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Geschichte des Agathon, Teil 1 by Christoph Martin Wieland

Part 4 out of 5

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der grobe Materialismus des plumpen Handwerkers, der rauhe Ungest¸m des
Seefahrers, die mechanische Unempfindlichkeit des Soldaten, und die
einf‰ltige Schlauheit des Landvolks; daher endlich, schˆne Danae, die
Schw‰rmerei, welche der weise Hippias deinem Callias vorwirft; diese
Schw‰rmerei, die ich vielleicht in einem minder erhabnen Licht sehe,
seitdem ich ihre wahre Quelle entdeckt zu haben glaube; aber die ich
nichts desto weniger f¸r diejenige Gem¸tsbeschaffenheit halte, welche uns,
unter den nˆtigen Einschr‰nkungen, gl¸cklicher als irgend eine andre
machen kann.

Du begreifest leicht, schˆne Danae, dafl unter lauter Gegenst‰nden, welche
¸ber die gewˆhnliche Natur erhaben, und selbst schon idealisch sind, jenes
phantastische Modell, dessen ich vorhin erw‰hnte, in einem so
ungewˆhnlichen Grade abgezogen und ¸berirdisch werden muflte, dafl bei
zunehmendem Alter alles was ich w¸rklich sah, weit unter demjenigen war,
was sich meine Einbildungskraft zu sehen w¸nschte. In dieser
Gem¸tsverfassung war ich, als einer von den Priestern zu Delphi aus
Absichten, welche sich erst in der Folg' entwickelten, es ¸bernahm, mich
in den Geheimnissen der Orphischen Philosophie einzuweihen; der einzigen,
die von unsern Priestern hochgeachtet wurde, weil sie die Vernunft selbst
auf ihre Partei zu ziehen, und den Glauben von dessen unbeweglichem
Ansehen das ihrige abhing, einen festern Grund als die Tradition und die
Fabeln der Dichter, zu geben schien.

Nichts, was ich jemals empfunden habe, gleicht der Entz¸ckung, in die ich
hingezogen wurde, als ich in den H‰nden dieses Egyptiers, der die geheime
Gˆtterlehre seiner Nation zu uns gebracht hat, in das Reich der Geister
eingef¸hrt, und zu einer Zeit, da die erhabensten Gem‰lde Homers und
Pindars ihren Reiz f¸r mich verloren hatten, mitten in der materiellen
Welt mir eine Neue, mit lauter unsterblichen Schˆnheiten erf¸llt, und von
lauter Gˆttern bewohnt, erˆffnet wurde.

Das Alter, worin ich damals war, ist dasjenige, worin wir, aus dem langen
Traum der Kindheit erwachend, uns selbst zuerst zu finden glauben, die
Welt um uns her mit erstaunten Augen betrachten, und neugierig sind, unsre
eigne Natur und den Schauplatz, worauf wir uns ohn unser Zutun versetzt
sehen, kennen zu lernen. Wie willkommen ist uns in diesem Alter eine
Philosophie, welche den Vorteil unsrer Wissensbegierde mit dieser Neigung
zum Wunderbaren und dieser arbeitscheuen Fl¸chtigkeit, welche der Jugend
eigen sind, vereiniget, welche alle unsre Fragen beantwortet, alle R‰tsel
erkl‰rt, alle Aufgaben auflˆset; eine Philosophie, welche destomehr mit
dem warmen und gef¸hlvollen Herzen der Jugend sympathisiert, weil sie
alles Unempfindliche und Tote aus der Natur verbannet, und jeden Atom der
Schˆpfung mit lebenden und geistigen Wesen bevˆlkert, jeden Punkt der Zeit
mit verborgnen Begebenheiten und groflen Szenen befruchtet, welche f¸r
k¸nftige Ewigkeiten heranreifen; ein System, welches die Schˆpfung so
unermefllich macht, als ihr Urheber ist; welches uns in der anscheinenden
Verwirrung der Natur eine majest‰tische Symmetrie, in der Regierung der
moralischen Welt einen unver‰nderlichen Plan, in der unz‰hlbaren Menge von
Klassen und Geschlechtern der Wesen einen einzigen Staat, in den
verwickelten Bewegungen aller Dinge einen allgemeinen Richtpunkt, in
unsrer Seele einen k¸nftigen Gott, in der Zerstˆrung unsers Kˆrpers die
Wiedereinsetzung in unsre urspr¸ngliche Vollkommenheit, und in dem
nachtvollen Abgrund der Zukunft helle Aussichten in grenzenlose Wonne
zeigt? Ein solches System ist zu schˆn an sich selbst, zu schmeichelhaft
f¸r unsern Stolz, unsern innersten W¸nschen und wesentlichsten Trieben zu
angemessen, als dafl wir es in einem Alter, wo alles Grofle und R¸hrende so
viel Macht ¸ber uns hat, nicht beim ersten Anblick wahr finden sollten.
Vermutungen und W¸nsche werden hier zu desto st‰rkern Beweisen, da wir in
dem bloflen Anschauen der Natur zuviel Majest‰t, zuviel Geheimnisreiches
und Gˆttliches zu sehen glauben, um besorgen zu kˆnnen, dafl wir jemals
zugrofl von ihr denken mˆchten. Und, soll ich dirs gestehen, schˆne
Danae? Selbst itzt, da mich gl¸ckliche Erfahrungen das Schw‰rmende und
Unzuverl‰ssige dieser Art von Philosophie gelehrt haben, f¸hle ich mit
einer innerlichen Gewalt, die sich gegen jeden Zweifel empˆrt, dafl diese
¸bereinstimmung mit unsern edelsten Neigungen, welche ihr das Wort redet,
der rechte Stempel der Wahrheit ist, und dafl selbst in diesen Tr‰umen,
welche dem materialischen Menschen so ausschweifend scheinen, f¸r unsern
Geist mehr W¸rklichkeit, mehr Unterhaltung und Aufmunterung, eine reichere
Quelle von ruhiger Freude und ein festerer Grund der Selbstzufriedenheit
liegt, als in allem was die Sinne uns angenehmes und Gutes anzubieten
haben. Doch ich erinnere mich, dafl es die Geschichte meiner Seele, und
nicht die Rechtfertigung meiner Denkensart ist, wozu ich mich anheischig
gemacht habe. Es sei also genug, wenn ich sage, dafl die Lehrs‰tze des
Orpheus und des Pythagoras, von den Gˆttern, von der Natur, von unsrer
Seele, von der Tugend, und von dem was das hˆchste Gut des Menschen ist,
sich meines Gem¸ts so g‰nzlich bemeisterten, dafl alle meine Begriffe nach
diesem Urbilde gemodelt, alle meine Reizungen davon beseelt, und mein
ganzes Betragen, so wie alle meine Entw¸rfe f¸r die Zukunft, mit dem Plan
eines nach diesen Grunds‰tzen abgemessenen Lebens, dessen Beurteilung mich
unaufhˆrlich in mir selbst besch‰ftigte, ¸bereinstimmig waren."

ZWEITES KAPITEL

En animam & mentem cum qua Di nocte loquantur!

"Der Priester, der sich zu meinem Mentor aufgeworfen hatte, schien ¸ber
den auflerordentlichen Geschmack, den ich an seinen erhabnen Unterweisungen
fand, sehr vergn¸gt zu sein, und ermangelte nicht, meinen Enthusiasmus bis
auf einen Grad zu erhˆhen, welcher mich, seiner Meinung nach, alles zu
glauben und alles zu leiden f‰hig machen m¸flte. Ich war zu jung und zu
unschuldig, um das kleinste Mifltrauen in seine Bem¸hungen zu setzen, bei
welchen die Aufrichtigkeit meines eignen Herzens die edelsten Absichten
voraussetzte. Er hatte die Vorsicht gebraucht, es so einzuleiten, dafl ich
endlich aus eigner Bewegung auf die Frage geraten muflte, ob es nicht
mˆglich sei, schon in diesem Leben mit den hˆhern Geistern in Gemeinschaft
zu kommen? Dieser Gedanke besch‰ftigte mich lange bei mir selbst; ich
fand mˆglich, was ich mit der grˆflesten Lebhaftigkeit w¸nschte. Die
Geschichte der ersten Zeiten schien meine Hoffnung zu best‰tigen. Die
Gˆtter hatten sich den Menschen bald in Tr‰umen, bald in Erscheinungen
entdeckt; verschiedene waren so gar gl¸cklich genug gewesen, G¸nstlinge
der Gˆtter zu sein. Hier kam mir Ganymed, Endymion und so viele andre zu
statten, welche von Gottheiten geliebt worden waren. Ich gab demjenigen,
was die Dichter davon erz‰hlen, eine Auslegung, welche den erhabenen
Begriffen gem‰fl war, die ich von den hˆhern Wesen gefasset hatte; die
Schˆnheit und Reinigkeit der Seele, die Abgezogenheit von den Gegenst‰nden
der Sinne, die Liebe zu den unsterblichen und ewigen Dingen, schien mir
dasjenige zu sein, was diese Personen den Gˆttern angenehm, und zu ihrem
Umgang geschickt gemacht hatte. Ich entdeckte endlich dem Theogiton (so
hiefl der Priester) meine lange geheim gehaltene Gedanken. Er erkl‰rte
sich auf eine Art dar¸ber, welche meine Neubegierde rege machte, ohne sie
zu befriedigen; er liefl mich merken, dafl dieses Geheimnisse seien, welche
er Bedenken trage, meiner Jugend anzuvertrauen: Doch sagte er mir, dafl die
Mˆglichkeit der Sache keinem Zweifel unterworfen sei, und bezauberte mich
ganz mit dem Gem‰lde, so er mir von der Gl¸ckseligkeit derjenigen machte,
welche von den Gˆttern w¸rdig geachtet w¸rden, zu ihrem geheimen Umgang
zugelassen zu werden. Die geheimnisvolle Miene, die er annahm, so bald
ich nach den Mitteln hiezu zu gelangen fragte, bewog mich, den Vorsatz zu
fassen, zu warten, bis er selbst f¸r gut finden w¸rde, sich deutlicher zu
entdecken. Er tat es nicht; aber er machte so viele Gelegenheiten, meine
erregte Neugierigkeit zu entflammen, dafl ich mich nicht lange enthalten
konnte, neue Fragen zu tun. Endlich f¸hrte er mich einsmals tief im
geheiligten Hain des Apollo in eine Grotte, welche ein uralter Glaube der
Bewohner des Landes von den Nymphen bewohnt glaubte, deren Bilder, aus
Zypressenholz geschnitzt, in Blinden von Muschelwerk das Innerste der
Hˆhle zierten.

Hier liefl er mich auf eine bemooste Bank niedersetzen, und fing nach einer
viel versprechenden Vorrede an, mir, wie er sagte, das geheime Heiligtum
der gˆttlichen Philosophie des Hermes und Orpheus aufzuschlieflen.
Unz‰hliche religiˆse Waschungen, und eine Menge von Gebeten, R‰ucherungen
und andre geheimen Anstalten muflten vorhergehen, einen noch in irdische
Glieder gefesselten Geist zum Anschauen der himmlischen Naturen
vorzubereiten. Und auch alsdenn w¸rde unser sterblicher Teil den Glanz
der gˆttlichen Vollkommenheit nicht ertragen, sondern (wie die Dichter
unter der Geschichte der Semele zu erkennen gegeben) g‰nzlich davon
verzehrt und vernichtet werden, wenn sie sich nicht mit einer Art von
kˆrperlichem Schleier umh¸llen, und durch diese Herablassung uns nach und
nach f‰hig machen w¸rden, sie endlich selbst, entkˆrpert und in ihrer
wesentlichen Gestalt anzuschauen. Ich war einf‰ltig genug alle diese
vorgegebene Geheimnisse f¸r echt zu halten; ich hˆrte dem ernsten
Theogiton mit einem heiligen Schauer zu, und machte mir seine
Unterweisungen so wohl zu Nutze, dafl ich Tag und Nacht an nichts anders
dachte als an die auflerordentliche Dinge, wovon ich in kurzem die
Erfahrung bekommen w¸rde.

Du kannst dir einbilden, Danae, ob meine Phantasie in dieser Zeit m¸flig
war. Ich w¸rde nicht fertig werden, wenn ich alles beschreiben wollte,
was damals in ihr vorging, und mit welch einer Zauberei sie mich in meinen
Tr‰umen bald in die gl¸cklichen Inseln, welche Pindar so pr‰chtig
schildert, bald zum Gastmahl der Gˆtter, bald in die Elysischen T‰ler, der
Wohnung seliger Schatten, versetzte.

So seltsam es klingt, so gewifl ist es doch, dafl die Kr‰fte der Einbildung
dasjenige weit ¸bersteigen, was die Natur unsern Sinnen darstellt: Sie hat
etwas gl‰nzenders als Sonnenglanz, etwas lieblichers als die s¸flesten
D¸fte des Fr¸hlings zu ihren Diensten, unsre innern Sinnen in Entz¸ckung
zu setzen; sie hat neue Gestalten, hˆhere Farben, vollkommnere Schˆnheiten,
schnellere Veranstaltungen, eine neue Verkn¸pfung der Ursachen und
W¸rkungen, eine andere Zeit--kurz, sie erschafft eine neue Natur, und
versetzt uns in der Tat in fremde Welten, welche nach ganz andern Gesetzen
als die unsrige regiert werden. In unsrer ersten Jugend sind wir noch zu
unbekannt mit den Triebfedern unsers eignen Wesens, um deutlich einzusehen,
wie sehr diese scheinbare Magie der Einbildungskraft in der Tat nat¸rlich
ist. Wenigstens war ich damals leichtgl‰ubig genug, Tr‰ume von dieser Art,
¸bernat¸rlichen Einfl¸ssen beizumessen, und sie f¸r Vorboten der
Wunderdinge zu halten, welche ich bald auch wachend zu erfahren hoffte.

Einsmals, als ich nach der Vorschrift des Theogitons acht Tage lang mit
geheimen Zeremonien und Weihungen, und in einer unabl‰ssigen Anstrengung
mein Gem¸t von allen ‰uflerlichen Gegenst‰nden abzuziehen, zugebracht hatte,
und mich nunmehr berechtiget hielt, etwas mehr zu erwarten, als was mir
bisher begegnet war, begab ich mich in sp‰ter Nacht, da alles schlief, in
die Grotte der Nymphen, und nachdem ich eine Menge von schw¸lstigen
Liedern und Anrufungsformeln hergesagt hatte, legte ich mich, mit dem
Angesicht gegen den vollen Mond gekehrt, welcher eben damals in die Grotte
schien, auf die Ruhebank zur¸ck, und ¸berliefl mich der Vorstellung, wie
mir sein w¸rde, wenn Luna aus ihrer Silbersph‰re herabsteigen, und mich zu
ihrem Endymion machen w¸rde. Mitten in diesen ausschweifenden
Vorstellungen, unter denen ich allm‰hlich zu entschlummern anfing, weckte
mich plˆtzlich ein liebliches Getˆn, welches in einiger Entfernung ¸ber
mir zu schweben schien, und wie ich bald erkannte, aus derjenigen Art von
Saitenspiel erklang, welche man dem Apollo zuzueignen pflegt. Einem
nat¸rlich gestimmten Menschen w¸rde gedeucht haben, er hˆre ein gutes
St¸ck von einer geschickten Hand ausgef¸hrt; und so h‰tte er sich nicht
betr¸gen kˆnnen. Aber in der Verfassung, worin ich damals war, h‰tte ich
vielleicht das Gequ‰ke eines Chors von Frˆschen f¸r den Gesang der Musen
gehalten. Die Musik, die ich hˆrte, r¸hrte, fesselte, entz¸ckte mich; sie
¸bertraf, meiner eingebildeten Empfindung nach (denn die Phantasie hat
auch ihre Empfindungen,) alles was ich jemals gehˆrt hatte; nur Apollo,
der Vater der Harmonie, dessen Laute die Sph‰ren ihre Gˆtter-vergn¸gende
Harmonien gelehrt hatte, konnte so ¸berirdische Tˆne hervorbringen. Meine
Seele schien davon wie aus ihrem Leibe emporgezogen zu werden, und, lauter
Ohr, ¸ber den Wolken zu schweben; als diese Musik plˆtzlich aufhˆrte, und
mich in einer Verwirrung von Gedanken und Gem¸tsregungen zur¸ckliefl, die
mir diese ganze Nacht kein Auge zu schlieflen, gestattete.

Des folgenden Tages erz‰hlte ich dem Theogiton, was mir begegnet war. Er
schien nichts sehr besonders daraus zu machen; doch gab er, nachdem er
mich um alle Umst‰nde befragt hatte, zu, dafl es Apollo, oder eine von den
Musen gewesen sein kˆnne. Du wirst l‰cheln, Danae, wenn ich dir gestehe,
dafl ich, so jung ich war, und ohne mir selbst recht bewuflt zu sein, warum?
doch lieber gesehen h‰tte, wenn es eine Muse gewesen w‰re. Ich unterliefl
nun keine Nacht, mich in der Grotte einzufinden, um die vermeinte Muse
wieder zu hˆren: Aber meine Erwartung betrog mich; es war Apollo selbst.
Nach etlichen N‰chten, worin ich mich mit der stummen Gegenwart der
Nymphen von Zypressenholz hatte begn¸gen m¸ssen, k¸ndigte mir ein heller
Schein, der auf einmal in die Grotte fiel, und durch die allgemeine
Dunkelheit und meinen Wahnwitz zu einem ¸berirdischen Licht erhoben wurde,
irgend eine auflerordentliche Begebenheit an. Urteile, wie best¸rzt ich
war, als ich mitten in der Nacht, den Gott des Tages, auf einer
hellgl‰nzenden Wolke sitzend, vor mir sah, der sich mir zu lieb den Armen
der schˆnen Thetis entrissen hatte. Goldgelbe Locken flossen um seine
weiflen Schultern; eine Krone von Strahlen schm¸ckte seine Scheitel; das
silberne Gewand, das ihn umflofl, funkelte von tausend Edelsteinen; und
eine goldne Leier lag in seinem linken Arm. Meine Einbildung tat das
¸brige hinzu, was zu Vollendung einer idealischen Schˆnheit nˆtig war.
Allein Best¸rzung und Ehrfurcht erlaubte mir nicht, dem Gott genauer ins
Gesicht zu sehen; ich glaubte geblendet zu sein, und den Glanz von Augen,
welche die ganze Welt erleuchteten, nicht ertragen zu kˆnnen. Er redete
mich an; er bezeugte mir sein Wohlgefallen an meinem Dienst, und an der
feurigen Begierde, womit ich, mit Verachtung der irdischen Dinge mich den
himmlischen widmete. Er munterte mich auf, in diesem Wege fortzugehen,
und mich den Einfl¸ssen der Unsterblichen leidend zu ¸berlassen; mit der
Versicherung, dafl ich bestimmt sei, die Anzahl der Gl¸cklichen zu
vermehren, welche er seiner besondern Gunst gew¸rdiget habe. Er
verschwand, indem er diese Worte sagte, so plˆtzlich, dafl ich nichts dabei
beobachten konnte; und so voreingenommen als mein Gem¸t war, h‰tte dieser
Apollo seine Rolle viel ungeschickter spielen kˆnnen, ohne dafl mir ein
Zweifel gegen seine Gottheit aufgestiegen w‰re. Theogiton, dem ich von
dieser Erscheinung Nachricht gab, w¸nschte mir Gl¸ck dazu, und sagte mir
von den alten Helden unsrer Nation, welche einst Lieblinge der Gˆtter
gewesen, und nun als Halbgˆtter selbst Alt‰re und Priester h‰tten, so viel
herrliche Sachen vor, als er nˆtig erachten mochte, meine Betˆrung
vollkommen zu machen. Am Ende vergafl er nicht, mir Anweisung zu geben,
wie ich mich bei einer zweiten Erscheinung gegen den Gott zu verhalten
h‰tte. Insonderheit ermahnte er mich, mein Urteil ¸ber alles
zur¸ckzuhalten, mich durch nichts befremden zu lassen, und der Vorschrift
unsrer Philosophie immer eingedenk zu bleiben, welche eine g‰nzliche
Unt‰tigkeit von uns fodert, wenn die Gˆtter auf uns w¸rken sollen. Man
muflte so unerfahren sein, als ich war, um keine Schlange unter diesen
Blumen zu merken. Nichts als die Entwicklung dieser heiligen Mummerei
konnte mir die Augen ˆffnen. Ich konnte unmˆglich aus mir selbst auf den
Argwohn geraten, dafl die Zuneigung einer Gottheit eigenn¸tzig sein kˆnne.
Ich hatte vielmehr gehofft, die grˆflesten Vorteile f¸r meine
Wissens-Begierde von ihr zu ziehen, und mit mehr als menschlichen Vorz¸gen
begabt zu werden. Die Erkl‰rungen des Apollo befremdeten mich endlich,
und seine Handlungen noch mehr; zuletzt entdeckte ich, was du schon lange
vorher gesehen haben muflt, dafl der vermeinte Gott kein andrer als
Theogiton selber war; welcher, sobald er sein Spiel entdeckt sah, auf
einmal die Sprache ‰nderte, und mich bereden wollte, dafl er diese Komˆdie
nur zu dem Ende angestellt habe, um mich von der Eitelkeit der Theosophie,
in die er mich so verliebt gesehen h‰tte, desto besser ¸berzeugen zu
kˆnnen. Er zog die Folge daraus: Dafl alles, was man von den Gˆttern
sagte, Erfindungen schlauer Kˆpfe w‰ren, womit sie Weiber und
leichtgl‰ubige Knaben in ihr Netz zu ziehen suchten; Kurz, er wandte alles
an, was eine unsittliche Leidenschaft einem schamlosen Ver‰chter der
Gˆtter eingeben kann, um die M¸he einer so wohl ausgesonnenen und mit so
vielen Maschinen aufgest¸tzten Verf¸hrung nicht umsonst gehabt zu haben.
Ich verwies ihm seine Bosheit mit einem Zorne, der mich stark genug machte,
mich von ihm loszureiflen. Des folgenden Tags hatte er die
Unversch‰mtheit, die priesterlichen Verrichtungen mit eben der
heuchlerischen Andacht fortzusetzen, womit er mich und jeden andern bisher
hintergangen hatte. Er liefl nicht die geringste Ver‰nderung in seinem
Betragen gegen mich merken, und schien sich des Vergangenen eben so wenig
zu erinnern, als ob er den ganzen Lethe ausgetrunken h‰tte. Diese
Auff¸hrung vermehrte meine Unruhe sehr; ich konnte noch nicht begreifen,
dafl es Leute geben kˆnne, welche, mitten in den Ausschweifungen des
Lasters, Ruhe und Heiterkeit, die nat¸rlichen Gef‰hrten der Unschuld,
beizubehalten wissen. Allein in weniger Zeit darauf befreite mich die
Unvorsichtigkeit dieses Betr¸gers von den Besorgnissen, worin ich seit der
Geschichte in der Grotte geschwebet hatte. Theogiton verschwand aus
Delphi, ohne dafl man die eigentliche Ursache davon erfuhr. Aus dem, was
man sich in die Ohren murmelte, erriet ich, dafl Apollo endlich ¸berdr¸ssig
geworden sein mˆchte, seine Person von einem andern spielen zu lassen.
Einer von unsern Knaben, der ein Verwandter des Ober-Priesters war, hatte
(wie man sagte) den Anlafl dazu gegeben.

