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Geschichte des Agathon, Teil 1 by Christoph Martin Wieland

Part 3 out of 5

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ZWEITES KAPITEL

Eine kleine metaphysische Abschweifung

Es gibt so verschiedne Gattungen von Liebe, dafl es, wie uns ein Kenner
derselben versichert hat, nicht unmˆglich w‰re, drei oder vier Personen zu
gleicher Zeit zu lieben, ohne dafl sich eine derselben ¸ber Untreue zu
beklagen h‰tte. Agathon hatte in einem Alter von siebzehn Jahren f¸r die
Priesterin zu Delphi etwas zu empfinden angefangen, das derjenigen Art von
Liebe glich, die, nach dem Ausdruck des Fieldings, ein wohlzubereiteter
Rostbeef einem Menschen einflˆflt, der guten Appetit hat. Diese Liebe
hatte, ehe er selbst noch wuflte, was daraus werden kˆnnte, der
Z‰rtlichkeit weichen m¸ssen, welche ihm Psyche einflˆflte. Die Zuneigung,
die er zu diesem liebensw¸rdigen Geschˆpfe trug, war eine Liebe der
Sympathie, eine Harmonie der Herzen, eine geheime Verwandtschaft der
Seelen, die sich denen, so sie nicht aus Erfahrung kennen, unmˆglich
beschreiben l‰flt; eine Liebe an der das Herz und der Geist mehr Anteil
nimmt als die Sinnen, und die vielleicht die einzige Art von Verbindung
ist, welche, (wofern sie allgemein sein kˆnnte) den Sterblichen einigen
Begriff von den Verbindungen und Vergn¸gen himmlischer Geister zu geben
f‰hig w‰re. Wir sehen voraus, dafl unsre meisten Leser bei dieser Stelle
die Nase r¸mpfen, und zweifeln werden, ob wir uns selbst verstehen; allein
wir lassen uns dieses gar nicht anfechten. Sancho, wenn er (wie es ihm
zuweilen begegnete) eine Menge schˆner Sachen vorgebracht hatte, wovon
weder sein Herr noch irgend ein andrer, oder auch er selbst etwas
verstehen konnte, pflegte sich damit zu trˆsten, dafl er sagte: "Gott
versteht mich"; und der Geschichtschreiber des Agathons kann es ganz wohl
leiden, dafl diese und ‰hnliche Stellen seines Werkes von allen andern
Lesern f¸r Galimathias gehalten werden, da er versichert ist, dafl *** ihn
versteht--Agathon kˆnnte also von dieser gedoppelten Art von Liebe, wovon
eine die Antipode der andern ist, aus Erfahrung sprechen; allein diejenige,
worin jene beiden sich in einander mischen, die Liebe, welche die Sinnen,
den Geist und das Herz zugleich bezaubert, die heftigste, die reizendste
und gef‰hrlichste aller Leidenschaften, war ihm mit allen ihren Symptomen
und W¸rkungen noch unbekannt; und es ist also kein Wunder, dafl sie sich
schon seines ganzen Wesens bemeistert hatte, eh es ihm nur eingefallen war,
ihr zu widerstehen. Es ist wahr, dasjenige was in seinem Gem¸te vorging,
nachdem er in zween oder drei Tagen die schˆne Danae weder gesehen, noch
etwas von ihr gehˆrt hatte, h‰tte den Zustand seines Herzens einem
unbefangnen Zuschauer verd‰chtig gemacht; aber er selbst war weit entfernt
das geringste Mifltrauen in die Unschuld seiner Gesinnungen zu setzen. Was
ist nat¸rlicher, als das Verlangen, das vollkommenste und liebensw¸rdigste
unter allen Wesen, nachdem man es einmal gesehen hat, immer zu sehen?
Solche Schl¸sse macht die Leidenschaft. Aber was sagte denn die Vernunft
dazu? die Vernunft? O, die sagte gar nichts. ¸brigens m¸ssen wir doch,
es mag nun zur Entschuldigung unsers Helden dienen oder nicht, den Umstand
nicht aus der Acht lassen, dafl er von der schˆnen Danae nichts anders
wuflte, als was er gesehen hatte. Der Charakter, den ihr die Welt beilegte,
war ihm g‰nzlich unbekannt; er hatte noch keinen Anlafl, und, die Wahrheit
zu sagen, auch kein Verlangen gehabt, sich darnach zu erkundigen.

DRITTES KAPITEL

Worin die Absichten des Hippias einen merklichen Schritt machen

Inzwischen waren ungef‰hr acht Tage verflossen, welche dem
stillschweigenden und melancholischen Agathon, zu groflem Vergn¸gen des
boshaften Sophisten, achthundert Jahre dauchten, als dieser an einem
Morgen zu ihm kam, und mit einer gleichg¸ltigen Art zu ihm sagte: "Danae
hat einen Aufseher ¸ber ihre G‰rten und Landg¸ter vonnˆten; was sagst du
zu dem Einfall, den ich habe, dich an diesen Platz zu setzen? Mich daucht,
du w¸rdest dich nicht ¸bel zu einem solchen Amte schicken; hast du nicht
Lust in ihre Dienste zu treten?" Ein Wort, welches Best¸rzung und
¸berm‰flige Freude, Mifltrauen und Hoffnung, Erblassen und Gl¸hen zu
gleicher Zeit ausdr¸ckte, w¸rde uns wohl zustatten kommen, die Verwirrung
auszudr¸cken, worein diese Anrede den guten Agathon setzte. Sie war zu
grofl, als dafl er sogleich h‰tte antworten kˆnnen. Allein die Augen des
Hippias, in denen er einen Teil der Bosheit lase, die der Sophist zu
verbergen sich bem¸hte, gaben ihm bald die Sprache wieder. "Wenn du Lust
hast, dich auf diese Art von mir los zu machen", versetzte er mit so
vieler Fassung als ihm mˆglich war, "so hab ich nur eine Bedenklichkeit -"
"Und diese ist?" "--dafl ich mich sehr schlecht auf die Landwirtschaft
verstehe." "Das hat nichts zu bedeuten", antwortete der Sophist; "du
wirst Leute unter dir haben, die sich desto besser darauf verstehen, und
das ist genug. Im ¸brigen glaube ich, dafl du mit Vergn¸gen in diesem
Hause sein wirst. Du liebest das Landleben, und du wirst Gelegenheit
haben alle seine Annehmlichkeiten zu schmecken. Wenn du es zufrieden bist,
so geh ich, um diese Sache in Richtigkeit zu bringen." "Du hast dir das
Recht erkauft, mit mir zu machen was du willt", erwiderte Agathon. "Die
Wahrheit zu sagen", fuhr Hippias fort, "ungeachtet der kleinen
Miflhelligkeiten unsrer Kˆpfe, verlier ich dich ungern: Allein Danae
scheint es zu w¸nschen, und ich habe Verbindlichkeiten gegen sie; sie hat,
ich weifl nicht woher, eine grofle Meinung von deiner F‰higkeit gefaflt, und
da ich alle Tage Gelegenheit haben werde, dich in ihrem Hause zu sehen, so
kann ich mirs um so eher gefallen lassen, dich an eine Freundin abzutreten,
von der ich gewifl bin, dafl dir so begegnet werden wird, wie du es
verdienest." Agathon beharrte in dem Ton der Gleichg¸ltigkeit, den er
angenommen hatte, und Hippias, dem es M¸he genug kostete, die Spˆttereien
zur¸ckzuhalten, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen kamen, verliefl ihn,
ohne sich merken zu lassen, dafl er w¸flte, was er von dieser
Gleichg¸ltigkeit denken sollte. Das Betragen Agathons bei diesem Anlafl
wird ihn vielleicht in den Verdacht setzen, dafl er sich bewuflt gewesen sei,
dafl es nicht richtig in seinem Herzen stehe, warum h‰tte er sonst nˆtig
gehabt sich zu verbergen? Allein man mufl sich der Vorurteile erinnern, die
er wider den Sophisten gefaflt hatte, um zu sehen, dafl er vollkommen in
seinem Charakter blieb, indem er Empfindungen vor ihm zu verbergen suchte,
die einem so unverbesserlichen Anti-Platon ganz unverst‰ndlich oder
vollkommen l‰cherlich gewesen w‰ren. Die Freude, welcher er sich ¸berliefl,
so bald er sich allein sah, l‰flt uns keinen Zweifel ¸brig, dafl er damals
noch nicht das geringste Mifltrauen in sein Herz gesetzt habe. Diese
Freude war ¸ber allen Ausdruck.

Liebhaber von einer gewissen Art kˆnnen sich eine Vorstellung davon machen,
welche der allerbesten Beschreibung wert ist; und den ¸brigen w¸rde diese
Beschreibung ohngef‰hr so viel helfen, als eine Seekarte einem Fuflg‰nger.
Die unvergleichliche Danae wieder zu sehen; nicht nur wieder zu sehen, in
ihrem Hause zu sein, unter ihren Augen zu leben, ihres Umgangs zu genieflen,
vielleicht--ihrer Freundschaft gew¸rdiget zu werden--hier hielt seine
entz¸ckte Einbildungskraft stille. Die Hoffnungen eines gewˆhnlichen
Liebhabers w¸rden weiter gegangen sein; allein Agathon war kein
gewˆhnlicher Liebhaber. "Ich liebe die schˆne Danae", sagte Hyacinthus,
da er nach ihrem Genufl l¸stern war; "eben darum liebt ihr sie nicht",
w¸rde ihm die Sokratische Diotima geantwortet haben. Derjenige, der in
dem Augenblick, da ihm seine Geliebte den ersten Kufl auf ihre Hand
gestattet, einen Wunsch nach einer grˆflern Gl¸ckseligkeit hat, mufl nicht
sagen, dafl er liebe.

VIERTES KAPITEL

Ver‰nderung der Szene

Danae hatte von der Freigebigkeit des Prinzen Cyrus, aufler dem Hause,
welches sie zu Smyrna bewohnte, ein Landgut, in der anmutigsten Gegend
auflerhalb dieser Stadt, wo sie von Zeit zu Zeit einige dem Vergn¸gen
geweihte Tage zuzubringen pflegte. Hieher muflte sich Agathon begeben, um
von seinem neuen Amte Besitz zu nehmen, und dasjenige zu veranstalten, was
zum Empfang seiner Gebieterin nˆtig war, welche sich vorgenommen hatte,
den Rest der schˆnen Jahrszeit auf dem Lande zu genieflen. Wir
widerstehen der Versuchung, eine Beschreibung von diesem Landgut zu machen,
um dem Leser das Vergn¸gen zu lassen, sich dasselbe so wohlangelegt, so
pr‰chtig und so angenehm vorzustellen als er selbst es will. Alles, was
wir davon sagen wollen, ist, dafl diejenigen, deren Einbildungskraft
einiger Unterst¸tzung nˆtig hat, den sechszehnten Gesang des "befreiten
Jerusalems" lesen m¸flten, um sich eine Vorstellung von dem Orte zu machen,
den sich diese griechische Armide zum Schauplatz der Siege ausw‰hlte, die
sie ¸ber unsern Helden zu erhalten hoffte. Sie fand nicht f¸r gut, oder
konnte es nicht ¸ber sich selbst erhalten, ihn lange auf ihre Ankunft
warten zu lassen; und sie war kaum angelangt, als sie ihn zu sich rufen
liefl, und ihn durch folgende Anrede in eine angenehme Best¸rzung setzte:
"Die Bekanntschaft, die wir vor einigen Tagen mit einander gemacht haben,
w‰re, auch ohne die Nachrichten, die mir Hippias von dir gegeben, schon
genug gewesen, mich zu ¸berzeugen, dafl du f¸r den Stand nicht geboren bist,
in den dich ein widriger Zufall gesetzt hat. Die Gerechtigkeit, die ich
Personen von Verdiensten widerfahren zu lassen f‰hig bin, gab mir das
Verlangen ein, dich aus einer Abh‰nglichkeit von dem Hippias zu setzen,
welche die Verschiedenheit deiner Denkungsart von der seinigen, dir in die
L‰nge beschwerlich gemacht h‰tte. Er hatte die Gef‰lligkeit, dich mir
als eine Person vorzuschlagen, die sich schickte, die Stelle eines
Aufsehers in meinem Hause zu vertreten. Ich nahm sein Erbieten an, um das
Vergn¸gen zu haben, den Gebrauch davon zu machen, den ich deinen
Verdiensten und meiner Denkungsart schuldig bin. Du bist frei, Callias,
und vollkommen Meister zu tun was du f¸r gut befindest. Kann die
Freundschaft, die ich dir anbiete, dich bewegen bei mir zu bleiben, so
wird der Name eines Amtes, von dessen Pflichten ich dich vˆllig
freispreche, wenigstens dazu dienen, der Welt eine begreifliche Ursache zu
geben, warum du in meinem Hause bist; wo nicht, so soll das Vergn¸gen,
womit ich zu Befˆrderung der Entw¸rfe, die du wegen deines k¸nftigen
Lebens machen kannst, die Hand bieten werde, dich von der Lauterkeit der
Bewegungsgr¸nde ¸berzeugen, welche mich so gegen dich zu handeln
angetrieben haben." Die edle und ungezwungene Anmut, womit dieses
gesprochen wurde, vollendete die W¸rkung, die eine so groflm¸tige Erkl‰rung
auf den Empfindungs-vollen Agathon machen muflte, "was f¸r eine Art zu
denken! was f¸r eine Seele!" Konnt' er weniger tun, als sich zu ihren
F¸flen werfen, um in Ausdr¸cken, deren Verwirrung ihre ganze Beredsamkeit
ausmachte, der Bewundrung und der Dankbarkeit Luft zu machen, deren
¸bermafl seine Brust zersprengen zu wollen schien. "Keine Danksagungen,
Callias", unterbrach ihn die groflm¸tige Danae, "was ich getan habe, ist
nicht mehr als ich einem jeden andern, der deine Verdienste h‰tte, eben
sowohl schuldig zu sein glaubte -" "Ich habe keine Ausdr¸cke f¸r das was
ich empfinde, anbetungsw¸rdige Danae", rief der entz¸ckte Agathon, "ich
nehme dein Geschenk an, um das Vergn¸gen zu genieflen, dein freiwilliger
Sklave zu sein; eine Ehre, gegen die ich die Krone des Kˆnigs von Persien
verschm‰hen w¸rde. Ja, schˆnste Danae, seitdem ich dich gesehen habe,
kenne ich kein grˆfleres Gl¸ck als dich zu sehen; und wenn alles, was ich
in deinem Dienste tun kann, f‰hig sein kann, dich von der
unaussprechlichen Empfindung, die ich von deinem Werte habe, zu ¸berzeugen;
w¸rdig sein kann, mit einem zufriednen Blick von dir belohnt zu werden--o
Danae! wer wird denn so gl¸cklich sein als ich?" "Laflt uns", sagte die
bescheidne Nymphe, "ein Gespr‰ch enden, das die allzugrofle Dankbarkeit
deines Herzens auf einen zu hohen Ton gestimmt hat. Ich habe dir gesagt,
auf was f¸r einem Fufl du hier sein wirst. Ich sehe dich als einen Freund
meines Hauses an, dessen Gegenwart mir Vergn¸gen macht, dessen Wert ich
hoch sch‰tze, und dessen Dienste mir in meinen Angelegenheiten desto
n¸tzlicher sein kˆnnen, da sie freiwillig und die Frucht einer
uneigenn¸tzigen Freundschaft sein werden." Mit diesen Worten verliefl sie
den dankbaren Agathon, in dessen Erkl‰rung einige vielleicht Schwulst und
Unsinn, oder wenigstens zuviel Feuer und Entz¸ckung gefunden haben werden.
Allein sie werden sich zu erinnern belieben, dafl Agathon weder in einer
so gelassenen Gem¸tsverfassung war, wie sie; noch alles wuflte, was sie
durch unsere Indiskretion von der schˆnen Danae erfahren haben. Wir
wissen freilich was wir ungef‰hr von ihr denken sollen; allein in seinen
Augen war sie eine Gˆttin; und zu ihren F¸flen liegend konnte er, zumal bei
der Verbindlichkeit, die er ihr hatte, nat¸rlicher Weise, diese Danae
nicht mit einer so philosophischen Gleichg¸ltigkeit ansehen, wie wir
andern.

Agathon war nun also ein Hausgenosse der schˆnen Danae, und entfaltete mit
jedem Tage neue Verdienste, die ihm dieses Gl¸ck w¸rdig zeigten, und die
seine geringe Achtung f¸r den Hippias ihn verhindert hatte, in dessen
Hause sehen zu lassen. Da nebst den besondern Ergˆtzungen des Landlebens
diese feinere Art von Belustigungen, an denen der Witz und die Musen den
meisten Anteil haben, die haupts‰chlichste Besch‰ftigung war, wozu man die
Zeit in diesem angenehmen Aufenthalt anwendete; so hatte er Gelegenheit
genug, seine Talente von dieser Seite schimmern zu lassen; und seine
bezauberte Phantasie gab ihm so viele Erfindungen an die Hand, dafl er
keine andre M¸he hatte, als diejenigen auszuw‰hlen, die er am
geschicktesten glaubte, seine Gebieterin und die kleine Gesellschaft von
vertrauten Freunden, die sich bei ihr einfanden, zu ergˆtzen. So weit war
es schon mit demjenigen gekommen, der vor wenigen Wochen es f¸r eine
geringsch‰tzige Bestimmung hielt, in der Person eines unschuldigen
Anagnosten die jonischen Ohren zu bezaubern.

In der Tat kˆnnen wir l‰nger nicht verbergen, dafl diese unbeschreibliche
Empfindung (wie er dasjenige nannte was ihm die schˆne Danae eingeflˆflt
hatte) dieses ich weifl nicht was, welches wir, so wenig er es auch
gestanden h‰tte, ganz ungescheut Liebe nennen wollen, in dem Lauf von
wenigen Tagen so sehr zugenommen hatte, dafl einem jeden andern als einem
Agathon die Augen ¸ber den wahren Zustand seines Herzens aufgegangen w‰ren.
Wir wissen wohl, dafl die Umst‰ndlichkeit unsrer Erz‰hlung bei diesem
Teile seiner Geschichte, den Ernsthaftern unter unsern Lesern, wenn wir
anders dergleichen haben werden, sehr langweilig vorkommen wird. Allein
die Achtung, die wir ihnen schuldig sind, kann uns nicht verhindern, uns
die Vorstellung zu machen, dafl diese Geschichte vielleicht k¸nftig, und
wenn es auch nur aus einem Gew¸rzladen w‰re, einem jungen noch nicht ganz
ausgebr¸teten Agathon in die H‰nde fallen kˆnnte, der aus einer genauern
Beschreibung der Ver‰nderungen, welche die Gˆttin Danae nach und nach in
dem Herzen und der Denkungsart unsers Helden hervorgebracht, sich gewisse
Beobachtungen und Kautelen ziehen kˆnnte, von denen er vielleicht einen
guten Gebrauch zu machen Gelegenheit bekommen mˆchte. Wir glauben also,
wenn wir diesem zuk¸nftigen Agathon zu Gefallen uns die M¸he nehmen, der
Leidenschaft unsers Helden von der Quelle an in ihrem wiewohl noch
geheimen Lauf nachzugehen, desto eher entschuldiget zu sein, da es allen
¸brigen, die mit diesen Anekdoten nichts zu machen wissen, frei steht, das
folgende Kapitel zu ¸berschlagen.

