinem
Vorhaben keinen Wink bek‰me) in diejenige St‰dte, welche im Begriff
stunden, die Partei von Carthago zu verst‰rken. Es gelang ihm, die
widrigen Vorurteile zu zernichten, womit er alle Gem¸ter gegen die
gef¸rchtete Tyrannie Dionysens eingenommen fand; er ¸berzeugte sie so
vollkommen davon, dafl das Beste eines jeden besondern Teils von dem Besten
des ganzen Sicilien unzertrennlich sei; machte ihnen ein so schˆnes
Gem‰lde von dem gl¸cklichen Zustande dieser Insel, wenn alle Teile
derselben durch die Bande des Vertrauens und der Freundschaft, sich in
Syracus als in dem gemeinschaftlichen Mittelpunkt vereinigen w¸rden--dafl
er mehr erhielt als er gehofft hatte, und so gar mehr als er verlangte.
Er wollte nur Bundsgenossen, und es fehlte wenig, so w¸rden sie in einem
Anstofl von ¸berflieflender Zuneigung zu ihm, sich ohne Bedingung zu
Untertanen eines Prinzen ergeben haben, von dessen Minister sie so sehr
bezaubert waren.

Die Ver‰nderung, welche hiedurch in den ˆffentlichen Angelegenheiten
gemacht wurde, brachte den Krieg so schnell zu Ende, dafl Timocrates keine
Gelegenheit bekam, durch ein entscheidendes Treffen (es mˆchte allenfalls
gewonnen oder verloren sein) Ehre einzulegen. Man kann sich vorstellen,
ob Agathon sich dadurch die Freundschaft dieses Mannes, den sein grofles
Vermˆgen und die Verschw‰gerung mit dem Prinzen zu einer wichtigen Person
machte, erworben; und mit welchen Augen Timocrates den allgemeinen Beifall,
die frohlockenden Segnungen der Nation, welche unsern Helden nach Syracus
zur¸ckbegleiteten, die Merkmale der Hochachtung, womit er von dem Prinzen
empfangen wurde, und das auflerordentliche Ansehen, worin er sich durch
diese friedsam Eroberung befestigte, angeschielt haben werde. Genˆtigt,
seinen Unwillen und Hafl gegen einen so siegreichen Nebenbuhler in sich
selbst zu verschlieflen, laurte er nur desto ungeduldiger auf Gelegenheiten,
in geheim an seinem Untergang zu arbeiten; und wie h‰tte es ihm an einem
Hofe, und an dem Hofe eines solchen F¸rsten, an Gelegenheiten fehlen
kˆnnen?

ZWEITES KAPITEL

Beispiele, dafl nicht alles, was gleiflt, Gold ist

Wenn Agathon w‰hrend einer Staats-Verwaltung, welche nicht ganz zwei Jahre
daurte, das vollkommenste Vertrauen seines Prinzen und die allgemeine
Liebe der Nation, welche er regierte, gewann, und sich dadurch auf diese
hohe Stufe des Ansehens und der scheinbaren Gl¸ckseligkeit emporschwang,
welche unverdienter Weise, der Gegenstand der Bewunderung aller kleinen,
und des Neides aller zugleich boshaften Seelen zu sein pflegt: So m¸ssen
wir gestehen, dafl diese launische unerkl‰rbare Macht, welche man Gl¸ck
oder Zufall nennt, den wenigsten Anteil daran hatte. Die Verdienste, die
er sich in so kurzer Zeit um den Prinzen sowohl als die Nation machte, die
Beruhigung Siciliens, das befestigte Ansehen von Syracus, die
Verschˆnerung dieser Hauptstadt, die Verbesserung ihrer Polizei, die
Belebung der K¸nste und Gewerbe, und die allgemeine Zuneigung, welche er
einer vormals verabscheueten Regierung zuwandte--alles dieses legte ein
unverwerfliches Zeugnis f¸r die Weisheit seiner Staats-Verwaltung ab; und
da alle diese Verdienste durch die Uneigenn¸tzigkeit und Regelm‰fligkeit
seines Betragens in ein Licht gestellt wurden, welches keine Mifldeutung zu
zulassen schien; so blieb seinen heimlichen Feinden, ohne die ungewisse
H¸lfe irgend eines Zufalls, von dem sie selbst noch keine Vorstellung
hatten, wenig Hoffnung ¸brig, ihn so bald wieder zu st¸rzen, als sie es
f¸r ihre Privat-Absichten w¸nschen mochten.

Die heimlichen Feinde Agathons--"wie konnte ein Mann, der sich so
untadelich betrug, und um jedermann Gutes verdiente, Feinde
haben?"--werden diejenige vielleicht denken, welche bei Gelegenheit, zu
vergessen scheinen, dafl der weise Mann notwendig alle Narren, und der
Rechtschaffene, unvermeidlicher Weise, alle die es nicht sind, zu
ˆffentlichen, oder doch gewifl zu immerw‰hrenden heimlichen Feinden haben
mufl. Eine Wahrheit, welche in der Natur der Sachen so gegr¸ndet, und
durch eine nie unterbrochene Erfahrung so best‰tiget ist, dafl wir weit
bessere Ursache zu fragen haben: "Wie sollte ein Mann, der sich so wohl
betrug, keine Feinde gehabt haben?" Es konnte nicht anders sein als dafl
derjenige, dessen best‰ndige Bem¸hung dahin ging, seinen Prinzen
tugendhaft, oder doch wenigstens seine Schwachheiten unsch‰dlich zu machen,
sich den herzlichen Hafl dieser Hˆflinge zuziehen muflte, welche (wie
Montesquieu von allen Hofleuten behauptet) nichts so sehr f¸rchten, als
die Tugend des F¸rsten, und keinen zuverl‰ssigern Grund ihrer Hoffnungen
kennen, als seine Schwachheiten. Sie konnten nicht anders als den Agathon
f¸r denjenigen ansehen, der allen ihren Absichten und Entw¸rfen im Wege
stund. Er verlangte zum Exempel, dafl man vorher Verdienste haben m¸sse,
eh man an Belohnungen Anspr¸che mache; sie wuflten einen k¸rzern und
bequemem Weg; einen Weg auf welchem zu allen Zeiten (die Regierungen der
Antonine und Juliane ausgenommen) die nichtsw¸rdigsten Leute an Hˆfen ihr
Gl¸ck gemacht haben--kriechende Schmeichelei, blinde Gef‰lligkeit gegen
die Leidenschaften unsrer Obern, Gef¸hllosigkeit gegen alle Regungen des
Gewissens und der Menschlichkeit, Taubheit gegen die Stimme aller
Pflichten, unerschrockne Unversch‰mtheit sich selbst Talente und
Verdienste beizulegen, die man nie gehabt hat; fertige Bereitwilligkeit
jedes Bubenst¸ck zu begehen, welches eine Stufe zu unsrer Erhebung werden
kann--und diesen Weg hatte ihnen Agathon auf einmal versperrt. Sie sahen,
so lange dieser seltsame Mann den Platz eines G¸nstlings bei Dionysen
behaupten w¸rde, keine Mˆglichkeit, wie Leute von ihrer Art sollten
gedeihen kˆnnen. Sie hasseten ihn also; und wir kˆnnen versichert sein,
dafl in den Herzen aller dieser Hˆflinge eine Art von Zusammen-Verschwˆrung
gegen ihn br¸tete, ohne dafl es dazu einiger geheimen Verabredung bedurfte.
Allein von allem diesem wurde noch nichts sichtbar. Die Maske, welche
sie vorzunehmen f¸r gut fanden, sah einem Gesicht so gleich, dafl Agathon
selbst dadurch betrogen wurde; und sich gegen die Philiste und Timocrate,
und ihre Kreaturen eben so bezeugte, als ob die Hochachtung, welche sie
ihm bewiesen, und der Beifall, den sie allen seinen Maflnehmungen gaben,
aufrichtig gewesen w‰re. Diese wackern M‰nner hatten einen gedoppelten
Vorteil ¸ber ihn--dafl er, weil er sich nichts Bˆses zu ihnen versah, nicht
daran dachte, sie scharf zu beobachten--und dafl sie, weil sie sich ihrer
eigenen Bosheit bewuflt waren, desto vorsichtiger waren, ihre wahren
Gesinnungen in eine undurchdringliche Verstellung einzuh¸llen. Versichert
wie sie waren, dafl ein Mensch notwendig eine schwache Seite haben m¸sse,
gaben sie sich alle mˆgliche M¸he die seinige zu finden, und stellten ihn,
ohne dafl er einen Verdacht deswegen auf sie werfen konnte, auf alle
mˆgliche Proben. Da sie ihn aber gegen Versuchungen, denen sie selbst zu
unterliegen pflegten, gleichg¸ltig oder gewaffnet fanden; so blieb ihnen,
bis auf irgend eine g¸nstige Gelegenheit nichts ¸brig, als ihn durch den
magischen Dunst einer subtilen Schmeichelei einzuschl‰fern, welche er
desto leichter f¸r Freundschaft halten konnte, da sie alle Anscheinungen
derselben hatte; und je mehr er berechtiget war, in einem Lande, worin er
sich um alle verdient machte, einen jeden f¸r seinen Freund zu halten.
Diese Absicht gelang ihnen, und man mufl gestehen, dafl sie dadurch schon
ein grofles ¸ber ihn gewonnen hatten.

¸brigens kˆnnen wir nicht umhin, es mag nun unserm Helden nachteilig sein
oder nicht, zu gestehen, dafl zu einer Zeit, da sein Ansehen den hˆchsten
Gipfel erreicht hatte; da Dionys ihn mit Beweisen einer unbegrenzten Gunst
¸berh‰ufte; da er von dem ganzen Sicilien f¸r seinen Schutzgott angesehen
wurde, und das seltne, wo nicht ganz unerhˆrte Gl¸ck zu genieflen schien,
in einem so blendenden Gl¸cksstande lauter Bewundrer und Freunde, und
keinen Feind zu haben--die Damen zu Syracus die einzigen waren, welche
ihre wenige Zufriedenheit mit seinem Betragen ziemlich deutlich merken
lieflen. Mit einer Figur wie die seinige, mit allem dem was den Augen und
Herzen nachstellt in so auflerordentlichem Grade begabt, war es sehr
nat¸rlich, dafl er die Aufmerksamkeit der Schˆnen auf sich ziehen muflte.
Die Damen zu Syracus hatten so gut Augen wie die zu Smyrna--und Herzen
dazu--oder wenn sie keine hatten, so hatten sie doch etwas, dessen
Bewegungen sehr gewˆhnlich mit den Bewegungen des Herzens verwechselt
werden; oder wenn sie auch das nicht hatten, so hatten sie doch Eitelkeit,
und konnten also nicht gleichg¸ltig gegen die eigensinnige
Unempfindlichkeit eines Mannes sein, welcher eben dadurch ein Feind wurde,
dessen ¸berwindung seine Siegerin zur Liebensw¸rdigsten ihres Geschlechts
zu erkl‰ren schien. In den Augen der meisten Schˆnen ist der G¸nstling
eines Monarchen allezeit ein Adonis; wie nat¸rlich war also der Wunsch,
einen Adonis empfindlich zu machen, der noch dazu der Liebling eines
Kˆnigs, und in der Tat, den Namen, und eine gewisse Binde um den Kopf
ausgenommen, der Kˆnig selbst war? Man kann sich auf die Geschicklichkeit
der schˆnen Sicilianerinnen verlassen, dafl sie nichts vergessen haben
werden, seiner Kaltsinnigkeit auch nicht den Schatten einer anst‰ndigen
Entschuldigung ¸brig zu lassen. Und womit h‰tte sie wohl entschuldiget
werden kˆnnen? Es ist wahr, ein Mann, der mit der Sorge f¸r einen ganzen
Staat beladen ist, hat nicht so viel Mufle als ein junger Herr, der sonst
nichts zu tun hat, als sein Gesicht alle Tage ein paarmal im Vorzimmer zu
zeigen, und die ¸brige Zeit von einer Schˆnen, und von einer Gesellschaft
zur andern fortzuflattern. Aber man mag so besch‰ftiget sein als man will,
so beh‰lt man doch allezeit Stunden f¸r sich selbst, und f¸r sein
Vergn¸gen ¸brig; und obgleich Agathon sich seinen Beruf etwas schwerer
machte, als er in unsern Zeiten zu sein pflegt, nachdem man das Geheimnis
erfunden hat, die schweresten Dinge mit einer gewissen unsern plumpern
Vorfahren unbekannten Leichtigkeit--vielleicht nicht so gut, aber doch
artiger--zu tun; so war es doch Augenscheinlich, dafl er solche Stunden
hatte. Der Einflufl, den er in die Staats-Verwaltung hatte, schien ihm so
wenig zu schaffen zu machen; er brachte so viel Freiheit des Geistes, so
viel Munterkeit und guten Humor zur Gesellschaft, und zu den
Ergˆtzlichkeiten, wo ihn Dionys fast immer um sich haben wollte, dafl man
die Schuld seiner seltsamen Auff¸hrung unmˆglich seinen Gesch‰ften
beimessen konnte. Man muflte also sie begreiflich zu machen auf andere
Hypothesen verfallen. Anfangs hielt eine jede die andere im Verdacht,
die geheime Ursache davon zu sein; und so lange dieses daurte, h‰tte man
sehen sollen, mit was f¸r Augen die guten Damen einander beobachteten, und
wie oft man in einem Augenblicke eine Entdeckung gemacht zu haben glaubte,
welche der folgende Augenblick wieder vernichtigte. Endlich befand
sich's, dafl man einander Unrecht getan hatte; Agathon war gegen alle
gleich verbindlich, und liebte keine. Auf eine Abwesende konnte man
keinen Argwohn werfen; denn was h‰tte ihn bewegen sollen, den Gegenstand
seiner Liebe von sich entfernt zu halten? Es blieben also keine andre als
solche Vermutungen ¸brig, welche unserm Helden auf die eine oder andre Art
nicht sonderliche Ehre machten; ohne dafl sie den gerechten Verdrufl
vermindern konnten, den man ¸ber ein so wenig nat¸rliches und in jeder
Betrachtung so verhafltes Ph‰nomen empfinden muflte.