Diese Begebenheiten f¸hrten mich nat¸rlicher Weise auf viele neue
Betrachtungen; aber meine Neigung zum Wunderbaren und meine
Lieblings-Ideen verloren nichts dabei; sie gewannen vielmehr, indem ich
sie nun in mich selbst verschlofl, und die Unsterblichen allein zu Zeugen
desjenigen machte, was in meiner Seele vorging. Ich fuhr fort, die
Verbesserung derselben nach den Grunds‰tzen der Orphischen Philosophie
mein vornehmstes Gesch‰fte sein zu lassen. Ich fing nun an zu glauben,
dafl keine andre als eine idealische Gemeinschaft zwischen den Hˆhern Wesen
und den Menschen mˆglich sei; dafl nichts als die Reinigkeit und Schˆnheit
unsrer Seele vermˆgend sei, uns zu einem Gegenstande des Wohlgefallens
jenes Unnennbaren, Allgemeinen, Obersten Geistes zu machen, von welchem
alle ¸brige, wie die Planeten von der Sonne, ihr Licht und die ganze Natur
ihre Schˆnheit und unwandelbare Ordnung erhalten; und dafl endlich in der
¸bereinstimmung aller unsrer Kr‰fte, Gedanken und geheimsten Neigungen mit
den groflen Absichten und den allgemeinen Gesetzen dieses Beherrschers der
sichtbaren und unsichtbaren Welt, das wahre Geheimnis liege, zu derjenigen
Vereinigung mit demselben zu gelangen, welche ich f¸r die nat¸rliche
Bestimmung und das letzte Ziel aller W¸nsche eines unsterblichen Wesens
ansah. Beides, jene geistige Schˆnheit der Seele und diese erhabene
Richtung ihrer W¸rksamkeit nach den Absichten des Gesetzgebers der Wesen,
glaubte ich am sichersten durch die Betrachtung der Natur zu erhalten;
welche ich mir als einen Spiegel vorstellte, aus welchem das Wesentliche,
Unverg‰ngliche und Gˆttliche in unsern Geist zur¸ckstrahle, und ihn nach
und nach eben so durchdringe und erf¸lle, wie die Sonne einen
angestrahlten Wasser-Tropfen. Ich ¸berredete mich, dafl die unverr¸ckte
Beschauung der Weisheit und G¸te, welche so wohl aus der besondern Natur
eines jeden Teils der Schˆpfung, als aus dem Plan und der allgemeinen
ˆkonomie des Ganzen hervorleuchte, das unfehlbare Mittel sei, selbst weise
und gut zu werden. Ich brachte alle diese Grunds‰tze in Aus¸bung. Jeder
neue Gedanke, der sich in mir entwickelte, wurde zu einer Empfindung
meines Herzens; und so lebte ich in einem stillen und lichtvollen Zustand
des Gem¸ts, dessen ich mich niemals anders als mit wehm¸tigem Vergn¸gen
erinnern werde, etliche gl¸ckliche Jahre hin; unwissend (und gl¸cklich
durch diese Unwissenheit) dafl dieser Zustand nicht dauern kˆnne; weil die
Leidenschaften des reifenden Alters, und (wenn auch diese nicht w‰ren) die
unvermeidliche Verwicklung in dem Wechsel der menschlichen Dinge jene
Fortdauer von innerlicher Heiterkeit und Ruhe nicht gestatten, welche nur
ein Anteil entkˆrperter Wesen sein kann."

DRITTES KAPITEL

Die Liebe in verschiedenen Gestalten

"Inzwischen hatte ich das achtzehnte Jahr erreicht, und fing nun an,
mitten unter den angenehmen Empfindungen, von denen meine Denkungs-Art und
meine Besch‰ftigungen unerschˆpfliche Quellen zu sein schienen, ein Leeres
in mir zu f¸hlen, welches sich durch keine Ideen ausf¸llen lassen wollte.
Ich sah die manchfaltigen Szenen der Natur wie mit neuen Augen an; ihre
Schˆnheiten hatten f¸r mich etwas Herz-r¸hrendes, welches ich sonst nie
auf diese Art empfunden hatte. Der Gesang der Vˆgel im Haine schien mir
was zu sagen, das er mir nie gesagt hatte, ohne dafl ich wuflte, was es war;
und die neu belaubten W‰lder schienen mich einzuladen, in ihren Schatten
einer woll¸stigen Schwermut nachzuh‰ngen, von welcher ich mitten in den
erhabensten Betrachtungen wider meinen Willen ¸berw‰ltiget wurde. Nach
und nach verfiel ich in eine weichliche Unt‰tigkeit: Mich deuchte, ich sei
bisher nur in der Einbildung gl¸cklich gewesen; und mein Herz sehnete sich
nach einem Gegenstand, in welchem ich jene idealische Vollkommenheiten
w¸rklich genieflen mˆchte, an denen ich mich bisher nur wie an einem
getr‰umten Gastmahle geweidet hatte. Damals zuerst stellten sich mir die
Reizungen der Freundschaft in einer vorher nie empfundenen Lebhaftigkeit
dar: Ein Freund (bildete ich mir ein) ein Freund w¸rde diese geheime
Sehnsucht meines Herzens befriedigen. Meine Phantasie malte sich einen
Pylades aus, und mein verlangendes Herz bekr‰nzte dieses schˆne Bild mit
allem, was mir das Liebensw¸rdigste schien, selbst mit jenen ‰uflerlichen
Annehmlichkeiten, welche in meinem System den nat¸rlichen Schmuck der
Tugend ausmachten. Ich suchte diesen Freund unter der bl¸henden Jugend,
welche mich umgab. Mehr als einmal betrog mich mein Herz, ihn gefunden zu
haben; aber eine kurze Erfahrung machte mich meines Irrtums bald gewahr
werden. Unter einer so groflen Anzahl von auserlesenen J¸nglingen, welche
die Liverei des Gottes zu Delphi trugen, war nicht ein einziger, den die
Natur so vollkommen mit mir zusammen gestimmt hatte, als die
Spitzfindigkeit meiner Begriffe es erfoderte.

Um diese Zeit geschah es, dafl ich das Ungl¸ck hatte, der Ober-Priesterin
eine Neigung einzuflˆflen, welche mit ihrem geheiligten Stande und mit
ihrem Alter einen gleich starken Absatz machte; sie hatte mich schon seit
geraumer Zeit mit einer vorz¸glichen G¸tigkeit angesehen, welche ich, so
lang ich konnte, einer m¸tterlichen Gesinnung beimafl, und mit aller der
Ehrerbietung erwiderte, die ich der Vertrauten des Delphischen Gottes
schuldig war. Stelle dir vor, schˆne Danae, was f¸r ein Modell zu einer
Bild-S‰ule des Erstaunens ich abgegeben h‰tte, als sich eine so ehrw¸rdige
Person herabliefl, mir zu entdecken, dafl alle Vertraulichkeit, die ich
zwischen ihr und dem Apollo voraussetzte, nicht zureiche, sie ¸ber die
Schwachheiten der gemeinsten Erden-Tˆchter hinwegzusetzen. Die gute Dame
war bereits in demjenigen Alter, worin es l‰cherlich w‰re, das Herz eines
Mannes von einiger Erfahrung einer jungen Nebenbuhlerin streitig machen zu
wollen. Allein einem Neuling, wof¸r sie mich mit gutem Grund ansah, die
ersten Unterweisungen zu geben, dazu konnte sie sich ohne ¸bertriebene
Eitelkeit f¸r reizend genug halten. Sie war zu den Zeiten des Heiligen
Kriegs in der Bl¸te ihrer Schˆnheit gewesen; hatte sich aber, wie die
meisten ihres Standes, so gut erhalten, dafl sie noch immer Hoffnung haben
konnte, in einer Versammlung herbstlicher Schˆnheiten vorz¸glich bemerkt
zu werden. Setze zu diesen ehrw¸rdigen ¸berbleibseln einer vormals
ber¸hmten Schˆnheit eine Figur, wie man die blonde Ceres zu bilden pflegt,
grofle schwarze Augen, unter deren affektiertem Ernst eine woll¸stige Glut
hervorglimmte, und zu allem diesem eine ungemeine Sorgfalt f¸r ihre Person,
und die schlaue Kunst, die Vorteile ihrer Reizungen mit der strengen
Sittsamkeit ihrer priesterlichen Kleidung zu verbinden: so kannst du dir
eine genugsame Vorstellung von dieser Pythia machen, um den Grad der
Gefahr abnehmen zu kˆnnen, worin sich die Einfalt meiner Jugend bei ihren
Nachstellungen befand.

Es ist leicht zu erachten, wie viel es sie M¸he kosten muflte, die ersten
Schwierigkeiten zu ¸berwinden, welche ein mehr Ehrfurcht als Liebe
einflˆflendes Frauenzimmer, in den hartn‰ckigen Vorurteilen eines
achtzehnj‰hrigen J¸nglings findet. Ihr Stand erlaubte ihr nicht, sich
deutlich zu erkl‰ren; und meine Blˆdigkeit verstand die Sprache nicht,
deren sie sich zu bedienen genˆtigt war. Zwar braucht man sonst zu dieser
Sprache keinen andern Lehrmeister als sein Herz; allein ungl¸cklicher
Weise sagte mir mein Herz nichts. Es bedurfte der lange ge¸bten Geduld
einer bejahrten Priesterin, um nicht tausendmal das Vorhaben aufzugeben,
einem Menschen, der aus lauter Ideen zusammengesetzt war, ihre Absichten
begreiflich zu machen. Und dennoch fand sie sich endlich genˆtigt, sich
des einzigen Kunstgriffs zu bedienen, von dem man in solchen F‰llen eine
gewisse W¸rkung erwarten kann; sie hatte noch Reizungen, welche die
ungewohnten Augen eines Neulings blenden konnten. Die Verwirrung, worein
sie mich durch den ersten Versuch von dieser Art gesetzt sah, schien ihr
von guter Vorbedeutung zu sein; und vielleicht h‰tte sie sich weniger in
ihrer Erwartung betrogen, wenn nicht ein Umstand, von dem ihr nichts
bekannt war, meinem Herzen eine mehr als gewˆhnliche St‰rke gegeben h‰tte.

Unsre Tugend, oder diejenigen W¸rkungen, welche das Ansehen haben, aus
einer so edeln Quelle zu flieflen, haben insgemein geheime Triebfedern, die
uns, wenn sie gesehen w¸rden, wo nicht alles, doch einen groflen Teil
unsers Verdienstes dabei entziehen w¸rden. Wie leicht ist es, der
Versuchung einer Leidenschaft zu widerstehen, wenn ihr von einer st‰rkern
die Waage gehalten wird?

Kurz zuvor, eh die schˆne Pythia ihren physikalischen Versuch machte, war
das Fest der Diana eingefallen, welches zu Delphi mit aller der
Feierlichkeit begangen wird, die man der Schwester des Apollo schuldig zu
sein vermeint. Alle Jungfrauen ¸ber vierzehn Jahre erschienen dabei in
schneeweiflem Gewand, mit aufgelˆsten fliegenden Haaren, den Kopf und die
Arme mit Blumen-Kr‰nzen umwunden, und sangen Hymnen zum Preis der
jungfr‰ulichen Gˆttin. Auch alte halb verloschne Augen heiterten sich
beim Anblick einer so zahlreichen Menge junger Schˆnen auf, deren
geringster Reiz die frischeste Blum der Jugend war. Urteile, schˆne Danae,
ob derjenige, den der bunte Schimmer eines bl¸henden Blumen-St¸cks schon
in eine Art von Entz¸ckung setzte, bei einem solchen Auftritt
unempfindlich bleiben konnte? Meine Blicke irrten in einer z‰rtlichen
Verwirrung unter diesen anmutsvollen Geschˆpfen herum; bis sie sich
plˆtzlich auf einer einzigen sammelten, deren erster Anblick meinem Herzen
keinen Wunsch ¸brig liefl, etwas anders zu sehen. Vielleicht w¸rde mancher
sie unter so vielen Schˆnen kaum besonders wahrgenommen haben; denn der
schˆnste Wuchs, die regelm‰fligsten Z¸ge, langes Haar, dessen wallende
Locken bis zu den Knien herunterflossen, und eine Farbe, welche Lilien und
Rosen, wenn sie ihre eigene Schˆnheit f¸hlen kˆnnten, besch‰mt h‰tte, alle
diese Reizungen waren ihr mit ihren Gespielen gemein; viele ¸bertrafen sie
noch in einem und dem andern St¸cke der Schˆnheit, und wenn ein Maler
unter der ganzen Schar h‰tte entscheiden sollen, welche die Schˆnste sei,
so w¸rde sie vielleicht ¸bergangen worden sein; allein mein Herz urteilte
nicht nach den Regeln der Kunst. Ich empfand, oder glaubte zu empfinden,
(und dieses ist in Absicht der W¸rkung allemal eins) dafl nichts
liebensw¸rdigers als dieses junge M‰dchen sein kˆnne, ohne dafl ich daran
gedachte, sie mit den ¸brigen zu vergleichen; sie lˆschte alles andre aus
meinen Augen aus. So (dacht ich) m¸flte die Unschuld aussehen, wenn sie,
um sichtbar zu werden, die Gestalt einer Grazie entlehnte; so r¸hrend
w¸rden ihre Gesichts-Z¸ge sein; so still-heiter w¸rden ihre Augen; so
holdselig ihre Wangen l‰cheln; so w¸rden ihre Blicke, so ihr Gang, so jede
ihrer Bewegungen sein. Dieser Augenblick brachte in meiner Seele eine
Ver‰nderung hervor, welche mir, da ich in der Folge f‰hig wurde, ¸ber
meinen Zustand zu denken, dem ¸bergang in eine neue und vollkommnere Art
des Daseins gleich zu sein schien. Aber damals war ich zu stark ger¸hrt,
zu sehr von Empfindungen verschlungen, um mir meiner selbst recht bewuflt
zu sein. Meine Entz¸ckung ging so weit, dafl ich nichts mehr von dem Pomp
des Festes bemerkte; und erst, nachdem alles g‰nzlich aus meinen Augen
verschwunden war, ward ich, wie durch einen plˆtzlichen Schlag, wieder zu
mir selbst gebracht. Itzt hatte ich M¸he, mich zu ¸berzeugen, dafl ich
nicht aus einem von den Tr‰umen erwacht sei, worin meine Phantasie, in
¸berirdische Sph‰ren verz¸ckt, mir zuweilen ‰hnliche Gestalten vorgestellt
hatte. Der Schmerz, eines so s¸flen Anblicks beraubt zu sein, konnte das
vollkommene Vergn¸gen nicht schw‰chen, womit das Innerste meines Wesens
erf¸llt war. Selbigen ganzen Abend, und den grˆflesten Teil der Nacht,
hatten alle Kr‰fte meiner Seele keine andere Besch‰ftigung, als sich
dieses geliebte Bild bis auf die kleinsten Z¸ge mit allen diesen
namenlosen Reizen,--welche vielleicht ich allein an dem Urbilde bemerkt
hatte,--und mit einer Lebhaftigkeit vorzumalen, die ihm immer neue
Schˆnheiten lehnte; mein Herz schm¸ckte es mit allem, was die Natur
Anmutiges hat, mit allen Vorz¸gen des Geistes, mit jeder sittlichen
Schˆnheit, mit allem was nach meiner Denkungs-Art das Vollkommenste und
Beste war, aus--was f¸r ein Gem‰lde, wozu die Liebe die Farben gibt!--Und
doch glaubte ich immer, zu wenig zu tun; und bearbeitete mich in mir
selbst, noch etwas schˆners als das Schˆnste zu finden, um die Idee, die
ich mir von meiner Unbekannten machte, g‰nzlich zu vollenden, und
gleichsam in das Urbild selbst zu verwandeln.--Diese liebensw¸rdige Person
hatte mich zu eben der Zeit, da ich sie erblickte, wahrgenommen; und es
war (wie sie mir in der Folge entdeckte) etwas mit den Regungen meines
Herzens ¸bereinstimmendes in dem ihrigen vorgegangen. Ich erinnerte mich,
(denn wie h‰tte ich die kleinste Bewegung, die sie gemacht hatte,
vergessen kˆnnen?) dafl unsre Blicke sich mehr als ein mal begegnet waren,
und dafl sie sogleich mit einer Scham-Rˆte, welche ihr ganzes liebliches
Gesicht mit Rosen ¸berzog, die Augen niedergeschlagen hatte. Ich war zu
unerfahren, und in der Tat auch zu bescheiden, aus diesem Umstand etwas
besonderes zu meinem Vorteil zu schlieflen; aber doch erinnerte ich mich
desselben mit einem so innigen Vergn¸gen, als ob es mir geahnet h‰tte, wie
gl¸cklich mich die Folge davon machen w¸rde. Ich hatte die Eitelkeit
nicht, welche uns zu schmeicheln pflegt, dafl wir liebensw¸rdig seien; ich
dachte an nichts weniger, als auf Mittel, wie ich mich lieben machen
wollte. Aber die Schˆnheit der Seele, die ich in ihrem Gesichte
ausgedr¸ckt gesehen hatte; diese sanfte Heiterkeit, die aus dem
nat¸rlichen Ernst ihrer Z¸ge hervorl‰chelte, hauchten mir Hoffnung ein,
dafl ich geliebet werden w¸rde.--Und welch einen Himmel von Wonne erˆffnete
diese Hoffnung vor mir! Was f¸r Aussichten! Welches Entz¸cken!--Wenn ich
mir vorstellte, dafl mein ganzes Leben, dafl selbst die Ewigkeiten, in deren
grenzenlosen Tiefen, der Gl¸ckliche die Dauer seiner Wonne so gerne sich
verlieren l‰flt, in ihrem Anschauen und an ihrer Seite dahinflieflen w¸rden!