F‹NFTES KAPITEL

Nat¸rliche Geschichte der Platonischen Liebe

"Die Quelle der Liebe", sagt Zoroaster, oder h‰tte es doch sagen kˆnnen,
"ist das Anschauen eines Gegenstandes, der unsre Einbildungskraft
bezaubert." Der Wunsch diesen Gegenstand immer anzuschauen, ist der erste
Grad derselben. Je bezaubernder dieses Anschauen ist, und je mehr die an
dieses Bild der Vollkommenheit angeheftete Seele daran zu entdecken und zu
bewundern findet, desto l‰nger bleibt sie in den Grenzen dieses ersten
Grades der Liebe stehen. Dasjenige was sie hiebei erf‰hrt, kommt anfangs
demjenigen auflerordentlichen Zustande ganz nahe, den man Verz¸ckung nennt;
alle andere Sinnen, alle wirksamen Kr‰fte der Seele scheinen stille zu
stehen, und in einen einzigen Blick, worin man keiner Zeitfolge gewahr
wird, verschlungen zu sein. Dieser Zustand ist zu gewaltsam, als dafl er
lange dauern kˆnnte; langsamer oder schneller macht er der Empfindung
eines unaussprechlichen Vergn¸gens Platz, welches die nat¸rliche Folge
jenes ekstatischen Anschauens ist, und wovon, wie einige Adepten uns
versichert haben, keine andre Art von Vergn¸gen oder Wollust uns einen
bessern Begriff geben kann, als der unreine und d¸stre Schein einer
Pechfackel von der Klarheit des unkˆrperlichen Lichts, worin, nach der
Meinung der Morgenl‰ndischen Weisen, die Geister als in ihrem Elemente
leben. Dieses innerliche Vergn¸gen ‰uflert sich bald durch die
Ver‰nderungen, die es in dem mechanischen Teil unsers Wesens hervorbringt;
es wallt mit h¸pfender Munterkeit in unsern Adern, es schimmert aus unsern
Augen, es gieflt eine l‰chelnde Heiterkeit ¸ber unser Gesicht, und gibt
allen unsern Bewegungen eine neue Lebhaftigkeit und Anmut: es stimmt und
erhˆhet alle Kr‰fte unsrer Seele, belebt das Spiel der Phantasie und des
Witzes, und kleidet, so zu sagen, alle unsre Ideen in den Schimmer und die
Farbe der Liebe. Ein Liebhaber ist in diesem Augenblick mehr als ein
gewˆhnlicher Mensch; er ist (wie Plato sagt) von einer Gottheit voll, die
aus ihm redet und w¸rket; und es ist keine Vollkommenheit, keine Tugend,
keine Heldentat so grofl, wozu er in diesem Stande der Begeistrung und
unter den Augen des geliebten Gegenstands nicht f‰hig w‰re. Dieser
Zustand dauert noch fort, wenn er gleich von demselben entfernt wird, und
das Bild desselben, das seine ganze Seele auszuf¸llen scheint, ist so
lebhaft, dafl es einige Zeit braucht, bis er der Abwesenheit des Urbildes
gewahr wird. Aber kaum empfindet die Seele diese Abwesenheit, so
verschwindet jenes Vergn¸gen mit seinem ganzen bezauberten Gefolge; man
erf‰hrt in immer zunehmenden Graden das Gegenteil von allen W¸rkungen
jener Begeisterung, wovon wir geredet haben; und derjenige der vor kurzem
mehr als ein Mensch schien, scheint nun nichts als der Schatten von sich
selbst, ohne Leben, ohne Geist, zu nichts geschickt als in einˆden
Wildnissen wie ein Gespenst umherzuirren, den Namen seiner Gˆttin in
Felsen einzugraben, und den tauben B‰umen seine Schmerzen vorzuseufzen;
ein kl‰glicher Zustand, in Wahrheit, wenn nicht ein einziger Blick des
Gegenstands, von dem diese seltsame Bezauberung herr¸hrt, hinl‰nglich w‰re,
in einem Wink diesem Schatten wieder einen Leib, dem Leib eine Seele, und
der Seele diese Begeisterung wieder zu geben, durch welche sie ohne
Beobachtung einiger Gradation von der Verzweiflung zu unermefllicher Wonne
¸bergeht. Wenn Agathon dieses alles nicht vˆllig in so hohem Grad erfuhr,
als andre von seiner Art, so mufl dieses vermutlich allein dem Einflufl
beigemessen werden, den seine werte Psyche noch in dasjenige hatte, was in
seinem Herzen vorging. Allein wir m¸ssen gestehen, dieser Einflufl wurde
immer schw‰cher; die lebhaften Farben, womit ihr Bild seiner Phantasie
ehemals vorgeschwebt hatte, wurden immer matter; und anstatt dafl ihn sonst
sein Herz an sie erinnert hatte, muflte es itzt von ohngef‰hr und durch
einen Zufall geschehen. Endlich verschwand dieses Bild g‰nzlich; Psyche
hˆrte auf f¸r ihn zu existieren, ja kaum erinnerte er sich alles dessen,
was vor seiner Bekanntschaft mit der schˆnen Danae vorgegangen war anders,
als ein erwachsener Mensch sich seiner ersten Kindheit erinnert. Es ist
also leicht zu begreifen, dafl seine ganze vormalige Art zu empfinden und
zu sein, einige Ver‰nderung erlitt, und gleichsam die Farbe und den Ton
des Gegenstands bekam, der mit einer so unumschr‰nkten Macht auf ihn
w¸rkte. Sein ernsthaftes Wesen machte nach und nach einer gewissen
Munterkeit Platz, die ihm vieles, das er ehmals miflbilligst hatte, in
einem g¸nstigern Lichte zeigte; seine Sittenlehre wurde unvermerkt freier
und gef‰lliger, und seine ehmaligen guten Freunde, die ‰therischen Geister,
wenn sie ja noch einigen Zutritt bei ihm hatten, muflten sich gefallen
lassen, die Gestalt der schˆnen Danae anzunehmen, um vorgelassen zu werden.
Vor Begierde der Beherrscherin seines Herzens zu gefallen, vergafl er,
sich um den Beifall unsichtbarer Zuschauer seines Lebens zu bek¸mmern; und
der Zustand der entkˆrperten Seelen deuchte ihn nicht mehr so
beneidensw¸rdig, seitdem er im Anschauen dieser irdischen Gˆttin ein
Vergn¸gen genofl, welches alle seine Einbildungen ¸berstieg. Der Wunsch
immer bei ihr zu sein, war nun erf¸llt, dem zweiten, der auf diesen
gefolget sein w¸rde, dem Verlangen ihre Freundschaft zu besitzen war sie
selbst gleich anfangs groflm¸tiger Weise zuvorgekommen, und die
verbindliche und vertraute Art, wie sie etliche Tage lang mit ihm umging,
liefl ihm von dieser Seite nichts zu w¸nschen ¸brig. Er hatte ihre
Freundschaft, nun w¸nschte er auch ihre Z‰rtlichkeit zu haben--Ihre
Z‰rtlichkeit!--Ja, aber eine Z‰rtlichkeit, wie nur die Einbildungskraft
eines Agathons f‰hig ist, sich vorzustellen. Kurz, da er anfing zu
merken, dafl er sie liebe, so w¸nschte er wieder geliebt zu werden. Allein
er liebte sie mit einer so uneigenn¸tzigen, so geistigen, so
begierdenfreien Liebe, als ob sie eine Sylphide gewesen w‰re; und der
k¸hnste Wunsch, den er zu wagen f‰hig war, war nur, in derjenigen
sympathetischen Verbindung der Seelen mit ihr zu stehen, wovon ihm Psyche
die Erfahrung gegeben hatte. "Wie angenehm" (dacht er) "wie
entz¸ckungsvoll, wie sehr ¸ber alles, was die Sprache der Sterblichen
ausdr¸cken kann, muflte eine solche Sympathie mit einer Danae sein, da sie
mit Psyche schon so angenehm gewesen war!" Zum Ungl¸ck f¸r unsern
Platoniker war dieses ein Plan, wozu Danae, welche dieses mal keine
Sylphide spielen wollte, sich nicht so gut anliefl, als er es gew¸nscht
hatte. Sie fuhr immer fort sich in den Grenzen der Freundschaft zu halten,
und, die Wahrheit zu sagen, sie war entweder nicht geistig genug, sich
von dieser intellektualischen Liebe, von der er ihr so viel schˆnes
vorsagte, einen rechten Begriff zu machen; oder sie fand es l‰cherlich, in
ihrem Alter und mit ihrer Figur eine Rolle zu spielen, die, nach ihrer
Denkungsart, sich nur f¸r eine Person schickte, die im Bade keine Besuche
mehr annimmt; wenn sie gleich allzu bescheiden war, ihm dieses mit Worten
zu sagen, so fand sie doch Mittel genug, ihm ihre Gedanken ¸ber diesen
Punkt auf eine vielleicht eben so nachdr¸ckliche Art zu erkennen zu geben.
Gewisse kleine Nachl‰ssigkeiten in ihrem Putz, ein verr‰terischer Zephir,
oder ihr Sperling, der indem sie neben Agathon auf einer Ruhebank safl, mit
mutwilligem Schnabel an dem Gewand zerrte, das zu ihren F¸flen herabflofl,
schienen seiner ‰therischen Liebe zu spotten, und ihm Aufmunterungen zu
geben, die ein minder bezauberter Liebhaber nicht nˆtig gehabt h‰tte.
Danae hatte Ursache mit der W¸rkung dieser kleinen Kunstgriffe zufrieden
zu sein. Agathon, welcher sich angewˆhnt hatte, den Leib und die Seele
als zwei verschiedene Wesen zu betrachten, und in dessen Augen Danae eine
geraume Zeit nichts anders, als (nach dem Ausdruck des Guidi) eine
himmlische Schˆnheit in einem irdischen Schleier gewesen war, vermengte
diese beiden Wesen je l‰nger je mehr in seiner Phantasie mit einander, und
er konnte es desto leichter, da in der Tat alle kˆrperlichen Schˆnheiten
seiner Gˆttin so beseelt waren, und alle Schˆnheiten ihrer Seele so
lebhaft aus diesem reizenden Schleier hervorschimmerten, dafl es beinahe
unmˆglich war, sich eine ohne die andre vorzustellen. Dieser Umstand
brachte zwar keine wesentliche Ver‰nderung in seiner Art zu lieben hervor;
doch ist gewifl, dafl er nicht wenig dazu beitrug, ihn unvermerkt in eine
Verfassung zu setzen, welche die Absichten der schlauen Danae mehr zu
beg¸nstigen als abzuschrecken schien. "O du, f¸r den wir aus groflm¸tiger
Freundschaft uns die M¸he gegeben haben, dieses dir allein gewidmete
Kapitel zu schreiben, halte hier ein und frage dein Herz. Wenn du eine
Danae gefunden hast (armer J¸ngling! welche Molly Seagrim kann es nicht
in deinen bezauberten Augen sein?) und du verstehest den Schlufl dieses
Kapitels, so kˆmmt unsre Warnung schon zu sp‰t, und du bist verloren,
fliehe, von dem Augenblick an, da du sie gesehen; fliehe, und ersticke den
Wunsch sie wieder zu sehen! Wenn du das nicht kannst; wenn du, nachdem du
diese Warnung gelesen, nicht willst: so bist du kein Agathon mehr, so bist
du was wir andern alle sind; tue was du willst, es ist nichts mehr an dir
zu verderben."

SECHSTES KAPITEL

Worin der Geschichtschreiber sich einiger Indiskretion schuldig macht

Die schˆne Danae war sehr weit entfernt, gleichg¸ltig gegen die Vorz¸ge
des Callias zu sein, und es kostete ihr w¸rklich, so gesetzt sie auch war,
einige M¸he, ihm zu verbergen, wie sehr sie von seiner Liebe ger¸hrt war,
und wie gern sie sich dieselbe zu Nutz gemacht h‰tte. Allein aus einem
Agathon einen Alcibiades zu machen, das konnte nicht das Werk von etlichen
Tagen sein, und um so viel weniger, da er durch unmerkliche Schritte, und
ohne, dafl sie selbst etwas dabei zu tun schien, zu einer so groflen
Ver‰nderung gebracht werden muflte, wenn sie anders dauerhaft sein sollte.
Die grofle Kunst war, unter der Masque der Freundschaft seine Begierden zu
eben der Zeit zu reizen, da sie selbige durch eine unaffektierte
Zur¸ckhaltung abzuschrecken schien. Allein auch dieses war nicht genug;
er muflte vorher die Macht zu widerstehen verlieren; wenn der Augenblick
einmal gekommen sein w¸rde, da sie die ganze Gewalt ihrer Reizungen an ihm
zu pr¸fen entschlossen war. Eine z‰rtliche Weichlichkeit muflte sich
vorher seiner ganzen Seele bemeistern, und seine in Vergn¸gen schwimmende
Sinnen muflten von einer s¸flen Unruhe und woll¸stigen Sehnsucht eingenommen
werden, ehe sie es wagen wollte, einen Versuch zu machen, der, wenn er zu
fr¸h gemacht worden w‰re, gar leicht ihren ganzen Plan h‰tte vereiteln
kˆnnen. Zum Ungl¸ck f¸r unsern Helden ersparte ihr seine magische
Einbildungskraft die H‰lfte der M¸he, welche sie aus einem ¸bermafl von
Freundschaft anwenden wollte, ihm die Verwandlung, die mit ihm vorgehen
sollte, zu verbergen. Ein L‰cheln seiner Gˆttin war genug, ihn in
Vergn¸gen zu zerschmelzen; ihre Blicke schienen ihm einen ¸berirdischen
Glanz ¸ber alles auszugieflen, und ihr Atem der ganzen Natur den Geist der
Liebe einzuhauchen: Was muflte denn aus ihm werden, da sie zu Vollendung
ihres Sieges alles anwendete, was auch den unempfindlichsten unter allen
Menschen zu ihren F¸flen h‰tte legen kˆnnen? Agathon wuflte noch nicht, dafl
sie die Laute spielte, und in der Musik eine eben so grofle Virtuosin als
in der Tanzkunst war. Die Feste und Lustbarkeiten, in deren Erfindung er
unerschˆpflich war, um ihr den l‰ndlichen Aufenthalt angenehmer zu machen,
gaben ihr Anlafl, ihn durch Entdeckung dieser neuen Reizungen in Erstaunung
zu setzen. "Es ist billig", sagte sie zu ihm, "dafl ich deine Bem¸hungen,
mir Vergn¸gen zu machen, durch eine Erfindung von meiner Art erwidre.
Diesen Abend will ich dir den Wettstreit der Sirenen und der Musen geben,
ein St¸ck des ber¸hmten Damons, das ich noch aus Aspasiens Zeiten ¸brig
habe, und das von den Kennern f¸r das Meisterst¸ck der Tonkunst erkl‰rt
wurde. Die Anstalten sind schon dazu gemacht, und du allein sollst der
Zuhˆrer und Richter dieses Wettgesangs sein." Niemals hatte den Agathon
eine Zeit l‰nger gedaucht, als die wenigen Stunden, die er in Erwartung
dieses versprochenen Vergn¸gens zubrachte. Danae hatte ihn verlassen, um
durch ein erfrischendes Bad ihrer Schˆnheit einen neuen Glanz zu geben,
indessen dafl er die verschwindenden Strahlen der untergehenden Sonne einen
nach dem andern zu z‰hlen schien. Endlich kam die angesetzte Stunde.
Der schˆnste Tag hatte der anmutigsten Nacht Platz gemacht, und eine s¸fle
D‰mmerung hatte schon die ganze schlummernde Natur eingeschleiert; als
plˆtzlich ein neuer zauberischer Tag, den eine unendliche Menge k¸nstlich
versteckter Lampen verursachte, den reizenden Schauplatz sichtbar machte,
welchen die Fee dieses Orts zu diesem Lustspiel hatte zubereiten lassen.
Eine mit Lorbeerb‰umen beschattete Anhˆhe erhob sich aus einem
spiegelhellen See, der mit Marmor gepflastert, und ringsum mit Myrten und
Rosenhecken eingefaflt war. Kleine Quellen schl‰ngelten den Lorbeerhain
herab, und rieselten mit sanftem Murmeln oder l‰chelndem Klatschen in den
See, an dessen Ufer hier und da kleine Grotten, mit Korallenmuscheln und
andern Seegew‰chsen ausgeschm¸ckt hervorragten, und die Wohnung der
Nymphen dieses Wassers zu sein schienen. Ein kleiner Nachen in Gestalt
einer Perlenmuschel, der von einem marmornen Triton emporgehalten wurde,
stund der Anhˆhe gegen ¸ber am Ufer, und war der Sitz, auf welchem Agathon
als Richter den Wettgesang hˆren sollte.