Unsre Leser, welche nicht vergessen haben kˆnnen, was Agathon zu Smyrna
war, werden so gleich auf einen Gedanken kommen, welcher freilich den
Damen zu Syracus unmˆglich einfallen konnte--n‰mlich, dafl es ihnen
vielleicht an Reizungen gefehlt habe, um einen hinl‰nglichen Eindruck auf
ein Herz zu machen, welches nach einer Danae (welch ein Gem‰lde macht
dieses einzige Wort!) nicht leicht etwas w¸rdig finden konnte, seine
Neugier rege zu machen. Allein wenn die Nachrichten, denen wir in dieser
Geschichte folgen, Glauben verdienen, so hat eine den mehr bemeldten Damen
so wenig schmeichelnde Vermutung nicht den geringsten Grund: Syracus hatte
Schˆnen, welche so gut als Danae, den Polycleten zu Modellen h‰tten dienen
kˆnnen; und diese Schˆnen hatten alle noch etwas dazu, das die Schˆnheit
gelten macht; einige Witz, andre Z‰rtlichkeit; andre wenigstens ein gutes
Teil von dieser edeln Unversch‰mtheit, welche eine gewisse Klasse von
modernen Damen zu charakterisieren scheint, und zuweilen schneller zum
Zweck f¸hrt als die vollkommensten Reizungen, welche unter dem Schleier
der Bescheidenheit versteckt, ein nachteiliges Mifltrauen in sich selbst zu
verraten scheinen. Es konnte also nicht das sein--Gut! So wird er sich
etwan des Socratischen Geheimnisses bedient, und in den verschwiegenen
Liebkosungen irgend einer gef‰lligen Cypassis das leichteste Mittel
gefunden haben, sich vor der Welt die Miene eines Xenocrates zu
geben?--Das auch nicht! wenigstens sagen unsre Nachrichten nichts davon.
Ohne also den Leser mit vergeblichen Mutmaflungen aufzuhalten, wollen wir
gestehen, dafl die Ursache dieser Kaltsinnigkeit unsers Helden, etwas so
nat¸rliches und einf‰ltiges war, dafl, so bald wir es entdeckt haben werden,
Schah Baham selbst sich einbilden w¸rde, er habe wo nicht eben das, doch
ungef‰hr so etwas erwartet.

Der Kaufmann, mit welchem Agathon nach Syracus gekommen war, war einer von
denjenigen, welchen er ehmals zu Athen das Bildnis seiner Psyche zu dem
Ende gegeben hatte, damit sie mit desto besserm Erfolg aller Orten mˆchte
aufgesucht werden kˆnnen. Gleichwohl erinnerte er sich dieses Umstands
nicht eher, bis er einsmals bei einem Besuch, den er ihm machte, dieses
Bildnis von ungef‰hr in dem Cabinet seines Freundes ansichtig wurde.
Dasjenige was Agathon in diesem Augenblick empfand, war wenig von dem
unterschieden, was er empfunden h‰tte, wenn es Psyche selbst gewesen w‰re.
Die Ideen seiner ersten Liebe wurden dadurch wieder so lebhaft, dafl er,
so schwach auch seine Hoffnung war, das Urbild jemals wieder zu sehen,
sich aufs Neue in dem Entschlufl best‰tigte, ihrem Andenken getreu zu
bleiben. Die Damen von Syracus hatten also w¸rklich eine Nebenbuhlerin,
ob sie gleich nicht erraten konnten, dafl diese z‰rtlichen Seufzer, welche
jede unter ihnen seinem Herzen abzugewinnen w¸nschte, in mittern‰chtlichen
Stunden vor einer gemalten Gebieterin ausgehaucht wurden.

Unter allen denjenigen, welche sich durch die Unempfindlichkeit unsers
Helden beleidiget fanden, konnte keine der schˆnen Cleonissa in Absicht
aller Vollkommenheiten, welche Natur und Kunst in einem Frauenzimmer
vereinigen kˆnnen, den Vorzug streitig machen. Eine vollkommen
regelm‰flige Schˆnheit ist (mit Erlaubnis aller derjenigen, welche dabei
interessiert sein mˆgen, die Grazien ihrer Kˆnigin vorzuziehen) unter
allen Eigenschaften, die eine Dame haben kann, diejenige welche den
allgemeinsten, geschwindesten und st‰rksten Eindruck macht; und f¸r
tugendhafte Personen hat sie noch diesen Vorteil, dafl sie das Verlangen
von der Besitzerin eines so seltnen Vorzugs geliebt zu sein, in dem
n‰mlichen Augenblick durch eine Art von mechanischer Ehrfurcht
zur¸ckscheucht, deren sich der verwegenste Satyr kaum erwehren kann.
Cleonissa besafl diese Vollkommenheit in einem Grade, der den
kaltsinnigsten Kennern des Schˆnen nichts daran zu tadeln ¸brig liefl; es
war unmˆglich sie ohne Bewunderung anzusehen. Aber die ungemeine
Zur¸ckhaltung, welche sie affektierte, das Majest‰tische, das sie ihrer
Miene, ihren Blicken und allen ihren Bewegungen zu geben wuflte, mit dem
Ruf einer strengen Tugend, worein sie sich dadurch gesetzt hatte,
verst‰rkte die bemeldte nat¸rliche W¸rkung ihrer Schˆnheit so sehr, dafl
niemand k¸hn genug war, sich in die Gefahr zu wagen, den Ixion dieser Juno
abzugeben. Die Mittelm‰fligkeit ihrer Herkunft, und sowohl der Stand als
die Vorsicht eines eifers¸chtigen Ehmannes, hatten sie w‰hrend ihrer
ersten Jugend in einer so groflen Entfernung von der Welt gehalten, dafl sie
eine ganz neue Erscheinung war, als Philistus (der sie, wir wissen nicht
wie, aufgespart, und Mittel gefunden hatte, sie mit guter Art zur Witwe zu
machen) sie in Qualit‰t seiner Gemahlin an den Hof der Prinzessinnen
brachte; unter welchen Namen die Mutter, die Gemahlin, und die Schwestern
des Dionys begriffen wurden. Nicht viel geneigter als sein Vorg‰nger,
eine Frau von so besondern Vorz¸gen mit einem andern, und wenn es Jupiter
selbst gewesen w‰re, zu teilen, hatte er anfangs alle Behutsamkeit
gebraucht, welche der geizige Besitzer eines kostbaren Schatzes nur immer
anwenden kann, um ihn vor der schlauesten Nachstellung zu verwahren. Aber
die Tugend der Dame, und die herrschende Neigung, welche Dionys in den
ersten Jahren seiner Regierung f¸r diejenige Klasse von Schˆnen zeigte,
welche nicht so viel Schwierigkeiten machen; vielleicht auch eine gewisse
Laulichkeit, welche die Eigent¸mer dieser wundert‰tigen Schˆnheiten
gemeiniglich nach Verflufl zweier oder dreier Jahre, oft auch viel fr¸her,
unvermerkt zu ¸berschleichen pflegt; hatten seine Eifersucht so zahm
gemacht, dafl er in der Folge kein Bedenken trug, sie den Prinzessinnen so
oft sie wollten zur Gesellschaft zu ¸berlassen. Wir wollen nicht
untersuchen, ob Cleonissa damals w¸rklich so tugendhaft war, als die
Sprˆdigkeit ihres Betragens gegen die Manns-Personen und die strengen
Maximen, wornach sie andre von ihrem Geschlecht beurteilte, zu beweisen
schienen. Genug dafl die Prinzessinnen, und was noch mehr ist, ihr Gemahl,
vollkommen davon ¸berzeugt waren, und dafl sich noch keiner von den
Hˆflingen unterstanden hatte, eine so ehrw¸rdige Tugend auf die Probe zu
setzen. W‰hrend der Zeit, da Plato in so groflem Ansehen bei Dionysen
stund, war Cleonissa eine von den eifrigsten Verehrerinnen dieses Weisen,
und diejenige, welche den erhabenen Jargon seiner Philosophie am
gel‰ufigsten reden lernte. Es mag nun aus Begierde sich durch ihren Geist
eben so sehr als durch ihre Figur ¸ber die ¸brigen ihres Geschlechts zu
erheben, (eine ziemlich gewˆhnliche Schwachheit der eigentlich so
genannten Schˆnen,) oder aus irgend einem reinern Beweggrunde geschehen
sein; so ist gewifl, dafl sie alle Gelegenheiten den gˆttlichen Plato zu
hˆren mit solcher Begierlichkeit suchte, eine so ausnehmende Hochachtung
f¸r seine Person, einen so unbedingten Glauben an seine Begriffe von
Schˆnheit und Liebe, und alle ¸brige Teile seines Systems zeigte, und mit
einem Wort, in kurzer Zeit, an Leib und Seele einer Platonischen Idee so
‰hnlich sah: Dafl dieser weise Mann, stolz auf eine solche Sch¸lerin, durch
den besondern Vorzug, den er ihr gab, die allgemeine Meinung von ihrer
Weisheit unendlich erhˆhte. Es ist wahr, es w‰re nur auf ihn angekommen,
bei gewissen Gelegenheiten gewisse Beobachtungen in ihren schˆnen Augen zu
machen, welche ihn ohne eine lange Reihe von Schl¸ssen auf die Vermutung
h‰tten bringen kˆnnen, dafl es nicht unmˆglich sein w¸rde, diese Gˆttin zu
humanisieren. Aber der gute Plato hatte damals schon ¸ber sechzig Jahre,
und machte keine solche Beobachtungen mehr. Cleonissa blieb also in dem
Ansehen eines lebendigen Beweises des Platonischen Lehrsatzes, dafl die
‰uflerliche Schˆnheit ein Widerschein der intellektualischen Schˆnheit des
Geistes sei; das Vorurteil f¸r ihre Tugend hielt dem Eindruck, welchen
ihre Reizungen h‰tten machen kˆnnen, das Gleichgewicht; und sie hatte das
Vergn¸gen, die vollkommne Gleichg¸ltigkeit, welche Dionys f¸r sie behielt,
der Weisheit ihres Betragens zu zuschreiben, und sich dadurch ein neues
Verdienst bei den Prinzessinnen zu machen.

Aber--o! wie wohl l‰flt sich jener Solonische Ausspruch, dafl man niemand
vor seinem Ende gl¸cklich preisen solle, auch auf die Tugend der Heldinnen
anwenden! Cleonissa sah den Agathon, und--hˆrte in diesem Augenblick auf
Cleonissa zu sein--Nein, das eben nicht; ob es gleich nach dem
Platonischen Sprachgebrauch richtig gesprochen w‰re; aber sie bewies, dafl
die Prinzessinnen, und sie selbst, und ihr Gemahl, und der Hof, und die
ganze Welt, den gˆttlichen Plato mit eingeschlossen, sich sehr geirret
hatten, sie f¸r etwas anders zu halten als sie war, und als sie einem
jeden mit Vorurteilen unbefangenen Beobachter, einem Aristipp zum Exempel,
in der ersten Stunde zu sein scheinen muflte.

Sich ¸ber einen so nat¸rlichen Zufall zu verwundern, w¸rde unseren
Bed¸nken nach, eine grofle S¸nde gegen das nie genug anzupreisende Nil
admirari sein, in welchem (nach der Meinung erfahrner Kenner der
menschlichen Dinge) das eigentliche grofle Geheimnis der Weisheit,
dasjenige was einen wahren Adepten macht, verborgen liegt. Die schˆne
Cleonissa war ein Frauenzimmer, und hatte also ihren Anteil an den
Schwachheiten, welche die Natur ihrem Geschlecht eigen gemacht hat, und
ohne welche diese H‰lfte der menschlichen Gattung weder zu ihrer
Bestimmung in dieser sublunarischen Welt so geschickt, noch in der Tat, so
liebensw¸rdig sein w¸rde als sie ist. Ja wie wenig Verdienst w¸rde selbst
ihrer Tugend ¸brig bleiben, wenn sie nicht durch eben diese Schwachheiten
auf die Probe gesetzt w¸rde?

Dem sei nun wie ihm wolle, die Dame f¸hlte, so bald sie unsern Helden
erblickte, etwas, das die Tugend einer gewˆhnlichen Sterblichen h‰tte
beunruhigen kˆnnen. Aber es gibt Tugenden von einer so starken Komplexion,
dafl sie durch nichts beunruhiget werden; und die ihrige war von dieser
Art. Sie ¸berliefl sich den Eindr¸cken, welche ohne Zutun ihres Willens
auf sie gemacht wurden, mit aller Unerschrockenheit, welche ihr das
Bewufltsein ihrer St‰rke geben konnte. Die Vollkommenheit des Gegenstandes
rechtfertigte die auflerordentliche Hochachtung, welche sie f¸r ihn
bezeugte. Grofle Seelen sind am geschicktesten, einander Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen; und ihre Eigenliebe ist so sehr dabei interessiert,
dafl sie die Parteilichkeit f¸r einander sehr weit treiben kˆnnen, ohne
sich dadurch besonderer Absichten verd‰chtig zu machen. Ein so unedler
Verdacht konnte ohnehin nicht auf die erhabene Cleonissa fallen; indessen
war doch nichts nat¸rlicher, als die Erwartung, dafl sie in unserm Helden
eben diesen, wo nicht einen noch hˆhern Grad der Bewunderung erwecken
werde, als sie f¸r ihn empfand. Diese Erwartung verwandelte sich eben so
nat¸rlich in ein mit Unmut vermischtes Erstaunen, da sie sich darin
betrogen sah; und was konnte aus diesem Erstaunen anders werden, als eine
heftige Begierde, ihrer durch seine Gleichg¸ltigkeit ‰uflerst beleidigten
Eigenliebe eine vollst‰ndige Genugtuung zu verschaffen? Auch wenn sie
selbst gleichg¸ltig gewesen w‰re, h‰tte sie mit Recht erwarten kˆnnen, dafl
ein so feiner Kenner ihren Wert zu empfinden, und eine Cleonissa von den
kleinern Sternen, welchen nur in ihrer Abwesenheit zu gl‰nzen erlaubt war,
zu unterscheiden wissen werde. Wie sehr muflte sie sich also beleidiget
halten, da sie mit diesem edeln Enthusiasmus, womit die privilegierte
Seelen sich ¸ber die kleinen Bedenklichkeiten gewˆhnlicher Leute
hinwegsetzen, ihm entgegengeflogen war, und die Beweise ihrer
sympathetischen Hochachtung nicht so lange zur¸ckzuhalten gew¸rdiget hatte,
bis sie von der seinigen ¸berzeugt worden w‰re? Da es nur von ihrer
Eigenliebe abhing, die Grˆfle des Unrechts nach der Empfindung ihres eignen
Werts zu bestimmen; so war die Rache, welche sie sich an unserm Helden zu
nehmen versetzte, die grausamste, welche nur immer in das Herz einer
beleidigten Schˆnen kommen kann. Sie wollte die ganze vereinigte Macht
aller ihrer intellektualischen und kˆrperlichen Reizungen, verst‰rkt durch
alle Kunstgriffe der schlauesten Koketterie (wovon ein so allgemeines
Genie als das ihrige wenigstens die Theorie besitzen muflte) dazu anwenden,
ihren Undankbaren zu ihren F¸flen zu legen; und wenn sie ihn durch die
gehˆrige Abwechslungen von Furcht und Hoffnung endlich in den kl‰glichen
Zustand eines von Liebe und Sehnsucht verzehrten Seladons gebracht, und
sich an dem Schauspiel seiner Seufzer, Tr‰nen, Klagen, Ausrufungen und
aller andern Ausbr¸che der verliebten Torheit lange genug ergˆtzt haben
w¸rde--ihn endlich auf einmal die ganze Schwere der kaltsinnigsten
Verachtung f¸hlen lassen. So wohlausgesonnen diese Rache war; so eifrig
und mit so vieler Geschicklichkeit wurden die Anstalten dazu ins Werk
gesetzt; und wir m¸ssen gestehen, dafl wenn der Erfolg eines Projekts
allein von der guten Ausf¸hrung abhinge, die schˆne Cleonissa den
vollst‰ndigsten Triumph h‰tte erhalten m¸ssen, der jemals ¸ber den Trotz
eines widerspenstigen Herzens erhalten worden w‰re. Ob diese Dame, wenn
Agathon sich in ihrem Netze gefangen h‰tte, f‰hig gewesen w‰re, die Rache
so weit zu treiben als sie sich selbst versprochen hatte?--ist eine
problematische Frage, deren Entscheidung vielleicht sie selbst, wenn der
Fall sich ereignet h‰tte, in keine kleine Verlegenheit gesetzt haben w¸rde.
Aber Agathon liefl es nicht so weit kommen. Er legte eine neue Probe ab,
dafl es nur einer Danae gegeben war, die schwache Seite von seinem Herzen
ausf¸ndig zu machen. Cleonissa hatte bereits die H‰lfte ihrer K¸nste
erschˆpft, ehe er nur gewahr wurde, dafl ein Anschlag gegen ihn im Werke
sei; und von dem Augenblick, da er es gewahr wurde, stieg sein Kaltsinn,
nach dem Verh‰ltnis wie ihre Bem¸hungen sich verdoppelten, auf einen
solchen Grad; oder deutlicher zu reden, der Absatz, den ihre zuletzt bis
zur Unanst‰ndigkeit getriebene Nachstellungen mit der affektierten
Erhabenheit ihrer Denkungs-Art, und mit der Majest‰t ihrer Tugend machten,
tat eine so schlimme W¸rkung bei ihm, dafl die schˆne Cleonissa sich
genˆtiget sah, die Hoffnung des Triumphs, womit sich ihre Eitelkeit
geschmeichelt hatte, g‰nzlich aufzugeben. Die Wut, in welche sie dadurch
gesetzt wurde, verwandelte sich nach und nach in den vollst‰ndigsten Hafl,
der jemals (mit Shakespear zu reden) die Milch einer weiblichen Brust in
Galle verwandelt hat. Alles was sie ihrer Tugend in diesen Umst‰nden zu
tun gab, war, die Bewegungen dieser Leidenschaft so geschickt zu verbergen,
dafl weder der Hof noch Agathon selbst gewahr wurde, mit welcher Ungeduld
sie sich nach einer Gelegenheit sehnte, ihn die W¸rkungen davon empfinden
zu lassen.

In dieser Situation befanden sich die Sachen, als Dionys, des ruhigen
Besitzes der immer gef‰lligen Bacchidion, und ihrer T‰nze ¸berdr¸ssig,
sich zum ersten mal einfallen liefl, die Beobachtung zu machen, dafl
Cleonissa schˆn sei. Er hatte sie noch nicht lange mit einiger
Aufmerksamkeit beobachtet, so deuchte ihn, dafl er noch nie keine so schˆne
Kreatur gesehen habe; und nun fing er an sich zu verwundern, dafl er diese
Beobachtung nicht eher gemacht habe. Endlich erinnerte er sich, dafl die
Dame sich jederzeit durch eine sehr sprˆde Tugend und einen erkl‰rten Hang
f¸r die Metaphysik unterschieden hatte; und nun zweifelte er nicht mehr,
dafl es dieser Umstand gewesen sein m¸sse, was ihn verhindert habe, ihrer
Schˆnheit eher Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eine Art von
maschinalischer Ehrfurcht vor der Tugend, die von seiner Indolenz und der
furchtbaren Vorstellung herkam, welche er sich von den Schwierigkeiten sie
zu besiegen in den Kopf gesetzt hatte, w¸rde ihn vielleicht auch diesesmal
in den Grenzen einer unt‰tigen Bewunderung gehalten haben, wenn nicht
einer von diesen kleinen Zuf‰llen, welche so oft die Ursachen der
grˆflesten Begebenheiten werden, seine nat¸rliche Tr‰gheit auf einmal in
die ungeduldigste Leidenschaft verwandelt h‰tte. Da dieser Zufall
jederzeit eine Anekdote geblieben ist, so kˆnnen wir nicht gewifl sagen, ob
es (wie einige Sicilianische Geschichtschreiber vorgeben) der n‰mliche
gewesen, wodurch in neuern Zeiten die Schwester des ber¸hmten Herzogs von
Marlborough den ersten Grund zu dem auflerordentlichen Gl¸ck ihrer Familie
gelegt haben soll; oder ob er sie vielleicht von ungef‰hr in dem Zustand
¸berrascht haben mochte, worin der Act‰on der Poeten das Ungl¸ck hatte,
die schˆne Diana zu erblicken. Das ist indessen ausgemacht, dafl von
dieser geheimen Begebenheit an, die Leidenschaft und die Absichten des
Dionys einen Schwung nahmen, wodurch sich die Tugend der allzuschˆnen
Cleonissa in keine geringe Verlegenheit gesetzt befand, wie sie in einer
so schl¸pfrigen Situation dasjenige, was sie sich selbst schuldig war, mit
den Pflichten gegen ihren Prinzen vereinigen wollte. Dionys war so
dringend, so unvorsichtig--und sie hatte so viele Personen in Acht zu
nehmen--sie, die in jedem andern Frauenzimmer eine Nebenbuhlerin hatte,
und bei jedem Schritt von hundert eifers¸chtigen Augen belauret wurde,
welche nicht ermangelt haben w¸rden, den kleinsten Fehltritt, den sie
gemacht h‰tte, durch eben so viele Zungen der ganzen Welt in die Ohren
fl¸stern zu lassen. Auf der einen Seite, ein von Liebe brennender Kˆnig
zu ihren F¸flen, bereit eine unbegrenzte Gewalt ¸ber ihn selbst und ¸ber
alles was er hatte, um die kleinste ihrer Gunstbezeugungen hinzugeben--auf
der andern, der gl‰nzende Ruhm einer Tugend, welche noch kein Sterblicher
f¸r fehlbar zu halten sich unterstanden hatte, das Vertrauen der
Prinzessinnen, die Hochachtung ihres Gemahls--Man mufl gestehen, tausend
andre w¸rden sich zwischen zweien auf so verschiedene Seiten ziehenden
Kr‰ften nicht zu helfen gewuflt haben. Aber Cleonissa wuflte es, ob sie
sich gleich zum ersten mal in dieser Schwierigkeit befand, so gut, dafl der
ganze Plan ihres Betragens sie schwerlich eine einzige schlaflose Nacht
kostete. Sie sah beim ersten Blick, wie wichtig die Vorteile waren,
welche sie in diesen Umst‰nden von ihrer Tugend ziehen konnte. Das
n‰mliche Mittel, wodurch sie ihren Ruhm sicher stellen, und die
Freundschaft der Prinzessinnen erhalten konnte, war unstreitig auch
dasjenige, was den unbest‰ndigen Dionys, bei dem vorsichtigen Gebrauch der
erforderlichen Aufmunterungen, auf immer in ihren Fesseln behalten w¸rde.
Sie setzte also seinen Erkl‰rungen, Verheiflungen, Bitten, Drohungen, (zu
den feinern Nachstellungen war er weder z‰rtlich noch schlau genug) eine
Tugend entgegen, welche ihn durch ihre Hartn‰ckigkeit notwendig h‰tte
erm¸den m¸ssen, wenn das Mitleiden mit dem Zustand, worein sie ihn zu
setzen gezwungen war, sie nicht zu gleicher Zeit vermocht h‰tte, seine
Pein durch alle die kleinen Palliative zu lindern, welche im Grunde f¸r
eine Art von Gunstbezeugungen angesehen werden kˆnnen, ohne dafl gleichwohl
die Tugend, bei einem Liebhaber wie Dionys war, dadurch zuviel von ihrer
W¸rde zu vergeben scheint. Die z‰rtliche Empfindlichkeit ihres
Herzens--die Gewalt welche sie sich antun muflte, einem so liebensw¸rdigen
Prinzen zu widerstehen--die stillschweigenden Gest‰ndnisse ihrer
Schwachheit, welche zu eben der Zeit, da sie ihm den entschlossensten
Widerstand tat, ihrem schˆnen Busen wider ihren Willen entflohen--o!
tugendhafte Cleonissa! Was f¸r eine gute Aktrice warest du!--Was h‰tte
Dionys sein m¸ssen, wenn er bei solchen Anscheinungen die Hoffnung
aufgegeben h‰tte, endlich noch gl¸cklich zu werden?

Inzwischen war, ungeachtet aller Behutsamkeit, welche Cleonissa, und
Dionys selbst gebrauchte, die Leidenschaft dieses Prinzen, und die
un¸berwindliche Tugend seiner Gˆttin, ein Geheimnis, welches der ganze Hof
wuflte, wenn man schon nicht dergleichen tat, als ob man Augen oder Ohren
h‰tte. Cleonissa hatte die Vorsicht gebraucht, die Schwestern des Prinzen,
von dem Augenblicke, da sie an seiner Leidenschaft nicht mehr zweifeln
konnte, zu ihren Vertrauten zu machen; diese hatten wieder im Vertrauen
alles seiner Gemahlin entdeckt, und die Gemahlin seiner Mutter. Die
Prinzessinnen, welche seine bisherigen Ausschweifungen immer vergebens
beseufzet, und besonders gegen die arme Bacchidion einen Widerwillen
gefaflt hatten, wovon sich kein andrer Grund, als die launische
Denkungs-Art dieser Damen angeben l‰flt, waren erfreut, dafl seine Neigung
endlich einmal auf einen tugendhaften Gegenstand gefallen war. Die
ausnehmende Klugheit der schˆnen Cleonissa machte ihnen Hoffnung, dafl es
ihr gelingen w¸rde, ihn unvermerkt auf den rechten Weg zu bringen.
Cleonissa erstattete ihnen jedes mal getreuen Bericht von allem was
zwischen ihr und ihrem Liebhaber vorgegangen war--oder doch von allem, was
die Prinzessinnen davon zu wissen nˆtig hatten; alle Maflregeln, wie sie
sich gegen ihn betragen sollte, wurden in dem Cabinet der Kˆnigin
abgeredet; und diese gute Dame, welche das Ungl¸ck hatte, die
Kaltsinnigkeit ihres Gemahls gegen sie lebhafter zu empfinden, als es f¸r
ihre Ruhe gut war, gab sich alle mˆgliche Bewegungen, die Bem¸hungen zu
befˆrdern, welche von der tugendhaften Cleonissa angewandt wurden, den
Prinzen in die Schranken der Geb¸hr zur¸ckzubringen. Alles dieses machte
eine Art von Intrigue aus, bei welcher, ungeachtet der anscheinenden Ruhe,
der ganze Hof in innerlicher Bewegung war. Der einzige Philistus,
derjenige der am meisten Ursache hatte, aufmerksam zu sein, wuflte nichts
von allem was jedermann wuflte; oder bewies doch wenigstens in seinem
ganzen Betragen eine so seltsame Sicherheit, dafl wir, wenn uns das
auflerordentliche Vertrauen nicht bekannt w‰re, welches er in die Tugend
seiner Gemahlin zu setzen Ursache hatte, fast notwendig auf den Argwohn
geraten m¸flten, als ob er gewisse Absichten bei dieser Auff¸hrung gehabt
haben kˆnnte, welche seinem Charakter keine sonderliche Ehre machen w¸rden.

Alles ging wie es gehen sollte; Dionys setzte die Belagerung mit der
‰uflersten Hartn‰ckigkeit und mit Hoffnungen fort, welche der tapfre
Widerstand der weisen Cleonissa ziemlich zweideutig machte--die Liebe
schien noch wenig ¸ber ihre Tugend erhalten zu haben, obgleich diese
allm‰hlich anfing, von ihrer Majest‰t nachzulassen, und zu erkennen zu
geben, dafl sie nicht ganz ungeneigt w‰re, unter hinl‰nglicher Sicherheit
sich in ein geheimes Verst‰ndnis, in so fern es eine blofle Liebe der Seele
zur Absicht h‰tte, einzulassen--Die Prinzessinnen sahen mit dem
vollkommensten Vertrauen auf die keuschen Reizungen ihrer Freundin, der
Entwicklung des St¸cks entgegen--und Philistus war von einer Gef‰lligkeit,
von einer Indolenz, wie man niemals gesehen hat: Als Agathon, zum Ungl¸ck
f¸r ihn und f¸r Sicilien, durch einen Eifer, der an einem Staats-Mann von
so vieler Einsicht kaum zu entschuldigen war, sich verleiten liefl, den
gl¸cklichen Fortgang der verschiedenen Absichten, welchen
Dionys--Cleonissa--die Prinzessinnen--und vielleicht auch Philistus--schon
so nahe zu sein glaubten, durch seine unzeitige Dazwischenkunft zu
unterbrechen.

DRITTES KAPITEL

Grofle Fehler wider die Staats-Kunst, welche Agathon beging--Folgen davon

Die Vertraulichkeit, worin Dionys mit seinen G¸nstlingen zu leben pflegte,
und das nat¸rliche Bed¸rfnis eines Verliebten, jemand zu haben, dem er
sein Leiden oder seine Gl¸ckseligkeit entdecken kann--hatten ihm nicht
erlaubt, dem Agathon aus seiner neuen Liebe ein Geheimnis zu machen; und
dieser trieb die Gef‰lligkeit anf‰nglich so weit, sich von dem
schwatzhaftesten Liebhaber, der jemals gewesen war, mit den
Angelegenheiten seines Herzens ganze Stunden durch Langeweile machen zu
lassen, in denen es dem guten Prinzen kein einziges mal einfiel, dafl diese
Angelegenheiten einem dritten unmˆglich so wichtig vorkommen kˆnnten, als
sie ihm selbst waren. Ohne seine Wahl geradezu zu miflbilligen (wovon er
eine schlechte W¸rkung h‰tte hoffen kˆnnen) begn¸gte er sich anfangs, ihm
die Schwierigkeiten, welche er bei einer Dame von so strenger und
systematischer Tugend finden w¸rde, so f¸rchterlich abzumalen, dafl er ihn
von einer Unternehmung, welche sich dem Ansehen nach, wenigstens in eine
entsetzliche L‰nge hinausziehen w¸rde, abzuschrecken hoffte. Wie er aber
sah, dafl Dionys anstatt durch den Widerstand, ¸ber den er sich beklagte,
erm¸det zu werden, von Tag zu Tag mehr Hoffnung schˆpfte, diese
beschwerliche Tugend durch hartn‰ckig wiederholte Anf‰lle endlich selbst
abzumatten: So glaubte er der schˆnen Cleonissa nicht zu viel zu tun, wenn
er sie im Verdacht eines gek¸nstelten Betragens h‰tte, welches die
Leidenschaft des Prinzen zu eben der Zeit aufmunterte, da sie ihm alle
Hoffnung zu verbieten schien. Je sch‰rfer er sie beobachtete, je mehr
Umst‰nde entdeckte er, welche ihn in diesem Argwohn best‰rkten; und da
seine nat¸rliche Antipathie gegen die majest‰tischen Tugenden das ihrige
mit beitrug, so hielt er sich nun vollkommen ¸berzeugt, dafl die weise und
tugendhafte Cleonissa weder mehr noch weniger als eine Betr¸gerin sei,
welche durch einen erdichteten Widerstand zu gleicher Zeit sich in dem Ruf
der Un¸berwindlichkeit zu erhalten, und den leichtgl‰ubigen Dionys desto
fester in ihrem Garn zu verstricken im Sinne habe. Nunmehr fing er an die
Sache f¸r ernsthaft anzusehen, und sich so wohl durch die Pflichten der
Freundschaft f¸r einen Prinzen, f¸r den er bei allen seinen Schwachheiten
eine Art von Zuneigung f¸hlte, als aus Sorge f¸r den Staat, verbunden zu
halten, einem Verst‰ndnis, welches f¸r beide sehr schlimme Folgen haben
kˆnnte, sich mit Nachdruck zu widersetzen. Bacchidion, welche, ohne eine
so regelm‰flige Schˆnheit zu sein, in seinen Augen unendlichmal
liebensw¸rdiger war als Cleonissa, schien ihm ihres Herzens--oder
richtiger zu reden, ihrer gl¸cklichen Organisation wegen--ungeachtet des
gemeinen und gerechten Vorurteils gegen ihren Stand, in Vergleichung mit
dieser tugendhaften Dame eine sehr sch‰tzbare Person zu sein: Und da sie
in der Unruhe, worein sie die immer zunehmende Kaltsinnigkeit des Prinzen
zu setzen anfing, ihre Zuflucht zu ihm nahm, so machte er sich desto
weniger Bedenken, sich ihrer mit etwas mehr Eifer als die W¸rde seines
Charakters vielleicht gestatten mochte, anzunehmen. Dionys liebte sie
nicht mehr; aber er maflte sich noch immer Rechte ¸ber sie an, welche nur
die Liebe geben sollte. Die schˆne Bacchidion wurde nur zu deutlich
gewahr, dafl sie nur die Stelle ihrer Nebenbuhlerin in seinen Armen
vertreten sollte; und ob sie gleich nur eine T‰nzerin war, so deuchte sie
sich doch zu gut, Flammen zu lauschen, welche eine andere angez¸ndet hatte.
Dionys schien bei der anhaltenden Strenge seiner neuen Gebieterin, einer
solchen Gef‰lligkeit mehr als jemals benˆtiget zu sein; und eben darum gab
ihr Agathon den Rat, an ihrem Teil auch die Grausame zu machen, und zu
versuchen, ob sie durch ein sprˆdes und launisches Betragen, mit einer
gehˆrigen Dosi von Koketterie vermischt, nicht mehr als durch z‰rtliche
Klagen und verdoppelte Gef‰lligkeit gewinnen w¸rde. Dieser Rat hatte
einen so guten Erfolg, dafl Agathon, der sich des Sieges zu fr¸h versichert
hielt, itzo den gelegenen Augenblick gefunden zu haben glaubte, dem Dionys
offenherzig zu gestehen, wie wenig Achtung er f¸r die angebliche Tugend
der Dame Cleonissa trage. Die Folgen der geheimen Unterredung, welche sie
mit einander ¸ber diese Materie hatten, entsprachen der Erwartung unsers
Helden nicht. Alles Nachteilige, was Agathon dem Prinzen von seiner neuen
Gˆttin sagen konnte, bewies hˆchstens, dafl sie nicht so viel Hochachtung
verdiene als er geglaubt hatte; aber es verminderte seine Begierden nicht;
desto besser f¸r seine Absichten, wenn sie nicht so tugendhaft war.
Diesen edlen Gedanken liefl er zwar den Agathon nicht sehen; aber Cleonissa
wurde ihn desto deutlicher gewahr. Dionys hatte nicht so bald erfahren,
dafl die Tugend der Dame nur ein Popanz sei, so eilte er was er konnte,
Gebrauch von dieser Entdeckung zu machen, und setzte sie durch ein
Betragen in Erstaunen, welches mit seinem vorigen, und noch mehr mit der
Majest‰t ihres Charakters, einen hˆchst beleidigenden Kontrast machte.
Er war zwar Diskret genug, ihr nicht geradezu zu sagen, was f¸r Begriffe
man ihm von ihr beigebracht habe; aber sein Bezeugen sagte es so deutlich,
dafl sie nicht zweifeln konnte, es m¸flte ihr jemand schlimme Dienste bei
ihm geleistet haben. Dieser Umstand setzte sie in der Tat in keine
geringe Verlegenheit, wie sie dasjenige was sie ihrer beleidigten W¸rde
schuldig war, mit der Besorgnis, einen Liebhaber von solcher Wichtigkeit
durch allzuweit getriebene Strenge g‰nzlich abzuschrecken, zusammenstimmen
wollte. Allein ein Geist wie der ihrige weifl sich aus den schwierigsten
Situationen herauszuwickeln; und Dionys ging ¸berzeugter als jemals von
ihr, dafl sie die Tugend selbst, und allein durch die St‰rke der Sympathie,
wodurch ihre zum ersten mal ger¸hrte Seele gegen die seinige gezogen werde,
f‰hig werden kˆnnte, die Hoffnungen dereinst zu erf¸llen, welche sie ihm
weder erlaubte noch g‰nzlich verwehrte. Von dieser Zeit an nahm seine
Leidenschaft und das Ansehen dieser Dame von Tag zu Tag zu; die schˆne
Bacchidion wurde fˆrmlich abgedankt; und Agathon w¸rde in den Augen seines
Herren gelesen haben, wenn er es nicht aus seinem eignen Munde vernommen
h‰tte, dafl er gute Hoffnung habe, in wenigen Tagen den letzten Seufzer der
sterbenden Tugend von den Lippen der z‰rtlichen, und nur noch schwach
widerstehenden Cleonissa aufzufassen. Itzo glaubte er, dafl es die hˆchste
Zeit sei einen Schritt zu tun, der nur durch die ‰uflerste Notwendigkeit
gerechtfertiget werden konnte, aber seiner Meinung nach, das unfehlbarste
Mittel war, dieser gef‰hrlichen Intrigue noch in Zeiten ein Ende zu machen.
Er liefl also den Philistus zu sich rufen, und entdeckte ihm mit der
ganzen Vertraulichkeit eines ehrlichen Mannes, der mit einem ehrlichen
Manne zu reden glaubt, die nahe Gefahr, worin seine Ehre und die Tugend
seiner Gemahlin schwebe. Freilich entdeckte er dem edeln Philistus nichts,
als was dieser in der Tat schon lange wuflte; aber Philistus machte nichts
desto weniger den Erstaunten; indessen dankte er ihm mit der lebhaftesten
Empfindung f¸r ein so unzweifelhaftes Merkmal seiner Freundschaft, und
versicherte, dafl er auf ein schickliches Mittel bedacht sein wollte, seine
Gemahlin, von welcher er ¸brigens die beste Meinung von der Welt habe,
gegen alle Nachstellungen der Liebesgˆtter sicher zu stellen.

