Full Text Archive logoFull Text Archive — Free Classic E-books

Geschichte des Agathon, Teil 2 by Christoph Martin Wieland

Part 3 out of 4

Adobe PDF icon
Download this document as a .pdf
File size: 0.5 MB
What's this? light bulb idea Many people prefer to read off-line or to print out text and read from the real printed page. Others want to carry documents around with them on their mobile phones and read while they are on the move. We have created .pdf files of all out documents to accommodate all these groups of people. We recommend that you download .pdfs onto your mobile phone when it is connected to a WiFi connection for reading off-line.

Windstille auf dem Meer, der gewisse Vorbote des Sturms und Untergangs
sein wuerde. Er zeigte, dass die Tugend, dieses geheiligte Palladium der
Freistaaten, an dessen Erhaltung ihre Gesetzgeber das ganze Glueck
derselben gebunden haetten, eine Art von unsichtbaren und durch verjaehrten
Aberglauben geheiligten Goetzen sei, an denen nichts als der Name verehrt
werde; dass man in diesen Staaten einen stillschweigenden Vertrag mit
einander gemacht zu haben scheinen sich durch den Namen und ein gewisses
Phantom von Gerechtigkeit, Maessigung, Uneigennuetzigkeit, Liebe des
Vaterlandes und des gemeinen Besten von einander betruegen zu lassen; und
dass unter der Maske dieser politischen Heuchelei, unter dem ehrwuerdigen
Namen aller dieser Tugenden, das Gegenteil derselben nirgends
unverschaemter ausgeuebt werde. Es wuerden, meinte er, eine Menge besonderer
Umstaende, welche sich in etlichen tausend Jahren kaum einmal in irgend
einem Winkel des Erdbodens zusammenfinden koennten, dazu erfordert, um eine
Republik in dieser Mittelmaessigkeit zu erhalten, ohne welche sie von keinem
Bestand sein koenne: Und daher dass dieser Fall so selten sei, und von so
vielen zufaelligen Ursachen abhange, komme es, dass die meisten Republiken
entweder zu schwach waeren, ihren Buergern die mindeste Sicherheit zu
gewaehren; oder dass sie nach einer Groesse strebten, welche nach einer Folge
von Misshelligkeiten, Kabalen, Verschwoerungen und Buergerkriegen endlich den
Untergang des Staats nach sich ziehe, und demjenigen, welcher Meister vom
Kampf-Platze bliebe, nichts als Einoeden zu bevoelkern und Ruinen wieder
aufzubauen ueberlasse. So gar die Freiheit, auf welche diese Staaten mit
Ausschluss aller andern Anspruch machten, finde kaum in den despotischen
Reichen Asiens weniger Platz; weil entweder das Volk sich demuetiglich
gefallen lassen muesse, was die Edeln und Reichen, ihrem besondern
Interesse gemaess, schloessen und handelten; oder wenn das Volk selbst den
Gesetzgeber und Richter mache, kein ehrlicher Mann sicher sei, dass er
nicht morgen das Opfer derjenigen sein werde, denen seine Verdienste im
Wege stehen, oder die durch sein Ansehen und Vermoegen reicher und groesser
zu werden hoffeten. In keinem andern Staat sei es weniger erlaubt von
seinen Faehigkeiten Gebrauch zu machen, selbst zu denken, und ueber wichtige
Gegenstaende dasjenige was man fuer gemeinnuetzlich halte, ohne Gefahr,
bekannt werden zu lassen; alle Vorschlaege zu Verbesserungen wuerden unter
dem verhassten Namen der Neuerungen verworfen, und zoegen ihren Urhebern
geheime oder oeffentliche Verfolgungen zu. Selbst die Grundpfeiler der
menschlichen Glueckseligkeit, und dasjenige, was den gesitteten Menschen
eigentlich von dem Wilden und Barbaren unterscheide, Wahrheit, Tugend,
Wissenschaften, und die liebenswuerdigen Kuenste der Musen, seien in diesen
Staaten verdaechtig oder gar verhasst; wuerden durch tausend im Finstern
schleichende Mittel entkraeftet, an ihrem Fortgang verhindert, oder doch
gewiss weder aufgemuntert noch belohnt; und allein zu Unterstuetzung der
herrschenden Vorurteile und Missbraeuche verurteilt--Doch genug!--wir haben
zu viel Ursache guenstiger von freien Staaten zu denken--wenn es auch nur
darum waere, weil wir die Ehre haben unter einer Nation zu leben, deren
Verfassung selbst republikanisch ist, und in der Tat die wunderbarste Art
von Republik vorstellt, welche jemals auf dem Erdboden gesehen worden
ist--als dass wir diesen Auszug einer fuer den Ruhm der Freistaaten so
nachteiligen Rede ohne Widerwillen sollten fortsetzen koennen. Es geschah
aus diesem naemlichen Grunde, dass wir, anstatt den Diskurs des Agathon
seinem ganzen Umfange nach aus unsrer Urkunde abzuschreiben, uns begnuegt
haben, einige Zuege davon, als eine wiewohl sehr unvollkommene Probe des
Ganzen anzufuehren. Ferne soll es allezeit von uns sein, irgend einem
Erdenbewohner die Stellung worin er sich befindet, unangenehmer zu machen,
als sie ihm bereits sein mag; oder Anlass zu geben, dass die Gebrechen
einiger laengst zerstoerten Griechischen Republiken, aus denen Agathon seine
Gemaelde hernahm, zur Verunglimpfung derjenigen missbraucht werden koennten,
welche in neuern Zeiten als ehrwuerdige Freistaedte und Zufluchts-Plaetze der
Tugend, der gesunden Denkungs-Art, der oeffentlichen Glueckseligkeit und
einer politischen Gleichheit, welche sich der natuerlichen moeglichst naehert,
angesehen werden koennen. Unsrer uebrigens ganz unmassgeblichen Meinung
nach, gehoert die Frage, ueber welche hier disputiert wurde, unter die
wichtigen Fragen--ob Scaramuz, ob Scapin besser tanze--und so viele andre
von diesem Schlage, (wenn sie gleich ein ernsthafteres Ansehen haben)
worueber bis auf unsre Tage so viel Zeit und Muehe--von Gaensespulen, Papier
und Dinte nichts zu sagen--verloren worden, ohne dass sich absehen liesse,
wie, worin oder um wieviel die Welt jemals durch ihre Aufloesung sollte
gebessert werden koennen. Wir koennten diese unsre Meinung rechtfertigen;
aber es ist unnoetig; ein jeder hat die Freiheit anders zu meinen wenn er
will, ohne dass wir ihn zur Rechenschaft ziehen werden; hanc veniam petimus,
damusque vicissim; denn in der Tat, ein Buch wuerde niemalen zu Ende
kommen, wenn der Autor schuldig waere, alles zu beweisen, und sich ueber
alles zu rechtfertigen. Wir uebergehen also auch, aus einem andern Grunde,
den wir den Liebhabern der Raetsel und Logogryphen zu erraten geben, die
Lobrede, welche Agathon der monarchischen Staats-Verfassung hielt. Die
Beherrscher der Welt scheinen (mit Recht, wuerde Philistus sagen, denn ich
machte es an ihrem Platz auch so) ordentlicher Weise sehr gleichgueltig
ueber die Meinung zu sein, welche man von ihrer Regierungs-Art hat--Es gibt
Faelle, wir gestehen es, wo dieses eine Ausnahme leidet--aber diese Faelle
begegnen selten, wenn man die Vorsichtigkeit gebraucht, hundert und
fuenfzigtausend wohlbewaffnete Leute bereit zu halten, mit deren Beistand
man sehr wahrscheinlich hoffen kann, sich ueber die Meinung aller
friedsamen Leute in der ganzen Welt hinwegsetzen zu koennen. Sind nicht
eben diese hundert und fuenfzigtausend--oder wenn ihrer auch mehr sind;
desto besser!--ein lebendiger, augenscheinlicher, ja der beste Beweis, der
alle andre unnoetig macht, dass eine Nation gluecklich gemacht wird?--Genug
also (und dieser Umstand allein gehoert wesentlich zu unsrer Geschichte)
dass diese Rede, worin Agathon alle Gebrechen verdorbener Freistaaten und
alle Vorzuege wohlregierter Monarchien, in zwei kontrastierende Gemaelde
zusammendraengte, das Glueck hatte, alle Stimmen davon zu tragen, alle
Zuhoerer zu ueberreden, und dem Redner eine Bewunderung zu zuziehen, welche
den Stolz des eitelsten Sophisten haette saettigen koennen. Jedermann war
von einem Manne bezaubert, welcher so seltne Gaben mit einer so grossen
Denkungs-Art und mit so menschenfreundlichen Gesinnungen vereinigte. Denn
Agathon hatte nicht die Tyrannie, sondern die Regierung eines Vaters
angepriesen, der seine Kinder wohl erzieht und gluecklich zu machen sucht.
Man sagte sich selbst, was fuer goldene Tage Sicilien sehen wuerde, wenn ein
solcher Mann das Ruder fuehrte. Er hatte nicht vergessen, im Eingang
seines Diskurses dem Verdacht vorzukommen, als ob er die Republiken aus
Rachsucht schelte, und die Monarchie aus Schmeichelei und geheimen
Absichten erhebe: Er hatte bei dieser Gelegenheit zu erkennen gegeben, dass
er entschlossen sei, nach Tarent ueberzugehen, um in der ruhigen Dunkelheit
des Privatstandes, welchen er seiner Neigung nach allen andern vorziehe,
dem Nachforschen der Wahrheit und der Verbesserung seines Gemuets
obzuliegen--(Redensarten, die in unsern Tagen seltsam und laecherlich
klingen wuerden, aber damals ihre Bedeutung und Wuerde noch nicht gaenzlich
verloren hatten.) Jedermann tadelte oder bedaurte diese Entschliessung, und
wuenschte, dass Dionys alles anwenden moechte, ihn davon zurueckzubringen.
Niemalen hatte sich die Neigung des Prinzen mit den Wuenschen seines Volkes
so gleichstimmig befunden wie dieses mal. Die starke Zuneigung, die er
fuer die Person unsers Helden, und die hohe Meinung, die er von seinen
Faehigkeiten gefasset hatte, war durch diesen Diskurs auf den hoechsten Grad
gestiegen. So wenig bestaendiges auch in Dionysens Charakter war, so hatte
er doch seine Augenblicke, wo er wuenschte, dass es weniger Verleugnung
kosten moechte, ein guter Fuerst zu sein. Die Beredsamkeit Agathons hatte
ihn wie die uebrige Zuhoerer mit sich fortgerissen; er fuehlte die Schoenheit
seiner Gemaelde, und vergass darueber, dass eben diese Gemaelde eine Art von
Satyre ueber ihn selbst enthielten. Er setzte sich vor, dasjenige zu
erfuellen, was Agathon auf eine stillschweigende Art von seiner Regierung
versprochen hatte; und um sich die Pflichten, die ihm dieser Vorsatz
auferlegte, zu erleichtern, wollte er sie durch eben denjenigen ausueben
lassen, der so gut davon reden konnte. Wo konnte er ein tauglicheres
Instrument finden, den Syracusanern seine Regierung beliebt zu machen? Wo
konnte er einen andern Mann finden, der so viele angenehme Eigenschaften
mit so vielen nuetzlichen vereinigte?--Dionys hatte sich, wie wir schon
bemerkt haben, angewoehnt, zwischen seine Entschliessungen und ihre
Ausfuehrung so wenig Zeit zu setzen als moeglich war. Alles was er einmal
wollte, das wollte er hastig und ungeduldig; denn, in so fern er sich
selbst ueberlassen blieb, sah er eine Sache nur von einer Seite an; und
dieses mal entdeckte er sich niemand als dem Aristipp, der nichts vergass,
was ihn in seinem Vorhaben bestaerken konnte. Dieser Philosoph erhielt
also den Auftrag, dem Agathon Vorschlaege zu tun. Agathon entschuldigte
sich mit seiner Abneigung vor dem geschaeftigen Leben, und bestimmte den
Tag seiner Abreise. Dionys wurde dringender. Agathon bestand auf seiner
Weigerung, aber mit einer so bescheidenen Art, dass man hoffen konnte, er
werde sich bewegen lassen. In der Tat war seine Absicht nur, die
Zuneigung eines so wenig zuverlaessigen Prinzen zuvor auf die Probe zu
stellen, eh er sich in Verbindungen einlassen wollte, welche fuer das Glueck
anderer und fuer seine eigene Ruhe so gute oder so schlimme Folgen haben
konnten.

Endlich, da er Ursache hatte zu glauben, dass die Hochachtung die er ihm
eingefloesst hatte, etwas mehr als ein launischer Geschmack sei, gab er
seinem Anhalten nach; aber nicht anders als unter gewissen Bedingungen,
welche ihm Dionys zugestehen musste. Er erklaerte sich, dass er allein in
der Qualitaet seines Freundes an seinem Hofe bleiben wollte, so lange als
ihn Dionys dafuer erkennen, und seiner Dienste noetig zu haben glauben wuerde;
er wollte sich aber auch nicht fesseln lassen, und die Freiheit behalten
sich zurueckzuziehen, so bald er saehe, dass sein Dasein zu nichts nuetze sei.
Die einzige Belohnung, welche er sich befuegt halte fuer seine Dienste zu
verlangen, sei diese, dass Dionys seinen Raeten folgen moechte, so lange er
werde zeigen koennen, dass dadurch jedesmal das Beste der Nation, und die
Sicherheit, der Ruhm und die Privat-Glueckseligkeit des Prinzen zugleich
befoerdert werde. Endlich bat er sich noch aus, dass Dionys niemals einige
heimliche Eingebungen oder Anklagen gegen ihn annehmen moechte, ohne ihm
solche offenherzig zu entdecken, und seine Verantwortung anzuhoeren.

Dionys bedachte sich um so weniger, alle diese Bedingungen zu
unterschreiben, da er entschlossen war ihn zu haben, wenn es auch die
Haelfte seines Reichs kosten sollte. Agathon bezog also die Wohnung,
welche man im Palast aufs praechtigste fuer ihn ausgeruestet hatte; Dionys
erklaerte oeffentlich, dass man sich in allen Sachen an seinen Freund Agathon,
wie an ihn selbst, wenden koenne; die Hoeflinge stritten in die Wette, wer
dem neuen Guenstling seine Unterwuerfigkeit auf die sklavenmaessigste Art
beweisen koenne; und Syracus sah mit froher Erwartung der Wiederkunft der
Saturnischen Zeiten entgegen.

Wir machen hier eine kleine Pause, um dem Leser Zeit zu lassen, dasjenige
zu ueberlegen, was er sich selbst in diesem Augenblick fuer oder wider
unsern Helden zu sagen haben mag. Vermutlich mag einigen der Eifer
missfaellig gewesen sein, womit er, aus Hass gegen sein undankbares Vaterland,
wider die Republiken ueberhaupt gesprochen; indessen dass vielleicht andere
sein ganzes Betragen, seit dem wir ihn an dem Hofe des Koenigs Dionys sehen,
einer gekuenstelten Klugheit, welche nicht in seinem Charakter sei, und
ihm eine schielende Farbe gebe, beschuldigen werden. Wir haben uns schon
mehrmalen erklaert, dass wir in diesem Werke die Pflichten eines
Geschichtschreibers und nicht eines Apologisten uebernommen haben; indessen
bleibt uns doch erlaubt, von den Handlungen eines Mannes, dessen Leben wir
zwar nicht fuer ein Muster, aber doch fuer ein lehrreiches Beispiel geben,
eben so frei nach unserm Gesichtspunkt zu urteilen, als es unsre Leser aus
dem ihrigen tun moegen. Was also den ersten Punkt betrifft, so haben wir
bereits erinnert, dass es unbillig sein wuerde, dasjenige was Agathon wider
die Republiken seiner Zeit gesprochen, fuer eine, von ihm gewiss nicht
abgezielte, Beleidigung solcher Freistaaten anzusehen, welche (wie er als
moeglich erkannt hat) unter dem Einfluss guenstiger Umstaende, durch ihre Lage
selbst vor auswaertigem Neid, und vor ausschweifenden
Vergroesserungs-Gedanken gesichert, durch weise Gesetze, und was noch mehr
ist, durch die Macht der Gewohnheit, in einer glueckseligen Mittelmaessigkeit
fortdauern, und die Gebrechen kaum dem Namen nach kennen, welche Agathon
an den Republiken seiner Zeit fuer unheilbar angesehen. Ob er aber diesen
letztern zuviel getan habe, moegen diejenigen entscheiden, welche mit den
besondern Umstaenden ihrer Geschichte bekannt sind. Hat die Empfindung des
Unrechts, welches ihm selbst zu Athen zugefuegt worden, etwas Galle in
seine Kritik gemischt; so ersuchen wir unsre Leser (nicht dem Agathon zu
lieb; denn was kann diesem durch ihre Meinung von ihm zu--oder abgehen?)
sich an seinen Platz zu stellen, und sich alsdann zu fragen, wie wert
ihnen ein Vaterland sein wuerde, welches ihnen so mitgespielt haette? Sie
moegen sich erinnern, dass es insgemein nur auf eine kleine Beleidigung
ihrer Eigenliebe ankommt, um ihre Hochachtung gegen eine Person in
Verachtung, ihre Liebe in Abscheu, ihre Lobsprueche in Schmaehreden, ihre
guten Dienste in Verfolgungen zu verwandeln. "Wie oft, meine Herren, hat
sich schon um einer nichts bedeutenden Ursache willen, ihre ganze
Denkungs-Art von Personen und Sachen geaendert?--Antworten Sie Sich selbst
so leise als Sie wollen; denn wir verlangen nichts davon zu hoeren; und
wenn Sie, nach diesem kleinen Blick in sich selbst, unserm Helden nicht
vergeben koennen, dass er ein Vaterland nicht liebte, welches alles moegliche
getan hatte, sich ihm verhasst zu machen: So muessen wir zwar die Strenge
ihrer Sittenlehre bewundern; aber--doch gestehen, dass wir Sie noch mehr
bewundern wuerden, wenn Sie so lange, bis Sie gelernt haetten etwas weniger
Parteilichkeit fuer sich selbst zu hegen, etwas mehr Nachsicht gegen andre
sich empfohlen sein lassen wollten."

ueberhaupt hat man Ursache zu glauben, dass Agathon gesprochen habe wie er
dachte, und das ist zu Rechtfertigung seiner Redlichkeit genug. Und warum
sollten wir an dieser zu zweifeln anfangen? Sein ganzes Betragen, waehrend
dass er das Herz des Tyrannen in seinen Haenden hatte, bewies, dass er keine
Absichten hegete, welche ihn genoetiget haetten, ihm gegen seine ueberzeugung
zu schmeicheln. Es ist wahr, er hatte Absichten, bei allem was er von dem
Augenblick, da er den Fuss in Dionysens Palast setzte, tat; sollte er
vielleicht keine gehabt haben? Was koennen wir, nach der aeussersten Schaerfe,
mehr fodern, als dass seine Absichten edel und tugendhaft sein sollen; und
so waren sie, wie wir bereits gesehen haben. Es scheint also nicht, dass
man Grund habe, ihm aus der Vorsichtigkeit einen Vorwurf zu machen, womit
er, in der neuen und schluepfrigen Situation, worin er war, alle seine
Handlungen einrichten musste, wenn sie Mittel zu seinen Absichten werden
sollten. Wir geben zu, dass eine Art von Zurueckhaltung und Feinheit daraus
hervorblickt, welche nicht ganz in seinem vorigen Charakter zu sein
scheint. Aber das verdient an sich selbst keinen Tadel. Es ist noch
nicht ausgemacht, ob diese Unveraenderlichkeit der Denkungs-Art und
Verhaltungs-Regeln, worauf manche ehrliche Leute sich so viel zu gute tun,
eine so grosse Tugend ist, als sie sich vielleicht einbilden. Die
Eigenliebe schmeichelt uns zwar sehr gerne, dass wir so wie wir sind, am
besten sind; aber sie hat Unrecht uns so zu schmeicheln. Es ist unmoeglich,
dass indem alles um uns her sich veraendert, wir allein unveraenderlich sein
sollten; und wenn es auch nicht unmoeglich waere, so waer' es unschicklich.
Andre Zeiten erfordern andre Sitten; andre Umstaende, andre Bestimmungen
und Wendungen unsers Verhaltens. In moralischen Romanen finden wir
freilich Helden, welche sich immer in allem gleich bleiben--und darum zu
loben sind--denn wie sollte es anders sein, da sie in ihrem zwanzigsten
Jahre Weisheit und Tugend bereits in eben dem Grade der Vollkommenheit
besitzen, den die Socraten und Epaminondas nach vielfachen Verbesserungen
ihrer selbst kaum im sechzigsten erreicht haben? Aber im Leben finden wir
es anders. Desto schlimmer fuer die, welche sich da immer selbst gleich
bleiben--Wir reden nicht von Toren und Lasterhaften--die Besten haben an
ihren Ideen, Urteilen, Empfindungen, selbst an dem worin sie vortrefflich
sind, an ihrem Herzen, an ihrer Tugend, unendlich viel zu veraendern. Und
die Erfahrung lehrt, dass wir selten zu einer neuen Entwicklung unsrer
Selbst, oder zu einer merklichen Verbesserung unsers vorigen innerlichen
Zustandes gelangen, ohne durch eine Art von Medium zu gehen, welches eine
falsche Farbe auf uns reflektiert, und unsre wahre Gestalt eine Zeitlang
verdunkelt. Wir haben unsern Helden bereits in verschiedenen Situationen
gesehen; und in jeder, durch den Einfluss der Umstaende, ein wenig anders
als er wuerklich ist. Er schien zu Delphi ein blosser spekulativer
Enthusiast; und man hat in der Folge gesehen, dass er sehr gut zu handeln
wusste. Wir glaubten, nachdem er die schoene Cyane gedemuetiget hatte, dass
ihm die Verfuehrungen der Wollust nichts anhaben koennten, und Danae bewies,
dass wir uns betrogen hatten; es wird nicht mehr lange anstehen, so wird
eine neue vermeinte Danae, welche seine schwache Seite ausfindig gemacht
zu haben glauben mag, sich eben so betrogen finden. Er schien nach und
nach ein andaechtiger Schwaermer, ein Platonist, ein Republikaner, ein Held,
ein Stoiker, ein Wolluestling; und war keines von allen, ob er gleich in
verschiedenen Zeiten durch alle diese Klassen ging, und in jeder eine
Nueance von derselben bekam. So wird es vielleicht noch eine Zeitlang
gehen--Aber von seinem Charakter, von dem was er wuerklich war, worin er
sich unter allen diesen Gestalten gleich blieb, und was zuletzt, nachdem
alles Fremde und Heterogene durch die ganze Folge seiner Umstaende davon
abgeschieden sein wird, uebrig bleiben mag--davon kann dermalen die Rede
noch nicht sein. Ohne also eben so voreilig ueber ihn zu urteilen, wie man
gewohnt ist, es im taeglichen Leben alle Augenblicke zu tun--wollen wir
fortfahren, ihn zu beobachten, die wahren Triebraeder seiner Handlungen so
genau als uns moeglich sein wird auszuspaehen, keine geheime Bewegung seines
Herzens, welche uns einigen Aufschluss hierueber geben kann, entwischen
lassen, und unser Urteil ueber das Ganze seines moralischen Wesens so lange
zurueckhalten, bis--wir es kennen werden.

ZEHENTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Von Haupt--und Staats-Aktionen. Betragen Agathons am Hofe des Koenigs
Dionys

Man tadelt an Shakespear--demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der
die Menschen, vom Koenige bis zum Bettler, und von Julius Caesar bis zu Jack
Fallstaff am besten gekannt, und mit einer Art von unbegreiflicher
Intuition durch und durch gesehen hat--dass seine Stuecke keinen, oder doch
nur einen sehr fehlerhaften unregelmaessigen und schlecht ausgesonnenen Plan
haben; dass komisches und tragisches darin auf die seltsamste Art durch
einander geworfen ist, und oft eben dieselbe Person, die uns durch die
ruehrende Sprache der Natur, Traenen in die Augen gelockt hat, in wenigen
Augenblicken darauf uns durch irgend einen seltsamen Einfall oder
barokischen Ausdruck ihrer Empfindungen wo nicht zu lachen macht, doch
dergestalt abkuehlt, dass es ihm hernach sehr schwer wird, uns wieder in die
Fassung zu setzen, worin er uns haben moechte.--Man tadelt das--und denkt
nicht daran, dass seine Stuecke eben darin natuerliche Abbildungen des
menschlichen Lebens sind.

Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen duerften) der
Lebenslauf der grossen Staats-Koerper selbst, in so fern wir sie als eben so
viel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt--und Staats-Aktionen
im alten gothischen Geschmack in so vielen Punkten, dass man beinahe auf
die Gedanken kommen moechte, die Erfinder dieser letztern seien klueger
gewesen als man gemeiniglich denkt, und haetten, wofern sie nicht gar die
heimliche Absicht gehabt, das menschliche Leben laecherlich zu machen,
wenigstens die Natur eben so getreu nachahmen wollen, als die Griechen
sich angelegen sein liessen sie zu verschoenern. Um itzo nichts von der
zufaelligen aehnlichkeit zu sagen, dass in diesen Stuecken, so wie im Leben,
die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch die schlechtesten Acteurs
gespielt werden--was kann aehnlicher sein, als es beide Arten der
Haupt--und Staats-Aktionen einander in der Anlage, in der Abteilung und
Disposition der Szenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein pflegen.
Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst, warum
sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben? Wie oft
ueberraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten
vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten,
ohne dass sich begreifen laesst, warum sie kamen, oder warum sie wieder
verschwinden? Wie viel wird in beiden dem Zufall ueberlassen? Wie oft
sehen wir die groessesten Wuerkungen durch die armseligsten Ursachen
hervorgebracht? Wie oft das Ernsthafte und Wichtige mit einer
leichtsinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit laecherlicher Gravitaet
behandelt? Und wenn in beiden endlich alles so klaeglich verworren und
durch einander geschlungen ist, dass man an der Moeglichkeit der Entwicklung
zu verzweifeln anfaengt; wie gluecklich sehen wir durch irgend einen unter
Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott, oder durch
einen frischen Degen-Hieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgeloest, aber
doch aufgeschnitten, welches in so fern auf eines hinaus lauft, dass auf
die eine oder andere Art das Stueck ein Ende hat, und die Zuschauer
klatschen oder zischen koennen, wie sie wollen oder--duerfen. uebrigens weiss
man, was fuer eine wichtige Person in den komischen Tragoedien, wovon wir
reden, der edle Hans Wurst vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen
Denkmal des Geschmacks unsrer Voreltern, auf dem Theater der Hauptstadt
des deutschen Reichs erhalten zu wollen scheint. Wollte Gott, dass er
seine Person allein auf dem Theater vorstellte! Aber wie viele grosse
Aufzuege auf dern Schauplatze der Welt hat man nicht in allen Zeiten mit
Hans Wurst--oder, welches noch ein wenig aerger ist, durch Hans
Wurst--auffuehren gesehen? Wie oft haben die groessesten Maenner, dazu
geboren, die schuetzenden Genii eines Throns, die Wohltaeter ganzer Voelker
und Zeitalter zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen
kleinen schnakischen Streich von Hans Wurst, oder solchen Leuten vereitelt
sehen muessen, welche ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen,
doch gewiss seinen ganzen Charakter an sich trugen? Wie oft entsteht in
beiden Arten der Tragi-Komoedien die Verwicklung selbst lediglich daher,
dass Hans Wurst durch irgend ein dummes oder schelmisches Stueckchen von
seiner Arbeit den gescheiten Leuten, eh sie sich's versehen koennen, ihr
Spiel verderbt?--Manum de tabula!--Aber wenn diese Vergleichung, wie wir
besorgen, ihren Grund hat; so moegen wir wohl den Weisen und
Rechtschaffenen Mann bedauren, den sein Schicksal dazu verurteilt hat,
unter einem schlimmen, oder--welches ist aerger?--unter einem schwachen
Fuersten, in die Verwaltung der oeffentlichen Angelegenheiten verwickelt zu
sein? Was wird es ihm helfen, Einsichten und Mut zu haben, nach den
besten Grundsaetzen und nach dem richtigsten Plan zu handeln; wenn das
veraechtlichste Ungeziefer, wenn ein Sklave, ein Kuppler, eine Bacchidion,
oder etwas noch schlimmers, irgend ein Parasite, dessen ganzes Verdienst
in Geschmeidigkeit, Verstellung und Schalkheit besteht, es in ihrer Gewalt
haben, seine Massregeln zu verruecken, aufzuhalten, oder gar zu
hintertreiben? Indessen bleibt ihm, wenn er sich einmal an ein so
gefahrvolles Abenteuer gewagt hat, wie zum Exempel dasjenige, welches
Agathon wuerklich zu bestehen hat, kein andres Mittel uebrig, sich selbst zu
beruhigen, und auf alle Faelle sein Betragen vor dem unparteiischen Gericht
der Weisen und der Nachwelt rechtfertigen zu koennen--als dass er sich, eh
er die Hand ans Werk legt, einen regelmaessigen Plan seines ganzen
Verhaltens entwerfe. Wenn gleich alle Weisheit eines solchen Entwurfs ihm
fuer den Ausgang nicht Gewaehr leisten kann; so bleibt ihm doch der
troestende Gedanke, alles getan zu haben, was ihn, ohne Zufaelle die er
entweder nicht vorhersehen, oder nicht hintertreiben konnte, des
gluecklichen Erfolgs haette versichern koennen.

Dieses war also die erste Sorge unsers Helden, nachdem er sich anheischig
gemacht hatte, die Person eines Ratgebers und Vertrauten bei dem Koenige
Dionys zu spielen. Er sah alle, oder doch einen grossen Teil der
Schwierigkeiten, einen solchen Plan zu machen, der ihm durch den Labyrinth
des Hofes und des oeffentlichen Lebens zum Leitfaden dienen koennte. Aber
er glaubte, dass der mangelhafteste Plan besser sei, als gar keiner; und in
der Tat war ihm die Gewohnheit, seine Ideen worueber es auch sein moechte,
in ein System zu bringen, so natuerlich geworden, dass sie sich, so zu sagen,
von sich selbst in einen Plan ordneten, welcher vielleicht keinen andern
Fehler hatte, als dass Agathon noch nicht voellig so uebel von den Menschen
denken konnte, als es diejenigen verdienten, mit denen er zu tun hatte.
Indessen dachte er doch lange nicht mehr so erhaben von der menschlichen
Natur, als ehmals; oder richtiger zu reden, er kannte den unendlichen
Unterschied zwischen dem metaphysischen Menschen, welchen man sich in
einer spekulativen Einsamkeit ertraeumt; dem natuerlichen Menschen, in der
rohen Einfalt und Unschuld, wie er aus den Haenden der allgemeinen Mutter
der Wesen hervorgeht; und dem gekuenstelten Menschen, wie ihn die
Gesellschaft, ihre Gesetze, ihre Gebraeuche und Sitten, seine Beduerfnisse,
seine Abhaenglichkeit, der immer waehrende Kontrast seiner Begierden mit
seinem Unvermoegen, seines Privat-Vorteils mit den Privat-Vorteilen der
uebrigen, die daher entspringende Notwendigkeit der Verstellung, und
immerwaehrenden Verlarvung seiner wahren Absichten, und tausend dergleichen
physikalische und moralische Ursachen in unzaehliche betruegliche Gestalten
ausbilden--er kannte, sage ich, nach allen Erfahrungen, die er schon
gemacht hatte, diesen Unterschied der Menschen von dem was sie sein
koennten, und vielleicht sein sollten, bereits zu gut, um seinen Plan auf
platonische Ideen zu gruenden. Er war nicht mehr der jugendliche
Enthusiast, der sich einbildet, dass es ihm eben so leicht sein werde, ein
grosses Vorhaben auszufuehren, als es zu fassen. Die Athenienser hatten ihn
auf immer von dem Vorurteil geheilt, dass die Tugend nur ihre eigene Staerke
gebrauche, um ueber ihre Haesser obzusiegen. Er hatte gelernt, wie wenig
man von andern erwarten kann; wie wenig man auf sie Rechnung machen, und
(was das wichtigste fuer ihn war) wie wenig man sich auf sich selbst
verlassen darf, Er hatte gelernt, wieviel man den Umstaenden nachgeben muss;
dass der vollkommenste Entwurf an sich selbst oft der schlechteste unter
den gegebenen Umstaenden ist; dass sich das Boese nicht auf einmal gut machen
laesst; dass sich in der moralischen Welt, wie in der materialischen, nichts
in gerader Linie fortbewegt, und dass man selten anders als durch viele
Kruemmen und Wendungen zu einem guten Zweck gelangen kann--Kurz, dass das
Leben, zumal eines echten Staats-Mannes, einer Schiffahrt gleicht, wo der
Pilot sich gefallen lassen muss, seinen Lauf nach Wind und Wetter
einzurichten; wo er keinen Augenblick sicher ist durch widrige Stroeme
aufgehalten oder seitwaerts getrieben zu werden; und wo alles darauf
ankommt, mitten unter tausend unfreiwilligen Abweichungen von der Linie,
die er sich in seiner Karte gezogen hat, endlich dennoch, und so bald und
wohlbehalten als moeglich, an dem vorgesetzten Ort anzulangen.

Diesen allgemeinen Grundsaetzen zufolge bestimmte er die Absichten bei
allem was er unternahm, den Grad des Guten, welches er sich zu erreichen
vorsetzte, und sein Verhalten gegen diejenige, welche ihm dabei am meisten
hinderlich oder befoerderlich sein koennten--jenes, nach dem Zusammenhang
aller Umstaende, worin er die Sachen antraf--dieses nach Beschaffenheit der
Personen mit denen er's zu tun hatte, oder richtiger zu reden, nach der
zum teil wenig sichern Vorstellung, die er sich von ihrem Charakter machte.

Er konnte, seit dem er den Dionys naeher kannte, nicht daran denken, ein
Muster eines guten Fuersten aus ihm zu machen; aber er hoffte doch nicht
ohne Grund, seinen Lastern ihr schaedlichstes Gift benehmen, und seiner
guten Neigungen, oder vielmehr seiner guten Launen, seiner Leidenschaften
und Schwachheiten selbst, sich zum Vorteil des gemeinen Besten bedienen zu
koennen. Diese Meinung von seinem Prinzen war in der Tat so bescheiden,
dass er sie nicht tiefer herabstimmen konnte, ohne alle Hoffnung zu
Erreichung seiner Entwuerfe aufzugeben; und doch zeigte sich in der Folge,
dass er noch zu gut von ihm gedacht hatte. Dionys hatte in der Tat
Eigenschaften, welche viel gutes versprachen; aber ungluecklicher Weise
hatte er fuer jede derselben eine andere, welche alles wieder vernichtete,
was jene zusagte; und wenn man ihn lange genug in der Naehe betrachtet
hatte, so befand sich's, dass seine vermeinten Tugenden wuerklich nichts
anders als seine Laster waren, welche von einer gewissen Seite betrachtet,
eine Farbe der Tugend annahmen. Indessen liess sich doch Agathon durch
diese guten Anscheinungen so verblenden, dass er die Unverbesserlichkeit
eines Charakters von dieser Art, und also den Ungrund aller seiner
Hoffnungen nicht eher einsah, als bis ihm diese Entdeckung zu nichts mehr
nutzen konnte.

Die groesseste Schwachheit des Prinzen, seiner Meinung nach, war sein
uebermaessiger Hang zur Gemaechlichkeit und Wollust. Er hoffte dem ersten
dadurch zu begegnen, dass er ihm die Geschaefte so leicht und so angenehm zu
machen suchte als moeglich war; und dem andern, wenn er ihn wenigstens von
den wilden Ausschweifungen abgewoehnte, zu denen er sich bisher hatte
hinreissen lassen. Unsre Vergnuegungen werden desto feiner, edler und
sittlicher, je mehr die Musen Anteil daran haben. Aus diesem richtigen
Grundsatz bemuehte er sich, dem Dionys mehr Geschmack an den schoenen
Kuensten beizubringen, als er bisher davon gehabt hatte. In kurzem wurden
seine Palaeste, Landhaeuser und Gaerten, mit den Meisterstuecken der besten
Maler und Bildhauer Griechenlandes angefuellt. Agathon zog die
beruehmtesten Virtuosen in allen Gattungen von Athen nach Syracus; er
fuehrte ein praechtiges Odeon nach dem Muster dessen, worauf Perikles den
oeffentlichen Schatz der Griechen verwendet hatte, auf; und Dionys fand so
viel Vergnuegen an den verschiedenen Arten von Schauspielen, womit er,
unter der Aufsicht seines Guenstlings, fast taeglich auf diesem Theater
belustiget wurde, dass er, seiner Gewohnheit nach, eine Zeitlang allen
Geschmack an andern Ergoetzlichkeiten verloren zu haben schien. Indessen
war doch eine andre Leidenschaft uebrig, deren Herrschaft ueber ihn allein
hinlaenglich war, alle guten Absichten seines neuen Freundes zu
hintertreiben. Gegenwaertig befand sich die Taenzerin Bacchidion im Besitz
derselben; aber es fiel bereits in die Augen, dass die unmaessige Liebe,
welche sie ihm beigebracht, sehr viel von ihrer ersten Heftigkeit verloren
hatte. Es wuerde vielleicht nicht schwer gehalten haben, die Wuerkung
seiner natuerlichen Unbestaendigkeit um etliche Wochen zu beschleunigen.
Aber Agathon hatte Bedenklichkeiten, die ihm wichtig genug schienen, ihn
davon abzuhalten. Die Gemahlin des Prinzen war in keinerlei Betrachtung
dazu gemacht, einen Versuch, ihn in die Grenzen der ehlichen Liebe
einzuschraenken, zu unterstuetzen. Dionys konnte nicht ohne Liebeshaendel
leben; und die Gewalt, welche seine Maitressen ueber sein Herz hatten,
machte seine Unbestaendigkeit gefaehrlich. Bacchidion war eines von diesen
gutartigen froehlichen Geschoepfen, in deren Phantasie alles rosenfarb ist,
und welche keine andre Sorge in der Welt haben, als ihr Dasein von einem
Augenblick zum andern wegzuscherzen, ohne sich jemals einen Gedanken von
Ehrgeiz und Habsucht, oder einigen Kummer ueber die Zukunft anfechten zu
lassen. Sie liebte das Vergnuegen ueber alles; immer aufgelegt es zu geben
und zu nehmen, schien es unter ihren Tritten aufzusprossen; es lachte aus
ihren Augen, und atmete aus ihren Lippen. Ohne daran zu denken, sich
durch die Leidenschaft des Prinzen fuer sie wichtig zu machen, hatte sie
aus einer Art von mechanischer Neigung, vergnuegte Gesichter zu sehen, ihre
Gewalt ueber sein Herz schon mehrmalen dazu verwandt, Leuten die es
verdienten, oder auch nicht verdienten (denn darueber liess sie sich in
keine Untersuchung ein) gutes zu tun. Agathon besorgte, dass ihre Stelle
leicht durch eine andere besetzt werden koennte, welche sich versuchen
lassen moechte, einen schlimmern Gebrauch von ihren Reizungen zu machen.
Er hielt es also seiner nicht unwuerdig, mit guter Art, und ohne dass es
schien, als ob er einige besondere Aufmerksamkeit auf sie habe, die
Neigung des Prinzen zu ihr mehr zu unterhalten als zu bekaempfen. Er
verschaffte ihr Gelegenheit, ihre belustigende Talente in einer
Mannichfaltigkeit zu entfalten, welche ihr immer die Reizungen der Neuheit
gab. Er wusste es zu veranstalten, dass Dionys durch oeftere kleine
Entfernungen verhindert wurde, sich zu bald an dem Vergnuegen zu ersaettigen,
welches er in den Armen dieser angenehmen Kreatur zu finden schien. Er
ging endlich gar so weit, dass er bei Gelegenheit eines Gespraechs, wo die
Rede von den anzustrengen Grundsaetzen des Plato ueber diesen Artikel war,
sich kein Bedenken machte, zu sagen: Dass es unbillig sei, einen Prinzen,
welcher sich die Erfuellung seiner grossen und wesentlichen Pflichten mit
gehoerigem Ernst angelegen sein lasse, in seinen Privat-Ergoetzungen ueber
die Grenzen einer anstaendigen Maessigung einschraenken zu wollen. Alles, was
ihm hierueber wiewohl in allgemeinen Ausdruecken, entfiel, schien die
Bedeutung einer stillschweigenden Einwilligung in die Schwachheit des
Prinzen fuer die schoene Bacchidion zu haben, und in der Tat war dieses sein
Gedanke. Wir lassen dahin gestellt sein, ob die gute Absicht die er dabei
hatte, hinlaenglich sein mag, eine so gefaehrliche aeusserung zu rechtfertigen;
aber es ist gewiss, dass Dionys, der bisher aus einer gewissen Scham vor
der Tugend unsers Helden sich bemueht hatte, seine schwache Seite vor ihm
zu verbergen, von dieser Stunde an weniger zurueckhaltend wurde, und aus
dem vielleicht unrichtigen aber sehr gemeinen Vorurteil, dass die Tugend
eine erklaerte Feindin der Gottheiten von Cythere sein muesse, einen Argwohn
gegen unsern Helden fasste, wodurch er um einige Stufen herab, und mit ihm
selbst und den uebrigen Erdenbewohnern, in Absicht gewisser Schwachheiten,
in die naemliche Linie gestellt wurde--ein Verdacht, der zwar durch die
sich selbst immer gleiche Auffuehrung Agathons bald wieder zum Schweigen
gebracht, aber doch nicht so gaenzlich unterdrueckt wurde, dass sein geheimer
Einfluss in der Folge den Beschuldigungen der Feinde Agathons, den Zugang
in das Gemuet eines Prinzen nicht erleichtert haette, welcher ohnehin so
geneigt war, die Tugend entweder fuer Schwaermerei oder fuer Verstellung zu
halten. Indessen gewann Agathon durch seine Nachsicht gegen die
Lieblings-Fehler dieses Prinzen, dass er sich desto williger bewegen liess,
an den Geschaeften der Regierung mehr Anteil zu nehmen, als er gewohnt war;
und wir an unserm teil koennen es ihm verzeihen, dass er das viele Gute,
welches er dadurch erhielt, fuer eine hinlaengliche Vergutung des Tadels
ansah, den er sich durch diese Gefaelligkeit bei gewissen Leuten von
strengen Grundsaetzen zuzog, welche in der weiten Entfernung von der Welt,
worin sie leben, gute Weile haben, an andern zu verdammen, was sie an
derselben Platz, vielleicht noch schlimmer gemacht haben wuerden.

Ausser der schoenen Bacchidion, welche, wie wir gesehen haben, allen ihren
Ehrgeiz darein setzte, das Vergnuegen eines Prinzen, den sie liebte,
auszumachen--war Philistus, durch die Gnade, worin er bei Dionysen stund,
die betraechtlichste Person unter allen denjenigen, mit denen Agathon in
seiner neuen Stelle mehr oder weniger in Verhaeltnis war. Dieser Mann
spielt in diesem Stueck unsrer Geschichte eine Rolle, welche begierig
machen kann, ihn naeher kennen zu lernen. Und ueber dem ist es eine von den
geheiligten Pflichten der Geschichte, den verfaelschenden Glanz zu
zerstreuen, welchen das Glueck und die Gunst der Grossen sehr oft ueber
nichtswuerdige Kreaturen ausbreitet, um der Nachwelt, zum Exempel, zu
zeigen, dass dieser Pallas, welchen so viele Dekrete des Roemischen Senats,
so viele Statuen und oeffentliche Ehren-Maeler eben dieser Nachwelt als
einen Wohltaeter des menschlichen Geschlechts, als einen Halb-Gott
ankuendigen, nichts bessers noch groessers als ein schamloser lasterhafter
Sklave war. Wenn Philistus in Vergleichung mit einem Pallas oder Tigellin
nur ein Zwerg gegen einen Riesen scheint, so kommt es in der Tat allein
von dem unermesslichen Unterschied zwischen der Roemischen Monarchie im
Zeitpunkt ihrer aeussersten Hoehe, und dem kleinen Staat, worin Dionys zu
gebieten hatte, her. Eben dieser Teufel, der seinem schlimmen Humor Luft
zu machen, eine Herde Schweine ersaeufte, wuerde mit ungleich groesserm
Vergnuegen den ganzen Erdboden unter Wasser gesetzt haben, wenn er Gewalt
dazu gehabt haette: Und Philistus wuerde Pallas gewesen sein, wenn er das
Glueck gehabt haette, in den Vorzimmern eines Claudius aufzuwachsen. Die
Proben, welche er in seiner kleinen Sphaere von dem was er in einer groessern
faehig gewesen waere, ablegte, lassen uns nicht daran zweifeln. Ein
geborner Sklave, und in der Folge einer von den Freigelassenen des alten
Dionys, hatte er sich schon damals unter seinen Kameraden durch den
schlauesten Kopf und die geschmeidigste Gemuets-Art hervorgetan, ohne dass
es ihm jedoch einigen besondern Vorzug bei seinem Herrn verschaffet haette.
Philistus gramte sich billig ueber diese wiewohl nicht ungewoehnliche Laune
des Gluecks; aber er wusste sich selbst zu helfen. Gluecklichere Vorgaenger
hatten ihm den Weg gezeigt, sich ohne Muehe und ohne Verdienste zu dieser
hohen Stufe emporzuschwingen, nach welcher ihm eine Art von Ambition, die
sich in gewissen Seelen mit der veraechtlichsten Niedertraechtigkeit
vollkommen wohl vertraegt, ein ungezaehmtes Verlangen gab. Wir haben schon
bemerkt, dass der juengere Dionys von seinem Vater ungewoehnlich hart
gehalten wurde. Philistus war der einzige, der den Verstand hatte zu
sehen, wieviel Vorteil sich aus diesem Umstande ziehen lasse. Er fand
Mittel, die Naechte des jungen Prinzen angenehmer zu machen als seine Tage
waren. Brauchte es mehr, um als ein Wohltaeter von ihm angesehen zu werden,
dessen gute Dienste er niemals genug werde belohnen koennen? Philistus
liess es nicht dabei bewenden; er fiel auf den Einfall, zu gleicher Zeit,
und durch einen einzigen kleinen Handgriff, sich dieser Belohnung wuerdiger
und baelder teilhaft zu machen. Eine boesartige Kolik, wozu er das Rezept
hatte, beschleunigte das Ende des alten Tyrannen; Philistus war der erste,
der seinem jungen Gebieter die freudige Nachricht brachte, und nun sah er
sich auf einmal in dem geheimesten Vertrauen eines Koenigs, und in kurzem
am Ruder des Staats. Diese wenigen Anekdoten sind zureichend, uns einen
so sichern Begriff von dem moralischen Charakter dieses wuerdigen Ministers
zu geben, dass er nunmehr das aergste dessen ein Mensch faehig ist, begehen
koennte, ohne dass wir uns darueber verwundern wuerden. Aber was fuer ein
Physiognomist muesste der gewesen sein, der diese Anekdoten in seinen Augen
haette lesen koennen? Es ist wahr, Agathon dachte anfangs nicht
allzuvorteilhaft von ihm; aber wie haette er, ohne besondere Nachrichten zu
haben, oder selbst ein Philistus zu sein, sich vorstellen sollen, dass
Philistus das sein koennte, was er war? Wenige kannten die inwendige Seite
dieses Mannes; und diese wenige waren zu gute Hofmaenner, um ihren
bisherigen Goenner eher zu verraten, als sein Sturz gewiss war, und sie
wissen konnten, was sie dadurch gewinnen wuerden; und Aristipp, fuer den
sein wahrer Charakter gleichfalls kein Geheimnis war, hatte sich
vorgesetzt, einen blossen Zuschauer abzugeben. Agathon konnte also desto
leichter hintergangen werden, da Philistus alle seine Verstellungs-Kunst
anstrengte, sich bei ihm in Achtung zu setzen. Zu seinem grossen
Missvergnuegen konnte er mit aller Kenntnis, die er (nach einem gewoehnlichen,
wiewohl sehr betrueglichen Vorurteil der Hofleute) von den Menschen zu
haben glaubte, die schwache Seite unsers Helden nicht ausfindig machen.
Es blieb ihm also kein andrer Weg uebrig, als durch eine grosse
Arbeitsamkeit und Puenktlichkeit in den Geschaeften sich bei dem neuen
Guenstling in das Ansehen eines brauchbaren Mannes, und durch Tugenden, die
er eben so leicht als man eine Maskerade-Kleidung anzieht, affektieren
konnte, so bald er ihrer vonnoeten hatte, sich endlich so gar in das
Ansehen eines ehrlichen Mannes zu setzen. Da zu diesen Eigenschaften,
welche Agathon in ihm zu finden glaubte, noch die Achtung, welche Dionys
fuer ihn trug, und die Betrachtung hinzukam, dass es fuer den Staat weniger
sicher sei, einen ehrgeizigen Minister abzudanken, als ihn mit scheinbarer
Beibehaltung seines Ansehens in engere Schranken zu setzen: So geschah es,
dass sich diejenige in ihrer Meinung betrogen fanden, welche den Fall des
Philistus fuer eine unfehlbare Folge der Erhebung Agathons gehalten hatten.
Das Ansehen desselben schien sich eher zu vermehren, indem er zum
Vorsteher aller der verschiednen Tribunalien ernennt wurde, unter welche
Agathon, mit der erforderlichen Einschraenkung und Subordination, diejenige
Gewalt verteilte, welche vormals von den Vertrauten des Prinzen
willkuerlich ausgeuebt worden war: In der Tat aber wurde er dadurch beinahe
in die Unmoeglichkeit gesetzt, boeses zu tun, wofern ihn etwan eine
Versuchung dazu ankommen sollte; da er bei allen seinen Handlungen von so
vielen Augen beobachtet, und verbunden war, von allem Rechenschaft zu
geben, und nichts ohne die Einstimmung des Prinzen, oder, welches eine
Zeitlang einerlei war, seines Repraesentanten, zu unternehmen.

Wir koennten ohne Zweifel viel schoenes von der Staats-Verwaltung Agathons
sagen, wenn wir uns in eine ausfuehrliche Erzaehlung aller der nuetzlichen
Ordnungen und Einrichtungen ausbreiten wollten, welche er in Absicht der
Staats-oekonomie, der Einziehung und Verwaltung der oeffentlichen Einkuenfte,
der Polizei, der Landwirtschaft, des Handlungs-Wesens, und (welches in
seinen Augen eines der wesentlichsten Stuecke war) der oeffentlichen Sitten
und der Bildung der Jugend, teils wuerklich zu machen anfing, teils gemacht
haben wuerde, wenn ihm die Zeit dazu gelassen worden waere. Allein alles
dieses gehoert nicht zu dem Plan des gegenwaertigen Werkes; und es waere in
der Tat nicht abzusehen, wozu ein solcher DÈtail in unsern Tagen nutzen
sollte, worin die Kunst zu regieren einen Schwung genommen zu haben
scheint, der die Massregeln und das Beispiel unsers Helden eben so unnuetz
macht, als die Projekte des guten Abts von Saint Pierre, patriotischen
Gedaechtnisses. Die Art, wie sich Agathon ehmals seines Ansehens und
Vermoegens zu Athen bedient hat, kann unsern Lesern einen hinlaenglichen
Begriff davon geben, wie er sich einer beinahe unumschraenkten Macht und
eines koeniglichen Vermoegens bedient haben werde.

Nur einen Umstand koennen wir nicht vorbeigehen, weil er einen merklichen
Einfluss in die folgende Begebenheiten unsers Helden hatte. Dionys befand
sich, als Agathon an seinen Hof kam, in einen Krieg mit den
Carthaginensern verwickelt, welche durch verschiedene kleine Republiken
des suedlichen und westlichen Teils von Sicilien unterstuetzt, unter dem
Schein sie gegen die uebermacht von Syracus zu schuetzen, sich der
innerlichen Zwietracht der Sicilianer, als einer guten Gelegenheit
bedienen wollten, diese fuer ihre Handlungs-Absichten unendlich vorteilhaft
gelegene Insel in ihre Gewalt zu bringen. Einige von diesen kleinen
Republiken wurden von so genannten Tyrannen beherrscht; und diese hatten
sich bereits in die Arme der Carthaginenser geworfen; die andren hatten
sich bisher noch in einer Art von Freiheit erhalten, und schwankten,
zwischen der Furcht von Dionysen ueberwaeltiget zu werden, und dem Misstrauen
in die Absichten ihrer anmasslichen Beschuetzer, in einem Gleichgewicht,
welches alle Augenblicke auf die Seite der letztern ueberzuziehen drohte.
Timocrates dem Dionys die oberste Befehlhabers-Stelle in diesem Kriege
anvertraute, hatte sich bereits durch einige Vorteile ueber die Feinde den
oft wohlfeilen Ruhm eines guten Generals erworben; aber mehr darauf
bedacht, bei dieser Gelegenheit Lorbeern und Reichtuemer zu sammeln, als
das wahre Interesse seines Prinzen zu besorgen, hatte er das Feuer der
innerlichen Unruhen Siciliens mehr ausgebreitet als gedaempft, und durch
seine Auffuehrung sich bei denenjenigen, welche noch keine Partei genommen
hatten, so verhasst gemacht, dass sie im Begriff waren sich fuer Carthago zu
erklaeren. Agathon glaubte, dass seine Beredsamkeit dem Dionys in diesen
Umstaenden groessere Dienste tun koenne, als die ganze, wiewohl nicht
veraechtliche Land--und Seemacht, welche Timocrates unter seinen Befehlen
hatte. Er hielt es fuer besser Sicilien zu beruhigen, als zu erobern;
besser es zu einer Art von freiwilliger uebergabe an Syracus zu bewegen,
als es den Gefahren und verderblichen Folgen eines Kriegs ausgesetzt zu
lassen, der, wenn er auch am gluecklichsten fuer den Dionys ausfiele, ihm
doch nichts mehr als den zweideutigen Vorteil verschaffen wuerde, seine
Untertanen um eine Anzahl gezwungner und missvergnuegter Leute vermehrt zu
haben, auf deren guten Willen er keinen Augenblick haette zaehlen koennen.
Dionys konnte den Gruenden, womit Agathon sein Vorhaben, und die Hoffnung
des gewuenschten Ausgangs unterstuetzte, seinen Beifall nicht versagen.
ueberhaupt galt es ihm gleich, durch was fuer Mittel er zu ruhigem Besitz
der hoechsten Gewalt in Sicilien gelangen koennte, wenn er nur dazu gelangte;
und ob er gleich klein genug war, sich auf die zwar wenig entscheidende
aber desto prahlerischer vergroesserte Siege seines Feldherrn eben so viel
einzubilden, als ob er sie selbst erhalten haette; so war er doch auch
feigherzig genug, sich zu dem unruehmlichsten Frieden geneigt zu fuehlen, so
bald er mit einiger Aufmerksamkeit an die Unbestaendigkeit des
Kriegs-Glueckes dachte. Die edlern Beweggruende unsers Helden fanden also
leicht Eingang bei ihm, oder richtiger zu reden, Agathon schrieb die
gefaellige Disposition, die er bei ihm fand, dem Eindruck seiner eignen
Vorstellungen zu, ohne wahrzunehmen, dass sie ihren eigentlichen Grund in
der niedertraechtigen Gemuetsart des Prinzen hatte. Er begab sich also
ingeheim (denn es war ihm daran gelegen, dass Timocrates von seinem
Vorhaben keinen Wink bekaeme) in diejenige Staedte, welche im Begriff
stunden, die Partei von Carthago zu verstaerken. Es gelang ihm, die
widrigen Vorurteile zu zernichten, womit er alle Gemueter gegen die
gefuerchtete Tyrannie Dionysens eingenommen fand; er ueberzeugte sie so
vollkommen davon, dass das Beste eines jeden besondern Teils von dem Besten
des ganzen Sicilien unzertrennlich sei; machte ihnen ein so schoenes
Gemaelde von dem gluecklichen Zustande dieser Insel, wenn alle Teile
derselben durch die Bande des Vertrauens und der Freundschaft, sich in
Syracus als in dem gemeinschaftlichen Mittelpunkt vereinigen wuerden--dass
er mehr erhielt als er gehofft hatte, und so gar mehr als er verlangte.
Er wollte nur Bundsgenossen, und es fehlte wenig, so wuerden sie in einem
Anstoss von ueberfliessender Zuneigung zu ihm, sich ohne Bedingung zu
Untertanen eines Prinzen ergeben haben, von dessen Minister sie so sehr
bezaubert waren.

Die Veraenderung, welche hiedurch in den oeffentlichen Angelegenheiten
gemacht wurde, brachte den Krieg so schnell zu Ende, dass Timocrates keine
Gelegenheit bekam, durch ein entscheidendes Treffen (es moechte allenfalls
gewonnen oder verloren sein) Ehre einzulegen. Man kann sich vorstellen,
ob Agathon sich dadurch die Freundschaft dieses Mannes, den sein grosses
Vermoegen und die Verschwaegerung mit dem Prinzen zu einer wichtigen Person
machte, erworben; und mit welchen Augen Timocrates den allgemeinen Beifall,
die frohlockenden Segnungen der Nation, welche unsern Helden nach Syracus
zurueckbegleiteten, die Merkmale der Hochachtung, womit er von dem Prinzen
empfangen wurde, und das ausserordentliche Ansehen, worin er sich durch
diese friedsam Eroberung befestigte, angeschielt haben werde. Genoetigt,
seinen Unwillen und Hass gegen einen so siegreichen Nebenbuhler in sich
selbst zu verschliessen, laurte er nur desto ungeduldiger auf Gelegenheiten,
in geheim an seinem Untergang zu arbeiten; und wie haette es ihm an einem
Hofe, und an dem Hofe eines solchen Fuersten, an Gelegenheiten fehlen
koennen?

ZWEITES KAPITEL

Beispiele, dass nicht alles, was gleisst, Gold ist

Wenn Agathon waehrend einer Staats-Verwaltung, welche nicht ganz zwei Jahre
daurte, das vollkommenste Vertrauen seines Prinzen und die allgemeine
Liebe der Nation, welche er regierte, gewann, und sich dadurch auf diese
hohe Stufe des Ansehens und der scheinbaren Glueckseligkeit emporschwang,
welche unverdienter Weise, der Gegenstand der Bewunderung aller kleinen,
und des Neides aller zugleich boshaften Seelen zu sein pflegt: So muessen
wir gestehen, dass diese launische unerklaerbare Macht, welche man Glueck
oder Zufall nennt, den wenigsten Anteil daran hatte. Die Verdienste, die
er sich in so kurzer Zeit um den Prinzen sowohl als die Nation machte, die
Beruhigung Siciliens, das befestigte Ansehen von Syracus, die
Verschoenerung dieser Hauptstadt, die Verbesserung ihrer Polizei, die
Belebung der Kuenste und Gewerbe, und die allgemeine Zuneigung, welche er
einer vormals verabscheueten Regierung zuwandte--alles dieses legte ein
unverwerfliches Zeugnis fuer die Weisheit seiner Staats-Verwaltung ab; und
da alle diese Verdienste durch die Uneigennuetzigkeit und Regelmaessigkeit
seines Betragens in ein Licht gestellt wurden, welches keine Missdeutung zu
zulassen schien; so blieb seinen heimlichen Feinden, ohne die ungewisse
Huelfe irgend eines Zufalls, von dem sie selbst noch keine Vorstellung
hatten, wenig Hoffnung uebrig, ihn so bald wieder zu stuerzen, als sie es
fuer ihre Privat-Absichten wuenschen mochten.

Die heimlichen Feinde Agathons--"wie konnte ein Mann, der sich so
untadelich betrug, und um jedermann Gutes verdiente, Feinde
haben?"--werden diejenige vielleicht denken, welche bei Gelegenheit, zu
vergessen scheinen, dass der weise Mann notwendig alle Narren, und der
Rechtschaffene, unvermeidlicher Weise, alle die es nicht sind, zu
oeffentlichen, oder doch gewiss zu immerwaehrenden heimlichen Feinden haben
muss. Eine Wahrheit, welche in der Natur der Sachen so gegruendet, und
durch eine nie unterbrochene Erfahrung so bestaetiget ist, dass wir weit
bessere Ursache zu fragen haben: "Wie sollte ein Mann, der sich so wohl
betrug, keine Feinde gehabt haben?" Es konnte nicht anders sein als dass
derjenige, dessen bestaendige Bemuehung dahin ging, seinen Prinzen
tugendhaft, oder doch wenigstens seine Schwachheiten unschaedlich zu machen,
sich den herzlichen Hass dieser Hoeflinge zuziehen musste, welche (wie
Montesquieu von allen Hofleuten behauptet) nichts so sehr fuerchten, als
die Tugend des Fuersten, und keinen zuverlaessigern Grund ihrer Hoffnungen
kennen, als seine Schwachheiten. Sie konnten nicht anders als den Agathon
fuer denjenigen ansehen, der allen ihren Absichten und Entwuerfen im Wege
stund. Er verlangte zum Exempel, dass man vorher Verdienste haben muesse,
eh man an Belohnungen Ansprueche mache; sie wussten einen kuerzern und
bequemem Weg; einen Weg auf welchem zu allen Zeiten (die Regierungen der
Antonine und Juliane ausgenommen) die nichtswuerdigsten Leute an Hoefen ihr
Glueck gemacht haben--kriechende Schmeichelei, blinde Gefaelligkeit gegen
die Leidenschaften unsrer Obern, Gefuehllosigkeit gegen alle Regungen des
Gewissens und der Menschlichkeit, Taubheit gegen die Stimme aller
Pflichten, unerschrockne Unverschaemtheit sich selbst Talente und
Verdienste beizulegen, die man nie gehabt hat; fertige Bereitwilligkeit
jedes Bubenstueck zu begehen, welches eine Stufe zu unsrer Erhebung werden
kann--und diesen Weg hatte ihnen Agathon auf einmal versperrt. Sie sahen,
so lange dieser seltsame Mann den Platz eines Guenstlings bei Dionysen
behaupten wuerde, keine Moeglichkeit, wie Leute von ihrer Art sollten
gedeihen koennen. Sie hasseten ihn also; und wir koennen versichert sein,
dass in den Herzen aller dieser Hoeflinge eine Art von Zusammen-Verschwoerung
gegen ihn bruetete, ohne dass es dazu einiger geheimen Verabredung bedurfte.
Allein von allem diesem wurde noch nichts sichtbar. Die Maske, welche
sie vorzunehmen fuer gut fanden, sah einem Gesicht so gleich, dass Agathon
selbst dadurch betrogen wurde; und sich gegen die Philiste und Timocrate,
und ihre Kreaturen eben so bezeugte, als ob die Hochachtung, welche sie
ihm bewiesen, und der Beifall, den sie allen seinen Massnehmungen gaben,
aufrichtig gewesen waere. Diese wackern Maenner hatten einen gedoppelten
Vorteil ueber ihn--dass er, weil er sich nichts Boeses zu ihnen versah, nicht
daran dachte, sie scharf zu beobachten--und dass sie, weil sie sich ihrer
eigenen Bosheit bewusst waren, desto vorsichtiger waren, ihre wahren
Gesinnungen in eine undurchdringliche Verstellung einzuhuellen. Versichert
wie sie waren, dass ein Mensch notwendig eine schwache Seite haben muesse,
gaben sie sich alle moegliche Muehe die seinige zu finden, und stellten ihn,
ohne dass er einen Verdacht deswegen auf sie werfen konnte, auf alle
moegliche Proben. Da sie ihn aber gegen Versuchungen, denen sie selbst zu
unterliegen pflegten, gleichgueltig oder gewaffnet fanden; so blieb ihnen,
bis auf irgend eine guenstige Gelegenheit nichts uebrig, als ihn durch den
magischen Dunst einer subtilen Schmeichelei einzuschlaefern, welche er
desto leichter fuer Freundschaft halten konnte, da sie alle Anscheinungen
derselben hatte; und je mehr er berechtiget war, in einem Lande, worin er
sich um alle verdient machte, einen jeden fuer seinen Freund zu halten.
Diese Absicht gelang ihnen, und man muss gestehen, dass sie dadurch schon
ein grosses ueber ihn gewonnen hatten.

uebrigens koennen wir nicht umhin, es mag nun unserm Helden nachteilig sein
oder nicht, zu gestehen, dass zu einer Zeit, da sein Ansehen den hoechsten
Gipfel erreicht hatte; da Dionys ihn mit Beweisen einer unbegrenzten Gunst
ueberhaeufte; da er von dem ganzen Sicilien fuer seinen Schutzgott angesehen
wurde, und das seltne, wo nicht ganz unerhoerte Glueck zu geniessen schien,
in einem so blendenden Gluecksstande lauter Bewundrer und Freunde, und
keinen Feind zu haben--die Damen zu Syracus die einzigen waren, welche
ihre wenige Zufriedenheit mit seinem Betragen ziemlich deutlich merken
liessen. Mit einer Figur wie die seinige, mit allem dem was den Augen und
Herzen nachstellt in so ausserordentlichem Grade begabt, war es sehr
natuerlich, dass er die Aufmerksamkeit der Schoenen auf sich ziehen musste.
Die Damen zu Syracus hatten so gut Augen wie die zu Smyrna--und Herzen
dazu--oder wenn sie keine hatten, so hatten sie doch etwas, dessen
Bewegungen sehr gewoehnlich mit den Bewegungen des Herzens verwechselt
werden; oder wenn sie auch das nicht hatten, so hatten sie doch Eitelkeit,
und konnten also nicht gleichgueltig gegen die eigensinnige
Unempfindlichkeit eines Mannes sein, welcher eben dadurch ein Feind wurde,
dessen ueberwindung seine Siegerin zur Liebenswuerdigsten ihres Geschlechts
zu erklaeren schien. In den Augen der meisten Schoenen ist der Guenstling
eines Monarchen allezeit ein Adonis; wie natuerlich war also der Wunsch,
einen Adonis empfindlich zu machen, der noch dazu der Liebling eines
Koenigs, und in der Tat, den Namen, und eine gewisse Binde um den Kopf
ausgenommen, der Koenig selbst war? Man kann sich auf die Geschicklichkeit
der schoenen Sicilianerinnen verlassen, dass sie nichts vergessen haben
werden, seiner Kaltsinnigkeit auch nicht den Schatten einer anstaendigen
Entschuldigung uebrig zu lassen. Und womit haette sie wohl entschuldiget
werden koennen? Es ist wahr, ein Mann, der mit der Sorge fuer einen ganzen
Staat beladen ist, hat nicht so viel Musse als ein junger Herr, der sonst
nichts zu tun hat, als sein Gesicht alle Tage ein paarmal im Vorzimmer zu
zeigen, und die uebrige Zeit von einer Schoenen, und von einer Gesellschaft
zur andern fortzuflattern. Aber man mag so beschaeftiget sein als man will,
so behaelt man doch allezeit Stunden fuer sich selbst, und fuer sein
Vergnuegen uebrig; und obgleich Agathon sich seinen Beruf etwas schwerer
machte, als er in unsern Zeiten zu sein pflegt, nachdem man das Geheimnis
erfunden hat, die schweresten Dinge mit einer gewissen unsern plumpern
Vorfahren unbekannten Leichtigkeit--vielleicht nicht so gut, aber doch
artiger--zu tun; so war es doch Augenscheinlich, dass er solche Stunden
hatte. Der Einfluss, den er in die Staats-Verwaltung hatte, schien ihm so
wenig zu schaffen zu machen; er brachte so viel Freiheit des Geistes, so
viel Munterkeit und guten Humor zur Gesellschaft, und zu den
Ergoetzlichkeiten, wo ihn Dionys fast immer um sich haben wollte, dass man
die Schuld seiner seltsamen Auffuehrung unmoeglich seinen Geschaeften
beimessen konnte. Man musste also sie begreiflich zu machen auf andere
Hypothesen verfallen. Anfangs hielt eine jede die andere im Verdacht,
die geheime Ursache davon zu sein; und so lange dieses daurte, haette man
sehen sollen, mit was fuer Augen die guten Damen einander beobachteten, und
wie oft man in einem Augenblicke eine Entdeckung gemacht zu haben glaubte,
welche der folgende Augenblick wieder vernichtigte. Endlich befand
sich's, dass man einander Unrecht getan hatte; Agathon war gegen alle
gleich verbindlich, und liebte keine. Auf eine Abwesende konnte man
keinen Argwohn werfen; denn was haette ihn bewegen sollen, den Gegenstand
seiner Liebe von sich entfernt zu halten? Es blieben also keine andre als
solche Vermutungen uebrig, welche unserm Helden auf die eine oder andre Art
nicht sonderliche Ehre machten; ohne dass sie den gerechten Verdruss
vermindern konnten, den man ueber ein so wenig natuerliches und in jeder
Betrachtung so verhasstes Phaenomen empfinden musste.

Unsre Leser, welche nicht vergessen haben koennen, was Agathon zu Smyrna
war, werden so gleich auf einen Gedanken kommen, welcher freilich den
Damen zu Syracus unmoeglich einfallen konnte--naemlich, dass es ihnen
vielleicht an Reizungen gefehlt habe, um einen hinlaenglichen Eindruck auf
ein Herz zu machen, welches nach einer Danae (welch ein Gemaelde macht
dieses einzige Wort!) nicht leicht etwas wuerdig finden konnte, seine
Neugier rege zu machen. Allein wenn die Nachrichten, denen wir in dieser
Geschichte folgen, Glauben verdienen, so hat eine den mehr bemeldten Damen
so wenig schmeichelnde Vermutung nicht den geringsten Grund: Syracus hatte
Schoenen, welche so gut als Danae, den Polycleten zu Modellen haetten dienen
koennen; und diese Schoenen hatten alle noch etwas dazu, das die Schoenheit
gelten macht; einige Witz, andre Zaertlichkeit; andre wenigstens ein gutes
Teil von dieser edeln Unverschaemtheit, welche eine gewisse Klasse von
modernen Damen zu charakterisieren scheint, und zuweilen schneller zum
Zweck fuehrt als die vollkommensten Reizungen, welche unter dem Schleier
der Bescheidenheit versteckt, ein nachteiliges Misstrauen in sich selbst zu
verraten scheinen. Es konnte also nicht das sein--Gut! So wird er sich
etwan des Socratischen Geheimnisses bedient, und in den verschwiegenen
Liebkosungen irgend einer gefaelligen Cypassis das leichteste Mittel
gefunden haben, sich vor der Welt die Miene eines Xenocrates zu
geben?--Das auch nicht! wenigstens sagen unsre Nachrichten nichts davon.
Ohne also den Leser mit vergeblichen Mutmassungen aufzuhalten, wollen wir
gestehen, dass die Ursache dieser Kaltsinnigkeit unsers Helden, etwas so
natuerliches und einfaeltiges war, dass, so bald wir es entdeckt haben werden,
Schah Baham selbst sich einbilden wuerde, er habe wo nicht eben das, doch
ungefaehr so etwas erwartet.

Der Kaufmann, mit welchem Agathon nach Syracus gekommen war, war einer von
denjenigen, welchen er ehmals zu Athen das Bildnis seiner Psyche zu dem
Ende gegeben hatte, damit sie mit desto besserm Erfolg aller Orten moechte
aufgesucht werden koennen. Gleichwohl erinnerte er sich dieses Umstands
nicht eher, bis er einsmals bei einem Besuch, den er ihm machte, dieses
Bildnis von ungefaehr in dem Cabinet seines Freundes ansichtig wurde.
Dasjenige was Agathon in diesem Augenblick empfand, war wenig von dem
unterschieden, was er empfunden haette, wenn es Psyche selbst gewesen waere.
Die Ideen seiner ersten Liebe wurden dadurch wieder so lebhaft, dass er,
so schwach auch seine Hoffnung war, das Urbild jemals wieder zu sehen,
sich aufs Neue in dem Entschluss bestaetigte, ihrem Andenken getreu zu
bleiben. Die Damen von Syracus hatten also wuerklich eine Nebenbuhlerin,
ob sie gleich nicht erraten konnten, dass diese zaertlichen Seufzer, welche
jede unter ihnen seinem Herzen abzugewinnen wuenschte, in mitternaechtlichen
Stunden vor einer gemalten Gebieterin ausgehaucht wurden.

Unter allen denjenigen, welche sich durch die Unempfindlichkeit unsers
Helden beleidiget fanden, konnte keine der schoenen Cleonissa in Absicht
aller Vollkommenheiten, welche Natur und Kunst in einem Frauenzimmer
vereinigen koennen, den Vorzug streitig machen. Eine vollkommen
regelmaessige Schoenheit ist (mit Erlaubnis aller derjenigen, welche dabei
interessiert sein moegen, die Grazien ihrer Koenigin vorzuziehen) unter
allen Eigenschaften, die eine Dame haben kann, diejenige welche den
allgemeinsten, geschwindesten und staerksten Eindruck macht; und fuer
tugendhafte Personen hat sie noch diesen Vorteil, dass sie das Verlangen
von der Besitzerin eines so seltnen Vorzugs geliebt zu sein, in dem
naemlichen Augenblick durch eine Art von mechanischer Ehrfurcht
zurueckscheucht, deren sich der verwegenste Satyr kaum erwehren kann.
Cleonissa besass diese Vollkommenheit in einem Grade, der den
kaltsinnigsten Kennern des Schoenen nichts daran zu tadeln uebrig liess; es
war unmoeglich sie ohne Bewunderung anzusehen. Aber die ungemeine
Zurueckhaltung, welche sie affektierte, das Majestaetische, das sie ihrer
Miene, ihren Blicken und allen ihren Bewegungen zu geben wusste, mit dem
Ruf einer strengen Tugend, worein sie sich dadurch gesetzt hatte,
verstaerkte die bemeldte natuerliche Wuerkung ihrer Schoenheit so sehr, dass
niemand kuehn genug war, sich in die Gefahr zu wagen, den Ixion dieser Juno
abzugeben. Die Mittelmaessigkeit ihrer Herkunft, und sowohl der Stand als
die Vorsicht eines eifersuechtigen Ehmannes, hatten sie waehrend ihrer
ersten Jugend in einer so grossen Entfernung von der Welt gehalten, dass sie
eine ganz neue Erscheinung war, als Philistus (der sie, wir wissen nicht
wie, aufgespart, und Mittel gefunden hatte, sie mit guter Art zur Witwe zu
machen) sie in Qualitaet seiner Gemahlin an den Hof der Prinzessinnen
brachte; unter welchen Namen die Mutter, die Gemahlin, und die Schwestern
des Dionys begriffen wurden. Nicht viel geneigter als sein Vorgaenger,
eine Frau von so besondern Vorzuegen mit einem andern, und wenn es Jupiter
selbst gewesen waere, zu teilen, hatte er anfangs alle Behutsamkeit
gebraucht, welche der geizige Besitzer eines kostbaren Schatzes nur immer
anwenden kann, um ihn vor der schlauesten Nachstellung zu verwahren. Aber
die Tugend der Dame, und die herrschende Neigung, welche Dionys in den
ersten Jahren seiner Regierung fuer diejenige Klasse von Schoenen zeigte,
welche nicht so viel Schwierigkeiten machen; vielleicht auch eine gewisse
Laulichkeit, welche die Eigentuemer dieser wundertaetigen Schoenheiten
gemeiniglich nach Verfluss zweier oder dreier Jahre, oft auch viel frueher,
unvermerkt zu ueberschleichen pflegt; hatten seine Eifersucht so zahm
gemacht, dass er in der Folge kein Bedenken trug, sie den Prinzessinnen so
oft sie wollten zur Gesellschaft zu ueberlassen. Wir wollen nicht
untersuchen, ob Cleonissa damals wuerklich so tugendhaft war, als die
Sproedigkeit ihres Betragens gegen die Manns-Personen und die strengen
Maximen, wornach sie andre von ihrem Geschlecht beurteilte, zu beweisen
schienen. Genug dass die Prinzessinnen, und was noch mehr ist, ihr Gemahl,
vollkommen davon ueberzeugt waren, und dass sich noch keiner von den
Hoeflingen unterstanden hatte, eine so ehrwuerdige Tugend auf die Probe zu
setzen. Waehrend der Zeit, da Plato in so grossem Ansehen bei Dionysen
stund, war Cleonissa eine von den eifrigsten Verehrerinnen dieses Weisen,
und diejenige, welche den erhabenen Jargon seiner Philosophie am
gelaeufigsten reden lernte. Es mag nun aus Begierde sich durch ihren Geist
eben so sehr als durch ihre Figur ueber die uebrigen ihres Geschlechts zu
erheben, (eine ziemlich gewoehnliche Schwachheit der eigentlich so
genannten Schoenen,) oder aus irgend einem reinern Beweggrunde geschehen
sein; so ist gewiss, dass sie alle Gelegenheiten den goettlichen Plato zu
hoeren mit solcher Begierlichkeit suchte, eine so ausnehmende Hochachtung
fuer seine Person, einen so unbedingten Glauben an seine Begriffe von
Schoenheit und Liebe, und alle uebrige Teile seines Systems zeigte, und mit
einem Wort, in kurzer Zeit, an Leib und Seele einer Platonischen Idee so
aehnlich sah: Dass dieser weise Mann, stolz auf eine solche Schuelerin, durch
den besondern Vorzug, den er ihr gab, die allgemeine Meinung von ihrer
Weisheit unendlich erhoehte. Es ist wahr, es waere nur auf ihn angekommen,
bei gewissen Gelegenheiten gewisse Beobachtungen in ihren schoenen Augen zu
machen, welche ihn ohne eine lange Reihe von Schluessen auf die Vermutung
haetten bringen koennen, dass es nicht unmoeglich sein wuerde, diese Goettin zu
humanisieren. Aber der gute Plato hatte damals schon ueber sechzig Jahre,
und machte keine solche Beobachtungen mehr. Cleonissa blieb also in dem
Ansehen eines lebendigen Beweises des Platonischen Lehrsatzes, dass die
aeusserliche Schoenheit ein Widerschein der intellektualischen Schoenheit des
Geistes sei; das Vorurteil fuer ihre Tugend hielt dem Eindruck, welchen
ihre Reizungen haetten machen koennen, das Gleichgewicht; und sie hatte das
Vergnuegen, die vollkommne Gleichgueltigkeit, welche Dionys fuer sie behielt,
der Weisheit ihres Betragens zu zuschreiben, und sich dadurch ein neues
Verdienst bei den Prinzessinnen zu machen.

Aber--o! wie wohl laesst sich jener Solonische Ausspruch, dass man niemand
vor seinem Ende gluecklich preisen solle, auch auf die Tugend der Heldinnen
anwenden! Cleonissa sah den Agathon, und--hoerte in diesem Augenblick auf
Cleonissa zu sein--Nein, das eben nicht; ob es gleich nach dem
Platonischen Sprachgebrauch richtig gesprochen waere; aber sie bewies, dass
die Prinzessinnen, und sie selbst, und ihr Gemahl, und der Hof, und die
ganze Welt, den goettlichen Plato mit eingeschlossen, sich sehr geirret
hatten, sie fuer etwas anders zu halten als sie war, und als sie einem
jeden mit Vorurteilen unbefangenen Beobachter, einem Aristipp zum Exempel,
in der ersten Stunde zu sein scheinen musste.

Sich ueber einen so natuerlichen Zufall zu verwundern, wuerde unseren
Beduenken nach, eine grosse Suende gegen das nie genug anzupreisende Nil
admirari sein, in welchem (nach der Meinung erfahrner Kenner der
menschlichen Dinge) das eigentliche grosse Geheimnis der Weisheit,
dasjenige was einen wahren Adepten macht, verborgen liegt. Die schoene
Cleonissa war ein Frauenzimmer, und hatte also ihren Anteil an den
Schwachheiten, welche die Natur ihrem Geschlecht eigen gemacht hat, und
ohne welche diese Haelfte der menschlichen Gattung weder zu ihrer
Bestimmung in dieser sublunarischen Welt so geschickt, noch in der Tat, so
liebenswuerdig sein wuerde als sie ist. Ja wie wenig Verdienst wuerde selbst
ihrer Tugend uebrig bleiben, wenn sie nicht durch eben diese Schwachheiten
auf die Probe gesetzt wuerde?

Dem sei nun wie ihm wolle, die Dame fuehlte, so bald sie unsern Helden
erblickte, etwas, das die Tugend einer gewoehnlichen Sterblichen haette
beunruhigen koennen. Aber es gibt Tugenden von einer so starken Komplexion,
dass sie durch nichts beunruhiget werden; und die ihrige war von dieser
Art. Sie ueberliess sich den Eindruecken, welche ohne Zutun ihres Willens
auf sie gemacht wurden, mit aller Unerschrockenheit, welche ihr das
Bewusstsein ihrer Staerke geben konnte. Die Vollkommenheit des Gegenstandes
rechtfertigte die ausserordentliche Hochachtung, welche sie fuer ihn
bezeugte. Grosse Seelen sind am geschicktesten, einander Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen; und ihre Eigenliebe ist so sehr dabei interessiert,
dass sie die Parteilichkeit fuer einander sehr weit treiben koennen, ohne
sich dadurch besonderer Absichten verdaechtig zu machen. Ein so unedler
Verdacht konnte ohnehin nicht auf die erhabene Cleonissa fallen; indessen
war doch nichts natuerlicher, als die Erwartung, dass sie in unserm Helden
eben diesen, wo nicht einen noch hoehern Grad der Bewunderung erwecken
werde, als sie fuer ihn empfand. Diese Erwartung verwandelte sich eben so
natuerlich in ein mit Unmut vermischtes Erstaunen, da sie sich darin
betrogen sah; und was konnte aus diesem Erstaunen anders werden, als eine
heftige Begierde, ihrer durch seine Gleichgueltigkeit aeusserst beleidigten
Eigenliebe eine vollstaendige Genugtuung zu verschaffen? Auch wenn sie
selbst gleichgueltig gewesen waere, haette sie mit Recht erwarten koennen, dass
ein so feiner Kenner ihren Wert zu empfinden, und eine Cleonissa von den
kleinern Sternen, welchen nur in ihrer Abwesenheit zu glaenzen erlaubt war,
zu unterscheiden wissen werde. Wie sehr musste sie sich also beleidiget
halten, da sie mit diesem edeln Enthusiasmus, womit die privilegierte
Seelen sich ueber die kleinen Bedenklichkeiten gewoehnlicher Leute
hinwegsetzen, ihm entgegengeflogen war, und die Beweise ihrer
sympathetischen Hochachtung nicht so lange zurueckzuhalten gewuerdiget hatte,
bis sie von der seinigen ueberzeugt worden waere? Da es nur von ihrer
Eigenliebe abhing, die Groesse des Unrechts nach der Empfindung ihres eignen
Werts zu bestimmen; so war die Rache, welche sie sich an unserm Helden zu
nehmen versetzte, die grausamste, welche nur immer in das Herz einer
beleidigten Schoenen kommen kann. Sie wollte die ganze vereinigte Macht
aller ihrer intellektualischen und koerperlichen Reizungen, verstaerkt durch
alle Kunstgriffe der schlauesten Koketterie (wovon ein so allgemeines
Genie als das ihrige wenigstens die Theorie besitzen musste) dazu anwenden,
ihren Undankbaren zu ihren Fuessen zu legen; und wenn sie ihn durch die
gehoerige Abwechslungen von Furcht und Hoffnung endlich in den klaeglichen
Zustand eines von Liebe und Sehnsucht verzehrten Seladons gebracht, und
sich an dem Schauspiel seiner Seufzer, Traenen, Klagen, Ausrufungen und
aller andern Ausbrueche der verliebten Torheit lange genug ergoetzt haben
wuerde--ihn endlich auf einmal die ganze Schwere der kaltsinnigsten
Verachtung fuehlen lassen. So wohlausgesonnen diese Rache war; so eifrig
und mit so vieler Geschicklichkeit wurden die Anstalten dazu ins Werk
gesetzt; und wir muessen gestehen, dass wenn der Erfolg eines Projekts
allein von der guten Ausfuehrung abhinge, die schoene Cleonissa den
vollstaendigsten Triumph haette erhalten muessen, der jemals ueber den Trotz
eines widerspenstigen Herzens erhalten worden waere. Ob diese Dame, wenn
Agathon sich in ihrem Netze gefangen haette, faehig gewesen waere, die Rache
so weit zu treiben als sie sich selbst versprochen hatte?--ist eine
problematische Frage, deren Entscheidung vielleicht sie selbst, wenn der
Fall sich ereignet haette, in keine kleine Verlegenheit gesetzt haben wuerde.
Aber Agathon liess es nicht so weit kommen. Er legte eine neue Probe ab,
dass es nur einer Danae gegeben war, die schwache Seite von seinem Herzen
ausfuendig zu machen. Cleonissa hatte bereits die Haelfte ihrer Kuenste
erschoepft, ehe er nur gewahr wurde, dass ein Anschlag gegen ihn im Werke
sei; und von dem Augenblick, da er es gewahr wurde, stieg sein Kaltsinn,
nach dem Verhaeltnis wie ihre Bemuehungen sich verdoppelten, auf einen
solchen Grad; oder deutlicher zu reden, der Absatz, den ihre zuletzt bis
zur Unanstaendigkeit getriebene Nachstellungen mit der affektierten
Erhabenheit ihrer Denkungs-Art, und mit der Majestaet ihrer Tugend machten,
tat eine so schlimme Wuerkung bei ihm, dass die schoene Cleonissa sich
genoetiget sah, die Hoffnung des Triumphs, womit sich ihre Eitelkeit
geschmeichelt hatte, gaenzlich aufzugeben. Die Wut, in welche sie dadurch
gesetzt wurde, verwandelte sich nach und nach in den vollstaendigsten Hass,
der jemals (mit Shakespear zu reden) die Milch einer weiblichen Brust in
Galle verwandelt hat. Alles was sie ihrer Tugend in diesen Umstaenden zu
tun gab, war, die Bewegungen dieser Leidenschaft so geschickt zu verbergen,
dass weder der Hof noch Agathon selbst gewahr wurde, mit welcher Ungeduld
sie sich nach einer Gelegenheit sehnte, ihn die Wuerkungen davon empfinden
zu lassen.

In dieser Situation befanden sich die Sachen, als Dionys, des ruhigen
Besitzes der immer gefaelligen Bacchidion, und ihrer Taenze ueberdruessig,
sich zum ersten mal einfallen liess, die Beobachtung zu machen, dass
Cleonissa schoen sei. Er hatte sie noch nicht lange mit einiger
Aufmerksamkeit beobachtet, so deuchte ihn, dass er noch nie keine so schoene
Kreatur gesehen habe; und nun fing er an sich zu verwundern, dass er diese
Beobachtung nicht eher gemacht habe. Endlich erinnerte er sich, dass die
Dame sich jederzeit durch eine sehr sproede Tugend und einen erklaerten Hang
fuer die Metaphysik unterschieden hatte; und nun zweifelte er nicht mehr,
dass es dieser Umstand gewesen sein muesse, was ihn verhindert habe, ihrer
Schoenheit eher Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eine Art von
maschinalischer Ehrfurcht vor der Tugend, die von seiner Indolenz und der
furchtbaren Vorstellung herkam, welche er sich von den Schwierigkeiten sie
zu besiegen in den Kopf gesetzt hatte, wuerde ihn vielleicht auch diesesmal
in den Grenzen einer untaetigen Bewunderung gehalten haben, wenn nicht
einer von diesen kleinen Zufaellen, welche so oft die Ursachen der
groessesten Begebenheiten werden, seine natuerliche Traegheit auf einmal in
die ungeduldigste Leidenschaft verwandelt haette. Da dieser Zufall
jederzeit eine Anekdote geblieben ist, so koennen wir nicht gewiss sagen, ob
es (wie einige Sicilianische Geschichtschreiber vorgeben) der naemliche
gewesen, wodurch in neuern Zeiten die Schwester des beruehmten Herzogs von
Marlborough den ersten Grund zu dem ausserordentlichen Glueck ihrer Familie
gelegt haben soll; oder ob er sie vielleicht von ungefaehr in dem Zustand
ueberrascht haben mochte, worin der Actaeon der Poeten das Unglueck hatte,
die schoene Diana zu erblicken. Das ist indessen ausgemacht, dass von
dieser geheimen Begebenheit an, die Leidenschaft und die Absichten des
Dionys einen Schwung nahmen, wodurch sich die Tugend der allzuschoenen
Cleonissa in keine geringe Verlegenheit gesetzt befand, wie sie in einer
so schluepfrigen Situation dasjenige, was sie sich selbst schuldig war, mit
den Pflichten gegen ihren Prinzen vereinigen wollte. Dionys war so
dringend, so unvorsichtig--und sie hatte so viele Personen in Acht zu
nehmen--sie, die in jedem andern Frauenzimmer eine Nebenbuhlerin hatte,
und bei jedem Schritt von hundert eifersuechtigen Augen belauret wurde,
welche nicht ermangelt haben wuerden, den kleinsten Fehltritt, den sie
gemacht haette, durch eben so viele Zungen der ganzen Welt in die Ohren
fluestern zu lassen. Auf der einen Seite, ein von Liebe brennender Koenig
zu ihren Fuessen, bereit eine unbegrenzte Gewalt ueber ihn selbst und ueber
alles was er hatte, um die kleinste ihrer Gunstbezeugungen hinzugeben--auf
der andern, der glaenzende Ruhm einer Tugend, welche noch kein Sterblicher
fuer fehlbar zu halten sich unterstanden hatte, das Vertrauen der
Prinzessinnen, die Hochachtung ihres Gemahls--Man muss gestehen, tausend
andre wuerden sich zwischen zweien auf so verschiedene Seiten ziehenden
Kraeften nicht zu helfen gewusst haben. Aber Cleonissa wusste es, ob sie
sich gleich zum ersten mal in dieser Schwierigkeit befand, so gut, dass der
ganze Plan ihres Betragens sie schwerlich eine einzige schlaflose Nacht
kostete. Sie sah beim ersten Blick, wie wichtig die Vorteile waren,
welche sie in diesen Umstaenden von ihrer Tugend ziehen konnte. Das
naemliche Mittel, wodurch sie ihren Ruhm sicher stellen, und die
Freundschaft der Prinzessinnen erhalten konnte, war unstreitig auch
dasjenige, was den unbestaendigen Dionys, bei dem vorsichtigen Gebrauch der
erforderlichen Aufmunterungen, auf immer in ihren Fesseln behalten wuerde.
Sie setzte also seinen Erklaerungen, Verheissungen, Bitten, Drohungen, (zu
den feinern Nachstellungen war er weder zaertlich noch schlau genug) eine
Tugend entgegen, welche ihn durch ihre Hartnaeckigkeit notwendig haette
ermueden muessen, wenn das Mitleiden mit dem Zustand, worein sie ihn zu
setzen gezwungen war, sie nicht zu gleicher Zeit vermocht haette, seine
Pein durch alle die kleinen Palliative zu lindern, welche im Grunde fuer
eine Art von Gunstbezeugungen angesehen werden koennen, ohne dass gleichwohl
die Tugend, bei einem Liebhaber wie Dionys war, dadurch zuviel von ihrer
Wuerde zu vergeben scheint. Die zaertliche Empfindlichkeit ihres
Herzens--die Gewalt welche sie sich antun musste, einem so liebenswuerdigen
Prinzen zu widerstehen--die stillschweigenden Gestaendnisse ihrer
Schwachheit, welche zu eben der Zeit, da sie ihm den entschlossensten
Widerstand tat, ihrem schoenen Busen wider ihren Willen entflohen--o!
tugendhafte Cleonissa! Was fuer eine gute Aktrice warest du!--Was haette
Dionys sein muessen, wenn er bei solchen Anscheinungen die Hoffnung
aufgegeben haette, endlich noch gluecklich zu werden?

Inzwischen war, ungeachtet aller Behutsamkeit, welche Cleonissa, und
Dionys selbst gebrauchte, die Leidenschaft dieses Prinzen, und die
unueberwindliche Tugend seiner Goettin, ein Geheimnis, welches der ganze Hof
wusste, wenn man schon nicht dergleichen tat, als ob man Augen oder Ohren
haette. Cleonissa hatte die Vorsicht gebraucht, die Schwestern des Prinzen,
von dem Augenblicke, da sie an seiner Leidenschaft nicht mehr zweifeln
konnte, zu ihren Vertrauten zu machen; diese hatten wieder im Vertrauen
alles seiner Gemahlin entdeckt, und die Gemahlin seiner Mutter. Die
Prinzessinnen, welche seine bisherigen Ausschweifungen immer vergebens
beseufzet, und besonders gegen die arme Bacchidion einen Widerwillen
gefasst hatten, wovon sich kein andrer Grund, als die launische
Denkungs-Art dieser Damen angeben laesst, waren erfreut, dass seine Neigung
endlich einmal auf einen tugendhaften Gegenstand gefallen war. Die
ausnehmende Klugheit der schoenen Cleonissa machte ihnen Hoffnung, dass es
ihr gelingen wuerde, ihn unvermerkt auf den rechten Weg zu bringen.
Cleonissa erstattete ihnen jedes mal getreuen Bericht von allem was
zwischen ihr und ihrem Liebhaber vorgegangen war--oder doch von allem, was
die Prinzessinnen davon zu wissen noetig hatten; alle Massregeln, wie sie
sich gegen ihn betragen sollte, wurden in dem Cabinet der Koenigin
abgeredet; und diese gute Dame, welche das Unglueck hatte, die
Kaltsinnigkeit ihres Gemahls gegen sie lebhafter zu empfinden, als es fuer
ihre Ruhe gut war, gab sich alle moegliche Bewegungen, die Bemuehungen zu
befoerdern, welche von der tugendhaften Cleonissa angewandt wurden, den
Prinzen in die Schranken der Gebuehr zurueckzubringen. Alles dieses machte
eine Art von Intrigue aus, bei welcher, ungeachtet der anscheinenden Ruhe,
der ganze Hof in innerlicher Bewegung war. Der einzige Philistus,
derjenige der am meisten Ursache hatte, aufmerksam zu sein, wusste nichts
von allem was jedermann wusste; oder bewies doch wenigstens in seinem
ganzen Betragen eine so seltsame Sicherheit, dass wir, wenn uns das
ausserordentliche Vertrauen nicht bekannt waere, welches er in die Tugend
seiner Gemahlin zu setzen Ursache hatte, fast notwendig auf den Argwohn
geraten muessten, als ob er gewisse Absichten bei dieser Auffuehrung gehabt
haben koennte, welche seinem Charakter keine sonderliche Ehre machen wuerden.

Alles ging wie es gehen sollte; Dionys setzte die Belagerung mit der
aeussersten Hartnaeckigkeit und mit Hoffnungen fort, welche der tapfre
Widerstand der weisen Cleonissa ziemlich zweideutig machte--die Liebe
schien noch wenig ueber ihre Tugend erhalten zu haben, obgleich diese
allmaehlich anfing, von ihrer Majestaet nachzulassen, und zu erkennen zu
geben, dass sie nicht ganz ungeneigt waere, unter hinlaenglicher Sicherheit
sich in ein geheimes Verstaendnis, in so fern es eine blosse Liebe der Seele
zur Absicht haette, einzulassen--Die Prinzessinnen sahen mit dem
vollkommensten Vertrauen auf die keuschen Reizungen ihrer Freundin, der
Entwicklung des Stuecks entgegen--und Philistus war von einer Gefaelligkeit,
von einer Indolenz, wie man niemals gesehen hat: Als Agathon, zum Unglueck
fuer ihn und fuer Sicilien, durch einen Eifer, der an einem Staats-Mann von
so vieler Einsicht kaum zu entschuldigen war, sich verleiten liess, den
gluecklichen Fortgang der verschiedenen Absichten, welchen
Dionys--Cleonissa--die Prinzessinnen--und vielleicht auch Philistus--schon
so nahe zu sein glaubten, durch seine unzeitige Dazwischenkunft zu
unterbrechen.

DRITTES KAPITEL

Grosse Fehler wider die Staats-Kunst, welche Agathon beging--Folgen davon

Die Vertraulichkeit, worin Dionys mit seinen Guenstlingen zu leben pflegte,
und das natuerliche Beduerfnis eines Verliebten, jemand zu haben, dem er
sein Leiden oder seine Glueckseligkeit entdecken kann--hatten ihm nicht
erlaubt, dem Agathon aus seiner neuen Liebe ein Geheimnis zu machen; und
dieser trieb die Gefaelligkeit anfaenglich so weit, sich von dem
schwatzhaftesten Liebhaber, der jemals gewesen war, mit den
Angelegenheiten seines Herzens ganze Stunden durch Langeweile machen zu
lassen, in denen es dem guten Prinzen kein einziges mal einfiel, dass diese
Angelegenheiten einem dritten unmoeglich so wichtig vorkommen koennten, als
sie ihm selbst waren. Ohne seine Wahl geradezu zu missbilligen (wovon er
eine schlechte Wuerkung haette hoffen koennen) begnuegte er sich anfangs, ihm
die Schwierigkeiten, welche er bei einer Dame von so strenger und
systematischer Tugend finden wuerde, so fuerchterlich abzumalen, dass er ihn
von einer Unternehmung, welche sich dem Ansehen nach, wenigstens in eine
entsetzliche Laenge hinausziehen wuerde, abzuschrecken hoffte. Wie er aber
sah, dass Dionys anstatt durch den Widerstand, ueber den er sich beklagte,
ermuedet zu werden, von Tag zu Tag mehr Hoffnung schoepfte, diese
beschwerliche Tugend durch hartnaeckig wiederholte Anfaelle endlich selbst
abzumatten: So glaubte er der schoenen Cleonissa nicht zu viel zu tun, wenn
er sie im Verdacht eines gekuenstelten Betragens haette, welches die
Leidenschaft des Prinzen zu eben der Zeit aufmunterte, da sie ihm alle
Hoffnung zu verbieten schien. Je schaerfer er sie beobachtete, je mehr
Umstaende entdeckte er, welche ihn in diesem Argwohn bestaerkten; und da
seine natuerliche Antipathie gegen die majestaetischen Tugenden das ihrige
mit beitrug, so hielt er sich nun vollkommen ueberzeugt, dass die weise und
tugendhafte Cleonissa weder mehr noch weniger als eine Betruegerin sei,
welche durch einen erdichteten Widerstand zu gleicher Zeit sich in dem Ruf
der Unueberwindlichkeit zu erhalten, und den leichtglaeubigen Dionys desto
fester in ihrem Garn zu verstricken im Sinne habe. Nunmehr fing er an die
Sache fuer ernsthaft anzusehen, und sich so wohl durch die Pflichten der
Freundschaft fuer einen Prinzen, fuer den er bei allen seinen Schwachheiten
eine Art von Zuneigung fuehlte, als aus Sorge fuer den Staat, verbunden zu
halten, einem Verstaendnis, welches fuer beide sehr schlimme Folgen haben
koennte, sich mit Nachdruck zu widersetzen. Bacchidion, welche, ohne eine
so regelmaessige Schoenheit zu sein, in seinen Augen unendlichmal
liebenswuerdiger war als Cleonissa, schien ihm ihres Herzens--oder
richtiger zu reden, ihrer gluecklichen Organisation wegen--ungeachtet des
gemeinen und gerechten Vorurteils gegen ihren Stand, in Vergleichung mit
dieser tugendhaften Dame eine sehr schaetzbare Person zu sein: Und da sie
in der Unruhe, worein sie die immer zunehmende Kaltsinnigkeit des Prinzen
zu setzen anfing, ihre Zuflucht zu ihm nahm, so machte er sich desto
weniger Bedenken, sich ihrer mit etwas mehr Eifer als die Wuerde seines
Charakters vielleicht gestatten mochte, anzunehmen. Dionys liebte sie
nicht mehr; aber er masste sich noch immer Rechte ueber sie an, welche nur
die Liebe geben sollte. Die schoene Bacchidion wurde nur zu deutlich
gewahr, dass sie nur die Stelle ihrer Nebenbuhlerin in seinen Armen
vertreten sollte; und ob sie gleich nur eine Taenzerin war, so deuchte sie
sich doch zu gut, Flammen zu lauschen, welche eine andere angezuendet hatte.
Dionys schien bei der anhaltenden Strenge seiner neuen Gebieterin, einer
solchen Gefaelligkeit mehr als jemals benoetiget zu sein; und eben darum gab
ihr Agathon den Rat, an ihrem Teil auch die Grausame zu machen, und zu
versuchen, ob sie durch ein sproedes und launisches Betragen, mit einer
gehoerigen Dosi von Koketterie vermischt, nicht mehr als durch zaertliche
Klagen und verdoppelte Gefaelligkeit gewinnen wuerde. Dieser Rat hatte
einen so guten Erfolg, dass Agathon, der sich des Sieges zu frueh versichert
hielt, itzo den gelegenen Augenblick gefunden zu haben glaubte, dem Dionys
offenherzig zu gestehen, wie wenig Achtung er fuer die angebliche Tugend
der Dame Cleonissa trage. Die Folgen der geheimen Unterredung, welche sie
mit einander ueber diese Materie hatten, entsprachen der Erwartung unsers
Helden nicht. Alles Nachteilige, was Agathon dem Prinzen von seiner neuen
Goettin sagen konnte, bewies hoechstens, dass sie nicht so viel Hochachtung
verdiene als er geglaubt hatte; aber es verminderte seine Begierden nicht;
desto besser fuer seine Absichten, wenn sie nicht so tugendhaft war.
Diesen edlen Gedanken liess er zwar den Agathon nicht sehen; aber Cleonissa
wurde ihn desto deutlicher gewahr. Dionys hatte nicht so bald erfahren,
dass die Tugend der Dame nur ein Popanz sei, so eilte er was er konnte,
Gebrauch von dieser Entdeckung zu machen, und setzte sie durch ein
Betragen in Erstaunen, welches mit seinem vorigen, und noch mehr mit der
Majestaet ihres Charakters, einen hoechst beleidigenden Kontrast machte.
Er war zwar Diskret genug, ihr nicht geradezu zu sagen, was fuer Begriffe
man ihm von ihr beigebracht habe; aber sein Bezeugen sagte es so deutlich,
dass sie nicht zweifeln konnte, es muesste ihr jemand schlimme Dienste bei
ihm geleistet haben. Dieser Umstand setzte sie in der Tat in keine
geringe Verlegenheit, wie sie dasjenige was sie ihrer beleidigten Wuerde
schuldig war, mit der Besorgnis, einen Liebhaber von solcher Wichtigkeit
durch allzuweit getriebene Strenge gaenzlich abzuschrecken, zusammenstimmen
wollte. Allein ein Geist wie der ihrige weiss sich aus den schwierigsten
Situationen herauszuwickeln; und Dionys ging ueberzeugter als jemals von
ihr, dass sie die Tugend selbst, und allein durch die Staerke der Sympathie,
wodurch ihre zum ersten mal geruehrte Seele gegen die seinige gezogen werde,
faehig werden koennte, die Hoffnungen dereinst zu erfuellen, welche sie ihm
weder erlaubte noch gaenzlich verwehrte. Von dieser Zeit an nahm seine
Leidenschaft und das Ansehen dieser Dame von Tag zu Tag zu; die schoene
Bacchidion wurde foermlich abgedankt; und Agathon wuerde in den Augen seines
Herren gelesen haben, wenn er es nicht aus seinem eignen Munde vernommen
haette, dass er gute Hoffnung habe, in wenigen Tagen den letzten Seufzer der
sterbenden Tugend von den Lippen der zaertlichen, und nur noch schwach
widerstehenden Cleonissa aufzufassen. Itzo glaubte er, dass es die hoechste
Zeit sei einen Schritt zu tun, der nur durch die aeusserste Notwendigkeit
gerechtfertiget werden konnte, aber seiner Meinung nach, das unfehlbarste
Mittel war, dieser gefaehrlichen Intrigue noch in Zeiten ein Ende zu machen.
Er liess also den Philistus zu sich rufen, und entdeckte ihm mit der
ganzen Vertraulichkeit eines ehrlichen Mannes, der mit einem ehrlichen
Manne zu reden glaubt, die nahe Gefahr, worin seine Ehre und die Tugend
seiner Gemahlin schwebe. Freilich entdeckte er dem edeln Philistus nichts,
als was dieser in der Tat schon lange wusste; aber Philistus machte nichts
desto weniger den Erstaunten; indessen dankte er ihm mit der lebhaftesten
Empfindung fuer ein so unzweifelhaftes Merkmal seiner Freundschaft, und
versicherte, dass er auf ein schickliches Mittel bedacht sein wollte, seine
Gemahlin, von welcher er uebrigens die beste Meinung von der Welt habe,
gegen alle Nachstellungen der Liebesgoetter sicher zu stellen.

Man hat wohl sehr recht, uns die Lehre bei allen Gelegenheiten
einzuschaerfen, dass man sich die Leute nach ihrer Weise verbindlich machen
muesse, und nicht nach der unsrigen. Agathon glaubte sich kein geringes
Verdienst um den Philistus gemacht zu haben, und wuerde nicht wenig ueber
die Apostrophen erstaunt gewesen sein, welche dieser wuerdige Minister an
ihn machte, so bald er sich wieder allein sah. In der Tat musste es diesen
notwendig ungehalten machen, sich durch eine so unzeitige Vorsorge fuer
seine Ehre auf einmal aller Vorteile seiner bisherigen diskreten
Unachtsamkeit verlustiget zu sehen. Indessen konnte er nun, ohne sich in
Agathons Augen zum Verraeter seiner eigenen Ehre zu machen, nicht anders;
er musste den Eifersuechtigen spielen. Die Komoedie bekam dadurch auf
etliche Tage einen sehr tragischen Schwung--Wie viel Muehe haetten sich die
Haupt-Personen dieser Farce ersparen koennen, wenn sie die Maske haetten
abnehmen, und sich einander in puris naturalibus zeigen wollen? Aber
diese Leute aus der grossen Welt sind so puenktliche Beobachter des
Wohlstands!--und sind darum zu beloben; denn es beweiset doch immer, dass
sie sich ihrer wahren Gestalt schaemen, und die Verbindlichkeit etwas
bessers zu sein als sie sind, stillschweigend anerkennen--Cleonissa
rechtfertigte sich also gegen ihren Gemahl, indem sie sich auf die
Prinzessinnen, als unverwerfliche Zeugen der untadelhaften Unschuld ihres
Betragens berief. Niemals ist ein erhabneres und pathetischeres Stueck von
Beredsamkeit gehoert worden, als die Rede war, wodurch sie ihm die
Unbilligkeit seines Verdachts vorhielt; und der gute Mann wusste sich
endlich nicht anders zu helfen, als dass er den Freund nannte, von dem er,
wiewohl aus guter Absicht, in diesen kleinen Anstoss einer, wie er nun
vollkommen erkannte, hoechst unnoetigen und straeflichen Eifersucht gesetzt
worden sei. Die Wut einer stuermischen See--einer zur Rache gereizten
Hornisse--oder einer Loewin, der ihre Jungen geraubt worden, sind nur
schwache Bilder in Vergleichung mit der Wut, in welche Cleonissens
tugendhafter Busen bei Nennung des Namens Agathon aufloderte. Wuerklich
war nichts mit ihr zu vergleichen, als die Wollust, womit der Gedanke sie
berauschte, dass sie es nun endlich in ihrer Gewalt habe, die lange
gewuenschte Rache an diesem undankbaren Veraechter ihrer Reizungen zu nehmen.
Sie misshandelte den Dionys, (den sie fuer die unertraegliche Beleidigung,
welche sie von ihrem Gemahl erduldet hatte, zur Rechenschaft zog) so lange
und so grausam, bis er ihr, wiewohl ungern, (denn er wollte seinen
Guenstling nicht aufopfern) entdeckte, wie wenig sie dem Agathon fuer seine
Meinung von ihr verbunden sei. Nunmehr klaerte sich, wie sie sagte, das
ganze Geheimnis auf; und in der Tat musste sie sich nur ueber ihre eigene
Einfalt verwundern, da sie sich eines bessern zu einem Manne versehen
hatte, von dessen Rache sie natuerlicher Weise das Schlimmste haette
erwarten sollen--Wenn Dionys bei diesen Worten stutzte, so kann man sich
einbilden, was er fuer eine Miene machte, da sie ihm, vermittelst einer
Konfidenz, wozu sie durch ihre eigene Rechtfertigung gezwungen war,
umstaendlich entdeckte, dass der Hass Agathons gegen sie allein daher
entsprungen sei, weil sie nicht fuer gut befunden habe, seine Liebe genehm
zu halten. Dieses war nun freilich nicht nach der Schaerfe wahr. Aber da
sie nun einmal dahin gebracht war, sich selbst verteidigen zu muessen; so
war natuerlich, dass sie es lieber auf Unkosten einer Person, die ihr
verhasst war, als auf ihre eigene tat. So viel ist gewiss, dass sie ihre
Absicht dadurch mehr als zu gut erreichte. Dionys geriet in einen so
heftigen Anfall von Eifersucht ueber seinen unwuerdigen Liebling--dieser
Mann, der der Liebe eines Dionys unwuerdig war, war Agathon!--dass Cleonissa,
(welche besorgte, dass ein ploetzlicher Ausbruch zu missbeliebigen
Erlaeuterungen Anlass geben koennte) alle ihre Gewalt ueber ihn anwenden musste,
ihn zurueckzuhalten. Sie bewies ihm die Notwendigkeit, einen Mann, der zu
allem Unglueck der Abgott der Nation waere, vorsichtig zu behandeln. Dionys
fuehlte die Staerke dieses Beweises, und hassete den Agathon nur um so viel
herzlicher. Die Prinzessinnen mischten sich auch in die Sache, und legten
unserm Helden sehr uebel aus, dass er, anstatt den Prinzen von
Ausschweifungen abzuhalten, eine Kreatur wie Bacchidion mit so vielem
Eifer in seinen Schutz genommen hatte. Man scheuete sich nicht, diesem
Eifer so gar einen geheimen Beweggrund zu leihen; und Philistus brachte
unter der Hand verschiedene Zeugen auf, welche in dem Cabinet des Prinzen
verschiedene Umstaende aussagten, die ein zweideutiges Licht auf die
Enthaltsamkeit unsers Helden und die Treue der schoenen Bacchidion zu
werfen schienen. Dieser Minister fand vermutlich die Absichten seines
Herrn auf seine tugendhafte Gemahlin so rein und unschuldig, dass es
anstoessig, und laecherlich gewesen waere, ueber die Freundschaft, womit er sie
beehrte, eifersuechtig zu sein. Ein taeglicher Zuwachs der koeniglichen
Gunst rechtfertigte und belohnte eine so edelmuetige Gefaelligkeit.
Timocrat fand bei diesen Umstaenden Gelegenheit, sich gleichfalls wieder in
das alte Vertrauen zu setzen; und beide vereinigten sich nunmehr mit der
triumphierenden Cleonissa, den Fall unsers Helden desto eifriger zu
beschleunigen, je mehr sie ihn mit Versicherungen ihrer Freundschaft
ueberhaeuften.

Wir haben in diesem und dem vorigen Kapitel ein so merkwuerdiges Beispiel
gesehen, (und wollte Gott! diese Beispiele kaemen uns nicht so oft im
Leben selbst vor) wie leicht es ist, einem lasterhaften Charakter, einer
schwarzen, hassenswuerdigen Seele, den Anstrich der Tugend zu geben.
Agathon erfuhr nunmehr, dass es eben so leicht ist, die reineste Tugend mit
verhassten Farben zu uebersudeln. Er hatte dieses zu Athen schon erfahren;
aber bei der Vergleichung die er zwischen jenem Fall und seinem itzigen
anstellte, schienen ihm seine Atheniensische Feinde, im Gegensatz mit den
veraechtlichen Kreaturen, denen er sich nun auf ein mal aufgeopfert sah, so
weiss zu werden, als sie ihm ehmals, da er noch keine schlimmere Leute
kannte, schwarz vorgekommen waren. Vermutlich verfaelschte die
Lebhaftigkeit des gegenwaertigen Gefuehls sein Urteil ueber diesen Punkt ein
wenig; denn in der Tat scheint der ganze Unterschied zwischen der
republikanischen und hoefischen Falschheit darin zu bestehen, dass man in
Republiken genoetiget ist, die ganze aeusserliche Form tugendhafter Sitten
anzunehmen; da man hingegen an Hoefen genug getan hat, wenn man den Lastern,
welche des Fuersten Beispiel adelt, oder wodurch seine Absichten befoerdert
werden, tugendhafte Namen gibt. Allein im Grunde ist es nicht ekelhafter,
einen huepfenden, schmeichelnden, untertaenigen, vergoldeten Schurken zu
eben der Zeit, da er sich vollkommen wohl bewusst ist, nie keine Ehre
gehabt zu haben, oder in diesem Augenblick im Begriff ist, wofern er eine
haette, sie zu verlieren--von den Pflichten gegen seine Ehre reden zu hoeren;
als einen gesetzten, schwerfaelligen, gravitaetischen Schurken zu sehen,
der unter dem Schutz seiner Nuechternheit, Eingezogenheit und puenktlichen
Beobachtung aller aeusserlichen Formalitaeten der Religion und der Gesetze,
ein unversoehnlicher Feind aller derjenigen ist, welche anders denken als
er, oder nicht zu allen seinen Absichten helfen wollen; und sich nicht das
mindeste Bedenken macht, so bald es seine Konvenienz erfordert, eine gute
Sache zu unterdruecken, oder eine boese mit seinem ganzen Ansehen zu
unterstuetzen. Unparteiisch betrachtet, ist dieser noch der schlimmere
Mann; denn er ist ein eigentlicher Heuchler: Da jener nur ein Komoediant
ist, der nicht verlangt, dass man ihn wuerklich fuer das halten solle, wofuer
er sich ausgibt; vollkommen zufrieden, wenn die Mitspielenden und
Zuschauer nur dergleichen tun, ohne dass es ihm einfaellt sich zu bekuemmern,
ob es ihr Ernst sei, oder nicht.

Agathon hatte nunmehr gute Musse, dergleichen Betrachtungen anzustellen;
denn sein Ansehen und Einfluss nahm zusehends ab. aeusserlich zwar schien
alles noch zu sein, wie es gewesen war. Dionys und der ganze Hof
liebkoseten ihm so sehr als jemals, und die Dame Cleonissa selbst schien
es ihrer unwuerdig zu halten, ihm einige Empfindlichkeit zu erkennen zu
geben. Aber desto mehr Missvergnuegen wurde ihm durch geheime, schleichende,
und indirekte Wege gemacht. Er musste zusehen, wie nach und nach, unter
tausend falschen und nichtswuerdigen Vorwaenden, seine besten Anordnungen
als schlecht ausgesonnen, ueberfluessig, oder schaedlich, wieder aufgehoben,
oder durch andere unnuetze gemacht--wie die wenigen von seinen Kreaturen,
welche in der Tat Verdienste hatten, entfernt--wie alle seine Absichten
missdeutet, alle seine Handlungen aus einem willkuerlich falschen
Gesichts-Punkt beurteilt, und alle seine Vorzuege oder Verdienste
laecherlich gemacht wurden. Zu eben der Zeit, da man seine Talente und
Tugenden erhob, behandelte man ihn eben so, als ob er nicht das geringste
von den einen noch von den andern haette. Man behielt zwar noch, aus
politischen Absichten (wie man es zu nennen pflegt) den Schein bei, als ob
man nach den naemlichen Grundsaetzen handle, denen er in seiner
Staats-Verwaltung gefolget war: In der Tat aber geschah in jedem
vorkommenden Falle gerade das Widerspiel von dem, was er getan haben wuerde;
und kurz, das Laster herrschte wieder mit so despotischer Gewalt als
jemals.

Hier waere es Zeit gewesen, die Clausul gelten zu machen, welche er seinem
Vertrag mit dem Dionys angehaengt hatte, und sich zurueckzuziehen, da er
nicht mehr zweifeln konnte, dass er am Hofe dieses Prinzen zu nichts mehr
nuetze war. Und dieses war auch der Rat, den ihm der einzige von seinen
Hoffreunden, der ihm getreu blieb, der Philosoph Aristippus gab. "Du
haettest", sagte er ihm in einer vertraulichen Unterredung ueber den
gegenwaertigen Lauf der Sachen, "du haettest dich entweder niemals mit einem
Dionysius einlassen, oder an dem Platz, den du einmal angenommen hattest,
deine moralische Begriffe--oder doch wenigstens deine Handlungen nach den
Umstaenden bestimmen sollen. Auf diesem Theater der Verstellung, der
Betruegerei, der Intriguen, der Schmeichelei und Verraeterei, wo Tugenden
und Pflichten blosse Rechen-Pfenninge, und alle Gesichter Masken sind; kurz,
an einem Hofe, gilt keine andre Regel als die Konvenienz, keine andre
Politik, als einen jeden Umstand mit unsern eignen Absichten so gut
vereinigen als man kann. Im uebrigen ist es vielleicht eine Frage, ob du
so wohl getan hast, dich um einer an sich wenig bedeutenden Ursache willen
mit Dionysen abzuwerfen. Ich gestehe es, in den Augen eines Philosophen
ist die Taenzerin Bacchidion viel schaetzbarer, als diese majestaetische
Cleonissa, welche mit aller ihrer Metaphysik und Tugend weder mehr noch
weniger als eine falsche, herrschsuechtige und boshafte Kreatur ist.
Bacchidion hat dem Staat keinen Schaden getan, und Cleonissa wird
unendlich viel Boeses tun -" "Aus dieser Betrachtung" (unterbrach ihn
Agathon) "habe ich mich fuer jene und gegen diese erklaert -" "Und doch war
es leicht vorherzusehen, dass Cleonissa siegen wuerde", sagte
Aristipp--"Aber ein rechtschaffener Mann, Aristipp, erklaert sich nicht fuer
die Partei, welche siegen wird, sondern fuer die, welche Recht, oder doch
am wenigsten Unrecht hat -" "Mein lieber Agathon, ein rechtschaffener Mann
muss, so bald er an einem Hofe leben will, sich eines guten Teils von
seiner Rechtschaffenheit abtun, um ihn seiner Klugheit zu zulegen. Ist
es nicht Schade, dass so viel Gutes, das du schon getan hast, so viel Gutes,
das du noch getan haben wuerdest, bloss darum verloren sein soll, weil du
eine schoene Dame nicht verstehen wolltest, da sie dir's so deutlich, dass
es der ganze Hof (einen einzigen ausgenommen) verstehen konnte, zu
erkennen gab, dass sie schlechterdings--geliebt sein wollte. Doch dieser
Fehler haette sich vielleicht wieder gut machen lassen, wenn du nur
gefaellig genug gewesen waerest, ihre Absichten auf Dionysen zu befoerdern.
Wolltest du auch dieses nicht, war es denn noetig ihr entgegen zu sein?
Was fuer Schaden wuerde daraus erfolgt sein, wenn du neutral geblieben
waerest? Die kleine Bacchidion wuerde nicht mehr getanzt haben, und
Cleonissa haette die Ehre gehabt, ihren Platz einzunehmen, bis er ihrer
eben so wohl ueberdruessig geworden waere als so vieler andrer. Das waere
alles gewesen. Und gesetzt, du haettest auch die Gewalt ueber ihn mit ihr
teilen muessen; so wuerdest du ihr wenigstens das Gleichgewicht gehalten,
und noch immer Ansehen genug behalten haben, viel Gutes zu tun. Dem
Schein nach in gutem Vernehmen mit ihr, wuerde dir dein Platz, und die
Vertraulichkeit mit dem Prinzen tausend Gelegenheiten gegeben haben, sie,
so bald ihre Gunstbezeugungen aufgehoert haetten, etwas neues fuer ihn zu
sein, unvermerkt und mit der besten Art von der Welt wieder auf die Seite
zu schaffen--Aber ich kenne dich zu gut, Agathon; du bist nicht dazu
gemacht dich zu Verstellung, Raenken und Hofkuensten herabzulassen; dein
Herz ist zu edel, und wenn ich es sagen darf, deine Einbildungs-Kraft zu
warm, um dich jemals zu der Art von Klugheit zu gewoehnen, ohne welche es
unmoeglich ist, sich lange in der Gunst der Grossen zu erhalten. Auch kenne
ich den Hof nicht, welcher wert waere, einen Agathon an seiner Spitze zu
haben. Das alles haette ich dir ungefaehr vorher sagen koennen, als ich dich
ueberreden half, dich mit Dionysen einzulassen; aber es war besser durch
deine eigne Erfahrung davon ueberzeugt zu werden. Ziehe dich itzt zurueck,
ehe das Ungewitter, das ich aufsteigen sehe, ueber dich ausbrechen kann.
Dionys verdient keinen Freund wie du bist. Wie sehr haettest du dich
betrogen, wenn du jemals geglaubt haettest, dass er dich hochachte! Woher
sollte denen von seiner Art die Faehigkeit dazu kommen? Selbst damals, da
er am staerksten fuer dich eingenommen war, liebte er dich aus keinem andern
Grunde, als warum er seinen Affen und seine Papageien liebt--weil du ihm
Kurzweil machtest. Seine Gunst haette eben so leicht auf einen andern
Neuangekommenen fallen koennen, der die Cither noch besser gespielt haette
als du. Nein, Agathon, du bist nicht gemacht, mit solchen Leuten zu
leben--ziehe dich zurueck; du hast genug fuer deine Ehre getan. Die Torheit
der neuen Staats-Verwaltung wird die Weisheit der deinigen am besten
rechtfertigen. Deine Handlungen, deine Tugenden, und ein ganzes Volk,
welches deine Zeiten zurueckwuenschen, und dein Andenken segnen wird, werden
dich am besten gegen die Verleumdungen und den albernen Tadel eines
kleinen Hofes voll Toren und schelmischer Sklaven verteidigen, deren Hass
dir mehr Ehre macht als ihr Beifall. Du befindest dich in Umstaenden, in
einem unabhaengigen Privatstande mit Wuerde leben zu koennen. Deine Freunde
zu Tarent werden dich mit offnen Armen empfangen. Ich wiederhole es,
Agathon, verlass einen Fuersten, der seiner Sklaven, und Sklaven die eines
solchen Fuersten wert sind; und denke nun daran, wie du selbst des Lebens
geniessen wollest, nachdem du den Versuch gemacht, wie schwer, wie
gefaehrlich, und insgemein wie vergeblich es ist, fuer andrer Glueck zu
arbeiten."

So sprach Aristipp; und Agathon wuerde wohl getan haben, einem so guten
Rate zu folgen. Aber wie sollte es moeglich sein, dass derjenige, welcher
selbst eine Haupt-Rolle in einem Stuecke spielt, so gelassen davon urteilen
sollte, als ein blosser Zuschauer? Agathon sah die Sachen aus einem ganz
andern Gesichts-Punkt. Er betrachtete sich als einen Mann, der die
Verbindlichkeit auf sich genommen habe, die Wohlfahrt Siciliens zu
befoerdern. "Warum kam ich nach Syracus?"--sagte er zu sich selbst--"und
mit welchen Absichten uebernahm ich das Amt eines Freundes und Ratgebers
bei diesem Tyrannen? Tat ich es, um ein Sklave seiner Leidenschaften, oder
ein Werkzeug der Tyrannie zu sein? Oder hatte ich einen grossen und
rechtschaffenen Zweck? Wuerde ich mich jemals mit ihm eingelassen haben,
wenn er mir nicht Hoffnung gemacht haette, dass die Tugend endlich die
Oberhand ueber seine Laster erhalten wuerde? Er hat mich betrogen, und die
Erfahrungen, die ich von seiner Gemuets-Art habe, ueberzeugen mich, dass er
unverbesserlich ist. Aber wuerde es edel von mir gehandelt sein, ein Volk,
dessen Wohlfahrt der Endzweck meiner Bemuehungen war, ein Volk, welches
mich als seinen Wohltaeter ansieht, den Launen dieses weibischen Menschen,
und der Raubsucht seiner Schmeichler und Sklaven Preis zu geben? Was fuer
Pflichten hab' ich gegen ihn, welche sein undankbares, niedertraechtiges
Verfahren gegen mich nicht aufgehoben, und vernichtet haette? Oder wenn
ich noch Pflichten gegen ihn habe; sind nicht diejenigen unendlichmal
heiliger, welche mich an ein Land binden, das durch meine Wahl, und die
Dienste, die ich ihm geleistet habe, mein zweites Vaterland worden
ist?--Wer ist denn dieser Dionys? Was fuer ein Recht hat er an die hoechste
Gewalt, der er sich anmasst? Wem anders als dem Agathon hat er das einzige
Recht zu danken, worauf er sich mit einigem Schein berufen kann? Seit
wenn ist er aus einem von aller Welt verabscheueten Tyrannen ein Koenig
geworden, als seit dem ich ihm durch eine gerechte und wohltaetige
Regierung die Liebe des Volks zugewandt habe? Er liess mich arbeiten; er
verbarg seine Laster hinter meine Tugenden; eignete sich meine Verdienste
zu, und genoss die Fruechte davon, der Undankbare!--und nun, da er sich
stark genug glaubt, mich entbehren zu koennen, ueberlaesst er sich wieder
seinem eigenen Charakter, und faengt damit an, alles Gute das ich in seinem
Namen getan habe, wieder zu vernichten; gleich als ob er sich schaeme, eine
Zeitlang aus seinem Charakter getreten zu sein, und als ob er nicht genug
eilen koenne, die ganze Welt zu belehren, dass es Agathon, nicht Dionys
gewesen sei, der den Sicilianern eine Morgenroete bessrer Zeiten gezeigt,
und Hoffnung gemacht, sich von den Misshandlungen einer Reihe schlimmer
Regenten wieder zu erholen. Was wuerd' ich also sein, wenn ich sie in
solchen Umstaenden verlassen wollte, wo sie meiner mehr als jemals
benoetiget sind? Nein--Dionys hat Beweise genug gegeben, dass er
unverbesserlich ist, und durch die Nachsicht gegen seine Laster nur in der
laecherlichen Einbildung bestaerkt wird, dass man ihnen Ehrfurcht schuldig
sei. Es ist Zeit der Komoedie ein Ende zu machen, und diesem kleinen
Theater-Koenige den Platz anzuweisen, wozu ihn seine persoenliche
Eigenschaften bestimmen."

Unsere Leser sehen aus dieser Probe der geheimen Gespraeche, welche Agathon
mit sich selbst hielt, dass er noch weit davon entfernt ist, sich von
diesem enthusiastischen Schwung der Seele Meister gemacht zu haben, der
bisher die Quelle seiner Fehler sowohl als seiner schoensten Taten gewesen
ist. Wir haben keinen Grund in die Aufrichtigkeit dieses Monologen
einigen Zweifel zu setzen; seine Seele war gewohnt, aufrichtig gegen sich
selbst zu sein. Wir koennen also als gewiss annehmen, dass er zu dem
Entschluss, eine Empoerung gegen den Dionys zu erregen, durch eben so
tugendhafte Gesinnungen getrieben zu werden glaubte, als diejenigen waren,
welche fuenfzehn Jahre spaeter einen der edelsten Sterblichen, die jemals
gelebt haben, den Timoleon von Corinth, aufmunterten, die Befreiung
Siciliens zu unternehmen. Allein es ist darum nicht weniger gewiss, dass
die lebhafte Empfindung des persoenlichen Unrechts, welches ihm zugefueget
wurde, der Unwille ueber die Undankbarkeit des Dionys, und der Verdruss sich
einer verachtenswuerdigen Buhler-Intrigue aufgeopfert zu sehen, einen
grossen Einfluss in seine gegenwaertige Denkens-Art gehabt, und zur
Entzuendung dieses heroischen Feuers, welches in seiner Seele brannte,
nicht wenig beigetragen habe. Im Grunde hatte er keine andre Pflichten
gegen die Sicilianer, als welche aus seinem Vertrag mit dem Dionys
entsprangen, und vermoege eben dieses Vertrags aufhoerten, so bald diesem
seine Dienste nicht mehr angenehm sein wuerden. Syracus war nicht sein
Vaterland. Dionys hatte durch die stillschweigende Anerkenntnis der
Erbfolge, kraft deren er nach seines Vaters Tode den Thron bestieg, eine
Art von Recht erlangt. Agathon selbst wuerde sich nicht in seine Dienste
begeben haben, wenn er ihn nicht fuer einen rechtmaessigen Fuersten gehalten
haette. Die naemlichen Gruende, welche ihn damals bewogen hatten, die
Monarchie der Republik vorzuziehen, und aus diesem Grunde sich bisher den
Absichten des Dion zu widersetzen, bestunden noch in ihrer ganzen Staerke.
Es war sehr ungewiss, ob eine Empoerung gegen den Dionys die Sicilianer
wuerklich in einen gluecklichern Stand setzen, oder ihnen nur einen andern,
und vielleicht noch schlimmern Herrn geben wuerde, da sie schon so viele
Proben gegeben hatten, dass sie die Freiheit nicht ertragen koennten.
Dionys hatte Macht genug, seine Absetzung schwer zu machen; und die
verderblichen Folgen eines Buergerkriegs waren die einzigen gewissen Folgen,
welche man von einer so zweifelhaften Unternehmung voraussehen
konnte--Alle diese Betrachtungen wuerden kein geringes Gewicht auf der
Waagschale einer kalten unparteiischen ueberlegung gemacht, und vermutlich
den entgegenstehenden Gruenden das Gleichgewicht gehalten haben. Aber
Agathon war weder kalt noch unparteiisch; er war ein Mensch. Seine
Eigenliebe war an ihrem empfindlichsten Teil verletzt worden. Der Affekt,
in welchen er dadurch gesetzt werden musste, gab allen Gegenstaenden, die er
vor sich hatte, eine andre Farbe. Dionys, dessen Laster er ehmals mit
freundschaftlichen Augen als Schwachheiten betrachtet hatte, stellte sich
ihm itzt in der haesslichen Gestalt eines Tyrannen dar. Je besser er vorhin
von Philistus gedacht hatte, desto abscheulicher fand er itzt seinen
Charakter, nachdem er ihn einmal falsch und niedertraechtig gefunden hatte;
es war nichts so schlimm und schaendlich, das er einem solchen Manne nicht
zutraute. Die reizenden Bilder, welche er sich von der Glueckseligkeit
Siciliens unter seiner Verwaltung gemacht hatte, erhielten durch den Unmut,
sie vor seinen Augen vernichten zu sehen, eine desto groessere Gewalt ueber
seine Einbildungs-Kraft. Es war ihm unertraeglich, Leute, welche nur darum
seine Feinde waren, weil sie Feinde alles Guten, Feinde der Tugend und der
oeffentlichen Wohlfahrt waren, einen solchen Sieg davontragen zu lassen.
Er hielt es fuer eine allgemeine Pflicht, sich den Unternehmungen der Boesen
zu widersetzen, und die Stelle, welche er beinahe zwei Jahre lang in
Sicilien behauptet hatte, machte (wie er glaubte) seinen Beruf zur
besondern Ausuebung dieser Pflicht in gegenwaertigem Falle unzweifelhaft.
Diese Betrachtungen hatten, ausser ihrer eigentuemlichen Staerke, noch sein
Herz und seine Einbildungs-Kraft auf ihrer Seite; und mussten also
notwendig alles ueberwaegen, was die Klugheit dagegen einwenden konnte.

Sobald Agathon seinen Entschluss genommen hatte, so arbeitete er an der
Ausfuehrung desselben. Dion, welcher sich damals zu Athen befand, hatte
einen betraechtlichen Anhang in Sicilien, durch welchen er bisher alle
moegliche Bewegungen gemacht hatte, seine Zurueckberufung von dem Prinzen zu
erhalten. Er hatte sich deshalben vorzueglich an den Agathon gewandt, so
bald ihm berichtet worden war, in welchem Ansehen er bei Dionysen stehe.
Aber Agathon dachte damals nicht so gut von dem Charakter Dions als die
Akademie zu Athen; eine Tugend, welche mit Stolz, Unbiegsamkeit und
Austeritaet vermischt war, schien ihm, wo nicht verdaechtig, doch wenig
liebenswuerdig; er besorgte mit einiger Wahrscheinlichkeit, dass die
Gemuets-Art dieses Prinzen ihn niemals ruhig lassen, und dass er, ungeachtet
seiner republikanischen Grundsaetze, eben so ungelehrig sein wuerde, das
hoechste Ansehen im Staat mit jemand zu teilen, als ohne Ansehen zu leben.
Er hatte also, anstatt seine Zurueckberufung bei dem Dionys zu befoerdern,
diesen der aeussersten Abneigung, die er davor zeigte, ueberlassen, und sich
durch diese Auffuehrung einiges Missvergnuegen von Seiten der Freunde Dions
zugezogen, welche es ihm eben so uebel nahmen, dass er nichts fuer diesen
Prinzen tat, als ob er gegen ihn agiert haette. Allein seitdem seine
eigene Erfahrung das schlimmste, was Dionysens Feinde von ihm denken
konnten, rechtfertigte, hatte sich auch seine Gesinnung gegen den Dion
gaenzlich umgewandt. Dieser Prinz, welcher unstreitig grosse Eigenschaften
besass, stellte sich ihm itzt unter dem Bilde eines rechtschaffenen Mannes
dar, in welchem der langwierige Anblick des gemeinen Elendes unter einer
heillosen Regierung, und die immer vergebliche Bemuehung, dem reissenden
Strom der Verderbnis entgegen zu arbeiten, einen anhaltenden gerechten
Unmut erregt hat, der ungeachtet des Scheins einer gallsuechtigen
Melancholie, im Grunde die Frucht der edelsten Menschenliebe ist. Er
beschloss also, mit ihm gemeine Sache zu machen. Er entdeckte sich den
Freunden Dions, welche, erfreut ueber den Beitritt eines Mannes, der durch
seine Talente und seine Gunst beim Volke ihrer Partei das uebergewicht zu
geben vermoegend war, ihm hinwieder die ganze Beschaffenheit der
Angelegenheiten Dions, die Anzahl seiner Freunde, und die geheimen
Anstalten entdeckten, welche in Erwartung irgend eines guenstigen Zufalls,
bereits zu seiner Zurueckkunft nach Sicilien gemacht worden waren: Und so
wurde Agathon in kurzer Zeit aus einem Freund und ersten Minister des
Dionys, das Haupt einer Konspiration gegen ihn, an welcher alle diejenigen
Anteil nahmen, die aus edlern oder eigennuetzigern Bewegursachen, mit der
gegenwaertigen Verfassung unzufrieden waren. Agathon entwarf einen Plan,
wie die ganze Sache gefuehrt werden sollte; und dieses setzte ihn in einen
geheimen Briefwechsel mit Dion, wodurch die bessere Meinung, welche einer
von dem andern zu fassen angefangen hatte, immer mehr befestiget wurde.
Der Hof, in Lustbarkeiten und ein wolluestiges Vergessen aller Gefahren
versunken, beguenstigte den Fortgang der Konspiration durch eine
Sorglosigkeit, welche so wenig natuerlich schien, dass die
Zusammenverschwornen dadurch beunruhiget wurden. Sie verdoppelten ihre
Wachsamkeit, und (was bei Unternehmungen von dieser Art am meisten zu
bewundern, und dennoch sehr gewoehnlich ist) ungeachtet der grossen Anzahl
derjenigen, die um das Geheimnis wussten, blieb alles so verschwiegen, dass
dem Ansehen nach niemand auf einigen Argwohn verfallen waere, wenn nicht
auf der einen Seite die Unwahrscheinlichkeit, dass Agathon seinen Fall
wuerklich so gleichgueltig ansehen koenne, als er es zu tun schien; und auf
der andern die Nachrichten, welche von den nicht sehr geheimen Zuruestungen
des Dion eingingen, den von Natur misstrauischen Philistus endlich
aufmerksam gemacht haetten. Von diesem Augenblick an wurde Agathon und
alle diejenige, welche als Freunde Dions bekannt waren, von tausend
unsichtbaren Augen aufs schaerfste beobachtet; und es glueckte endlich dem
Philist, sich eines Sklaven zu bemaechtigen, der mit Briefen an Agathon von
Athen gekommen war. Aus diesen Briefen, welche die Ursachen enthielten,
warum Dion die vorhabende Landung in Sicilien nicht sobald, als es unter
ihnen verabredet gewesen, ausfuehren koenne, erhellete zwar deutlich, dass
Agathon und die uebrigen Freunde Dions an der eigenmaechtigen Wiederkunft
desselben Anteil haetten; aber von einem Anschlag gegen die gegenwaertige
Regierung und die Person des Dionys, war ausser einigen unbestimmten
Ausdruecken, welche ein Geheimnis zu verbergen scheinen konnten, nichts
darin enthalten. Man kann sich die Bewegung vorstellen, welche diese
Entdeckung in dem Cabinet des Dionys verursachte. Man war sich Ursachen
genug bewusst, das aergste zu besorgen; aber eben darum hielt Philistus fuer
ratsamer, die Sache als ein Staats-Geheimnis zu behandeln. Agathon wurde,
unter dem Vorwande verschiedener Staats-Verbrechen in Verhaft genommen,
ohne dass dem Publico etwas bestimmtes, am allerwenigsten aber die wahre
Ursache, bekannt wurde. Man fand fuer besser, die Partei des Dion, (welche
man sich aus Panischem Schrecken groesser vorstellte als sie wuerklich war)
in Verlegenheit zu setzen, als zur Verzweiflung zu treiben; und gewann
indessen, dass man sich begnuegte sie aufs genaueste zu beobachten, Zeit,
sich gegen einen feindlichen ueberfall in gehoerige Verfassung zu setzen.

Wir sind es schon gewohnt, unsern Helden niemals groesser zu sehen als im
widrigen Gluecke. Auf das aergste gefasst, was er von seinen Feinden
erwarten konnte, setzte er sich vor, ihnen den Triumph nicht zu gewaehren,
den Agathon zu etwas das seiner unwuerdig waere, erniedriget zu haben. Er
weigerte sich schlechterdings, dem Philistus und Timocrates, welche zu
Untersuchung seiner angeblichen Verbrechen ernannt waren, Antwort zu geben.
Er verlangte von dem Prinzen selbst gehoert zu werden, und berief sich
deshalb auf den Vertrag, der zwischen ihnen errichtet worden war. Aber
Dionys hatte den Mut nicht, eine geheime Unterredung mit seinem ehmaligen
Guenstling auszuhalten. Man versuchte es, seine Standhaftigkeit durch eine
harte Begegnung und Drohungen zu erschuettern; und die schoene Cleonissa
wuerde ihre Stimme zu dem strengesten Urteil gegeben haben, wenn die
Furchtsamkeit des Tyrannen, und die Klugheit seines Ministers gestattet
haetten, ihren Eingebungen zu folgen. Sie musste sich also durch die
Hoffnung zufrieden stellen lassen, die man ihr machte, ihn, sobald man
sich den Dion, auf eine oder die andere Art, vom Halse geschafft haben
wuerde, zu einem oeffentlichen Opfer ihrer Rache-duerstenden Tugend zu machen.

Inzwischen stunden die Freunde Agathons seinetwegen in desto groessern
Sorgen, da sie seinen Feinden Bosheit genug zutrauten, dem Tyrannen das
aergste gegen ihn einzugeben; und diesem Schwachheit genug, sich von ihnen
verfuehren zu lassen. Denn das Unvermoegen ihren Lieblingen zu widerstehen,
macht oefters wolluestige Fuersten, wider ihre natuerliche Neigung, grausam.
Sie wendeten also unter der Hand alles an, was ohne einen Aufstand zu
wagen, dessen Erfolg allzu unsicher gewesen waere, die Rettung Agathons
befoerdern konnte. Dion gab bei dieser Gelegenheit eine Probe seiner
Grossmut, indem er durch ein freundschaftliches Schreiben an Dionysen sich
verbindlich machte, seine Kriegs-Voelker wieder abzudanken, und seine
Zurueckberufung als eine blosse Gnade von dem guten Willen seines Prinzen zu
erwarten, in so fern Agathon freigesprochen wuerde, dessen einziges
Verbrechen darin bestehe, dass er sich fuer seine Zurueckkunft in sein
Vaterland interessiert habe. So edel dieser Schritt war, und so wohlfeil
dern Dionys dadurch die Aussoehnung mit dem Dion angetragen wurde; so wuerde
er doch dem Agathon wenig geholfen haben, wenn seine italienischen Freunde
nicht geeilet haetten, dem Tyrannen einen noch dringendern Beweggrund
vorzulegen. Aber zu eben dieser Zeit langten Gesandte von Tarent an, um
im Namen des Archytas, welcher alles in dieser Republik vermochte, die
Freilassung seines Freundes zu bewuerken, und im Notfall zu erklaeren, dass
diese Republik sich genoetiget sehen wuerde, die Partei Dions mit ihrer
ganzen Macht zu unterstuetzen, wofern Dionys sich laenger weigern wollte,
diesem Prinzen sowohl als dem Agathon vollkommne Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen. Dionys kannte den Charakter des Archytas zu gut, um an dem
Ernst dieser Drohung zweifeln zu koennen. Er hoffte sich also am besten
aus der Sache zu ziehen, wenn er unter der Versicherung, dass er von einer
Aussoehnung mit seinem Schwager nicht abgeneigt sei, in die Entlassung
Agathons einwilligte. Aber dieser erklaerte sich, dass er seine Entlassung
weder als eine Gnade von dem Dionys annehmen, noch der Fuerbitte seiner
Freunde zu danken haben wolle. Er verlangte, dass die Verbrechen, um
derentwillen er in Verhaft genommen worden, oeffentlich angezeigt, und in
Gegenwart des Dionys, der Gesandten von Tarent und der Vornehmsten zu
Syracus, untersucht, seine Rechtfertigung gehoert, und sein Urteil nach den
Gesetzen ausgesprochen werden sollte. Da er sich bewusst war, dass ausser
seinen neuerlichen Verbindungen mit dem Dion, welche leicht zu
rechtfertigen waren, seine boshaftesten Haesser nichts mit einigem Schein
der Wahrheit gegen ihn aufbringen koennten; so hatte er gut auf eine so
feierliche Untersuchung zu dringen. Aber dazu konnten es die Cleonissen
und die Philiste, und der Tyrann selbst, der bei allem diesem sehr
verlegen war, nicht kommen lassen; und da die Tarentiner ihnen keine Zeit
lassen wollten, die Sache in die Laenge zu ziehen; so sahe Dionys sich
endlich genoetiget, oeffentlich zu erklaeren: Dass eine starke Vermutung, als
ob Agathon sich in eine Konspiration gegen ihn habe verwickeln lassen, die
einzige Ursache seines Verhafts gewesen sei; und dass er keinen Augenblick
anstehen wolle, ihm seine Freiheit wiederzugeben, sobald er sich, unter
Verbuergung der Tarentiner, durch ein feirliches Versprechen, auf keinerlei
Weise kuenftighin gegen Dionysen etwas zu unternehmen, sich von diesem
Verdacht am besten gereiniget haben werde. Die Bereitwilligkeit, womit
die Gesandten von Tarent sich diesen Antrag gefallen liessen, bewies, dass
es dem Archytas allein um die Befreiung Agathons zu tun war; und wir
werden vielleicht in der Folge den Grund entdecken, warum dieses Haupt
einer in diese Sache nicht unmittelbar verwickelten Republik, sich dieses
Punkts mit so ausserordentlichem Eifer annahm. Aber Agathon, der seine
Freiheit keinem unedeln Schritt zu danken haben wollte, konnte lange nicht
ueberredet werden, eine Erklaerung von sich zu geben, welche als eine Art
von Gestaendnis angesehen werden konnte, dass er die Partei, die er genommen
hatte, verleugne. Doch diese in Ansehung seiner Umstaende, in der Tat
allzuspitzfuendige Delikatesse musste endlich der gruendlichern Betrachtung
weichen, dass er durch Ausschlagung eines so billig scheinenden Verglichs
sich selbst in Gefahr setzen wuerde, ohne dass seiner Partei einiger Vorteil
dadurch zuginge; indem Dionys viel eher einwilligen wuerde, ihn in der
Stille aus dem Wege raeumen zu lassen, als zu zugeben, dass er mit soviel
neuen Reizungen zur Rache die Freiheit bekommen sollte, der Faktion des
Dions wieder neues Leben einzuhauchen, und sich mit diesem Prinzen zu
seinem Untergang zu vereinigen. Die reizenden Schilderungen, so ihm die
Tarentiner von dem gluecklichen Leben machten, welches in dem ruhigen
Schosse ihres Vaterlandes, und in der Gesellschaft seiner Freunde auf ihn
warte, vollendeten die Wuerkung, welche natuerlicher Weise der gewaltsame
Zustand von Unruhe, Sorgen und heftigen Leidenschaften, worin er einige
Zeit her gelebt hatte, auf ein Gemuete wie das seinige machen musste; und
gaben ihm zu gleicher Zeit den ganzen Abscheu vor dem geschaeftigen Leben,
welchen er nach seiner Verbannung von Athen dagegen gefasst, und den ganzen
Hang, welchen er zu Delphi fuer das Kontemplative gehabt hatte, wieder. Er
bequemte sich also endlich, einen Schritt zu tun, der ihm von den Freunden
Dions fuer eine feigherzige Verlassung der guten Sache ausgelegt wurde; in
der Tat aber das einzige war, was ihm in den Umstaenden, worin er sich
befand, vernuenftiger Weise zu tun uebrig blieb. Wie viel dunkle Stunden
wuerde er sich selbst, und wie viele Sorgen und Muehe seinen Freunden
erspart haben, wenn er dem Rate des weisen Aristippus ein paar Monate
frueher gefolget haette!

Einer von den zuverlaessigsten und seltensten Beweisen der Tugend eines
ersten Ministers ist, wenn er armer oder doch wenigstens nicht reicher in
seine einsame Huette zurueckkehrt, als er gewesen war, da er auf den
Schauplatz des oeffentlichen Lebens versetzt wurde. Die Epaminondas, die
Walsinghams, die More, und Tessins sind freilich zu allen Zeiten selten;
aber wenn etwas, welches den verstocktesten Tugend-Leugner, einen Hippias
selbst, zwingen muss, die Wuerklichkeit der Tugend zu gestehen, und auch
wider seinen Willen ihre Goettlichkeit zu erkennen: So sind es die
Beispiele solcher Maenner. Der Himmel verhuete, dass ich die Hippiasse
jemals einer andern Widerlegung wuerdigen sollte! Sie moegen nach Aekeroe
reisen! Und wenn sie den einzigen Anblick unter dem Himmel, auf welchen
(nach dem Ausdruck eines weisen Alten) die Gottheit selbst mit Vergnuegen
herabsieht, wenn sie den ehrwuerdigen Greis gesehen haben, der daselbst,
zufrieden mit der edeln beneidenswuerdigen Armut des Fabricius und
Cincinnatus, doch zu tugendhaft um stolz darauf zu sein, die einzige
Belohnung eines langen, ruhmwuerdigen, Gott, seinem Koenige und seinem
Vaterland aufgeopferten Lebens in dem stillen Bewusstsein seiner Selbst,
und (so oft er seinen Telemach erblickt) in der Hoffnung, nicht ganz
umsonst gearbeitet zu haben, findet--und, vergessen, vielleicht so gar
verfolgt von einer undankbaren Zeit, sich ruhig in seine Tugend und den
Glauben einer bessern Unsterblichkeit einhuellt--wenn sie ihn gesehen haben,
diesen wahrhaftig grossen Mann, und dieser Anblick nicht zu wege bringt,
was alle Diskurse der Platonen und Seneca nicht vermocht haben--Nun, so
moegen sie glauben was sie wollen, und tun, was sie ungestraft tun koennen;
sie verdienen eben so wenig Widerlegung, als ihre Besserung moeglich
ist--"Und du, ruhmvoller und liebenswuerdiger alter Mann, empfange dieses
wiewohl allzuvergaengliche Denkmal von einem, dessen Feder niemals durch
feiles, oder gewinnsuechtiges Lob der Grossen dieser Welt entweiht worden
ist--Ich habe keine Belohnung, keinen Vorteil von dir zu hoffen--du wirst
dieses niemals lesen--Meine Absicht ist rein, wie deine Tugend--empfange
dieses schwache Merkmal einer aufrichtigen Hochachtung von einem, der
wenig Hochachtungswuerdiges unter der Sonne sieht--diese, und die
Dankbarkeit fuer die stillen Traenen der Entzueckung, die ihm (in einem Alter,
wo seine Augen zu dieser reinsten Wollust der Menschlichkeit noch nicht
versieget waren) das Lesen deiner Tugend-atmenden Briefe aus den Augen
lockte--diese Empfindungen allein haben ihn bei dieser Gelegenheit
dahingerissen--er hat sich nicht entschliessen koennen, seinem Herzen Gewalt
anzutun--und bittet niemand, der dieses Buch lesen wird, wegen dieser
Abschweifung um Verzeihung."

Agathon hatte ueber den Sorgen fuer die Wohlfahrt Siciliens, und ueber der
Bemuehung andre gluecklich zu machen, sich selbst so vollkommen vergessen,
dass er nicht reicher aus Syracus gegangen waere, als er gewesen war, da er
Delphi verliess, oder da er aus Athen verbannt wurde; wenn ihm nicht zu
gutem Gluecke, bald nach seiner Erhebung zu einer Wuerde, welche ihm in
allen Griechischen Staaten kein geringes Ansehen gab, ein Teil seines
vaeterlichen Vermoegens wieder zugefallen waere. Die Athenienser waren
damals eben zu gewissen Handlungs-Absichten der Freundschaft des Koenigs
Dionys benoetiget; und fanden daher fuer gut, ehe sie sich um die
Vermittlung Agathons bewarben, ihm durch ihre Abgesandte ein Dekret
ueberreichen zu lassen, kraft dessen nicht nur sein Verbannungs-Urteil
aufgehoben, sondern auch der ganze Prozess, wodurch er ehmals seines
vaeterlichen Erbguts beraubt worden war, kassiert, und der unrechtmaessige
Inhaber desselben verurteilt wurde, ihm alles unverzueglich wieder
abzutreten. Agathon hatte zwar grossmuetiger Weise nur die Haelfte davon
angenommen; und diese war nicht so betraechtlich, dass sie fuer die
Beduerfnisse eines Alcibiades oder Hippias zureichend gewesen waere: Aber es
war noch immer mehr, als ein Weiser selbst von der Sekte des Aristippus,
noetig haette, um frei, gemaechlich und angenehm zu leben; und soviel war fuer
einen Agathon genug.

Unser Held verweilte sich, nach dem er wieder in Freiheit war, nicht
laengere Zeit zu Syracus, als er gebrauchte, sich von seinen Freunden zu
beurlauben. Dionys, welcher (wie wir wissen) den Ehrgeiz hatte, alles mit
guter Art tun zu wollen, verlangte, dass er in Gegenwart seines ganzen
Hofes Abschied von ihm nehmen sollte. Er ueberhaeufte ihn, bei dieser
Gelegenheit, mit Lobspruechen und Liebkosungen, und glaubte, einen sehr
feinen Staatsmann zu machen, indem er sich stellte, als ob er ungern in
seine Entlassung einwillige, und als ob sie als die besten Freunde von
einander schieden. Agathon hatte die Gefaelligkeit, diesen letzten
Auftritt der Komoedie mitspielen zu helfen; und so entfernte er sich, in
Gesellschaft der Gesandten von Tarent, von jedermann beurteilt, von vielen
getadelt, und von den wenigsten, selbst unter denen, welche guenstig von
ihm dachten, gekannt, aber von allen Rechtschaffenen vermisst und oft
zurueckgeseufzt, aus einer Stadt und aus einem Lande, worin er das
Vergnuegen hatte, viele Denkmaeler seiner ruhmwuerdigen Administration zu
hinterlassen; und aus welchem er nichts mit sich hinausnahm, als eine
Reihe von Erfahrungen, welche ihn in dem Entschluss bestaerkten--keine andre
von dieser Art mehr zu machen.

VIERTES KAPITEL

Nachricht an den Leser

"Dank sei" (so ruft hier der Autor des griechischen Manuskripts, als einer,
dem es auf einmal ums Herz leichter wird, aus) "Dank sei den Goettern, dass
wir unsern Helden aus dem gefaehrlichsten aller schlimmen Orte, wohin ein
ehrlicher Mann verirren kann, unversehrt, und was beinahe unglaublich ist,
mit seiner ganzen Tugend davon gebracht haben! Er hat allerdings von
Glueck zu sagen", faehrt das Manuskript fort; "aber--beim Hund (dem grossen
Schwur des weisen Socrates) was hatte er auch an einem Hofe zu tun? Er,
der sich weder zu einem Sklaven, noch zu einem Schmeichler, noch zu einem
Narren geboren fuehlte, was wollte er am Hofe eines Dionysius machen?--Was
fuer ein Einfall--und wenn ist jemals ein solcher Einfall in das Gehirn
eines klugen Menschen gekommen?--einen lasterhaften Prinzen tugendhaft zu
machen!--Oder welcher rechtschaffene Mann, der einen Fond von gesunder
Vernunft und gutem Willen in sich gefuehlt, ist jemals damit an einen Hof
gegangen, wenn er im Sinne hatte, von dem einen oder dem andern Gebrauch
zu machen?--Man muss gestehen, es ist eine ganz huebsche Sache um den
Enthusiasmus--eines Lycurgus, der aus einem Monarchen ein Buerger wird, um
sein Vaterland gluecklicher zu machen--oder eines Leonidas, der mit
dreihundert eben so entschlossenen Maennern als er selbst, sich dem Tode
weiht, um eben so vielen Myriaden von Barbaren den Mut, mit Griechen zu
fechten, zu benehmen. Doch so gross, so schoen diese Taten sind; so sind
sie durch die Kraefte der Natur moeglich, und diejenige, welche sie
unternahmen, konnten sich versprechen, dass sie ihre Absichten erreichen
wuerden. Aber wenn hat man jemals gehoert, dass ein Mensch, oder ein Held,
der Sohn einer Goettin, oder eines Gottes, oder ein Gott selbst, dasjenige
zu Stande gebracht haette, was Agathon unternahm, da er mit der Cither in
der Hand sich ueberreden liess, der Mentor eines Dionys zu werden."

Auf diesen humoristischen Eingang, womit unser Autor dieses Kapitel
beginnt, folget eine lange, und wie es scheint, ein wenig milzsuechtige
Deklamation gegen diejenige Klasse der Sterblichen, welche man grosse
Herren nennt; mit verschiedenen Digressionen ueber die Maitressen--ueber die
Jagdhunde--und ueber die Ursachen, warum es fuer einen ersten Minister
gefaehrlich sei, zuviel Genie, zuviel Uneigennuetzigkeit, und zuviel
Freundschaft fuer seinen Herrn zu haben--So viel man sehen kann, ist dieses
Kapitel eines von den merkwuerdigsten, und sonderbarsten in dem ganzen
Werke. Aber ungluecklicher Weise, befindet sich das Manuskript an diesem
Ort halb von Ratten aufgegessen; und die andre Haelfte ist durch
Feuchtigkeit so uebel zugerichtet worden, dass es leichter waere, aus den
Blaettern der Cumaeischen Sibylle, als aus den Bruchstuecken von Woertern,
Saetzen und Perioden, welche noch uebrig sind, etwas Zusammenhaengendes
herauszubringen. Wir gestehen, dass uns dieser Verlust so nahe geht, dass
wir uns eher der sinnreichen Ergaenzungen, welche Herr Naudot zum Petronius
in seinem Kopfe gefunden hat, oder der saemtlichen Werke des Ehrwuerdigen
Paters *** beraubt wissen wollten. Indessen ist doch dieser Verlust in
Absicht des Lobes der grossen Herren um so leichter zu ertragen, da wir
ueber den weiten Umfang der Einsichten, die Groesse der Seelen, die edlen
Gesinnungen und den guten Geschmack, welcher ordentlicher Weise die grossen
Herren von den uebrigen Erden-Soehnen zu unterscheiden pflegt, in dem besten
und schlimmsten Buche (je nachdem es Leser bekommt; welches wir uebrigens
ganz unpraejudizierlich und niemand zu Leide gesagt haben wollen) das in
unserm Jahrhundert zur Welt gekommen ist, in dem Buche des Herrn Helvetius,
alles gesagt finden, was sich ueber einen so reichen und edeln Stoff nur
immer sagen laesst. Eine gleiche Bewandtnis hat es mit der Digression ueber
die Maitressen, und ueber die Jagdhunde; ueber welche Materien der geneigte
Leser in des Grafen Anton Hamiltons Beitraegen zur Histoire amoureuse des
Hofes Carls des zweiten von England, und in den bewundernswuerdigen
Schriften eines gewissen neuern Staatsmannes (den wir seiner
Bescheidenheit zu schonen, nicht nennen wollen) mehr als hinlaengliche
Auskunft finden kann. Aber den Verlust der dritten Digression bedauren
wir von Herzen, indem, (nach der Versicherung eines der groessesten
Buecher-Kenner von Europa) dermalen noch kein Buch in der Welt ist, in
welchem diese interessante und ziemlich verwickelte Materie recht
auseinandergesetzt und gruendlich ausgefuehrt waere. Zum Unglueck ist dieses
Kapitel eben an diesem Ort am mangelhaftesten. Doch laesst sich aus einigen
Worten, welche zum Schlusse dieser Digression zu gehoeren scheinen,
abnehmen, dass der Verfasser neun und dreissig Ursachen angegeben habe; und
wir gestehen, dass wir begierig waeren, diese neun und dreissig Ursachen zu
wissen.

FUeNFTES KAPITEL

Moralischer Zustand unsers Helden

Der Autor der alten Handschrift, aus welcher wir den groessesten Teil dieser
Geschichte gezogen zu haben gestehen, triumphiert, wie man gesehen hat,
darueber, dass er seinen Helden mit seiner ganzen Tugend von einem Hofe
hinweggebracht habe. Es wuerde allerdings etwas sein, das einem Wunder
ganz nahe kaeme, wenn es sich wuerklich so verhielte; aber wir besorgen, dass
er mehr gesagt habe, als er der Schaerfe nach zu beweisen im Stande waere.
Wenn es nicht etwan moralische Amulete gibt, welche der ansteckenden
Beschaffenheit der Hofluft auf eben die Art widerstehen, wie der
Kroetenstein dem Gift, so deucht uns ein wenig unbegreiflich, dass das
Getuemmel des beschaeftigten Lebens, die schaedlichen Duenste der Schmeichelei,
welche ein Guenstling, er wolle oder wolle nicht, unaufhoerlich
einsaugt--die Notwendigkeit, von den Forderungen der Weisheit und Tugend
immer etwas nachzulassen, um nicht alles zu verlieren--und was noch
schaedlicher als dieses alles ist, die unzaehlichen Zerstreuungen, wodurch
die Seele aus sich selbst herausgezogen wird, und ueber der Aufmerksamkeit
auf eine Menge kleiner vorbeirauschender Gegenstaende, die Aufmerksamkeit
auf sich selbst verliert--nicht einige nachteilige Einfluesse in den
Charakter seines Geistes und Herzens gehabt haben sollten. Indessen

Book of the day:
Facebook Google Reddit StumbleUpon Twitter Pinterest