So lebhafte Hoffnungen setzten voraus, dafl ich sie wieder finden w¸rde;
und dieser Wunsch brachte die Begierde mit sich, zu wissen wer sie sei.
Aber wen konnt' ich fragen? Ich hatte keinen Freund, dem ich mich
entdecken durfte; von einem jeden andern glaubte ich, dafl er bei einer
solchen Frage mein ganzes Geheimnis in meinen Augen lesen w¸rde; und die
Liebe, die ein sehr guter Ratgeber ist, hatte mich schon einsehen gemacht,
wie viel daran gelegen sei, dafl der Pythia nicht das Geringste zu Ohren
komme, was ihr den Zustand meines Herzens h‰tte verraten, oder sie zu
einer mifltrauischen Beobachtung meines Betragens veranlassen kˆnnen. Ich
verschlofl also mein Verlangen in mich selbst, und erwartete mit Ungeduld,
bis irgend ein meiner Liebe g¸nstiger Schutz-Geist mir zu dieser
gew¸nschten Entdeckung verhelfen w¸rde. Nach einigen Tagen f¸gte es sich,
dafl ich meiner geliebten Unbekannten in einem der Vorhˆfe des Tempels
begegnete. Die Furcht, von jemand beobachtet zu werden, hielt mich in
eben dem Augenblick zur¸ck, da ich auf sie zueilen und meine Entz¸ckung
¸ber diesen unverhofften Anblick in Geb‰rden, und vielleicht in
Ausrufungen, ausbrechen lassen wollte. Sie blieb, indem sie mich
erblickte, einige Augenblicke stehen, und sah mich an. Ich glaubte ein
plˆtzliches Vergn¸gen in ihrem schˆnen Gesicht aufgehen zu sehen; sie
errˆtete, schlug die Augen wieder nieder, und eilte davon. Ich durft' es
nicht wagen, ihr zu folgen; aber meine Augen folgten ihr, so lang es
mˆglich war; und ich sahe, dafl sie zu einer T¸r einging, welche in die
Wohnung der Priesterin f¸hrte. Ich begab mich in den Hain, um meinen
Gedanken ¸ber diese angenehme Erscheinung ungestˆrter nachzuh‰ngen. Der
letzte Umstand, den ich bemerkt hatte, und ihre Kleidung, brachte mich auf
die Vermutung, dafl sie vielleicht eine von den Aufw‰rterinnen der Pythia
sei, deren diese Dame eine grofle Anzahl hatte, die aber (aufler bei
besondern Feierlichkeiten) selten sichtbar wurden. Diese Entdeckung
besch‰ftigte mich noch nach der ganzen Wichtigkeit, die sie f¸r mich hatte,
als ich, in der Tat zur ungelegensten Zeit von der Welt, zu der
z‰rtlichen Priesterin gerufen wurde.--Die Begierde und die Hoffnung, meine
Geliebte bei dieser Gelegenheit wieder zu sehen, machte mir anf‰nglich
diese Einladung sehr willkommen; aber meine Freude wurde bald von dem
Gedanken vertrieben, wie schwer es mir sein w¸rde, wenn meine Unbekannte
zugegen w‰re, meine Empfindungen f¸r sie den Augen einer Nebenbuhlerin zu
verbergen. Die K¸nste der Verstellung waren mir zu unbekannt, und meine
Gem¸ts-Regungen bildeten sich (auch wider meinen Willen) zu schnell und zu
deutlich in meinem ‰uflerlichen ab, als dafl ich mich bei allen meinen
Bestrebungen, vorsichtig zu sein, sicher genug halten konnte. Diese
Gedanken gaben mir (wie ich glaube) ein ziemlich verwirrtes Aussehen, als
ich vor die Pythia gef¸hrt wurde. Allein, da ich niemand, als eine
kleine Sklavin von neun oder zehen Jahren, bei ihr fand, erholte ich mich
bald wieder; und sie selbst schien mit ihren eigenen Bewegungen zu sehr
besch‰ftigt, um auf die meinige genau Acht zu geben,--oder (welches
wenigstens eben so wahrscheinlich ist) sie legte die Ver‰nderung, die sie
in meinem Gesichte wahrnehmen muflte, zu Gunsten ihrer Reizungen aus, von
denen sie sich dieses mal desto mehr W¸rkung versprechen konnte, je mehr
sie vermutlich darauf studiert hatte, sie in dieses reizende
Schatten-Licht zu setzen, welches die Einbildungs-Kraft so lebhaft zum
Vorteil der Sinnen ins Spiel zu ziehen pflegt. Sie safl oder lag (denn
ihre Stellung war ein Mittelding von beiden) auf einem mit Silber und
Perlen reich gestickten Ruhe-Bette; ihr ganzer Putz hatte dieses
Zierlich-Nachl‰ssige, hinter welches die Kunst sich auf eine schlaue Art
versteckt, wenn sie nicht daf¸r angesehen sein will, dafl sie der Natur zu
H¸lfe komme; ihr Gewand, dessen bescheidene Farbe ihrer eigenen eben so
sehr als der Anst‰ndigkeit ihrer W¸rde angemessen war, wallte zwar in
vielen Falten um sie her; aber es war schon daf¸r gesorgt, dafl hier und da
der schˆne Contour dessen, was damit bedeckt war, deutlich genug wurde, um
die Augen auf sich zu ziehen, und die Neugier l¸stern zu machen. Ihre
Arme, die sie sehr schˆn hatte, waren in weiten und halb auf gesch¸rzten
‰rmeln fast ganz zu sehen; und eine Bewegung, welche sie, w‰hrend unsers
Gespr‰chs, unwissender Weise gemacht haben wollte, trieb einen Busen aus
seiner Verh¸llung hervor, welcher reizend genug war, ihr Gesicht um
zwanzig Jahre j¸nger zu machen. Sie bemerkte diese kleine
Unregelm‰fligkeit endlich; aber das Mittel, wodurch sie die Sachen wieder
in Ordnung zu bringen suchte, war mit der Unbequemlichkeit verbunden, dafl
dadurch ein Fufl bis zur H‰lfte sichtbar wurde, dessen die schˆnste
Spartanerin sich h‰tte r¸hmen d¸rfen. Die tiefe Gleichg¸ltigkeit, worin
mich alle diese Reizungen lieflen, machte ohne Zweifel, dafl ich
Beobachtungen machen konnte, wozu ein ger¸hrter Zuschauer die Freiheit
nicht gehabt h‰tte. Indes gab mir doch eine Art von Scham, die ich
anstatt der guten Pythia auf meinen Wangen gl¸hen f¸hlte, ein Ansehen von
Verwirrung, womit die Dame, welche in zweifelhaften F‰llen alle mal zu
Gunsten ihrer Eigenliebe urteilte, ziemlich wohl zufrieden schien. Sie
schrieb es vermutlich einer sch¸chternen Unentschlossenheit oder einem
Streit zwischen Ehrfurcht und Liebe bei, dafl ich (ungeachtet des starken
Eindrucks, den sie auf mich machte) ihr keine Gelegenheit gab, die
Delikatesse ihrer Tugend sehen zu lassen. Ich hatte Aufmunterungen nˆtig,
zu welchen man bei einem ge¸btern Liebhaber sich nicht herablassen w¸rde.
Die Geschicklichkeit, die man mir in der Kunst, die Dichter zu lesen,
beilegte, diente ihr zum Vorwand, mir einen Zeit-Vertrieb vorzuschlagen,
von dem sie sich einige Befˆderung dieser Absicht versprechen konnte. Sie
versicherte mich, dafl Homer ihr Lieblings-Autor sei, und bat mich, ihr das
Vergn¸gen zu machen, sie eine Probe meines gepriesenen Talents hˆren zu
lassen. Sie nahm einen Homer, der neben ihr lag, und stellte sich,
nachdem sie eine Weile gesucht hatte, als ob es ihr gleichg¸ltig sei,
welcher Gesang es w‰re; sie gab mir den ersten den besten in die H‰nde;
aber zu gutem Gl¸cke war es gerade derjenige, worin Juno, mit dem G¸rtel
der Venus geschm¸ckt, den Vater der Gˆtter in eine so lebhafte Erinnerung
der Jugend ihrer ehelichen Liebe setzt.--Von dem dichterischen Feuer,
welches in diesem Gem‰lde gl¸het, und dem s¸flen Wohlklang der Homerischen
Verse entz¸ckt, beobachtete sie nicht, in was f¸r eine verf¸hrische
Unordnung ein Teil ihres Putzes durch eine Bewegung der Bewunderung,
welche sie machte, gekommen war. Sie nahm von dieser Stelle Anlafl, die
unumschr‰nkte Gewalt des Liebes-Gottes zum Gegenstande der Unterredung zu
machen. Sie schien der Meinung derjenigen g¸nstig zu sein, welche
behaupten, dafl der Gedanke, einer so m‰chtigen Gottheit widerstehen zu
wollen, nur in einer vermessenen und ruchlosen Seele geboren werden kˆnne.
Ich pflichtete ihr bei, behauptete aber, dafl die meisten in den Begriffen,
welche sie sich von diesem Gotte machten, der groflen Pflicht, von der
Gottheit nur das W¸rdigste und Vollkommenste zu denken, sehr zu nahe
tr‰ten; und dafl die Dichter durch die allzusinnliche Ausbildung ihrer
allegorischen Fabeln in diesem St¸cke sich keines geringen Vergehens
schuldig gemacht h‰tten. Unvermerkt schwatzte ich mich in einen
Enthusiasmus hinein, in welchem ich, nach den Grunds‰tzen meiner
geheimnisreichen Philosophie, von der intellektualischen Liebe, von der
Liebe welche der Weg zum Anschauen des wesentlichen Schˆnen ist, von der
Liebe welche die geistigen Fl¸gel der Seele entwickelt, sie mit jeder
Tugend und Vollkommenheit schwellt, und zuletzt durch die Vereinigung mit
dem Urbild und Urquell des Guten in einen Abgrund von Licht, Ruhe und
unver‰nderlicher Wonne hineinzieht, worin sie g‰nzlich verschlungen und zu
gleicher Zeit vernichtigt und vergˆttert wird--so erhabne, mir selbst
meiner Einbildung nach sehr deutliche, der schˆnen Priesterin aber so
unverst‰ndliche Dinge sagte, dafl sie in eben der Proportion, nach welcher
sich meine Einbildungs-Kraft dabei erw‰rmte, nach und nach davon
eingeschl‰fert wurde. In der Tat konnte im Prospekt eines so schˆnen
Busens, als ich vor mir sahe, nichts seltsamere sein, als eine Lob-Rede
auf die intellektualische Liebe; auch gab die betrogne Pythia nach einer
solchen Probe alle Hoffnung auf, mich, diesen Abend wenigstens, zu einer
nat¸rlichen Art zu denken und zu lieben herumzustimmen. Sie entliefl mich
alsobald darauf, nachdem sie mir, wiewohl auf eine ziemlich r‰tselhafte
Art, zu vernehmen gegeben hatte, dafl sie besondere Ursachen habe, sich
meiner mehr anzunehmen, als irgend eines andern Kostg‰ngers des Apollo.
Ich verstund aus dem, was sie mir davon sagte, so viel, dafl sie eine nahe
Anverwandtin meines mir selbst noch unbekannten Vaters sei; dafl es ihr
vielleicht bald erlaubt sein werde, mir das Geheimnis meiner Geburt zu
entdecken; und dafl ich es allein diesem n‰hern Verh‰ltnis zu zuschreiben
habe, wenn sie mich durch eine Freundschaft unterscheide, welche mich,
ohne diesen Umstand, vielleicht h‰tte befremden kˆnnen. Diese Erˆffnung,
an deren Wahrheit mich ihre Miene nicht zweifeln liefl, hatte die
gedoppelte W¸rkung--mich zu bereden, dafl ich mich in meinen Gedanken von
ihren Gesinnungen betrogen haben kˆnne--und sie auf einmal zu einem
interessanten Gegenstande f¸r mein Herz zu machen. In der Tat fing ich,
von dem Augenblick, da ich hˆrte, dafl sie mit meinem Vater befreundet sei,
an, sie mit ganz andern Augen anzusehen; und vielleicht w¸rde sie von den
Dispositionen, in welche ich dadurch gesetzt wurde, in kurzer Zeit mehr
Vorteil haben ziehen kˆnnen, als von allen den Kunstgriffen, womit sie
meine Sinnen hatte ¸berraschen wollen. Aber die gute Dame wuflte entweder
nicht, wie viel man bei gewissen Leuten gewonnen, wenn man Mittel findet,
ihr Herz auf seine Seite zu ziehen; oder sie war ¸ber mein seltsames
Betragen erbittert, und glaubte, ihre verachteten Reizungen nicht besser
r‰chen zu kˆnnen, als wenn sie mich in eben dem Augenblick von sich
entfernte, da sie in meinen Augen las, dafl ich gerne l‰nger geblieben w‰re.
Alles Bitten, dafl sie ihre G¸tigkeit durch eine deutlichere Entdeckung
des Geheimnisses meiner Geburt vollkommen machen mˆchte, war umsonst; sie
schickte mich fort, und hatte Grausamkeit genug, eine geraume Zeit vorbei
gehen zu lassen, eh sie mich wieder vor sich kommen liefl. Zu einer andern
Zeit w¸rde das Verlangen, diejenigen zu kennen, denen ich das Leben zu
danken h‰tte, mir diesen Aufschub zu einer harten Strafe gemacht haben;
aber damals brauchte es nur wenige Minuten, wieder allein zu sein, und
einen Gedanken an meine geliebte Unbekannte, um die Priesterin mit allen
ihren Reizen, und mit allem was sie mir gesagt und nicht gesagt hatte, aus
meinem Gem¸te wieder auszulˆschen. Es war mir unendlich mal angelegener
zu wissen, wer diese Unbekannte sei, und ob sie w¸rklich (wie ich mir
schmeichelte) f¸r mich empfinde, was ich f¸r sie empfand, als in Absicht
meiner selbst aus einer Unwissenheit gezogen zu werden, gegen welche die
Gewohnheit mich fast ganz gleichg¸ltig gemacht hatte: So lange ich das
nicht wuflte, w¸rde ich die Entdeckung, der Erbe eines Kˆnigs zu sein, mit
Kaltsinn angesehen haben. Der Blick, den sie diesen Abend auf mich
geheftet hatte, schien mir etwas zu versprechen, das f¸r mein Herz
unendlich mehr Reiz hatte, als alle Vorteile der gl‰nzendsten Geburt.
Mein ganzes Wesen schien von diesem Blicke, wie von einem ¸berirdischen
Lichte, durchstrahlt und verkl‰rt--ich unterschied zwar nicht deutlich,
was in mir vorging--aber so oft ich sie mir wieder in dieser Stellung, mit
diesem Blicke, mit diesem Ausdruck in ihrem lieblichen Gesichte vorstellte,
(und dieses geschah allemal so lebhaft, als ob ich sie w¸rklich mit Augen
s‰he) so schien mir mein Herz vor Liebe und Vergn¸gen in Empfindungen zu
zerflieflen, f¸r deren durchdringende S¸fligkeit keine Worte erfunden sind.
"--Hier wurde Agathon (dessen Einbildungs-Kraft, von den Erinnerungen
seiner ersten Liebe erhitzt, einen h¸bschen Schwung, wie man sieht, zu
nehmen anfing,) durch eine ziemlich merkliche Ver‰nderung in dem Gesichte
seiner schˆnen Zuhˆrerin, mitten in dem Lauf seiner unzeitigen Schw‰rmerei
aufgehalten, und aus seinem achtzehnten Jahr, in welches er in dieser
kleinen Ekstase zur¸ckversetzt worden war, auf einmal wieder nach Smyrna,
zu sich selbst und der schˆnen Danae gegen¸ber, gebracht.

VIERTES KAPITEL

Fortsetzung des Vorhergehenden

Es ist eine alte Bemerkung, dafl man einer schˆnen Dame die Zeit nur
schlecht vertreibt, wenn man sie von den Eindr¸cken, die eine andre auf
unser Herz gemacht hat, unterh‰lt. Je mehr Feuer, je mehr Wahrheit, je
mehr Beredsamkeit wir in einem solchen Falle zeigen, je reizender unsre
Schilderungen, je schˆner unsre Bilder, je beseelter unser Ausdruck ist,
desto gewisser d¸rfen wir uns versprechen, unsre Zuhˆrerin einzuschl‰fern.
Diese Beobachtung sollten sich besonders diejenigen empfohlen sein
lassen, welche eine w¸rklich im Besitz stehende Geliebte mit der
Geschichte ihrer ehemaligen verliebtet Abenteuer unterhalten. Agathon,
welcher noch weit davon entfernt war, von seiner Einbildungs-Kraft Meister
zu sein, hatte diese Regel g‰nzlich aus den Augen verloren, da er einmal
auf die Erz‰hlung seiner ersten Liebe gekommen war. Die Lebhaftigkeit
seiner Wiedererinnerungen schien sie in Empfindungen zu verwandeln; er
bedachte nicht, dafl es weniger anstˆflig w‰re, eine Geliebte, wie Danae,
mit der ganzen Metaphysik der intellektualischen Liebe, als mit so
enthusiastischen Beschreibungen der Vorz¸ge einer andern, und der
Empfindungen, welche sie eingeflˆflt, zu unterhalten. Eine Art von
Mittelding zwischen G‰hnen und Seufzen, welches ihr an der Stelle, wo wir
seine Erz‰hlungen abgebrochen haben, entfuhr, und ein gewisser Ausdruck
von langer Weile, der aus einer erzwungnen Miene von vergn¸gter
Aufmerksamkeit hervorbrach, machte ihn endlich seiner Unbesonnenheit
gewahr werden; er stutzte einen Augenblick, er errˆtete, und es fehlte
wenig, dafl er den Zusammenhang seiner Geschichte dar¸ber verloren h‰tte.
Doch erholte er sich noch geschwinde genug wieder, um seiner Verwirrung
irgend einen zuf‰lligen Vorwand zu geben, und setzte seine Erz‰hlung fort,
indem er fest bei sich beschlofl, genauer auf sich selbst Acht zu geben,
und seine Beschreibungen so sehr abzuk¸rzen, als es nur immer mˆglich sein
w¸rde; ein Vorsatz, bei welchem unsre Leser sich wenigstens eben so wohl
befinden werden, als die schˆne Danae, wenn er anders f‰hig sein wird,
sich selbst Wort zu halten.

"Die s¸flen Tr‰ume", (fuhr der Held unsrer Geschichte fort) "worin mein
Herz sich so gerne zu wiegen pflegte, hatten nicht w¸rkliches genug,
diesen angenehmen Zustand meines Gem¸tes lange zu unterhalten. Eine
z‰rtliche Schwermut, welche jedoch nicht ohne eine Art von Wollust war,
bem‰chtigte sich meiner so stark, dafl ich M¸he hatte, sie vor denjenigen
zu verbergen, mit denen ich einen Teil des Tages zubringen muflte. Ich
suchte die Einsamkeit; und weil ich den Tag ¸ber, nur wenige Stunden in
meiner Gewalt hatte, so fing ich wieder an, den grˆflten Teil der Zeit,
worin andere schliefen, in den angenehmen Hainen, die den Tempel umgeben,
mit meinen Gedanken und dem Bilde meiner Unbekannten zu durchwachen. In
einer dieser N‰chte begegnete es, dafl ich von ungef‰hr in eine Gegend des
Hains verirrte, welche das Ansehen einer Wildnis, aber der anmutigsten,
die man sich nur einbilden kann, hatte. Mitten darin liefl das Geb¸sche,
welches in labyrinthischen Kr¸mmungen mit hohen Zypressen und vielen
selbst gewachsenen Lauben abgesetzt, sich um sich selbst herumwand, einen
offnen Platz, der mit einem halben Circul von wilden Lorbeer-B‰umen, von
denen sich immer eine Reihe ¸ber die andere erhub, eingefaflt, auf der
andern Seite aber nur mit niedrigem Myrten-Gestr‰uch und Rosen-Hecken
leicht umkr‰nzt war. Mitten darin lagen einige Nymphen von weiflem Marmor,
von ¸berhangendem Rosen-Gestr‰uche beschattet, welche auf ihren Urnen zu
schlafen schienen, indes sich aus jeder Urne eine Quelle in ein ger‰umiges
Becken von poliertem schwarzem Granit-Marmor ergofl, worin die
Frauens-Personen, welche unter dem Schutz des delphischen Apollo stunden,
sich im Sommer zu baden pflegten. Dieser Ort war (einer alten Sage nach)
der Diana heilig; und kein m‰nnlicher Fufl durfte, bei Strafe, sich den
Zorn dieser unerbittlichen Gˆttin zu zuziehen, sich unterstehen, ihrem
geheiligten Ruhe-Platz nahe zu kommen. Vermutlich machte die Gˆttin eine
Ausnahme zu Gunsten eines unschuldigen Schw‰rmers, der (ohne den mindesten
Vorsatz, ihre Ruhe zu stˆren, und ohne einmal zu wissen, wohin er kam),
sich hieher verirrt hatte. Denn anstatt mich ihren Zorn empfinden zu
lassen, beg¸nstigte sie mich vielmehr mit einer Erscheinung, welche mir
angenehmer war, als wenn sie selbst, mich zu ihrem Endymion zu machen, zu
mir herabgestiegen w‰re. Weil ich in eben dem Augenblick, da ich diese
Erscheinung hatte, den Ort, wo ich mich befand, f¸r denjenigen erkannte,
der mir ˆfters, um ihn desto gewisser vermeiden zu kˆnnen, beschrieben
worden war; so war w¸rklich mein erster Gedanke, dafl es die Gˆttin sei,
welche, von der Jagd erm¸det, unter ihren Nymphen schlummre. Von einem
heiligen Schauer ersch¸ttert, wollte ich schon den Fufl zur¸ckziehn; als
ich beim Glanz des seitw‰rts einfallenden Mond-Lichts gewahr wurde, dafl es
meine Unbekannte war. Ich will es nicht versuchen, zu beschreiben wie mir
in diesem Augenblicke zu Mute war; es war einer von denen, an welche ich
mich nur erinnern darf, um zu glauben, dafl ein Wesen, welches einer
solchen Wonne f‰hig ist, zu nichts geringers als zu der Wonne der Gˆtter
bestimmt sein kˆnne. Itzt konnt' ich nat¸rlicher Weise nicht mehr denken,
mich unbemerkt zur¸ckzuziehen; meine einzige Sorge war, die liebensw¸rdige
Einsame zu einer Zeit und an einem Orte, wo sie keinen Zeugen, am
allerwenigsten einen m‰nnlichen vermuten konnte, durch keine plˆtzliche
¸berraschung zu erschrecken. Die Stellung, worin sie an eine der
marmornen Nymphen angelegt lag, gab zu erkennen, dafl sie staunte; ich
betrachtete sie eine geraume Weile, ohne dafl sie mich gewahr wurde.
Dieser Umstand erlaubte mir meine eigene Stelle zu ver‰ndern, und eine
solche zu nehmen, dafl sie, so bald sie die Augen aufschlage, mich
unfehlbar erkennen m¸flte. Diese Vorsicht hatte die verlangte W¸rkung.
Sie erblickte mich; sie stutzte; aber sie erkannte mich doch zu schnell,
um mich f¸r einen Satyren anzusehen. Meine Erscheinung schien ihr mehr
Vergn¸gen als Unruhe zu machen. Ein jeder andrer, so gar ein Satyr, w¸rde
irgend ein artig gedrehtes Kompliment in Bereitschaft gehabt haben, um
seine Freude ¸ber eine so reizende Erscheinung auszudr¸cken; die
Gelegenheit konnte nicht schˆner sein, sie f¸r eine Gˆttin, oder
wenigstens f¸r eine der Gespielen Dianens anzusehen, und diesem Irrtum
gem‰fl zu begr¸flen. Aber ich, von neuen, nie gefehlten, unbeschreiblichen
Empfindungen gedr¸ckt, ich konnte gar nichts sagen. Zu ihren F¸flen h‰tte
ich mich werfen mˆgen; aber die Sch¸chternheit, welche (zumal in meinem
damaligen Alter) mit der ersten Liebe so unzertrennlich verbunden ist,
hielt mich zur¸ck; ich besorgte, dafl sie sich einen nachteiligen Begriff
von der tiefen Ehrerbietung, die ich f¸r sie empfand, aus einer solchen
Freiheit machen mˆchte. Meine Unbekannte war nicht so sch¸chtern; sie hub
sich, mit dieser sittsamen Anmut, wodurch sie sich das erste mal, als ich
sie gesehen, in meinen Augen von allen ihren Gespielen unterschieden hatte,
vom Boden auf, und ging ein paar Schritte gegen mich. 'Wie finde ich den
Agathon hier?' sagte sie mit einer Stimme, die ich noch zu hˆren glaube;
so lieblich, so r¸hrend schien sie unmittelbar in meine Seele sich
einzuschmeicheln. In der s¸flen Verwirrung, worin ich war, fand ich keine
bessere Antwort, als sie zu versichern, dafl ich nicht so verwegen gewesen
w‰re, ihre Einsamkeit zu stˆren, wenn ich vermutet h‰tte, sie hier zu
finden. Das Kompliment war nicht so artig, als es ein junger Athenienser
bei einer solchen Gelegenheit gemacht h‰tte; aber Psyche (so erfuhr ich in
der Folge, dafl meine Unbekannte genennt werde) war zu unschuldig, um
Komplimente zu erwarten. 'Ich erkenne meine Unvorsichtigkeit, wiewohl zu
sp‰t', versetzte sie: 'Was wird Agathon von mir denken, da er mich an
diesem abgelegenen Ort in einer solchen Stunde allein findet? Und doch'
(setzte sie errˆtend hinzu) 'ist es gl¸cklich f¸r mich, wenn ich ja einen
Zeugen meiner Unbesonnenheit haben muflte, dafl es Agathon war.' Ich
versicherte sie, dafl mir nichts nat¸rlicher vorkomme, als der Geschmack,
den sie in der Einsamkeit, in der Stille einer so schˆnen Nacht, und in
einer so anmutigen Gegend zu finden scheine. Ich setzte noch vieles von
den Annehmlichkeiten des Mondscheins, von der majest‰tischen Pracht des
sternvollen Himmels, von der Begeistrung, welche die Seele in diesem
feierlichen Schweigen der ganzen Natur erfahre, von dem Einschlummern der
Sinne, und dem Erwachen der innern geheimnisvollen Kr‰fte unsers
unsterblichen Teils, hinzu--Dinge, welche bei den meisten Schˆnen, zumal
in einem so anmutigen Myrten-Geb¸sche, und in der einladenden D‰mmerung
einer so lauen Sommer-Nacht, sehr ¸bel angebracht gewesen w‰ren; aber bei
der gef¸hlvollen Psyche r¸hrten sie die empfindlichsten Saiten ihres
Herzens. Das Gespr‰ch, worin wir uns unvermerkt verwickelten, entdeckte
eine ¸bereinstimmung in unserm Geschmack und in unsern Neigungen, welche
gar bald ein eben so freundschaftliches und vertrauliches Verst‰ndnis
zwischen unsern Seelen hervorbrachte, als ob wir uns schon viele Jahre
geliebet h‰tten. Mir war, als ob ich alles, was sie sagte, durch eine
unmittelbare Anschauung in ihrer Seele lese; und hinwieder schien das, was
ich sagte, so abgezogen, idealisch und dichterisch, es immer sein mochte,
ein blofler Widerhall oder die Entwicklung ihrer eigenen Empfindungen und
solcher Ideen zu sein, welche als Embryonen in ihrer Seele lagen, und nur
den erw‰rmenden Einflufl eines ge¸btern Geistes nˆtig hatten, um sich zu
entfalten, und durch ihre naive Schˆnheit die erhabensten und
sinnreichsten Gedanken der Weisen zu besch‰men. Die Zeit wurde uns bei
dieser Unterhaltung so kurz, dafl wir kaum eine Stunde bei einander gewesen
zu sein glaubten, als uns die aufgehende Morgenrˆte erinnerte, dafl wir uns
trennen muflten. Ich hatte durch diese Unterredung erfahren, dafl meine
Geliebte von ihrer Herkunft eben so wenig wisse, als ich von der meinigen;
dafl sie von ihrer Amme, in der Gegend von Corinth bis ins sechste Jahr
erzogen, hernach aber von R‰ubern entf¸hrt, und an die Priesterin zu
Delphi verkauft worden, welche sie in allen weiblichen K¸nsten, und da sie
eine besondere Neigung zum Lesen an ihr bemerkt, auch in der Kunst die
Dichter recht zu lesen, habe unterrichten lassen, und sie in der Folge zu
ihrer Leserin gemacht habe. Diese Umst‰nde waren f¸r meine Liebe zu der
jungen Psyche nicht sehr schmeichelhaft; allein das Vergn¸gen der
gegenw‰rtigen Augenblicke liefl mich gar nicht an das K¸nftige denken;
unbek¸mmert, wohin die Empfindungen, von denen ich eingenommen war, in
ihren Folgen endlich f¸hren kˆnnten, ¸berliefl ich mich ihnen mit aller
Gutherzigkeit der jugendlichen Unschuld; meine kleine Psyche zu sehen, zu
lieben, es ihr zu sagen, und aus ihrem schˆnen Munde zu hˆren, in ihren
seelenvollen Augen zu sehen, dafl ich wieder geliebt werde.--Das waren itzt
alle Gl¸ckseligkeiten, die ich w¸nschte, und ¸ber welche hinaus ich keine
andere kannte. Ich hatte ihr etwas von den Eindr¸cken gesagt, die ihr
erster Anblick auf mein Herz gemacht hatte; und sie hatte diese
Erˆffnungen mit dem Gest‰ndnis der vorz¸glichen Meinung, welche ihr das
allgemeine Urteil zu Delphi von mir gegeben h‰tte, erwidert; aber meine
z‰rtliche und ehrfurchtsvolle Sch¸chternheit erlaubte mir nicht, ihr alles
zu sagen, was mein Herz f¸r sie empfand. Meine Ausdr¸cke waren lebhaft
und feuerig; aber sie hatten mit der gewˆhnlichen Sprache der Liebe so
wenig ‰hnliches, dafl ich weniger zu sagen glaubte, indem ich in der Tat
unendlich mal mehr sagte, als ein gewˆhnlicher Liebhaber, der mehr von
seinen Begierden beunruhigt, als von dem Werte seiner Geliebten ger¸hrt
ist. Allein da wir uns scheiden muflten, w¸rde mich mein allzuvolles Herz
verraten haben, wenn die unerfahrne Jugend der guten Psyche ihr erlaubt
h‰tte, einiges Mifltrauen in Empfindungen zu setzen, welche sie nach der
Unschuld ihrer eigenen beurteilte. Ich zerflofl in Tr‰nen, und setzte ihr
auf eine so z‰rtliche, so bewegliche Art zu, mir zu versprechen, sich in
der folgenden Nacht wieder in dieser Gegend finden zu lassen, dafl es ihr
unmˆglich war, mich ungetrˆstet wegzuschicken. Wir setzten also, da uns
alle Gelegenheit, uns bei Tage zu sprechen, abgeschnitten war, diese
n‰chtliche Zusammenk¸nfte fort; und unsere Liebe wuchs und verschˆnerte
sich zusehends, ohne dafl wir dachten, dafl es Liebe sei. Wir nannten es
Freundschaft; und genossen ihrer reinsten S¸fligkeiten, ohne durch einige
Besorgnisse, Bedenklichkeiten oder andre Symptome der Leidenschaft,
beunruhigt zu werden. Psyche hatte sich eine Freundin, wie ich mir einen
Freund, gew¸nscht; nun glaubten wir beide gefunden zu haben, was wir
w¸nschten. Unsere Denkungs-Art, und die G¸te unserer Herzen, flˆflte uns
ein vollkommenes und unbegrenztes Zutrauen gegen einander ein.--Meine
Augen, welche schon lange gewˆhnt waren, anders zu sehen, als man sonst in
meinen damaligen Jahren zu sehen pflegt, sahen in Psyche kein reizendes
M‰dchen, sondern die schˆnste, die liebensw¸rdigste der Seelen, deren
geistige Reizungen aus dem durchsichtigen Flor eines irdischen Gewandes
hervorschimmerten; und die wissensbegierige Psyche, welche nie gl¸cklicher
war, als wenn ich ihr die erhabenen Geheimnisse meiner dichterischen
Philosophie entfaltete, glaubte den gˆttlichen Orpheus oder den Apollo
selbst zu hˆren, wenn ich sprach. Es ist in der Natur der Liebe (so
z‰rtlich und unkˆrperlich sie immer sein mag) so lange zuzunehmen, bis sie
das Ziel erreicht hat, wo die Natur sie zu erwarten scheint. Die unsrige
nahm auch zu, und ging nach und nach durch mehr als eine Verwandlung; aber
sie blieb sich selbst doch immer ‰hnlich. Nachdem uns der Name der
Freundschaft nicht mehr bedeutend genug schien, dasjenige, was wir f¸r
einander empfanden, auszudr¸cken, wurden wir eins, dafl unter allen
Zuneigungen, derer uns die Natur f‰hig mache, die Liebe eines Bruders und
einer Schwester zugleich die st‰rkste und die reineste sei. Die
Vorstellung, die wir uns davon machten, entz¸ckte uns; und nachdem wir oft
bedauert hatten, dafl uns die Natur diese Gl¸ckseligkeit versagt habe,
wunderten wir uns zuletzt, wie wir nicht b‰lder eingesehen h‰tten, dafl es
nur von uns abhange, ihre Kargheit in diesem St¸cke zu ersetzen.

Wir waren also Bruder und Schwester, und blieben es einige Zeit, ohne dafl
die Vertraulichkeit und die unschuldigen Liebkosungen, wozu uns diese
Namen berechtigten, in unsern Augen wenigstens, der Tugend, welcher wir
zugleich mit der Liebe eine ewige Treue geschworen hatten, den geringsten
Abbruch taten. Wir waren enthusiastisch genug, die Vermutung oder
vielmehr die blofle Mˆglichkeit, einander vielleicht so nahe verwandt zu
sein, als wir w¸nschten, in den z‰rtlichen Ergieflungen unserer Herzen
zuweilen f¸r die Stimme der Natur zu halten; zumal da eine wirkliche oder
eingebildete besondere ‰hnlichkeit unserer Gesichts-Z¸ge diesen Wahn zu
rechtfertigen schien. Da wir uns aber die Betr¸glichkeit dieser
vermeinten Sprache des Blutes nicht immer verbergen konnten, so fanden wir
desto mehr Vergn¸gen darin, die Vorstellungen von einer nat¸rlichen
Verschwisterung der Seelen, einem sympathetischen Zug der einen zu der
andern, einer schon in einem vorhergehenden Zustand in bessern Welten
angefangenen Bekanntschaft nachzuh‰ngen, und sie in tausend angenehme
Tr‰ume auszubilden. Aber auch bei diesem Grade liefl uns der phantastische
Schwung, den die Liebe unsern Seelen gegeben hatte, nicht stille stehen.
Wir strengten das ‰uflerste Vermˆgen unserer Einbildungs-Kraft an, um uns
einen Begriff von derjenigen Art zu lieben zu machen, womit in den
¸berirdischen Sph‰ren die Geister einander liebten. Keine andere schien
uns zu gleicher Zeit der St‰rke und der Reinigkeit unserer Empfindungen
genug zu tun, noch f¸r Wesen sich zu schicken, die im Himmel entsprungen,
und dahin wiederzukehren bestimmt w‰ren. Ich gestehe dir, schˆne Danae,
dafl ich bei der Erinnerung an diese gl¸ckselige Schw‰rmerei meiner ersten
Jugend mich kaum erwehren kann zu w¸nschen, dafl die Bezauberung ewig h‰tte
dauern kˆnnen. Und dennoch ist nichts gewissers, als dafl sich diese
allzugeistige Empfindungen endlich verzehrt, und die Natur, welche ihre
Rechte nie verliert, uns zuletzt unvermerkt auf eine gewˆhnlichere Art zu
lieben gef¸hrt haben w¸rde; wenn uns nur die schˆne Pythia so viel Zeit,
als dazu erfodert wurde, gelassen h‰tte. Diese Dame hatte etliche Wochen
verstreichen lassen, ohne (dem Ansehen nach) sich meiner zu erinnern; und
ich hatte sie in dieser Zeit so g‰nzlich vergessen, dafl ich ganz betroffen
war, als ich wieder zu ihr berufen wurde. Ich fand gar bald, dafl die
Gˆttin von Paphos, welche sich vielleicht wegen irgend einer ehemaligen
Beleidigung an ihr zu r‰chen beschlossen, sie in dieser Zwischen-Zeit
nicht so ruhig gelassen hatte, als es f¸r sie und mich zu w¸nschen war.
Vermutlich hatte sie (wie die tragische Ph‰dra) allen ihren weiblichen und
priesterlichen Stolz zusammengerafft, um eine Leidenschaft zu unterdr¸cken,
deren ¸belstand sie sich selbst unmˆglich verbergen konnte; allein eben
so vermutlich mochte sie sich selbst durch die trˆstlichen Trug-Schl¸sse,
welche Euripides der Amme dieser ungl¸ckseligen Prinzessin in den Mund
legt, wieder beruhigt, und endlich den herzhaften Entschlufl gefaflt haben,
ihrem Verh‰ngnis nachzugeben. Denn, nachdem sie alle ihre M¸he, mich das,
was sie mir zu sagen hatte, erraten zu lassen, verloren sah, brach sie
endlich ein Stillschweigen, dessen Bedeutung ich eben so wenig verstehen
wollte, und entdeckte mir mit einer Deutlichkeit und mit einem Feuer,
welche mich errˆten und erzittern machten, dafl sie liebe und wieder
geliebt sein wolle. Der reizende Anzug und die verf¸hrische Stellung,
worin sie dieses Gest‰ndnis machte, schien ausgew‰hlt zu sein, mich den
Wert des mit angebotenen Gl¸ckes mehr als jemals empfinden zu lassen. Ich
mufl noch itzt errˆten, wenn ich an die Verwirrung denke, worin ich mit
allen meinen erhabenen Begriffen in diesem Augenblick war.--Die
menschliche Natur so erniedrigt--den Namen der Liebe so entweihet zu sehen!
In der Tat, die Pythia selbst konnte von der Art, wie ich ihre
Zumutungen abwies, nicht empfindlicher besch‰mt und gequ‰lt werden, als
ich es durch die Notwendigkeit war, worein ich mich gesetzt sah, ihr so
¸bel zu begegnen. Ich bestrebte mich, die H‰rtigkeit meiner Antworten
durch die sanftesten Ausdr¸cke zu mildern, die ich in der Verwirrung
finden konnte. Aber ich erfuhr bald, dafl heftige Leidenschaften sich so
wenig als Sturm-Winde durch Worte beschwˆren lassen. Die ihrer selbst
nicht mehr m‰chtige Priesterin nahm f¸r beleidigenden Spott auf, was ich
aus der wohlgemeinten, aber allerdings unzeitigen Absicht, ihrer
versinkenden Tugend zu H¸lfe zu kommen, sagte. Sie geriet in eine Wut,
welche mich in die ‰uflerste Verlegenheit setzte; sie brach in
Verw¸nschungen und Drohungen, und einen Augenblick darauf in einen Strom
von Tr‰nen und in so bewegliche Apostrophen aus, dafl ich beinahe schwach
genug gewesen w‰re, mit ihr zu weinen, ohne mein Herz geneigter zu finden,
dem ihrigen zu antworten. Ich ergriff endlich das einzige Mittel, das mir
¸brig blieb, mich der albernen Rolle, die ich in dieser Szene spielte, zu
erledigen; ich entfloh. In eben dieser Nacht sah ich meine geliebte
Psyche wieder an dem gewˆhnlichen Orte; mein Gem¸t war von der Geschichte
dieses Abends zu sehr beunruhigt, als dafl ich ihr ein Geheimnis davon
h‰tte machen kˆnnen. Wir bedaurten die Priesterin, so schwer es uns auch
war, von der Wut und den Qualen einer Liebe, welche mit der unserigen so
wenig ‰hnliches hatte, uns eine Vorstellung zu machen; aber wir bedaurten
noch vielmehr uns selbst. Die Raserei, worin ich die Pythia verlassen
hatte, hiefl uns das ‰rgste besorgen. Wir zitterten eines f¸r des andern
Sicherheit; und aus Furcht, dafl sie unsere Zusammenk¸nfte entdecken mˆchte,
beschlossen wir, (so hart uns dieser Entschlufl ankam) sie eine Zeitlang
seltner zu machen. Dieses war das erste mal, dafl die reinen Vergn¸gungen
unserer schuldlosen Liebe von Sorgen und Unruhe unterbrochen wurden, und
wir mit schwerem Herzen von einander Abschied nahmen. Es war, als ob es
uns ahnete, dafl dieses das letzte mal sei, da wir uns zu Delphi s‰hen; und
wir sagten uns wohl tausend mal Lebe wohl; ohne uns eines aus des andern
Armen loswinden zu kˆnnen. Wir redeten mit einander ab, uns erst in der
dritten Nacht wieder zu sehen. Zuf‰lliger Weise f¸gte sichs, dafl ich in
der Zwischen-Zeit mit der Priesterin in Gesellschaft zusammenkam. Es war
nat¸rlich, dafl sie in Gegenwart fremder Leute ihrem Betragen gegen mich
den freundschaftlichen Ton der Anverwandtschaft gab, welche zwischen uns
vorausgesetzt wurde, und durch welche sie nˆtig befunden hatte, ihren
Umgang mit mir gegen die Urteile strenger Sitten-Richter sicher zu stellen.
Allein aufler diesem bemerkte ich, dafl sie etliche mal, da sie von
niemand beobachtet zu sein glaubte, die z‰rtlichsten Blicke auf mich
heftete. Ich war zu gutherzig, Verstellung unter diesen Zeichen der
wiederkehrenden Liebe zu argwˆhnen; und der Schlufl, den ich daraus zog,
beruhigte mich g‰nzlich ¸ber die Besorgnis, dafl sie meinen Umgang mit
Psyche entdeckt haben mˆchte. Ich flog mit ungedultiger Freude zu unserer
abgeredeten Zusammenkunft; ich wartete so lange, dafl mich der Tag beinahe
¸berrascht h‰tte; ich durchsuchte den ganzen Hain: aber da war keine
Psyche. Eben so ging es in der folgenden und dritten Nacht. Mein Schmerz
und meine Betrachtungen waren unaussprechlich. Damals erfuhr ich zum
ersten mal, dafl meine Einbildungs-Kraft, welche bisher nur zu meinem
Vergn¸gen gesch‰ftig war, in eben dem Mafle, wie sie mich gl¸cklich gemacht
hatte, mich elend zu machen f‰hig sei. Ich zweifelte nun nicht mehr, dafl
die Priesterin unsere Liebe entdeckt habe; und die Folgen, welche dieser
Umstand f¸r Psyche haben konnte, stellten sich mir mit allen Schrecknissen
einer sich selbst qu‰lenden Einbildung dar. Ich faflte in der Wut meines
Schmerzens tausend heftige Entschlieflungen, von denen immer eine die
andere verschlang; ich wollte zu der Priesterin gehen, und meine Psyche
von ihr fodern--ich wollte--das Ausschweifendste, was man in der
Verzweiflung wollen kann; ich glaube, dafl ich f‰hig gewesen w‰re, den
Tempel anzuz¸nden, wenn ich h‰tte hoffen kˆnnen, meine Psyche dadurch zu
retten. Und doch hielt mich ein Schatten von Hoffnung, dafl sie durch
zuf‰llige Ursachen habe verhindert werden kˆnnen, ihr Wort zu halten, noch
zur¸ck, einen unbesonnenen Schritt zu tun, welcher ein blofl eingebildetes
¸bel w¸rklich und unheilbar h‰tte machen kˆnnen. Vielleicht (dachte ich)
weifl die Priesterin noch nichts von unserm Geheimnis; und wie unselig w‰r'
ich in diesem Fall, wenn ich selbst der Verr‰ter davon w‰re? Dieser
Gedanke f¸hrte mich zum vierten mal in den Ruhe-Platz der Diana. Nachdem
ich wohl zwo Stunden vergebens gewartet hatte, warf ich mich, in einer
Bet‰ubung von Schmerz und Verzweiflung, zu den F¸flen einer von den Nymphen
hin. Ich lag eine Weile, ohne meiner selbst m‰chtig zu sein. Als ich
mich wieder erholt hatte, sah ich einen frischen Blumen-Kranz um den Hals
und die Arme einer von den Nymphen gewunden; ich sprang auf, um genauer zu
erkundigen, was dieses bedeuten mˆchte, und fand ein Briefchen an den
Kranz geheftet, worin mir Psyche meldete: dafl ich sie in der folgenden
Nacht um eine bestimmte Stunde unfehlbar an diesem Platz antreffen w¸rde;
sie versparete es auf diese Besprechung, mir zu sagen, durch was f¸r
Zuf‰lle sie diese Zeit ¸ber verhindert worden, mich zu sehen, oder mir
Nachricht von ihr zu geben; ich d¸rfte aber vollkommen ruhig und gewifl
sein, dafl die Priesterin nichts von unserer Bekanntschaft wisse. Die
heftige Begierde, womit ich w¸nschte, dafl dieses Briefchen von Psyche
geschrieben sein mˆchte, liefl mich nicht daran denken, ein Mifltrauen
darein zu setzen, ungeachtet mir ihre Handschrift unbekannt war. Ich ging
also plˆtzlich von dem ‰uflersten Grade des Schmerzens zu der ‰uflersten
Freude ¸ber. Ich wand den Gl¸ck-weissagenden Blumen-Kranz um mich herum,
nachdem ich die unsichtbaren Spuren der geliebten Finger, die ihn gewunden
hatten, auf jeder Blume weggek¸flt hatte. Den folgenden Abend wurde mir
jeder Augenblick bis zur bestimmten Zeit ein Jahrhundert. Ich ging eine
halbe Stunde fr¸her, den guten Nymphen zu danken, dafl sie unsere Liebe in
ihren Schutz genommen hatten. Endlich glaubte ich, Psyche zwischen den
Myrten-Hecken hervorkommen zu sehen. Die Nacht war nur durch den Schimmer
der Sterne beleuchtet; aber ich erkannte die gewˆhnliche Kleidung der
Psyche, und war von dem ersten Rauschen ihrer Ann‰herung schon zu sehr
entz¸ckt, um gewahr zu werden, dafl die Gestalt, die sich mir n‰herte, mehr
von dem ¸ppigen Contour einer Bacchantin als von der jungfr‰ulichen
Geschmeidigkeit meiner Freundin hatte. Wir flogen einander mit gleichem
Verlangen in die Arme. Die sprachlose Trunkenheit des ersten Augenblicks
verstattet nicht, Bemerkungen zu machen; aber es w‰hrte doch nicht lange,
bis ich notwendig f¸hlen muflte, dafl ich mit einer Heftigkeit, welche mit
der unschuldigen Z‰rtlichkeit einer Psyche den st‰rksten Absatz machte, an
einen kaum verh¸llten und ungest¸m klopfenden Busen gedr¸ckt wurde.--Das
konnte nicht Psyche sein.--Ich wollte mich aus ihren Armen loswinden; aber
sie verdoppelte die St‰rke, womit sie mich umschlang, zugleich mit ihren
woll¸stigen Liebkosungen; und da ich nun auf einmal mit einem Entsetzen,
welches mir alle Sehnen l‰hmte, meinen Irrtum erkannte; so machte die
Gewalt, die ich anwenden wollte, mich von der rasenden Priesterin
loszureiflen, dafl wir mit einander zu Boden sanken. Ich w¸nschte aus
Hochsch‰tzung des Geschlechts, welches in meinen Augen der
liebensw¸rdigste Teil der Schˆpfung ist, dafl ich diese Szene aus meinem
Ged‰chtnis auslˆschen kˆnnte.--Die Bestrebungen dieser Ungl¸ckseligen
empˆrten endlich alle meine Geister zu einem Grimm, der mich ihrer eigenen
Wut ¸berlegen machte. Ich hatte alle meine Vernunft nˆtig, um nicht alle
Achtung, die ich wenigstens ihrem Geschlecht schuldig war, aus den Augen
zu setzen. Aber ich zweifle nicht, dafl eine jede Frauens-Person, welche
noch einen Funken von sittlichem Gef¸hl ¸brig h‰tte, lieber den Tod, als
die Vorw¸rfe und die Verw¸nschungen, womit sie ¸berstrˆmt wurde, ausstehen
wollte. Sie kr¸mmete sich, in Tr‰nen berstend zu meinen F¸flen.--Dieser
Anblick war mir unertr‰glich--ich wollte entfliehen; sie verfolgte mich,
sie hing sich an, und bat mich, ihr den Tod zu geben. Ich verlangte mit
Heftigkeit, dafl sie mir meine Psyche wieder geben sollte. Diese Worte
schienen sie unsinnig zu machen. Sie erkl‰rte mir, dafl das Leben dieser
Sklavin in ihrer Gewalt sei, und von dem Entschlufl, den ich nehmen w¸rde,
abhange. Sie sah die Ver‰nderung, die diese Drohung auf einmal in meinem
ganzen Wesen machte; wir verstummten beide eine Weile. Endlich nahm sie
einen sanftern, aber nicht weniger entschlossenen Ton an, um mir ihre
vorige Erkl‰rung zu bekr‰ftigen. Die Eifersucht machte sie so vieles
sagen, dafl ich Zeit bekam mich zu fassen, und eine Drohung weniger
f¸rchterlich zu finden, zu deren Ausf¸hrung ich sie, wenigstens aus Liebe
zu sich selbst, unf‰hig glaubte. Ich antwortete ihr also mit einem kalten
Blute, welches sie stutzen machte: dafl sie auf ihre eigene Gefahr ¸ber das
Leben meiner jungen Freundin disponieren kˆnne. Doch ersuchte ich sie,
sich zu erinnern, dafl sie selbst mich zum Meister ¸ber das Ihrige, und
¸ber das, was ihr noch lieber als das Leben sein sollte, gemacht habe.
Das meinige (setzte ich lebhafter hinzu) hˆrt mit dem Augenblick auf, da
Psyche f¸r mich verloren ist; denn bei dem Gott, dessen Gegenwart dieses
heilige Land erf¸llt, keine menschliche Gewalt soll mich aufhalten, ihrem
geliebten Geist in eine bessere Welt zu folgen, wohin uns das Laster nicht
folgen kann, unsere geheiligte Liebe zu beunruhigen!--Meine
Standhaftigkeit schien, den Mut der Priesterin niederzuschlagen. Sie
sagte mir endlich: Sie merkte sehr wohl, dafl ich trotzig darauf sei, dafl
ich in meiner Gewalt habe, sie zu Grunde zu richten--ich kˆnnte tun, was
ich wollte; nur sollte ich versichert sein, dafl ihr Psyche f¸r jeden
Schritt antworten sollte, den ich machen w¸rde. Mit diesen Worten
entfernte sie sich, und liefl mich in einem Zustande, dessen
Abscheulichkeit, nach der Empfindung die ich davon hatte, abgemessen, ¸ber
allen Ausdruck ging. Ich wuflte nun, dafl die Priesterin Mittel gefunden
haben m¸sse, unser Geheimnis zu entdecken, und dafl der Blumen-Kranz ein
Kunstgriff von ihrer Erfindung gewesen war. Nach dieser
Niedertr‰chtigkeit war keine Bosheit so ungeheuer, deren ich diese Elende
nicht f‰hig gehalten h‰tte. Ich besorgte nichts f¸r mich selbst, aber
alles f¸r die arme Psyche, welche ich der Gewalt einer Nebenbuhlerin
¸berlassen muflte, ohne dafl mir alle meine Z‰rtlichkeit f¸r sie das
Vermˆgen geben konnte, sie davon zu befreien."

F‹NFTES KAPITEL

Agathon entfliehet von Delphi, und findet seinen Vater

"Nachdem ich etliche Tage in der grausamen Ungewiflheit, was aus meiner
Geliebten geworden sein mˆchte, zugebracht hatte, erfuhr ich endlich von
einer Sklavin der Pythia, welche ihre Freundin gewesen war, dafl sie nicht
mehr in Delphi sei. Dieses war alle Nachricht, die ich von ihr ziehen
konnte; aber es war genug, mir den Aufenthalt von Delphi unertr‰glich zu
machen. Nunmehr bedacht' ich mich keinen Augenblick, was ich tun wollte.
Ich stahl mich in der n‰chsten Nacht hinweg, ohne um die Folgen eines so
unbesonnenen Schrittes bek¸mmert zu sein; oder richtiger zu sagen, in
einem Gem¸ts-Zustande, worin ich unf‰hig war, einige vern¸nftige
¸berlegung zu machen. Ich irrte eine Zeitlang an allen Orten herum, wo
ich eine Spur von meiner Freundin zu entdecken hoffte; tˆricht genug mir
einzubilden, dafl sie mich, wo sie auch sein mˆchte, durch die magische
Gewalt der Sympathie unsrer Seelen nach sich ziehen werde. Aber meine
Hoffnung betrog mich; niemand konnte mir die geringste Nachricht von ihr
geben. Unempfindlich gegen alles Elend, welches ich auf dieser unsinnigen
Wanderschaft erfahren muflte, f¸hlte ich keinen andern Schmerz als die
Trennung von meiner Geliebten und die Ungewiflheit, was ihr Schicksal sei;
ich w¸rde die Versicherung, dafl es ihr wohl gehe, gerne mit meinem Leben
bezahlt haben. Endlich f¸hrte mich der Zufall oder eine mitleidige
Gottheit nach Corinth. Die Sonne war eben untergegangen, als ich von den
Beschwerlichkeiten der Reise, und einer Di‰t, deren ich nicht gewohnt war,
‰uflerst abgemattet, vor dem Hofe eines von den pr‰chtigen Landg¸tern ankam,
welche die K¸sten des Corinthischen Meeres verschˆnern. Ich warf mich
unter eine hohe Zypresse nieder, und verlor mich in den Vorstellungen der
nat¸rlichen, und dennoch in der Hitze der Leidenschaft nicht
vorhergesehenen Folgen meiner Flucht von Delphi. In der Tat war meine
Situation f‰hig, den herzhaftesten Mut niederzuschlagen. In eine Welt
ausgestoflen, worin mir alles fremd war, ohne Freunde, unwissend wie ich
ein Leben werde erhalten kˆnnen, dessen Urheber mir nicht einmal bekannt
war--warf ich traurige Blicke um mich her--die ganze Natur schien mich
verlassen zu haben--auf dem weiten Umfang der m¸tterlichen Erde sah ich
nichts, worauf ich einen Anspruch machen konnte als ein Grab, wenn mich
die Last des Elends endlich aufgerieben haben w¸rde; und selbst dieses
konnte ich nur von der Frˆmmigkeit irgend eines mitleidigen Wanderers
hoffen. Diese melancholischen Gedanken wurden durch die Erinnerung meiner
vergangnen Gl¸ckseligkeit, und durch das Bewufltsein, dafl ich mein Elend
durch keine Bosheit des Herzens oder irgend eine entehrende ¸beltat
verdient h‰tte, noch empfindlicher gemacht. Ich sah mit tr‰nenvollen
Augen um mich her, als ob ich ein Wesen in der Natur suchen wollte, dem
mein Zustand zu Herzen ginge. In diesem Augenblick erfuhr ich den
wohlt‰tigen Einflufl dieser gl¸ckseligen Schw‰rmerei, welche die Natur dem
empfindlichsten Teil der Sterblichen, zu einem Gegenmittel gegen die ¸bel,
denen sie durch die Schw‰che ihres Herzens ausgesetzt sind, gegeben zu
haben scheint. Ich wandte mich an die Unsterblichen, mit denen meine
Seele schon so lange in einer Art von unsichtbarer Gemeinschaft gestanden
war. Der Gedanke dafl sie die Zeugen meines Lebens, meiner Gedanken,
meiner geheimsten Neigungen gewesen seien, gofl lindernden Trost in mein
verwundetes Herz. Ich sahe meine geliebte Psyche unter ihre Fl¸gel
gesichert. 'Nein', rief ich aus, 'die Unschuld kann nicht ungl¸cklich
sein, noch das Laster seine Absichten ganz erhalten! In diesem
majest‰tischen All, worin Sph‰ren und Atomen sich mit gleicher
Unterw¸rfigkeit nach den Winken einer weisen und wohlt‰tigen Macht bewegen,
w‰r es Unsinn und Gottlosigkeit, sich einer entnervenden Kleinmut zu
¸berlassen.--Mein Dasein ist der Beweis, dafl ich eine Bestimmung habe.
--Hab' ich nicht eine Seele welche denken kann, und Gliedmaflen, welche ihr
als Sklaven zur Ausrichtung ihrer Gedanken zugegeben sind?--Bin ich nicht
ein Grieche? Und wenn mich mein Vaterland nicht erkennen will, bin ich
nicht ein Mensch? Ist nicht die Erde mein Vaterland? Und gibt mir nicht
die Natur ein unverlierbares Recht an Erhaltung und jedes wesentliche
St¸ck der Gl¸ckseligkeit, sobald ich meine Kr‰fte anwende die Pflichten zu
erf¸llen, die mich mit der Welt verbinden?'--Diese Gedanken besch‰mten
meine Tr‰nen, und richteten mein Herz wieder auf. Ich fing an, die Mittel
zu ¸berlegen, die ich in meiner Gewalt hatte, mich in bessere Umst‰nde zu
setzen; als ich einen Mann von mittlerm Alter gegen mich herkommen sah,
dessen Ansehen und Miene mir beim ersten Anblick Zutrauen und Ehrerbietung
einflˆflten. Ich raffte mich sogleich vom Boden auf, und beschlofl mit mir
selbst, ihn anzureden, ihm meine Umst‰nde zu entdecken, und mir seinen Rat
auszubitten. Er kam mir zuvor.--'Du scheinest vom Weg erm¸det zu sein,
junger Fremdling', sagte er zu mir, mit einem Ton, der ihm sogleich mein
Herz entgegen wallen machte; 'und da ich dich unter dem wirtschaftlichen
Schatten meines Baumes gefunden habe, so hoffe ich, du werdest mir das
Vergn¸gen nicht versagen, dich diese Nacht in meinem Hause zu beherbergen.
' Dieser Mann, den ich hieraus f¸r den Herrn des Hauses, welches ich vor
mir sah, erkannte, betrachtete mich mit einer sonderbaren Aufmerksamkeit,
indem ich ihm f¸r seine Leutseligkeit dankte, und mit einer
Offenherzigkeit, welche von meiner wenigen Kenntnis der Welt zeugte,
bekannte; dafl ich im Begriff gewesen sei, ihn um dasjenige zu ersuchen,
was er mir auf eine so edle Art anbiete; nachdem ich durch einen Zufall in
diese Gegenden, wo ich niemand kenne, geraten sei. Ich weifl nicht, was
ihn zu meinem Vorteil einzunehmen schien; mein Aufzug wenigstens konnte es
nicht sein; denn ich hatte, aus Sorge entdeckt zu werden, meine Delphische
Kleidung gegen eine schlechtere vertauscht, welche auf meiner Wanderschaft
ziemlich abgenutzt worden war. Er wiederholte mir wie angenehm es ihm sei,
dafl mich der Zufall vielmehr ihm als einem seiner Nachbarn zugef¸hrt habe;
und so folgte ich ihm in sein Haus, dessen Weitl‰ufigkeit, Bauart und
Pracht einen Besitzer von groflem Reichtum und vielem Geschmack ank¸ndigte.
Der Saal in dem wir zuerst abtraten, war mit Gem‰lden von den
ber¸hmtesten Meistern, und mit einigen Bild-S‰ulen und Brust-Bildern vom
Phidias und Alcamenes ausgeziert. Ich liebe wie dir bekannt ist, die
Werke der schˆnen K¸nste bis zur Schw‰rmerei, und mein langer Aufenthalt
in Delphi hatte mir einige Kenntnis davon gegeben. Ich bewunderte einige
St¸cke, setzte an andern dieses oder jenes aus, nannte die K¸nstler, deren
Hand oder Manier ich erkannte, und nahm Gelegenheit von andern
Meisterst¸cken zu reden, die mir von ihnen bekannt waren. Ich bemerkte,
dafl mein Wirt mich mit Verwunderung von neuem betrachtete, und so aussah,
als ob er betroffen w‰re, einen jungen Menschen, den er in einem so wenig
versprechenden Aufzug unter einem Baum liegend gefunden, mit so vieler
Kenntnis von K¸nsten sprechen zu hˆren, von denen gemeiniglich nur Leute
von Stand und Vermˆgen im Ton der Kenner zu reden pflegen. Nach einer
kleinen Weile wurde gemeldet, dafl das Abend-Essen aufgetragen sei. Er
f¸hrte mich hierauf in einen kleinen Saal, dessen Mauern von einem der
besten Sch¸ler des Parrhasius mit Wasser-Farben niedlich ¸bermalt waren.
Wir speiseten ganz allein. Die Tafel, das Ger‰te, die Aufw‰rter, alles
stimmte mit dem Begriff ¸berein, den ich mir bereits von dem Geschmack und
dem Stande des Haus-Herrn gemacht hatte. Unter dem Essen trat ein junger
Mensch von feinem Ansehen und zierlich gekleidet, auf, und rezitierte ein
Stuck aus der Odyssee mit vieler Geschicklichkeit. Mein Wirt sagte mir,
dafl er bei Tische diese Art von Gem¸ts-Ergˆtzung den T‰nzerinnen und
Flˆtenspielerinnen vorzˆge, womit man sonst bei den Tafeln der Griechen
sich zu unterhalten pflege. Das Lob das ich seinem Leser beilegte, gab zu
einem Gespr‰ch ¸ber die beste Art zu rezitieren, und ¸ber die Griechischen
Dichter Anlafl, wobei ich meinem Wirte abermal Gelegenheit gab, zu stutzen,
und mich immer aufmerksamer, und wie mich deuchte, mit einer Art von
z‰rtlicher Gem¸ts-Bewegung anzusehen. Er sah dafl ich es gewahr wurde,
und sagte mir hierauf, dafl mich die Verwunderung womit er mich von Zeit zu
Zeit betrachtete, weniger befremden w¸rde, wenn ich die auflerordentliche
‰hnlichkeit meiner Gesichts-Bildung und Miene mit einer Person, welche er
ehmals gekannt habe, wiflte; 'doch du sollst selbst hievon urteilen',
setzte er hinzu, und hierauf fing er an von andern Dingen zu reden, bis
der Wein und die Fr¸chte aufgestellt wurden. Bald darauf stunden wir auf,
und nachdem wir eine Weile in einer langen Galerie, die auf einer
doppelten Reihe Corinthischer S‰ulen von buntem Marmor ruhte, und pr‰chtig
erleuchtet war, auf und abgegangen waren, f¸hrte er mich in ein Cabinet,
worin ein Schreibtisch, ein B¸chergestell, einige Polster, und ein Gem‰lde
in Lebensgrˆfle auf welches ich nicht gleich acht gab, alle Mˆbeln und
Zierraten ausmachten. Er hiefl mich niedersetzen, und nachdem er das
Bildnis, welches ihm gegen¸ber hing, eine ziemliche Weile mit Bewegung
angesehen hatte, redete er mich also an: 'Deine Jugend, liebensw¸rdiger
Fremdling, die Art wie sich unsere Bekanntschaft angefangen, die
Eigenschaften die ich in dieser kurzen Zeit an dir entdeckt, und die
Zuneigung die ich in meinem Herzen f¸r dich finde, rechtfertigen mein
Verlangen, von deinem Namen, und von den Umst‰nden benachrichtiget zu sein,
welche dich in einem solchen Alter von deiner Heimat entfernt und in
diese fremde Gegenden gef¸hrt haben kˆnnen. Es ist sonst meine
Gewohnheit nicht, mich beim ersten Anblick f¸r jemand einzunehmen. Aber
bei deiner Erblickung hab ich einem geheimen Reiz, der mich gegen dich zog
nicht widerstehen kˆnnen; und du hast in diesen wenigen Stunden meine
voreilige Neigung so sehr gerechtfertiget, dafl ich mir selbst Gl¸ck
w¸nsche, ihr Gehˆr gegeben zu haben. Befriedige also mein Verlangen, und
sei versichert, dafl die Hoffnung, dir vielleicht n¸tzlich sein zu kˆnnen,
weit mehr Anteil daran hat, als ein unbescheidener Vorwitz. Du siehest
einen Freund in mir, dem du dich, ungeachtet der kurzen Dauer unsrer
Bekanntschaft, mit allem Zutrauen eines langwierigen und bew‰hrten Umgangs
entdecken darfst.' Ich wurde durch diese Anrede so sehr ger¸hrt, dafl sich
meine Augen mit Tr‰nen f¸llten--ich glaube, dafl er darin lesen konnte was
ihm mein Herz antwortete, ob ich gleich eine Weile keine Worte finden
konnte. Endlich sagte ich ihm, dafl ich von Delphi k‰me; dafl ich daselbst
erzogen worden; dafl man mich Agathon genennt h‰tte; dafl ich niemalen habe
entdecken kˆnnen, wem ich das Leben zu danken habe; und dafl alles was ich
davon wisse, dieses sei, dafl ich in einem Alter von vier oder f¸nf Jahren
in den Tempel gebracht, mit andern Knaben, welche man dem Dienst des
Gottes zu Delphi gewidmet, erzogen, und nachdem ich zu mehrern Jahren
gekommen, von den Priestern mit einer vorz¸glichen Achtung angesehen, und
in allem was zur Erziehung eines freigebornen Griechen erfordert werde,
ge¸bet worden sei. Stratonicus (so wurde mein Wirt genannt) hatte w‰hrend
dafl ich dieses sagte, M¸he sich ruhig zu halten; sein Gesicht ver‰nderte
sich; er wollte anfangen zu reden, schien sich aber wieder anders zu
bedenken, und ersuchte mich nur, ihm zu sagen, warum ich Delphi verlassen
h‰tte. So nat¸rlich die Aufrichtigkeit sonst meinem Herzen war, so konnte
ich doch dieses mal unmˆglich ¸ber die Bedenklichkeiten hinaus kommen,
welche mir ¸ber meine Liebe zu Psyche den Mund verschlossen. Einem
Freunde von meinen Jahren, f¸r den ich mein Herz eben so eingenommen
gefunden h‰tte, als f¸r den Stratonicus, w¸rde ich das Innerste meines
Herzens ohne Bedenken aufgeschlossen haben, so bald ich h‰tte vermuten
kˆnnen, dafl er meine Empfindungen zu verstehen f‰hig sei: Aber hier hielt
mich etwas zur¸ck, davon ich mir selbst die Ursache nicht recht angeben
konnte. Ich schob also die ganze Schuld meiner Entweichung von Delphi auf
die Pythia, indem ich ihm so ausf¸hrlich, als es meine jugendliche
Schamhaftigkeit gestatten wollte, von den Versuchungen, in welche sie
meine Tugend gef¸hrt hatte, Nachricht gab. Er schien sehr wohl mit meiner
Auff¸hrung zufrieden, und nachdem ich meine Erz‰hlung bis auf den
Augenblick, wo ich ihn zuerst erblickt, und dasjenige was ich sogleich f¸r
ihn empfunden, fortgef¸hrt; stund er mit einer lebhaften Bewegung auf,
warf seine Arme um meinen Hals, und sagte mit Tr‰nen der Freude und
Z‰rtlichkeit in seinen Augen:--'Mein liebster Agathon, siehe deinen
Vater--hier', setzte er hinzu, indem er mich sanft umwendete, und auf das
Gem‰lde wies, welchem ich bisher den R¸cken zugekehrt hatte,--'hier, in
diesem Bilde, erkenne die Mutter, deren geliebte Z¸ge mich beim ersten
Anblick in deiner Gesichts-Bildung ger¸hrt, und diese Bewegung erregt
haben, die ich nun f¸r die Stimme der Natur erkenne.'

Du kennest mich zu gut, liebensw¸rdige Danae, um dir meine Empfindungen in
diesem Augenblicke nicht lebhafter einzubilden, als ich sie beschreiben
kˆnnte. Solche Augenblicke sind keiner Beschreibung f‰hig; f¸r solche
Freuden hat die Sprache keine Namen, die Natur keine Bilder, und die
Phantasie selbst keine Farben.--Das Beste ist, zu schweigen, und den
Zuhˆrer seinem eigenen Herzen zu ¸berlassen. Mein Vater schien durch
meine Entz¸ckung, welche sich lange Zeit nur durch Tr‰nen und sprachlose
Umarmungen und abgebrochene Tˆne der z‰rtlichsten Regungen, deren die
Natur f‰hig ist, ausdr¸cken konnte, doppelt gl¸cklich zu sein. Das
Vergn¸gen, womit er mich f¸r seinen Sohn erkannte, schien ihn selbst
wieder in die gl¸cklichsten Augenblicke seiner Jugend zu versetzen, und
Erinnerungen wieder aufzuwecken, denen mein Anblick ein neues Leben gab.
Da er nat¸rlicher Weise voraussetzen konnte, dafl ich begierig sein werde,
die Ursachen zu wissen, welche meinen Vater, der mich mit so vielem
Vergn¸gen f¸r seinen Sohn erkannte, hatten bewegen kˆnnen, mich so viele
Jahre von sich verbannt zu halten; so gab er mir hier¸ber alle
Erl‰uterungen, die ich nur w¸nschen konnte, durch eine umst‰ndliche
Erz‰hlung der Geschichte seiner Liebe zu meiner Mutter. Seine
Bekanntschaft mit ihr hatte sich zuf‰lliger Weise in einem Alter
angefangen, worin er noch g‰nzlich unter der v‰terlichen Gewalt stund.
Sein Vater war das Haupt eines von den edelsten Geschlechtern in Athen.
Meine Mutter war sehr jung, sehr schˆn, und eben so tugendhaft als schˆn,
unter der Aufsicht einer alten Frau, die sich ihre Mutter nannte, dahin
gekommen. Die strenge Eingezogenheit, worin sie sehr k¸mmerlich von ihrer
Hand-Arbeit lebte, verwahrte die junge Musarion vor den Augen und vor den
Nachstellungen der m‰fligen reichen J¸nglinge, welche gewohnt sind, junge
M‰dchen, die keinen andern Schutz als ihre Unschuld, und keinen andern
Reichtum als ihre Reizungen haben, f¸r ihre nat¸rliche Beute anzusehen.
Dem ungeachtet konnte sie nicht verhintern, durch einen Zufall, den ich
¸bergehen will, meinem Vater bekannt zu werden, welcher sich durch seine
gesittete und bescheidene Lebens-Art von den meisten jungen Atheniensern
seiner Zeit unterschied. Sein tugendhafter Charakter konnte ihn nicht
verwahren, von den Reizungen der jungen Musarion ger¸hrt zu werden; aber
er machte, dafl seine Liebe die Eigenschaft seines Charakters annahm. Sie
war tugendhaft, bescheiden, und eben dadurch st‰rker und dauerhafter.
Sein Stand, sein guter Ruf und sein zur¸ckhaltendes Betragen gegen den
unschuldigen Gegenstand seiner Liebe gaben zusammengenommen einen
Beweg-Grund ab, der die Nachsicht entschuldigen konnte, womit die Alte
seine geheime Besuche duldete, ob sie gleich immer h‰ufiger wurden.
Nichts kann nat¸rlicher sein, als dasjenige, was man liebt, dem Mangel
nicht ausgesetzt sehen zu kˆnnen; aber nichts ist auch in den Augen der
Welt zweideutiger, als die Freigebigkeit eines jungen Menschen gegen eine
junge Person, welche das Ungl¸ck hat, durch ihre Annehmlichkeiten den Neid,
und durch ihre Armut die Verachtung des groflen Haufens zu erregen. Man
kann sich nicht bereden, dafl in einem solchen Fall derjenige, welcher gibt,
nicht eigenn¸tzige Absichten habe; oder diejenige, welche annimmt, ihre
Dankbarkeit nicht auf Unkosten ihrer Unschuld beweise. Stratonicus
gebrauchte deswegen die ‰uflerste Vorsichtigkeit, um die Wohltaten, womit
er diese kleine Familie von Zeit zu Zeit unterst¸tzte, vor aller Welt und
vor ihnen selbst zu verbergen. Allein sie entdeckten doch zuletzt ihren
unbekannten Wohlt‰ter; und diese neue Proben seiner edelm¸tigen Sinnes-Art
vollendeten den Eindruck, den er schon lange auf das unerfahrne Herz der
z‰rtlichen Musarion gemacht hatte, und gewannen es ihm g‰nzlich. Niemals
w¸rde die Liebe von der z‰rtlichsten Gegenliebe erwidert, zwei Herzen
gl¸cklicher gemacht haben, wenn die Umst‰nde der jungen Schˆnen einer
gesetzm‰fligen Vereinigung nicht Schwierigkeiten in den Weg gelegt h‰tten,
welche ein jeder anderer als ein Liebhaber f¸r un¸berwindlich gehalten
h‰tte. Endlich war Stratonicus so gl¸cklich, zu entdecken, dafl seine
Geliebte w¸rklich eine Atheniensische B¸rgerin sei, die Tochter eines zwar
armen, aber rechtschaffenen Mannes, welcher im Pelopponesischen Kriege
sein Leben auf eine r¸hmliche Art verloren hatte. Nunmehr wagte er es,
seinem Vater das Geheimnis seiner Liebe zu entdecken; er wandte alles an,
seine Einwilligung zu erhalten; aber der Alte, welcher alle Reizungen und
alle Tugenden der jungen Musarion f¸r keinen genugsamen Ersatz des
Reichtums, der ihr fehlte, ansah, blieb unerbittlich. Stratonicus liebte
zu inbr¸nstig, um dem Befehl, nicht weiter an seine Geliebte zu denken,
gehorsam zu sein; er w¸rde sich selbst f¸r den Unw¸rdigsten unter den
Menschen gehalten haben, wenn er f‰hig gewesen w‰re, ihr nur das Wenigste
von seinen Empfindungen zu entziehen. Die Widerw‰rtigkeiten und
Hinternisse, womit seine Liebe k‰mpfen muflte, taten vielmehr die W¸rkung,
welche sie in einem solchen Falle bei edeln und wahrhaftig eingenommenen
Gem¸tern allemal tun werden; sie konzentrierten das Feuer ihrer
gegenseitigem Zuneigung, und bliesen eine Flamme, welche, so lange sie von
Hoffnung gen‰hrt wurde, drei Jahre lang sanft und rein fortgebrannt hatte,
zu der heftigsten Leidenschaft an. Das Herz erm¸det endlich durch den
langen Kampf mit seinen s¸flesten Regungen; es verliert die Kraft zu
widerstehen; und je l‰nger es unter den Qualen einer zugleich verfolgten
und unbefriedigten Liebe geseufzet hat, je heftiger sehnet es sich nach
einer Gl¸ckseligkeit, wovon ein einziger Augenblick genugsam ist, das
Andenken aller ausgestandenen Leiden auszulˆschen, das Gef¸hl der
gegenw‰rtigen zu ersticken, und die Augen, von der s¸flen Trunkenheit der
gl¸cklichen Liebe benebelt, gegen alle k¸nftige Not blind zu machen.
Aufler diesem hatte Musarion noch den Beweg-Grund einer Dankbarkeit, von
deren dr¸ckender Last ihr Herz sich zu erleichtern suchte. Kurz: Sie
schwuren einander eine ewige Treue, ¸berlieflen sich dem sympathetischen
Verlangen ihres Herzens, und bedienten sich der Gewalt, die ihnen die
Liebe gab, einander gl¸cklich zu machen. Die Gl¸ckseligkeit, welche eines
dem andern zu danken hatte, unterhielt und befestigte die z‰rtliche
Vereinigung ihrer Herzen, anstatt sie zu schw‰chen oder gar aufzulˆsen;
denn noch niemals ist der Genufl das Grab der wahren Z‰rtlichkeit gewesen.
Ich, schˆne Danae, war die erste Frucht ihrer Liebe. Gl¸cklicher Weise
fiel meinem Vater eben damals durch den letzten Willen eines Oheims ein
kleines Vorwerk auf einer von den Insuln zu, welche unter der Botm‰fligkeit
der Athenienser stehen. Dieses muflte meiner Mutter zur Zuflucht dienen;
ich wurde daselbst geboren, und genofl drei Jahre lang ihrer eigenen Pflege;
bis sie mir durch eine Schwester entzogen wurde, deren Leben der
liebensw¸rdigen Musarion das ihrige kostete. Stratonicus hatte inzwischen
manchen Versuch gemacht, das Herz seines Vaters zu erweichen; aber allemal
vergebens. Es blieb ihm also nichts ¸brig, als seine Verbindung mit
meiner Mutter und die Folgen derselben geheim zu halten. Ihr fr¸hzeitiger
Tod vernichtete die Entw¸rfe von Gl¸ckseligkeit, die er f¸r die Zukunft
gemacht hatte, ohne die z‰rtliche Treue, die er ihrem Andenken widmete, zu
schw‰chen. Die Sorge f¸r das, was ihm von ihr ¸brig geblieben war, hielt
ihn zur¸ck, sich einer Traurigkeit vˆllig zu ¸berlassen, welche ihn lange
Zeit gegen alle Freuden des Lebens gleichg¸ltig, und zu allen
Besch‰ftigungen desselben verdrossen machte. Der Tempel zu Delphi schien
ihm der tauglichste Ort zu sein, mich zu gleicher Zeit zu verbergen, und
einer guten Erziehung teilhaft zu machen. Er hatte Freunde daselbst,
denen ich besonders empfohlen wurde, mit dem gemessensten Auftrag, mich in
einer g‰nzlichen Unwissenheit ¸ber meinen Ursprung zu lassen. Sein
Vorsatz war, so bald der Tod seines Vaters ihn zum Meister ¸ber sich
selbst und seine G¸ter gemacht haben w¸rde, mich von Delphi abzuholen, und
nach Athen zu bringen, wo er so dann seine Verbindung mit meiner Mutter
bekannt machen, und mich ˆffentlich f¸r seinen Sohn und Erben erkl‰ren
wollte. Aber dieser Zufall erfolgte erst wenige Monate vor meiner Flucht,
und seit demselben hatten ihn dringendere Gesch‰fte genˆtigt, meine
Abholung aufzuschieben.

Nachdem mein Vater diese Erz‰hlung geendigt hatte, liefl er einen alten
Freigelassenen zu sich rufen, und fragte ihn: Ob er den kleinen Agathon
kenne, den er vor vierzehn Jahren dem Schutz des Delphischen Apollo
¸berliefert habe? Der gute Alte, dessen Z¸ge mir selbst nicht unbekannt
waren, erkannte mich desto leichter, da er binnen dieser Zeit von meinem
Vater etliche male nach Delphi abgeschickt worden war, sich meines
Wohlbefindens zu erkundigen. Nunmehr wurde in wenigen Augenblicken das
ganze Haus mit allgemeiner Freude erf¸llt; die Zufriedenheit meines Vaters
¸ber mich, und das Vergn¸gen, womit alle seine Haus-Genossen mich, als den
einzigen Sohn ihres Herrn, bewillkommten, machte die Freude vollkommen,
die ich bei einem so unverhofften und plˆtzlichen ¸bergang von dem Elend
eines sich selbst unbekannten, nackten und allen Zuf‰llen des Schicksals
preis gegebenen Fl¸chtlings zu einem so blendenden Gl¸cks-Stand notwendig
empfinden muflte. Blendend h‰tte er wenigstens f¸r manchen andern sein
kˆnnen, der durch die Art seiner Erziehung weniger als ich vorbereitet
gewesen w‰re, einen solchen Wechsel mit Bescheidenheit zu ertragen.
Inzwischen bin ich mir selbst die Gerechtigkeit schuldig, zu sagen, dafl
die Versicherung, ein B¸rger von Athen, und durch meine Geburt und die
Tugend meiner Voreltern zu Verdiensten und schˆnen Taten berufen zu sein,
mir ungleich mehr Vergn¸gen machte, als der Anblick der Reicht¸mer, welche
die G¸tigkeit meines Vaters mit mir zu teilen so begierig war, und welche
in meinen Augen nur dadurch einen Wert erhielten, weil sie mir das
Vermˆgen zu Leben schienen, desto freier und vollkommener nach den
Grund-S‰tzen, die ich eingezogen hatte, leben zu kˆnnen. Ich unterhielt
mich nun mit einer neuen Art von Tr‰umen, welche durch ihre Beziehung auf
meine neu entdeckten Verh‰ltnisse f¸r mich so wichtig, als durch ihre
Ausf¸hrung eben so viele Wohltaten f¸r das menschliche Geschlecht zu sein
schienen. Ich machte Entw¸rfe, wie die erhabenen Lehr-S‰tze meiner
idealischen Sitten-Lehre auf die Einrichtung und Verwaltung eines gemeinen
Wesens angewendet werden kˆnnten. Diese Betrachtungen, welche einen guten
Teil meiner N‰chte wegnahmen, erf¸llten mich mit dem lebhaftesten Eifer
f¸r ein Vaterland, welches ich nur aus Geschichtschreibern kannte; ich
zeichnete mir selbst, auf den Fuflstapfen der Solons und Aristiden, einen
Weg aus, bei welchem ich an keine andere Hinternisse dachte, als solche,
die durch Mut und Tugend zu ¸berwinden sind. Dann setzte ich mich in
meinen patriotischen Entz¸ckungen an das Ende meiner Laufbahn, und sah in
Athen, nichts geringers als die Hauptstadt der Welt, die Gesetzgeberin der
Nationen, die Mutter der Wissenschaften und K¸nste, die Kˆnigin des Meers,
den Mittelpunkt der Vereinigung des ganzen menschlichen Geschlechts.--Kurz,
ich machte ungef‰hr eben so schim‰rische, und eben so ungeheure Projekte,
als Alcibiades; aber mit dem wesentlichen Unterscheid, dafl ein von G¸te
und allgemeiner Wohlt‰tigkeit beseeltes Herz die Quelle der meinigen war.
Sie hatten noch dieses Besondere, dafl ihre Ausf¸hrung, (die moralische
Mˆglichkeit derselben vorausgesetzt,) keiner Mutter eine Tr‰ne, und keinem
Menschen in der Welt mehr, als die Aufopferung seiner Vorurteile, und
solcher Leidenschaften, welche die Ursachen alles Privat-Elends sind,
gekostet h‰tten. Ihre Ausf¸hrung schien mir, weil ich mir die Hinternisse
nur einzeln, und nicht in ihrem Zusammenhang und vereinigtem Gewichte
vorstellte, so leicht zu sein, dafl ich nur allein dar¸ber verwundert war,
dafl ein Perikles unter den kleinf¸gigen Bem¸hungen Athen zur Meisterin von
Griechenland zu machen, habe ¸bersehen kˆnnen, wie viel leichter es sei,
es zum Tempel eines ewigen Friedens und der allgemeinen Gl¸ckseligkeit der
Welt zu machen. Diese schˆnen Spekulationen gaben etliche mal den Stoff
zu den Unterredungen ab, womit ich meinem Vater des Abends die Zeit zu
verk¸rzen pflegte. Die Lebhaftigkeit meiner Einbildungskraft schien ihn
eben so sehr zu belustigen, als sein Herz, dessen Ebenbild er in dem
meinigen erkannte, sich an den tugendhaften Gesinnungen vergn¸gte, welche
er, wie ich selbst, (vielleicht beide ein wenig zu parteiisch) f¸r die
Triebfedern meiner politischen Tr‰ume hielt. Alles, was er mir von den
Schwierigkeiten ihrer Ausf¸hrung, die er mit der Quadratur des Zirkels in
eine Klasse setzte, sagen konnte, ¸berzeugte mich so wenig, als einen
Verliebten die Einwendungen eines Freundes, der bei kaltem Blut ist,
¸berzeugen werden. Ich hatte eine Antwort f¸r alle; und dieser neue
Schwung, den mein Enthusiasmus bekommen hatte, wurde bald so stark, dafl
ich es kaum erwarten konnte, mich in Athen, und in Umst‰nden zu sehen, wo
ich die erste Hand an dieses grofle Werk, wozu ich gewidmet zu sein glaubte,
legen kˆnnte."

SECHSTES KAPITEL

Agathon kommt nach Athen, und widmet sich der Republik. Eine Probe der
besondern Natur desjenigen Windes, welcher vom Horaz aura popularis
genennet wird

"Mein Vater hielt sich nur so lange zu Corinth auf, als es seine Gesch‰fte
erfoderten, und eilte selbst, mich so bald es nur mˆglich war, in dieses
Athen zu versetzen, welches sich meiner verschˆnernden Einbildung in einem
so herrlichen Lichte darstellte. Ich gestehe dir, Danae, (und hoffe, die
fromme Pflicht gegen meine Vaterstadt nicht dadurch zu beleidigen) dafl der
erste Anblick mit dem was ich erwartete einen starken Absatz machte. Mein
Geschmack war zu sehr verwˆhnt, um das Mittelm‰flige, worin es auch sein
mˆchte, ertr‰glich zu finden; er wollte gleichsam alles in diese feine
Linie eingeschlossen sehen, in welcher das Erhabene mit dem Schˆnen
zusammenflieflt; und wenn er diese Vollkommenheit an einzelnen Teilen
gewahr wurde, so wollte er, dafl alle zusammenstimmen, und ein sich selbst
durchaus ‰hnliches, symmetrisches Ganzes ausmachen sollten. Von diesem
Grade der Schˆnheit war Athen, so wie vielleicht eine jede andere Stadt in
der Welt, noch weit entfernt; indessen hatte sie doch der gute Geschmack
und die Verschwendung des Pericles, mit H¸lfe der Phidias, der Alcamenen,
und andrer grofler Meister, in einen solchen Stand gestellt, dafl sie mit
den pr‰chtigsten St‰dten des politesten Teils der Welt um den Vorzug
streiten konnte; und ich hielt mit Recht davor, dafl die Erg‰nzung und
Vollendung dessen, was ihr von dieser Seite noch abging, der leichteste
Teil meiner Entw¸rfe, und eine nat¸rliche Folge derjenigen Veranstaltungen
sein werde, welche sie, meiner Einbildung nach, zum Mittelpunkt der St‰rke,
und der Reicht¸mer des ganzen Erdbodens machen sollten.

Sobald wir in Athen angekommen waren, liefl mein Vater seine erste Sorge
sein, mich auf eine gesetzm‰flige und ˆffentliche Art f¸r seinen Sohn
erkennen, und unter die Atheniensischen B¸rger aufnehmen zu lassen.
Dieses machte mich eine Zeit lang zu einem Gegenstand der allgemeinen
Aufmerksamkeit. Die Athenienser sind, wie dir nicht unbekannt ist, mehr
als irgend ein anders Volk in der Welt geneigt, sich plˆtzlich mit der
‰uflersten Lebhaftigkeit f¸r oder wider etwas einnehmen zu lassen. Ich
hatte das Gl¸ck, ihnen beim ersten Anblick zu gefallen; die Begierde mich
zu sehen, und Bekanntschaft mit mir zu machen, wurde eine Art von
epidemischer Leidenschaft unter Jungen und Alten; jene machten in kurzem
einen gl‰nzenden Hof um mich, und diese faflten Hoffnungen von mir, welche
mich, ohne es an mir selbst gewahr zu werden, mit einem geheimen Stolz
erf¸llten, und die allzuhochfliegende Meinung, die ich ohnehin geneigt war,
von meiner Bestimmung zu fassen, best‰tigten. Dieser subtile Stolz, der
sich hinter meinen besten Neigungen und tugendhaftesten Gesinnungen
verbarg, und dadurch meinem Bewufltsein sich entzog, benahm mir nichts von
einer Bescheidenheit, wodurch ich vor den meisten jungen Leuten meiner
Gattung mich zu unterscheiden schien; und ich gewann dadurch, nebst der
allgemeinen Achtung des geringern Teils des Volkes, den Vorteil, dafl die
Vornehmsten, die Weisesten und Erfahrensten mich gerne um sich haben
mochten, und mir durch ihren Umgang eine Menge besondere Kenntnisse
mitteilten, welche mir bei meinem fr¸hzeitigen Auftritt in der Republik
sehr wohl zu statten kamen. Die Reinigkeit meiner Sitten, der gute
Gebrauch, den ich von meiner Zeit machte, der Eifer, womit ich mich zum
k¸nftigen Dienst meines Vaterlandes vorbereitete, die fleiflige Besuchung
der Gymnasien, und der Preis, den ich in den ¸bungen von den mehresten
meines Alters davon trug: Alles dieses vereinigte sich, das g¸nstige
Vorurteil zu unterhalten, welches man einmal f¸r mich gefaflt hatte; und da
mir noch die Verdienste meines Vaters, und einer langen Reihe von
Voreltern den Weg zur Republik bahnten; so ist es nicht zu verwundern, dafl
ich in einem Alter, worin die meisten J¸nglinge nur mit ihren Vergn¸gungen
besch‰ftiget sind, den Mut hatte, in den ˆffentlichen Versammlungen
aufzutreten, und das Gl¸ck, mit einem Beifall aufgenommen zu werden,
welcher mich in Gefahr setzte, eben so schnell, als ich empor gehoben
wurde, so wohl durch meine eigene Vermessenheit, als durch den Neid meiner
Nebenbuhler wieder gest¸rzt zu werden.

Die Beredsamkeit ist in Athen, und in allen Freistaaten, wo das Volk
Anteil an der ˆffentlichen Verwaltung hat, der n‰chste Weg zu Ehrenstellen,
und das gewisseste Mittel sich auch ohne dieselben Ansehen und Einflufl zu
verschaffen. Ich liefl es mir also sehr angelegen sein, die Geheimnisse
einer Kunst zu studieren, von deren Aus¸bung und dem Grade der
Geschicklichkeit, den ich mir darin erwerben w¸rde, die gl¸ckliche
Ausf¸hrung aller meiner Entw¸rfe abzuh‰ngen schien. Denn wenn ich
bedachte, wozu Perikles und Alcibiades die Athenienser zu bereden gewuflt
hatten: So zweifelte ich keinen Augenblick, dafl ich sie mit einer gleichen
Geschicklichkeit zu Maflnehmungen w¸rde ¸berreden kˆnnen, welche, auflerdem,
dafl sie an sich selbst edler waren, zu weit gl‰nzendern Vorteilen f¸hrten,
ohne so ungewifl und gef‰hrlich zu sein. In dieser Absicht besuchte ich
die Schule des Platons, welcher damals zu Athen in seinem grˆflesten
Ansehen stund, und indem er die Weisheit des Socrates mit der Beredsamkeit
eines Gorgias und Prodicus vereinigte, nach dem Urteil meiner alten
Freunde, weit geschickter, als diese Wortk¸nstler, war, einen Redner zu
bilden, der vielmehr durch die St‰rke der Wahrheit, als durch die
Blendwerke und Kunstgriffe einer hinterlistigen Dialektik sich die Gem¸ter
seiner Zuhˆrer unterwerfen wollte. Der vertrautere Zutritt, den mir
dieser ber¸hmte Weise vergˆnnte, entdeckte eine ¸bereinstimmung meiner
Denkungsart mit seinen Grunds‰tzen, welche die Freundschaft, die ich f¸r
ihn faflte, in eine fast schw‰rmerische Leidenschaft verwandelte. Sie
w¸rde mir sch‰dlich gewesen sein, wenn man damals schon so von ihm gedacht
h‰tte, wie man dachte, nachdem er, durch die Bekanntmachung seiner
metaphysischen Dialogen, bei den Staatsleuten, und selbst bei vielen,
welche seine Bewundrer gewesen waren, den Vorwurf, welchen Aristophanes
ehemals (wiewohl hˆchst unbillig) dem weisen Socrates gemacht, sich mit
besserm Grund oder mehr Scheinbarkeit zugezogen hatte. Aber damals hatte
Plato weder seinen 'Tim‰us' noch seine 'Republik' geschrieben. Indessen
existierte diese letztere doch bereits in seinem Gehirne; sie gab sehr oft
den Stoff zu unsern Gespr‰chen in den Spazierg‰ngen der Akademie ab; und
er bem¸hete sich desto eifriger, mir seine Begriffe von der besten Art,
die menschliche Gesellschaft einzurichten, und zu regieren, eigen zu
machen, da er das Vergn¸gen zu haben hoffte, sie wenigstens in so fern es
die Umst‰nde zulassen w¸rden, durch mich realisiert zu sehen. Sein Eifer
in diesem St¸cke mag so grofl gewesen sein, als er will, so war er doch
gewifl nicht grˆfler, als meine Begierde, dasjenige auszu¸ben, was er
spekulierte. Allein, da meine Vorstellung von der Wichtigkeit der
Pflichten, welche derjenige auf sich nimmt, der sich in die ˆffentlichen
Angelegenheiten mischet, der Lauterkeit und innerlichen G¸te meiner
Absichten proportioniert war, und ich desto weiter von Ehrsucht, und
andern eigenn¸tzigen Leidenschaften entfernt zu sein glaubte, je gewisser
ich mir bewuflt war, dafl ich (wenn ich es f¸r erlaubt gehalten h‰tte, mich
in der Wahl einer Lebensart blofl meiner Privatneigung zu ¸berlassen,) eine
von dem St‰dtischen Get¸mmel entfernte Mufle, und den Umgang mit den Musen,
die ich alle zugleich liebte, der Ehre, eine ganze Welt zu beherrschen,
vorgezogen h‰tte: So glaubte ich mich nicht genug vorbereiten zu kˆnnen,
eh ich auf einem Theater erschiene, wo der erste Auftritt gemeiniglich das
Gl¸ck des ganzen Schauspiels entscheidet. Ich widerstund bei etlichen
Gelegenheiten, welche mich aufzufodern schienen, so wohl dem Zudringen
meiner Freunde, als meiner eigenen Neigung, ob es gleich, seit dem
Alcibiades mit so gutem Erfolg den Anfang gemacht hatte, nicht an jungen
Leuten fehlte, welche, ohne sich durch andre Talente, als die
Geschicklichkeit ein Gastmahl anzuordnen, sich zierlich zu kleiden, zu
tanzen, und die Cithar zu spielen, bekannt gemacht zu haben, vermessen
genug waren, nach einer durchgeschw‰rmten Nacht aus den Armen einer
Buhlerin in die Versammlung des Volks zu h¸pfen, und von Salben triefend
mit einer t‰ndelhaften Geschw‰tzigkeit von den Gebrechen des Staats, und
den Fehlern der ˆffentlichen Verwaltung zu plaudern.

Endlich ereignete sich ein Fall, wo das Interesse eines Freundes, den ich
vorz¸glich liebte, alle meine Bedenklichkeiten ¸berwog. Eine m‰chtige
Kabale hatte seinen Untergang geschworen; er war unschuldig; aber die
Anscheinungen waren gegen ihn; die Gem¸ter waren wider ihn eingenommen;
und die Furcht, sich den Unwillen seiner Feinde zu zuziehen, hielt die
wenigen, welche besser von ihm dachten, zur¸ck, sich seiner ˆffentlich
anzunehmen. In diesen Umst‰nden stellte ich mich als sein Verteidiger
dar. Da ich von seiner Unschuld ¸berzeugt war, so w¸rkten alle diese
Betrachtungen, wodurch sich seine ¸brigen Freunde abschrecken lieflen, bei
mir gerade das Widerspiel. Ganz Athen wurde aufmerksam, da es bekannt
wurde, dafl Agathon, des Stratonicus Sohn, auftreten w¸rde, die Sache des
schon zum voraus verurteilten Lysias zu f¸hren. Die Zuneigung, welche das
Volk zu mir trug, ver‰nderte auf einmal die Meinung, die man von dieser
Sache gefaflt hatte; die Athenienser fanden eine Schˆnheit, von der sie
ganz bezaubert waren, in der Groflmut und Herzhaftigkeit, womit ich (wie
sie sagten) mich f¸r einen Freund erkl‰rte, den alle Welt verlassen und
der Wut und ¸bermacht seiner Feinde preis gegeben hatte. Man tat nun die
eifrigsten Gel¸bde, dafl ich den Sieg davon tragen mˆchte, und der
Enthusiasmus, womit einer den andern ansteckte, wurde so grofl, dafl die
Gegenpartei sich genˆtigt sah, den Tag der Entscheidung so weit
hinauszusetzen, als sie f¸r nˆtig hielten, um die erhitzten Gem¸ter sich
wieder abk¸hlen zu lassen. Sie sparten inzwischen keine Kunstgriffe,
wodurch sie sich des Ausgangs zu versichern glaubten; allein der Erfolg
vereitelte alle ihre Maflnehmungen. Die Zujauchzungen, womit ich von einem
groflen Teil des Volkes empfangen wurde, munterten mich auf; ich sprach mit
einem gesetztern Mut, als man sonst von einem jungen Menschen erwarten
konnte, der zum ersten mal vor einer so zahlreichen Versammlung redete;
und vor einer Versammlung, wo der geringste Handwerksmann sich f¸r einen
Kenner und rechtm‰fligen Richter der Beredsamkeit hielt. Die Wahrheit tat
auch hier die W¸rkung, die sie alle mal tut, wenn sie in ihrem eigenen
Lichte und mit derjenigen Lebhaftigkeit, welche die eigene ¸berzeugung des
Redners gibt, vorgetragen wird; sie ¸berw‰ltigte alle Gem¸ter. Lysias
wurde losgesprochen, und Agathon, der nunmehr der Held der Athenienser war,
im Triumph nach Hause begleitet. Von dieser Zeit erschien ich ˆfters in
den ˆffentlichen Versammlungen; die Leidenschaft, welche das Volk f¸r mich
gefaflt hatte, und der Beifall, der mir, wenn ich redete, entgegen flog,
machten mir Mut, nun auch an den allgemeinen Angelegenheiten Teil zu
nehmen; und da das Gl¸ck beschlossen zu haben schien, mich nicht eher zu
verlassen, bis es mich auf den Gipfel der Republikanischen Grˆfle erhoben
haben w¸rde; so machte ich auch in dieser neuen Lauf-Bahn so schnelle
Schritte, dafl in kurzem die Gunst, worin ich bei dem Volk stund, das
Ansehen der M‰chtigsten zu Athen im Gleichgewicht erhielt; und dafl meine
heimlichen Feinde selbst, um dem Volk angenehm zu sein, genˆtigt waren,
ˆffentlich die Zahl meiner Bewunderer zu vermehren. Der Tod meines Vaters,
der um diese Zeit erfolgte, beraubte mich eines Freundes und F¸hrers,
dessen Klugheit mir in dem gefahrvollen Ozean des politischen Lebens
unentbehrlich war. Ich wurde dadurch in den Besitz der groflen Reicht¸mer
gesetzt, mit denen er nur dadurch dem Neid entgangen war, weil er sie mit
grofler Bescheidenheit gebrauchte. Ich war nicht so vorsichtig. Der
Gebrauch, den ich davon machte, war zwar an sich selbst edel und lˆblich;
ich verschwendete sie, um Gutes zu tun; ich unterst¸tzte alle Arten von
B¸rgern, welche ohne ihre Schuld in Ungl¸ck geraten waren; mein Haus war
der Sammel-Platz der Gelehrten, der K¸nstler und der Fremden; mein
Vermˆgen stund jedem zu Diensten, der es benˆtigt war: aber eben dieses
war es, was in der Folge meinen Fall befˆrderte. Man w¸rde mir eher zu
gut gehalten haben, wenn ich es mit Gastm‰hlern, mit Buhlerinnen und mit
einer immerw‰hrenden Abwechslung pr‰chtiger und ausschweifender
Lustbarkeiten durchgebracht h‰tte. Indes stund es eine geraume Zeit an,
bis die Eifersucht, welche ich durch eine solche Lebens-Art in den
Gem¸tern der Angesehensten unter den Edeln zu Athen erregte, es wagen
durfte, in sichtbare W¸rkungen auszubrechen. Das Volk, welches mich
vorhin geliebet hatte, fing nun an, mich zu vergˆttern. Der Ausdruck, den
ich hier gebrauche, ist nicht zu stark; denn da ein gewisser Dichter, der
sich meines Tisches zu bedienen pflegte, sich einst einfallen liefl, in
einem groflen und elenden Gedicht mir den Apollo zum Vater zu geben, so
fand diese mir selbst l‰cherliche Schmeichelei bei dem Pˆbel (dem ohnehin
das Wunderbare allemal besser als das Nat¸rliche einleuchtet) so groflen
Beifall, dafl sich nach und nach eine Art von Sage unter dem Volk
befestigte, welche meiner Mutter die Ehre beilegte, den Gott zu Delphi f¸r
ihre Reizungen empfindlich gemacht zu haben. So ausschweifend dieser Wahn
war, so wahrscheinlich schien er meinen Gˆnnern aus der untersten Klasse;
dadurch allein glaubten sie die mehr als menschliche Vollkommenheiten, die
sie mir zuschrieben, erkl‰ren, und die ungereimten Hoffnungen, welche sie
sich von mir machten, rechtfertigen zu kˆnnen. Denn das Vorurteil des
groflen Haufens ging weit genug, dafl viele ˆffentlich sagten, Athen kˆnne
durch mich allein zur Gebieterin des ganzen Erdbodens gemacht werden, und
man kˆnne nicht genug eilen, mir eine einzelne und unumschr‰nkte Gewalt zu
¸bertragen, von welcher sie sich nichts geringers als die Wiederkehr der
gˆldenen Zeit, die g‰nzliche Aufhebung des verhaflten Unterscheids zwischen
Armen und Reichen, und einen seligen M¸fliggang mitten unter allen
Woll¸sten und Ergˆtzlichkeiten des Lebens versprachen.

Bei diesen Gesinnungen, womit in grˆflerm oder kleinerm Grade der
Schw‰rmerei das ganze Volk zu Athen f¸r mich eingenommen war, brauchte es
nur eine Gelegenheit, um sie dahin zu bringen, die Gesetze selbst zu
Gunsten ihres Lieblings zu ¸berspringen. Diese zeigte sich, da Eubˆa und
einige andre Insuln sich des ziemlich harten Joches, welches ihnen die
Athenienser aufgelegt hatten, zu entledigen, einen Aufstand erregten,
worin sie von den Spartanern heimlich unterst¸tzt wurden. Man konnte
(diejenige Theorie, welche man zu Hause erwerben kann, ausgenommen) des
Kriegs-Wesens nicht unerfahrner sein, als ich es war. Ich hatte das Alter
noch nicht erreicht, welches die Gesetze zu Bekleidung eines ˆffentlichen
Amts erfoderten; wir hatten keinen Mangel an geschickten und ge¸bten
Kriegs-Leuten; ich selbst wandte alles Ansehen, das ich hatte, an, um
einen davon, den ich, seines moralischen Charakters wegen, vorz¸glich hoch
sch‰tzte, zum Feld-Herrn gegen die Empˆrten erw‰hlen zu machen; aber das
alles half nichts gegen die warme Einbildungs-Kraft des lebhaftesten und
leichtsinnigsten Volks in der Welt. Agathon, welchem man alle Talente
zutraute, und von welchem man sich berechtigt hielt, Wunder zu erwarten,
war allein tauglich, die Ehre des Atheniensischen Namens zu behaupten, und
die hochfliegenden Tr‰ume der politischen M¸fligg‰nger zu Athen, welche bei
diesem Anlafl in die Wette eiferten, wer die l‰cherlichsten Projekte machen
kˆnne, in die W¸rklichkeit zu setzen. Diese Art von Leuten war so
gesch‰ftig, dafl es ihnen gelang, den grˆflesten Teil ihrer Mitb¸rger mit
ihrer Torheit anzustecken. Jede Nachricht, dafl sich wieder eine andere
Insul aufzulehnen anfange, verursachte eine allgemeine Freude; man w¸rde
es gerne gesehen haben, wenn das ganze Griechenland an dieser Sache Anteil
genommen h‰tte; auch fehlte es nicht an Zeitungen, welche das Feuer grˆfler
machten, als es war, und endlich so gar den Kˆnig von Persien in den
Aufstand von Eubˆa verwickelten, um dem Agathon einen desto grˆflern
Schau-Platz zu geben, die Athenienser durch Heldentaten zu belustigen und
durch Eroberungen zu bereichern. Ich wurde also (so sehr ich mich
entgegenstr‰ubte) mit unumschr‰nkter Gewalt ¸ber die Armee, ¸ber die
Flotten, und ¸ber die Schatz-Kammer, zum Feld-Herrn gegen die abtr¸nnigen
Insuln ernannt; und da ich nun einmal genˆtigt war, dem Eigensinn meiner
Mitb¸rger nachzugeben, so entschlofl ich mich, es mit einer guten Art zu
tun, und die Sache von derjenigen Seite anzusehen, welche mir eine
erw¸nschte Gelegenheit zu geben schien, den Anfang zur Ausf¸hrung meiner
eigenen Entw¸rfe zu machen. Da ich wuflte, dafl die Insulaner gerechte
Klagen gegen Athen zu f¸hren hatten, und eine Regierung nicht lieben
konnten, von der sie unterdr¸ckt, ausgezogen, und mit F¸flen getreten
wurden; so gr¸ndete ich meinen ganzen Plan ihrer Beruhigung und
Wiederbringung auf den Weg der G¸te, auf Abstellung der Miflbr‰uche,
wodurch sie erbittert worden waren, auf eine billige M‰fligung der Abgaben,
welche man gegen ihre Freiheiten und ¸ber ihr Vermˆgen, von ihnen erpreflt
hatte; und auf ihre Wiedereinsetzung in alle Rechte und Vorteile, deren
sie sich als Griechen und als Bunds-Genossen, vermˆge vieler besondern
Vertr‰ge, zu erfreuen haben sollten. Allein ehe ich von Athen abreisen
konnte, war es um so nˆtiger, die Gem¸ter vorzubereiten und auf einen Ton
zu stimmen, der mit meinen Grund-S‰tzen und Absichten ¸bereink‰me, da ich
sahe, wie lebhaft die ausschweifenden Projekte, womit die Eitelkeit des
Alcibiades sie ehemals bezaubert hatte, bei dieser Gelegenheit wieder
aufgewacht waren. Ich versammelte also das Volk, und wandte alle Kr‰fte
der Rede-Kunst, welche bei keinem Volk der Welt so viel vermag, als bei
den Atheniensern, dazu an, sie von der Gr¸ndlichkeit meiner Entw¸rfe zu
¸berzeugen, von welchen ich sie so viel sehen liefl, als zu Erreichung
meiner Absicht nˆtig war. Nachdem ich ihnen die Grˆfle und den Flor, wozu
die Republik, vermˆge ihrer nat¸rlichen Vorteile und innerlichen St‰rke,
gelangen kˆnne, mit den reizendesten Farben abgemalt hatte; bem¸hte ich
mich zu beweisen, dafl weitl‰ufige Eroberungen, aufler der Gefahr, womit sie
durch die Unbest‰ndigkeit des Kriegs-Gl¸cks verbunden seien, den Staat
endlich notwendiger Weise unter der Last ihrer eigenen Grˆfle erdr¸cken
m¸flten; dafl es einen weit sichern und k¸rzern Weg gebe, Athen zur Kˆnigin
des Erdbodens zu machen, indem etwas unleugbares sei, dafl allezeit
diejenige Nation den ¸brigen Gesetze vorschreiben werde, welche zu
gleicher Zeit die kl¸gste und die reichste sei; dafl der Reichtum allezeit
Macht gebe, so wie die Klugheit den rechten Gebrauch der Macht lehre; dafl
Athen in beidem allen andern Vˆlkern ¸berlegen sein werde, wenn sie auf
der einen Seite fortfahre, die Pfleg-Mutter der Wissenschaften und aller
n¸tzlichen und schˆnen K¸nste zu sein; auf der andern aber alle ihre
Gedanken darauf richte, sich in der Herrschaft ¸ber das Meer fest zu
setzen; nicht in der Absicht Eroberungen zu machen, sondern sich in eine
solche Achtung bei den Ausw‰rtigen zu setzen, dafl jedermann ihre
Freundschaft suche, und niemand es wagen d¸rfe, ihren Unwillen zu reizen;
dafl f¸r einen am Meer gelegenen Frei-Staat ein gutes Vernehmen mit allen
¸brigen Vˆlkern, und eine so weit als nur mˆglich ausgebreitete Handlung,
der nat¸rliche und unfehlbare Weg sei, nach und nach zu einer Grˆfle zu
gelangen, deren Ziel nicht abzusehen sei; dafl aber hiezu die Erhaltung
seiner eigenen Freiheit, und zu dieser die Freiheit aller ¸brigen,
sonderheitlich der benachbarten, oder wenigstens ihre Erhaltung bei ihrer
alten und nat¸rlichen Form und Verfassung, nˆtig sei; dafl B¸ndnisse mit
seinen Nachbarn, und eine solche Freundschaft, wobei der andere eben so
wohl seinen Vorteil finde, als wir den unsrigen, einem solchen Staat weit
mehr Macht, Ansehen und Einflufl auf die allgemeine Verfassung des
politischen Systems der Welt geben m¸flten, als die Unterwerfung derselben,
weil ein Freund allezeit mehr wert sei, als ein Sklave; dafl die
Gerechtigkeit der einzige Grund der Macht und Dauer eines Staats, so wie
das einzige Band der Gesellschaft zwischen einzelnen Menschen und ganzen
Nationen, sei; dafl diese Gerechtigkeit fodre, eine jede politische
Gesellschaft (sie mˆge grofl oder klein sein) als unsers gleichen anzusehen,
und ihr eben die Rechte zu zugestehen, welche wir f¸r uns selbst foderten;
dafl ein nach diesen Grund-S‰tzen eingerichtetes Betragen das gewisseste
Mittel sei, sich ein allgemeines Zutrauen zu erwerben, und anstatt einer
gewaltsamen, und mit allen Gefahren der Tyrannie verkn¸pften
Oberherrschaft eine freiwillig eingestandene Autorit‰t zu behaupten,
welche in der Tat von allen Vorteilen der erstern begleitet sei, ohne die
verhaflte Gestalt und schlimmen Folgen derselben zu haben. Nachdem ich
alle diese Wahrheiten in ihrer besondern Anwendung auf Griechenland und
Athen, in das st‰rkste Licht gesetzt, und bei dieser Gelegenheit die
Torheit der Projekte des Alcibiades und andrer ehrs¸chtiger Schwindelkˆpfe
ausf¸hrlich erwiesen hatte: Bem¸hte ich mich darzutun, dafl der Aufstand
der Inseln, welche bisher unter dem Schutz der Athenienser gestanden, in
neuerlichen Zeiten aber durch Schuld einiger bˆser Ratgeber der Republik,
als unterworfene Sklaven behandelt worden seien, die gl¸cklichste
Gelegenheit anbiete, auf der einen Seite das ganze Griechenland von der
gerechten und edelm¸tigen Denkungsart der Athenienser zu ¸berzeugen, auf
der andern durch eine ansehnliche Vermehrung der Seemacht, wovon die
Unkosten durch die grˆflere Sicherheit und Erweiterung der Handelschaft
reichlich ersetzt w¸rden, sich in ein solches Ansehen zu setzen, dafl
niemand jenes gelinde und groflm¸tige Verfahren, mit dem mindesten Schein,
einem Mangel an Vermˆgen sich Genugtuung zu verschaffen, werde beimessen
kˆnnen. Ich unterst¸tzte diese Vorschl‰ge mit allen den Gr¸nden, welche
auf die lebhafte Einbildungskraft meiner Zuhˆrer den st‰rksten Eindruck
machen konnten, und hatte das Vergn¸gen, dafl meine Rede mit einem Beifall,
der meine Erwartung weit ¸bertraf, aufgenommen wurde. Auflerdem, dafl die
Athenienser, ihrer Gem¸tsart nach, sich von Wahrheit und gesunden
Grunds‰tzen eben so leicht einnehmen lieflen, als von den Blendwerken einer
falschen Staatskunst, wenn ihnen jene nur in einem eben so reizenden Licht,
und mit eben so lebhaften Farben vorgetragen wurden, als sie verwˆhnt
worden waren, von einem jeden, der zu den ˆffentlichen Angelegenheiten
redete, zu fodern; so waren sie gleichg¸ltig, durch was f¸r Mittel Athen
zu derjenigen Grˆfle gelangen mˆge, welche das Ziel aller ihrer W¸nsche war;
und ein grofler Teil der B¸rger, denen der Friede mehr Vorteile brachte,
als der Krieg, lieflen sichs vielmehr wohlgefallen, dafl dieses Ziel ihrer
Eitelkeit auf eine mit ihrem Privatnutzen ¸bereinstimmigere Art erhalten
werde. Meine heimlichen Feinde, welche nicht zweifelten, dafl diese
Expedition auf eine oder andere Art Gelegenheit zu meinem Fall geben w¸rde,
waren weit entfernt, meinen Maflnehmungen ˆffentlich zu widerstehen; aber
(wie ich in der Folge erfuhr) unter der Hand desto gesch‰ftiger, ihren
Erfolg zu hemmen, Schwierigkeiten aus Schwierigkeiten hervor zu spinnen,
und die miflvergn¸gten Insulaner selbst durch geheime Aufstiftungen
¸berm¸tig, und zu billigen Bedingungen abgeneigt zu machen. Die
Verachtung, womit man anfangs diesen Aufstand zu Athen angesehen hatte;
das ansteckende Beispiel, und die R‰nke andrer Griechischen St‰dte, welche
die Obermacht der Athenienser mit eifers¸chtigen Augen ansahen, hatten zu
wege gebracht, dafl indessen auch die Attischen Kolonien, und der grˆfleste
Teil der Bundesgenossen k¸hn genug worden waren, sich einer
Unabh‰nglichkeit anzumaflen, deren sch‰dliche Folgen sie sich selbst unter
dem reizenden Namen der Freiheit verbargen; es war die hˆchste Zeit, einer
allgemeinen Empˆrung und Zusammenverschwˆrung gegen Athen zuvorzukommen;
und meine Landsleute, welche bei Ann‰herung einer Gefahr, die ihnen in der
Ferne nur Stoff zu witzigen Einf‰llen und Gassenliedern gegeben hatte,
sehr schnell von der leichtsinnigsten Gleichg¸ltigkeit zu einer eben so
¸berm‰fligen Kleinm¸tigkeit ¸bergingen, vergrˆflerten sich selbst das ¸bel
so sehr, dafl ich genˆtiget wurde unter Segel zu gehen, ehe die Zur¸stungen
noch zur H‰lfte fertig waren. Ich hatte die Vorsichtigkeit gebraucht,
meinen Freund, ¸ber welchen mir die Gunst des Volks einen so unbilligen
Vorzug gegeben hatte, als meinen Unterbefehlshaber mitzunehmen; die
Bescheidenheit, womit ich mich des Ansehens, welches mir meine Kommission
¸ber ihn gab, bediente, kam einer Eifersucht zuvor, die den Erfolg unsrer
Unternehmung h‰tte vereiteln kˆnnen; wir handelten aufrichtig, und ohne
Nebenabsichten, nach einem gemeinschaftlich abgeredeten Plan, und das
Gl¸ck beg¸nstigte uns so sehr, dafl in einer einzigen Expedition alle
Inseln, Kolonien und Schutzverwandte der Athenienser nicht nur beruhiget,
und wieder in die alte Schranken gesetzt, sondern durch die Abstellung
alles dessen, wodurch sie unbilliger Weise beschweret worden waren, und
durch die Best‰tigung ihrer Freiheiten, die ich ihnen bewilligte, mehr als
jemals geneigt gemacht wurden, die Freundschaft der Athenienser allen
andern Verbindungen, die ihnen angetragen worden waren, vorzuziehen. In
allem diesem folgte ich, ohne besondere Verhaltungsbefehle einzuholen,
meiner eignen Denkungsart mit desto grˆflter Zuversicht, da ich den
ehemaligen Miflvergn¸gten nichts zugestanden hatte, was sie nicht so wohl
nach dem Naturrecht als in Kraft ‰lterer Vertr‰ge zu fodern vollkommen
berechtiget waren, hingegen durch diese Nachgiebigkeit neue und sehr
betr‰chtliche Vorteile f¸r die Athenienser erkaufte; Vorteile, welche dem
ganzen gemeinen Wesen zuflossen, da hingegen aller Nutzen der
Unterdr¸ckung, worunter sie geseufzet hatten, lediglich in die Kassen
einiger Privatleute und ehmaligen G¸nstlinge des Volks geleitet worden war.

Ich kehrete also mit dem Vergn¸gen, Gutes getan zu haben, mit dem Beifall
und der lebhaftesten Zuneigung der s‰mtlichen Kolonien und Bundesgenossen,
und mit der vollen Zuversicht, dafl ich die Belohnung, die ich verdient zu
haben glaubte, in der Zufriedenheit meiner Mitb¸rger einernten w¸rde, an
der Spitze einer dreimal st‰rkern Flotte, als womit ich ausgelaufen war,
nach Athen zur¸ck. Ich schmeichelte mir, dafl ich mir durch eine so
schleunige Beilegung einer Unruhe, welche so weitaussehend und gef‰hrlich
geschienen, einiges Verdienst um mein Vaterland erworben h‰tte. Ich hatte
aus unsern Feinden, Freunde, und aus unsichern Untertanen, zuverl‰ssige
Bundesgenossen gemacht, deren Treu desto weniger zweifelhaft sein muflte,
da ich ihre Sicherheit und ihren Wohlstand durch unzertrennliche Bande mit
dem Interesse von Athen verkn¸pft hatte; ich hatte, des gemeinen Schatzes
zu schonen, mein eignes Vermˆgen zugesetzt, und durch mehr als hundert
ausger¸stete Galeeren, die ich von dem guten Willen der wieder beruhigten
Insulaner erhalten, unsrer Seemacht eine ansehnliche Verst‰rkung gegeben;
ich hatte das Ansehen der Athenienser befestiget, ihre Neider abgeschreckt,
und ihrer Handlung einen Ruhestand verschafft, dessen Fortdauer nunmehr,
wenigstens auf lange Zeiten, von ihrem eigenen Betragen abhing. Das
Vergn¸gen, welches sich ¸ber mein Gem¸t ausbreitete, wenn ich alle diese
Vorteile meiner Verrichtung ¸berdachte, war so lebhaft, dafl ich ¸ber alle
andere Belohnungen, aufler dem Beifall und Zutrauen meiner Mitb¸rger, weit
hinaus sah: Aber die Athenienser waren, in dem ersten Anstofl ihrer
Erkenntlichkeit, keine Leute, welche Mafl halten konnten. Ich wurde im
Triumph eingeholt, und mit allen Arten der Ehrenbezeugungen in die Wette
¸berh‰uft; die Bildhauer muflten sich Tag und Nacht an meinen Statuen m¸de
arbeiten; alle Tempel, alle ˆffentlichen Pl‰tze und Hallen wurden mit
Denkm‰lern meines Ruhms ausgeziert; und diejenige, welche in der Folge mit
der grˆflesten Heftigkeit an meinem Verderben arbeiteten, waren itzt die
eifrigsten, ¸berm‰flige und zuvor nie erhˆrte Belohnungen vorzuschlagen,
welche das Volk in dem Feuer seiner schw‰rmerischen Zuneigung gutherziger
Weise bewilligte, ohne daran zu denken, dafl mir diese Ausschweifungen
seiner Hochachtung in kurzem von ihm selbst zu eben so vielen Verbrechen
gemacht werden w¸rden.

Da ich sahe, dafl alle meine Bescheidenheit nicht zureichend war, dem
¸berflieflenden Strom der popularen Dankbarkeit Einhalt zu tun; so glaubte
ich am besten zu tun, wenn ich mich eine Zeitlang von Athen entfernte, und
bis die Atheniensische Lebhaftigkeit durch irgend eine neue Komˆdie, einen
fremden Gaukler, oder eine frisch angekommene T‰nzerin einen andern
Schwung bekommen haben w¸rde, auf meinem Landgut zu Corinth in
Gesellschaft der Musen und Grazien einer Mufle zu genieflen, welche ich
durch die Arbeiten eines ganzen Jahres verdient zu haben glaubte. Ich
dachte wenig daran, dafl ich in einer Stadt, deren Liebling ich zu sein
schien, Feinde habe, die indessen, dafl ich mich mit aller Sorglosigkeit
der Unschuld den Vergn¸gungen des Landlebens, und der geselligen Freiheit
¸berliefl, einen eben so boshaften als wohlausgesonnenen Plan zu meinem
Untergang anzulegen besch‰ftiget seien.

Alles, womit ich mir bei der sch‰rfsten Pr¸fung meines ˆffentlichen und
Privatlebens in Athen, bewuflt bin, mein Ungl¸ck, wo nicht verdient, doch
befˆdert zu haben, ist Unvorsichtigkeit, oder der Mangel an einer gewissen
Republikanischen Klugheit, welche nur die Erfahrung geben kann. Ich lebte
nach meinem Geschmack, und nach meinem Herzen, weil ich gewifl wuflte, dafl
beide gut waren, ohne daran zu denken, dafl man mir andre Absichten bei
meinen Handlungen andichten kˆnne, als ich wirklich hatte. Ich lebte mit
einer gewissen Pracht, weil ich das Schˆne liebte, und Vermˆgen hatte; ich
tat jedermann gutes, weil ich meinem Herzen dadurch ein Vergn¸gen
verschaffte, welches ich allen andern Freuden vorzog; ich besch‰ftigte
mich mit dem gemeinen Besten der Republik, weil ich dazu geboren war, weil
ich eine T¸chtigkeit dazu in mir f¸hlte, und weil ich durch die Zuneigung
meiner Mitb¸rger in den Stand gesetzt zu werden hoffte, meinem Vaterland
und der Welt n¸tzlich zu sein. Ich hatte keine andere Absichten, und
w¸rde mir eher haben tr‰umen lassen, dafl man mich beschuldigen werde, nach
der Krone des Kˆnigs von Persien, als nach der Unterdr¸ckung meines
Vaterlands zu streben. Da ich mir bewuflt war niemands Hafl verdient zu
haben, so hielt ich einen jeden f¸r meinen Freund, der sich daf¸r ausgab,
um so mehr, als kaum jemand in Athen war, dem ich nicht Dienste geleistet
hatte. Aus eben diesem Grunde dachte ich gleich wenig daran, wie ich mir
einen Anhang mache, als wie ich die geheimen Anschl‰ge von Feinden, welche
mir unsichtbar waren, vereiteln wolle. Denn ich glaubte nicht, dafl die
Freim¸tigkeit, womit ich, ohne Galle oder ¸bermut, meine Meinung bei jeder
Gelegenheit sagte, eine Ursache sein kˆnne, mir Feinde zu machen. Mit
einem Wort, ich wuflte noch nicht, dafl Tugend, Verdienste und Wohltaten
gerade dasjenige sind, wodurch man gewisse Leute zu dem tˆdlichsten Hafl
erbittern kann. Eine traurige Erfahrung konnte mir allein zu dieser
Einsicht verhelfen; und es ist billig, dafl ich sie wert halte, da sie mir
nicht weniger, als mein Vaterland, die Liebe meiner Mitb¸rger, meine
schˆnsten Hoffnungen, und das gl¸ckselige Vermˆgen, vielen Gutes zu tun,
und von niemand abzuh‰ngen, gekostet hat."

SIEBENTES KAPITEL

Agathon wird von Athen verbannt

"Der Zeitpunkt meines Lebens, auf den ich nunmehr gekommen bin, f¸hrt
allzuunangenehme Erinnerungen mit sich, als dafl ich nicht entschuldiget
sein sollte, wenn ich so schnell davon wegeile, als es die Gerechtigkeit
zulassen wird, die ich mir selbst schuldig bin. Es mag sein, dafl einige
von meinen Feinden aus Beweggr¸nden eines republikanischen Eifers gegen
mich aufgestanden sind, und sich durch meinen Sturz eben so verdient um
ihr Vaterland zu machen geglaubt haben, als Harmodius und Aristogiton
durch die Ermordung der Pisistratiden. Aber es ist doch gewifl, dafl
diejenige, welche die Sache mit der grˆflesten Wut betrieben, keinen andern
Beweggrund hatten, als die Eifersucht ¸ber das Ansehen, welches mir die
allgemeine Gunst des Volkes gab, und welches sie, nicht ohne Ursache, f¸r
ein Hinternis ihrer ehrgeizigen und gewinns¸chtigen Absichten hielten.
Die meisten glaubten auch, dafl sie Privatbeleidigungen zu r‰chen h‰tten.
Einige n‰hrten noch den alten Groll, den sie bei meinem ersten Auftritt in
der Republik gegen mich faflten, da ich meinen rechtschaffenen Freund, den
Wirkungen ihrer Bosheit entrifl; andere schmerzte es, dafl ich ihnen bei der
Wahl eines Befehlshabers gegen die Empˆrten Inseln vorgezogen worden war;
viele waren durch den Verlust des Vorteils, welchen sie von den
ungerechten Bedr¸ckungen derselben gezogen hatten, beleidiget worden. Bei
diesen allen half mir nichts, dafl ich keine Absicht gehabt hatte sie zu
beleidigen, und dafl es nur zuf‰lliger Weise dadurch geschehen war, dafl ich
meiner ¸berzeugung und meinen Pflichten gem‰fl gehandelt hatte. Sie
beurteilten meine Handlungen aus einem ganz andern Gesichtspunkte, und es
war bei ihnen ein ausgemachter Grundsatz, dafl derjenige kein ehrlicher
Mann sein kˆnne, der ihren Privatabsichten Schranken setzte. Zum Ungl¸ck
f¸r mich, machten diese Leute einen groflen Teil von den Edelsten und
Reichesten in Athen aus. Hiezu kam noch, dafl ich meiner immer
fortdauernden Liebe zu Psyche, die vorteilhaftesten Verbindungen, welche
mir angeboten worden waren, aufgeopfert, und mich dadurch der
Unterst¸tzung und des Schutzes beraubet hatte, den ich mir von der
Verschw‰gerung mit einem m‰chtigen Geschlechte h‰tte versprechen kˆnnen.
Ich hatte nichts, was ich den R‰nken und der vereinigten Gewalt so vieler
Feinde entgegen setzen konnte, als meine Unschuld, einige Verdienste, und
die Zuneigung des Volks; schwache Brustwehren, welche noch nie gegen die
Angriffe des Neides, der Arglist und der Gewaltt‰tigkeit ausgehalten haben.
Die Unschuld kann verd‰chtig gemacht, und Verdiensten selbst durch ein
falsches Licht das Ansehen von Verbrechen gegeben werden; und was ist die
Gunst eines enthusiastischen Volkes, dessen Bewegungen immer seinen
¸berlegungen zuvorkommen; welches mit gleichem ¸bermafl liebet und hasset,
und wenn es einmal in eine fiebrische Hitze gesetzt ist, gleich geneigt
ist, dieser oder einer entgegengesetzten Direktion, je nachdem es gestoflen
wird, zu folgen? Was konnte ich mir von der Gunst eines Volkes
versprechen, welches den groflen Besch¸tzer der griechischen Freiheit im
Gef‰ngnis hatte verschmachten lassen? Welches den tugendhaften Aristides,
blofl darum, weil er den Beinamen des Gerechten verdiente, verbannet, und
in einer von seinen gewˆhnlichen Launen so gar den Socrates zum
Gift-Becher verurteilt hatte, weil er der weiseste und tugendhafteste Mann
seines Jahrhunderts war. Diese Beispiele sagten mir sogleich bei der
ersten Nachricht, die ich von dem ¸ber mir sich zusammenziehenden
Ungewitter erhielt, zuverl‰ssig vorher, was ich von den Atheniensern zu
erwarten h‰tte; sie machten, dafl ich ihnen nicht mehr zutraute, als sie
leisteten; und trugen nicht wenig dazu bei, mich ein Ungl¸ck mit
Standhaftigkeit ertragen zu machen, in welchem ich so vortreffliche M‰nner
zu Vorg‰ngern gehabt hatte.

Derjenige, den meine Feinde zu meinem Ankl‰ger auserkoren hatten, war
einer von diesen witzigen Schw‰tzern, deren feiles Talent gleich fertig
ist, Recht oder Unrecht zu verfechten. Er hatte in der Schule des
ber¸chtigten Gorgias gelernt, durch die Zaubergriffe der Rede-Kunst den
Verstand seiner Zuhˆrer zu blenden, und sie zu bereden, dafl sie s‰hen, was
sie nicht sahen. Er bek¸mmerte sich wenig darum, dasjenige zu beweisen,
was er mit der grˆflesten Dreistigkeit behauptete; aber er wuflte ihm einen
so lebhaften Schein zu geben, und durch eine zwar willk¸rliche, aber desto
k¸nstlichere Verbindung seiner S‰tze die Schw‰che eines jeden, wenn er an
sich und allein betrachtet w¸rde, so geschickt zu verbergen, dafl man, so
gar mit einer gr¸ndlichen Beurteilungs-Kraft, auf seiner Hut sein muflte,
um nicht von ihm ¸berrascht zu werden. Der haupts‰chlichste Vorwurf
seiner Anklage sollte, seinem Vorgeben nach, die schlimme Verwaltung sein,
deren ich mich als Ober-Befehlshaber in der Angelegenheit der empˆrten

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