Man hat wohl sehr recht, uns die Lehre bei allen Gelegenheiten
einzusch‰rfen, dafl man sich die Leute nach ihrer Weise verbindlich machen
m¸sse, und nicht nach der unsrigen. Agathon glaubte sich kein geringes
Verdienst um den Philistus gemacht zu haben, und w¸rde nicht wenig ¸ber
die Apostrophen erstaunt gewesen sein, welche dieser w¸rdige Minister an
ihn machte, so bald er sich wieder allein sah. In der Tat muflte es diesen
notwendig ungehalten machen, sich durch eine so unzeitige Vorsorge f¸r
seine Ehre auf einmal aller Vorteile seiner bisherigen diskreten
Unachtsamkeit verlustiget zu sehen. Indessen konnte er nun, ohne sich in
Agathons Augen zum Verr‰ter seiner eigenen Ehre zu machen, nicht anders;
er muflte den Eifers¸chtigen spielen. Die Komˆdie bekam dadurch auf
etliche Tage einen sehr tragischen Schwung--Wie viel M¸he h‰tten sich die
Haupt-Personen dieser Farce ersparen kˆnnen, wenn sie die Maske h‰tten
abnehmen, und sich einander in puris naturalibus zeigen wollen? Aber
diese Leute aus der groflen Welt sind so p¸nktliche Beobachter des
Wohlstands!--und sind darum zu beloben; denn es beweiset doch immer, dafl
sie sich ihrer wahren Gestalt sch‰men, und die Verbindlichkeit etwas
bessers zu sein als sie sind, stillschweigend anerkennen--Cleonissa
rechtfertigte sich also gegen ihren Gemahl, indem sie sich auf die
Prinzessinnen, als unverwerfliche Zeugen der untadelhaften Unschuld ihres
Betragens berief. Niemals ist ein erhabneres und pathetischeres St¸ck von
Beredsamkeit gehˆrt worden, als die Rede war, wodurch sie ihm die
Unbilligkeit seines Verdachts vorhielt; und der gute Mann wuflte sich
endlich nicht anders zu helfen, als dafl er den Freund nannte, von dem er,
wiewohl aus guter Absicht, in diesen kleinen Anstofl einer, wie er nun
vollkommen erkannte, hˆchst unnˆtigen und str‰flichen Eifersucht gesetzt
worden sei. Die Wut einer st¸rmischen See--einer zur Rache gereizten
Hornisse--oder einer Lˆwin, der ihre Jungen geraubt worden, sind nur
schwache Bilder in Vergleichung mit der Wut, in welche Cleonissens
tugendhafter Busen bei Nennung des Namens Agathon aufloderte. W¸rklich
war nichts mit ihr zu vergleichen, als die Wollust, womit der Gedanke sie
berauschte, dafl sie es nun endlich in ihrer Gewalt habe, die lange
gew¸nschte Rache an diesem undankbaren Ver‰chter ihrer Reizungen zu nehmen.
Sie miflhandelte den Dionys, (den sie f¸r die unertr‰gliche Beleidigung,
welche sie von ihrem Gemahl erduldet hatte, zur Rechenschaft zog) so lange
und so grausam, bis er ihr, wiewohl ungern, (denn er wollte seinen
G¸nstling nicht aufopfern) entdeckte, wie wenig sie dem Agathon f¸r seine
Meinung von ihr verbunden sei. Nunmehr kl‰rte sich, wie sie sagte, das
ganze Geheimnis auf; und in der Tat muflte sie sich nur ¸ber ihre eigene
Einfalt verwundern, da sie sich eines bessern zu einem Manne versehen
hatte, von dessen Rache sie nat¸rlicher Weise das Schlimmste h‰tte
erwarten sollen--Wenn Dionys bei diesen Worten stutzte, so kann man sich
einbilden, was er f¸r eine Miene machte, da sie ihm, vermittelst einer
Konfidenz, wozu sie durch ihre eigene Rechtfertigung gezwungen war,
umst‰ndlich entdeckte, dafl der Hafl Agathons gegen sie allein daher
entsprungen sei, weil sie nicht f¸r gut befunden habe, seine Liebe genehm
zu halten. Dieses war nun freilich nicht nach der Sch‰rfe wahr. Aber da
sie nun einmal dahin gebracht war, sich selbst verteidigen zu m¸ssen; so
war nat¸rlich, dafl sie es lieber auf Unkosten einer Person, die ihr
verhaflt war, als auf ihre eigene tat. So viel ist gewifl, dafl sie ihre
Absicht dadurch mehr als zu gut erreichte. Dionys geriet in einen so
heftigen Anfall von Eifersucht ¸ber seinen unw¸rdigen Liebling--dieser
Mann, der der Liebe eines Dionys unw¸rdig war, war Agathon!--dafl Cleonissa,
(welche besorgte, dafl ein plˆtzlicher Ausbruch zu miflbeliebigen
Erl‰uterungen Anlafl geben kˆnnte) alle ihre Gewalt ¸ber ihn anwenden muflte,
ihn zur¸ckzuhalten. Sie bewies ihm die Notwendigkeit, einen Mann, der zu
allem Ungl¸ck der Abgott der Nation w‰re, vorsichtig zu behandeln. Dionys
f¸hlte die St‰rke dieses Beweises, und hassete den Agathon nur um so viel
herzlicher. Die Prinzessinnen mischten sich auch in die Sache, und legten
unserm Helden sehr ¸bel aus, dafl er, anstatt den Prinzen von
Ausschweifungen abzuhalten, eine Kreatur wie Bacchidion mit so vielem
Eifer in seinen Schutz genommen hatte. Man scheuete sich nicht, diesem
Eifer so gar einen geheimen Beweggrund zu leihen; und Philistus brachte
unter der Hand verschiedene Zeugen auf, welche in dem Cabinet des Prinzen
verschiedene Umst‰nde aussagten, die ein zweideutiges Licht auf die
Enthaltsamkeit unsers Helden und die Treue der schˆnen Bacchidion zu
werfen schienen. Dieser Minister fand vermutlich die Absichten seines
Herrn auf seine tugendhafte Gemahlin so rein und unschuldig, dafl es
anstˆflig, und l‰cherlich gewesen w‰re, ¸ber die Freundschaft, womit er sie
beehrte, eifers¸chtig zu sein. Ein t‰glicher Zuwachs der kˆniglichen
Gunst rechtfertigte und belohnte eine so edelm¸tige Gef‰lligkeit.
Timocrat fand bei diesen Umst‰nden Gelegenheit, sich gleichfalls wieder in
das alte Vertrauen zu setzen; und beide vereinigten sich nunmehr mit der
triumphierenden Cleonissa, den Fall unsers Helden desto eifriger zu
beschleunigen, je mehr sie ihn mit Versicherungen ihrer Freundschaft
¸berh‰uften.

Wir haben in diesem und dem vorigen Kapitel ein so merkw¸rdiges Beispiel
gesehen, (und wollte Gott! diese Beispiele k‰men uns nicht so oft im
Leben selbst vor) wie leicht es ist, einem lasterhaften Charakter, einer
schwarzen, hassensw¸rdigen Seele, den Anstrich der Tugend zu geben.
Agathon erfuhr nunmehr, dafl es eben so leicht ist, die reineste Tugend mit
verhaflten Farben zu ¸bersudeln. Er hatte dieses zu Athen schon erfahren;
aber bei der Vergleichung die er zwischen jenem Fall und seinem itzigen
anstellte, schienen ihm seine Atheniensische Feinde, im Gegensatz mit den
ver‰chtlichen Kreaturen, denen er sich nun auf ein mal aufgeopfert sah, so
weifl zu werden, als sie ihm ehmals, da er noch keine schlimmere Leute
kannte, schwarz vorgekommen waren. Vermutlich verf‰lschte die
Lebhaftigkeit des gegenw‰rtigen Gef¸hls sein Urteil ¸ber diesen Punkt ein
wenig; denn in der Tat scheint der ganze Unterschied zwischen der
republikanischen und hˆfischen Falschheit darin zu bestehen, dafl man in
Republiken genˆtiget ist, die ganze ‰uflerliche Form tugendhafter Sitten
anzunehmen; da man hingegen an Hˆfen genug getan hat, wenn man den Lastern,
welche des F¸rsten Beispiel adelt, oder wodurch seine Absichten befˆrdert
werden, tugendhafte Namen gibt. Allein im Grunde ist es nicht ekelhafter,
einen h¸pfenden, schmeichelnden, untert‰nigen, vergoldeten Schurken zu
eben der Zeit, da er sich vollkommen wohl bewuflt ist, nie keine Ehre
gehabt zu haben, oder in diesem Augenblick im Begriff ist, wofern er eine
h‰tte, sie zu verlieren--von den Pflichten gegen seine Ehre reden zu hˆren;
als einen gesetzten, schwerf‰lligen, gravit‰tischen Schurken zu sehen,
der unter dem Schutz seiner N¸chternheit, Eingezogenheit und p¸nktlichen
Beobachtung aller ‰uflerlichen Formalit‰ten der Religion und der Gesetze,
ein unversˆhnlicher Feind aller derjenigen ist, welche anders denken als
er, oder nicht zu allen seinen Absichten helfen wollen; und sich nicht das
mindeste Bedenken macht, so bald es seine Konvenienz erfordert, eine gute
Sache zu unterdr¸cken, oder eine bˆse mit seinem ganzen Ansehen zu
unterst¸tzen. Unparteiisch betrachtet, ist dieser noch der schlimmere
Mann; denn er ist ein eigentlicher Heuchler: Da jener nur ein Komˆdiant
ist, der nicht verlangt, dafl man ihn w¸rklich f¸r das halten solle, wof¸r
er sich ausgibt; vollkommen zufrieden, wenn die Mitspielenden und
Zuschauer nur dergleichen tun, ohne dafl es ihm einf‰llt sich zu bek¸mmern,
ob es ihr Ernst sei, oder nicht.

Agathon hatte nunmehr gute Mufle, dergleichen Betrachtungen anzustellen;
denn sein Ansehen und Einflufl nahm zusehends ab. ‰uflerlich zwar schien
alles noch zu sein, wie es gewesen war. Dionys und der ganze Hof
liebkoseten ihm so sehr als jemals, und die Dame Cleonissa selbst schien
es ihrer unw¸rdig zu halten, ihm einige Empfindlichkeit zu erkennen zu
geben. Aber desto mehr Miflvergn¸gen wurde ihm durch geheime, schleichende,
und indirekte Wege gemacht. Er muflte zusehen, wie nach und nach, unter
tausend falschen und nichtsw¸rdigen Vorw‰nden, seine besten Anordnungen
als schlecht ausgesonnen, ¸berfl¸ssig, oder sch‰dlich, wieder aufgehoben,
oder durch andere unn¸tze gemacht--wie die wenigen von seinen Kreaturen,
welche in der Tat Verdienste hatten, entfernt--wie alle seine Absichten
mifldeutet, alle seine Handlungen aus einem willk¸rlich falschen
Gesichts-Punkt beurteilt, und alle seine Vorz¸ge oder Verdienste
l‰cherlich gemacht wurden. Zu eben der Zeit, da man seine Talente und
Tugenden erhob, behandelte man ihn eben so, als ob er nicht das geringste
von den einen noch von den andern h‰tte. Man behielt zwar noch, aus
politischen Absichten (wie man es zu nennen pflegt) den Schein bei, als ob
man nach den n‰mlichen Grunds‰tzen handle, denen er in seiner
Staats-Verwaltung gefolget war: In der Tat aber geschah in jedem
vorkommenden Falle gerade das Widerspiel von dem, was er getan haben w¸rde;
und kurz, das Laster herrschte wieder mit so despotischer Gewalt als
jemals.

Hier w‰re es Zeit gewesen, die Clausul gelten zu machen, welche er seinem
Vertrag mit dem Dionys angeh‰ngt hatte, und sich zur¸ckzuziehen, da er
nicht mehr zweifeln konnte, dafl er am Hofe dieses Prinzen zu nichts mehr
n¸tze war. Und dieses war auch der Rat, den ihm der einzige von seinen
Hoffreunden, der ihm getreu blieb, der Philosoph Aristippus gab. "Du
h‰ttest", sagte er ihm in einer vertraulichen Unterredung ¸ber den
gegenw‰rtigen Lauf der Sachen, "du h‰ttest dich entweder niemals mit einem
Dionysius einlassen, oder an dem Platz, den du einmal angenommen hattest,
deine moralische Begriffe--oder doch wenigstens deine Handlungen nach den
Umst‰nden bestimmen sollen. Auf diesem Theater der Verstellung, der
Betr¸gerei, der Intriguen, der Schmeichelei und Verr‰terei, wo Tugenden
und Pflichten blofle Rechen-Pfenninge, und alle Gesichter Masken sind; kurz,
an einem Hofe, gilt keine andre Regel als die Konvenienz, keine andre
Politik, als einen jeden Umstand mit unsern eignen Absichten so gut
vereinigen als man kann. Im ¸brigen ist es vielleicht eine Frage, ob du
so wohl getan hast, dich um einer an sich wenig bedeutenden Ursache willen
mit Dionysen abzuwerfen. Ich gestehe es, in den Augen eines Philosophen
ist die T‰nzerin Bacchidion viel sch‰tzbarer, als diese majest‰tische
Cleonissa, welche mit aller ihrer Metaphysik und Tugend weder mehr noch
weniger als eine falsche, herrschs¸chtige und boshafte Kreatur ist.
Bacchidion hat dem Staat keinen Schaden getan, und Cleonissa wird
unendlich viel Bˆses tun -" "Aus dieser Betrachtung" (unterbrach ihn
Agathon) "habe ich mich f¸r jene und gegen diese erkl‰rt -" "Und doch war
es leicht vorherzusehen, dafl Cleonissa siegen w¸rde", sagte
Aristipp--"Aber ein rechtschaffener Mann, Aristipp, erkl‰rt sich nicht f¸r
die Partei, welche siegen wird, sondern f¸r die, welche Recht, oder doch
am wenigsten Unrecht hat -" "Mein lieber Agathon, ein rechtschaffener Mann
mufl, so bald er an einem Hofe leben will, sich eines guten Teils von
seiner Rechtschaffenheit abtun, um ihn seiner Klugheit zu zulegen. Ist
es nicht Schade, dafl so viel Gutes, das du schon getan hast, so viel Gutes,
das du noch getan haben w¸rdest, blofl darum verloren sein soll, weil du
eine schˆne Dame nicht verstehen wolltest, da sie dir's so deutlich, dafl
es der ganze Hof (einen einzigen ausgenommen) verstehen konnte, zu
erkennen gab, dafl sie schlechterdings--geliebt sein wollte. Doch dieser
Fehler h‰tte sich vielleicht wieder gut machen lassen, wenn du nur
gef‰llig genug gewesen w‰rest, ihre Absichten auf Dionysen zu befˆrdern.
Wolltest du auch dieses nicht, war es denn nˆtig ihr entgegen zu sein?
Was f¸r Schaden w¸rde daraus erfolgt sein, wenn du neutral geblieben
w‰rest? Die kleine Bacchidion w¸rde nicht mehr getanzt haben, und
Cleonissa h‰tte die Ehre gehabt, ihren Platz einzunehmen, bis er ihrer
eben so wohl ¸berdr¸ssig geworden w‰re als so vieler andrer. Das w‰re
alles gewesen. Und gesetzt, du h‰ttest auch die Gewalt ¸ber ihn mit ihr
teilen m¸ssen; so w¸rdest du ihr wenigstens das Gleichgewicht gehalten,
und noch immer Ansehen genug behalten haben, viel Gutes zu tun. Dem
Schein nach in gutem Vernehmen mit ihr, w¸rde dir dein Platz, und die
Vertraulichkeit mit dem Prinzen tausend Gelegenheiten gegeben haben, sie,
so bald ihre Gunstbezeugungen aufgehˆrt h‰tten, etwas neues f¸r ihn zu
sein, unvermerkt und mit der besten Art von der Welt wieder auf die Seite
zu schaffen--Aber ich kenne dich zu gut, Agathon; du bist nicht dazu
gemacht dich zu Verstellung, R‰nken und Hofk¸nsten herabzulassen; dein
Herz ist zu edel, und wenn ich es sagen darf, deine Einbildungs-Kraft zu
warm, um dich jemals zu der Art von Klugheit zu gewˆhnen, ohne welche es
unmˆglich ist, sich lange in der Gunst der Groflen zu erhalten. Auch kenne
ich den Hof nicht, welcher wert w‰re, einen Agathon an seiner Spitze zu
haben. Das alles h‰tte ich dir ungef‰hr vorher sagen kˆnnen, als ich dich
¸berreden half, dich mit Dionysen einzulassen; aber es war besser durch
deine eigne Erfahrung davon ¸berzeugt zu werden. Ziehe dich itzt zur¸ck,
ehe das Ungewitter, das ich aufsteigen sehe, ¸ber dich ausbrechen kann.
Dionys verdient keinen Freund wie du bist. Wie sehr h‰ttest du dich
betrogen, wenn du jemals geglaubt h‰ttest, dafl er dich hochachte! Woher
sollte denen von seiner Art die F‰higkeit dazu kommen? Selbst damals, da
er am st‰rksten f¸r dich eingenommen war, liebte er dich aus keinem andern
Grunde, als warum er seinen Affen und seine Papageien liebt--weil du ihm
Kurzweil machtest. Seine Gunst h‰tte eben so leicht auf einen andern
Neuangekommenen fallen kˆnnen, der die Cither noch besser gespielt h‰tte
als du. Nein, Agathon, du bist nicht gemacht, mit solchen Leuten zu
leben--ziehe dich zur¸ck; du hast genug f¸r deine Ehre getan. Die Torheit
der neuen Staats-Verwaltung wird die Weisheit der deinigen am besten
rechtfertigen. Deine Handlungen, deine Tugenden, und ein ganzes Volk,
welches deine Zeiten zur¸ckw¸nschen, und dein Andenken segnen wird, werden
dich am besten gegen die Verleumdungen und den albernen Tadel eines
kleinen Hofes voll Toren und schelmischer Sklaven verteidigen, deren Hafl
dir mehr Ehre macht als ihr Beifall. Du befindest dich in Umst‰nden, in
einem unabh‰ngigen Privatstande mit W¸rde leben zu kˆnnen. Deine Freunde
zu Tarent werden dich mit offnen Armen empfangen. Ich wiederhole es,
Agathon, verlafl einen F¸rsten, der seiner Sklaven, und Sklaven die eines
solchen F¸rsten wert sind; und denke nun daran, wie du selbst des Lebens
genieflen wollest, nachdem du den Versuch gemacht, wie schwer, wie
gef‰hrlich, und insgemein wie vergeblich es ist, f¸r andrer Gl¸ck zu
arbeiten."

So sprach Aristipp; und Agathon w¸rde wohl getan haben, einem so guten
Rate zu folgen. Aber wie sollte es mˆglich sein, dafl derjenige, welcher
selbst eine Haupt-Rolle in einem St¸cke spielt, so gelassen davon urteilen
sollte, als ein blofler Zuschauer? Agathon sah die Sachen aus einem ganz
andern Gesichts-Punkt. Er betrachtete sich als einen Mann, der die
Verbindlichkeit auf sich genommen habe, die Wohlfahrt Siciliens zu
befˆrdern. "Warum kam ich nach Syracus?"--sagte er zu sich selbst--"und
mit welchen Absichten ¸bernahm ich das Amt eines Freundes und Ratgebers
bei diesem Tyrannen? Tat ich es, um ein Sklave seiner Leidenschaften, oder
ein Werkzeug der Tyrannie zu sein? Oder hatte ich einen groflen und
rechtschaffenen Zweck? W¸rde ich mich jemals mit ihm eingelassen haben,
wenn er mir nicht Hoffnung gemacht h‰tte, dafl die Tugend endlich die
Oberhand ¸ber seine Laster erhalten w¸rde? Er hat mich betrogen, und die
Erfahrungen, die ich von seiner Gem¸ts-Art habe, ¸berzeugen mich, dafl er
unverbesserlich ist. Aber w¸rde es edel von mir gehandelt sein, ein Volk,
dessen Wohlfahrt der Endzweck meiner Bem¸hungen war, ein Volk, welches
mich als seinen Wohlt‰ter ansieht, den Launen dieses weibischen Menschen,
und der Raubsucht seiner Schmeichler und Sklaven Preis zu geben? Was f¸r
Pflichten hab' ich gegen ihn, welche sein undankbares, niedertr‰chtiges
Verfahren gegen mich nicht aufgehoben, und vernichtet h‰tte? Oder wenn
ich noch Pflichten gegen ihn habe; sind nicht diejenigen unendlichmal
heiliger, welche mich an ein Land binden, das durch meine Wahl, und die
Dienste, die ich ihm geleistet habe, mein zweites Vaterland worden
ist?--Wer ist denn dieser Dionys? Was f¸r ein Recht hat er an die hˆchste
Gewalt, der er sich anmaflt? Wem anders als dem Agathon hat er das einzige
Recht zu danken, worauf er sich mit einigem Schein berufen kann? Seit
wenn ist er aus einem von aller Welt verabscheueten Tyrannen ein Kˆnig
geworden, als seit dem ich ihm durch eine gerechte und wohlt‰tige
Regierung die Liebe des Volks zugewandt habe? Er liefl mich arbeiten; er
verbarg seine Laster hinter meine Tugenden; eignete sich meine Verdienste
zu, und genofl die Fr¸chte davon, der Undankbare!--und nun, da er sich
stark genug glaubt, mich entbehren zu kˆnnen, ¸berl‰flt er sich wieder
seinem eigenen Charakter, und f‰ngt damit an, alles Gute das ich in seinem
Namen getan habe, wieder zu vernichten; gleich als ob er sich sch‰me, eine
Zeitlang aus seinem Charakter getreten zu sein, und als ob er nicht genug
eilen kˆnne, die ganze Welt zu belehren, dafl es Agathon, nicht Dionys
gewesen sei, der den Sicilianern eine Morgenrˆte beflrer Zeiten gezeigt,
und Hoffnung gemacht, sich von den Miflhandlungen einer Reihe schlimmer
Regenten wieder zu erholen. Was w¸rd' ich also sein, wenn ich sie in
solchen Umst‰nden verlassen wollte, wo sie meiner mehr als jemals
benˆtiget sind? Nein--Dionys hat Beweise genug gegeben, dafl er
unverbesserlich ist, und durch die Nachsicht gegen seine Laster nur in der
l‰cherlichen Einbildung best‰rkt wird, dafl man ihnen Ehrfurcht schuldig
sei. Es ist Zeit der Komˆdie ein Ende zu machen, und diesem kleinen
Theater-Kˆnige den Platz anzuweisen, wozu ihn seine persˆnliche
Eigenschaften bestimmen."

Unsere Leser sehen aus dieser Probe der geheimen Gespr‰che, welche Agathon
mit sich selbst hielt, dafl er noch weit davon entfernt ist, sich von
diesem enthusiastischen Schwung der Seele Meister gemacht zu haben, der
bisher die Quelle seiner Fehler sowohl als seiner schˆnsten Taten gewesen
ist. Wir haben keinen Grund in die Aufrichtigkeit dieses Monologen
einigen Zweifel zu setzen; seine Seele war gewohnt, aufrichtig gegen sich
selbst zu sein. Wir kˆnnen also als gewifl annehmen, dafl er zu dem
Entschlufl, eine Empˆrung gegen den Dionys zu erregen, durch eben so
tugendhafte Gesinnungen getrieben zu werden glaubte, als diejenigen waren,
welche f¸nfzehn Jahre sp‰ter einen der edelsten Sterblichen, die jemals
gelebt haben, den Timoleon von Corinth, aufmunterten, die Befreiung
Siciliens zu unternehmen. Allein es ist darum nicht weniger gewifl, dafl
die lebhafte Empfindung des persˆnlichen Unrechts, welches ihm zugef¸get
wurde, der Unwille ¸ber die Undankbarkeit des Dionys, und der Verdrufl sich
einer verachtensw¸rdigen Buhler-Intrigue aufgeopfert zu sehen, einen
groflen Einflufl in seine gegenw‰rtige Denkens-Art gehabt, und zur
Entz¸ndung dieses heroischen Feuers, welches in seiner Seele brannte,
nicht wenig beigetragen habe. Im Grunde hatte er keine andre Pflichten
gegen die Sicilianer, als welche aus seinem Vertrag mit dem Dionys
entsprangen, und vermˆge eben dieses Vertrags aufhˆrten, so bald diesem
seine Dienste nicht mehr angenehm sein w¸rden. Syracus war nicht sein
Vaterland. Dionys hatte durch die stillschweigende Anerkenntnis der
Erbfolge, kraft deren er nach seines Vaters Tode den Thron bestieg, eine
Art von Recht erlangt. Agathon selbst w¸rde sich nicht in seine Dienste
begeben haben, wenn er ihn nicht f¸r einen rechtm‰fligen F¸rsten gehalten
h‰tte. Die n‰mlichen Gr¸nde, welche ihn damals bewogen hatten, die
Monarchie der Republik vorzuziehen, und aus diesem Grunde sich bisher den
Absichten des Dion zu widersetzen, bestunden noch in ihrer ganzen St‰rke.
Es war sehr ungewifl, ob eine Empˆrung gegen den Dionys die Sicilianer
w¸rklich in einen gl¸cklichern Stand setzen, oder ihnen nur einen andern,
und vielleicht noch schlimmern Herrn geben w¸rde, da sie schon so viele
Proben gegeben hatten, dafl sie die Freiheit nicht ertragen kˆnnten.
Dionys hatte Macht genug, seine Absetzung schwer zu machen; und die
verderblichen Folgen eines B¸rgerkriegs waren die einzigen gewissen Folgen,
welche man von einer so zweifelhaften Unternehmung voraussehen
konnte--Alle diese Betrachtungen w¸rden kein geringes Gewicht auf der
Waagschale einer kalten unparteiischen ¸berlegung gemacht, und vermutlich
den entgegenstehenden Gr¸nden das Gleichgewicht gehalten haben. Aber
Agathon war weder kalt noch unparteiisch; er war ein Mensch. Seine
Eigenliebe war an ihrem empfindlichsten Teil verletzt worden. Der Affekt,
in welchen er dadurch gesetzt werden muflte, gab allen Gegenst‰nden, die er
vor sich hatte, eine andre Farbe. Dionys, dessen Laster er ehmals mit
freundschaftlichen Augen als Schwachheiten betrachtet hatte, stellte sich
ihm itzt in der h‰fllichen Gestalt eines Tyrannen dar. Je besser er vorhin
von Philistus gedacht hatte, desto abscheulicher fand er itzt seinen
Charakter, nachdem er ihn einmal falsch und niedertr‰chtig gefunden hatte;
es war nichts so schlimm und sch‰ndlich, das er einem solchen Manne nicht
zutraute. Die reizenden Bilder, welche er sich von der Gl¸ckseligkeit
Siciliens unter seiner Verwaltung gemacht hatte, erhielten durch den Unmut,
sie vor seinen Augen vernichten zu sehen, eine desto grˆflere Gewalt ¸ber
seine Einbildungs-Kraft. Es war ihm unertr‰glich, Leute, welche nur darum
seine Feinde waren, weil sie Feinde alles Guten, Feinde der Tugend und der
ˆffentlichen Wohlfahrt waren, einen solchen Sieg davontragen zu lassen.
Er hielt es f¸r eine allgemeine Pflicht, sich den Unternehmungen der Bˆsen
zu widersetzen, und die Stelle, welche er beinahe zwei Jahre lang in
Sicilien behauptet hatte, machte (wie er glaubte) seinen Beruf zur
besondern Aus¸bung dieser Pflicht in gegenw‰rtigem Falle unzweifelhaft.
Diese Betrachtungen hatten, aufler ihrer eigent¸mlichen St‰rke, noch sein
Herz und seine Einbildungs-Kraft auf ihrer Seite; und muflten also
notwendig alles ¸berw‰gen, was die Klugheit dagegen einwenden konnte.

Sobald Agathon seinen Entschlufl genommen hatte, so arbeitete er an der
Ausf¸hrung desselben. Dion, welcher sich damals zu Athen befand, hatte
einen betr‰chtlichen Anhang in Sicilien, durch welchen er bisher alle
mˆgliche Bewegungen gemacht hatte, seine Zur¸ckberufung von dem Prinzen zu
erhalten. Er hatte sich deshalben vorz¸glich an den Agathon gewandt, so
bald ihm berichtet worden war, in welchem Ansehen er bei Dionysen stehe.
Aber Agathon dachte damals nicht so gut von dem Charakter Dions als die
Akademie zu Athen; eine Tugend, welche mit Stolz, Unbiegsamkeit und
Austerit‰t vermischt war, schien ihm, wo nicht verd‰chtig, doch wenig
liebensw¸rdig; er besorgte mit einiger Wahrscheinlichkeit, dafl die
Gem¸ts-Art dieses Prinzen ihn niemals ruhig lassen, und dafl er, ungeachtet
seiner republikanischen Grunds‰tze, eben so ungelehrig sein w¸rde, das
hˆchste Ansehen im Staat mit jemand zu teilen, als ohne Ansehen zu leben.
Er hatte also, anstatt seine Zur¸ckberufung bei dem Dionys zu befˆrdern,
diesen der ‰uflersten Abneigung, die er davor zeigte, ¸berlassen, und sich
durch diese Auff¸hrung einiges Miflvergn¸gen von Seiten der Freunde Dions
zugezogen, welche es ihm eben so ¸bel nahmen, dafl er nichts f¸r diesen
Prinzen tat, als ob er gegen ihn agiert h‰tte. Allein seitdem seine
eigene Erfahrung das schlimmste, was Dionysens Feinde von ihm denken
konnten, rechtfertigte, hatte sich auch seine Gesinnung gegen den Dion
g‰nzlich umgewandt. Dieser Prinz, welcher unstreitig grofle Eigenschaften
besafl, stellte sich ihm itzt unter dem Bilde eines rechtschaffenen Mannes
dar, in welchem der langwierige Anblick des gemeinen Elendes unter einer
heillosen Regierung, und die immer vergebliche Bem¸hung, dem reiflenden
Strom der Verderbnis entgegen zu arbeiten, einen anhaltenden gerechten
Unmut erregt hat, der ungeachtet des Scheins einer galls¸chtigen
Melancholie, im Grunde die Frucht der edelsten Menschenliebe ist. Er
beschlofl also, mit ihm gemeine Sache zu machen. Er entdeckte sich den
Freunden Dions, welche, erfreut ¸ber den Beitritt eines Mannes, der durch
seine Talente und seine Gunst beim Volke ihrer Partei das ¸bergewicht zu
geben vermˆgend war, ihm hinwieder die ganze Beschaffenheit der
Angelegenheiten Dions, die Anzahl seiner Freunde, und die geheimen
Anstalten entdeckten, welche in Erwartung irgend eines g¸nstigen Zufalls,
bereits zu seiner Zur¸ckkunft nach Sicilien gemacht worden waren: Und so
wurde Agathon in kurzer Zeit aus einem Freund und ersten Minister des
Dionys, das Haupt einer Konspiration gegen ihn, an welcher alle diejenigen
Anteil nahmen, die aus edlern oder eigenn¸tzigern Bewegursachen, mit der
gegenw‰rtigen Verfassung unzufrieden waren. Agathon entwarf einen Plan,
wie die ganze Sache gef¸hrt werden sollte; und dieses setzte ihn in einen
geheimen Briefwechsel mit Dion, wodurch die bessere Meinung, welche einer
von dem andern zu fassen angefangen hatte, immer mehr befestiget wurde.
Der Hof, in Lustbarkeiten und ein woll¸stiges Vergessen aller Gefahren
versunken, beg¸nstigte den Fortgang der Konspiration durch eine
Sorglosigkeit, welche so wenig nat¸rlich schien, dafl die
Zusammenverschwornen dadurch beunruhiget wurden. Sie verdoppelten ihre
Wachsamkeit, und (was bei Unternehmungen von dieser Art am meisten zu
bewundern, und dennoch sehr gewˆhnlich ist) ungeachtet der groflen Anzahl
derjenigen, die um das Geheimnis wuflten, blieb alles so verschwiegen, dafl
dem Ansehen nach niemand auf einigen Argwohn verfallen w‰re, wenn nicht
auf der einen Seite die Unwahrscheinlichkeit, dafl Agathon seinen Fall
w¸rklich so gleichg¸ltig ansehen kˆnne, als er es zu tun schien; und auf
der andern die Nachrichten, welche von den nicht sehr geheimen Zur¸stungen
des Dion eingingen, den von Natur mifltrauischen Philistus endlich
aufmerksam gemacht h‰tten. Von diesem Augenblick an wurde Agathon und
alle diejenige, welche als Freunde Dions bekannt waren, von tausend
unsichtbaren Augen aufs sch‰rfste beobachtet; und es gl¸ckte endlich dem
Philist, sich eines Sklaven zu bem‰chtigen, der mit Briefen an Agathon von
Athen gekommen war. Aus diesen Briefen, welche die Ursachen enthielten,
warum Dion die vorhabende Landung in Sicilien nicht sobald, als es unter
ihnen verabredet gewesen, ausf¸hren kˆnne, erhellete zwar deutlich, dafl
Agathon und die ¸brigen Freunde Dions an der eigenm‰chtigen Wiederkunft
desselben Anteil h‰tten; aber von einem Anschlag gegen die gegenw‰rtige
Regierung und die Person des Dionys, war aufler einigen unbestimmten
Ausdr¸cken, welche ein Geheimnis zu verbergen scheinen konnten, nichts
darin enthalten. Man kann sich die Bewegung vorstellen, welche diese
Entdeckung in dem Cabinet des Dionys verursachte. Man war sich Ursachen
genug bewuflt, das ‰rgste zu besorgen; aber eben darum hielt Philistus f¸r
ratsamer, die Sache als ein Staats-Geheimnis zu behandeln. Agathon wurde,
unter dem Vorwande verschiedener Staats-Verbrechen in Verhaft genommen,
ohne dafl dem Publico etwas bestimmtes, am allerwenigsten aber die wahre
Ursache, bekannt wurde. Man fand f¸r besser, die Partei des Dion, (welche
man sich aus Panischem Schrecken grˆfler vorstellte als sie w¸rklich war)
in Verlegenheit zu setzen, als zur Verzweiflung zu treiben; und gewann
indessen, dafl man sich begn¸gte sie aufs genaueste zu beobachten, Zeit,
sich gegen einen feindlichen ¸berfall in gehˆrige Verfassung zu setzen.

Wir sind es schon gewohnt, unsern Helden niemals grˆfler zu sehen als im
widrigen Gl¸cke. Auf das ‰rgste gefaflt, was er von seinen Feinden
erwarten konnte, setzte er sich vor, ihnen den Triumph nicht zu gew‰hren,
den Agathon zu etwas das seiner unw¸rdig w‰re, erniedriget zu haben. Er
weigerte sich schlechterdings, dem Philistus und Timocrates, welche zu
Untersuchung seiner angeblichen Verbrechen ernannt waren, Antwort zu geben.
Er verlangte von dem Prinzen selbst gehˆrt zu werden, und berief sich
deshalb auf den Vertrag, der zwischen ihnen errichtet worden war. Aber
Dionys hatte den Mut nicht, eine geheime Unterredung mit seinem ehmaligen
G¸nstling auszuhalten. Man versuchte es, seine Standhaftigkeit durch eine
harte Begegnung und Drohungen zu ersch¸ttern; und die schˆne Cleonissa
w¸rde ihre Stimme zu dem strengesten Urteil gegeben haben, wenn die
Furchtsamkeit des Tyrannen, und die Klugheit seines Ministers gestattet
h‰tten, ihren Eingebungen zu folgen. Sie muflte sich also durch die
Hoffnung zufrieden stellen lassen, die man ihr machte, ihn, sobald man
sich den Dion, auf eine oder die andere Art, vom Halse geschafft haben
w¸rde, zu einem ˆffentlichen Opfer ihrer Rache-d¸rstenden Tugend zu machen.

Inzwischen stunden die Freunde Agathons seinetwegen in desto grˆflern
Sorgen, da sie seinen Feinden Bosheit genug zutrauten, dem Tyrannen das
‰rgste gegen ihn einzugeben; und diesem Schwachheit genug, sich von ihnen
verf¸hren zu lassen. Denn das Unvermˆgen ihren Lieblingen zu widerstehen,
macht ˆfters woll¸stige F¸rsten, wider ihre nat¸rliche Neigung, grausam.
Sie wendeten also unter der Hand alles an, was ohne einen Aufstand zu
wagen, dessen Erfolg allzu unsicher gewesen w‰re, die Rettung Agathons
befˆrdern konnte. Dion gab bei dieser Gelegenheit eine Probe seiner
Groflmut, indem er durch ein freundschaftliches Schreiben an Dionysen sich
verbindlich machte, seine Kriegs-Vˆlker wieder abzudanken, und seine
Zur¸ckberufung als eine blofle Gnade von dem guten Willen seines Prinzen zu
erwarten, in so fern Agathon freigesprochen w¸rde, dessen einziges
Verbrechen darin bestehe, dafl er sich f¸r seine Zur¸ckkunft in sein
Vaterland interessiert habe. So edel dieser Schritt war, und so wohlfeil
dern Dionys dadurch die Aussˆhnung mit dem Dion angetragen wurde; so w¸rde
er doch dem Agathon wenig geholfen haben, wenn seine italienischen Freunde
nicht geeilet h‰tten, dem Tyrannen einen noch dringendern Beweggrund
vorzulegen. Aber zu eben dieser Zeit langten Gesandte von Tarent an, um
im Namen des Archytas, welcher alles in dieser Republik vermochte, die
Freilassung seines Freundes zu bew¸rken, und im Notfall zu erkl‰ren, dafl
diese Republik sich genˆtiget sehen w¸rde, die Partei Dions mit ihrer
ganzen Macht zu unterst¸tzen, wofern Dionys sich l‰nger weigern wollte,
diesem Prinzen sowohl als dem Agathon vollkommne Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen. Dionys kannte den Charakter des Archytas zu gut, um an dem
Ernst dieser Drohung zweifeln zu kˆnnen. Er hoffte sich also am besten
aus der Sache zu ziehen, wenn er unter der Versicherung, dafl er von einer
Aussˆhnung mit seinem Schwager nicht abgeneigt sei, in die Entlassung
Agathons einwilligte. Aber dieser erkl‰rte sich, dafl er seine Entlassung
weder als eine Gnade von dem Dionys annehmen, noch der F¸rbitte seiner
Freunde zu danken haben wolle. Er verlangte, dafl die Verbrechen, um
derentwillen er in Verhaft genommen worden, ˆffentlich angezeigt, und in
Gegenwart des Dionys, der Gesandten von Tarent und der Vornehmsten zu
Syracus, untersucht, seine Rechtfertigung gehˆrt, und sein Urteil nach den
Gesetzen ausgesprochen werden sollte. Da er sich bewuflt war, dafl aufler
seinen neuerlichen Verbindungen mit dem Dion, welche leicht zu
rechtfertigen waren, seine boshaftesten H‰sser nichts mit einigem Schein
der Wahrheit gegen ihn aufbringen kˆnnten; so hatte er gut auf eine so
feierliche Untersuchung zu dringen. Aber dazu konnten es die Cleonissen
und die Philiste, und der Tyrann selbst, der bei allem diesem sehr
verlegen war, nicht kommen lassen; und da die Tarentiner ihnen keine Zeit
lassen wollten, die Sache in die L‰nge zu ziehen; so sahe Dionys sich
endlich genˆtiget, ˆffentlich zu erkl‰ren: Dafl eine starke Vermutung, als
ob Agathon sich in eine Konspiration gegen ihn habe verwickeln lassen, die
einzige Ursache seines Verhafts gewesen sei; und dafl er keinen Augenblick
anstehen wolle, ihm seine Freiheit wiederzugeben, sobald er sich, unter
Verb¸rgung der Tarentiner, durch ein feirliches Versprechen, auf keinerlei
Weise k¸nftighin gegen Dionysen etwas zu unternehmen, sich von diesem
Verdacht am besten gereiniget haben werde. Die Bereitwilligkeit, womit
die Gesandten von Tarent sich diesen Antrag gefallen lieflen, bewies, dafl
es dem Archytas allein um die Befreiung Agathons zu tun war; und wir
werden vielleicht in der Folge den Grund entdecken, warum dieses Haupt
einer in diese Sache nicht unmittelbar verwickelten Republik, sich dieses
Punkts mit so auflerordentlichem Eifer annahm. Aber Agathon, der seine
Freiheit keinem unedeln Schritt zu danken haben wollte, konnte lange nicht
¸berredet werden, eine Erkl‰rung von sich zu geben, welche als eine Art
von Gest‰ndnis angesehen werden konnte, dafl er die Partei, die er genommen
hatte, verleugne. Doch diese in Ansehung seiner Umst‰nde, in der Tat
allzuspitzf¸ndige Delikatesse muflte endlich der gr¸ndlichern Betrachtung
weichen, dafl er durch Ausschlagung eines so billig scheinenden Verglichs
sich selbst in Gefahr setzen w¸rde, ohne dafl seiner Partei einiger Vorteil
dadurch zuginge; indem Dionys viel eher einwilligen w¸rde, ihn in der
Stille aus dem Wege r‰umen zu lassen, als zu zugeben, dafl er mit soviel
neuen Reizungen zur Rache die Freiheit bekommen sollte, der Faktion des
Dions wieder neues Leben einzuhauchen, und sich mit diesem Prinzen zu
seinem Untergang zu vereinigen. Die reizenden Schilderungen, so ihm die
Tarentiner von dem gl¸cklichen Leben machten, welches in dem ruhigen
Schofle ihres Vaterlandes, und in der Gesellschaft seiner Freunde auf ihn
warte, vollendeten die W¸rkung, welche nat¸rlicher Weise der gewaltsame
Zustand von Unruhe, Sorgen und heftigen Leidenschaften, worin er einige
Zeit her gelebt hatte, auf ein Gem¸te wie das seinige machen muflte; und
gaben ihm zu gleicher Zeit den ganzen Abscheu vor dem gesch‰ftigen Leben,
welchen er nach seiner Verbannung von Athen dagegen gefaflt, und den ganzen
Hang, welchen er zu Delphi f¸r das Kontemplative gehabt hatte, wieder. Er
bequemte sich also endlich, einen Schritt zu tun, der ihm von den Freunden
Dions f¸r eine feigherzige Verlassung der guten Sache ausgelegt wurde; in
der Tat aber das einzige war, was ihm in den Umst‰nden, worin er sich
befand, vern¸nftiger Weise zu tun ¸brig blieb. Wie viel dunkle Stunden
w¸rde er sich selbst, und wie viele Sorgen und M¸he seinen Freunden
erspart haben, wenn er dem Rate des weisen Aristippus ein paar Monate
fr¸her gefolget h‰tte!

Einer von den zuverl‰ssigsten und seltensten Beweisen der Tugend eines
ersten Ministers ist, wenn er armer oder doch wenigstens nicht reicher in
seine einsame H¸tte zur¸ckkehrt, als er gewesen war, da er auf den
Schauplatz des ˆffentlichen Lebens versetzt wurde. Die Epaminondas, die
Walsinghams, die More, und Tessins sind freilich zu allen Zeiten selten;
aber wenn etwas, welches den verstocktesten Tugend-Leugner, einen Hippias
selbst, zwingen mufl, die W¸rklichkeit der Tugend zu gestehen, und auch
wider seinen Willen ihre Gˆttlichkeit zu erkennen: So sind es die
Beispiele solcher M‰nner. Der Himmel verh¸te, dafl ich die Hippiasse
jemals einer andern Widerlegung w¸rdigen sollte! Sie mˆgen nach Aekerˆ
reisen! Und wenn sie den einzigen Anblick unter dem Himmel, auf welchen
(nach dem Ausdruck eines weisen Alten) die Gottheit selbst mit Vergn¸gen
herabsieht, wenn sie den ehrw¸rdigen Greis gesehen haben, der daselbst,
zufrieden mit der edeln beneidensw¸rdigen Armut des Fabricius und
Cincinnatus, doch zu tugendhaft um stolz darauf zu sein, die einzige
Belohnung eines langen, ruhmw¸rdigen, Gott, seinem Kˆnige und seinem
Vaterland aufgeopferten Lebens in dem stillen Bewufltsein seiner Selbst,
und (so oft er seinen Telemach erblickt) in der Hoffnung, nicht ganz
umsonst gearbeitet zu haben, findet--und, vergessen, vielleicht so gar
verfolgt von einer undankbaren Zeit, sich ruhig in seine Tugend und den
Glauben einer bessern Unsterblichkeit einh¸llt--wenn sie ihn gesehen haben,
diesen wahrhaftig groflen Mann, und dieser Anblick nicht zu wege bringt,
was alle Diskurse der Platonen und Seneca nicht vermocht haben--Nun, so
mˆgen sie glauben was sie wollen, und tun, was sie ungestraft tun kˆnnen;
sie verdienen eben so wenig Widerlegung, als ihre Besserung mˆglich
ist--"Und du, ruhmvoller und liebensw¸rdiger alter Mann, empfange dieses
wiewohl allzuverg‰ngliche Denkmal von einem, dessen Feder niemals durch
feiles, oder gewinns¸chtiges Lob der Groflen dieser Welt entweiht worden
ist--Ich habe keine Belohnung, keinen Vorteil von dir zu hoffen--du wirst
dieses niemals lesen--Meine Absicht ist rein, wie deine Tugend--empfange
dieses schwache Merkmal einer aufrichtigen Hochachtung von einem, der
wenig Hochachtungsw¸rdiges unter der Sonne sieht--diese, und die
Dankbarkeit f¸r die stillen Tr‰nen der Entz¸ckung, die ihm (in einem Alter,
wo seine Augen zu dieser reinsten Wollust der Menschlichkeit noch nicht
versieget waren) das Lesen deiner Tugend-atmenden Briefe aus den Augen
lockte--diese Empfindungen allein haben ihn bei dieser Gelegenheit
dahingerissen--er hat sich nicht entschlieflen kˆnnen, seinem Herzen Gewalt
anzutun--und bittet niemand, der dieses Buch lesen wird, wegen dieser
Abschweifung um Verzeihung."

Agathon hatte ¸ber den Sorgen f¸r die Wohlfahrt Siciliens, und ¸ber der
Bem¸hung andre gl¸cklich zu machen, sich selbst so vollkommen vergessen,
dafl er nicht reicher aus Syracus gegangen w‰re, als er gewesen war, da er
Delphi verliefl, oder da er aus Athen verbannt wurde; wenn ihm nicht zu
gutem Gl¸cke, bald nach seiner Erhebung zu einer W¸rde, welche ihm in
allen Griechischen Staaten kein geringes Ansehen gab, ein Teil seines
v‰terlichen Vermˆgens wieder zugefallen w‰re. Die Athenienser waren
damals eben zu gewissen Handlungs-Absichten der Freundschaft des Kˆnigs
Dionys benˆtiget; und fanden daher f¸r gut, ehe sie sich um die
Vermittlung Agathons bewarben, ihm durch ihre Abgesandte ein Dekret
¸berreichen zu lassen, kraft dessen nicht nur sein Verbannungs-Urteil
aufgehoben, sondern auch der ganze Prozefl, wodurch er ehmals seines
v‰terlichen Erbguts beraubt worden war, kassiert, und der unrechtm‰flige
Inhaber desselben verurteilt wurde, ihm alles unverz¸glich wieder
abzutreten. Agathon hatte zwar groflm¸tiger Weise nur die H‰lfte davon
angenommen; und diese war nicht so betr‰chtlich, dafl sie f¸r die
Bed¸rfnisse eines Alcibiades oder Hippias zureichend gewesen w‰re: Aber es
war noch immer mehr, als ein Weiser selbst von der Sekte des Aristippus,
nˆtig h‰tte, um frei, gem‰chlich und angenehm zu leben; und soviel war f¸r
einen Agathon genug.

Unser Held verweilte sich, nach dem er wieder in Freiheit war, nicht
l‰ngere Zeit zu Syracus, als er gebrauchte, sich von seinen Freunden zu
beurlauben. Dionys, welcher (wie wir wissen) den Ehrgeiz hatte, alles mit
guter Art tun zu wollen, verlangte, dafl er in Gegenwart seines ganzen
Hofes Abschied von ihm nehmen sollte. Er ¸berh‰ufte ihn, bei dieser
Gelegenheit, mit Lobspr¸chen und Liebkosungen, und glaubte, einen sehr
feinen Staatsmann zu machen, indem er sich stellte, als ob er ungern in
seine Entlassung einwillige, und als ob sie als die besten Freunde von
einander schieden. Agathon hatte die Gef‰lligkeit, diesen letzten
Auftritt der Komˆdie mitspielen zu helfen; und so entfernte er sich, in
Gesellschaft der Gesandten von Tarent, von jedermann beurteilt, von vielen
getadelt, und von den wenigsten, selbst unter denen, welche g¸nstig von
ihm dachten, gekannt, aber von allen Rechtschaffenen vermiflt und oft
zur¸ckgeseufzt, aus einer Stadt und aus einem Lande, worin er das
Vergn¸gen hatte, viele Denkm‰ler seiner ruhmw¸rdigen Administration zu
hinterlassen; und aus welchem er nichts mit sich hinausnahm, als eine
Reihe von Erfahrungen, welche ihn in dem Entschlufl best‰rkten--keine andre
von dieser Art mehr zu machen.

VIERTES KAPITEL

Nachricht an den Leser

"Dank sei" (so ruft hier der Autor des griechischen Manuskripts, als einer,
dem es auf einmal ums Herz leichter wird, aus) "Dank sei den Gˆttern, dafl
wir unsern Helden aus dem gef‰hrlichsten aller schlimmen Orte, wohin ein
ehrlicher Mann verirren kann, unversehrt, und was beinahe unglaublich ist,
mit seiner ganzen Tugend davon gebracht haben! Er hat allerdings von
Gl¸ck zu sagen", f‰hrt das Manuskript fort; "aber--beim Hund (dem groflen
Schwur des weisen Socrates) was hatte er auch an einem Hofe zu tun? Er,
der sich weder zu einem Sklaven, noch zu einem Schmeichler, noch zu einem
Narren geboren f¸hlte, was wollte er am Hofe eines Dionysius machen?--Was
f¸r ein Einfall--und wenn ist jemals ein solcher Einfall in das Gehirn
eines klugen Menschen gekommen?--einen lasterhaften Prinzen tugendhaft zu
machen!--Oder welcher rechtschaffene Mann, der einen Fond von gesunder
Vernunft und gutem Willen in sich gef¸hlt, ist jemals damit an einen Hof
gegangen, wenn er im Sinne hatte, von dem einen oder dem andern Gebrauch
zu machen?--Man mufl gestehen, es ist eine ganz h¸bsche Sache um den
Enthusiasmus--eines Lycurgus, der aus einem Monarchen ein B¸rger wird, um
sein Vaterland gl¸cklicher zu machen--oder eines Leonidas, der mit
dreihundert eben so entschlossenen M‰nnern als er selbst, sich dem Tode
weiht, um eben so vielen Myriaden von Barbaren den Mut, mit Griechen zu
fechten, zu benehmen. Doch so grofl, so schˆn diese Taten sind; so sind
sie durch die Kr‰fte der Natur mˆglich, und diejenige, welche sie
unternahmen, konnten sich versprechen, dafl sie ihre Absichten erreichen
w¸rden. Aber wenn hat man jemals gehˆrt, dafl ein Mensch, oder ein Held,
der Sohn einer Gˆttin, oder eines Gottes, oder ein Gott selbst, dasjenige
zu Stande gebracht h‰tte, was Agathon unternahm, da er mit der Cither in
der Hand sich ¸berreden liefl, der Mentor eines Dionys zu werden."

Auf diesen humoristischen Eingang, womit unser Autor dieses Kapitel
beginnt, folget eine lange, und wie es scheint, ein wenig milzs¸chtige
Deklamation gegen diejenige Klasse der Sterblichen, welche man grofle
Herren nennt; mit verschiedenen Digressionen ¸ber die Maitressen--¸ber die
Jagdhunde--und ¸ber die Ursachen, warum es f¸r einen ersten Minister
gef‰hrlich sei, zuviel Genie, zuviel Uneigenn¸tzigkeit, und zuviel
Freundschaft f¸r seinen Herrn zu haben--So viel man sehen kann, ist dieses
Kapitel eines von den merkw¸rdigsten, und sonderbarsten in dem ganzen
Werke. Aber ungl¸cklicher Weise, befindet sich das Manuskript an diesem
Ort halb von Ratten aufgegessen; und die andre H‰lfte ist durch
Feuchtigkeit so ¸bel zugerichtet worden, dafl es leichter w‰re, aus den
Bl‰ttern der Cum‰ischen Sibylle, als aus den Bruchst¸cken von Wˆrtern,
S‰tzen und Perioden, welche noch ¸brig sind, etwas Zusammenh‰ngendes
herauszubringen. Wir gestehen, dafl uns dieser Verlust so nahe geht, dafl
wir uns eher der sinnreichen Erg‰nzungen, welche Herr Naudot zum Petronius
in seinem Kopfe gefunden hat, oder der s‰mtlichen Werke des Ehrw¸rdigen
Paters *** beraubt wissen wollten. Indessen ist doch dieser Verlust in
Absicht des Lobes der groflen Herren um so leichter zu ertragen, da wir
¸ber den weiten Umfang der Einsichten, die Grˆfle der Seelen, die edlen
Gesinnungen und den guten Geschmack, welcher ordentlicher Weise die groflen
Herren von den ¸brigen Erden-Sˆhnen zu unterscheiden pflegt, in dem besten
und schlimmsten Buche (je nachdem es Leser bekommt; welches wir ¸brigens
ganz unpr‰judizierlich und niemand zu Leide gesagt haben wollen) das in
unserm Jahrhundert zur Welt gekommen ist, in dem Buche des Herrn Helvetius,
alles gesagt finden, was sich ¸ber einen so reichen und edeln Stoff nur
immer sagen l‰flt. Eine gleiche Bewandtnis hat es mit der Digression ¸ber
die Maitressen, und ¸ber die Jagdhunde; ¸ber welche Materien der geneigte
Leser in des Grafen Anton Hamiltons Beitr‰gen zur Histoire amoureuse des
Hofes Carls des zweiten von England, und in den bewundernsw¸rdigen
Schriften eines gewissen neuern Staatsmannes (den wir seiner
Bescheidenheit zu schonen, nicht nennen wollen) mehr als hinl‰ngliche
Auskunft finden kann. Aber den Verlust der dritten Digression bedauren
wir von Herzen, indem, (nach der Versicherung eines der grˆflesten
B¸cher-Kenner von Europa) dermalen noch kein Buch in der Welt ist, in
welchem diese interessante und ziemlich verwickelte Materie recht
auseinandergesetzt und gr¸ndlich ausgef¸hrt w‰re. Zum Ungl¸ck ist dieses
Kapitel eben an diesem Ort am mangelhaftesten. Doch l‰flt sich aus einigen
Worten, welche zum Schlusse dieser Digression zu gehˆren scheinen,
abnehmen, dafl der Verfasser neun und dreiflig Ursachen angegeben habe; und
wir gestehen, dafl wir begierig w‰ren, diese neun und dreiflig Ursachen zu
wissen.

F‹NFTES KAPITEL

Moralischer Zustand unsers Helden

Der Autor der alten Handschrift, aus welcher wir den grˆflesten Teil dieser
Geschichte gezogen zu haben gestehen, triumphiert, wie man gesehen hat,
dar¸ber, dafl er seinen Helden mit seiner ganzen Tugend von einem Hofe
hinweggebracht habe. Es w¸rde allerdings etwas sein, das einem Wunder
ganz nahe k‰me, wenn es sich w¸rklich so verhielte; aber wir besorgen, dafl
er mehr gesagt habe, als er der Sch‰rfe nach zu beweisen im Stande w‰re.
Wenn es nicht etwan moralische Amulete gibt, welche der ansteckenden
Beschaffenheit der Hofluft auf eben die Art widerstehen, wie der
Krˆtenstein dem Gift, so deucht uns ein wenig unbegreiflich, dafl das
Get¸mmel des besch‰ftigten Lebens, die sch‰dlichen D¸nste der Schmeichelei,
welche ein G¸nstling, er wolle oder wolle nicht, unaufhˆrlich
einsaugt--die Notwendigkeit, von den Forderungen der Weisheit und Tugend
immer etwas nachzulassen, um nicht alles zu verlieren--und was noch
sch‰dlicher als dieses alles ist, die unz‰hlichen Zerstreuungen, wodurch
die Seele aus sich selbst herausgezogen wird, und ¸ber der Aufmerksamkeit
auf eine Menge kleiner vorbeirauschender Gegenst‰nde, die Aufmerksamkeit
auf sich selbst verliert--nicht einige nachteilige Einfl¸sse in den
Charakter seines Geistes und Herzens gehabt haben sollten. Indessen

Book of the day: