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Geschichte des Agathon, Teil 2 by Christoph Martin Wieland

Part 2 out of 4

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sich selbst zu kommen, und den Abgrund gewahr zu werden, an dessen
blumichtem Rand er in unsinniger Sorglosigkeit herumtanzte.

Man kennt die Staatsverwaltung woll¸stiger Prinzen aus ‰ltern und neuern
Beispielen zu gut, als dafl wir nˆtig h‰tten, uns dar¸ber auszubreiten.
Was f¸r eine Regierung ist von einem jungen Unbesonnenen zu erwarten,
dessen Leben ein immerw‰hrendes Bacchanal ist? Der keine von den groflen
Pflichten seines Berufs kennt, und die Kr‰fte, die er zu ihrer Erf¸llung
anstrengen sollte, bei n‰chtlichen Schm‰usen und in den feilen Armen
¸ppiger Buhlerinnen verzettelt? Der, unbek¸mmert um das Beste des Staats,
seine Privat-Vorteile selbst so wenig einsieht, dafl er das wahre Verdienst,
welches ihm verd‰chtig ist, hasset, und Belohnungen an diejenigen
verschwendet, die unter der Maske der eifrigsten Ergebenheit und einer
g‰nzlichen Aufopferung, seine gef‰hrlichsten Feinde sind? Von einem
Prinzen, bei dem die wichtigsten Stellen auf die Empfehlung einer T‰nzerin
oder der Sklaven, die ihn aus--und ankleiden, vergeben werden? Der sich
einbildet, dafl ein Hofschranze, der gut tanzt, ein Nachtessen wohl
anzuordnen weifl, und ein ¸berwindendes Talent hat, sich bei den Weibern in
Gunst zu setzen, unfehlbar auch das Talent eines Ministers oder eines
Feldherrn haben werde; oder, dafl man zu allem in der Welt t¸chtig sei,
sobald man die Gabe habe ihm zu gefallen?--Was ist von einer solchen
Regierung zu erwarten, als Verachtung aller gˆttlichen und menschlichen
Gesetze, Miflbrauch der Formalit‰ten der Gerechtigkeit, Gewaltsamkeiten,
schlimme Haushaltung, Erpressungen, Geringsch‰tzung und Unterdr¸ckung der
Tugend, allgemeine Verdorbenheit der Sitten?--Und was f¸r eine Staatskunst
wird da Platz haben, wo Leidenschaften, Launen, vor¸berfahrende Anstˆfle
von l‰cherlichem Ehrgeiz, die kindische Begierde von sich reden zu machen,
die Konvenienz eines G¸nstlings oder die Intriguen einer Buhlerin--die
Triebfedern der Staats-Angelegenheiten, der Verbindung und Trennung mit
ausw‰rtigen M‰chten, und des ˆffentlichen Betragens sind? Wo, ohne die
wahren Vorteile des Staats, oder seine Kr‰fte zu kennen, ohne Plan, ohne
kluge Abw‰gung und Verbindung der Mittel--doch, wir geraten unvermerkt in
den Ton der Deklamation, welcher uns bei einem l‰ngst erschˆpften und doch
so allt‰glichen Stoffe nicht zu vergeben w‰re. Mˆchte niemand, der dieses
liest, aus der Erfahrung seines eignen Vaterlands wissen, wie einem Volke
mitgespielt wird, welches das Ungl¸ck hat, der Willk¸r eines Dionysius
preis gegeben zu sein!

Man wird sich nach allem, was wir eben gesagt haben, den Dionysius als
einen der schlimmsten Tyrannen, womit der Himmel jemals eine mit geheimen
Verbrechen belastete Nation gegeiflelt habe, vorstellen; und so schildern
ihn auch die Geschichtschreiber. Allein ein Mensch der aus lauter
schlimmen Eigenschaften zusammengesetzt w‰re, ist ein Ungeheuer, das nicht
existieren kann. Eben dieser Dionysius w¸rde F‰higkeit genug gehabt haben,
ein guter F¸rst zu werden, wenn er so gl¸cklich gewesen w‰re, zu seiner
Bestimmung gebildet zu werden. Aber es fehlte soviel, dafl er die
Erziehung die sich f¸r einen Prinzen schickt, bekommen h‰tte, dafl ihm
nicht einmal diejenige zu teil wurde, die man einem jeden jungen Menschen
von mittelm‰fligem Stande gibt. Sein Vater, der feigherzigste Tyrann der
jemals war, liefl ihn, von aller guten Gesellschaft abgesondert, unter
niedrigen Sklaven aufwachsen, und der pr‰sumtive Thronfolger hatte kein
andres Mittel sich die Langeweile zu vertreiben, als dafl er kleine Wagen,
hˆlzerne Leuchter, Schemel und Tisch'gen verfertigte. Man w¸rde unrecht
haben, wenn man diese selbstgew‰hlte Besch‰ftigung f¸r einen Wink der
Natur halten wollte; es war vielmehr der Mangel an Gegenst‰nden und
Modellen, welche dem allen Menschen angebornen Trieb Witz und H‰nde zu
besch‰ftigen, der sich in ihm regete, eine andere Richtung h‰tten geben
kˆnnen: Er w¸rde vielleicht Verse gemacht haben, und bessere als sein
Vater, (der unter andern Torheiten auch die Wut hatte, ein Poet sein zu
wollen) wenn man ihm einen Homer in seine Klause gegeben h‰tte. Wie
manche Prinzen hat man gesehen, welche mit der Anlage zu Augusten und
Trajanen, aus Schuld derjenigen, die ¸ber ihre Erziehung gesetzt waren,
oder durch die Unf‰higkeit eines dummen, mit klˆsterlichen Vorurteilen
angef¸llten Mˆnchen, dem sie auf Diskretion ¸berlassen wurden in Nerone
und Heliogabale ausgeartet sind?--Eine genaue und ausf¸hrliche Entwicklung,
wie dieses zugehe; wie es unter gewissen gegebenen Umst‰nden nicht anders
mˆglich sei, als dafl durch eine so fehlerhafte Veranstaltung das beste
Naturell, in ein Karikaturenm‰fliges moralisches Miflgeschˆpfe verzogen
werden m¸sse, w‰re, wie uns deucht, ein sehr n¸tzlicher Stoff, den wir der
Bearbeitung irgend eines Mannes von Genie empfehlen, der bei
philosophischen Einsichten eine hinl‰ngliche Kenntnis der Welt bes‰fle.
Unsre aufgekl‰rten und politen Zeiten sind weder dieses noch jenes in so
hohem Grade, dafl ein solches Werk ¸berfl¸ssig sein sollte; und wenn die
Ausf¸hrung der W¸rde des Stoffes zusagte, so zweifeln wir nicht, dafl es
gl¸cklich genug werden kˆnnte, von mancher Provinz die lange Folge von
Plagen abzuwenden, welche ihr vielleicht durch die fehlerhafte Erziehung
ihrer noch ungebornen Beherrscher in den n‰chsten hundert Jahren
bevorstehen.

ZWEITES KAPITEL

Charakter des Dion. Anmerkungen ¸ber denselben. Eine Digression

Die Syracusaner waren des Jochs schon zu wohl gewohnt, um einen Versuch zu
machen, es nach dem Tode des alten Dionysius abzusch¸tteln. Es war nicht
einmal soviel Tugend unter ihnen ¸brig, dafl einige von denen, welche
besser dachten als der grofle Haufen, und die ver‰chtliche Brut der
Parasiten, den Mut gehabt h‰tten, sich durch diese letztern hindurch bis
zu dem Ohre des jungen Prinzen zu dr‰ngen, um ihm Wahrheiten zu sagen, von
denen seine eigene Gl¸ckseligkeit eben so wohl abhing, als die Wohlfahrt
von Sicilien. Ganz Syracus hatte nur einen Mann, dessen Herz grofl genug
hiezu war; und auch dieser w¸rde sich vermutlich in eben diese sichere
aber unr¸hmliche Dunkelheit eingeh¸llet haben, worein ehrliche Leute unter
einer ungl¸ckweissagenden Regierung sich zu verbergen pflegen; wenn ihn
seine Geburt nicht berechtiget, und sein Interesse genˆtiget h‰tte, sich
um die Staats-Verwaltung zu bek¸mmern.

Dieser Mann war Dion, ein Bruder der Stiefmutter des Dionys, und der
Gemahl seiner Schwester; der N‰chste nach ihm im Staat, und der Einzige,
der sich durch seine grofle F‰higkeiten, durch sein Ansehen bei dem Volke,
und durch die unermeflliche Reicht¸mer, die er besafl, furchtbar und des
Projekts verd‰chtig machen konnte, sich entweder an seine Stelle zu setzen,
oder die republikanische Verfassung wiederherzustellen. Wenn wir den
Geschichtschreibern, insonderheit dem tugendhaften und gutherzigen
Plutarch einen unumschr‰nkten Glauben schuldig w‰ren, so w¸rden wir den
Dion unter die wenigen Helden und Champions der Tugend z‰hlen m¸ssen,
welche sich, (um dem Plato einen Ausdruck abzuborgen) zu der W¸rde und
Grˆfle guter D‰monen, oder Besch¸tzender Genien und Wohlt‰ter des
Menschen-Geschlechts emporgeschwungen haben--welche f‰hig sind, aus dem
erhabenen Beweggrunde einer reinen Liebe der sittlichen Ordnung und des
allgemeinen Besten zu handeln, und ¸ber dem Bestreben, andere gl¸cklich zu
machen, sich selbst aufzuopfern, weil sie unter dieser in die Sinne
fallenden sterblichen H¸lle ein edleres Selbst tragen, welches seine
angeborne Vollkommenheit desto herrlicher entfaltet, je mehr jenes
animalische Selbst unterdr¸ckt wird--welche im Gl¸ck und im Ungl¸ck gleich
grofl, durch dieses nicht verdunkelt werden, und von jenem keinen Glanz
entlehnen, sondern immer sich selbst genugsam, Herren ihrer Leidenschaften,
und ¸ber die Bed¸rfnisse gemeiner Seelen erhaben, eine Art von
sublunarischen Gˆttern sind. Ein solcher Charakter f‰llt allerdings gut
in die Augen, ergˆtzt den moralischen Sinn (wenn wir anders dieses Wort
gebrauchen d¸rfen, ohne mit Hutchinson zu glauben, dafl die Seele ein
besonderes geistiges Werkzeug, die moralische Dinge zu empfinden habe) und
erweckt den Wunsch, dafl er mehr als eine schˆne Schim‰re sein mˆchte.
Aber wir gestehen, dafl wir, aus erheblichen Gr¸nden, mit zunehmender
Erfahrung, immer mifltrauischer gegen die menschlichen--und warum also
nicht gegen die ¸bermenschlichen Tugenden werden.

Es ist wahr, wir finden in dem Leben Dions Beweise grofler F‰higkeiten, und
vorz¸glich einer gewissen Erhabenheit und St‰rke des Gem¸ts, die man
gemeiniglich mit grˆbern, weniger reizbaren Fibern und derjenigen Art von
Temperament verbunden sieht, welches ungesellig, ernsthaft, stolz und
sprˆde zu machen pflegt. An jede Art von Temperament grenzen wie man weifl,
gewisse Tugenden; und wenn es sich noch f¸gt, dafl die Entwicklung dieser
Anlage zu demselben durch g¸nstige Umst‰nde befˆrdert wird, so ist nichts
nat¸rlichers, als dafl sich daraus ein Charakter bildet, der durch gewisse
hervorstechende Tugenden blendet, die eben darum zu einer vˆlligern
Schˆnheit gelangen, weil kein innerlicher Widerstand sich ihrem Wachstum
entgegensetzt. Diese Art von Tugenden finden wir bei dem Dion in groflem
Grade: Aber ihm, oder irgend einem andern ein Verdienst daraus machen,
w‰re eben so viel, als einem Athleten die Elastizit‰t seiner Sehnen, oder
einem gesunden bl¸henden M‰dchen ihre gute Farbe und die Wˆlbung ihres
Busens als Verdienste anrechnen, welche ihnen ein Recht an die allgemeine
Hochachtung geben sollten. Ja, wenn Dion sich durch diejenige Tugenden
vorz¸glich unterschieden h‰tte, zu denen er von Natur nicht aufgelegt war;
und wenn er es so weit gebracht h‰tte, sie mit eben der Leichtigkeit und
Grazie auszu¸ben, als ob sie ihm angeboren w‰ren--aber wie viel daran
fehlte, dafl er der Philosophie seines Lehrers und Freundes Platon soviel
Ehre gemacht h‰tte, davon finden wir in den eigenen Briefen dieses Weisen,
und in dem Betragen Dions in den wichtigsten Auftritten seines Lebens die
zuverl‰ssigsten Beweise: Niemals konnte er es dahin bringen, oder
vielleicht gefiel es ihm nicht, den Versuch zu machen, und beides l‰uft
auf Eines hinaus, diese Austerit‰t, diese Unbiegsamkeit, diese wenige
Gef‰lligkeit im Umgang, welche die Herzen von sich zur¸ckstiefl, zu
¸berwinden. Vergebens ermahnte ihn Plato den Huldgˆttinnen zu opfern, und
erinnerte ihn, dafl Sprˆdigkeit sich nur f¸r Einsiedler schicke; Dion
bewies durch seine Ungelehrigkeit ¸ber diesen Punkt, dafl die Philosophie
ordentlicher Weise uns nur die Fehler vermeiden macht, zu denen wir keine
Anlage haben, und uns nur in solchen Tugenden befestiget, zu denen wir
ohnehin geneigt sind.

Indessen war er nichts desto weniger derjenige, auf welchen ganz Sicilien
die Augen gerichtet hatte. Die Weisheit seines Betragens, seine Abneigung
von allen Arten der sinnlichen Ergˆtzungen, seine M‰fligung, N¸chternheit
und Frugalit‰t, erwarben ihm desto mehr Hochachtung, je st‰rker sie mit
der z¸gellosen Schwelgerei und Verschwendung des Tyrannen kontrastierte.
Man sah, dafl er allein im Stande war, ihm das Gleichgewicht zu halten, und
man erwartete das Beste von ihm, es sei nun dafl er sich der Regierung f¸r
sich selbst, oder die jungen Sˆhne seiner Schwester bem‰chtigen, oder sich
begn¸gen w¸rde, der Mentor des Dionysius zu sein.

Die nat¸rliche Unempfindlichkeit Dions gegen die Reizungen der Wollust,
welche den Syracusanern soviel Vertrauen zu ihm gab, blendete in der Folge
auch die Griechen des festen Landes, zu denen er sich vor dem Tyrannen zu
fl¸chten genˆtiget wurde. Selbst die Akademie, diese damals so ber¸hmte
Schule der Weisheit, scheint stolz darauf gewesen zu sein, einen so nahen
Verwandten des wiewohl unrechtm‰fligen Beherrschers von Sicilien, unter
ihre Pflegsˆhne z‰hlen zu kˆnnen. Die kˆnigliche Pracht, welche er in
seiner Lebensart affektierte, war in ihren Augen (so gewifl ist es, dafl
auch weise Augen manchmal durch die Eitelkeit verf‰lscht werden) der
Ausdruck der innern Majest‰t seiner Seele; sie schlossen ungef‰hr nach
eben der Logik, welche einen Verliebten von den Reizungen seiner Dame auf
die G¸te ihres Herzens schlieflen macht; und sahen nicht, oder wollten
nicht sehen, dafl eben dieser von den republikanischen Sitten so weit
entfernte Pomp ein sehr deutliches Zeichen war, dafl es weniger einer
Erhabenheit ¸ber die gewˆhnlichen Schwachheiten der Groflen und Reichen,
als dem Mangel der Begierden zu zuschreiben sei, wenn derjenige gegen die
Vergn¸gungen der Sinne gleichg¸ltig war, der sich von der Eitelkeit
dahinreiflen liefl, durch ein Gepr‰nge mit Reicht¸mern, deren er sich als
der Fr¸chte seiner Verh‰ltnisse mit der Familie des Tyrannen vielmehr
h‰tte sch‰men sollen, unter einem freien Volke sich unterscheiden zu
wollen.

Doch, indem ich diese Gelegenheit ergreife, die ¸bertriebene Lobspr¸che zu
m‰fligen, welche an die G¸nstlinge des Gl¸ckes verschwendet zu werden
pflegen, sobald sie einigen Schimmer der Tugend von sich werfen; begehre
ich nicht in Abrede zu sein, dafl Dion, so wie er war, einen Thron eben so
w¸rdig erf¸llt haben w¸rde, als wenig er sich schickte, mit einem durch
die lange Gewohnheit der Fesseln entnervten Volke, in dem Mittelstand
zwischen Sklaverei und Freiheit, worein er dasselbe in der Folge durch die
Vertreibung des Dionysius setzte, so sanft und behutsam umzugehen, als es
h‰tte geschehen m¸ssen, wenn seine Unternehmung f¸r die Syracusaner und
ihn selbst gl¸cklich h‰tte ausschlagen sollen. Plutarch vergleicht dieses
Volk, in dem Zeitpunkt, da es das Joch der Tyrannie abzusch¸tteln anfing,
sehr gl¸cklich mit Leuten, die von einer langwierigen Krankheit wieder
aufstehen, und, ungeduldig sich der Vorschrift eines klugen Arztes in
Absicht ihrer Di‰t zu unterwerfen, sich zu fr¸h wie gesunde Leute betragen
wollen. Aber darin kˆnnen wir nicht mit ihm einstimmen, dafl Dion dieser
geschickte Arzt f¸r sie gewesen sei. Sehr wahrscheinlich hat die
platonische Philosophie selbst, von deren idealischer Sitten--und
Staats-Lehre er ein so grofler Bewunderer war, sehr vieles dazu beigetragen,
dafl er weniger als ein Andrer, der nicht nach so sehr abgezogenen
Grunds‰tzen gehandelt h‰tte, zum Arzt eines ‰uflerst verdorbenen Volkes
geeigenschaftet war. Vielf‰ltige Erfahrungen zu verschiedenen Zeiten und
unter verschiedenen Vˆlkern haben es gewiesen, dafl die Dion, die Caton,
die Brutus, die Algernon Sidney allemal ungl¸cklich sein werden, wenn sie
einen von alten bˆsartigen Schaden entkr‰fteten und zerfressenen
Staats-Kˆrper in den Stand der Gesundheit wieder herzustellen versuchen.
Zu einer solchen Operation gehˆren viele Geh¸lfen; und M‰nner von einer so
auflerordentlichen Art sind unter einer Million Menschen allein: Es ist
genug, wenn das Ziel, wie Solon von seinen Gesetzen sagte, das Beste ist,
das in den vorliegenden Umst‰nden zu erreichen sein mag; und Sie wollen
immer das Beste, das sich denken l‰flt: Alle Mittel welche zugleich am
gewissesten und b‰ldesten zu diesem Ziel f¸hren, sind die Besten; und sie
wollen keine andre gebrauchen, als welche nach den strengesten Regeln
einer oft allzuspitzf¸ndigen Gerechtigkeit und G¸te, rechtm‰flig und gut
sind. "Lˆblich, vortrefflich, gˆttlich!"--rufen die schw‰rmerischen
Bewunderer der heroischen Tugend--wir wollten gerne mitrufen, wenn man uns
nur erst zeigen wollte, was diese hochgetriebene Tugend dem menschlichen
Geschlecht jemals geholfen habe--Dion zum Exempel, von den erhabenen Ideen
seines Lehrmeisters eingenommen, wollte dem befreiten Syracus eine
Regierungs-Form geben, welche so nah als mˆglich an die Platonische
Republik grenzte--und verfehlte dar¸ber, zu seinem eignen Untergang, die
Mittel, ihr diejenige zu geben, deren sie f‰hig war. Brutus half den
Grˆflesten der Sterblichen, den F‰higsten, eine ganze Welt zu regieren, der
jemals geboren worden ist, ermorden; weil ihm, in R¸cksicht auf die Mittel
wodurch er zur hˆchsten Gewalt gelanget war, die Definition eines Tyrannen
zukam. Brutus wollte die Republik wiederherstellen. Noch einen Dolch f¸r
den Marcus Antonius, (wie es der nicht so erhaben aber richtiger denkende
Cassius verlangte) so w‰ren Strˆme von Blut, so w‰re das edelste Blut von
Rom, das kostbare Leben der besten B¸rger gesparet worden, und der
gl¸ckliche Ausgang der ganzen Unternehmung versichert gewesen. H‰tte sich
derjenige, der dem vermeinten allgemeinen Besten seines Vaterlandes ein so
grofles Opfer gebracht hatte als C‰sar war, ein Bedenken machen sollen,
seinem majest‰tischen Schatten einen Antonius nachzuschicken?--Um eine Tat,
welche, ohne Sukzefl wie sie blieb, in den Augen seiner Zeitgenossen ein
verabscheuungsw¸rdiger Meuchelmord war, und der unparteiischern Nachwelt
im gelindesten Lichte betrachtet, wahnsinniger Enthusiasmus scheinen mufl,
zu einer so glorreichen Unternehmung zu machen, als jemals die grofle Seele
eines Rˆmers geschwellt hatte. Aber Brutus hatte Bedenklichkeiten, welche
ihm eine unzeitige G¸te eingab; sein Ansehen entschied; Antonius bedankte
sich f¸r sein Leben, und begrub den Platonischen Brutus unter den Tr¸mmern,
der auf ewig umgest¸rzten Republik. Was half also sein Platonismus dem
Vaterlande? Wir haben uns vielleicht zu lange bei dieser Betrachtung
aufgehalten; aber die Beobachtung, die uns dazu verleitet hat, so alt sie
ist, scheint uns wichtig und an praktischen Folgerungen fruchtbar, deren
Nutzbarkeit sich ¸ber alle St‰nde ausbreiten, und besonders bei denjenigen
welche mit der Regierung und moralischen Disziplinierung der Menschen
besch‰ftiget sind, sich vorz¸glich ‰uflern w¸rde, wenn sie besser
eingesehen und mit eben so viel Redlichkeit als Klugheit angewendet w¸rden.
Vielleicht w¸rden die Augen derjenigen, welche weder durch einen Nebel
noch durch gef‰rbte Gl‰ser sehen, mit dem weinerlichl‰cherlichen
Schauspiel von so vielen ehrlichen Leuten verschont bleiben, die aus allen
Kr‰ften und mit der feirlichsten Ernsthaftigkeit leeres Stroh dreschen,
und wenn sie das ganze Jahr durch gedreschet haben, sich sehr verwundern,
dafl nichts als Stroh auf der Tenne liegt--der Patriotische Phlegon w¸rde
sich durch den allzuhitzigen Eifer, seine in allen Teilen verdorbene
Republik auf einmal durch eben so hitzige Mittel wieder gesund zu machen,
nicht so viel Verdrufl zuziehen, und durch diesen Verdrufl und die
Vergeblichkeit seiner undankbaren Bem¸hungen nicht veranlasset werden,
sich zu Tode--zu trinken--Der redliche Macrin w¸rde sich nicht auf
Unkosten seiner Freiheit und vielleicht seines Lebens in den Kopf setzen,
aus einem Caligula einen Marc Aurel zu machen--Der wohlmeinende Diophant
w¸rde einsehen, wie wenig Hoffnung er sich zu machen habe, Leute, welche
noch sehr weit entfernt sind ertr‰gliche Menschen zu sein, in eine
Engel‰hnliche Vollkommenheit hinein zu deklamieren--Doch genug von einer
Materie, welche um gehˆrig ausgef¸hrt zu werden, eine eigene Abhandlung
erfoderte.

Wie leicht es doch ist, seine nichts ¸bels besorgende Leser in einen
Labyrinth von Parenthesen und Digressionen hineinzuf¸hren, wenn man sich
einmal ¸ber eine abergl‰ubische Regelm‰fligkeit hinausgesetzt hat! Zwar
haben wir die Unsrigen schon lange benachrichtiget, dafl wir uns bei
Gelegenheit dergleichen Freiheiten erlauben w¸rden--Und doch wollen wir so
ehrlich sein und gestehen, dafl wir uns weder in diesem St¸ck, noch, die
Wahrheit zu sagen, in irgend einem andern, Nachahmer zu bekommen w¸nschen.
Nicht als ob uns bange davor sei, man werde Ordnung und Zusammenhang in
dieser unsrer pragmatisch-kritischen Geschichte vermissen; sondern weil es
in der Tat unendlich mal leichter ist Miszellanien zu schreiben, als ein
ordentliches Werk, und es daher leicht geschehen kˆnnte, dafl ein junger
Skribent, der sich seiner bessern Bequemlichkeit wegen unsrer Methode
bedienen wollte, sich die Horazische Frage zuziehen kˆnnte: Currente rot‚
cur urceus exit? Und wenn auch dieses nicht zu besorgen w‰re, so gibt es
sehr wackere Leute, denen es schwer f‰llt, sich aus dergleichen
m‰andrischen Abschweifungen wieder herauszuhelfen, und sobald es dem
Verfasser beliebt, wieder auf dem Punkt zu stehen, wo er mit ihm
ausgegangen ist. "Was hat man uns", werden solche Leser, zum Exempel
fragen, "in diesem ganzen Kapitel denn eigentlich sagen wollen?"--"Merken
sie auf, meine Herren, das war es--dafl dieser Dion von dem die Rede war,
und um den Sie Sich ¸brigens, wie ich vermute, sehr wenig bek¸mmern, eine
ganz gute Art von Prinzen, aber doch nicht ganz so sehr ein Held von
Tugend gewesen sei, wie ihn ein gewisser ehrlicher Ober-Priester zu
Ch‰ronea sich eingebildet--oder wenn man ihm auch eingestehen wollte, dafl
er's gewesen sei, eben dadurch an seinem Platz nicht soviel getaugt habe,
als Sie, meine Herren, indem Sie ihrem Hauswesen wohl vorstehen, sich wohl
mit ihrer Gemahlin betragen, ihr Rechnungs-Buch in guter Ordnung halten,
und was dergleichen mehr ist--Nun verstehen wir einander doch?"

DRITTES KAPITEL

Eine Probe, dafl die Philosophie so gut zaubern kˆnne, als die Liebe

Die vorl‰ufigen Nachrichten, welche wir dem Leser zu geben haben,
entfernen uns ziemlich lange von unserm Helden; allein, f¸r Eins, so sind
sie zum Verst‰ndnis des Folgenden unentbehrlich; und f¸rs Andere, so
h‰tten wir auch dermalen nichts wichtigers von ihm zu sagen, als dafl er im
Begriff sei, den Hausgˆttern seines Freundes, des Kaufmanns, eine
and‰chtige Libation zu bringen, mit seiner Familie Bekanntschaft zu machen,
und nach einer leichten Abendmahlzeit von den Beschwerden der Seefahrt
auszuruhen.

Dion sah die Ausschweifungen des Dionys mit der Verachtung eines
kaltsinnigen Philosophen an, der keine Lust hatte Teil daran zu nehmen;
und mit dem Verdrufl eines Staatsmannes, der sich in Gefahr sah, durch
einen Haufen junger Woll¸stlinge, Lustigmacher, Pantomimen und Narren,
welche kein anderes Verdienst hatten, als den Prinzen zu belustigen, von
dem Ansehen, und dem Anteil an der Regierung, der ihm aus so guten Gr¸nden
geb¸hrte, nach und nach ausgeschlossen zu werden. Bei solcher Bewandtnis
hatte der Patriotismus das schˆnste Spiel, und die groflen Beweggr¸nde der
allgemeinen Wohlfahrt, die uneigenn¸tzige Betrachtung der verderblichen
Folgen, welche aus einer so heillosen Beschaffenheit des Hofes ¸ber den
ganzen Staat daherst¸rzen muflten, wurden durch jene geheimern Triebfedern
so kr‰ftig unterst¸tzt, dafl er den festen Entschlufl faflte, alles zu
versuchen, um seinen Verwandten auf einen bessern Weg zu bringen.

Er urteilte, den Grunds‰tzen Platons zufolge, dafl die Unwissenheit des
Dionysius, und die Gewohnheit unter dem niedriggesinntesten Pˆbel (es
waren mit alle dem junge Herren von sehr gutem Adel darunter) zu leben,
die Haupt-Quelle seiner verdorbenen Neigungen sei. Diesem nach hielt er
sich seiner Verbesserung versichert, wenn er die beste Gesellschaft um ihn
her versammeln, und ihm diese edle Wissensbegierde einflˆflen kˆnnte,
welche bei denenjenigen, die von ihr begeistert sind, die animalischen
Triebe wo nicht g‰nzlich zu unterdr¸cken, doch gewifl zu d‰mmen und zu
m‰fligen pflegt. Er liefl also keine Gelegenheit vorbei (und die
unz‰hlichen Fehler, welche t‰glich in der Staats-Verwaltung gemacht wurden,
gaben ihm Gelegenheit genug) dem Tyrannen die Notwendigkeit vorzustellen,
M‰nner von einem groflen Ruf der Weisheit um sich zu haben; und er f¸hrte
so viele Beweggr¸nde an, dafl er, unter einer Menge sehr erhabener, die an
einem Dionysius verloren gingen, endlich auch den einzigen traf, der seine
Eitelkeit interessierte. Doch selbst dieser schl¸pfte nur leicht an
seinen Ohren hin, und ob er gleich dem Dion immer Recht gab, und die
besondern Unterredungen, welche sie ¸ber dergleichen Materien hatten,
allemal mit der Versicherung beschlofl, dafl er nicht ermangeln werde, von
so gutem Rat, Gebrauch zu machen; so w¸rde doch schwerlich jemals mit
Ernst daran gedacht worden sein, wenn nicht ein kleiner physikalischer
Umstand dazu gekommen w‰re, der den Vorstellungen des weisen Dion eine
St‰rke gab, die nicht ihre eigene war.

Dionysius hatte, man weifl nicht aus welcher Veranlassung, seinem Hof, der
an Glanz und verschwenderischer ¸ppigkeit es mit den Asiatischen aufnehmen
konnte, ein Fest gegeben, welches, nach der Versicherung der
Geschichtschreiber, drei Monate in einem fort daurte. Die
ausschweifendeste Einbildungs-Kraft kann nicht weiter gehen, als auf der
einen Seite, Pracht und Aufwand, und auf der andern Schwelgerei und
asotische Freiheit an diesem langwierigen Bacchanal getrieben wurden; denn
diesen Namen verdiente es um so mehr, weil, nachdem alle andre Erfindungen
erschˆpft waren, die letzten Tage des dritten Monats, welche in die
Weinlese fielen, zu einer Vorstellung des Triumphes des Bacchus und seiner
ganzen poetischen Geschichte angewendet wurden. Dionys, der durch eine
Anspielung auf seinen Namen den Bacchus machte, trieb die Nachahmung so
weit ¸ber das Original selbst, dafl die Feder eines Aretin und der Griffel
eines la Fage sich unvermˆgend h‰tten bekennen m¸ssen, weiter zu gehen.
Die Quellen der Natur wurden erschˆpft, und die unm‰chtige Begierde ihre
Grenzen zu erweitern--Doch, wir wollen kein Gem‰lde machen, das bei
Gegenst‰nden dieser Art die Absicht, Abscheu zu erwecken, bei manchen
verfehlen mˆchte. Genug dafl Dionys mit den Silenen, Nymphen, Faunen und
Satyren, seinen Geh¸lfen, die Tibere und Neronen der sp‰tern Zeiten in die
Unmˆglichkeit setzte, etwas mehr als blofle Kopisten von ihm zu sein. Wer
sollte sich vorstellen, dafl aus einer so schlammichten Quelle die
heftigste Liebe der Philosophie, und eine Reformation, welche ganz
Sicilien und Griechenland in Erstaunen setzte, habe entspringen
kˆnnen?--"Aber im Himmel und auf Erden sind eine Menge Dinge, wovon kein
Wort in unserm Compendio steht"--sagt der Shakespearische Hamlet zu seinem
Schulfreunde, Horazio.

Das unb‰ndigste Temperament kann auf die Weise, wie es Dionysius anging,
endlich zu paaren getrieben werden. Unsre Bacchanten fanden sich von der
Unm‰fligkeit, womit sie eine so lange Zeit den Gˆttern der Freude geopfert,
und von der Wut womit sie ihre Orgyia beschlossen hatten, so erschˆpft,
dafl sie genˆtiget waren, aufzuhˆren. Insonderheit befand sich Dionyfl in
einem Stande der Vernichtung, der ihm weder Hoffnung noch Begierden ¸brig
liefl, jemals wieder eine solche Rolle zu spielen. Zum ersten mal seit dem
berauschenden Augenblicke, da er sich im Besitz der Gewalt, allen seinen
Leidenschaften den Z¸gel zu lassen sah, f¸hlte er ein Leeres in sich, in
welches er mit Grauen hineinschaute--Zum ersten mal f¸hlte er sich geneigt,
Reflexionen zu machen, wenn er das Vermˆgen dazu gehabt h‰tte. Aber er
erfuhr, mit einem lebhaften Unwillen ¸ber sich selbst und alle diejenigen,
welche ihn zu einem Tier zu machen geholfen hatten, dafl er nichts in sich
habe, das er dem Ekel vor allen Vergn¸gungen der Sinne, und der
Langenweile, worin er sich verzehrte, entgegenstellen kˆnnte. Alles was
er indessen sehr lebhaft f¸hlte, war dieses, dafl er mitten unter lauter
Gegenst‰nden, welche ihm seine scheinbare Grˆfle und Gl¸ckseligkeit
ank¸ndigten, in dem Zustande worin er war, sich selbst gegen ¸ber eine
sehr elende Figur machte. Kurz, alle Fibern seines Wesens hatten
nachgelassen; er verfiel in eine Art von dummer Schwermut, aus welcher ihn
alle seine Hˆflinge nicht herauslachen, und alle seine T‰nzerinnen nicht
heraustanzen konnten.

In diesem kl‰glichen Zustande, den ihm die nat¸rliche Ungeduld seines
Temperaments unertr‰glich machte, warf er sich in die Arme des Dions, der
sich w‰hrend der letzten drei Monate in ein entferntes Landgut
zur¸ckgezogen hatte; hˆrte seine Vorstellungen mit einer Aufmerksamkeit an,
deren er sonst niemals f‰hig gewesen war; und ergriff mit Verlangen die
Vorschl‰ge, welche ihm dieser Weise tat, um so grofl und gl¸ckselig zu
werden, als er itzt in seinen eignen Augen ver‰chtlich und elend war. Man
kann sich also vorstellen, dafl er nicht die mindeste Schwierigkeiten
machte, den Plato unter allen Bedingungen, welche ihm sein Freund Dion nur
immer anbieten wollte, an seinen Hof zu berufen; er, der in dem Zustande,
worin er war, sich von dem ersten besten Priester der Cybele h‰tte
¸berreden lassen, mit Aufopferung der wertern H‰lfte seiner selbst in den
Orden der Corybanten zu treten.

Dion wurde bei so starken Anscheinungen zu einer vollkommenen
Sinnes-‰nderung des Tyrannen von seiner Philosophie nicht wenig betrogen.
Er schlofl zwar sehr richtig, dafl die Rasereien des letzten Festes
Gelegenheit dazu gegeben h‰tten; aber darin irrte er sehr, dafl er aus
Vorurteilen, die einer Philosophie eigen sind, welche gewohnt ist die
Seele, und was in ihr vorgeht, allzusehr von der Maschine in welche sie
eingeflochten ist, abzusondern, nicht gewahr wurde, dafl die guten
Dispositionen des Dionys ganz allein von einem physikalischen Ekel vor den
Gegenst‰nden, worin er bisher sein einziges Vergn¸gen gesucht hatte,
herr¸hreten. Er hielt die nat¸rlichen Folgen der ¸berf¸llung f¸r
W¸rkungen der ¸berzeugung, worin er nunmehr stehe, dafl die Freuden der
Sinne nicht gl¸cklich machen kˆnnen; er setzte voraus, dafl eine Menge
Sachen in seiner Seele vorgegangen seien, woran Dionysens Seele weder
gedacht hatte, noch zu denken vermˆgend war; kurz, er beurteilte, wie wir
fast immer zu tun pflegen, die Seele eines andern nach seiner Eigenen, und
gr¸ndete auf diese Voraussetzung ein Geb‰ude von Hoffnungen, welches zu
seinem groflen Erstaunen zusammenfiel, sobald Dionys--wieder Nerven hatte.

Die Berufung des Plato war eine Sache, an welcher schon geraume Zeit
gearbeitet worden war; allein er hatte grofle Schwierigkeiten gemacht, und
w¸rde, ungeachtet des Zuspruchs seiner Freunde, der Pythagor‰er in Italien,
welche die Bitten Dions unterst¸tzten, auf seiner Verweigerung bestanden
sein, wenn die erfreulichen Nachrichten, die ihm Dion von der gl¸cklichen
Gem¸ts-Verfassung des Tyrannen gab, und die dringenden Einladungen, die in
desselben Namen an ihn ergingen, ihm nicht Hoffnung gegeben h‰tten, der
Schutzgeist Siciliens, und vielleicht der Stifter einer neuen Republik
nach dem Model derjenigen, die er uns in seinen Schriften hinterlassen hat,
werden zu kˆnnen.

Plato erschien also am Hofe zu Syracus mit aller Majest‰t eines Weisen,
dem die Grˆfle seines Geistes ein Recht gibt, die Groflen der Welt f¸r etwas
weniger als seines gleichen anzusehen. Denn ob es gleich damals noch
keine Stoiker gab, so pflegten doch die Philosophen von Profession bereits
sehr bescheidentlich zu verstehen zu geben, dafl sie in ihren eigenen Augen,
eine hˆhere Klasse von Wesen ausmachten, als die ¸brigen Erdenbewohner.
Diesesmal hatte die Philosophie das Gl¸ck eine Figur zu machen, deren
Glanz dieser hohen Einbildung ihrer G¸nstlinge gem‰fl war. Plato wurde wie
ein Gott aufgenommen, und w¸rkte durch seine blofle Gegenwart eine
Ver‰nderung, welche, in den Augen der erstaunten Syracusaner, nur ein Gott
zu w¸rken m‰chtig genug schien. In der Tat glich das Schauspiel welches
sich demjenigen, der diesen Hof vor wenigen Wochen gesehen hatte, nunmehro
darstellte, einem Werke der Zauberei--Aber--Ù! caecas hominum mentes! Wie
nat¸rlich geht auch das auflerordentlichste zu, sobald wir die wahren
Triebr‰der davon kennen!

Der erste Schritt, welchen der gˆttliche Plato in den Palast des Dionysius
tat, wurde durch ein feirliches Opfer, und die erste Stunde, worin sie
sich mit einander besprachen, durch eine Reforme, welche sich sogleich
¸ber den ganzen Hof ausbreitete, bezeichnet. In wenigen Tagen glaubte
Plato selbst in seiner Akademie zu Athen zu sein, so bescheiden und
eingezogen sah alles in dem Hause des Prinzen aus. Die Asiatische
Verschwendung machte auf einmal der philosophischen Einfalt Platz. Die
Vorzimmer, welche vorher von schimmernden Gecken, und allen Arten
lustigmachender Personen gewimmelt hatten, stellten itzt akademische S‰le
vor, wo man nichts als langb‰rtige Weise sah, welche einzeln oder
paarweise, mit gesenktem Haupt und gerunzelter Stirne, in sich selbst und
in ihre M‰ntel eingeh¸llt auf und ab schritten, bald alle zugleich, bald
gar nichts, bald nur mit sich selbst sprachen, und wenn sie vielleicht am
wenigsten dachten, eine so wichtige Miene machten, als ob der geringste
unter ihnen mit nichts kleinerm umginge, als die beste Gesetzgebung zu
erfinden, oder den Gestirnen einen regelm‰fligern Lauf anzuweisen. Die
¸ppigen Bankette, bei denen Comus und Bacchus mit tyrannischem Szepter die
ganze Nacht durch geherrschet hatten, verwandelten sich in Pythagorische
Mahlzeiten, wo man sich bei einem Braten und Salat mit sinnreichen
Gespr‰chen ¸ber die erhabensten Gegenst‰nde des menschlichen Verstandes,
erlustigte; Statt frecher Pantomimen und woll¸stiger Flˆten lieflen sich
Hymnen zum Lob der Gˆtter und der Tugend hˆren; und den Gaum zum Reden
anzufeuchten, trank man aus kleinen Socratischen Bechern Wasser mit Wein
vermischt.

Dionys faflte eine Art von Leidenschaft f¸r den Philosophen; Plato muflte
immer um ihn sein, ihn aller Orten begleiten, zu allem seine Meinung sagen.
Die begeisterte Imagination dieses sonderbaren Mannes, welche vermˆge
der nat¸rlichen Ansteckungs-Kraft des Enthusiasmus sich auch seinen
Zuhˆrern mitteilte, w¸rkte so m‰chtig auf die Seele des Dionys, dafl er ihn
nie genug hˆren konnte; ganze Stunden wurden ihm k¸rzer, wenn Plato sprach,
als ehemals in den Armen der kunsterfahrensten Buhlerin. Alles, was der
Weise sagte, war so schˆn, so erhaben, so wunderbar!--erhob den Geist so
weit ¸ber sich selbst--warf Strahlen von so gˆttlichem Licht in das Dunkel
der Seele! In der Tat konnte es nicht anderst sein, da die gemeinsten
Ideen der Philosophie f¸r Dionysen den frischesten Reiz der Neuheit hatten.
Und nehmen wir zu allem diesem noch, dafl er das wenigste recht verstund
(ob er gleich, wie viele andere seines gleichen, zu eitel war, es merken
zu lassen) noch alles verstehen konnte, weil der begeisterte Plato sich
w¸rklich zuweilen selbst nicht allzuwohl verstund; nehmen wir ferner die
erstaunliche Gewalt, welche ein in schimmernde Bilder eingekleidetes
Galimathias ¸ber die Unwissenden zu haben pflegt; so werden wir begreifen,
dafl niemals etwas nat¸rlichers gewesen, als der auflerordentliche Geschmack,
welchen Dionys an dem Gott der Philosophen, (wie ihn Cicero nennt)
gefunden; zumal da er noch ¸ber dies ein h¸bscher und stattlicher Mann war,
und sehr wohl zu leben wuflte.

Ohne dafl sich die ¸berredungs-Kunst des gˆttlichen Plato, oder die
Kontagion der Philosophischen Schw‰rmerei darein mischte, teilte sich die
plˆtzliche Wissens-Begierde des Dionys, so bald man sah, dafl es Ernst war,
eben so plˆtzlich allen seinen Hˆflingen mit. Nicht, als ob ihnen viel
daran gelegen gewesen w‰re, ihre kleinen Affen-Seelen nach dem gˆttlichen
Modell der Ideen umzubilden, oder als ob sie sich darum bek¸mmert h‰tten,
was in den ¸berhimmlischen R‰umen zu sehen sei; aber sie taten doch
dergleichen; der Ton der Philosophie war nun einmal Mode; man muflte
Metaphysik in geometrischen Ausdr¸cken reden, um sich dem F¸rsten angenehm
zu machen. Man trug also am ganzen Hofe keine andre als philosophische
M‰ntel; alle S‰le des Palasts waren, nach Art der Gymnasien mit Sand
bestreut, um mit allen den Dreiecken, Vierecken, Pyramiden, Achtecken und
Zwanzigecken ¸berschrieben zu werden, aus welchen Plato seinen Gott diese
schˆne runde Welt zusammenreimen l‰flt; alle Leute, bis auf die Kˆche,
sprachen Philosophie, hatten ihr Gesicht in irgend eine geometrische Figur
verzogen, und disputierten ¸ber die Materie und die Form, ¸ber das was ist
und was nicht ist, ¸ber die beiden Enden des Guten und Bˆsen, und ¸ber die
beste Republik. Alles dieses machte freilich ein ziemlich seltsames
Aussehen, und konnte den Verdacht erwecken, als ob Plato an dem
Syracusischen Hofe eher die Rolle eines aufgeblasenen Pedanten unter einem
Haufen unb‰rtiger Scholaren gespielt habe, als eines weisen Mannes, der
sich einen groflen Zweck vorgesetzt hat, und die Mittel dazu, nach den
Umst‰nden des Orts, der Zeit und der Personen, kl¸glich zu bestimmen weifl.
Aber man w¸rde sich irren. Er hatte an den l‰cherlichen Ausschweifungen
der Hofleute wenig Anteil; ob er gleich ganz gern sah, dafl diese unn¸tze
Hummeln, welche er nicht auf einmal austreiben konnte, auf solche
Spielwerke verfielen, die doch immer als eine Art von Vor¸bungen angesehen
werden konnten, wodurch sie unvermerkt von ihren vorigen Gewohnheiten
abgezogen, und durch den Geschmack an Wissenschaft zu der allgemeinen
Verbesserung, welche er zu bew¸rken hoffte, vorbereitet wurden. Allein
seine eigene haupts‰chlichsten Bem¸hungen bezogen sich unmittelbar auf den
Dionysius selbst; und indem er ihn durch die Reizungen seines Umgangs und
seiner Beredsamkeit zu humanisieren, und an sich zu gewˆhnen suchte,
trachtete er, ohne es allzudeutlich zu erkennen zu geben, dahin, ihm die
Verachtung seines vorigen Zustandes, die Liebe der Tugend, Begierden nach
ruhmw¸rdigen Taten; kurz, solche Gesinnungen einzuflˆflen, welche ihn durch
unmerkliche Grade von sich selbst auf die Gedanken bringen w¸rden, ein
unrechtm‰fliges Diadem von sich zu werfen, und sich an der Ehre, der erste
unter seines gleichen zu sein, gen¸gen zu lassen. Die Anscheinungen
lieflen ihn den vollkommensten Sukzefl hoffen. Dionys schien in wenigen
Tagen nicht mehr der vorige Mann. Seine Wissens-Begierde, seine
Gelehrigkeit gegen die R‰te des Philosophen, das Sanfte und Ruhige in
seinem ganzen Betragen ¸bertraf alles, was sich Dion von ihm versprochen
hatte. Ganz Syracus empfand sogleich die W¸rkungen dieser gl¸cklichen
Ver‰nderung. Er ging mit einer unglaublichen Behendigkeit von dem
hˆchsten Grade des tyrannischen ¸bermuts zu der Popularit‰t eines
Atheniensischen Archonten ¸ber; setzte alle Tage einige Stunden aus, um
jedermann mit einnehmender Leutseligkeit anzuhˆren, nannte sie Mitb¸rger,
w¸nschte sie alle gl¸cklich machen zu kˆnnen; machte w¸rklich den Anfang,
verschiedene gute Anordnungen zu veranstalten, und erweckte durch so viele
g¸nstige Vorzeichen die allgemeine Erwartung einer gl¸ckseligen Revolution,
welche nun auf einmal der Gegenstand aller W¸nsche, und der Inhalt aller
Gespr‰che unter dem Volke wurde.

Es kˆnnte genug sein, gegen diejenige, die eine so grofle und schnelle
Verwandlung eines Prinzen, den wir f¸r ein kleines Ungeheuer von Lastern
und Ausschweifungen gegeben haben, unglaublich vorkommen mˆchte, uns auf
die einhellige Aussage der Geschichtschreiber zu berufen; aber wir kˆnnen
noch mehr tun; es ist leicht, die Mˆglichkeit und Wahrscheinlichkeit
derselben begreiflich zu machen. Aufmerksame Leser, welche einige
Kenntnis des menschlichen Herzens haben, werden die Gr¸nde hierzu in
unsrer bisherigen Erz‰hlung schon von selbsten entdeckt haben. In einem
Gem¸ts-Zustande, worin die Leidenschaften schweigen, wo uns vor den
Ergˆtzungen der Sinne ekelt, und der Mangel an angenehmen Eindr¸cken uns
in einen beschwerlichen Mittelstand zwischen Sein und Nichtsein
versenkt--in einem solchen Zustande, ist die Seele begierig, einen jeden
Gegenstand zu umfassen, der sie aus diesem unleidlichen Stillstand ihrer
Kr‰fte ziehen kann, und also am besten aufgelegt, den Reiz sittlicher und
intellektualischer Schˆnheiten zu empfinden. Allerdings w¸rde ein
trockner Zergliederer metaphysischer Begriffe sich nicht dazu geschickt
haben, solche Gegenst‰nde f¸r einen Menschen zu zurichten, der zu einer
scharfen Aufmerksamkeit eben so ungeduldig als unvermˆgend war. Allein
die Beredsamkeit des Homers der Philosophen wuflte sie auf eine so reizende
Art f¸r die Einbildungs-Kraft zu verkˆrpern, wuflte die Leidenschaften und
innersten Triebe des Herzens so geschickt f¸r sie ins Spiel zu setzen, dafl
sie nicht anders als gefallen und r¸hren konnten. Hiezu kam noch die
Jugend des Tyrannen, welche seine noch nicht verh‰rtete Seele neuer
Eindr¸cke f‰hig machte. Warum sollte es also nicht mˆglich gewesen sein,
ihm unter solchen Umst‰nden auf etliche Wochen die Liebe der Tugend
einzuflˆflen, da hiezu weiter nichts nˆtig war, als seinen Neigungen
unvermerkt andre Gegenst‰nde an die Stelle derjenigen, deren er
¸berdr¸ssig war, zu unterschieben--Denn in der Tat war seine Bekehrung
nichts anders, als dafl er nunmehr, anstatt irgend einer Wollust-atmenden
Nymphe, ein schˆnes Phantom der Tugend umarmte, und statt in Syracusischem
Weine sich in platonischen Ideen berauschte--und dafl eben diese Eitelkeit,
welche ihn vor weniger Zeit angetrieben hatte, mit dem Bacchus und einer
andern Gottheit, welche wir nicht nennen d¸rfen, in die Wette zu eifern,
sich itzt durch die Vorstellung kitzelte, als Regent und Gesetzgeber den
Glanz der ber¸hmtesten M‰nner vor ihm zu verdunkeln, die Augen der Welt
auf sich zu heften, sich von allen bewundert, und von den Weisen selbst
vergˆttert zu sehen.

Dafl dieses Urteil von der Bekehrung des Dionys richtig sei, hat sich in
der Folge w¸rklich bewiesen; und man h‰tte, deucht uns, ohne die Gabe der
Divination zu besitzen, voraussehen kˆnnen, dafl eine so plˆtzliche
Ver‰nderung keinen Bestand haben werde. Aber wie sollten die in einer
groflen Angelegenheit verwickelten Personen f‰hig sein, so gelassen und
uneingenommen davon zu urteilen, wie entfernte Zuschauer, welche das Ganze
bereits vor sich liegen haben, und bei einer kalten Untersuchung des
Zusammenhangs aller Umst‰nde sehr leicht mit vieler Zuverl‰ssigkeit
beweisen kˆnnen, dafl es nicht anders habe gehen kˆnnen, als wie sie wissen,
dafl es gegangen ist? Plato selbst liefl sich von den Anscheinungen
betr¸gen, weil sie seinen W¸nschen gem‰fl waren, und ihm zu beweisen
schienen, wieviel er vermˆge. Die voreilige Freude ¸ber einen Sukzefl,
dessen er sich schon versichert hielt, liefl ihm nicht zu, sich alle die
Hindernisse, die seine Bem¸hungen vereiteln konnten, in der gehˆrigen
St‰rke vorzustellen, und in Zeiten darauf bedacht zu sein, wie er ihnen
zuvorkommen mˆchte. Gewohnt in den ruhigen Spazierg‰ngen seiner Akademie
unter gelehrigen Sch¸lern idealische Republiken zu bauen, hielt er die
Rolle, die er an dem Hofe zu Syracus zu spielen ¸bernommen hatte, f¸r
leichter als sie in der Tat war. Er schlofl immer richtig aus seinen
Pr‰missen; aber seine Pr‰missen setzten immer mehr voraus, als war; und er
bewies durch sein Exempel, dafl keine Leute mehr durch den Schein der Dinge
hintergangen werden, als eben diejenige welche ihr ganzes Leben damit
zubringen, inter Sylvas Academi dem was wahrhaftig ist nachzusp‰hen. In
der Tat hat man zu allen Zeiten gesehen, dafl es den spekulativen Geistern
nicht gegl¸ckt hat, wenn sie sich aus ihrer philosophischen Sph‰re heraus
und auf irgend einen groflen Schauplatz des w¸rksamen Lebens gewaget haben.
Und wie h‰tte es anders sein kˆnnen, da sie gewohnt waren, in ihren
Utopien und Atlantiden zuerst die Gesetzgebung zu erfinden, und erst wenn
sie damit fertig waren, sich so genannte Menschen zu schnitzeln, welche
eben so richtig nach diesen Gesetzen handeln muflten, wie ein Uhrwerk durch
den innerlichen Zwang seines Mechanismus die Bewegungen macht, welche der
K¸nstler haben will. Es war leicht genug zu sehen (und doch sahen es
diese Herren nicht) dafl es in der w¸rklichen Welt gerade umgekehrt ist.
Die Menschen in derselben sind nun einmal wie sie sind; und der grofle
Punkt ist, diejenige die man vor sich hat, nach allen Umst‰nden und
Verh‰ltnissen so lange zu studieren, bis man so genau als mˆglich weifl,
wie sie sind. Sobald ihr das wiflt, so geben sich die Regeln, wornach ihr
sie behandeln m¸flt, wenn ihr euern Zweck erhalten wollt, von sich selbst;
dann ist es Zeit moralische Projekte zu machen--aber wenn, ihr groflen
Lichter unsers alleraufgekl‰rtesten Jahrhunderts, wenn glaubt ihr, dafl
diese Zeit f¸r das Menschen-Geschlecht kommen werde?

VIERTES KAPITEL

Philistus und Timocrates

W‰hrend, dafl die Philosophie und die Tugend durch die Beredsamkeit eines
einzigen Mannes eine so auflerordentliche Ver‰nderung der Szene an dem Hofe
zu Syracus hervorbrachte, waren die ehmaligen Vertrauten des Dionysius
sehr weit davon entfernt, die Vorteile, welche sie von der vorigen
Denkungs-Art dieses Prinzen gezogen hatten, so willig hinzugeben, als man
es aus ihrem ‰uflerlichen Bezeugen h‰tte schlieflen sollen. Als schlaue
Hˆflinge wuflten sie zwar ihren Unmut ¸ber die sonderbare Gunst, worin
Plato bei demselben stund, sehr k¸nstlich zu verbergen. Gewohnt sich
nach dem Geschmacke des Prinzen zu modeln, und alle Gestalten anzunehmen,
unter welchen sie ihm gefallen oder zu ihren geheimen Absichten am besten
gelangen konnten, hatten sie, so bald sie die neue Laune ihres Herrn
gewahr worden waren, die ganze Auflenseite des philosophischen Enthusiasmus
mit eben der Leichtigkeit angenommen, womit sie eine Maskeraden-Kleidung
angezogen h‰tten. Sie waren die ersten, die dem ¸brigen Hofe hierin mit
ihrem Beispiel vorgingen; sie verdoppelten ihre Aufwartung bei dem Prinzen
Dion, dessen Ansehen seit Platons Ankunft ungemein gestiegen war; sie
waren die erkl‰rten Bewunderer des Philosophen; sie l‰chelten ihm Beifall
entgegen, so bald er nur den Mund auf tat; alle seine Vorschl‰ge und
Maflnehmungen waren bewundernsw¸rdig; sie wuflten nichts daran auszusetzen,
oder wenn sie ja Einw¸rfe machten, so war es nur um sich belehren zu
lassen, und auf die erste Antwort sich seiner hˆhern Weisheit ¸berwunden
zu geben. Sie suchten seine Freundschaft so gar mit einem Eifer, wor¸ber
sie den F¸rsten selbst zu vernachl‰ssigen schienen; und besonders lieflen
sie sich sehr angelegen sein, die Vorurteile zu zerstreuen, die man von
der vorigen Staats-Verwaltung wider sie gefaflt haben kˆnnte. Durch diese
Kunstgriffe erreichten sie zwar die Absicht, den weisen Plato sicher zu
machen, nicht so vollkommen, dafl er nicht immer einiges gerechtes
Mifltrauen in die Aufrichtigkeit ihres Bezeugens gesetzt h‰tte; er
beobachtete sie genau; allein da sie gar nicht zweifelten, dafl er es tun
w¸rde, so war es ihnen leicht davor zu sein, dafl er mit aller seiner
Scharfsichtigkeit nichts sah. Sie vermieden alles, was ihrem Betragen
einen Schein von Zur¸ckhaltung, Zweideutigkeit und Geheimnis h‰tte geben
kˆnnen, und nahmen ein so nat¸rliches und einfaches Wesen an, dafl man
entweder ihres gleichen sein, oder betrogen werden muflte. Diese schˆne
Kunst ist eine von denen, in welchen nur den Hofleuten gegeben ist,
Meister zu sein. Man kˆnnte die Tugend selbst herausfordern, in einem
hˆhern Grad und mit besserm Anstand Tugend zu scheinen, als diese Leute es
in ihrer Gewalt haben, so bald es ein Mittel zu ihren Absichten werden
kann, die eigenste Miene, Farbe, und ‰uflerliche Grazie derselben an sich
zu nehmen.

Was wir hier sagen, versteht sich insonderheit von zweenen, welche bei
dieser Ver‰nderung des Tyrannen am meisten zu verlieren hatten. Philistus
war bisher der vertrauteste unter seinen Ministern, und Timocrates sein
Liebling gewesen. Beide hatten sich mit einer Eintracht, welche ihrer
Klugheit Ehre machte, in sein Herz, in die hˆchste Gewalt, wozu er nur
seinen Namen hergab, und in einen betr‰chtlichen Teil seiner Eink¸nfte
geteilt. Itzt zog die gemeinschaftliche Gefahr das Band ihrer
Freundschaft noch enger zusammen. Sie entdeckten einander ihre
Besorgnisse, ihre Bemerkungen, ihre Anschl‰ge; sie redeten die Maflregeln
mit einander ab, die in so kritischen Umst‰nden genommen werden muflten;
und gingen, weil sie die schwache Seite des Tyrannen besser kannten, als
irgend ein andrer, mit so vieler Schlauheit zu Werke, dafl es ihnen nach
und nach gl¸ckte, ihn gegen Platon und Dion einzunehmen, ohne dafl er
merkte, dafl sie diese Absicht hatten.

Wir haben schon bemerkt, dafl die Syracusaner, vermˆge einer Eigenschaft,
welche aller Orten das Volk charakterisiert, der Hoffnung durch
Vermittlung des Platon ihre alte Freiheit wieder zu erlangen, mit einer so
voreiligen Freude sich ¸berlieflen, dafl die bevorstehende
Staats-Ver‰nderung der Inhalt aller Gespr‰che wurde. In der Tat ging die
Absicht Dions bei Berufung seines Freundes auf nichts geringers. Beide
waren gleich erkl‰rte Feinde der Tyrannie und der Demokratie; von denen
sie (mit welchem Grunde, wollen wir hier nicht entscheiden) davorhielten,
dafl sie unter verschiedenen Gestalten, und durch verschiedene Wege, am
Ende in einem Punkte, n‰mlich in Mangel der Ordnung und Sicherheit,
Unterdruckung und Sklaverei zusammenliefen. Beide waren f¸r diejenige Art
der Aristokratie, worin das Volk zwar vor aller Unterdr¸ckung hinl‰nglich
sicher gestellt, folglich die Gewalt der Edeln, oder wie man bei den
Griechen sagte, der Besten, durch unzerbrechliche Ketten gefesselt ist;
hingegen die eigentliche Staats-Verwaltung nur bei einer kleinen Anzahl
liegt, welche eine genaue Rechenschaft abzulegen verbunden sind. Es war
also w¸rklich ihr Vorhaben, die Tyrannie, oder was man zu unsern Zeiten
eine uneingeschr‰nkte Monarchie nennt, aus dem ganzen Sicilien zu
verbannen, und die Verfassung dieser Insel in die vorbemeldte Form zu
gieflen. Dem Dionys zu gefallen, oder vielmehr, weil nach Platons Meinung
die vollkommenste Staats-Form eine Zusammensetzung aus der Monarchie,
Aristokratie und Demokratie sein muflte, wollten sie ihrer neuen Republik
zwei Kˆnige geben, welche in derselben eben das vorstellen sollten was die
Kˆnige in Sparta; und Dionys sollte einer von denselben sein. Dieses
waren ungef‰hr die Grundlinien ihres Entwurfs. Sie lieflen keine
Gelegenheit vorbei, dem Prinzen die Vorteile einer gesetzm‰fligen Regierung
anzupreisen; aber sie waren zu klug, von einer so delikaten Sache, als die
Einf¸hrung einer republikanischen Verfassung war, vor der Zeit zu reden,
und den Tyrannen, eh ihn Plato vollkommen zahm und bildsam gemacht haben
w¸rde, durch eine unzeitige Entdeckung ihrer Absichten in seine nat¸rliche
Wildheit wieder hineinzuschrecken.

Ungl¸cklicher Weise war das Volk so vieler M‰fligung nicht f‰hig, und
dachte auch ganz anders ¸ber den Gebrauch, den es von seiner Freiheit
machen wollte. Ein jeder hatte dabei eine gewisse Absicht, die er noch
bei sich behielt, und die gerade zu auf irgend einen Privat-Vorteil ging.
Jeder hielt sich f¸r mehr als f‰hig, dem gemeinen Wesen gerade in dem
Posten zu dienen, wozu er die wenigste F‰higkeit hatte, oder hatte sonst
seine kleine Forderungen zu machen, welche er schlechterdings bewilliget
haben wollte. Die Syracusaner verlangten also eine Demokratie; und da sie
sich ganz nahe bei dem Ziel ihrer W¸nsche glaubten, so sprachen sie laut
genug davon, dafl Philistus und seine Freunde Gelegenheit bekamen, den
Tyrannen aus seinem angenehmen Platonischen Enthusiasmus zu sich selbst
zur¸ckzurufen.

Das erste was sie taten, war, dafl sie ihm die Gesinnungen des Volkes, und
die zwar von auflen noch nicht merklich in die Augen fallende, aber
innerlich desto st‰rker g‰rende Bewegung desselben mit sehr lebhaften
Farben, und mit ziemlicher Vergrˆflerung der Umst‰nde vormalten. Sie taten
dieses mit vieler Vorsichtigkeit, in gelegenen Augenblicken, nach und nach,
und auf eine solche Art, dafl es dem Dionys scheinen muflte, als ob ihm
endlich die Augen von selbst aufgingen; und dabei vers‰umten sie keine
Gelegenheit, den Plato und den Prinzen Dion bis in die Wolken zu erheben;
und besonders in Ausdr¸cken, welche von der schlauesten Bosheit ausgew‰hlt
wurden, von der auflerordentlichen Hochachtung zu sprechen, worein sie sich
bei dem Volke setzten. Um den Tyrannen desto aufmerksamer zu machen,
wuflten sie es durch tausend geheime Wege, wobei sie selbst nicht zum
Vorschein kamen, dahin einzuleiten, dafl h‰ufige und zahlreiche
Privat-Versammlungen in der Stadt angestellt wurden, wozu Dion und Plato
selbst, oder doch immer jemand von den besondern Vertrauten des einen oder
des andern, eingeladen wurde. Diese Versammlungen waren zwar nur auf
Gastm‰hler und freundschaftliche Ergˆtzungen angesehen; aber sie gaben
doch dem Philistus und seinen Freunden Gelegenheit mit einer Art davon zu
reden, wodurch sie den Schein politischer Zusammenk¸nfte bekamen; und das
war alles was sie wollten.

Durch diese und andre dergleichen Kunstgriffe gelang es ihnen endlich, dem
Dionys Argwohn beizubringen. Er fing an, in die Aufrichtigkeit seines
neuen Freundes ein desto grˆfleres Mifltrauen zu setzen, da er ¸ber das
besondere Verst‰ndnis, welches er zwischen ihm und dem Dion wahrnahm,
eifers¸chtig war; und damit er desto b‰lder ins Klare kommen mˆchte, hielt
er f¸r das Sicherste, den seit einiger Zeit vernachl‰ssigten Timocrates
wieder an sich zu ziehen; und so bald er sich versichert hatte, dafl er,
wie vormals auf seine Ergebenheit z‰hlen kˆnne, ihm seine Wahrnehmungen
und geheime Besorgnisse zu entdecken. Der schlaue G¸nstling stellte sich
anfangs, als ob er nicht glauben kˆnne, dafl die Syracusaner im Ernste mit
einem solchen Vorhaben umgehen sollten; wenigstens (sagte er mit der
ehrlichsten Miene von der Welt) kˆnne er sich nicht vorstellen, dafl Plato
und Dion den mindesten Anteil daran haben sollten; ob er gleich gestehen
m¸flte, dafl seit dem der erste sich am Hofe befinde, die Syracusaner von
einem seltsamen Geiste beseelt w¸rden, und zu den ausschweifenden
Einbildungen, welche sie sich zu machen schienen, vielleicht durch das
auflerordentliche Ansehen verleitet w¸rden, worin dieser Philosoph bei dem
Prinzen stehe: Es sei nicht unmˆglich, dafl die Republikanisch-Gesinnte
sich Hoffnung machten, Gelegenheit zu finden, indessen, dafl der Hof die
Gestalt der Akademie gew‰nne, dem Staat unvermerkt die Gestalt einer
Demokratie zu geben; indessen m¸sse er gestehen, dafl er nicht Vertrauen
genug in seine eigene Einsicht setze, seinem Herrn und Freunde in so
delikaten Umst‰nden einen sichern Rat zu geben; und Philistus, dessen
Treue dem Prinzen l‰ngst bekannt sei, w¸rde durch seine Erfahrenheit in
Staats-Gesch‰ften unendlichmal geschickter sein, einer Sache von dieser
Art auf den Grund zu sehen.

Dionysius hatte so wenig Lust sich einer Gewalt zu begeben, deren Wert er
nach Proportion, dafl seine Fibern wieder elastischer wurden, von Tag zu
Tag wieder st‰rker zu empfinden begann; dafl die Einstreuungen seines
G¸nstlings ihre ganze W¸rkung taten. Er gab ihm auf, mit aller nˆtigen
Vorsichtigkeit, damit niemand nichts davon gewahr werden kˆnnte, den
Philistus noch in dieser Nacht in sein Cabinet zu f¸hren, um sich ¸ber
diese Dinge besprechen, und die Gedanken desselben vernehmen zu kˆnnen.
Es geschah; Philistus vollendete was Timocrat angefangen hatte. Er
entdeckte dem Prinzen alles was er beobachtet zu haben vorgab, und sagte
gerade so viel, als nˆtig war, um ihn in den Gedanken zu best‰rken, dafl
ein geheimes Complot zu einer Staats-Ver‰nderung im Werke sei, welches
zwar vermutlich noch nicht zu seiner Reife gekommen, aber doch so
beschaffen sei, dafl es Aufmerksamkeit verdiene. "Und wer kann der Urheber
und das Haupt eines solchen Complots sein", fragte Dionys?--Hier stellte
sich Philistus verlegen--er hoffe nicht, dafl es schon soweit gekommen
sei--Dion bezeuge so gute Gesinnungen f¸r den Prinzen--"Rede aufrichtig,
wie du denkst", fiel ihm Dionys ein; "was h‰ltst du von diesem Dion? Aber
keine Komplimenten, denn du brauchst mich nicht daran zu erinnern, dafl er
meiner Schwester Mann ist; ich weifl es nur zu wohl--Aber ich traue ihm
nicht desto besser--er ist ehrgeizig -" "Das ist er"--"immer finster,
zur¸ckhaltend, in sich selbst eingeschlossen -" "In der Tat, so ist er",
nahm Philist das Wort, und wer ihn genau beobachtete, ohne vorhin eine
bessere Meinung von ihm gefaflt zu haben, w¸rde sich des Argwohns kaum
erwehren kˆnnen, dafl er miflvergn¸gt sei, und an Gedanken in sich selbst
arbeite, die er nicht f¸r gut befinde, andern mitzuteilen--"Glaubst du das,
Philistus?" fiel Dionys ein; "so hab' ich immer von ihm gedacht; wenn
Syracus unruhig ist, und mit Neuerungen umgeht, so darfst du versichert
sein, dafl Dion die Triebfeder von allem ist--wir m¸ssen ihn genauer
beobachten -" "Wenigstens ist es sonderbar", fuhr Philistus fort, "dafl er
seit einiger Zeit, sich eine Angelegenheit davon zu machen scheint, sich
der Freundschaft der angesehensten B¸rger zu versichern -" (Hier f¸hrte er
einige Umst‰nde an, welche, durch die Wendung die er ihnen gab, seine
Wahrnehmung best‰tigen konnten) "Wenn ein Mann von solcher Wichtigkeit,
wie Dion, sich herabl‰flt eine Popularit‰t zu affektieren, die so g‰nzlich
wider seinen Charakter ist, so kann man glauben, dafl er Absichten hat--und
wenn Dion Absichten hat, so gehen sie gewifl auf keine Kleinigkeiten--Was
er aber auch sein mag, so bin ich gewifl", setzte er hinzu, "dafl Platon,
ungeachtet der engen Freundschaft, die zwischen ihnen obwaltet, zu
tugendhaft ist, um an heimlichen Anschl‰gen gegen einen Prinzen, der ihn
mit Ehren und Wohltaten ¸berh‰uft, Teil zu nehmen -" "Wenn ich dir sagen
soll was ich denke, Philistus, so glaub' ich, dafl diese Philosophen, von
denen man so viel Wesens macht, eine ganz unschuldige Art von Leuten sind;
in der Tat, ich sehe nicht, dafl an ihrer Philosophie so viel gef‰hrliches
sein sollte, als die Leute sich einbilden; ich liebe, zum Exempel, diesen
Platon, weil er angenehm im Umgang ist; er hat sich seltsame Dinge in den
Kopf gesetzt, man kˆnnte sichs nicht schnakischer tr‰umen lassen, aber
eben das belustiget mich; und bei alle dem mufl man ihm den Vorzug lassen,
dafl er gut spricht; es hˆrt sich ihm recht angenehm zu, wenn er euch von
der Insel Atlantis, und von den Sachen in der andern Welt eben so
umst‰ndlich und zuversichtlich spricht, als ob er mit dem n‰chsten
Marktschiffe aus dem Mond angekommen w‰re" (hier lachten die beiden
Vertrauten, als ob sie nicht aufhˆren kˆnnten, ¸ber einen so sinnreichen
Einfall, und Dionys lachte mit) "ihr mˆcht lachen so lang ihr wollt", fuhr
er fort; "aber meinen Plato sollt ihr mir gelten lassen; er ist der
gutherzigste Mensch von der Welt, und wenn man seine Philosophie, seinen
Bart und seine hieroglyphische Physionomie zusammennimmt, so mufl man
gestehen, dafl alles zusammen eine Art von Leuten macht, womit man sich, in
Ermanglung eines bessern, die Zeit vertreiben kann -" ('o gˆttlicher
Platon! du, der du dir einbildetest, das Herz dieses Prinzen in deiner
Hand zu haben, du der sich das grofle Werk zutraute, einen Weisen und
tugendhaften Mann aus ihm zu machen--warum standest du nicht in diesem
Augenblick hinter einer Tapete, und hˆrtest diese schmeichelhafte Apologie,
wodurch er den Geschmack, den er an dir fand, in den Augen seiner
Hˆflinge zu rechtfertigen suchte!') "In der Tat", sagte Timocrates, "die
Musen kˆnnen nicht angenehmer reden als Plato; ich wiflte nicht, was er
einen nicht ¸berreden kˆnnte, wenn er sichs in den Kopf gesetzt h‰tte -"
"Du willst vielleicht scherzen", fiel ihm der Prinz ein; "aber ich
versichre dich, es hat wenig gefehlt, dafl er mich letzthin nicht auf den
Einfall gebracht h‰tte, Sicilien dahinten zu lassen, und eine
philosophische Reise nach Memphis und zu den Pyramiden und Gymnosophisten
anzustellen, die seiner Beschreibung nach eine seltsame Art von Kreaturen
sein m¸ssen--wenn ihre Weiber so schˆn sind, wie er sagt, so mag es keine
schlimme Partie sein, den Tanz der Sph‰ren mit ihnen zu tanzen; denn sie
leben in dem Stand der vollkommen schˆnen Natur, und treten dir, allein
mit ihren eigent¸mlichen Reizungen geschm¸ckt, das ist, nackender als die
Meer-Nymphen, mit einer so triumphierenden Miene unter die Augen, als die
schˆnste Syracusanerin in ihrem reichesten Fest-Tags-Putz -" Dionys war,
wie man sieht, in einem Humor, der den erhabenen Absichten seines
Hof-Philosophen nicht sehr g¸nstig war; Timocrates merkte sichs, und baute
in dem n‰mlichen Augenblick ein kleines Projekt auf diese gute Disposition,
wovon er sich eine besondere W¸rkung versprach. Aber der weiter sehende
Philistus fand nicht f¸r gut, seinen Herrn in dieser leichtsinnigen Laune
fortsprudeln zu lassen. Er nahm das Wort wieder: "Ihr scherzet", sprach
er, "¸ber die W¸rkungen der Beredsamkeit Platons; es ist nur allzugewifl,
dafl er in dieser Kunst seines gleichen nicht hat; aber eben dieses w¸rde
mir keine kleine Sorgen machen, wenn er weniger ein rechtschaffner Mann
w‰re, als ich glaube dafl er ist. Die Macht der Beredsamkeit ¸bertrifft
alle andre Macht; sie ist f‰hig f¸nfzigtausend Arme nach dem Gefallen
eines einzigen wehrlosen Mannes in Bewegung zu setzen, oder zu entnerven.
Wenn Dion, wie es scheint, irgend ein gef‰hrliches Vorhaben br¸tete, und
Mittel f‰nde, diesen ¸berredenden Sophisten auf seine Seite zu bringen, so
besorg ich, Dionysius kˆnnte das Vergn¸gen seiner sinnreichen Unterhaltung
teuer bezahlen m¸ssen. Man weifl was die Beredsamkeit zu Athen vermag, und
es fehlt den Syracusanern nichts als ein paar solche Wortk¸nstler, die
ihnen den Kopf mit Figuren und lebhaften Bildern warm machen, so werden
sie Athenienser sein wollen, und der Erste Beste, der sich an ihre Spitze
stellt, wird aus ihnen machen kˆnnen was er will."

Philistus sah, dafl sein Herr bei diesen Worten auf einmal tiefsinnig wurde;
er schlofl daraus, dafl etwas in seinem Gem¸t arbeitete, und hielt also inn;
"was f¸r ein Tor ich war", rief Dionys aus, nachdem er eine Weile mit
gesenktem Kopf zu staunen geschienen hatte. "Das war wohl der Genius
meines guten Gl¸cks, der mir eingab, dafl ich dich diesen Abend zu mir
rufen lassen sollte. Die Augen gehen mir auf einmal auf--Wozu mich diese
Leute mit ihren Dreiecken und Schluflreden nicht gebracht h‰tten! Kannst
du dir wohl einbilden, dafl mich dieser Plato mit seinem s¸flen Geschw‰tze
beinahe ¸berredet h‰tte, meine fremden Truppen, und meine Leibwache nach
Hause zu schicken? Ha! nun seh ich wohin alle diese schˆnen
Vergleichungen mit einem Vater im Schofle seiner Familie, und mit einem
S‰ugling an der Brust seiner Amme, und was weifl, ich mit was noch mehr,
abgesehen waren! Die Verr‰ter wollten mich durch diese s¸flen
Wiegenliedchen erst einschl‰fern, hernach entwaffnen, und zuletzt wenn sie
mich mit ihren gebenedeiten Maximen so fest umwunden h‰tten, dafl ich weder
Arme noch Beine nach meinem Gefallen h‰tte r¸hren kˆnnen, mich in ganzem
Ernst, zu ihrem Wickelkind, zu ihrer Puppe, und wozu es ihnen eingefallen
w‰re, gemacht haben! Aber sie sollen mir die Erfindung bezahlen! Ich
will diesem verr‰trischen Dion--bist du tˆricht genug, Philistus, und
bildest dir ein, dafl er sich nur im Traum einfallen lasse, diese
Spieflb¸rger von Syracus in Freiheit zu setzen? Regieren will er,
Philistus; das will er, und darum hat er diesen Plato an meinen Hof kommen
lassen, der mir, indessen dafl er das Volk zur Empˆrung reizen, und sich
einen Anhang machen wollte, so lange und so viel von Gerechtigkeit, und
Wohltun, und goldnen Zeiten, und v‰terlichem Regiment, und was weifl ich
von was f¸r Salbadereien vorschwatzen sollte, bis ich mich ¸berreden liefle,
meine Galeeren zu entwaffnen, meine Trabanten zu entlassen, und mich am
Ende in Begleitung eines von diesen zottelb‰rtigen Knaben, die der Sophist
mit sich gebracht hat, als einen Neuangeworbenen nach Athen in die
Akademie schicken zu lassen, um unter einem Schwarm junger Gecken dar¸ber
zu disputieren, ob Dionysius recht oder unrecht daran getan habe, dafl er
sich in einer so armseligen Mausfalle habe fangen lassen -" "Aber ists
mˆglich", fragte Philistus mit angenommener Verwunderung, "dafl Plato den
sinnlosen Einfall haben konnte, meinem Prinzen solche R‰te zu geben?"--"Es
ist mˆglich, weil ich dir sage, dafl ers getan hat. Ich habe selbst M¸he
zu begreifen, wie ich mich von diesem Schw‰tzer so bezaubern lassen konnte
-" "Das soll sich Dionys nicht verdrieflen lassen", erwiderte der gef‰llige
Philistus; "Plato ist in der Tat ein grofler Mann in seiner Art; ein
vortrefflicher Mann, wenn es darauf ankommt, den Entwurf zu einer Welt zu
machen, oder zu beweisen, dafl der Schnee nicht w¸rklich weifl ist; aber
seine Regierungs-Maximen sind, wie es scheint, ein wenig unsicher in der
Aus¸bung. In der Tat, das w¸rde den Atheniensern was zu reden gegeben
haben, und es w‰re wahrlich kein kleiner Triumph f¸r die Philosophie
gewesen, wenn ein einziger Sophist, ohne Schwertschlag, durch die blofle
Zauberkraft seiner Worte zu Stande gebracht h‰tte, was die Athenienser mit
groflen Flotten und Kriegs-Heeren vergeblich unternommen haben -" "Es ist
mir unertr‰glich nur daran zu denken", sagte Dionys, "was f¸r eine
einf‰ltige Figur ich ein paar Wochen lang unter diesen Grillenf‰ngern
gemacht habe; hab ich dem Dion nicht selbst Gelegenheit gegeben, mich zu
verachten? Was muflten sie von mir denken, da sie mich so willig und
gelehrig fanden?--Aber sie sollen in kurzem sehen, dafl sie sich mit aller
ihrer Wissenschaft der geheimnisvollen Zahlen gewaltig ¸berrechnet haben.
Es ist Zeit, der Komˆdie ein Ende zu machen -" "Um Vergebung, mein
Gebietender Herr", fiel ihm Philistus hier ins Wort; "die Rede ist noch
von bloflen Vermutungen; vielleicht ist Plato, ungeachtet seines nicht
allzuwohl ¸berlegten Rats, unschuldig; vielleicht ist es so gar Dion;
wenigstens haben wir noch keine Beweise gegen sie. Sie haben Bewunderer
und Freunde zu Syracus, das Volk ist ihnen geneigt, und es mˆchte
gef‰hrlich sein, sie durch einen ¸bereilten Schritt in die Notwendigkeit
zu setzen, sich diesem Freiheit-tr‰umenden Pˆbel in die Arme zu werfen.
Lasset sie noch eine Zeitlang in dem angenehmen Wahn, dafl sie den
Dionysius gefangen haben. Gebet ihnen, durch ein k¸nstlich verstelltes
Zutrauen Gelegenheit, ihre Gesinnungen deutlicher herauszulassen--Wie,
wenn Dionysius sich stellte, als ob er Lust h‰tte die Monarchie aufzugeben,
und als ob ihn kein andres Bedenken davon zur¸ckhielte, als die
Ungewiflheit, welche Regierungs-Form Sicilien am gl¸cklichsten machen
kˆnnte. Eine solche Erˆffnung wird sie nˆtigen, sich selbst zu verraten;
und indessen, dafl wir sie mit akademischen Fragen und Entw¸rfen aufhalten,
werden sich Gelegenheiten finden, den regiers¸chtigen Dion in Gesellschaft
seines Ratgebers mit guter Art eine Reise nach Athen machen zu lassen, wo
sie in ungestˆrter Mufle Republiken anlegen, und ihnen, wenn sie wollen,
alle Tage eine andre Form geben mˆgen."

Dionys war von Natur hitzig und ungest¸m; eine jede Vorstellung, von der
seine Einbildung getroffen wurde, beherrschte ihn so sehr, dafl er sich dem
mechanischen Trieb, den sie in ihm hervorbrachte, g‰nzlich ¸berliefl; aber
wer ihn so genau kannte als Philistus, hatte wenig M¸he, seinen Bewegungen
oft durch ein einziges Wort, eine andere Richtung zu geben. In dem ersten
Anstofl seiner unbesonnenen Hitze waren die gewaltsamsten Maflnehmungen, die
ersten, auf die er fiel: Aber man brauchte ihm nur den Schatten einer
Gefahr dabei zu zeigen, so legte sich die auffahrende Lohe wieder; und er
liefl sich eben so schnell ¸berreden, die sichersten Mittel zu erw‰hlen,
wenn sie gleich die niedertr‰chtigsten waren.

Nachdem wir die wahre Triebfeder seiner vermeinten Sinnes-‰nderung oben
bereits entdeckt haben, wird sich niemand verwundern, dafl er von dem
Augenblick an, da sich seine Leidenschaften wieder regten, in seinen
nat¸rlichen Zustand zur¸cksank. Was man bei ihm f¸r Liebe der Tugend
angesehen, was er selbst daf¸r gehalten hatte, war das Werk zuf‰lliger und
mechanischer Ursachen gewesen; dafl er ihr zu lieb seinen Neigungen die
mindeste Gewalt h‰tte tun sollen, so weit ging sein Enthusiasmus f¸r sie
nicht. Die ungebundene Freiheit worin er vormals gelebt hatte, stellte
sich ihm wieder mit den lebhaftesten Reizungen dar; und nun sah er den
Plato f¸r einen verdriefllichen Hofmeister an, und verw¸nschte die
Schwachheit, die er gehabt hatte, sich so sehr von ihm einnehmen, und in
eine Gestalt, die seiner eigenen so wenig ‰hnlich sah, umbilden zu lassen.
Er f¸hlte nur allzuwohl, dafl er sich selbst eine Art von Verbindlichkeit
aufgelegt hatte, in den Gesinnungen zu beharren, die er sich von diesem
Sophisten, wie er ihn itzt nannte, hatte einflˆflen lassen: Er stellte sich
vor, dafl Dion und die Syracusaner sich berechtiget halten w¸rden, die
Erf¸llung des Versprechens von ihm zu erwarten, welches er ihnen gewisser
maflen gegeben hatte, dafl er k¸nftig auf eine gesetzm‰flige Art regieren
wolle. Diese Vorstellungen waren ihm unertr‰glich, und hatten die
nat¸rliche Folge, seine ohnehin bereits erk‰ltete Zuneigung zu dem
Philosophen von Athen in Widerwillen zu verwandeln; den Dion aber, den er
nie geliebt hatte, ihm doppelt verhaflt zu machen. Dieses waren die
geheimen Dispositionen, welche den Verf¸hrungen des Timocrates und
Philistus den Eingang in sein Gem¸t erleichterten. Es war schon so weit
mit ihm gekommen, dafl er vor diesen ehmaligen Vertrauten sich der Person
sch‰mte, die er einige Wochen lang, gleichsam unter Platons Vormundschaft,
gespielt hatte; und es ist zu vermuten, dafl es von dieser falschen und
verderblichen Scham herr¸hrte, dafl er in so verkleinernden Ausdr¸cken von
einem Manne, den er anf‰nglich beinahe vergˆttert hatte, sprach, und
seiner Leidenschaft f¸r ihn einen so spaflhaften Schwung zu geben bem¸ht
war. Er ergriff also den Vorschlag des Philistus mit der begierigen
Ungeduld eines Menschen, der sich von dem Zwang einer verhaflten
Einschr‰nkung je b‰lder je lieber loszumachen w¸nscht; und damit er keine
Zeit verlieren mˆchte, so machte er gleich des folgenden Tages den Anfang,
denselben ins Werk zu setzen. Er berief den Dion und den Philosophen in
sein Cabinet, und entdeckte ihnen mit allen Anscheinungen des
vollkommensten Zutrauens, und indem er sie mit Liebkosungen ¸berh‰ufte,
dafl er gesonnen sei, sich der Regierung zu entschlagen, und den
Syracusanern die Freiheit zu lassen, sich diejenige Verfassung zu erw‰hlen,
die ihnen die angenehmste sein w¸rde.

Ein so unerwarteter Vortrag machte die beiden Freunde stutzen. Doch
faflten sie sich bald. Sie hielten ihn f¸r eine von den sprudelnden
Aufwallungen einer noch ungel‰uterten Tugend, welche gern auf schˆne
Ausschweifungen zu verfallen pflegt, und hoffeten also, dafl es ihnen
leicht sein werde, ihn auf reifere Gedanken zubringen. Sie billigten zwar
seine gute Absicht; stellten ihm aber vor, dafl er sie sehr schlecht
erreichen w¸rde, wenn er das Volk, welches immer als unm¸ndig zu
betrachten sei, zum Meister ¸ber eine Freiheit machen wollte, die es,
allem Vermuten nach, zu seinem grˆflesten Schaden miflbrauchen w¸rde. Sie
sagten ihm hier¸ber alles was die gesunde Politik sagen kann; und Plato
insonderheit bewies ihm, dafl es nicht auf die Form der Verfassung ankomme,
wenn ein Staat gl¸cklich sein solle, sondern auf die innerliche G¸te der
Gesetzgebung, auf tugendhafte Sitten, auf die Weisheit desjenigen, dem die
Handhabung der Gesetze anvertraut sei. Seine Meinung ging dahin, dafl
Dionys nicht nˆtig habe, sich der obersten Gewalt zu begeben, indem es nur
von ihm abhange, durch die vollkommene Beobachtung aller Pflichten eines
weisen und tugendhaften Regenten die Tyrannie in eine rechtm‰flige
Monarchie zu verwandeln; welcher die Vˆlker sich desto williger
unterwerfen w¸rden, da sie durch ein nat¸rliches Gef¸hl ihres Unvermˆgens
sich selbst zu regieren, geneigt gemacht w¸rden, sich regieren zu lassen;
ja denjenigen als eine gegenw‰rtige Gottheit zu verehren, welcher sie
sch¸tze, und f¸r ihre Gl¸ckseligkeit arbeite.

Dion stimmte hierin nicht g‰nzlich mit seinem Freunde ¸berein. Die
Wahrheit war, dafl er den Dionys besser kannte, und weil er sich wenig
Hoffnung machte, dafl seine guten Dispositionen von langer Dauer sein
w¸rden, gerne so schnell als mˆglich einen solchen Gebrauch davon gemacht
h‰tte, wodurch ihm die Macht Bˆses zu tun, auf den Fall, dafl ihn der Wille
dazu wieder ank‰me, benommen worden w‰re. Er breitete sich also mit
Nachdruck ¸ber die Vorteile einer wohlgeordneten Aristokratie vor der
Regierung eines Einzigen aus, und bewies, wie gef‰hrlich es sei, den
Wohlstand eines ganzen Landes von dem zuf‰lligen und wenig sichern Umstand,
ob dieser Einzige tugendhaft sein wolle oder nicht, abhangen zu lassen.
Er ging so weit, zu behaupten, dafl von einem Menschen, der die hˆchste
Macht in H‰nden habe, zu verlangen, dafl er sie niemalen miflbrauchen solle,
eine Forderung sei, welche ¸ber die Kr‰fte der Menschheit gehe; dafl es
nichts geringers sei, als von einem mit M‰ngeln und Schwachheiten
beladenen Geschˆpfe, welches keinen Augenblick auf sich selbst z‰hlen kann,
die Weisheit und Tugend eines Gottes zu erwarten. Er billigte also das
Vorhaben des Dionys, die kˆnigliche Gewalt aufzugeben, im hˆchsten Grade;
aber darin stimmte er mit seinem Freunde ¸berein, dafl anstatt die
Einrichtung des Staats in die Willk¸r des Volks zu stellen, er selbst, mit
Zuzug der Besten von der Nation, sich unges‰umt der Arbeit unterziehen
sollte, eine daurhafte und auf den mˆglichsten Grad des allgemeinen Besten
abzielende Verfassung zu entwerfen; wozu er dem Prinzen allen Beistand,
der von ihm abhange, versprach. Dionys schien sich diesen Vorschlag
gefallen zu lassen. Er bat sie, ihre Gedanken ¸ber diese wichtige Sache
in einen vollst‰ndigen Plan zu bringen, und versprach, so bald als sie
selbsten dar¸ber, was man tun sollte, einig sein w¸rden, zur Ausf¸hrung
eines Werkes zu schreiten, welches ihm, seinem Vorgeben nach, sehr am
Herzen lag.

Diese geheime Konferenz hatte bei dem Tyrannen eine gedoppelte W¸rkung.
Sie vollendete seinen Hafl gegen Dion, und setzte den Platon aufs Neue in
Gunst bei ihm. Denn ob er gleich nicht mehr so gern als anfangs von den
Pflichten eines guten Regenten sprechen hˆrte; so hatte er doch sehr gerne
gehˆrt, dafl Plato sich als einen Gegner des popularen Regiments, und als
einen Freund der Monarchie erkl‰rt hatte. Er ging aufs neue mit seinen
Vertrauten zu Rat, und sagte ihnen, es komme nun allein darauf an, sich
den Dion vom Halse zu schaffen. Philistus hielt davor, dafl eh ein solcher
Schritt gewaget werden d¸rfe, das Volk beruhiget und die wankende
Autorit‰t des Prinzen wieder fest gesetzt werden m¸sse. Er schlug die
Mittel vor, wodurch dieses am gewissesten geschehen kˆnne; und in der Tat
waren dabei keine so grofle Schwierigkeiten; denn er und Timocrat hatten
die vorgebliche G‰rung in Syracus weit gef‰hrlicher vorgestellt, als sie
w¸rklich war. Dionys fuhr auf sein Anraten fort, eine besondere Achtung
f¸r den Plato zu bezeugen, einen Mann, der in den Augen des Volks eine Art
von Propheten vorstellte, der mit den Gˆttern umgehe und Eingebungen habe.
"Einen solchen Mann", sagte Philistus, "mufl man zum Freunde behalten, so
lange man ihn gebrauchen kann. Plato verlangt nicht selbst zu regieren;
er hat also nicht das n‰mliche Interesse wie Dion; seine Eitelkeit ist
befriediget, wenn er bei demjenigen, der die Regierung f¸hrt, in Ansehen
steht, und Einflufl zu haben glaubt. Es ist leicht, ihn, so lang es nˆtig
sein mag, in dieser Meinung zu unterhalten, und das wird zugleich ein
Mittel sein, ihn von einer genauern Vereinigung mit dem Dion
zur¸ckzuhalten." Der Tyrann, der sich ohnehin von einer Art von Instinkt
zu dem Philosophen gezogen f¸hlte, befolgte diesen Rat so gut, dafl Plato
davon hintergangen wurde. Insonderheit affektierte er ihn, immer neben
sich zu haben, wenn er sich ˆffentlich sehen liefl; und bei allen
Gelegenheiten, wo es W¸rkung tun konnte, seine Maximen im Munde zu f¸hren.
Er stellte sich, als ob es auf Einraten des Philosophen gesch‰he, dafl er
dieses oder jenes tat, wodurch er sich den Syracusanern angenehm zu machen
hoffte; ungeachtet alles die Eingebungen des Philistus waren, der ohne dafl
es in die Augen fiel, sich wieder einer g‰nzlichen Herrschaft ¸ber sein
Gem¸t bem‰chtiget hatte. Er zeigte sich ungemein leutselig und liebkosend
gegen das Volk; er schaffte einige Auflagen ab, welche die unterste Klasse
desselben am st‰rksten dr¸ckten; er belustigte es durch ˆffentliche Feste,
und Spiele; er befˆrderte einige von denen, deren Ansehen am meisten zu
f¸rchten war, zu eintr‰glichen Ehrenstellen, und liefl die ¸brigen mit
Versprechungen wiegen, die ihn nichts kosteten, und die n‰mliche W¸rkung
taten; er zierte die Stadt mit Tempeln, Gymnasien, und andern ˆffentlichen
Geb‰uden: Und tat alles dieses, mit Beistand seiner Vertrauten, auf eine
so gute Art, dafl Plato alles sein Ansehen dazu verwandte, einem Prinzen,
der so schˆne Hoffnungen von sich erweckte, und seine philosophische
Eitelkeit mit so vielen ˆffentlichen Beweisen einer vorz¸glichen
Hochachtung kitzelte, (ein Beweggrund, den der gute Weise sich vielleicht
selbst nicht gerne gestund) alle Herzen zu gewinnen.

Diese Maflnehmungen erreichten den vorgesetzten Zweck vollkommen. Das
Volk, welches nicht nur in Griechenlande, sondern aller Orten, in einer
immerw‰hrenden Kindheit lebt, hˆrte auf zu murmeln; verlor in kurzer Zeit
den bloflen Wunsch einer Ver‰nderung; faflte eine heftige Zuneigung f¸r
seinen Prinzen; erhob die Gl¸ckseligkeit seiner Regierung; bewunderte die
pr‰chtige Kleidung und Waffen, die er seinen Trabanten hatte machen lassen;
betrank sich auf seine Gesundheit; und war bereit allem was er
unternehmen wollte, seinen dummen Beifall zu zuklatschen.

Philistus und Timocrat sahen sich durch diesen gl¸cklichen Ausschlag in
der Gunst ihres Herrn aufs neue befestiget; aber sie waren nicht zufrieden,
so lange sie selbige mit dem Plato teilen muflten, f¸r welchen er eine Art
von Schwachheit behielt, die ihren Grund vielleicht in der nat¸rlichen
Obermacht eines groflen Geistes ¸ber einen Kleinen hatte. Timocrat geriet
auf einen Einfall, wozu ihm die geheime Unterredung in dem Schlafzimmer
des Dionys den ersten Wink gegeben hatte, und wodurch er zu gleicher Zeit
sich ein Verdienst um den Tyrannen zu machen, und das Ansehen des
Philosophen bei demselben zu untergraben hoffen konnte.

Dionys hatte, von ihm aufgemuntert, angefangen, unvermerkt wieder eine
grˆflere Freiheit bei seiner Tafel einzuf¸hren; die Anzahl und die
Beschaffenheit der G‰ste, welche er fast t‰glich einlud, gab den Vorwand
dazu; und Plato, welcher bei aller erhabenen Austerit‰t seiner Grunds‰tze,
einen kleinen Ansatz zu einem Hofmanne hatte, machte es, wie es gewisse
ehrw¸rdige M‰nner an gewissen Hˆfen zu machen pflegen; er sprach bei jeder
Gelegenheit von den Vorz¸gen der N¸chternheit und M‰fligkeit, und afl und
trank immer dazu, wie ein andrer. Diese kleine Erweiterung der allzuengen
Grenzen der akademischen Frugalit‰t, von welcher der Vater der Akademie
selbst gestehen muflte, dafl sie sich f¸r den Hof eines F¸rsten nicht
schicke, erlaubte den vornehmsten Syracusanern, und jedem, der dem Prinzen
seine Ergebenheit bezeugen wollte, ihm pr‰chtige Feste zu geben; wo die
Freude zwar ungebundener herrschte, aber doch durch die Gesellschaft der
Musen und Grazien einen Schein von Bescheidenheit erhielt, welcher die
Strenge der Weisheit mit ihr aussˆhnen konnte. Timocrat machte sich
diesen Umstand zu Nutz. Er lud den Prinzen, den ganzen Hof, und die
Vornehmsten der Stadt ein, auf seinem Landhause die Wiederkunft des
Fr¸hlings zu begehen, dessen alles verj¸ngende Kraft, zum Ungl¸ck f¸r den
ohnehin ¸belbefestigten Platonismus des Dionys, auch diesem Prinzen die
Begierden und die Kr‰fte der Jugend wieder einzuhauchen schien. Die
schlaueste Wollust, hinter eine verblendende Pracht versteckt, hatte
dieses Fest angeordnet. Timocrat verschwendete seine Reicht¸mer ohne Mafl,
mit desto frˆhlicherm Gesichte, da er sie eben dadurch doppelt wieder zu
bekommen versichert war. Alle Welt bewunderte die Erfindungen und den
Geschmack dieses G¸nstlings; Dionys bezeugte, sich niemals so wohl ergˆtzt
zu haben; und der gˆttliche Plato, der weder auf seinen Reisen zu den
Pyramiden und Gymnosophisten, noch zu Athen so etwas gesehen hatte, wurde
von seiner dichterischen Einbildungs-Kraft so sehr verraten, dafl er die
Gefahren zu vergessen schien, welche unter den Bezauberungen dieses Orts,
und dieser Verschwendung von Reizungen zum Vergn¸gen, laurten. Der
einzige Dion erhielt sich in seiner gewˆhnlichen Ernsthaftigkeit, und
machte durch den starken Kontrast seines finstern Bezeugens mit der
allgemeinen Frˆhlichkeit, Eindr¸cke auf alle Gem¸ter, welche nicht wenig
dazu beitrugen, seinen bevorstehenden Fall zu befˆrdern. Indes schien
niemand darauf acht zu geben; und in der Tat liefl die Vorsorge, welche
Timocrat gebraucht hatte, dafl jede Stunde, und beinahe jeder Augenblick
ein neues Vergn¸gen herbeif¸hren muflte, wenig Mufle, Beobachtungen zu
machen. Dieser schlaue Hˆfling hatte ein Mittel gefunden, dem Plato
selbst, bei einer Gelegenheit, wo es so wenig zu vermuten war, auf eine
feine Art zu schmeicheln. Dieses geschah durch ein grofles pantomimisches
Ballet, worin die Geschichte der menschlichen Seele, nach den Grunds‰tzen
dieses Weisen, unter Bildern, welche er in einigen seiner Schriften an die
Hand gegeben hatte, auf eine allegorische Art vorgestellt wurde. Timocrat
hatte die j¸ngsten und schˆnsten Figuren hierzu gebraucht, welche er zu
Corinth und aus dem ganzen Griechenlande hatte zusammenbringen kˆnnen.
Unter den T‰nzerinnen war eine, welche dazu gemacht schien, dasjenige, was
der gute Plato in etlichen Monaten an dem Gem¸te des Tyrannen gearbeitet,
in etlichen Augenblicken zu zerstˆren. Sie stellte unter den Personen des
Tanzes die Wollust vor; und w¸rklich paflten ihre Figur, ihre
Gesichtsbildung, ihre Blicke, ihr L‰cheln, alles so vollkommen zu dieser
Rolle, dafl das anacreontische Beiwort Wollustatmend ausdr¸cklich f¸r sie
gemacht zu sein schien. Jedermann war von der schˆnen Bacchidion
bezaubert; aber niemand war es so sehr als Dionys. Er dachte nicht einmal
daran, der Wollust, welche eine so verf¸hrische Gestalt angenommen hatte,
um seine erk‰ltete Zuneigung zu ihr wieder anzufeuren, Widerstand zu tun;
kaum dafl er noch so viel Gewalt ¸ber sich selbst behielt, um von
demjenigen was in ihm vorging nicht allzudeutliche W¸rkungen sehen zu
lassen. Denn er getraute sich noch nicht, wieder g‰nzlich Dionysius zu
sein, ob ihm gleich von Zeit zu Zeit kleine Z¸ge entwischten, welche dem
beobachtenden Dion bewiesen, dafl er nur noch durch einen Rest von Scham,
dem letzten Seufzer der ersterbenden Tugend, zur¸ckgehalten werde.
Timocrat triumphierte in sich selbst; seine Absicht war erreicht; die
allzureizende Bacchidion bem‰chtigte sich der Begierde, des Geschmacks und
so gar des Herzens des Tyrannen: Und da er den Timocrat zum Unterh‰ndler
seiner Leidenschaft, welche er eine Zeitlang geheim halten wollte, nˆtig
hatte, so war Timocrat von diesem Augenblick an wieder der n‰chste an
seinem Herzen. Der weise Plato bedaurte zu sp‰t, dafl er zu viel Nachsicht
gegen den Hang dieses Prinzen nach Ergˆtzungen getragen hatte; er f¸hlte
nur gar zu wohl, dafl die Gewalt seiner metaphysischen Bezauberungen durch
eine st‰rkere Zaubermacht aufgelˆst worden sei, und fing an, um sich nicht
ohne Nutzen beschwerlich zu machen, den Hof seltner zu besuchen. Dion
ging weiter: Er unterstund sich, dem Dionys wegen seines geheimen
Verst‰ndnisses mit der schˆnen Bacchidion, Vorw¸rfe zu machen, und ihn
seiner Verbindlichkeiten mit einem Ernst zu erinnern, den der Tyrann nicht
mehr ertragen konnte. Dionys sprach im Ton eines asiatischen Despoten,
und Dion antwortete wie ein Miflvergn¸gter, der sich stark genug f¸hlt, den
Drohungen eines ¸berm¸tigen Tyrannen Trotz zu bieten. Philistus hielt den
Dionys zur¸ck, der im Begriff war alles zu wagen, indem er seiner Wut den
Z¸gel schieflen lassen wollte. Allein in den Umst‰nden worin man mit dem
beleidigten Dion war, muflte ein schleuniger Entschlufl gefaflt werden. Dion
verschwand auf einmal, und erst nach einigen Tagen machte Dionys bekannt:
Dafl ein gef‰hrliches Complot gegen seine Person, und die Ruhe des Staats,
woran Dion in geheim gearbeitet, ihn genˆtiget h‰tte, denselben auf einige
Zeit aus Sicilien zu entfernen. Es best‰tigte sich w¸rklich, dafl Dion in
der Nacht unvermutet in Verhaft genommen, zu Schiffe gebracht und in
Italien ans Land gesetzt worden war. Um das angebliche Complot
wahrscheinlich zu machen, wurden verschiedene Freunde Dions, und eine noch
grˆflere Anzahl von Kreaturen des Philistus, welche gegen diesen Prinzen zu
reden bestochen waren, in Verhaft genommen. Man unterliefl nichts, was
seinem Prozefl das Ansehen der genauesten Beobachtung der
Justiz-Formalit‰ten geben konnte; und nachdem er durch die Aussage einer
Menge von Zeugen ¸berwiesen worden war, wurde seine Verbannung in ein
fˆrmliches Urteil gebracht, und ihm bei Strafe des Lebens verboten, ohne
besondere Erlaubnis des Dionys, Sicilien wieder zu betreten. Dionys
stellte sich, als ob er dieses Urteil ungern und allein durch die Sorge
f¸r die Ruhe des Staats gezwungen unterzeichne; und um eine Probe zu geben,
wie gern er eines Prinzen, den er allezeit besonders hochgesch‰tzt habe,
schonen mˆchte, verwandelte er die Strafe der Konfiskation aller seiner
G¸ter in eine blofle Zur¸ckhaltung der Eink¸nfte von denselben: Aber
niemand liefl sich durch diese Vorspieglungen hintergehen, da man bald
darauf erfuhr, dafl er seine Schwester, die Gemahlin des Dion, gezwungen
habe, die Belohnung des unw¸rdigen Timocrat zu werden.

Plato spielte bei dieser unerwarteten Katastrophe eine sehr dem¸tigende
Rolle. Dionys affektierte zwar noch immer, ein grofler Bewunderer seiner
Wissenschaft und Beredsamkeit zu sein; aber sein Einflufl hatte so g‰nzlich
aufgehˆrt, dafl ihm nicht einmal erlaubt war, die Unschuld seines Freundes
zu verteidigen. Er wurde t‰glich zur Tafel eingeladen; aber nur, um mit
eignen Ohren anzuhˆren, wie die Grunds‰tze seiner Philosophie, die Tugend
selbst, und alles was einem gesunden Gem¸t ehrw¸rdig ist, zum Gegenstand
leichtsinniger Scherze gemacht wurden, welche sehr oft den echten Witz
nicht weniger beleidigten als die Tugend. Und damit ihm alle Gelegenheit
benommen w¸rde, die widrigen Eindr¸cke, welche den Syracusanern gegen den
Dion beigebracht worden waren, wieder auszulˆschen, wurde ihm unter dem
Schein einer besondern Ehrenbezeugung eine Wache gegeben, welche ihn wie
einen Staats-Gefangenen beobachtete und eingeschlossen hielt. Der
Philosoph hatte denjenigen Teil seiner Seele, welchem er seinen Sitz
zwischen der Brust und dem Zwerch-Fell angewiesen, noch nicht so g‰nzlich
geb‰ndiget, dafl ihn dieses Betragen des Tyrannen nicht h‰tte erbittern
sollen. Er fing an wie ein freigeborner Athenienser zu sprechen, und
verlangte seine Entlassung. Dionys stellte sich ¸ber dieses Begehren
best¸rzt an, und schien alles anzuwenden, um einen so wichtigen Freund bei
sich zu behalten; er bot ihm so gar die erste Stelle in seinem Reich, und,
wenn Plutarch nicht zuviel gesagt hat, alle seine Sch‰tze an, wofern er
sich verbindlich machen wollte, ihn niemals zu verlassen; aber die
Bedingung, welche er hinzusetzte, bewies, wie wenig er selbst erwartete,
dafl seine Erbietungen angenommen werden w¸rden. Denn er verlangte, dafl er
ihm seine Freundschaft f¸r den Dion aufopfern sollte; und Plato verstund
den stillschweigenden Sinn dieser Zumutung. Er beharrete also auf seiner
Entlassung, und erhielt sie endlich, nachdem er das Versprechen von sich
gegeben hatte, dafl er wieder kommen wolle, so bald der Krieg, welchen
Dionys wider Carthago anzufangen im Begriff war, geendigt sein w¸rde. Der
Tyrann machte sich eine grofle Angelegenheit daraus, alle Welt zu ¸berreden,
dafl sie als die besten Freunde von einander schieden; und Platons Ehrgeiz
(wenn es anders erlaubt ist, eine solche Leidenschaft bei einem
Philosophen vorauszusetzen) fand seine Rechnung zu gut dabei, als dafl er
sich h‰tte bem¸hen sollen, die Welt von dieser Meinung zuheilen. Er gehe,
sagte er, nur Dion und Dionys wieder zu Freunden zu machen. Der Tyrann
bezeugte sich sehr geneigt hierzu, und hob, zum Beweis seiner guten
Gesinnung den Beschlag auf, den er auf die Eink¸nfte Dions gelegt hatte.
Plato hingegen machte sich zum B¸rgen f¸r seinen Freund, dafl er nichts
widriges gegen Dionysen unternehmen sollte. Der Abschied machte eine so
traurige Szene, dafl die Zuschauer, (aufler den wenigen, welche das Gesicht
unter der Maske kannten) von der Gutherzigkeit des Prinzen sehr ger¸hrt
wurden; er begleitete den Philosophen bis an seine Galeeren, erstickte ihn
fast mit Umarmungen, netzte seine ehrw¸rdigen Wangen mit Tr‰nen, und sah
ihm so lange nach, bis er ihn aus den Augen verlor: Und so kehrten beide,
mit gleich erleichtertem Herzen, Plato in seine geliebte Akademie, und
Dionys in die Arme seiner T‰nzerin zur¸ck.

Dieser Tyrann, dessen nat¸rliche Eitelkeit durch die Diskurse des
Atheniensischen Weisen zu einer heftigen Ruhmbegierde aufgeschwollen war,
hatte sich unter andern Schwachheiten in den Kopf gesetzt, f¸r einen
Gˆnner der Gelehrten, f¸r einen Kenner, und so gar f¸r einen der schˆnen
Geister seiner Zeit gehalten zu werden. Er war sehr bek¸mmert, dafl Plato
und Dion den Griechen, denen er vorz¸glich zu gefallen begierig war, die
gute Meinung wieder benehmen mˆchten, welche man von ihm zu fassen
angefangen hatte; und diese Furcht scheint einer von den st‰rksten
Beweggr¸nden gewesen zu sein, warum er den Plato bei ihrer Trennung mit so
vieler Freundschaft ¸berh‰uft hatte. Er liefl es nicht dabei bewenden.
Philistus sagte ihm, dafl Griechenland eine Menge von spekulativen
M¸fligg‰ngern habe, welche so ber¸hmt als Plato, und zum teil geschickter
seien, einen Prinzen bei Tische oder in verlornen Augenblicken zu
belustigen als dieser Mann, der die Schwachheit habe ein l‰cherlich
ehrw¸rdiges Mittelding zwischen einem Egyptischen Priester, und einem
Staatsmanne vorzustellen, und seine unverst‰ndlich-erhabene Grillen f¸r
Grunds‰tze, wornach die Welt regiert werden m¸sse, auszugeben. Er bewies
ihm mit den Beispielen seiner eigenen Vorfahren, dafl ein F¸rst sich den
Ruhm eines unvergleichlichen Regenten nicht wohlfeiler anschaffen kˆnne,
als indem er Philosophen und Poeten in seinen Schutz nehme; Leute, welche
f¸r die Ehre seine Tischgenossen zu sein, oder f¸r ein m‰fliges Gehalt,
bereit seien, alle ihre Talente ohne Mafl und Ziel zu seinem Ruhm und zu
Befˆrderung seiner Absichten zu verschwenden. "Glaubest du", sagte er,
"dafl Hieron der wundert‰tige Mann, der Held, der Halbgott, das Muster
aller f¸rstlichen, b¸rgerlichen und h‰uslichen Tugenden gewesen sei, wof¸r
ihn die Nachwelt h‰lt? Wir wissen was wir davon denken sollen; er war was
alle Prinzen sind, und lebte wie sie alle leben; er tat was ich und ein
jeder andrer tun w¸rde, wenn wir zu unumschr‰nkten Herren einer so schˆnen
Insel, wie Sicilien ist, geboren w‰ren--Aber er hatte die Klugheit,
Simoniden und Pindare an seinem Hofe zu halten; sie lobten ihn in die
Wette, weil sie wohl gef¸ttert und wohl bezahlt wurden; alle Welt erhob
die Freigebigkeit dieses Prinzen, und doch kostete ihn dieser Ruhm nicht
halb soviel, als seine Jagdhunde. Wer wollte ein Kˆnig sein, wenn ein
Kˆnig das alles w¸rklich tun m¸flte, was sich ein m¸fliger Sophist auf
seinem Faulbette oder Diogenes in seinem Fasse einfallen l‰flt, ihm zu
Pflichten zu machen? Wer wollte regieren, wenn ein Regent allen
Forderungen und W¸nschen seiner Untertanen genug tun m¸flte? Das meiste, wo
nicht alles, kˆmmt auf die Meinung an, die ein grofler Herr von sich
erweckt; nicht auf seine Handlungen selbst, sondern auf die Gestalt und
den Schwung, den er ihnen zu geben weifl. Was er nicht selbst tun will,
oder tun kann, das kˆnnen witzige Kˆpfe f¸r ihn tun. Haltet euch einen
Philosophen, der alles demonstrieren, einen sinnreichen Schw‰tzer, der
¸ber alles scherzen, und einen Poeten, der ¸ber alles Gassenlieder machen
kann. Der Nutzen, den ihr von dieser kleinen Ausgabe zieht, f‰llt zwar
nicht sogleich in die Augen; ob es gleich an sich selbst schon Vorteils
genug f¸r einen F¸rsten ist, f¸r einen Besch¸tzer der Musen gehalten zu
werden. Denn das ist in den Augen von neun und neunzig hundertteilen des
menschlichen Geschlechts ein untr¸glicher Beweis, dafl er selbst ein Herr
von grofler Einsicht, und Wissenschaft ist; und diese Meinung erweckt
Zutrauen, und ein g¸nstiges Vorurteil f¸r alles was er unternimmt. Aber
das ist der geringste Nutzen, den ihr von euern witzigen Kostg‰ngern zieht.
Setzet den Fall, dafl es nˆtig sei eine neue Auflage zu machen; das ist
alles was ihr braucht, um in einem Augenblick ein allgemeines Murren gegen
eure Regierung zu erregen; die Miflvergn¸gten, eine Art von Leuten, welche
die kl¸gste Regierung niemals g‰nzlich ausrotten kann, machen sich einen
solchen Zeitpunkt zu nutze; setzen das Volk in G‰rung, untersuchen eure
Auff¸hrung, die Verwaltung eurer Eink¸nfte, und tausend Dinge, an welche
vorher niemand gedacht hatte; die Unruhe nimmt zu, die Repr‰sentanten des
Volks versammeln sich, man ¸bergibt euch eine Vorstellung, eine
Beschwerung um die andere; unvermerkt nimmt man sich heraus die Bitten in
Forderungen zu verwandeln, und die Forderungen mit ehrfurchtsvollen
Drohungen zu unterst¸tzen; kurz, die Ruhe euers Lebens ist, wenigstens auf
einige Zeit, verloren; ihr befindet euch in kritischen Umst‰nden, wo der
kleinste Fehltritt die schlimmesten Folgen nach sich ziehen kann, und es
braucht nur einen Dion, der sich zu einer solchen Zeit einem miflvergn¸gten
Pˆbel an den Kopf wirft, so habt ihr einen Aufruhr in seiner ganzen Grˆfle.
Hier zeigt sich der wahre Nutzen unsrer witzigen Kˆpfe. Durch ihren
Beistand kˆnnen wir in etlichen Tagen allen diesen ¸beln zuvorkommen.
Laflt den Philosophen demonstrieren, dafl diese Auflage zur Wohlfahrt des
gemeinen Wesens unentbehrlich ist; laflt den Spaflvogel irgend einen
l‰cherlichen Einfall, irgend eine lustige Hof-Anekdote oder ein boshaftes
M‰rchen in der Stadt herumtragen, und den Poeten eine neue Komˆdie und ein
paar Gassenlieder machen, um dem Pˆbel was zu sehen und zu singen zu geben:
So wird alles ruhig bleiben; und indessen dafl die politischen M¸fligg‰nger
sich dar¸ber zanken werden, ob euer Philosoph recht oder unrecht
argumentiert habe, und die kleine ‰rgerliche Anekdote reichlich ausgeziert
und verschˆnert, den Witz aller guten Gesellschaften im Atem erh‰lt: Wird
der Pˆbel ein paar Fl¸che zwischen den Z‰hnen murmeln, seinen Gassenhauer
anstimmen, und--bezahlen. Solche Dienste, sind, deucht mich wohl wert,
etliche Leute zu unterhalten, die ihren ganzen Ehrgeiz darin setzen, Worte
zierlich zusammenzusetzen, Sylben zu z‰hlen, Ohren zu kitzeln und Lungen
zu ersch¸ttern; Leute, denen ihr alle ihre W¸nsche erf¸llt, wenn ihr ihnen
so viel gebt, als sie brauchen, kummerlos durch eine Welt, an die sie
wenig Anspr¸che machen, hindurchzuschlentern, und nichts zu tun, als was
der Wurm im Kopf, den sie ihren Genie nennen, ihnen zum grˆflesten
Vergn¸gen ihres Lebens macht."

Dionys befand diesen Rat seines w¸rdigen Ministers vollkommen nach seinem
Geschmack. Philistus ¸bergab ihm eine Liste von mehr als zwanzig
Kandidaten, aus denen man, wie er sagte, nach Belieben ausw‰hlen kˆnnte.
Dionys glaubte, dafl man dieser n¸tzlichen Leute nicht zuviel haben kˆnne,
und w‰hlte alle. Alle schˆnen Geister Griechenlandes wurden unter
blendenden Verheiflungen an seinen Hof eingeladen. In kurzer Zeit
wimmelte es in seinen Vors‰len von Philosophen und Priestern der Musen.
Alle Arten von Dichtern, Epische, Tragische, Komische, Lyrische, welche
ihr Gl¸ck zu Athen nicht hatten machen kˆnnen, zogen nach Syracus, um ihre
Leiern und Flˆten an den anmutigen Ufern des Anapus zu stimmen, und--sich
satt zu essen. Sie glaubten, dafl es ihnen gar wohl erlaubt sein kˆnne,
die Tugenden des Dionys zu besingen, nachdem der gˆttliche Pindar sich
nicht gesch‰mt hatte, die Maulesel des Hieron unsterblich zu machen. So
gar der zynische Antisthenes liefl sich durch die Hoffnung herbeilocken,
dafl ihn die Freigebigkeit des Dionys in den Stand setzen w¸rde, die
Vorteile der freiwilligen Armut und der Enthaltsamkeit mit desto mehr
Gem‰chlichkeit zu studieren; Tugenden, von deren Schˆnheit, nach dem
stillschweigenden Gest‰ndnis ihrer eifrigsten Lobredner, sich nach einer
guten Mahlzeit am beredtesten sprechen l‰flt. Kurz, Dionys hatte das
Vergn¸gen, ohne einen Plato dazu nˆtig zu haben, sich mitten an seinem
Hofe eine Akademie f¸r seinen eignen Leib zu errichten, deren Vorsteher
und Apollo er selbst zu sein w¸rdigte, und in welcher ¸ber die
Gerechtigkeit, ¸ber die Grenzen des Guten und Bˆsen, ¸ber die Quelle der
Gesetze, ¸ber das Schˆne, ¸ber die Natur der Seele, der Welt und der
Gˆtter, und andere solche Materien, welche nach den gewˆhnlichen Begriffen
der Weltleute zu nichts als zur Konversation gut sind, mit so vieler
Schwatzhaftigkeit, mit so viel Subtilit‰t und so wenig gesunder Vernunft
disputiert wurde, als es in irgend einer Schule der Weisheit der damaligen
Zeiten zu geschehen pflegte. Er hatte das Vergn¸gen sich bewundern, und
wegen einer Menge von Tugenden und Helden-Eigenschaften lobpreisen zu
hˆren, die er sich selbst niemals zugetraut h‰tte. Seine Philosophen
waren keine Leute, die, wie Plato, sich herausgenommen h‰tten, ihn
hofmeistern, und lehren zu wollen, wie er zuerst sich selbst, und dann
seinen Staat regieren m¸sse. Der strengeste unter ihnen war zu hˆflich,
etwas an seiner Lebensart auszusetzen, und alle waren bereit es einem
jeden Zweifler sonnenklar zu beweisen, dafl ein Tyrann, der
Zueignungs-Schriften, und Lobgedichte so gut bezahlte, so gastfrei war,
und seine getreuen Untertanen durch den Anblick so vieler Feste und
Lustbarkeiten gl¸cklich machte, der w¸rdigste unter allen Kˆnigen sein
m¸sse.

In diesen Umst‰nden befand sich der Hof zu Syracus, als der Held unsrer
Geschichte in dieser Stadt ankam; und so war der F¸rst beschaffen, welchem
er, unter ganz andern Voraussetzungen, seine Dienste anzubieten gekommen
war.

F‹NFTES KAPITEL

Agathon wird der G¸nstling des Dionysius

Agathon erfuhr die haupts‰chlichsten Begebenheiten, welche den Inhalt des
vorhergehenden Kapitels ausmachen, bei einem groflen Gastmahl, welches sein
Freund der Kaufmann, des folgenden Tages gab, um Agathons Ankunft in
Syracus, und seine eigene Wiederkunft feirlich zu begehen. Der Name eines
Gastes, der eine Zeit lang den Griechen so viel von sich zu reden gegeben
hatte, zog unter andern Neugierigen auch den Philosophen Aristippus herbei,
der sowohl wegen der Annehmlichkeiten seines Umgangs, als wegen der Gnade,
worin er bei dem Tyrannen stund, in den besten H‰usern zu Syracus sehr
willkommen war. Dieser Philosoph hatte sich, bei jener groflen Migration
der schˆnen Geister aus Griechenland nach Syracus, auch dahin begeben,
mehr um einen beobachtenden Zuschauer abzugeben, als in der Absicht, durch
parasitische K¸nste die Eitelkeit des Dionys seinen Bed¸rfnissen zinsbar
zu machen. Agathon und Aristippus hatten einander zu Athen gekannt; aber
damals kontrastierte der Enthusiasmus des Ersten mit dem kalten Blut, und
der Humoristischen Art zu philosophieren des Andern zu stark, als dafl sie
einander wahrhaftig h‰tten hochsch‰tzen kˆnnen, obgleich Aristipp sich
ˆfters bei den Versammlungen einfand, welche damals aus Agathons Haus
einen Tempel der Musen, und eine Akademie der besten Kˆpfe von Athen
machten. Die Wahrheit war, dafl Agathon mit allen seinen schimmernden
Eigenschaften in Aristipps Augen ein Phantast, dessen Ungl¸ck er seinen
Vertrauten ˆfters vorhersagte--und Aristipp mit allem seinem Witz nach
Agathons Begriffen ein blofler Sophist war, den seine Grunds‰tze
geschickter machten, weibische Sybariten noch sybaritischer, als junge
Republikaner zu tugendhaften M‰nnern zu machen. Der Eindruck, welcher
beiden von dieser ehmals von einander gefaflten Meinung geblieben war,
machte sie stutzen, da sie sich nach einer Trennung von drei oder vier
Jahren so unvermutet wieder sahen. Es ging ihnen in den ersten
Augenblicken, wie es uns zu gehen pflegt, wenn uns deucht, als ob wir eine
Person kennen sollten, ohne uns gleich deutlich erinnern zu kˆnnen, wer
sie ist, oder wo und in welchen Umst‰nden wir sie gesehen haben. Das
sollte Agathon--das sollte Aristipp sein, dachte jeder bei sich selbst,
war ¸berzeugt, dafl es so sei, und hatte doch M¸he, seiner eigenen
¸berzeugung zu glauben. Aristipp suchte im Agathon den Enthusiasten,
welcher nicht mehr war; und Agathon glaubte im Aristipp den Sybariten
nicht mehr zu finden; vielleicht allein, weil seine Art, Personen und
Sachen ins Auge zu fassen, seit einiger Zeit eine merkliche Ver‰nderung
erlitten hatte. Ein Umgang von etlichen Stunden lˆsete beiden das R‰tsel
ihres anf‰nglichen Irrtums auf, zerstreute den Rest des alten Vorurteils,
und flˆflte ihnen Dispositionen ein, bessere Freunde zu werden. Unvermerkt
erinnerten sie sich nicht mehr, dafl sie einander ehmals weniger gefallen
hatten; und ihr Herz liebte den kleinen Selbstbetrug, dasjenige was sie
itzt f¸r einander empfanden, f¸r die blofle Erneuerung einer alten
Freundschaft zu halten. Aristipp fand bei unserm Helden, eine
Gef‰lligkeit, eine Politesse, eine M‰fligung, welche ihm zu beweisen schien,
dafl Erfahrungen von mehr als einer Art eine starke Revolution in seinem
Gem¸te gew¸rkt haben muflten. Agathon fand bei dem Philosophen von Cyrene
etwas mehr als Witz, einen Beobachtungs-Geist, eine gesunde Art zu denken,
eine Feinheit und Richtigkeit der Beurteilung, welche den Sch¸ler des
weisen Socrates in ihm erkennen lieflen. Diese Entdeckungen flˆfleten ihnen
nat¸rlicher Weise ein gegenseitiges Zutrauen ein, welches sie geneigt
machte, sich weniger vor einander zu verbergen, als man bei einer ersten
Zusammenkunft zu tun gewohnt ist. Agathon liefl seinem neuen Freunde sein
Erstaunen dar¸ber sehen, dafl die Hoffnungen, welche man sich zum Vorteil
Siciliens von Platons Ansehen bei dem Dionys gemacht, so plˆtzlich, und
auf eine so unbegreifliche Art, vernichtet worden. In der Tat bestund
alles was man in der Stadt davon wuflte, in bloflen Mutmaflungen, die sich
zum Teil auf allerlei unzuverl‰ssige Anekdoten gr¸ndeten, welche in
St‰dten, wo ein Hof ist von m¸fligen Leuten, die sich das Ansehen geben
wollen, als ob sie von den Geheimnissen und Intriguen des Hofes
vollkommene Wissenschaft h‰tten, von Gesellschaft zu Gesellschaft
herumgetragen zu werden pflegen. Aristipp hatte in der kurzen Zeit, seit
dem er sich an Dionysens Hofe aufhielt, die schwache Seite dieses Prinzen,
den Charakter seiner G¸nstlinge, der Vornehmsten der Stadt, und der
Sicilianer ¸berhaupt so gut ausstudiert, dafl er, ohne sich in die
Entwicklung der geheimern Triebfedern (womit wir unsre Leser schon bekannt
gemacht haben) einzulassen, den Agathon leicht ¸berzeugen konnte, dafl ein
gleichg¸ltiger Zuseher von den Anschl‰gen, Dions und Platons, den Dionys
zu einer freiwilligen Niederlegung der monarchischen Gewalt zu vermˆgen,
sich keinen gl¸cklichern Ausgang habe versprechen kˆnnen. Er malte den
Tyrannen von seiner besten Seite als einen Prinzen ab, bei dem die
ungl¸cklichste Erziehung ein vortreffliches Naturell nicht habe verderben
kˆnnen; der von Natur leutselig, edel, freigebig, und dabei so bildsam und
leicht zu regieren sei, dafl alles blofl darauf ankomme, in was f¸r H‰nden
er sich befinde. Seiner Meinung nach war, eben diese allzubewegliche
Gem¸tsart und der Hang f¸r die Vergn¸gungen der Sinnen die fehlerhafteste
Seite dieses Prinzen. Plato h‰tte die Kunst verstehen sollen, sich dieser
Schwachheiten selbst auf eine feine Art zu seinen Absichten zu bedienen;
aber das h‰tte eine Geschmeidigkeit, eine kluge Mischung von
Nachgiebigkeit und Zur¸ckhaltung erfordert, wozu der Verfasser des
'Cratylus' und 'Tim‰us' niemals f‰hig sein werde. ¸berdem h‰tte er sich
zu deutlich merken lassen, dafl er gekommen sei, den Hofmeister des Prinzen
zu machen; ein Umstand, der schon f¸r sich allein alles habe verderben
m¸ssen. Denn die schw‰chsten F¸rsten seien allemal diejenigen, vor denen
man am sorgf‰ltigsten verbergen m¸sse, dafl man weiter sehe als sie; sie
w¸rden sich's zur Schande rechnen, sich von dem grˆflesten Geist in der
Welt regieren zu lassen, so bald sie glauben, dafl er eine solche Absicht
im Schilde f¸hre; und daher komme es, dafl sie sich oft lieber der
schimpflichen Herrschaft eines Kammerdieners oder einer Maitresse
unterwerfen, welche die Kunstgriffe besitzen, ihre Gewalt ¸ber das Gem¸t
des Herrn unter sklavischen Schmeicheleien oder schlauen Liebkosungen zu
verbergen. Plato sei zu einem Minister eines so jungen Prinzen zu
spitzfindig, und zu einem G¸nstling zu alt gewesen; zudem habe ihm seine
vertraute Freundschaft mit dem Dion geschadet, da sie seinen heimlichen
Feinden best‰ndige Gelegenheit gegeben, ihn dem Prinzen verd‰chtig zu
machen. Endlich habe der Einfall, aus Sicilien eine platonische Republik
zu machen, an sich selbst nichts getaugt. Der National-Geist der
Sicilianer sei eine Zusammensetzung von so schlimmen Eigenschaften, dafl es,
seiner Meinung nach, dem weisesten Gesetzgeber unmˆglich bleiben w¸rde,
sie zur republikanischen Tugend umzubilden; und Dionys, welcher unter
gewissen Umst‰nden f‰hig sei ein guter F¸rst zu werden, w¸rde, wenn er
sich auch in einem Anstofl von eingebildeter Groflmut h‰tte bereden lassen,
die Tyrannie aufzuheben, allezeit ein sehr schlimmer B¸rger gewesen sein.
Diese allgemeine Ursachen seien, was auch die n‰hern Veranlassungen der
Verbannung des Dion und der Ungnade oder wenigstens der Entfernung des
Platon gewesen sein mˆgen, hinl‰nglich begreiflich zu machen, dafl es nicht
anders habe gehen kˆnnen; sie bewiesen aber auch (setzte Aristipp mit
einer anscheinenden Gleichg¸ltigkeit hinzu) dafl ein Anderer, der sich die
Fehler dieser Vorg‰nger zu Nutzen zu machen wiflte, wenig M¸he haben w¸rde,
die unw¸rdigen Leute zu verdr‰ngen, welche sich wieder in den Besitz des
Zutrauens und der Autorit‰t des Tyrannen geschwungen h‰tten.

Agathon fand diese Gedanken seines neuen Freundes so wahrscheinlich, dafl
er sich ¸berreden liefl, sie f¸r wahr anzunehmen. Und hier spielte ihm die
Eigenliebe einen kleinen Streich, dessen er sich nicht zu ihr vermutete.
Sie fl¸sterte ihm so leise, dafl er ihren Einhauch vielleicht f¸r die
Stimme seines Genius, oder der Tugend selbsten hielt, den Gedanken zu--wie
schˆn es w‰re, wenn Agathon dasjenige zu Stande bringen kˆnnte, was Plato
vergebens unternommen hatte. Wenigstens deuchte es ihn schˆn, den Versuch
zu machen; und er f¸hlte eine Art von ahnendem Bewufltsein, dafl eine solche
Unternehmung nicht ¸ber seine Kr‰fte gehen w¸rde. Diese Empfindungen
(denn Gedanken waren es noch nicht) stiegen, w‰hrend dafl Aristippus sprach,
in ihm auf; aber er nahm sich wohl in Acht, ihn das geringste davon
merken zu lassen; und lenkte, aus Besorgnis von einem so schlauen Hˆflinge
unvermerkt ausgekundschaftet zu werden, das Gespr‰ch auf andre Gegenst‰nde.
¸berhaupt vermied er alles, was die Aufmerksamkeit der Anwesenden
vorz¸glich auf ihn h‰tte richten kˆnnen, desto sorgf‰ltiger, da er
wahrnahm, dafl man einen auflerordentlichen Mann in ihm zu sehen erwartete.
Er sprach sehr bescheiden, und nur so viel als die Gelegenheit
unumg‰nglich erfoderte, von dem Anteil, den er an der Staats-Verwaltung
von Athen gehabt hatte; liefl die Anl‰sse entschl¸pfen, die ihm von einigen
mit guter Art (wie sie wenigstens glaubten) gemacht wurden, um seine
Gedanken von Regierungs-Sachen, und von den Syracusanischen
Angelegenheiten auszuholen; sprach von allem wie ein gewˆhnlicher Mensch,
der sich auf das was er spricht versteht, und begn¸gte sich bei
Gelegenheit sehen zu lassen, dafl er ein Kenner aller schˆnen Sachen sei,
ob er sich gleich nur f¸r einen Liebhaber gab. Dieses Betragen, wodurch
er allen Verdacht, als ob er aus besondern Absichten nach Syracus gekommen
sei, von sich entfernen wollte, hatte die W¸rkung, dafl die Meisten, welche
mit einem Erwartungsvollen Vorurteil f¸r ihn gekommen waren, sich f¸r
betrogen hielten, und mit der Meinung weggingen, Agathon halte in der N‰he
nicht, was sein Ruhm verspreche: ja, um sich daf¸r zu r‰chen, dafl er nicht
so war, wie er ihrer Einbildung zu lieb h‰tte sein sollen, liehen sie ihm
noch einige Fehler, die er nicht hatte, und verringerten den Wert der
schˆnen Eigenschaften, welche er entweder nicht verbergen konnte, oder
nicht verbergen wollte; gewˆhnliches Verfahren der kleinen Geister,
wodurch sie sich unter einander in der trˆstlichen Beredung zu st‰rken
suchen, dafl kein so grofler Unterscheid, oder vielleicht gar keiner,
zwischen ihnen und den Agathonen sei--und wer wird so unbillig sein, und
ihnen das ¸bel nehmen?

Sobald sich unser Mann allein sah, ¸berliefl er sich den Betrachtungen, die
in seiner gegenw‰rtigen Stellung die nat¸rlichsten waren. Sein erster
Gedanke, sobald er gehˆrt hatte, dafl Plato entfernt, und Dionys wieder in
der Gewalt seiner ehemaligen G¸nstlinge und einer neuangekommenen T‰nzerin
sei, war gewesen, sich nur wenige Tage bei seinem Freunde verborgen zu
halten, und sodann nach Italien ¸berzufahren, wo er verschiedne Ursachen
hatte zu hoffen, dafl er in dem Hause des ber¸hmten Archytas zu Tarent
willkommen sein w¸rde. Allein die Unterredung mit dem Aristippus hatte
ihn auf andre Gedanken gebracht. Je mehr er dasjenige, was ihm dieser
Philosoph von den Ursachen der vorgegangenen Ver‰nderungen gesagt hatte,
¸berlegte; je mehr fand er sich ermuntert, das Werk, welches Plato
aufgegeben hatte, auf einer andern Seite, und, wie er hoffte, mit besserm
Erfolg, anzugreifen. Von tausend manchfaltigen Gedanken hin und her
gezogen, brachte er den grˆflesten Teil der Nacht in einem Mittelstand
zwischen Entschlieflung und Ungewiflheit zu, bis er endlich mit sich selbst
einig wurde, es darauf ankommen zu lassen, wozu ihn die Umst‰nde bestimmen
w¸rden. Inzwischen machte er sich auf den Fall, wenn ihn Dionys an seinen
Hof zu ziehen suchen sollte, einen Verhaltungs-Plan; er stellte sich eine
Menge Zuf‰lle vor, welche begegnen konnten, und setzte die Maflregeln bei
sich selbst feste, nach welchen er in allen diesen Umst‰nden handeln
wollte. Die genaueste Verbindung der Klugheit mit der Rechtschaffenheit
war die Seele davon. Sein eigner Vorteil kam dabei in gar keine
Betrachtung; dieser Punkt lag durch aus zum Grunde seines ganzen Systems;
er wollte sich durch keine Art von Banden fesseln lassen, sondern immer
die Freiheit behalten, sich so bald er sehen w¸rde, dafl er vergeblich
arbeite, mit Ehre zur¸ckzuziehen. Das war die einzige R¸cksicht, die er
dabei auf sich selbst machte. Die lebhafte Abneigung, die er, aus eigener
Erfahrung gegen alle populare Regierungs-Arten gefaflt hatte, liefl ihn
nicht daran denken, den Sicilianern zu einer Freiheit beh¸lflich zu sein,
welche er f¸r einen bloflen Namen hielt, unter dessen Schutz die Edeln
eines Volkes und der Pˆbel einander wechselweise ‰rger Tyrannisieren als
es irgend ein Tyrann zu tun f‰hig ist; der so arg er immer sein mag, doch
durch seinen eigenen Vorteil abgehalten wird, seine Sklaven g‰nzlich
aufzureiben;--da hingegen der Pˆbel, wenn er die Gewalt einmal an sich
gerissen hat, seinen wilden Bewegungen keine Grenzen zu setzen f‰hig ist.
Diese Reflexion traf zwar nur die Demokratie; aber Agathon hatte von der
Aristokratie keine bessere Meinung. Eine endlose Reihe von schlimmen
Monarchen schien ihm etwas, das nicht in der Natur ist; und ein einziger
guter F¸rst, war, nach seiner Voraussetzung, vermˆgend, das Gl¸ck seines
Volkes auf ganze Jahrhunderte zu befestigen; da hingegen (seiner Meinung
nach) die Aristokratie anders nicht als durch die g‰nzliche Unterdr¸ckung
des Volks auf einen dauerhaften Grund gesetzt werden kˆnne, und also schon
aus dieser einzigen Ursache die schlimmste unter allen mˆglichen
Verfassungen sei. So sehr gegen diese beide Regierungs-Arten eingenommen
als er war, konnte er nicht darauf verfallen, sie mit einander vermischen,
und durch eine Art von politischer Chemie aus so widerw‰rtigen Dingen eine
gute Komposition herausbringen zu wollen. Eine solche Verfassung deuchte
ihn allzuverwickelt, und aus zu vielerlei Gewichtern und R‰dern
zusammengesetzt, um nicht alle Augenblicke in Unordnung zu geraten, und
sich nach und nach selbst aufzureiben. Die Monarchie schien ihm also,
von allen Seiten betrachtet, die einfacheste, edelste, und der Analogie
des groflen Systems der Natur gem‰fleste Art die Menschen zu regieren; und
dieses vorausgesetzt, glaubte er alles getan zu haben, wenn er einen
zwischen Tugend und Laster hin und her wankenden Prinzen aus den H‰nden
schlimmer Ratgeber ziehen; durch einen klugen Gebrauch der Gewalt, die er
¸ber sein Gem¸t zu bekommen hoffte, seine Denkungs-Art verbessern; und ihn
nach und nach durch die eigent¸mlichen Reizungen der Tugend endlich
vollkommen gewinnen kˆnnte. Und gesetzt auch, dafl es ihm nur auf eine
unvollkommene Art gelingen w¸rde; so hoffte er, wofern er sich nur einmal
seines Herzens bemeistert haben w¸rde, doch immer im Stande zu sein, viel
gutes zu tun, und viel Bˆses zu verhindern, und auch dieses schien ihm
genug zu sein, um beim Schlufl der Aktion mit dem belohnenden Gedanken,
eine schˆne Rolle wohl gespielt zu haben, vom Theater abzutreten. In
diesen sanfteinwiegenden Gedanken schlummerte Agathon endlich ein, und
schlief noch, als Aristippus des folgenden Morgens wiederkam, um ihn im
Namen des Dionys einzuladen, und bei diesem Prinzen aufzuf¸hren.

Die Seite, von der sich dieser Philosoph in der gegenw‰rtigen Geschichte
zeigt, stimmt mit dem gemeinen Vorurteil, welches man gegen ihn gefaflt hat,
so wenig ¸berein, als dieses mit den gewissesten Nachrichten, welche von
seinem Leben und von seinen Meinungen auf uns gekommen sind. In der Tat
scheint dasselbe sich mehr auf den Miflverstand seiner Grunds‰tze und
einige ‰rgerliche M‰rchen, welche Diogenes von Laerte und Athen‰us, zween
von den unzuverl‰ssigsten Kompilatoren in der Welt, seinen Feinden
nacherz‰hlen, als auf irgend etwas zu gr¸nden, welches ihm unsre
Hochachtung mit Recht entziehen kˆnnte. Es hat zu allen Zeiten eine Art
von Leuten gegeben, welche nirgends als in ihren Schriften tugendhaft sind;
Leute, welche die Verdorbenheit ihres Herzens, und ihre geheimen Laster
durch die Affektation der strengesten Grunds‰tze in der Sittenlehre
bedecken wollen; moralische Pantomimen, qui Curios simulant & Bacchanalia
vivunt; Leute, welche sich das Ansehen einer auflerordentlichen Delikatesse
der Ohren in moralischen Dingen geben, und von dem bloflen Schall des Worts
Wollust, mit einem heiligen Schauer, errˆtend--oder erblassend,
zusammenfahren; kurz, Leute, welche jedermann verachten w¸rde, wenn nicht
der grˆfleste Haufen dazu verurteilt w‰re, sich durch Masken-Gesichter,
Mienen, Geb‰rden, Inflexionen der Stimme, verdrehte Augen, und--weifle
Schnupft¸cher betr¸gen zu lassen. Diese vortrefflichen Leute, (welche wir
etwas genauer beschrieben haben, weil es nicht mehr gebr‰uchlich ist,
denenjenigen einen B¸ndel Heu vor die Stirne zu binden, denen man nicht
allzunahe kommen darf,) taten schon damals ihr Bestes, den guten Aristipp
f¸r einen Woll¸stling auszuschreien, dessen ganze Philosophie darin
bestehe, dafl er die Forderungen unsrer sinnlichen Triebe zu Grunds‰tzen
gemacht, und die Kunst gem‰chlich und angenehm zu leben, in ein System
gebracht habe.

Es ist hier der Ort nicht, die Unbilligkeit und den Ungrund dieses Urteils
zu beweisen; und dieses ist auch so nˆtig nicht, nachdem bereits einer der
ehrw¸rdigsten und verdienstvollesten Gelehrten unsrer Zeit, ein Mann der
durch die Eigenschaften seines Verstandes und Herzens den Namen eines
Weisen verdient, wenn ihn ein Sterblicher verdienen kann, ungeachtet
seines Standes den Mut gehabt hat, in seiner kritischen Geschichte der
Philosophie diesem w¸rdigen Sch¸ler des Socrates Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen.

Ohne uns also um Aristipps Lehrs‰tze zu bek¸mmern, begn¸gen wir uns, von
seinem persˆnlichen Charakter so viel zu sagen als man wissen mufl, um die
Person, die er an Dionysens Hofe vorstellte, richtiger beurteilen zu
kˆnnen. Unter allen den vorgeblichen Weisen, welche sich damals an diesem
Hofe befanden, war er der einzige, der keine heimliche Absichten auf die
Freigebigkeit des Prinzen hatte; ob er sich gleich kein Bedenken machte,
Geschenke von ihm anzunehmen, die er nicht durch parasitische
Niedertr‰chtigkeiten erkaufte. Durch seine nat¸rliche Denkungs-Art eben
so sehr als durch seine, in der Tat ziemlich gem‰chliche Philosophie, von
Ambition und Geldgierigkeit gleich entfernt, bediente er sich eines
zul‰nglichen Erbguts, (welches er bei Gelegenheit durch den erlaubten
Vorteil, den er von seinen Talenten zog, zu vermehren wuflte) um, nach
seiner Neigung, mehr einen Zuschauer als einen Akteur auf dem Schauplatz
der Welt vorzustellen. Da er einer der besten Kˆpfe seiner Zeit war, so
gab ihm diese Freiheit, worin er sich sein ganzes Leben durch erhielt,
Gelegenheit sich einen Grad von Einsicht zu erwerben, der ihn zu einem
scharfen und sichern Beurteiler aller Gegenst‰nde des menschlichen Lebens
machte. Meister ¸ber seine Leidenschaften, welche von Natur nicht heftig
waren; frei von allen Arten der Sorgen, und in den Tumult der Gesch‰fte
selbst niemals verwickelt, war es ihm nicht schwer, sich immer in dieser
Heiterkeit des Geistes, und in dieser Ruhe des Gem¸tes zu erhalten, welche
die Grundz¸ge von dem Charakter eines weisen Mannes ausmachen. Er hatte
seine schˆnsten Jahre zu Athen, in dem Umgang mit Socrates und den
grˆflesten M‰nnern dieses ber¸hmten Zeitalters zugebracht; die Euripiden
und Aristophane, die Phidias und die Polygnote, und die Wahrheit zu sagen,
auch die Phrynen, und Laiden, Damen, an denen die Schˆnheit die geringste
ihrer Reizungen war, hatten seinen Witz gebildet, und jenes zarte Gef¸hl
des Schˆnen in ihm entwickelt, welches ihn die Munterkeit der Grazien mit
der Severit‰t der Philosophie auf eben diese unnachahmliche Art verbinden
lehrte, die ihm den Neid aller philosophischen M‰ntel und B‰rte seiner
Zeit auf den Hals zog. Nichts ¸bertraf die Annehmlichkeit seines Umgangs;
niemand wuflte so gut wie er, die Weisheit unter der gef‰lligen Gestalt des
l‰chelnden Scherzes und der guten Laune in solche Gesellschaften
einzuf¸hren, wo sie in ihrer eignen Gestalt nicht willkommen w‰re. Er
besafl das Geheimnis, den Groflen selbst die unangenehmste Wahrheiten mit
H¸lfe eines Einfalls oder einer Wendung ertr‰glich zu machen, und sich an
dem langweiligen Geschlechte der Narren und Gecken, wovon die Hˆfe der
(damaligen) F¸rsten wimmelten, durch einen Spott zu r‰chen, den sie dumm
genug waren, mit dankbarem L‰cheln f¸r Beifall anzunehmen. Die
Lebhaftigkeit seines Geistes und die Kenntnis, die er von allen Arten des
Schˆnen besafl, machte dafl er wenige seines Gleichen hatte, wo es auf die
Erfindung sinnreicher Ergˆtzlichkeiten, auf die Anordnung eines Festes,
die Auszierung eines Hauses, oder auf das Urteil ¸ber die Werke der
Dichter, Tonk¸nstler, Maler und Bildhauer ankam. Er liebte das Vergn¸gen,
weil er das Schˆne liebte; und aus eben diesem Grunde liebte er auch die
Tugend: Aber er muflte das Vergn¸gen in seinem Wege finden, und die Tugend
muflte ihm keine allzubeschwerliche Pflichten auflegen; dem einen oder der
andern seine Gem‰chlichkeit aufzuopfern, so weit ging seine Liebe nicht.
Sein vornehmster Grundsatz, und derjenige, dem er allezeit getreu blieb,
war; dafl es in unsrer Gewalt sei, in allen Umst‰nden gl¸cklich zu sein;
des Phalaris gl¸henden Ochsen ausgenommen; denn wie man in diesem sollte
gl¸cklich sein kˆnnen, davon konnte er sich keinen Begriff machen. Er
setzte voraus, dafl Seele und Leib sich im Stande der Gesundheit befinden
m¸flten, und behauptete, dafl es als dann nur darauf ankomme, dafl wir uns
nach den Umst‰nden richten; anstatt, wie der grofle Haufe der Sterblichen,
zu verlangen, dafl sich die Umst‰nde nach uns richten sollen, oder ihnen,
zu diesem Ende Gewalt antun zu wollen. Von dieser sonderbaren
Geschmeidigkeit kam es her, dafl er das vielbedeutende Lob verdiente,
welches ihm Horaz gibt, dafl ihm alle Farben, alle Umst‰nde des g¸nstigen
oder widrigen Gl¸ckes gleich gut anstunden; oder wie Plato von ihm sagte,
dafl es ihm allein gegeben war, ein Kleid von Purpur, und einen Kittel von
Sackleinwand mit gleich guter Art zu tragen.

Es ist kein schwacher Beweis, wie wenig es dem Dionys an F‰higkeit das
Gute zu sch‰tzen gefehlt habe, dafl er Aristippen um aller dieser
Eigenschaften willen hˆher achtete, als alle andern Gelehrten, seines
Hofes; dafl er ihn am liebsten um sich leiden mochte, und sich ˆfters von
ihm durch einen Scherz zu guten Handlungen bewegen liefl, wozu ihn seine
Pedanten mit aller ihrer Dialektik und schulgerechten Beredsamkeit nicht
zu vermˆgen f‰hig waren.

Diese charakteristische Z¸ge vorausgesetzt, l‰flt sich, deucht uns, keine
wahrscheinlichere Ursache angeben, warum Aristipp, so bald er unsern
Helden zu Syracus erblickte, den Entschlufl faflte, ihn bei dem Dionys in
Gunst zu setzen, als diese; dafl er begierig war zu sehen, was aus einer
solchen Verbindung werden, und wie sich Agathon in einer so schl¸pfrigen
Stellung verhalten w¸rde. Denn auf einige besondere Vorteile f¸r sich
selbst konnte er dabei kein Absehen haben, da es nur auf ihn ankam, ohne
einen Mittelsmann zu bed¸rfen, sich die Gnade eines Prinzen zu Nutzen zu
machen, der in einem Anstofl von prahlerhafter Freigebigkeit f‰hig war, die
Eink¸nfte von einer ganzen Stadt an einen Luftspringer oder Citharspieler
wegzuschenken.

Dem sei indessen wie ihm wolle, so hatte Aristipp nichts angelegners, als
des n‰chsten Morgens den Prinzen, dem er bei seinem Aufstehen aufzuwarten
pflegte, von dem neuangekommenen Agathon zu unterhalten, und eine so
vorteilhafte Abschilderung von ihm zu machen, dafl Dionys begierig wurde,
diesen auflerordentlichen Menschen von Person zu kennen. Aristipp erhielt
also den Auftrag, ihn unverz¸glich nach Hofe zu bringen; und er vollzog
denselben, ohne unsern Helden merken zu lassen, wieviel Anteil er an
dieser Neugier des Prinzen gehabt hatte.

Agathon sah eine so bald erfolgende Einladung als ein gutes Omen an, und
machte keine Schwierigkeit sie anzunehmen. Er erschien also vor dem
Dionys, der ihn mitten unter seinen Hofleuten auf eine sehr leutselige Art
empfing. Er erfuhr bei dieser Gelegenheit abermals dafl die Schˆnheit eine
stumme Empfehlung an alle Menschen, welche Augen haben, ist. Diese
Gestalt des Vatikanischen Apollo, die ihm schon so manchen guten--und
schlimmen--Dienst getan, die ihm die Verfolgungen der Pythia und die
Zuneigung der Athenienser zugezogen, ihn in den Augen der thrazischen
Bacchantinnen zum Gott, und in den Augen der schˆnen Danae zum
liebensw¸rdigsten der Sterblichen gemacht hatte--Diese Gestalt, diese
einnehmende Gesichts-Bildung, diese mit W¸rde und Anstand
zusammenflieflende Grazie, welche allen seinen Bewegungen und Handlungen
eigen war--taten ihre W¸rkung, und zogen ihm beim ersten Anblick die
allgemeine Bewunderung zu. Dionys, welcher als Kˆnig zu wohl mit sich
selbst zufrieden war, um ¸ber einen Privat-Mann wegen irgend einer
Vollkommenheit eifers¸chtig zu sein, ¸berliefl sich dem angenehmen Eindruck,
den dieser schˆne Fremdling auf ihn machte. Die Philosophen hofften, dafl
das Inwendige einer so viel versprechenden Auflenseite nicht gem‰fl sein
werde, und diese Hoffnung setzte sie in den Stand, mit einem Nasenr¸mpfen,
welches den geringen Wert, den sie einem solchen Vorzug beilegten,
andeutete, einander zu zuraunen, dafl er--schˆn sei. Aber die Hˆflinge
hatten M¸he ihren Verdrufl dar¸ber zu verbergen, dafl sie keinen Fehler
finden konnten, der ihnen den Anblick so vieler Vorz¸ge ertr‰glich gemacht
h‰tte. Wenigstens waren dieses die Beobachtungen, welche der kaltsinnige
Aristipp bei dieser Gelegenheit zu machen glaubte.

Agathon verband in seinen Reden und in seinem ganzen Betragen so viel
Bescheidenheit und Klugheit mit dieser edeln Freiheit und
Zuversichtlichkeit eines Weltmannes, worin er sich zu Smyrna vollkommen
gemacht hatte; dafl Dionys in wenigen Stunden ganz von ihm eingenommen war.
Man weifl, wie wenig es oft bedarf, den Groflen der Welt zu gefallen, wenn
uns nur der erste Augenblick g¸nstig ist. Agathon muflte also dem Dionys,
welcher w¸rklich Geschmack hatte, notwendig mehr gefallen, als irgend ein
anderer, den er jemals gesehen hatte; und das, in immerzunehmendem
Verh‰ltnis, so wie sich, von einem Augenblick zum andern, die Vorz¸ge und
Talente unsers Helden entwickelten. In der Tat besafl er deren so viele,
dafl der Neid der Hˆflinge, der in gleicher Proportion von Stunde zu Stunde
stieg, gewisser maflen zu entschuldigen war; die guten Leute w¸rden sich
viel auf sich selbst eingebildet haben, wenn sie nur diejenigen
Eigenschaften, in einem solchen Grad, einzeln besessen h‰tten, welche in
ihm vereinigt, dennoch den geringsten Teil seines Wertes ausmachten. Er
hatte die Klugheit, anf‰nglich seine gr¸ndlichere Eigenschaften zu
verbergen, und sich blofl von derjenigen Seite zu zeigen, wodurch sich die
Hochachtung der Weltleute am sichersten ¸berraschen l‰flt. Er sprach von
allem mit dieser Leichtigkeit des Witzes, welche nur ¸ber die Gegenst‰nde
dahinglitscht, und wodurch sich oft die schalesten Kˆpfe in der Welt (auf
einige Zeit wenigstens) das Ansehen, Verstand und Einsichten zu haben, zu
geben wissen. Er scherzte; er erz‰hlte mit Anmut; er machte andern
Gelegenheit sich hˆren zu lassen; und bewunderte die guten Einf‰lle,
welche dem schwatzhaften Dionys unter einer Menge von mittelm‰fligen und
frostigen zuweilen entfielen, mit einer Art, welche, ohne seiner
Aufrichtigkeit oder seinem Geschmack zuviel Gewalt anzutun, diesen Prinzen
¸berzeugte, dafl Agathon unendlich viel Verstand habe.

Die groflen Herren haben gemeiniglich eine Lieblings-Schwachheit, wodurch
es sehr leicht wird, den Eingang in ihr Herz zu finden. Der grofle Tanzai
von Scheschian, ein Kenner ¸brigens von Verdiensten, kannte doch kein
grˆfleres als die Leier gut zu spielen. Dionys hegte ein so g¸nstiges
Vorurteil f¸r die Cithar, dafl der beste Cithar-Spieler in seinen Augen der
grˆfleste Mann auf dem Erdboden war. Er spielte sie zwar selbst nicht;
aber er gab sich f¸r einen Kenner, und r¸hmte sich die grˆflesten Virtuosen
auf diesem wundert‰tigen Instrument an seinem Hofe zu haben. Zu gutem
Gl¸cke hatte Agathon zu Delphi die Cithar schlagen gelernt, und bei der
schˆnen Danae, welche eine Meisterin auf allen Saiten-Instrumenten der
damaligen Zeit war, einige Lektionen genommen, die ihn vollkommen gemacht
hatten. Kurz, Agathon nahm das dritte oder vierte mal, da er mit dem
Dionys zu Nacht afl, eine Cithar, begleitete darauf einen Dithyramben des
Damon, (der von einer feinen Stimme gesungen, und von der schˆnen
Bacchidion getanzt wurde) und setzte seine Hoheit dadurch in eine so
¸berm‰flige Entz¸ckung, dafl der ganze Hof von diesem Augenblick an f¸r
ausgemacht hielt, ihn in kurzem zur W¸rde eines erkl‰rten G¸nstlings
erhoben zu sehen. Dionys ¸berh‰ufte ihn in der ersten Aufwallung seiner
Bewunderung mit Liebkosungen, welche unserm Helden beinahe allen Mut
benahmen. "Himmel!" dachte er, "was werde ich mit einem Kˆnig anfangen,
der bereit ist, den ersten Neuangekommenen an die Spitze seines Staats zu
setzen, weil er ein guter Citharschl‰ger ist?" Dieser erste Gedanke war
sehr gr¸ndlich, und w¸rde ihm vieles Ungemach erspart haben, wenn er
seiner Eingebung gefolget h‰tte. Aber eine andere Stimme (war es seine
Eitelkeit, oder der Gedanke ein grofles Vorhaben nicht um einer so
geringf¸gigen Ursache willen aufzugeben?--oder war es die Schwachheit, die
uns geneigt macht, alle Torheiten der Groflen, welche Achtung f¸r uns
zeigen, mit nachsichtvollen Augen einzusehen?) fl¸sterte ihm ein: Dafl der
Geschmack f¸r die Musik, und die besondere Anmutung f¸r ein gewisses
Instrument, eine Sache sei, welche von unsrer Organisation abhange; und
dafl es ihm nur desto leichter sein werde, sich des Herzens dieses Prinzen
zu versichern, je mehr er von den Geschicklichkeiten besitze, wodurch man
seinen Beifall erhalten kˆnne.

Die Gunst, in welche er sich in so kurzer Zeit und durch so zweideutige
Verdienste bei dem Tyrannen gesetzt, stieg bald darauf, bei Gelegenheit
einer akademischen Versammlung, welche Dionys mit groflen Feierlichkeiten
veranstaltete, zu einem solchen Grade, dafl Philistus, der bisher noch
zwischen Furcht und Hoffnung geschwebet hatte, seinen Fall nunmehr f¸r
gewifl hielt.

Dionys hatte vom Aristipp in der Stille vernommen, dafl Agathon ehmals ein
Sch¸ler Platons gewesen, und w‰hrend seines Gl¸cksstandes zu Athen f¸r
einen der grˆflesten Redner in dieser schwatzhaften Republik gehalten
worden sei. Erfreut, eine Vollkommenheit mehr an seinem neuen Liebling zu
entdecken, s‰umte er sich keinen Augenblick, eine Gelegenheit zu
veranstalten, wo er aus eigner Einsicht von der Wahrheit dieses Vorgebens
urteilen kˆnnte; denn es kam ihm ganz ¸bernat¸rlich vor, dafl man zu
gleicher Zeit ein Philosoph, und so schˆn, und ein so grofler
Citharschl‰ger sollte sein kˆnnen. Die Akademie erhielt also Befehl sich
zu versammeln, und ganz Syracus wurde dazu, als zu einem Fest eingeladen,
welches sich mit einem groflen Schmaus enden sollte. Agathon dachte an
nichts weniger, als dafl er bei diesem Wettstreit eines Haufens von
Sophisten (die er nicht ohne Grund f¸r sehr ¸berfl¸ssige Leute an dem Hofe
eines guten F¸rsten ansah) eine Rolle zu spielen bekommen w¸rde; und
Aristipp hatte, aus dem obenber¸hrten Beweggrunde, der der Schl¸ssel zu
seinem ganzen Betragen gegen unsern Helden ist, ihm von Dionysens Absicht
nichts entdeckt. Dieser erˆffnete als Pr‰sident der Akademie (denn seine
Eitelkeit begn¸gte sich nicht an der Ehre, ihr Besch¸tzer zu sein) die
Versammlung durch einen ¸bel zusammengestoppten, und nicht
allzuverst‰ndlichen, aber mit Platonismen reich verbr‰mten Diskurs,
welcher, wie leicht zu erachten, mit allgemeinem Zujauchzen begleitet
wurde; ungeachtet er dem Agathon mehr das ungezweifelte Vertrauen des
kˆniglichen Redners in den Beifall, der ihm von Standes wegen zukam, als
die Grˆfle seiner Gaben und Einsichten zu beweisen schien. Nach Endigung
dieser Rede, nahm die philosophische Hetze ihren Anfang; und wofern die
Zuhˆrer durch die subtilen Geister, die sich nunmehr hˆren lieflen, nicht
sehr unterrichtet wurden, so fanden sie sich doch durch die Wohlredenheit
des einen, die klingende Stimme und den guten Akzent eines andern, die
paradoxen Einf‰lle eines dritten, und die seltsamen Gesichter, die ein
vierter zu seinen Distinktionen und Demonstrationen machte, ertr‰glich
belustiget. Nachdem dieses Spiel einige Zeit gedauert hatte, und ein
unhˆfliches G‰hnen bereits zwei Dritteile der Zuhˆrer zu ergreifen begann,
sagte Dionys: Da er das Gl¸ck habe, seit einigen Tagen einen der
w¸rdigsten Sch¸ler des groflen Platons in seinem Hause zu besitzen; so
ersuchte er ihn, zufrieden zu sein, dafl der Ruhm, der ihm allenthalben
vorangegangen sei, den Schleier, womit seine Bescheidenheit seine
Verdienste zu verh¸llen suche, hinweggezogen, und ihm in dem schˆnen
Agathon einen der beredtesten Weisen der Zeit entdeckt habe: Er mˆchte
sich also nicht weigern, auch in Syracus sich von einer so vorteilhaften
Seite zu zeigen, und sich mit den Philosophen seiner Akademie in einen
Wettstreit ¸ber irgend eine interessante Frage aus der Philosophie
einzulassen. Zu gutem Gl¸cke sprach Dionys, der sich selbst gerne hˆrte,
und die Gabe der Weitl‰ufigkeit in hohem Mafle besafl, lange genug, um
unserm Manne Zeit zu geben, sich von der kleinen Best¸rzung zu erholen,
worein ihn diese unerwartete Zumutung setzte. Er antwortete also ohne
Zaudern: Er sei zu fr¸h aus den Hˆrs‰len der Weisen auf den Markt-Platz zu
Athen gerufen, und in die Angelegenheiten eines Volkes, welches bekannter
maflen seinen Hofmeistern nicht wenig zu schaffen mache, verwickelt worden,
als dafl er Zeit genug gehabt haben sollte, sich seine Lehrmeister zu
Nutzen zu machen; indessen sei er, wenn es Dionys verlange, aus Achtung
gegen ihn bereit, eine Probe abzulegen, wie wenig er das Lob verdiene,
welches ihm aus einem allzug¸nstigen Vorurteil beigelegt worden sei.

Dionys rief also den Philistus auf, (man weifl nicht, ob von ungef‰hr oder
vermˆg einer vorhergenommenen Abrede, wiewohl das letztere nicht
wahrscheinlich zu sein scheint,) eine Frage vorzuschlagen, f¸r und wider
welche von beiden Seiten gesprochen werden sollte. Dieser Minister
bedachte sich eine kleine Weile, und in Hoffnung den Agathon, der ihm
furchtbar zu werden anfing, in Verlegenheit zu setzen, schlug er die Frage
vor--welche Regierungs-Form einen Staat gl¸cklicher mache, die
Republikanische oder die Monarchische?--Man wird, dachte er, dem Agathon
die Wahl lassen, f¸r welche er sich erkl‰ren will; spricht er f¸r die
Republik, und spricht er gut, wie er um seines Ruhms willen genˆtiget ist,
so wird er dem Prinzen miflfallen; wirft er sich zum Lobredner der
Monarchie auf, so wird er sich dem Volke verhaflt machen, und Dionys wird
den Mut nicht haben, die Staats-Verwaltung einem Ausl‰nder anzuvertrauen,
der bei seinem ersten Auftritt auf dem Schauplatz, einen so schlimmen
Eindruck auf die Gem¸ter der Syracusaner gemacht hat. Allein dieses mal
betrog den schlauen Mann seine Erwartung. Agathon erkl‰rte sich,
ungeachtet er die Absicht des Philistus merkte, mit einer
Unerschrockenheit, welche diesem keinen Triumph prophezeite, f¸r die
Monarchie; und nachdem seine Gegner, (unter denen Antisthenes und der
Sophist Protagoras alle ihre Kr‰fte anstrengeten, die Vorz¸ge der
Freistaaten zu erheben) zu reden aufgehˆrt hatten, fing er damit an, dafl
er ihren Gr¸nden noch mehr St‰rke gab, als sie selbst zu tun f‰hig gewesen
waren. Die Aufmerksamkeit war auflerordentlich; jedermann war mehr
begierig, zu hˆren, wie Agathon sich selbst, als wie er seine Gegner w¸rde
¸berwinden kˆnnen. Seine Beredsamkeit zeigte sich in einem Lichte,
welches die Seelen der Zuhˆrer blendete, die Wichtigkeit des Augenblicks,
der den Ausgang seines ganzen Vorhabens entschied, die W¸rde des
Gegenstandes, die Begierde zu siegen, und vermutlich auch die herzliche
Abneigung gegen die Demokratie, welche ihm aus Athen in seine Verbannung
gefolget war; alles setzte ihn in eine Begeisterung, welche die Kr‰fte
seiner Seele hˆher spannte; seine Ideen waren so grofl, seine Gem‰lde so
stark gezeichnet, mit so vielem Feuer gemalt, seine Gr¸nde jeder f¸r sich
selbst so schimmernd, und liehen einander durch ihre Zusammenordnung so
viel Licht; der Strom seiner Rede, der anf‰nglich in ruhiger Majest‰t
dahinflofl, wurde nach und nach so stark und hinreiflend; dafl selbst
diejenigen, bei denen es zum voraus beschlossen war, dafl er Unrecht haben
sollte, sich wie durch eine magische Gewalt genˆtiget sahen, ihm innerlich
Beifall zu geben. Man glaubte den Mercur oder Apollo reden zu hˆren, die
Kenner (denn es waren einige zugegen, welche davor gelten konnten)
bewunderten am meisten, dafl er die Kunstgriffe verschm‰hte, wodurch die
Sophisten gewohnt waren, einer schlimmen Sache die Gestalt einer guten zu
geben--Keine Farben, welche durch ihren Glanz das Betr¸gliche falscher
oder umsonst angenommener S‰tze verbergen muflten; keine k¸nstliche
Austeilung des Lichts und des Schattens. Sein Ausdruck glich dem
Sonnenschein, dessen lebender und fast geistiger Glanz sich den
Gegenst‰nden mitteilt, ohne ihnen etwas von ihrer eigenen Gestalt und
Farbe zu benehmen.

Indessen m¸ssen wir gestehen, dafl er ein wenig grausam mit den Republiken
umging. Er bewies, oder schien doch allen die ihn hˆrten zu beweisen, dafl
diese Art von Gesellschaft ihren Ursprung in dem wilden Chaos der Anarchie
genommen, und dafl die Weisheit ihrer Gesetzgeber sich mit schwachem Erfolg
bem¸het h‰tte, Ordnung und Konsistenz in eine Verfassung zu bringen,
welche ihrer Natur nach, in steter Unruh und innerlicher G‰rung alle
Augenblicke Gefahr laufe, sich durch ihre eigene Kr‰fte aufzureiben, und
welche des Ruhestandes so wenig f‰hig sei, dafl eine solche Ruhe in
derselben vielmehr die Folge der ‰uflersten Verderbnis, und gleich einer

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