SIEBENTES KAPITEL

Magische Kraft der Musik

Agathon hatte seinen Platz kaum eingenommen, als man in dem Wasser ein
w¸hlendes Pl‰tschern, und aus der Ferne, wie es liefl, eine sanft
zerflossene Harmonie hˆrte, ohne jemand zu sehen, von dem sie herk‰me.
Unser Liebhaber, den dieser Anfang in ein stilles Entz¸cken setzte, wurde,
ungeachtet er zu diesem Spiele vorbereitet war, zu glauben versucht, dafl
er die Harmonie der Sph‰ren hˆre, von deren W¸rklichkeit ihn die
Pythagorischen Weisen beredet hatten; allein, w‰hrend dafl sie immer n‰her
kam und deutlicher wurde, sah er zu gleicher Zeit die Musen aus dem
kleinen Lorbeerw‰ldchen und die Sirenen aus ihren Grotten hervorkommen.
Danae hatte die j¸ngsten und schˆnsten aus ihren Aufw‰rterinnen ausgelesen,
diese Meernymphen vorzustellen, die, nur von einem wallenden Streif von
himmelblauem Byssus umflattert, mit Cithern und Flˆten in der Hand sich
¸ber die Wellen erhuben, und mit jugendlichem Stolz untadeliche
Schˆnheiten vor den Augen ihrer eifers¸chtigen Gespielen entdeckten.
Allein kleine Tritonen, bliesen, um sie her schwimmend, aus krummen
Hˆrnern, und neckten sie durch mutwillige Spiele; indes dafl Danae mitten
unter den Musen, an den Rand der kleinen Halbinsel herabstieg, und, wie
Venus unter den Grazien, oder Diana unter ihren Nymphen hervorgl‰nzend,
dem Auge keine Freiheit liefl, auf einem andern Gegenstande zu verweilen.
Ein langes schneeweifles Gewand flofl, unter dem halbentblˆflten Busen mit
einem goldnen G¸rtel umfaflt, in kleinen wallenden Falten zu ihren F¸flen
herab; ein Kranz von Rosen wand sich um ihre Locken, wovon ein Teil in
kunstloser Anmut um ihren Nacken schwebte; ihr rechter Arm, auf dessen
Weifle die Homerische Juno eifers¸chtig h‰tte sein d¸rfen, umfaflte eine
Laute von Elfenbein. Die ¸brigen Musen, mit verschiednen
Saiteninstrumenten versehen, lagerten sich zu ihren F¸flen; sie allein
blieb in einer unnachahmlich reizenden Stellung stehen, und hˆrte l‰chelnd
der Aufforderung zu, welche die ¸berm¸tigen Syrenen ihr entgegensangen.
Man mufl ohne Zweifel gestehen, dafl das Gem‰lde, welches sich in diesem
Augenblick unserm Helden darstellte, nicht sehr geschickt war, weder sein
Herz noch seine Sinnen in Ruhe zu lassen; allein die Absicht der Danae war
nur, ihn durch die Augen zu den Vergn¸gungen eines andern Sinnes
vorzubereiten, und ihr Stolz verlangte keinen geringern Triumph, als ein
so reizendes Gem‰lde durch die Zaubergewalt ihrer Stimme und ihrer Saiten
in seiner Seele auszulˆschen. Sie schmeichelte sich nicht zu viel. Die
Sirenen hˆrten auf zu singen, und die Musen antworteten ihrer Ausforderung
durch eine Symphonie, welche auszudrucken schien, wie gewifl sie sich des
Sieges hielten. Nach und nach verlor sich die Munterkeit, die in dieser
Symphonie herrschte; ein feierlicher Ernst nahm ihren Platz ein, das Getˆn
wurde immer einfˆrmiger, bis es nach und nach in ein dunkles ged‰mpftes
Murmeln und zuletzt in eine g‰nzliche Stille erstarb. Ein allgemeines
Erwarten schien dem Erfolg dieser vorbereitenden Stille entgegen zu
horchen, als es auf einmal durch eine liebliche Harmonie unterbrochen
wurde, welche die gefl¸gelten und seelenvollen Finger der schˆnen Danae
aus ihrer Laute lockten. Eine Stimme, welche f‰hig schien, die Seelen
ihren Leibern zu entf¸hren, und Tote wieder zu beseelen (wenn wir einen
Ausdruck des Liebhabers der schˆnen Laura entlehnen d¸rfen) eine so
bezaubernde Stimme beseelte diese reizende Anrede. Der Inhalt des
Wettgesangs war ¸ber den Vorzug der Liebe, die sich auf die Empfindung,
oder derjenigen, die sich auf die blofle Begierde gr¸ndet. Nichts kˆnnte
r¸hrender sein, als das Gem‰lde, welches Danae von der ersten Art der
Liebe machte; "in solchen Tˆnen", dacht Agathon, "ganz gewifl in keinen
andern, dr¸cken die Unsterblichen einander aus, was sie empfinden; nur
eine solche Sprache ist der Gˆtter w¸rdig." Die ganze Zeit da dieser
Gesang dauerte, deuchte ihn ein Augenblick, und er wurde ganz unwillig,
als Danae auf einmal aufhˆrte, und eine der Sirenen, von den Flˆten ihrer
Schwestern begleitet, k¸hn genug war, es mit seiner Gˆttin aufzunehmen.
Allein er wurde bald gezwungen anders Sinnes zu werden, als er sie hˆrte;
alle seine Vorurteile f¸r die Muse konnten ihn nicht verhindern, sich
selbst zu gestehen, dafl eine fast unwiderstehliche Verf¸hrung in ihren
Tˆnen atmete. Ihre Stimme, die an Weichheit und Biegsamkeit nicht
¸bertroffen werden konnte, schien alle Grade der Entz¸ckungen auszudr¸cken,
deren die sinnliche Liebe f‰hig ist; und das weiche Getˆn der Flˆten
erhˆhte die Lebhaftigkeit dieses Ausdrucks auf einen Grad, der kaum einen
Unterschied zwischen der Nachahmung und der Wahrheit ¸brig liefl. "Wenn
die Sirenen, bei denen der kluge Ulysses vorbeifahren muflte, so gesungen
haben", (dachte Agathon) "so hatte er wohl Ursache, sich an H‰nden und
F¸flen an den Mastbaum binden zu lassen." Kaum hatten die Sirenen diesen
Gesang geendiget, so erhub sich ein frohlockendes Klatschen aus dem Wasser,
und die kleinen Tritonen stieflen in ihre Hˆrner, den Sieg anzudeuten, den
sie ¸ber die Musen erhalten zu haben glaubten. Allein diese hatten den
Mut nicht verloren: Sie ermunterten sich bald wieder, und fingen eine
Symphonie an, wovon der Anfang eine spottende Nachahmung des Gesanges der
Sirenen zu sein schien. Nach einer Weile wechselten sie die Tonart und
den Rhythmus durch ein Andante, welches in wenigen Takten nicht die
mindeste Spur von den Eindr¸cken ¸brig liefl, die der Syrenen Gesang auf
das Gem¸te der Hˆrenden gemacht haben konnte. Eine s¸fle Schwermut
bem‰chtigte sich Agathons; er sank in ein angenehmes Staunen,
unfreiwillige Seufzer entflohen seiner Brust, und woll¸stige Tr‰nen
rollten ¸ber seine Wangen herab. Mitten aus dieser r¸hrenden Harmonie
erhob sich der Gesang der schˆnen Danae, welche durch die eifers¸chtigen
Bestrebungen ihrer Nebenbuhlerin aufgefordert war, die ganze
Vollkommenheit ihrer Stimme, und alle Zauberkr‰fte der Kunst anzuwenden,
um den Sieg g‰nzlich auf die Seite der Musen zu entscheiden. Ihr Gesang
schilderte die r¸hrenden Schmerzen einer wahren Liebe, die in ihrem
Schmerzen selbst ein melancholisches Vergn¸gen findet; ihre standhafte
Treue und die Belohnung, die sie zuletzt von der z‰rtlichsten Gegenliebe
erh‰lt. Die Art wie sie dieses ausf¸hrte, oder vielmehr die Eindr¸cke,
die sie dadurch auf ihren Liebhaber machte, ¸bertrafen alles was man sich
davon vorstellen kann. Sein ganzes Wesen war Ohr, und seine ganze Seele
zerflofl in die Empfindungen, die in ihrem Gesange herrscheten. Er war
nicht so weit entfernt, dafl Danae nicht bemerkt h‰tte, wie sehr er aufler
sich selbst war, und wie viel M¸he er hatte, um sich zu halten, aus seinem
Sitz sich in das Wasser herabzust¸rzen, zu ihr hin¸ber zu schwimmen, und
seine in Entz¸ckung und Liebe zerschmolzene Seele zu ihren F¸flen
auszuhauchen. Sie wurde durch diesen Anblick selbst so ger¸hrt, dafl sie
genˆtiget war, die Augen von ihm abzuwenden, um ihren Gesang vollenden zu
kˆnnen: Allein sie beschlofl bei sich selbst, die Belohnung nicht l‰nger
aufzuschieben, welche sie einer so vollkommenen Liebe schuldig zu sein
glaubte. Endlich endigte sich ihr Lied; die begleitende Symphonie hˆrte
auf; die besch‰mten Sirenen flohen in ihre Grotten; die Musen verschwanden;
und der staunende Agathon blieb in trauriger Entz¸ckung allein.

ACHTES KAPITEL

Eine Abschweifung, wodurch der Leser zum Folgenden vorbereitet wird

Wir kˆnnen die Verlegenheit nicht verbergen, in welche wir uns durch die
Umst‰nde gesetzt finden, worin wir unsern Helden zu Ende des vorigen
Kapitels verlassen haben. Sie drohen dem erhabnen Charakter, den er
bisher mit einer so r¸hmlichen Standhaftigkeit behauptet, und wodurch er
sich zweifelsohne in eine nicht gemeine Hochachtung bei unsern Lesern
gesetzt hat, einen Abfall, der denenjenigen, welche von einem Helden eine
vollkommene Tugend fordern, eben so anstˆflig sein wird, als ob sie, nach
allem was bereits mit ihm vorgegangen, nat¸rlicher Weise etwas bessers
h‰tten erwarten kˆnnen.

Wie grofl ist in diesem St¸cke der Vorteil eines Romanendichters vor
demjenigen, welcher sich anheischig gemacht hat, ohne Vorurteil oder
Parteilichkeit, mit Verleugnung des Ruhms, den er vielleicht durch
Verschˆnerung seiner Charakter, und durch Erhebung des Nat¸rlichen ins
Wunderbare sich h‰tte erwerben kˆnnen, der Natur und Wahrheit in
gewissenhafter Aufrichtigkeit durchaus getreu zu bleiben! Wenn jener die
ganze grenzenlose Welt des Mˆglichen zu freiem Gebrauch vor sich
ausgebreitet sieht; wenn seine Dichtungen durch den m‰chtigen Reiz des
Erhabnen und Erstaunlichen schon sicher genug sind, unsre Einbildungskraft
und unsre Eitelkeit auf seine Seite zu bringen; wenn schon der kleinste
Schein von ¸bereinstimmung mit der Natur hinl‰nglich ist, die Freunde des
Wunderbaren, welche immer die grˆfleste Zahl ausmachen, von ihrer
Mˆglichkeit zu ¸berzeugen; ja, wenn er volle Freiheit hat, die Natur
selbst umzuschaffen, und, als ein andrer Prometheus, den geschmeidigen Ton,
aus welchem er seine Halbgˆtter und Halbgˆttinnen bildet, zu gestalten
wie es ihm beliebt, oder wie es die Absicht, die er auf uns haben mag,
erheischet: So sieht sich hingegen der arme Geschichtschreiber genˆtiget,
auf einem engen Pfade, Schritt vor Schritt in die Fuflstapfen der vor ihm
hergehenden Wahrheit einzutreten, jeden Gegenstand so grofl oder so klein,
so schˆn oder so h‰fllich, wie er ihn w¸rklich findet, abzumalen; die
W¸rkungen so anzugeben, wie sie vermˆge der unver‰nderlichen Gesetze der
Natur aus ihren Ursachen herflieflen; und wenn er seiner Pflicht ein
vˆlliges Gen¸gen getan hat, sich gefallen zu lassen, dafl man seinen Helden
am Ende um wenig oder nichts sch‰tzbarer findet, als der schlechteste
unter seinen Lesern sich ohngef‰hr selbst zu sch‰tzen pflegt.

Vielleicht ist kein unfehlbarers Mittel mit dem wenigsten Aufwand von
Genie, Wissenschaft und Erfahrenheit ein gepriesener Schriftsteller zu
werden, als wenn man sich damit abgibt, Menschen (denn Menschen sollen es
doch sein) ohne Leidenschaften, ohne Schwachheit, ohne allen Mangel und
Gebrechen, durch etliche B‰nde voll wunderreicher Abenteure, in der
einfˆrmigsten Gleichheit mit sich selbst, herumzuf¸hren. Eh ihr es euch
verseht, ist ein Buch fertig, das durch den erbaulichen Ton einer strengen
Sittenlehre, durch blendende Sentenzen, durch Charaktere und Handlungen,
die eben so viele Muster sind, den Beifall aller der gutherzigen Leute
¸berraschet, welche jedes Buch, das die Tugend anpreist, vortrefflich
finden. Und was f¸r einen Beifall kann sich ein solches Werk erst alsdenn
versprechen, wenn der Verfasser die Kunst oder die nat¸rliche Gabe besitzt,
seine Schreibart auf den Ton der Begeisterung zu stimmen, und, verliebt
in die schˆnen Geschˆpfe seiner erhitzten Einbildungskraft, die Meinung
von sich zu erwecken, dafl ers in die Tugend selber sei. Umsonst mag dann
ein verd‰chtiger Kunstrichter sich heiser schreien, dafl ein solches Werk
eben so wenig f¸r die Talente seines Urhebers beweise, als es der Welt
Nutzen schaffe; umsonst mag er vorstellen, wie leicht es sei, die
Definitionen eines Auszugs der Sittenlehre in Personen, und die Maximen
des Epictets in Handlungen zu verwandeln; umsonst mag er beweisen, dafl die
unfruchtbare Bewunderung einer schim‰rischen Vollkommenheit, welche man
nachzuahmen eben so wenig wahren Vorsatz als Vermˆgen hat, das ‰uflerste
sei, was diese wackere Leute von ihren hochfliegenden Bem¸hungen zum
Besten einer ungelehrigen Welt erwarten kˆnnen: Der weisere Tadler heiflt
ihnen ein Zoilus, und hat von Gl¸ck zu sagen, wenn das Urteil das er von
einem so moralischen Werke des Witzes f‰llt, nicht auf seinen eignen
sittlichen Charakter zur¸ckprallt, und die gesundere Beschaffenheit seines
Gehirns nicht zu einem Beweise seines schlimmen Herzens gemacht wird.
Und wie sollte es auch anders sein kˆnnen? Unsre Eitelkeit ist zusehr
dabei interessiert, als dafl wir uns derjenigen nicht annehmen sollten,
welche unsre Natur, wiewohl eignen Gewalts, zu einer so groflen Hoheit und
W¸rdigkeit erhalten. Es schmeichelt unserm Stolze, der sich ungern durch
so viele Zeichen von Vorz¸gen des Stands, des Ansehens, der Macht und des
‰uflerlichen Glanzes unter andre erniedriget sieht, die Mittel (wenigstens
so lange das angenehme Blendwerk daurt) in seiner Gewalt zu sehen, sich
¸ber die Gegenst‰nde seines Neides hinauf schwingen, und sie tief im
Staube unter sich zur¸cklassen zu kˆnnen. Und wenn gleich die
unverhehlbare Schw‰che unsrer Natur uns auf der einen Seite, zu groflem
Vorteil unsrer Tr‰gheit, von der Aus¸bung heroischer Tugenden losz‰hlt; so
ergˆtzt sich doch inzwischen unsre Eigenliebe an dem s¸flen Wahne, dafl wir
eben so wundert‰tige Helden gewesen sein w¸rden, wenn uns das Schicksal an
ihren Platz gesetzt h‰tte.

Wir m¸ssen uns gefallen lassen, wie diese gewagten Gedanken, so nat¸rlich
und wahr sie uns scheinen, von den verschiednen Klassen unsrer Leser
aufgenommen werden mˆgen: Und wenn wir auch gleich Gefahr laufen sollten,
uns ung¸nstige Vorurteile zuzuziehen; so kˆnnen wir doch nicht umhin,
diese angefangene Betrachtung um so mehr fortzusetzen, je grˆfler die
Beziehung ist, welche sie auf den ganzen Inhalt der vorliegenden
Geschichte hat.

Unter allen den ¸bernat¸rlichen Charaktern, welche die mehrbelobten
romanhaften Sittenlehrer in einen gewissen Schwung von Hochachtung
gebracht haben, sind sie mit keinem gl¸cklicher gewesen, als mit dem
Heldentum in der Groflmut, in der Tapferkeit und in der verliebten Treue.
Daher finden wir die Liebensgeschichten, Ritterb¸cher und Romanen, von den
Zeiten des guten Bischofs Heliodorus bis zu den unsrigen, von Freunden,
die einander alles, sogar die Forderungen ihrer st‰rksten Leidenschaften,
und das angelegenste Interesse ihres Herzens aufopfern; von Rittern,
welche immer bereit sind, der ersten Infantin, die ihnen begegnet, zu
gefallen, sich mit allen Riesen und Ungeheuern der Welt herumzuhauen; und
(bis Crebillon eine bequemere Mode unter unsre Nachbarn jenseits des
Rheins aufgebracht hat) beinahe von lauter Liebhabern angef¸llt, welche
nichts angelegners haben, als in der Welt herumzuziehen, um die Namen
ihrer Geliebten in die B‰ume zu schneiden, ohne dafl die reizendesten
Versuchungen, denen sie von Zeit zu Zeit ausgesetzt sind, vermˆgend w‰ren,
ihre Treue nur einen Augenblick zu ersch¸ttern. Man m¸flte wohl sehr
eingenommen sein, wenn man nicht sehen sollte, warum diese vermeinten
Heldentugenden in eine so grofle Hochachtung gekommen sind. Von je her
haben die Schˆnen sich berechtiget gehalten, eine Liebe, welche ihnen
alles aufopfert, und eine Best‰ndigkeit, die gegen alle andre Reizungen
unempfindlich ist, zu erwarten. Sie gleichen in diesem St¸cke den groflen
Herren, welche verlangen, dafl unserm Eifer nichts unmˆglich sein solle,
und die sich sehr wenig darum bek¸mmern, ob uns dasjenige, was sie von uns
fordern, gelegen, oder ob es ¸berhaupt recht und billig sei, oder nicht.
Eben so ist es f¸r unsre Beherrscherinnen schon genug, dafl der Vorteil
ihrer Eitelkeit und ihrer ¸brigen Leidenschaften sich bei diesen
vorgeblichen Tugenden am besten befindet, um einen Artabanus oder einen
Grafen von Comminges zu einem grˆflern Mann in ihren Augen zu machen, als
alle Helden des Plutarchs zusammengenommen. Und ist die unedle
Eigenn¸tzigkeit oder der feige Kleinmut, womit wir (zumal bei jenen
Vˆlkern, wo der Tod aus sittlichen Ursachen mehr als nat¸rlich ist,
gef¸rchtet wird) den grˆflesten Teil der b¸rgerlichen Gesellschaft
angesteckt sehen, vielleicht weniger interessiert, eine sich selbst ganz
vergessende Groflmut und eine Tapferkeit, die von nichts erzittert, zu
vergˆttern? Je vollkommener andre sind, desto weniger haben wir nˆtig es
zu sein; und je hˆher sie ihre Tugend treiben, desto weniger haben wir bei
unsern Lastern zu besorgen.

Der Himmel verh¸te, dafl unsre Absicht jemals sei, in schˆnen Seelen diese
liebensw¸rdige Schw‰rmerei f¸r die Tugend abzuschrecken, welche ihnen so
nat¸rlich und ˆfters die Quelle der lobensw¸rdigsten Handlungen ist.
Alles was wir mit diesen Bemerkungen abzielen, ist allein, dafl die
romanhaften Helden, von denen die Rede ist, noch weniger in dem Bezirke
der Natur zu suchen seien als die gefl¸gelten Lˆwen und die Fische mit
M‰dchenleibern; dafl es moralische Grotesken seien, welche eine m¸flige
Einbildungskraft ausbr¸tet, und ein verdorbner moralischer Sinn, nach Art
gewisser Indianer, destomehr vergˆttert, je weiter ihre verh‰ltnisw¸rdige
Miflgestalt von der menschlichen Natur sich entfernet, welche doch, mit
allen ihren M‰ngeln, das beste, liebensw¸rdigste und vollkommenste Wesen
ist, das wir w¸rklich kennen--und dafl also der Held unsrer Geschichte,
durch die Ver‰nderungen und Schwachheiten, denen wir ihn unterworfen sehen,
zwar allerdings, wir gestehen es, weniger ein Held, aber destomehr ein
Mensch, und also desto geschickter sei, uns durch seine Erfahrungen, und
selbst durch seine Fehler zu belehren.

Wir kˆnnen indes nicht bergen, dafl wir aus verschiednen Gr¸nden in
Versuchung geraten sind, der historischen Wahrheit dieses einzige mal
Gewalt anzutun, und unsern Agathon, wenn es auch durch irgend einen Deum
ex Machina h‰tte geschehen m¸ssen, so unversehrt aus der Gefahr, worin er
sich w¸rklich befindet, herauszuwickeln, als es f¸r die Ehre des
Platonismus, die er bisher so schˆn behauptet hat, allerdings zu w¸nschen
gewesen w‰re. Allein da wir in Erw‰gung zogen, dafl diese einzige
poetische Freiheit uns nˆtigen w¸rde, in der Folge seiner Begebenheiten so
viele andre Ver‰nderungen vorzunehmen, dafl die Geschichte Agathons
w¸rklich die Natur einer Geschichte verloren h‰tte, und zur Legende irgend
eines moralischen Don Esplandians geworden w‰re: So haben wir uns
aufgemuntert, ¸ber alle die ekeln Bedenklichkeiten hinauszugehen, die uns
anf‰nglich stutzen gemacht hatten, und uns zu ¸berreden, dafl der Nutzen,
den unsre verst‰ndigen Leser sogar von den Schwachheiten unsers Helden in
der Folge zu ziehen Gelegenheit bekommen kˆnnten, ungleich grˆfler sein
d¸rfte, als der zweideutige Vorteil, den die Tugend dadurch erhalten h‰tte,
wenn wir, durch eine unwahrscheinlichere Dichtung als man im ganzen
"Orlando" unsers Freunds Ariost finden wird, die schˆne Danae in die
Notwendigkeit gesetzt h‰tten, in der Stille von ihm zu denken, was die
ber¸hmte Phryne bei einer gewissen Gelegenheit von dem weisen Xenocrates
ˆffentlich gesagt haben soll.

So wisset dann, schˆne Leserinnen, (und h¸tet euch, stolz auf diesen Sieg
eurer Zaubermacht zu sein,) dafl Agathon, nachdem er eine ziemliche Weile
in einem Gem¸tszustand, dessen Abschilderung den Pinsel eines Thomsons
oder Geflners erfoderte, allein zur¸ckgeblieben war, wir wissen nicht ob
aus eigner Bewegung oder durch den geheimen Antrieb irgend eines
antiplatonischen Genius den Weg gegen einen Pavillion genommen, der auf
der Morgenseite des Gartens in einem kleinen Hain von Zitronen-,
Granaten--und Myrtenb‰umen auf jonischen S‰ulen von Jaspis ruhte; dafl er,
weil er ihn erleuchtet gefunden, hineingegangen, und nachdem er einen Saal,
dessen herrliche Auszierung ihn nicht einen Augenblick aufhalten konnte,
und zwei oder drei kleinere Zimmer durchgeeilet, in einem Cabinet, welches
f¸r die Ruhe der Liebesgˆttin bestimmt schien, die schˆne Danae auf einem
Sofa von nelkenfarbem Atlas schlafend angetroffen; dafl er, nachdem er sie
eine lange Zeit in unbeweglicher Entz¸ckung und mit einer Z‰rtlichkeit,
deren innerliches Gef¸hl alle kˆrperliche Wollust an S¸fligkeit ¸bertrifft,
betrachtet hatte, endlich--von der Gewalt der allm‰chtigen Liebe bezwungen,
sich nicht l‰nger zu enthalten vermocht, zu ihren F¸flen kniend, eine von
ihren nachl‰ssig ausgestreckten schˆnen H‰nden mit einer Inbrunst, wovon
wenige Liebhaber sich eine Vorstellung zu machen jemals verliebt genug
gewesen sind, zu k¸ssen, ohne dafl sie daran erwacht w‰re; dafl er hierauf
noch weniger als zuvor sich entschlieflen kˆnnen, so unbemerkt als er
gekommen, sich wieder hinwegzuschleichen; und kurz, dafl die kleine Psyche,
die T‰nzerin, welche seit der Pantomime, man weifl nicht warum, gar nicht
seine Freundin war, mit ihren Augen gesehen haben wollte, dafl er eine
ziemliche Weile nach Anbruch des Tages, allein, und mit einer Miene, aus
welcher sich sehr vieles habe schlieflen lassen, aus dem Pavillion hinter
die Myrtenhecken sich weggestohlen habe.

NEUNTES KAPITEL

Nachrichten zu Verh¸tung eines besorglichen Miflverstandes

Die Tugend (pflegt man dem Horaz nachzusagen) ist die Mittelstrafle
zwischen zween Abwegen, welche beide gleich sorgf‰ltig zu vermeiden sind.
Es ist ohne Zweifel wohl getan, wenn ein Schriftsteller, der sich einen
wichtigern Zweck als die blofle Ergˆtzung seiner Leser vorgesetzt hat, bei
gewissen Anl‰ssen, anstatt des zaumlosen Mutwillens vieler von den neuern
Franzosen, lieber die bescheidne Zur¸ckhaltung des jungfr‰ulichen Virgils
nachahmet, welcher bei einer Gelegenheit, wo die Angola's und Versorand's
alle ihre Malerkunst verschwendet, und sonst nichts besorget h‰tten, als
dafl sie nicht lebhaft und deutlich genug sein mˆchten, sich begn¸gt uns zu
sagen:

"Dafl Dido und der Held in Eine Hˆhle kamen."

Allein wenn diese Zur¸ckhaltung so weit ginge, dafl die Dunkelheit, welche
man ¸ber einen schl¸pfrigen Gegenstand ausbreitete, zu Miflverstand und
Irrtum Anlafl geben kˆnnte: So w¸rde sie, deucht uns, in eine falsche Scham
ausarten; und in solchen F‰llen scheint uns ratsamer zu sein, den Vorhang
ein wenig wegzuziehen, als aus ¸bertriebener Bedenklichkeit Gefahr zu
laufen, vielleicht die Unschuld selbst ungegr¸ndeten Vermutungen
auszusetzen. So ‰rgerlich also gewissen Leserinnen, deren strenge Tugend
bei dem bloflen Namen der Liebe Dampf und Flammen speit, der Anblick eines
schˆnen J¸nglings zu den F¸flen einer selbst im Schlummer lauter Liebe und
Wollust atmenden Danae billig sein mag; so kˆnnen wir doch nicht
vorbeigehen, uns noch etliche Augenblicke bei diesem anstˆfligen
Gegenstande aufzuhalten. Man ist so geneigt, in solchen F‰llen der
Einbildungskraft den Z¸gel schieflen zu lassen, dafl wir uns l‰cherlich
machen w¸rden, wenn wir behaupten wollten, dafl unser Held die ganze Zeit,
die er (nach dem Vorgeben der kleinen T‰nzerin) in dem Pavillion
zugebracht haben soll, sich immer in der ehrfurchtsvollen Stellung
gehalten habe, worin man ihn zu Ende des vorigen Kapitels gesehen hat.
Wir m¸ssen vielmehr besorgen, dafl Leute, welche nichts daf¸r kˆnnen, dafl
sie keine Agathons sind, vielleicht so weit gehen mˆchten, ihn im Verdacht
zu haben, dafl er sich den tiefen Schlaf, worin Danae zu liegen schien, auf
eine Art zu Nutze gemacht haben kˆnnte, welche sich ordentlicher Weise nur
f¸r einen Faunen schickt, und welche unser Freund Johann Jacob Rousseau
selbst nicht schlechterdings gebilliget h‰tte, so scharfsinnig er auch (in
einer Stelle seines Schreibens an Herrn Dalembert) dasjenige zu
rechtfertigen weifl, was er "eine stillschweigende Einwilligung abnˆtigen"
nennet. Um nun unsern Agathon gegen alle solche unverschuldete
Mutmaflungen sicher zu stellen, m¸ssen wir zur Steuer der Wahrheit melden,
dafl selbst die reizende Lage der schˆnen Schl‰ferin, und die g¸nstige
Leichtigkeit ihres Anzugs, welche ihn einzuladen schien, seinen Augen
alles zu erlauben, seine Bescheidenheit schwerlich ¸berrascht haben w¸rden,
wenn es ihm mˆglich gewesen w‰re, der zauberischen Gewalt der Empfindung,
in welche alle Kr‰fte seines Wesens zerflossen schienen, Widerstand zu tun.
Wir wagen nicht zuviel, wenn wir einen solchen Widerstand in seinen
Umst‰nden f¸r unmˆglich erkl‰ren, nachdem er einem Agathon unmˆglich
gewesen ist. Er ¸berliefl also endlich seine Seele der vollkommensten
Wonne ihres edelsten Sinnes, dem Anschauen einer Schˆnheit, welche selbst
seine idealische Einbildungskraft weit hinter sich zur¸cke liefl; und (was
nur diejenigen begreifen werden, welche die wahre Liebe kennen,) dieses
Anschauen erf¸llte sein Herz mit einer so reinen, vollkommnen,
unbeschreiblichen Befriedigung, dafl er alle W¸nsche, alle Ahnungen einer
noch grˆflern Gl¸ckseligkeit dar¸ber vergessen zu haben schien. Vermutlich
(denn gewifl kˆnnen wir hier¸ber nichts entscheiden) w¸rde die Schˆnheit
des Gegenstands allein, so auflerordentlich sie war, diese sonderbare
W¸rkung nicht getan haben; allein dieser Gegenstand war seine Geliebte,
und dieser Umstand verst‰rkte die Bewundrung, womit auch die
Kaltsinnigsten die Schˆnheit ansehen m¸ssen, mit einer Empfindung, welche
noch kein Dichter zu beschreiben f‰hig gewesen ist, so sehr sich auch
vermuten l‰flt, dafl sie den mehresten aus Erfahrung bekannt gewesen sein
kˆnne. Diese namenlose Empfindung ist es allein, was den wahren Liebhaber
von einem Satyren unterscheidet, und was eine Art von sittlichen Grazien
sogar ¸ber dasjenige ausbreitet, was bei diesem nur das Werk des Instinkts,
oder eines animalischen Hungers ist. Welcher Satyr w¸rde in solchen
Augenblicken f‰hig gewesen sein, wie Agathon zu handeln?--Behutsam und mit
der leichten Hand eines Sylphen zog er das seidene Gewand, welches Amor
verr‰terisch aufgedeckt hatte, wieder ¸ber die schˆne Schlafende her, warf
sich wieder zu den F¸flen ihres Ruhebettes, und begn¸gte sich, ihre
nachl‰ssig ausgestreckte Hand, aber mit einer Z‰rtlichkeit, mit einer
Entz¸ckung und Sehnsucht an seinen Mund zu dr¸cken, dafl eine Bilds‰ule
davon h‰tte erweckt werden mˆgen. Sie muflte also endlich erwachen. Und
wie h‰tte sie auch sich dessen l‰nger erwehren kˆnnen, da ihr bisheriger
Schlummer w¸rklich nur erdichtet gewesen war? Sie hatte aus einer
Neugierigkeit, die in ihrer Verfassung nat¸rlich scheinen kann, sehen
wollen, wie ein Agathon bei einer so schl¸pfrigen Gelegenheit sich
betragen w¸rde; und dieser letzte Beweis einer vollkommnen Liebe, welche,
ungeachtet ihrer Erfahrenheit, alle Annehmlichkeiten der Neuheit f¸r sie
hatte, r¸hrte sie so sehr, dafl sie, von einer ungewohnten und
unwiderstehlichen Empfindung ¸berwunden, in einem Augenblick, wo sie zum
erstenmal zu lieben und geliebt zu werden glaubte, nicht mehr Meisterin
von ihren Bewegungen war. Sie schlug ihre schˆnen Augen auf, Augen die in
den woll¸stigen Tr‰nen der Liebe schwammen, und dem entz¸ckten Agathon
sein ganzes Gl¸ck auf eine unendlich vollkommnere Art entdeckten, als es
das beredteste Liebesgest‰ndnis h‰tte tun kˆnnen. "O Callias!" (rief sie
endlich mit einem Ton der Stimme, der alle Saiten seines Herzens
widerhallen machte, indem sie, ihre schˆnen Arme um ihn windend, den
Gl¸ckseligsten aller Liebhaber an ihren Busen dr¸ckte,) "--was f¸r ein
neues Wesen gibst du mir? Geniefle, o! geniefle, du Liebensw¸rdigster
unter den Sterblichen, der ganzen unbegrenzten Z‰rtlichkeit, die du mir
einflˆflest." Und hier, ohne den Leser unnˆtiger Weise damit aufzuhalten,
was sie ferner sagte, und was er antwortete, ¸berlassen wir den Pinsel
einem Correggio, und schleichen uns davon.

Aber wir fangen an, zu merken, wiewohl zu sp‰te, dafl wir unsern Freund
Agathon auf Unkosten seiner schˆnen Freundin gerechtfertiget haben. Es
ist leicht vorauszusehen, wie wenig Gnade sie vor dem ehrw¸rdigen und
gl¸cklichen Teil unsrer Leserinnen finden werde, welche sich bereden (und
vermutlich Ursache dazu haben) dafl sie in ‰hnlichen Umst‰nden sich ganz
anders als Danae betragen haben w¸rden. Auch sind wir weit davon entfernt,
diese allzuz‰rtliche Nymphe entschuldigen zu wollen, so scheinbar auch
immer die Liebe ihre Vergehungen zu bem‰nteln weifl. Indessen bitten wir
doch die vorbelobten Lukretien um Erlaubnis, dieses Kapitel mit einer
kleinen Nutzanwendung, auf die sie sich vielleicht nicht gefaflt gemacht
haben, schlieflen zu d¸rfen. Diese Damen (mit aller Ehrfurcht die wir
ihnen schuldig sind, sei es gesagt) w¸rden sich sehr betr¸gen, wenn sie
glaubten, dafl wir die Schwachheiten einer so liebensw¸rdigen Kreatur, als
die schˆne Danae ist, nur darum verraten h‰tten, damit sie Gelegenheit
bek‰men, ihre Eigenliebe daran zu kitzeln. Wir sind in der Tat nicht so
sehr Neulinge in der Welt, dafl wir uns ¸berreden lassen sollten, dafl eine
jede, welche sich ¸ber das Betragen unsrer Danae ‰rgern wird, an ihrer
Stelle weiser gewesen w‰re. Wir wissen sehr wohl, dafl nicht alles, was
das Gepr‰ge der Tugend f¸hrt, w¸rklich echte und vollhaltige Tugend ist;
und dafl sechszig Jahre, oder eine Figur, die einen Satyren entwaffnen
kˆnnte, kein oder sehr wenig Recht geben, sich viel auf eine Tugend zu gut
zu tun, welche vielleicht niemand jemals versucht gewesen ist, auf die
Probe zu stellen. Wir zweifeln mit gutem Grunde sehr daran, dafl
diejenigen, welche von einer Danae am unbarmherzigsten urteilen, an ihrem
Platz einem viel weniger gef‰hrlichen Versucher als Agathon war, die Augen
auskratzen w¸rden: Und wenn sie es auch t‰ten, so w¸rden wir vielleicht
anstehen, ihrer Tugend beizumessen, was eben sowohl die mechanische
W¸rkung unreizbarer Sinnen, und eines unz‰rtlichen Herzens, h‰tte gewesen
sein kˆnnen. Unser Augenmerk ist blofl auf euch gerichtet, ihr
liebreizenden Geschˆpfe, denen die Natur die schˆnste ihrer Gaben, die
Gabe zu gefallen, geschenkt--ihr, welche sie bestimmt hat, uns gl¸cklich
zu machen; aber, welche eine einzige kleine Unvorsichtigkeit in Erf¸llung
dieser schˆnen Bestimmung so leicht in Gefahr setzen kann, durch die
sch‰tzbarste eurer Eigenschaften, durch das was die Anlage zu jeder Tugend
ist, durch die Z‰rtlichkeit eures Herzens selbst, ungl¸cklich zu werden:
Euch allein w¸nschten wir ¸berreden zu kˆnnen, wie gef‰hrlich jene
Einbildung ist, womit euch das Bewufltsein eurer Unschuld schmeichelt, dafl
es allezeit in eurer Macht stehe, der Liebe und ihren Forderungen Grenzen
zu setzen. Mˆchten die Unsterblichen (wenn anders, wie wir hoffen, die
Unschuld und die G¸te des Herzens himmlische Besch¸tzer hat,) mˆchten sie
¸ber die eurige wachen! Mˆchten sie euch zu rechter Zeit warnen, euch
einer Z‰rtlichkeit nicht zu vertrauen, welche, bezaubert von dem
groflm¸tigen Vergn¸gen, den Gegenstand ihrer Liebe gl¸cklich zu machen, so
leicht sich selbst vergessen kann! Mˆchten sie endlich in jenen
Augenblicken, wo das Anschauen der Entz¸ckungen, in die ihr zu setzen
f‰hig seid, eure Klugheit ¸berraschen kˆnnte, euch in die Ohren fl¸stern:
Dafl selbst ein Agathon, weder Verdienst noch Liebe genug hat, um wert zu
sein, dafl die Befriedigung seiner W¸nsche euch die Ruhe eures Herzens
koste.

ZEHENTES KAPITEL

Welches alle unsre verheiratete Leser, wofern sie nicht sehr gl¸cklich
oder vollkommne Stoiker sind, ¸berschlagen kˆnnen

Die schˆne Danae war keine von denen, welche das, was sie tun, nur zur
H‰lfte tun. Nachdem sie einmal beschlossen hatte, ihren Freund gl¸cklich
zu machen, so vollf¸hrte sie es auf eine Art, welche alles was er bisher
Vergn¸gen und Wonne genannt hatte, in Schatten und Wolkenbilder
verwandelte. Man erinnert sich vermutlich noch, dafl eine Art von Vorwitz
oder vielmehr ein launischer Einfall, die Macht ihrer Reizungen an unserm
Helden zu probieren, anfangs die einzige Triebfeder der Anschl‰ge war,
welche sie auf sein Herz gemacht hatte. Die persˆnliche Bekanntschaft
belebte dieses Vorhaben durch den Geschmack, den sie an ihm fand; und der
t‰gliche Umgang, die Vorz¸ge Agathons, und, was in den meisten F‰llen die
Niederlage der weiblichen Tugend wo nicht allein verursacht, doch sehr
befˆrdert, die ansteckende Kraft, das Sympathetische der verliebten
Begeisterung, welcher der gˆttliche Plato mit Recht die wundert‰tigsten
Kr‰fte zuschreibt; alles dieses zusammen genommen, verwandelte zuletzt
diesen Geschmack in Liebe, aber in die wahreste, z‰rtlichste und heftigste,
welche jemals gewesen ist. Unserm Helden allein war die Ehre aufbehalten
(wenn es eine war) ihr eine Art von Liebe einzuflˆflen, worin sie,
ungeachtet alles dessen, was uns von ihrer Geschichte schon entdeckt
worden ist, noch so sehr ein Neuling war, als es eine Vestalin in jeder
Art von Liebe sein soll. Kurz, er, und er allein, war darzu gemacht, den
Widerwillen zu ¸berwinden, den ihr die gemeinen Liebhaber, die schˆnen
Hyacinthe, diese t‰ndelnden Gecken, an denen (um uns ihres eigenen
Ausdrucks zu bedienen) die H‰lfte ihrer Reizungen verloren ging; gegen
alles was die Miene der Liebe trug, einzuflˆflen angefangen hatten.

Die meisten von derjenigen Klasse der Naturk¸ndiger, welche mit dem Herrn
von B¸ffon davorhalten, dafl das Physikalische der Liebe das beste davon
sei, werden ohne Bedenken eingestehen, dafl der Besitz, oder (um unsern
Ausdruck genauer nach ihren Ideen zu bestimmen) der Genufl einer so schˆnen
Frau als Danae war, an sich selbst betrachtet die vollkommenste Art von
Vergn¸gungen in sich schliefle, deren unsre Sinnen f‰hig sind; eine
Wahrheit, welche, ungeachtet einer Art von stillschweigender ¸bereinkunft,
dafl man sie nicht laut gestehen wolle, von allen Vˆlkern und zu allen
Zeiten so allgemein anerkannt worden ist, dafl Carneades, Sextus, Cornelius
Agrippa, und Bayle selbst sich nicht getrauet haben, sie in Zweifel zu
ziehen. Ob wir nun gleich nicht Mut genug besitzen, gegen einen so
ehrw¸rdigen Beweis als das einhellige Gef¸hl des ganzen menschlichen
Geschlechts abgibt, ˆffentlich zu behaupten, dafl diejenigen Vergn¸gungen
der Liebe, welche der Seele eigen sind, den Vorzug vor jenen haben: So
werden doch nicht wenige mit uns einstimmig sein, dafl ein Liebhaber, der
selbst eine Seele hat, im Besitz der schˆnsten Statue von Fleisch und Blut,
die man nur immer finden kann, selbst jene von den neuern Epicur‰ern so
hoch gepriesene Wollust nur in einem sehr unvollkommnen Grade erfahren
w¸rde; und dafl diese allein von der Empfindung des Herzens jenen
wunderbaren Reiz erhalte, welcher immer f¸r unaussprechlich gehalten
worden ist, bis Rousseau, der Stoiker, sich herabgelassen, sie in dem f¸nf
und vierzigsten der Briefe der neuen Heloise, in einer Vollkommenheit zu
schildern, welche sehr deutlich beweist, was f¸r eine begeisternde Kraft
die blofle halberloschene Erinnerung an die Erfahrungen seiner gl¸cklichen
Jugend ¸ber die Seele des Helvetischen Epictets ausge¸bt haben m¸sse.
Ohne Zweifel sind es Liebhaber von dieser Art, Saint Preux und Agathons,
welchen es zukˆmmt, ¸ber die ber¸hrte Streitfrage einen entscheidenden
Ausspruch zu tun; sie, welche durch die Feinheit und Lebhaftigkeit ihres
Gef¸hls eben so geschickt gemacht werden, von den physikalischen, als
durch die Z‰rtlichkeit ihres Herzens, oder durch ihren innerlichen Sinn
f¸r das sittliche Schˆne, von den moralischen Vergn¸gungen der Liebe zu
urteilen. Und wie wahr, wie nat¸rlich werden nicht diese jene Stelle
finden, die den Verehrern der animalischen Liebe unverst‰ndlicher ist als
eine Hetruscische Aufschrift den Gelehrten,--"O, entziehe mir immer diese
berauschenden Entz¸ckungen, f¸r die ich tausend Leben g‰be!--Gib mir nur
das alles wieder was nicht sie, aber tausendmal s¸fler ist als sie"-Die
schˆne Danae war so sinnreich, so unerschˆpflich in der Kunst (wenn man
anders dasjenige so nennen kann, was Natur und Liebe allein, und keine
ohne die andre geben kann) ihre Gunstbezeugungen zu vervielf‰ltigen, den
innerlichen Wert derselben durch die Annehmlichkeiten der Verzierung zu
erhˆhen, ihnen immer die frische Bl¸te der Neuheit zu erhalten, und alles
Eintˆnige, alles was die Bezauberung h‰tte auflˆsen, und dem ¸berdrufl den
Zugang ˆffnen kˆnnen, kl¸glich zu entfernen; dafl sie oder eine andre ihres
gleichen den Herrn von B¸ffon selbst dahin gebracht h‰tte, seine Gedanken
von der Liebe zu ‰ndern, welches vielleicht alle Marquisinnen von Paris
zusammengenommen nicht von ihm erhalten w¸rden. Diese gl¸ckseligen
Liebenden, brauchten, um ihrer Empfindung nach, den Gˆttern an Wonne
gleich zu sein, nichts als ihre Liebe: Sie verschm‰hten itzt alle diese
Lustbarkeiten, an denen sie vorher so viel Geschmack gefunden hatten; ihre
Liebe machte alle ihre Besch‰ftigungen und alle ihre Ergˆtzungen aus: Sie
empfanden nichts anders, sie dachten an nichts anders, sie unterhielten
sich mit nichts anderm; und doch schienen sie sich immer zum erstenmal zu
sehen, zum erstenmal zu umarmen, zum erstenmal einander zu sagen, dafl sie
sich liebten; und wenn sie von einer Morgenrˆte zur andern nichts anders
getan hatten, so beklagten sie sich doch ¸ber die Kargheit der Zeit,
welche zu einem Leben, das sie zum Besten ihrer Liebe unsterblich
gew¸nscht h‰tten, ihnen Augenblicke f¸r Tage anrechne. "Welch ein Zustand,
wenn er dauern kˆnnte!"--ruft hier der griechische Autor aus.

EILFTES KAPITEL

Eine bemerkensw¸rdige W¸rkung der Liebe, oder von der Seelenmischung

Ein alter Schriftsteller, den gewifl niemand beschuldigen wird, dafl er die
Liebe zu metaphysisch behandelt habe, und den wir nur zu nennen brauchen,
um allen Verdacht dessen, was materielle Seelen f¸r Platonische Grillen
erkl‰ren, von ihm zu entfernen; mit einem Worte, Petronius, bedient sich
irgendwo eines Ausdrucks, welcher ganz deutlich zu erkennen gibt, dafl er
eine verliebte Vermischung der Seelen nicht nur f¸r mˆglich, sondern f¸r
einen solchen Umstand gehalten habe, der die Geheimnisse der Liebesgˆttin
nat¸rlicher Weise zu begleiten pflege. Jam alligata mutuo ambitu corpora
animarum quoque mixturam fecerant, sagt dieser Oberaufseher der
Ergˆtzlichkeiten des Kaisers Nero; um vermutlich eben dasselbe zu
bezeichnen, was er an einem andern Ort ungleich schˆner also ausdr¸ckt:

Et transfudimus hinc & hinc labellis Errantes animas- Ob er selbst die
ganze St‰rke dieses Ausdrucks eingesehen, oder ihm so viel Bedeutung
beigelegt habe, als wir; ist eine Frage, die uns (nach Gewohnheit der
meisten Ausleger) sehr wenig bek¸mmert. Genug, dafl wir diese Stellen
einer Hypothese g¸nstig finden, ohne welche sich, unsrer Meinung nach,
verschiedene Ph‰nomena der Liebe nicht wohl erkl‰ren lassen, und vermˆge
welcher wir annehmen, dafl bei wahren Liebenden, in gewissen Umst‰nden,
nicht (wie einer unsrer tugendhaftesten Dichter meint) ein Tausch, sondern
eine wirkliche Mischung der Seelen vorgehe. Wie dieses mˆglich sei zu
untersuchen, ¸berlassen wir billig den weisen und tiefsinnigen Leuten,
welche sich, in stolzer Mufle und seliger Abgeschiedenheit von dem Get¸mmel
dieser sublunarischen Welt, mit der n¸tzlichen Spekulation besch‰ftigen,
die Art und Weise ausfindig zu machen, wie dasjenige was w¸rklich ist,
ohne Nachteil ihrer Meinungen und Lehrgeb‰ude, mˆglich sein kˆnne. F¸r
uns ist genug, dafl eine durch unz‰hliche Beispiele best‰tigte Erfahrung
aufler allen Zweifel setzt, dafl diejenige Gattung von Liebe, welche
Shaftesbury mit bestem Recht zu einer Art des Enthusiasmus macht, und
gegen welche Lucrez aus eben diesem Grunde sich mit so vielem Eifer
erkl‰rt, solche W¸rkungen hervorbringe, welche nicht besser als durch
jenen Petronischen Ausdruck abgemalt werden kˆnnen.

Agathon und Danae, die uns zu dieser Anmerkung Anlafl gegeben haben, hatten
kaum vierzehn Tage, welche freilich nach dem Kalender der Liebe nur
vierzehn Augenblicke waren, in diesem gl¸ckseligen Zustande, worin wir sie
im vorigen Kapitel verlassen haben, zugebracht: als diese Seelenmischung
sich in einem solchen Grade bei ihnen ‰uflerte, dafl sie nur von einer
einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt und begeistert zu werden schienen.
W¸rklich war die Ver‰nderung und der Absatz ihrer gegenw‰rtigen Art zu
sein, mit ihrer vorigen so grofl, dafl weder Alcibiades seine Danae, noch
die Priesterin zu Delphi den sprˆden und unkˆrperlichen Agathon wieder
erkannt haben w¸rden. Dafl dieser aus einem spekulativen Platoniker ein
praktischer Aristipp geworden; dafl er eine Philosophie, welche die reinste
Gl¸ckseligkeit in Beschauung unsichtbarer Schˆnheiten setzt, gegen eine
Philosophie, welche sie in angenehmen Empfindungen, und die angenehmen
Empfindungen in ihren n‰chsten Quellen, in der Natur, in unsern Sinnen und
in unsern Herzen sucht, vertauschte; dafl er von den Gˆttern und
Halbgˆttern, mit denen er vorher umgegangen war, nur die Grazien und
Liebesgˆtter beibehielt; dafl dieser Agathon, der ehmals von seinen Minuten,
von seinen Augenblicken der Weisheit Rechenschaft geben konnte, itzt
f‰hig war (wir sch‰men uns es zu sagen) ganze Stunden, ganze Tage in
z‰rtlicher Trunkenheit wegzut‰ndeln--Alles dieses, so stark der Abfall
auch ist, wird dennoch den meisten begreiflich scheinen. Aber dafl Danae,
welche die Schˆnsten und Edelsten von Asien, welche F¸rsten und Satrapen
zu ihren F¸flen gesehen hatte, welche gewohnt war, in den schimmerndsten
Versammlungen am meisten zu gl‰nzen, einen Hof von allem, was durch
Vorz¸ge der Geburt, des Geistes, des Reichtums und der Talente w¸rdig war,
nach ihrem Beifall zu streben, um sich her zu sehen: Dafl diese Danae itzt
ver‰chtliche Blicke in die grofle Welt zur¸ckwarf, und nichts angenehmers
fand als die l‰ndliche Einfalt, nichts schˆners als in Hainen herumzuirren,
Blumenkr‰nze f¸r ihren Sch‰fer zu winden, an einer murmelnden Quelle in
seinem Arm einzuschlummern, von der Welt vergessen zu sein, und die Welt
zu vergessen--dafl sie, f¸r welche die Liebe der Empfindung sonst ein
unerschˆpflicher Gegenstand von witzigen Spˆttereien gewesen war, itzt von
den z‰rtlichen Klagen der Nachtigall in stillheitern N‰chten bis zu Tr‰nen
ger¸hrt werden--oder wenn sie ihren Geliebten unter einer schattichten
Laube schlafend fand, ganze Stunden, unbeweglich, in z‰rtliches Staunen
und in den Genufl ihrer Empfindungen versenkt, neben ihm sitzen konnte,
ohne daran zu denken, ihn durch einen eigenn¸tzigen Kufl aufzuwecken,--dafl
diese Sch¸lerin des Hippias, welche gewohnt gewesen war, nichts
l‰cherlichers zu finden, als die Hoffnung der Unsterblichkeit, und diese
s¸flen Tr‰ume von bessern Welten, in welche sich empfindliche Seelen so
gerne zu wiegen pflegen--dafl sie itzt, beim d‰mmernden Schein des Monds,
an Agathons Seite auf Blumen hingegossen, schon entkˆrpert zu sein, schon
in den seligen T‰lern des Elysiums zu schweben glaubte--mitten aus den
berauschenden Freuden der Liebe sich zu Gedanken von Gr‰bern und Urnen
verlieren, dann ihren Geliebten z‰rtlicher an ihre Brust dr¸ckend den
gestirnten Himmel anschauen, und ganze Stunden von der Wonne der
Unsterblichen, von unverg‰nglichen Schˆnheiten und himmlischen Welten
phantasieren konnte, und, von den W¸nschen ihrer grenzenlosen Liebe
get‰uscht, in der Hoffnung einer immerw‰hrenden Dauer itzt so wenig
Ausschweifendes fand, dafl ihr kein Gedanke nat¸rlicher, keine Hoffnung
gewisser schien; dieses waren in der Tat Wunderwerke der Liebe, und
Wunderwerke, welche nur die Liebe eines Agathons, nur jene Vermischung der
Seelen, durch welche ihrer beider Denkungsart, Ideen, Geschmack und
Neigungen in einander zerflossen, zuwege bringen konnte. Welches von
beiden bei dieser Vermischung gewonnen oder verloren habe, wollen wir
unsern Lesern zu entscheiden ¸berlassen, von denen der z‰rtlichere Teil
vielleicht der schˆnen Danae den Vorteil zuerkennen wird: Aber dieses,
deucht uns, wird niemand so roh oder so stoisch sein zu leugnen, dafl sie
gl¸cklich waren--felices errore suo--gl¸cklich in dieser s¸flen Betˆrung,
welcher, um dasjenige zu sein, was die Weisen schon so lange gesucht und
nie gefunden haben, nichts abgeht, als dafl sie (wie der griechische Autor
hier abermal mit Bedauern ausruft) nicht immer w‰hren kann.

SECHSTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Ein Besuch des Hippias

Zuf‰llige Ursachen hatten es so gef¸get, dafl Hippias sich auf einiche
Wochen von Smirna hatte entfernen m¸ssen, und dafl die Zeit seiner
Abwesenheit gerade in diejenige Zeit fiel, worin die Liebe unsers Helden
und der schˆnen Danae den ‰uflersten Punkt ihrer Hˆhe erreichte. Dieser
Umstand hatte sie g‰nzlich Meister von einer Zeit gelassen, welche sie zum
Vorteil der Liebe und des Vergn¸gens so wohl anzuwenden wuflten. Keiner
von Danaes ehemaligen Verehrern hatte sich erk¸hnt, ihre Einsamkeit zu
stˆren; und die Freundinnen, mit denen sie ehmals in Gesellschaft
gestanden war, hatten zu gutem Gl¸ck alle mit ihren eignen Angelegenheiten
so viel zu tun, dafl sie keine Zeit behielten, sich um Fremde zu bek¸mmern.
Zudem war ihr Aufenthalt auf dem Lande nichts ungewˆhnliches, und der
allgemeine Genius der Stadt Smirna war der Freiheit in der Wahl der
Vergn¸gungen allzug¸nstig, als dafl eine Danae (von der man ohnehin keine
vestalische Tugend foderte) ¸ber die ihrigen, wenn sie auch bekannt
gewesen w‰ren, sehr strenge Urteile zu besorgen gehabt h‰tte.

Allein Hippias war kaum von seiner Reise zur¸ckgekommen, so liefl er eine
seiner ersten Sorgen sein, sich in eigner Person nach dem Fortgang des
Entwurfs zu erkundigen, den er mit ihr zu Bekehrung des allzuplatonischen
Callias gemeinschaftlich angelegt hatte. Die besondere Vertraulichkeit,
worin er seit mehr als zehn Jahren mit ihr gelebt hatte, gab ihm das
vorz¸gliche Recht, sie auch alsdann zu ¸berraschen, wenn sie sonst f¸r
niemand sichtbar war. Er eilte also, so bald er nur konnte, nach ihrem
Landgute; und hier brauchte er nur einen Blick auf unsre Liebende zu
werfen, um zu sehen, wie viel in seiner Abwesenheit mit ihnen vorgegangen
war. Ein gewisser Zwang, eine gewisse Zur¸ckhaltung, eine Art von
schamhafter Sch¸chternheit, welche ihm besonders an der Pflegtochter
Aspasiens fast l‰cherlich vorkam, war das erste, was ihm an beiden in die
Augen fiel. Wahre Liebe (wie man l‰ngst beobachtet hat) ist eben so
sorgf‰ltig ihre Gl¸ckseligkeit zu verbergen, als jene frostige Liebe,
welche Coquetterie oder Langeweile zur Mutter hat, begierig ist, ihre
Siege auszuposaunen. Allein dieses war weder die einzige noch die
vornehmste Ursache einer Zur¸ckhaltung, welche unsre Liebenden, aller
angewandten M¸he ungeachtet, einem so scharfsichtigen Beobachter nicht
entziehen konnten. Das Bewufltsein der Verwandlung, welche sie erlitten
hatten; die Furcht vor dem komischen Ansehen, welches sie ihnen in den
Augen des Sophisten geben mˆchte; die Furcht von einem Spott, vor dem sie
die mutwilligen Ergieflungen bei jedem Blicke, bei jedem L‰cheln erwarteten;
dieses war es, was sie in Verlegenheit setzte, und was den artigsten
Gesichtern in ganz Jonien etwas Verdrieflliches gab, welches von einem
jeden andern als Hippias f¸r ein Zeichen, dafl seine Gegenwart unangenehm
sei, h‰tte aufgenommen werden m¸ssen. Allein dieser nahm es f¸r das auf,
was es in der Tat war; und da niemand besser zu leben wuflte, so schien er
so wenig zu bemerken, was in ihnen vorging, machte den Unachtsamen und
Sorglosen so nat¸rlich, hatte so viel von seiner Reise und tausend
gleichg¸ltigen Dingen zu schwatzen, und wuflte dem Gespr‰ch einen so freien
Schwung von Munterkeit zu geben, dafl sie alle erforderliche Zeit gewannen,
sich wieder zu erholen, und sich in eine ungezwungene Verfassung zu setzen.
Wenn Agathon hiedurch so sehr beruhigst wurde, dafl er w¸rklich hoffte,
sich in seinen ersten Besorgnissen betrogen zu haben, so war die feinere
Danae weit davon entfernt, sich durch die Kunstgriffe des Sophisten ein
Blendwerk vormachen zu lassen. Sie kannte ihn zu gut, um nicht in seiner
Seele zu lesen; sie sah wohl, dafl es zu einer Erˆrterung mit ihm kommen
m¸sse, und war nur dar¸ber unruhig, wie sie sich entschuldigen wollte, dafl
sie, ¸ber der Bem¸hung den Charakter des Agathons umzubilden, ihren eignen
oder doch einen guten Teil davon verloren hatte. Mit diesen Gedanken
hatte sie sich in den Stunden der gewˆhnlichen Mittagsruhe besch‰ftiget,
und war noch nicht recht mit sich selbst einig, wie weit sie sich dem
Sophisten vertrauen wolle; als er in ihr Zimmer trat, und mit der
vertraulichen Freim¸tigkeit eines alten Freundes ihr entdeckte, dafl es die
Neugier ¸ber den Fortgang ihres geheimen Anschlags sei, was ihn so bald
nach seiner Wiederkunft zu ihr gezogen habe. "Die Gl¸ckseligkeit des
Callias" (setzte er hinzu) "schimmert zu lebhaft aus seinen Augen und aus
seinem ganzen Betragen hervor, schˆne Danae, als dafl ich durch
¸berfl¸ssige Fragst¸cke das reizende Inkarnat dieser liebensw¸rdigen
Wangen zu erhˆhen suchen sollte. Und findest du ihn also der M¸he w¸rdig,
die du auf seine Bekehrung ohne Zweifel verwenden mufltest?" "Der M¸he?"
sagte Danae l‰chelnd; "ich schwˆre dir, dafl mir in meinem Leben keine M¸he
so leicht geworden ist, als mich von dem liebensw¸rdigsten Sterblichen,
den ich jemals gekannt habe, lieben zu lassen. Denn das war doch alle
M¸he -" "Nicht ganz und gar", (unterbrach sie Hippias) "wenn du so
aufrichtig sein willt, als es unsrer Freundschaft gem‰fl ist. Ich bin
gewifl, dafl er an keine Verstellung dachte, da er noch in meinem Hause war;
und die Ver‰nderung, die ich an ihm wahrnehme ist so grofl, verbreitet sich
so sehr ¸ber seine ganze Person, hat ihn so unkenntlich gemacht, dafl Danae
selbst, auf deren Lippen die ¸berredung wohnt, mich nicht ¸berreden soll,
dafl eine solche Seelenwandlung im Schlafe vorgehen kˆnne. Keine
Zur¸ckhaltungen, schˆne Danae, die W¸rkungen zeugen von ihren Ursachen;
ein grofles Werk setzt grofle Anstalten voraus; wenn ein Callias dahin
gebracht wird, dafl er wie ein Liebling der Venus herausgeputzt ist, dafl er
mit einer Sybaritischen Zunge von der Niedlichkeit der Speisen und dem
Geschmack der Weine urteilt; dafl er die woll¸stigsten L‰ufe eines in Liebe
schmelzenden Liedes mit entz¸cktem H‰ndeklatschen wiederholen heiflt, und
sich die Trinkschale von einer jungen Circasserin mit unverh¸lltem Busen
eben so gleichg¸ltig reichen l‰flt, als er sich in die weichen Polster
eines Persischen Ruhebettes hineinsenkt--wahrhaftig, schˆne Danae, das
nenn ich eine Verwandlung, welche in so kurzer Zeit zu bewerkstelligen,
ich keiner von allen unsterblichen Gˆttinnen zugetraut h‰tte." "Ich weifl
nicht, was du damit sagen willst", erwiderte Danae mit einer angenommenen
Zerstreuung; "mich deucht nichts nat¸rlichers, als alles, wor¸ber du dich
so verwundert stellst; und gesetzt, dafl du dich in deinem Urteil von
Callias betrogen h‰ttest, ist es seine Schuld? Wenn ich dir die Wahrheit
sagen soll, so kann nichts un‰hnlichers sein, als wie du ihn mir
abgeschildert und wie ich ihn gefunden habe. Du machtest mich einen
Pedantischen Toren, den Gegenstand einer Komˆdie erwarten, und ich
wiederhole es, du magst ¸ber mich lachen so lange du willt, Alcibiades
selbst im Fr¸hling seiner Jahre und Reizungen war nicht liebensw¸rdiger
als derjenige, den du mir f¸r ein komisches Mittelding von einem
Phantasten und von einer Bilds‰ule gegeben hast. Wenn eine
Verschiedenheit zwischen Agathon und den Besten ist, f¸r welche ich ehmals
aus Dankbarkeit, Geschmack oder Laune, Gef‰lligkeiten gehabt habe, so ist
sie g‰nzlich zu seinem Vorteil; so ist es, dafl er edler, aufrichtiger,
z‰rtlicher ist, dafl er mich liebet, da jene nur sich selbst in mir liebten;
dafl ihn mein Vergn¸gen gl¸cklicher macht als sein eignes; dafl er das
groflm¸tigste und erkenntlichste Herz mit den gl‰nzendesten Vorz¸gen des
Geistes, mit allem was den Umgang reizend macht, vereinigt besitzt.
"--"Welch ein Strom von Beredsamkeit", rief Hippias mit dem L‰cheln eines
Fauns aus; "du sprichst nicht anders als ob du seine Apologie gegen mich
machen m¸fltest; und wenn habe ich denn was anders gesagt? Beschrieb ich
ihn nicht als liebensw¸rdig? Sagt' ich dir nicht, dafl er dir die Hyacinthe,
und alle diese artigen gaukelnden Sommervˆgel unertr‰glich machen w¸rde?
Aber wir wollen uns nicht zanken, schˆne Danae. Ich sehe, dafl Amor hier
mehr Arbeit gemacht als ihm aufgetragen war; er sollte dir nur helfen, den
Agathon zu unterwerfen; aber der ¸berm¸tige kleine Bube hat es f¸r eine
grˆflere Ehre gehalten, dich selbst zu besiegen; diese Danae, welche bisher
mit seinen Pfeilen nur gescherzt hatte. Bekenne, Danae -" "Ja", (fiel sie
ihm lebhaft ein) "ich bekenne, dafl ich liebe wie ich nie geliebt habe; dafl
alles was ich sonst Gl¸ckseligkeit nannte, kaum den Namen des Daseins
verdient hat; ich bekenne es, Hippias, und bin stolz darauf, dafl ich f‰hig
w‰re, alles was ich besitze, alle Ergˆtzlichkeiten von Smirna, alle
Anspr¸che an Beifall, alle Befriedigungen der Eitelkeit, und eine ganze
Welt voll Liebhaber wie eine Nuflschale hinzuwerfen, um mit Callias in
einer mit Stroh bedeckten H¸tte zu leben, und mit diesen H‰nden, welche
nicht zu weifl und z‰rtlich dazu sein sollten, die Milch zuzubereiten, die
ihm, vom Felde wiederkommend, weil ich sie ihm reichte, lieblicher
schmecken w¸rde, als Nektar aus den H‰nden der Liebesgˆttin."

"O, das ist was anders", rief Hippias, der sich nun nicht l‰nger halten
konnte, in ein lautes Gel‰chter auszubrechen; "wenn Danae aus diesem Tone
spricht, so hat Hippias nichts mehr zu sagen. Aber", fuhr er fort,
nachdem er sich die Augen gewischt und den Mund in Falten gelegt hatte;
"in der Tat, schˆne Freundin, ich lache zur Unzeit; die Sache ist
ernsthafter als ich beim ersten Anblick dachte, und ich besorge nun in
ganzem Ernste, dafl Callias, so sehr er dich anzubeten scheint, nicht Liebe
genug haben mˆchte, die deinige zu erwidern." "Ich erlasse dem Hippias
diese Sorge", sagte Danae mit einem spˆttischen L‰cheln, welches ihr sehr
reizend liefl; "das soll meine Sorge sein; und mich deucht, Hippias,
welcher ein so grofler Meister ist, von den W¸rkungen auf die Ursachen zu
schlieflen, sollte ganz ruhig dar¸ber sein kˆnnen, dafl sich Danae nicht wie
ein vierzehnj‰hriges M‰dchen fangen l‰flt." "Die Gˆtter der Liebe und
Freude verh¸ten, dafl meine Worte einen ¸belweissagenden Sinn in sich
fassen", erwiderte Hippias! "Du liebest, schˆne Danae; du wirst geliebt;
kein w¸rdigers Paar gl¸cklich zu sein, kein geschickteres sich gl¸cklich
zu machen, hat Amor nie vereiniget. Erschˆpfet alles, was die Liebe
reizendes hat! Trinket immer neue Entz¸ckungen aus ihrem nektarischen
Becher; und mˆge die neidenswerte Bezauberung so lang als euer Leben
dauern!"

ZWEITES KAPITEL

Eine Probe von den Talenten eines Liebhabers

In einem so freundschaftlichen und schw‰rmerischen Ton stimmte der
gef‰llige Sophist seine Sprache um, als Agathon hereintrat, und ihnen
einen Spaziergang in die G‰rten vorschlug, worin er sich das Vergn¸gen
machen wollte, sie mit einer in geheim veranstalteten Ergˆtzung zu
¸berraschen. Man liefl sich den Vorschlag gefallen, und nachdem Hippias
eine Reihe von neuen Gem‰lden, womit die Galerie vermehrt worden war,
gesehen hatte, begab man sich in den Garten, in welchem, nach Persischem
Geschmack, grofle Blumenst¸cke, Spazierg‰nge von hohen B‰umen, kleine
Weiher, k¸nstliche Wildnisse, Lauben und Grotten in anmutiger Unordnung
unter einander geworfen schienen. Das Gespr‰ch ward itzt wieder
gleichg¸ltig, und Hippias wuflte es so zu lenken, dafl Agathon unvermerkt
veranlaflt wurde, die neue Wendung, welche seine Einbildungskraft bekommen
hatte, auf hundertf‰ltige Art zu verraten. Inzwischen neigte sich die
Sonne, als sie beim Eintritt in einen kleinen Wald von Myrten--und
Zitronenb‰umen, an welchen die Kunst keine Hand angelegt zu haben schien,
von einem versteckten Konzert, welches alle Arten von Singvˆgel nachahmte,
empfangen wurden. Aus jedem Zweig, aus jedem Blatte schien eine besondere
Stimme hervorzugehen; so volltˆnig war diese Musik, in welcher die
Nachahmung der kunstlosen Natur in der scheinbaren Unregelm‰fligkeit
phantasierender Tˆne, die lieblichste Harmonie hervorbrachte, die man
jemals gehˆrt hatte. Die D‰mmerung des heitersten Abends, und die eigne
Anmut des Orts vereinigten sich damit, um diesem Lusthain die Gestalt der
Bezauberung zu geben. Danae, welche seit wenigen Wochen eine ganz neue
Empfindlichkeit f¸r das Schˆne der Natur und die Vergn¸gungen der
Einbildungskraft bekommen hatte, sahe ihren sich ganz unwissend stellenden
Liebling mit Augen an, welche ihm sagten, dafl nur die Gegenwart des
Hippias sie verhindere, ihre schˆnen Arme um seinen Hals zu werfen: als
unversehens eine Anzahl von kleinen Liebesgˆttern und Faunen aus dem Hain
hervorh¸pfte; jene von flatterndem Silberflor, der mit nachgeahmten Rosen
durchw¸rkt war, leicht bedeckt; diese nackend, aufler dafl ein Efeukranz,
mit gelben Rosen durchflochten, ihre milchweiflen H¸ften sch¸tzten, und um
die kleinen verguldeten Hˆrner sich schlangen, die aus ihren schwarzen
kurzlockichten Haaren hervorstachen. Alle diese kleine Genii streuten
aus zierlichen Kˆrbchen von Silberdraht die schˆnsten Blumen vor Danae her,
und f¸hrten sie tanzend in die Mitte des W‰ldchens, wo Geb¸sche von
Jasminen, Rosen und Acacia eine Art von halbzirkelndem Amphitheater
machten, unter welchem ein zierlicher Thron von Laubwerk und Blumenkr‰nzen
f¸r die schˆne Danae bereitet stand. Nachdem sie sich hier gesetzt hatte,
breiteten die Liebesgˆtter einen Persischen Teppich vor ihr aus, indem von
den kleinen Faunen einige besch‰ftigt waren, den Boden mit goldnen und
kristallenen Trinkschalen von allerlei niedlichen Formen zu besetzen,
andre unter der Last voller Schl‰uche mit possierlichen Geb‰rden
herbeigekrochen kamen, und im Vorbeigehen den weisen Hippias durch hundert
mutwillige Spiele neckten. Auf einmal schlupften die Grazien hinter einer
Myrtenhecke hervor, drei jugendliche Schwestern, deren halbaufgebl¸hte
Schˆnheit ein leichtes Gewˆlk von Gase mehr zu entwickeln als zu verh¸llen
eifers¸chtig schien. Sie umgaben ihre Gebieterin, und indem die erste
einen frischen Blumenkranz um ihre schˆne Stirne wand, reichten ihr die
beiden andern kniend in goldnen Schalen die auserlesensten Fr¸chte und
Erfrischungen dar; indes die Faunen den Hippias mit Efeu kr‰nzten, und
wohlriechende Salben ¸ber seine Glatze und seinen halbgrauen Bart
heruntergossen. Beide bezeugten ihr Vergn¸gen ¸ber dieses kleine
Schauspiel, welches das lachendste Gem‰lde von der Welt machte; als eine
z‰rtliche Symphonie von Flˆten aus der Luft, wie es schien, herabtˆnend,
die Augen zu einer neuen Erscheinung aufmerksam machte. Die Liebesgˆtter,
die Faunen und die Grazien waren indes verschwunden, und es ˆffnete sich
der Danae gegen¸ber die waldichte Szene, um den Liebesgott darzustellen,
auf einem goldnen Gewˆlke sitzend, welches ¸ber den Rosenb¸schen von
Zephyren emporgehalten wurde. Ein schalkhaftes L‰cheln, das sein
liebliches Gesicht umscherzte, schien die Herzen zu warnen, sich von der
t‰ndelnden Unschuld dieses schˆnen Gˆtterknabens nicht sorglos machen zu
lassen. Er sang mit lieblicher Stimme, und der Inhalt seines Gesangs
dr¸ckte seine Freude aus, dafl er endlich eine bequeme Gelegenheit gefunden
habe, sich an der schˆnen Danae zu r‰chen. "Gleich der Liebesgˆttin,
meiner Mutter" (sang er) "herrscht sie unumschr‰nkt ¸ber die Herzen, und
haucht allgemeine Liebe umher: Von ihren Blicken beseelt, wendet ihr die
Natur, als ihrer Gˆttin, sich zu; verschˆnert, wenn sie l‰chelt, traurig
und welkend, wenn sie sich von ihr kehrt: Verlassen stehn die Alt‰re zu
Paphos, die Seufzer der Liebenden wallen nur ihr entgegen; und indem ihre
siegreichen Augen ringsum sie her jedes Herz verwunden und entz¸cken,
lacht sie, die Stolze, meiner Pfeile, und trotzt mit unbezwungner Brust
der Macht, vor welcher Gˆtter zittern: Aber nicht l‰nger soll sie trotzen;
hier ist der sch‰rfste Pfeil, scharf genug einen Busen von Marmor zu
spalten, und die k‰lteste Seele in Liebesflammen hinwegzuschmelzen.
Zittre, ungewahrsame Schˆne! dieser Augenblick soll Amorn und seine Mutter
r‰chen! Tiefseufzend sollst du auffahren, wie ein junges Reh auff‰hrt,
das unter Rosen schlummernd den gefl¸gelten Pfeil des J‰gers f¸hlt;
schmerzenvoll und trostlos sollst du in einsamen Hainen irren, und auf
ˆden Felsen sitzend den schleichenden Bach mit deinen Tr‰nen mehren."

So sang er und spannte boshaft-l‰chelnd den Bogen; schon war der Pfeil
angelegt, schon zielte er nach ihrem leichtbedeckten Busen: als er
plˆtzlich mit einem lauten Schrei zur¸ckfuhr, seinen Pfeil zerbrach, den
Bogen von sich warf, und mit z‰rtlich sch¸chterner Geb‰rde auf die schˆne
Danae zuflatterte. "O Gˆttin, vergib", (sang er, indem er bittend ihre
Knie umfaflte) "vergib, vergib, schˆne Mutter, dem Irrtum meiner Augen!
wie leicht war es zu irren? Ich sahe dich f¸r Danae an."

In dem n‰mlichen Augenblick, da er dieses gesungen hatte, erschienen die
Grazien, die Liebesgˆtter und die kleinen Faunen wieder, und endigten
diese Szene mit T‰nzen und Ges‰ngen, zum Preis derjenigen, welche auf eine
so schmeichelhafte Art zur Gˆttin der Schˆnheit und der Liebe erkl‰rt
worden war. Dieses ¸berraschende Kompliment, welches damals noch den Reiz
der Neuheit hatte, weil es noch nicht an die Daphnen und Chloen so vieler
neuern Poeten verschwendet worden war, schien ihr Vergn¸gen zu machen; und
der doppelt belustigte Hippias gestand, dafl sein junger Freund einen sehr
guten Gebrauch von seiner Einbildungskraft zu machen gelernt habe.
"Dachte ich nicht, Callias", sagte er leise zu ihm, indem er ihn auf die
Schultern klopfte, "dafl ein Monat unter den Augen der schˆnen Danae dich
von den Vorurteilen heilen w¸rde, womit du gegen Grunds‰tze eingenommen
warest, die du bereits so meisterhaft auszu¸ben gelernt hast."

Der ¸brige Teil des Abends wurde auf eine eben so angenehme Weise
zugebracht, bis endlich Hippias, welcher den folgenden Morgen wieder in
Smirna sein muflte, in einem Zustande, worin er mehr dem Vater Silen als
einem Weisen glich, von den kleinen Faunen zu Bette gebracht wurde.

Agathon hatte nun nichts dringenders als von Danae zu erfahren, was der
Gegenstand ihrer einzelnen Unterredung mit dem Hippias gewesen sei. Man
wird es dieser Dame zu gut halten kˆnnen, dafl sie die Aufrichtigkeit ihres
Berichts nicht so weit trieb, ihm das Complot einzugestehen, worein sie
sich von dem Sophisten anfangs hatte ziehen lassen; und dessen Ausgang so
weit von der Anlage des ersten Plans entfernt gewesen war. Die
z‰rtlichste und vertrauteste Liebe verhindert nicht, dafl man sich nicht
kleine Geheimnisse vorbehalten sollte, bei deren Entdeckung die Eigenliebe
ihre Rechnung nicht finden w¸rde. Sie begn¸gte sich also ihm zu sagen,
dafl Hippias viel Gutes von ihm gesprochen, und sie versichert habe, dafl er
ihn weit aufgeweckter und artiger finde als er vorher gewesen; es h‰tte
sie bed¸nkt, dafl er mehr damit sagen wollen, als seine Worte an sich
selbst gesagt h‰tten; sie h‰tte aber eben so wenig daran gedacht ihn zum
Vertrauten ihrer Liebe zu machen, als sie Ursache h‰tte, eine Achtung zu
verbergen, welche man den persˆnlichen Verdiensten des Callias nicht
versagen kˆnne; im ¸brigen h‰tte sie seine Munterkeit auf die Rechnung der
Zeit, welche das Andenken seiner Ungl¸cksf‰lle schw‰che, und der
vollkommnern Freiheit geschrieben, die er in ihrem Hause h‰tte. Agathon
liefl sich durch diese Erz‰hlung nicht nur beruhigen; sondern, wie seine
Einbildungskraft gewohnt war, ihn immer weiter zu f¸hren, als er im Sinne
hatte zu gehen, so f¸hlte er sich, nachdem sie eine Zeitlang von dieser
Materie gesprochen hatten, so mutig, dafl er sich vornahm den Scherzen des
Hippias, wofern es demselben je einfallen sollte ¸ber seine Freundschaft
mit Danae zu scherzen, in gleichem Ton zu antworten; eine Entschlieflung,
welche (ob er es gleich nicht gewahr wurde) in der Tat mehr
Unversch‰mtheit voraussetzte, als selbst ein langwieriger Fortgang auf den
Abwegen, auf die er verirrt war, einem Agathon jemals geben konnte.

DRITTES KAPITEL

Konvulsivische Bewegungen der wiederauflebenden Tugend

Wenige Tage waren seit dem Besuch des Hippias verflossen; als ein Fest,
welches er alle Jahre seinen Freunden zu geben pflegte, Gelegenheit machte,
der schˆnen Danae und ihrem Freunde eine Einladung zuzusenden. Weil sie
keinen guten Vorwand zu geben hatten, ihr Ausbleiben zu entschuldigen, so
erschienen sie auf den bestimmten Tag, und Agathon brachte eine
Lebhaftigkeit mit, welche ihm selbst Hoffnung machte, dafl er sich so gut
halten w¸rde, als es die Anf‰lle, die er von der Schalkhaftigkeit des
Sophisten erwartete, nur immer erfordern kˆnnten. Hippias hatte nichts
vergessen, was die Pracht seines Fests vermehren konnte; und nach
demjenigen, was im zweiten Buch von den Grunds‰tzen, der Lebensart und den
Reicht¸mern dieses Mannes gemeldet worden, kˆnnen unsre Leser sich so viel
davon einbilden als sie wollen, ohne zu besorgen, dafl wir sie durch
¸berfl¸ssige Beschreibungen von den wichtigern Gegenst‰nden, die wir vor
uns haben, aufhalten w¸rden.

Agathon hatte ¸ber der Tafel die Rolle eines witzigen Kopfs so gut
gespielt; er hatte so fein und so lebhaft gescherzt, und bei Gelegenheiten
die Ideen, wovon seine Seele damals beherrscht wurde, so deutlich verraten;
dafl Hippias sich nicht enthalten konnte, ihm in einem Augenblick, wo sie
allein waren, seine ganze Freude dar¸ber auszudr¸cken. "Ich bin erfreut,
Callias" (sagte er zu ihm) "dafl du, wie ich sehe, einer von den Unsrigen
worden bist. Du rechtfertigest die gute Meinung vollkommen, die ich beim
ersten Anblick von dir faflte; ich sagte immer, dafl einer so feurigen Seele
wie die deinige, nur wirkliche Gegenst‰nde mangelten, um ohne M¸he von den
Schim‰ren zur¸ckzukommen, woran du vor einigen Wochen noch so stark zu
h‰ngen schienest." Zum Gl¸ck f¸r den guten Agathon rettete ihn die
Darzwischenkunft einiger Personen von der Gesellschaft, mitten in der
Antwort, die er zu stottern angefangen hatte; aber aus der Unruhe, welche
diese wenige Worte des Sophisten in sein Gem¸t geworfen hatten, konnte ihn
nichts retten.

Alle M¸he, die er anstrengte, alle Zeitk¸rzungen, wovon er sich umgeben
sah, waren zu schwach ihn wieder aus einer Verwirrung herauszuziehen,
welche sogar durch den Anblick der schˆnen Danae vermehrt wurde. Er muflte
einen Anstofl von ¸belkeit vorsch¸tzen, um sich eine Zeitlang aus der
Gesellschaft wegzubegeben, um in einem entlegnen Cabinet den Gedanken
nachzuh‰ngen, deren auf einmal daherst¸rmende Menge ihm eine Weile alles
Vermˆgen benahm, einen von dem andern zu unterscheiden. Endlich faflte er
sich doch so weit, dafl er seinem beklemmten Herzen durch dieses oft
abgebrochene Selbstgespr‰ch Luft machen konnte: "Wie?--'Ich bin erfreut,
dafl du einer von den Unsrigen geworden?'--Ists mˆglich? Einer von den
Seinigen?--Dem Hippias ‰hnlich?--Ihm, dessen Grunds‰tze, dessen Leben,
dessen vermeinte Weisheit mir vor kurzem noch so viel Abscheu
einflˆflten?--Und die Verwandlung ist so grofl, dafl sie ihm keinen Zweifel
¸brig l‰flt? G¸tige Gˆtter! Wo ist euer Agathon?--Ach! es ist mehr als zu
gewifl, dafl ich nicht mehr ich selbst bin!--Wie? sind mir nicht alle
Gegenst‰nde dieses Hauses, von denen meine Seele sich ehmals mit Ekel und
Grauen wegwandte, gleichg¸ltig oder gar angenehm worden? Diese ¸ppigen
Gem‰lde--diese schl¸pfrigen Nymphen--diese Gespr‰che, worin alles, was dem
Menschen grofl und ehrw¸rdig sein soll, in ein komisches Licht gestellt
wird--diese Verschwendung der Zeit--diese m¸hsam ausgesonnenen und ¸ber
die Forderung der Natur getriebenen Ergˆtzungen--Himmel! wo bin ich? An
was f¸r einem j‰hen Abhang find ich mich selbst--welch einen Abgrund unter
mir--O Danae, Danae!--"hier hielt er inn, um den trostvollen Einfl¸ssen
Raum zu lassen, welche dieser Name und die zauberischen Bilder, so er mit
sich brachte, ¸ber seine sich selbst qu‰lende Seele ausbreiteten. Mit
einem schleunigen ¸bergang von Schwermut zu Entz¸ckung, durchflog sie itzt
alle diese Szenen von Liebe und Gl¸ckseligkeit, welche ihr die
letztverfloflnen Tage zu Augenblicken gemacht hatten; und von diesen
Erinnerungen mit einer innigen Wollust durchstrˆmt, konnte sie oder wollte
sie vielmehr den Gedanken nicht ertragen, dafl sie in einem so
beneidensw¸rdigen Zustand unter sich selbst heruntergesunken sein kˆnne.
"Gˆttliche Danae", rief der arme Kranke in einem verdoppelten Anstofl des
wiederkehrenden Taumels aus; "wie? Kann es ein Verbrechen sein, das
Vollkommenste unter allen Geschˆpfen zu lieben? Ist es ein Verbrechen
gl¸cklich zu sein?"--In diesem Ton fuhr Amor, (welchen Plato sehr richtig
den grˆflten unter allen Sophisten nennt) desto ungehinderter fort ihm
zuzureden, da ihm die Eigenliebe zu Hilfe kam, und seine Sache zu der
ihrigen machte. Denn was ist unangenehmers, als sich selbst zugleich
anklagen und verurteilen m¸ssen? Und wie gerne hˆren wir die Stimme der
sich selbst verteidigenden Leidenschaft? Wie gr¸ndlich finden wir jedes
Blendwerk, womit sie die richterliche Vernunft zu einem falschen Ausspruch
zu verleiten sucht? Agathon hˆrte diese betriegliche Apologistin so gerne,
dafl es ihr gelang, sein Gem¸te wieder zu bes‰nftigen. Er schmeichelte
sich, dafl ungeachtet einer Ver‰nderung seiner Denkungsart, die er sich
selbst f¸r eine Verbesserung zu geben suchte, der Unterscheid zwischen ihm
und Hippias noch so grofl, so wesentlich sei als jemals. Er verbarg seine
schwache Seite hinter die Tugenden, deren er sich bewuflt zu sein glaubte;
und beruhigte sich endlich vˆllig mit einem idealischen Entwurf eines
seinen eignen Grunds‰tzen gem‰flen Lebens, zu welchem er seine geliebte
Danae schon genug vorbereitet glaubte, um ihr selbigen ohne l‰ngern
Aufschub vorzulegen. Er kehrte nunmehr, nachdem er ungef‰hr eine Stunde
allein gewesen war, mit einem so aufgeheiterten Gesicht zur Gesellschaft,
welche sich in einem Saale des Gartens versammelt hatte, zur¸ck, dafl Danae
und Hippias selbst sich bereden lieflen, seinen vorigen Anstofl einer
vor¸bergehenden ¸belkeit zuzuschreiben. Ergˆtzlichkeiten folgten itzt
auf Ergˆtzlichkeiten so dicht aneinander, und so mannigfaltig, dafl die
¸berladene Seele keine Zeit behielt sich Rechenschaft von ihren
Empfindungen zu geben; und nach Gewohnheit des Landes wurde die ganze
Nacht bis zum Anbruch der Morgenrˆte in brausenden Vergn¸gungen
hingebracht. Die Gegenwart der liebensw¸rdigen Danae w¸rkte mit ihrer
ganzen magischen Kraft auf unsern Helden, ohne verhindern zu kˆnnen, dafl
er von Zeit zu Zeit in eine Zerstreuung fiel, aus welcher sie ihn, sobald
sie es gewahr wurde, zu ziehen bem¸ht war. Die Gegenst‰nde, welche seinen
sittlichen Geschmack ehmals beleidigst hatten, waren hier zu h‰ufig, als
dafl nicht mitten unter den fl¸chtigen Vergn¸gungen, womit sie gleichsam
¸ber die Oberfl‰che seiner Seele hinglitscheten, ein geheimes Gef¸hl
seiner Erniedrigung seine Wangen mit Schamrˆte vor sich selbst, dem
Vorboten der wiederkehrenden Tugend, h‰tte ¸berziehen sollen.

Dieses begegnete insonderheit bei einem pantomimischen Tanze, womit
Hippias seine grˆfltenteils vom Bacchus gl¸henden G‰ste noch eine geraume
Zeit nach Mitternacht vom Einschlummern abzuhalten suchte. Die T‰nzerin,
ein schˆnes M‰dchen, welches ungeachtet seiner Jugend, schon lange in den
Geheimnissen von Cythere eingeweiht war, tanzte die Fabel der Leda.
Dieses ber¸chtigte Meisterst¸ck der eben so vollkommnen als ¸ppigen
Tanzkunst der Alten, von dessen W¸rkungen Juvenal in einer von seinen
Satyren ein so z¸gelloses Gem‰lde macht. Hippias und die meisten seiner
G‰ste bezeugten ein unm‰fliges Vergn¸gen ¸ber die Art, wie seine T‰nzerin
diese schl¸pfrige Geschichte nach der woll¸stigen Modulation zwoer Flˆten,
allein durch die stumme Sprache der Bewegung, von Szene zu Szene bis zur
Entwicklung fortzuwinden wuflte.--Zeuxes, und Homer selbst, riefen sie,
konnte nicht besser, nicht deutlicher mit Farben oder Worten, als die
T‰nzerin durch ihre Bewegungen malen. Die Damen glaubten genug getan zu
haben, dafl sie auf dieses Schauspiel nicht Acht zu geben schienen; aber
Agathon konnte den widrigen Eindruck, den es auf ihn machte, und den
innerlichen Grauen, womit sein Gem¸t dabei erf¸llt wurde, kaum in sich
selbst verschlieflen. Er wollte w¸rklich etwas sagen, welches allerdings
in der Gesellschaft, worin er war, ¸bel angebracht gewesen w‰re; als ein
besch‰mter Blick auf sich selbst, und vielleicht die Furcht belacht zu
werden, und den ausgelassenen Hippias zu einer allzuscharfen Rache zu
reizen, seine Rede auf seinen Lippen erstickte; und weil doch die ersten
Worte nun einmal gesagt waren, den vorgehabten Tadel in einen gezwungenen
Beifall verwandelten. Er hatte nun keine Ruhe, bis er die schˆne Danae
bewogen hatte, sich mit einer von ihren Freundinnen aus einer Gesellschaft
wegzuschleichen, aus welcher die Grazien schamrot wegzufliehen anfingen;
und sein Unwille ergofl sich w‰hrend dafl sie nach Hause fuhren, in eine
scharfe Verurteilung des verdorbenen Geschmacks des Sophisten, welche so
lange dauerte, bis sie bei Anbruche des Tages wieder auf dem Landhause der
Danae anlangten, um die von Ergˆtzungen abgemattete Natur zu derjenigen
Zeit, welche zu den Gesch‰ften des Lebens bestimmt ist, durch Ruhe und
Schlummer wiederherzustellen.

VIERTES KAPITEL

Dafl Tr‰ume nicht allemal Sch‰ume sind

Die Stoiker, dieser strenge moralische Orden, dessen Abgang der
vortreffliche Pr‰sident von Montesquieu als einen Verlust f¸r das
menschliche Geschlecht ansieht, hatten unter andern Sonderlichkeiten, eine
grofle Meinung von der Natur und Bestimmung der Tr‰ume. Sie trieben es so
weit, dafl sie sich die M¸he gaben, eben so grofle B¸cher ¸ber diese Materie
zu schreiben, als diejenigen, womit die gelehrte Welt noch in unsern Tagen,
von einigen weisen Mˆnchen ¸ber die erhabne Kunst, die Gespenster zu
pr¸fen und zu bannen, beschenkt worden ist. Sie teilten die Tr‰ume in
mancherlei Gattungen und Arten ein, wiesen ihnen ihre geheime Bedeutungen
an, gaben den Schl¸ssel dazu, und trugen kein Bedenken, einige Arten
derselben ganz zuversichtlich dem Einflufl derjenigen Geister zuzuschreiben,
womit sie alle Teile der Natur reichlich bevˆlkert hatten. In der Tat
scheinen sie sich in diesem St¸ck lediglich nach einem allgemeinen Glauben,
der sich von je her unter allen Vˆlkern und Zeiten erhalten hat,
gerichtet, und dasjenige in die Form einer schluflfˆrmigen Theorie gebracht
zu haben, was bei ihren Groflm¸ttern ein sehr unsichers Gemische von
Tradition, Einbildung und Blˆdigkeit des Geistes gewesen sein mˆchte. Dem
sei nun wie ihm wolle, so ist gewifl, dafl wir zuweilen Tr‰ume haben, in
denen so viel Zusammenhang, so viel Beziehung auf unsre vergangne und
gegenw‰rtige Umst‰nde, wiewohl allezeit mit einem kleinen Zusatz von
Wunderbarem und Unbegreiflichem, anzutreffen ist; dafl wir uns um jener
Merkmale der Wahrheit willen geneigt finden, in diesem letztern etwas
geheimnisvolles und vorbedeutendes zu suchen. Tr‰ume von dieser Art den
Geistern aufler uns, oder, wie die Pythagor‰er taten, einer gewissen
prophetischen Kraft und Divination unsrer Seele beizumessen, welche unter
dem tiefen Schlummer der Sinne bessere Freiheit habe, sich zu entwickeln:
So sinnreiche Auflˆsungen ¸berlassen wir denjenigen, welche zum Besitz
jener von Lucrez so enthusiastisch gepriesenen Gl¸ckseligkeit, die
Ursachen der Dinge einzusehen, in einem vollern Mafle gelangt sind als wir.
Indessen haben wir uns doch zum Gesetz gemacht, den guten Rat unsrer Amme
nicht zu verachten, welche uns, da wir noch das Gl¸ck ihrer
einsichtsvollen Erziehung genossen, unter Anf¸hrung einer langen Reihe von
Familienbeispielen, ernstlich zu vermahnen pflegte, die Warnungen und
Fingerzeige der Tr‰ume ja nicht f¸r gleichg¸ltig anzusehen.

Agathon hatte diesen Morgen, nachdem er in einer Verwirrung von uneinigen
Gedanken und Gem¸tsbewegungen endlich eingeschlummert war, einen Traum,
den wir mit einigem Recht zu den kleinen Ursachen z‰hlen kˆnnen, durch
welche grofle Begebenheiten hervorgebracht worden sind. Wir wollen ihn
erz‰hlen, wie wir ihn in unsrer Urkunde finden, und dem Leser ¸berlassen,
was er davon urteilen will. Ihn deuchte also, dafl er in einer
Gesellschaft von Nymphen und Liebesgˆttern auf einer anmutigen Ebne sich
erlustige. Danae war unter ihnen. Mit zauberischem L‰cheln reichte sie
ihm, wie Ariadne ihrem Bacchus, eine Schale voll Nektars, welchen er an
ihren Blicken hangend mit woll¸stigen Z¸gen hinunterschl¸rfte. Auf einmal
fing alles um ihn her zu tanzen an; er tanzte mit; ein Nebel von s¸flen
D¸ften schien rings um ihn her die wahre Gestalt der Dinge zu verbergen,
und tausend liebliche Gestalten gaukelten vor seiner Stirne, welche wie
Seifenblasen eben so schnell zerflossen als entstunden. In diesem Taumel
tanzte und h¸pfte er eine Zeit lang fort, bis auf einmal der Nebel und
seine ganze frˆhliche Gesellschaft verschwand: Ihm war als ob er aus einem
tiefen Schlaf erwachte; und da er die Augen aufschlug, sah er sich an der
Spitze eines j‰hen Felsens, unter welchem ein reiflender Strom seine
sprudelnden Wellen fortw‰lzte. Gegen ihm ¸ber, auf dem andern Ufer des
Flusses, stand Psyche; ein schneeweifles Gewand flofl zu ihren F¸flen herab;
ganz einsam und traurig stand sie, und heftete Blicke auf ihn, die ihm das
Herz durchbohrten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, st¸rzte er
sich in den Flufl hinab, arbeitete sich ans andre Ufer hin¸ber, und eilte,
sich seiner Psyche zu F¸flen zu werfen. Aber sie entschl¸pfte wie ein
Schatten vor ihm her, ohne dafl sie aufhˆrte, sichtbar zu sein; ihr Gesicht
war traurig, und ihre rechte Hand wies in die Ferne, wo er die goldnen
T¸rme und die heiligen Haine des delphischen Tempels ganz deutlich zu
unterscheiden glaubte. Tr‰nen liefen bei diesem Anblick ¸ber seine Wangen
herab; er streckte seine Arme, flehend, und von unaussprechlichen
Empfindungen beklemmt, nach der geliebten Psyche aus; aber sie floh
eilends von ihm weg, einer Bilds‰ule der Tugend zu, welche unter den
Tr¸mmern eines verfallnen Tempels, einsam und unversehrt, in
majest‰tischer Ruhe auf einem unbeweglichen Cubus stand. Psyche umarmte
diese Bilds‰ule, warf noch einen tiefsinnigen Blick auf ihn und verschwand.
Verzweifelnd wollte er ihr nacheilen, als er sich plˆtzlich in einem
tiefen Schlamme versenket sah; und die Bestrebung, die er anwendete, sich
herauszuarbeiten, war so heftig, dafl er daran erwachte.

Ein Strom von Tr‰nen, in welchen sein berstendes Herz ausbrach, war die
erste W¸rkung des tiefen Eindruckes, den dieser sonderbare Traum in seiner
erwachten aber noch ganz von ihren Gesichten umgebnen Seele zur¸ckliefl.
Er weinte so lange und so heftig, dafl sein Hauptk¸ssen ganz davon
durchnetzt wurde. "Ach Psyche! Psyche!" rief er von Zeit zu Zeit aus,
indem er seine gerungenen Arme wie nach ihrem Bilde ausstreckte; und dann
brach eine neue Flut aus seinen schwellenden Augen. "Wo bin ich", rief er
wiederum aus, und sah sich um, als ob er best¸rzt w‰re, sich in einem mit
Persischen Tapeten behangnen, und von tausend Kostbarkeiten schimmernden
Zimmer auf dem weichsten Ruhebette liegend zu finden--"O Psyche--was ist
aus deinem Agathon worden?--O ungl¸cklicher Tag, an dem mich die verhaflten
R‰uber deinem Arm entrissen!"--Unter solchen Vorstellungen und Ausrufungen
stund er auf; ging in heftiger Bewegung auf und nieder, warf sich abermal
auf das Ruhbette, und blieb eine lange Zeit stumm, und mit zu Boden
starrenden Blicken unbeweglich, wie in Gedanken verloren, sitzen. Endlich
raffte er sich wieder auf, kleidete sich an, und stieg in die G‰rten herab,
um in dem einsamsten Teil des Hains die Ruhe zu suchen, welche er nˆtig
hatte, ¸ber seinen Traum, seinen gegenw‰rtigen Zustand und die
Entschlieflungen, die er zu fassen habe, nachdenken zu kˆnnen. Unter allen
Bildern, welche der Traum in seinem Gem¸te zur¸ckgelassen hatte, r¸hrte
ihn keines lebhafter als die Vorstellung der Psyche, wie sie mit ernstem
Gesicht auf den Tempel und die Haine von Delphi wies--die geheiligten
ˆrter, wo sie einander zuerst gesehen, wo sie so oft sich eine ewige Liebe
geschworen, wo sie so rein, so tugendhaft sich geliebt hatten, wie sich im
hohen Olymp die Unverkˆrperten lieben.

Diese Bilder hatten etwas so r¸hrendes, und der Schmerz, womit sie ihn
durchdrangen, wurde durch die lebhaftesten Erinnerungen seiner ehmaligen
Gl¸ckseligkeit so sanft gemildert, dafl er eine Art von Wollust darin
empfand, sich der z‰rtlichen Wehmut zu ¸berlassen, wovon seine Seele dabei
eingenommen wurde. Er verglich seinen itzigen Zustand mit jener seligen
Stille des Herzens, mit jener immer l‰chelnden Heiterkeit der Seele, mit
jenen sanften und unschuldsvollen Freuden, zu welchen, seiner Einbildung
nach, unsterbliche Zuschauer ihren Beifall gegeben hatten: Und indem er
unvermerkt, anstatt die Vergleichung unparteiisch fortzusetzen, sich dem
schleichenden Lauf seiner erregten Einbildungskraft ¸berliefl; deuchte ihn
nicht anders, als ob seine Seele nach jener elysischen Ruhe, wie nach
ihrem angebornen Elemente, sich zur¸cksehne. "Wenn es auch Schw‰rmereien
waren", rief er seufzend aus, "wenn es auch blofle Tr‰ume waren, in die
mein halbabgeschiedner, halbvergˆtterter Geist sich wiegte--welch eine
selige Schw‰rmerei! Und wie viel gl¸cklicher machten mich diese Tr‰ume,
als alle die rauschenden Freuden, welche die Sinnen in einem Wirbel von
Wollust dahinreiflen, und wenn sie vor¸ber sind, nichts als Besch‰mung und
Reue, und ein schwerm¸tiges Leeres im unbefriedigten Geist zur¸cklassen!"

Vielleicht werden unsre Leser aus demjenigen, was damals in dem Gem¸te
unsers Helden vorging, sich viel Gutes f¸r seine Wiederkehr zur Tugend
weissagen. Aber mit Bedauern m¸ssen wir gestehen, dafl sich eine andre
Seele in seinem Inwendigen erhob, welche die W¸rkung dieser guten Regungen
in kurzem wieder unkr‰ftig machte; es sei nun, dafl es die Stimme der Natur
oder der Leidenschaft war, oder dafl beide sich vereinigten, ihn ohne
Abbruch seiner Eigenliebe wieder mit sich selbst und dem Gegenw‰rtigen
auszusˆhnen.

In der Tat war es bei der Lebhaftigkeit, welche alle Ideen und
Gem¸tsbewegungen dieses sonderbaren Menschens charakterisierte, kaum
mˆglich, dafl der ¸berspannte Affekt, worin wir ihn gesehen haben, von
langer Dauer h‰tte sein kˆnnen. Die St‰rke seiner Empfindungen rieb sich
an sich selbst ab; seine Einbildungskraft pflegte in solchen F‰llen so
lange in geradem Lauf fortzuschieflen, bis sie sich genˆtiget fand, wieder
umzukehren. Er fing nun an, sich zu ¸berreden, dafl mehr Schw‰rmerei als
Wahrheit und Vernunft in seiner Betr¸bnis sei; er glaubte bei n‰herer
Vergleichung zu finden, dafl seine Leidenschaft f¸r Danae durch die
Vollkommenheit des Gegenstands g‰nzlich gerechtfertiget w¸rde, und so
vorz¸glich ihm kurz zuvor die Gl¸ckseligkeit seines delphischen Lebens,
und die unschuldigen Freuden der ersten noch unerfahrnen Liebe geschienen
hatten; so unwesentlich fand er sie itzt in Vergleichung mit demjenigen,
was ihn die schˆne Danae in ihren Armen hatte erfahren lassen. Das blofle
Andenken daran setzte sein Blut in Feuer, und seine Seele in Entz¸ckung;
seine angestrengteste Einbildung erlag unter der Bestrebung eine
vollkommnere Wonne zu erfinden.

Psyche schien ihm itzt, so liebensw¸rdig sie immer sein mochte, zu nichts
anderm bestimmt gewesen zu sein, als die Empfindlichkeit seines Herzens zu
entwickeln, um ihn f‰hig zu machen, die Vorz¸ge der unvergleichlichen
Danae zu empfinden. Er schrieb es einem R¸ckfall in seine ehmalige
Schw‰rmerei zu, dafl er sich durch einen Traum, welchen er mit aller seiner
sonderbaren Beschaffenheit, doch f¸r nichts mehr als ein Spiel der
Phantasie halten konnte, in so heftige Bewegungen h‰tte setzen lassen.
Das einzige, was ihn noch beunruhigte, war der Vorwurf der Untreue gegen
seine einst so z‰rtlich geliebte und so z‰rtlich wieder liebende Psyche.
Allein die Unmˆglichkeit von der unwiderstehlichen Danae nicht ¸berwunden
zu werden; (ein Punkt, wovon er so vollkommen als von seinem eignen Dasein
¸berzeugt zu sein glaubte.) Der Verlust aller Hoffnung, Psyche jemals
wieder zu finden, (welchen er, ohne genauere Untersuchung, f¸r ausgemacht
annahm;) beides schien ihm gegen diesen Vorwurf von groflem Gewicht zu sein;
und um sich desselben g‰nzlich zu entledigen, geriet er endlich gar auf
den Gedanken, dafl seine Verbindung mit Psyche mehr die Liebe eines Bruders
zu einer Schwester, eine blofle Liebe der Seelen, als dasjenige gewesen sei,
was im eigentlichen Sinn Liebe genennt werden sollte; eine Entdeckung,
die ihm bei Vergleichung der Symptomen dieser beiden Arten von Liebe,
unwidersprechlich zu sein deuchte. Diese Vorstellungen stiegen nach und
nach, zumal an einem Orte, wo jede schattichte Laube, jede Blumenbank,
jede Grotte, ein Zeuge genoflner Gl¸ckseligkeiten war, zu einer solchen
Lebhaftigkeit, dafl sie eine Art von Ruhe in seinem Gem¸te wieder
herstellten; wenn anders die Verblendung eines Kranken, der in der Hitze
seines Fiebers gesund zu sein w‰hnt, diesen Namen verdienen kann. Doch
verhinderten sie nicht, dafl, diesen ganzen Tag ¸ber, ein Eindruck von
Schwermut und Traurigkeit in seinem Gem¸te zur¸ckblieb; die Bilder der
Psyche und der Tugend, welche er so lange gewohnt gewesen war zu vermengen,
stellten sich immer wieder vor seine Augen; umsonst suchte er sie durch
Zerstreuungen zu entfernen; sie ¸berraschten ihn in seinen Arbeiten, und
beunruhigten ihn in seinen Ergˆtzungen; er suchte ihnen auszuweichen, der
Ungl¸ckliche! und wurde nicht gewahr, dafl eben dieses ein vollst‰ndiger
Beweis sei, dafl es nicht so richtig mit ihm stehe, als er sich selbst zu
¸berreden suchte.

F‹NFTES KAPITEL

Ein starker Schritt zu einer Katastrophe

Danae liebte zu z‰rtlich, als dafl ihr der stille Kummer, der eine wiewohl
anmutige D¸sternheit ¸ber das schˆne Gesicht unsers Helden ausbreitete,
h‰tte unbemerkt bleiben kˆnnen; aber aus eben diesem Grunde war sie zu
sch¸chtern, ihn voreilig um die Ursache einer so unerwarteten Ver‰nderung
zu befragen. Es war leicht zu sehen, dafl sein Herz leiden m¸sse; aber mit
aller Scharfsichtigkeit, welche den Augen der Liebe eigen ist, konnte sie
doch nicht mit sich selbst einig werden, was die Ursache davon sein kˆnne.
Ihr erster Gedanke war, dafl ihm vielleicht ein zu weit getriebner Scherz
des boshaften Hippias anstˆflig gewesen sein mˆchte. Allein was auch
Hippias gesagt haben konnte, schien ihr nicht genugsam, eine so tiefe
Wunde zu machen, als sie in seinem Herzen zu sehen glaubte. Das Interesse
ihres eignen brachte sie bald auf einen andern Gedanken, dessen sie
vermutlich nicht f‰hig gewesen w‰re, wenn ihre Liebe nicht die Eitelkeit
¸berwogen h‰tte, welche bei den meisten Schˆnen die wahre Quelle dessen
ist, was sie uns f¸r Liebe geben wollen. "Wie, wenn seine Liebe zu
erkalten anfinge"; sagte sie zu sich selbst--"erkalten? Himmel! wenn das
mˆglich ist, so werde ich bald gar nicht mehr geliebt sein."--Dieser
Gedanke war zu entsetzlich f¸r ein so vˆllig eingenommenes Herz, als dafl
sie ihn sogleich h‰tte verbannen kˆnnen--wie bescheiden macht die wahre
Liebe!--Sie, welche gewohnt gewesen war, in allen Augen die W¸rkungen
ihres alles besiegenden Reizes zu sehen; sie, welche unter den
Vollkommensten ihres Geschlechts nicht Eine kannte, von der sie jemals in
dem s¸flen Bewufltsein ihrer Vorz¸glichkeit nur einen Augenblick gestˆrt
worden w‰re--mit einem Wort--Danae--fing an mit Zittern sich selbst zu
fragen: ob sie auch liebensw¸rdig genug sei, das Herz eines so
auflerordentlichen Mannes in ihren Fesseln zu behalten? Und wenn gleich
die Eigenliebe sie von Seiten ihres persˆnlichen Wertes hier¸ber beruhigte;
so war sie doch nicht ohne Sorgen, dafl in ihrem Betragen etwas gewesen
sein mˆchte, wodurch das Sonderbare in seiner Denkungsart, oder die edle
Z‰rtlichkeit seiner Empfindungen h‰tte beleidiget werden kˆnnen. Hatte
sie ihm nicht zuviel Beweise von ihrer Liebe gegeben? H‰tte sie ihm
seinen Sieg nicht schwerer machen sollen? War es sicher, ihn die ganze
St‰rke ihrer Leidenschaft sehen zu lassen, und sich wegen der Erhaltung
seines Herzens allein auf die g‰nzliche Dahingebung des Ihrigen zu
verlassen?--Diese Fragen waren weder spitzfindig noch so leicht zu
beantworten, als manches gute Ding sich einbildet, dem man eine ewige
Liebe geschworen hat, und dessen geringster Kummer nun ist, ob man ihr
werde Wort halten kˆnnen. Die schˆne Danae kannte die Wichtigkeit
derselben in ihrem ganzen Umfange; und alles was sie sich selbst dar¸ber
sagen konnte, stellte sie doch nicht so zufrieden, dafl sie nicht f¸r nˆtig
befunden h‰tte, einen gelegnen Augenblick zu belauschen, um sich ¸ber alle
ihre Zweifel ins Klare zu setzen; im ¸brigen sehr ¸berzeugt, dafl es ihr
nicht an Mitteln fehlen werde, dem entdeckten ¸bel zu helfen, es mˆchte
nun auch bestehen, worin es immer wollte. Agathon ermangelte nicht, ihr
noch an dem n‰mlichen Tag Gelegenheit dazu zu geben.

Schwermut und Traurigkeit machen die Seele nach und nach schlaff, und
erˆffnen sie allen weichen und z‰rtlichen Regungen. Dieser Satz ist so
wahr, dafl tausend Liebesverbindungen in der Welt keinen andern Ursprung
haben. Ein Liebhaber verliert einen Gegenstand, den er anbetet; er
ergieflt seine Klagen in den Busen einer Freundin, f¸r deren Reizungen er
bisher vollkommen gleichg¸ltig gewesen war--Sie bedauert ihn; er findet
sich dadurch erleichtert, dafl er sich frei und ungehindert beklagen kann;
und die Schˆne ist erfreut, dafl sie Gelegenheit hat, ihr gutes Herz zu
zeigen: Ihr Mitleiden r¸hrt ihn, und erregt seine Aufmerksamkeit: Sobald
eine Frauensperson zu interessieren anf‰ngt, sobald entdeckt man Reizungen
an ihr: Die Regungen, worin beide sich befinden, sind der Liebe g¸nstig;
sie verschˆnern die Freundin, und blenden die Augen des Freundes: ¸berdem
sucht der Schmerz nat¸rlicher Weise eine Zerstreuung, und ist geneigt sich
an alles zu h‰ngen, was ihm Trost und Linderung verspricht: Eine dunkle
Ahnung neuer Vergn¸gungen; der Anblick eines Gegenstands, der solche geben
kann; die g¸nstige Gem¸tsstellung, worin man denselben sieht, auf der
Einen--die Eitelkeit, diese grofle Treibfeder des weiblichen Herzens; das
Vergn¸gen, so zu sagen, einen Sieg ¸ber eine Nebenbuhlerin davon zu tragen,
indem man liebensw¸rdig genug ist, ihren Verlust zu ersetzen; die
Begierde, selbst ihr Andenken auszulˆschen; vielleicht, auch die
Gutherzigkeit der menschlichen Natur, und das Vergn¸gen gl¸cklich zu
machen, auf der andern Seite--wie viel Umst‰nde, welche sich vereinigen,
unvermerkt den Freund in einen Liebhaber, und die Vertraute in die
Hauptperson eines neuen Romans zu verwandeln.

In einer Gem¸tsverfassung von dieser Art befand sich Agathon, als Danae,
welche vernommen hatte, dafl er den ganzen Abend in der einsamsten Gegend
des Gartens zugebracht, sich nicht mehr zur¸ckhalten konnte ihn
aufzusuchen. Sie fand ihn mit halbem Leib auf einer gr¸nen Bank liegen,
das Haupt unterst¸tzt, und so zerstreut, dafl sie eine Weile vor ihm stand,
ehe er sie gewahr wurde. "Du bist traurig, Callias", sagte sie endlich
mit einer ger¸hrten Stimme, indem sie Augen voll mitleidender Liebe auf
ihn heftete. "Kann ich traurig sein, wenn ich dich sehe?" erwiderte
Agathon, mit einem Seufzer, welcher seine Frage zu beantworten schien.
Auch gab ihm Danae keine Antwort auf ein so verbindliches Kompliment,
sondern fuhr fort, ihn stillschweigend, aber mit einem Gesicht voll Seele,
und Augen die voller Wasser standen, anzusehen. Er richtete sich auf, und
sahe sie eine Weile an, als ob er bis in den Grund ihrer Seele schauen
wollte. Ihre Herzen schienen durch ihre Blicke in einander zu zerflieflen.
"Liebest du mich, Danae?" fragte endlich Agathon mit einer von
Z‰rtlichkeit und Wehmut halberstickten Stimme, indem er einen Arm um sie
schlang, und fortfuhr sie mit w‰flrichten Augen anzusehen. Sie schwieg
eine Zeit lang. "Ob ich dich liebe? -" War alles was sie sagen konnte;
aber der Ausdruck, der Ton, womit sie es sagte, h‰tte durch alle
Beredsamkeit des Demosthenes nicht ersetzt werden kˆnnen. "Ach Danae!"
(erwidert Agathon) "ich frage nicht, weil ich zweifle--Kann ich eine
Versichrung, von welcher das ganze Gl¸ck meines Lebens abh‰ngt, zu oft von
diesen geliebten Lippen empfangen? Wenn du mich nicht liebtest--wenn du
aufhˆren kˆnntest mich zu lieben -" "Was f¸r Gedanken, mein liebster
Callias?" unterbrach sie ihn: "Wie elend w‰r ich, wenn du sie in deinem
Herzen f‰ndest--wenn dieses dir sagte, dafl eine Liebe wie die unsrige
aufhˆren kˆnne?"--Ein ¸belverhehlter Seufzer war alles was er antworten
konnte. "Du bist traurig, Callias", fuhr sie fort; "ein geheimer Kummer
bricht aus allen deinen Z¸gen hervor--Du begreifst nicht, nein, du
begreifst nicht, was ich leide, dich traurig zu sehen, ohne die Ursache
davon zu wissen. Wenn mein Vermˆgen, wenn meine Liebe, wenn mein Leben
selbst hinl‰nglich ist, sie von dir zu entfernen, mein Geliebter, o! so
verzˆgre keinen Augenblick, dein Innerstes mir aufzuschlieflen -" Der
Ausdruck, die Blicke, der Ton der Stimme, womit sie dieses sagte, r¸hrte
den gef¸hlvollen Agathon bis zu sprachloser Entz¸ckung. Er wand seine
Arme um sie, druckte sein Gesicht auf ihre klopfende Brust, und konnte
lange nur durch die Tr‰nen reden, womit er sie benetzte.

Nichts ist ansteckenders als der Affekt einer in Empfindung zerflieflenden
Seele. Danae, ohne die Ursach aller dieser Bewegungen zu wissen, wurde so
sehr von dem Zustand ger¸hrt, worin sie ihren Liebhaber sah, dafl sie eben
so sprachlos als er selbst, sympathetische Tr‰nen mit den Seinigen
vermischte. Diese Szene, welche f¸r den gleichg¸ltigen Leser nicht so
interessant sein kann, als sie es f¸r unsre Verliebten war, dauerte eine
ziemliche Weile. Endlich faflte sich Agathon, und sagte in einer von
diesen z‰rtlichen Ergieflungen der Seele, an welchen die ¸berlegung keinen
Anteil hat, und worin man keine andre Absicht hat als ein volles Herz zu
erleichtern: "Ich liebe dich zu sehr, unvergleichliche Danae, und f¸hle zu
sehr, dafl ich dich nicht genug lieben kann, um dir l‰nger zu verhehlen,
wer dieser Callias ist, den du, ohne ihn zu kennen, deines Herzens w¸rdig
geachtet hast. Ich will dir das Geheimnis meines Namens und die ganze
Geschichte meines Lebens, so weit ich in selbiges zur¸ckzusehen vermag,
entdecken; und wenn du alles wissen wirst--ich weifl es, dafl ich einer so
groflen Seele, wie die deinige, alles entdecken darf--Denn wirst du
vielleicht nat¸rlich finden, dafl der fl¸chtigste Zweifel, ob es mˆglich
sein kˆnne deine Liebe zu verlieren, hinl‰nglich ist, mich elend zu machen."
Danae stutzte, wie man sich vorstellen kann, bei einer so unerwarteten
Vorrede; sie sah unsern Helden so aufmerksam an, als ob sie ihn noch nie
gesehen h‰tte, und verwunderte sich itzt ¸ber sich selbst, dafl ihr nicht
l‰ngst in die Augen gefallen war, dafl weit mehr unter ihrem Liebhaber
verborgen sei, als die Nachrichten des Hippias, und die Umst‰nde, worin
sich ihre Bekanntschaft angefangen, vermuten lieflen. Sie dankte ihm auf
die z‰rtlichste Art f¸r die Probe eines vollkommnen Zutrauens, welche er
ihr geben wolle, und nach einigen vorbereitenden Liebkosungen, womit sie
ihre Dankbarkeit best‰tigte, fing Agathon die folgende Erz‰hlung an:

SIEBENTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Die erste Jugend des Agathons

"Ich war schon achtzehn Jahre alt, eh ich denjenigen kannte, dem ich mein
Dasein zu danken habe. Von der ersten Kindheit an, in den Hallen des
delphischen Tempels erzogen, war ich gewˆhnt, die Priester des Apollo mit
diesen kindlichen Empfindungen anzusehen, welche das erste Alter ¸ber alle,
die f¸r unsre Erhaltung Sorge tragen, zu ergieflen pflegt. Ich war noch
ein kleiner Knabe, als ich schon mit dem geheiligten Gewand, welches die
jungen Diener des Gottes von den Sklaven der Priester unterschied,
bekleidet, und zum Dienst des Tempels, wozu ich gewidmet war, zubereitet
wurde.

Wer Delphi gesehen hat, wird sich nicht verwundern, dafl ein Knabe von
gef¸hlvoller Art, der beinahe von der Wiegen an daselbst erzogen worden,
unvermerkt eine Gem¸tsbildung bekommen mufl, welche ihn von den
gewˆhnlichen Menschen unterscheidet. Aufler der besondern Heiligkeit,
welche ein uraltes Vorurteil und die geglaubte Gegenwart des Pythischen
Gottes der ganzen delphischen Landschaft beigelegt hat, war in den
Bezirken des Tempels selbst kein Platz, der nicht von irgend einem
ehrw¸rdigen oder gl‰nzenden Gegenstand erf¸llt, oder durch das Andenken
irgend eines Wunders verherrlichet war. Wie nun der Anblick so vieler
wundervoller Dinge das erste war, woran meine Augen gewˆhnt wurden: So war
die Erz‰hlung wunderbarer Begebenheiten die erste m¸ndliche Unterweisung,
die ich von meinen Vorgesetzten erhielt; eine Art von Unterricht, den ich
nˆtig hatte, weil es ein Teil meines Berufs sein sollte, den Fremden, von
welchen der Tempel immer angef¸llt war, die Gem‰lde, die Schnitzwerke und
Bilder, und den uns‰glichen Reichtum von Geschenken, wovon die Hallen und
Gewˆlbe desselben schimmerten, zu erkl‰ren.

F¸r ungewohnte Augen ist vielleicht nichts blendenders als der Anblick
eines von so vielen Kˆnigen, St‰dten und reichen Partikularen in ganzen
Jahrhunderten zusammengeh‰uften Schatzes von Gold, Silber, Edelsteinen,
Perlen, Elfenbein und andern Kostbarkeiten: F¸r mich, der dieses Anblicks
gewohnt war, hatte die bescheidne Bilds‰ule eines Solon mehr Reiz, als
alle diese schimmernde Troph‰en einer abergl‰ubischen Andacht, welche ich
gar bald mit eben der verachtenden Gleichg¸ltigkeit ansahe, womit ein
Knabe die Puppen und Spielwerke seiner Kindheit anzusehen pflegt. Noch
unf‰hig, von den Verdiensten und dem wahren Wert der vergˆtterten Helden
mir einen echten Begriff zu machen, stand ich oft vor ihren Bildern, und
f¸hlte, indem ich sie betrachtete, mein Herz mit geheimen Empfindungen
ihrer Grˆfle und mit einer Bewundrung erf¸llt, wovon ich keine andre
Ursache als mein innres Gef¸hl h‰tte angeben kˆnnen. Einen noch st‰rkern
Eindruck machte auf mich die grofle Menge von Bildern der verschiednen
Gottheiten, unter welchen unsre Voreltern die erhaltenden Kr‰fte der Natur,
die manchfaltigen Vollkommenheiten des menschlichen Geistes und die
Tugenden des geselligen Lebens personifiziert haben, und wovon ich im
Tempel und in den Hainen von Delphi mich allenthalben umgeben fand. Meine
damalige Erfahrung, schˆne Danae, hat mich seitdem oftmals auf die
Betrachtung geleitet, wie grofl der Beitrag sei, welchen die schˆnen K¸nste
zu Bildung des sittlichen Menschen tun kˆnnen; und wie weislich die
Priester der Griechen gehandelt, da sie die Musen und Grazien, deren
Lieblinge ihnen so grofle Dienste getan, selbst unter die Zahl der
Gottheiten aufgenommen haben. Der wahre Vorteil der Religion, in so fern
sie eine besondere Angelegenheit des priesterlichen Ordens ist, scheinet
von der St‰rke der Eindr¸cke abzuh‰ngen, die wir in denjenigen Jahren
empfangen, worin wir noch unf‰hig sind, Untersuchungen anzustellen.
W¸rden unsre Seelen in Absicht der Gˆtter und ihres Dienstes von der
Kindheit an leere Tafeln gelassen, und anstatt der unsichern und
verworrenen aber desto lebhaftern Begriffe, welche wir durch Fabeln und
Wunder-Geschichte, und in etwas zunehmendem Alter durch die Musik und die
abbildenden K¸nste von den ¸bernat¸rlichen Gegenst‰nden bekommen, allein
mit den unverf‰lschten Eindr¸cken der Natur und den Grunds‰tzen der
Vernunft ¸berschrieben; so ist sehr zu vermuten, dafl der Aberglaube noch
grˆflere M¸he haben w¸rde, die Vernunft--als, in dem Falle, worin die
meisten sich befinden, die Vernunft M¸he hat, den Aberglauben von der
einmal eingenommenen Herrschaft zu verdr‰ngen. Der grˆflte Vorteil, den
dieser ¸ber jene hat, hanget davon ab, dafl er ihr zuvorkommt. Aber wie
leicht wird es ihm alsdenn sich einer noch unm¸ndigen Seele zu bemeistern,
wenn alle diese zauberische K¸nste, welche die Natur im Nachahmen selbst
zu ¸bertreffen scheinen, ihre Kr‰fte vereinigen, die entz¸ckten Sinnen zu
¸berraschen? Wie nat¸rlich mufl es demjenigen werden die Gottheit des
Apollo zu glauben, ja endlich sich zu bereden, dafl er ihre Gegenwart und
Einfl¸sse f¸hle, der in einem Tempel aufgewachsen ist, dessen erster
Anblick das Werk und die Wohnung eines Gottes ank¸ndet? Demjenigen, der
gewohnt ist den Apollo eines Phidias vor sich zu sehen, und das mehr als
menschliche, welches die Kenner so sehr bewundern, der Natur des
Gegenstands, nicht dem schˆpferischen Geiste des K¸nstlers zuzuschreiben?

So viel ich die Natur unsrer Seele kenne, deucht mich, dafl sich in einer
jeden, die zu einem gewissen Grade von Entwicklung gelangt, nach und nach
ein gewisses idealisches Schˆne bilde, welches (auch ohne dafl man sich's
bewuflt ist) unsern Geschmack und unsre sittliche Urteile bestimmt, und das
Modell abgibt, wornach unsre Einbildungskraft die besondern Bilder dessen
was wir grofl, schˆn und vortrefflich nennen, zu entwerfen scheint. Dieses
idealische Modell formiert sich (wie mich itzo wenigstens deucht, nachdem
neue Erfahrungen mich auf neue oder erweiterte Betrachtungen geleitet
haben) aus der Beschaffenheit und dem Zusammenhang der Gegenst‰nde, worin
wir zu leben anfangen.

Daher (wie die Erfahrung zu best‰tigen scheint) so viele besondere
Denk--und Sinnesarten als man verschiedene Erziehungen und St‰nde in der
menschlichen Gesellschaft antrifft. Daher der Spartanische Heldenmut, die
Attische Urbanit‰t, und der aufgedunsene Stolz der Asiaten; daher die
Verachtung des Geometers f¸r den Dichter, oder des spekulierenden
Kaufmanns gegen die Spekulationen des Gelehrten, die ihm unfruchtbar
scheinen, weil sie sich in keine Darici verwandeln wie die seinigen; daher

Book of the day: