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Geschichte des Agathon, Teil 1 by Christoph Martin Wieland

Part 2 out of 5

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Vorbereitung zu einem sehr interessanten Diskurs

"Wenn wir auf das Tun und Lassen der Menschen acht geben, mein lieber
Callias, so scheint zwar, dafl alle ihre Sorgen und Bem¸hungen kein andres
Ziel haben als sich gl¸cklich zu machen; allein die Seltenheit
dererjenigen die es w¸rklich sind, oder es doch zu sein glauben, beweiset
zugleich, dafl die meisten nicht wissen, durch was f¸r Mittel sie sich
gl¸cklich machen sollen, wenn sie es nicht sind; oder wie sie sich ihres
guten Gl¸ckes bedienen sollen, um in denjenigen Zustand zu kommen den man
Gl¸ckseligkeit nennt. Es gibt eben so viele die im Schofle des Ansehens,
des Gl¸cks und der Wollust, als solche die in einem Zustande von Mangel,
Dienstbarkeit und Unterdr¸ckung elend sind. Einige haben sich aus diesem
letztern Zustand emporgearbeitet, in der Meinung, dafl sie nur darum
ungl¸ckselig sein, weil es ihnen am Besitz der G¸ter des Gl¸cks fehle.
Allein die Erfahrung hat sie gelehrt, dafl wenn es eine Kunst gibt, die
Mittel zur Gl¸ckseligkeit zu erwerben, es vielleicht eine noch schwerere,
zum wenigsten eine seltnere Kunst sei, diese Mittel recht zu gebrauchen.
Es ist daher allezeit die Besch‰ftigung der Verst‰ndigsten unter den
Menschen gewesen, durch Verbindung dieser beiden K¸nste diejenige heraus
zu bringen, die man die Kunst gl¸cklich zu leben nennen kann, und in deren
w¸rklichen Aus¸bung, nach meinem Begriffe, die Weisheit besteht, die so
selten ein Anteil der Sterblichen ist. Ich nenne sie eine Kunst, weil sie
von der fertigen Anwendung gewisser Regeln abh‰ngt, die nur durch die
¸bung erlangt werden kann: Allein sie setzt wie alle K¸nste einen gewissen
Grad von F‰higkeit voraus, den nur die Natur gibt, und den sie nicht allen
zu geben pflegt. Einige Menschen scheinen kaum einer grˆflern
Gl¸ckseligkeit f‰hig zu sein als die Austern, und wenn sie ja eine Seele
haben, so ist es nur so viel als sie brauchen, um ihren Leib eine Zeitlang
vor der F‰ulnis zu bewahren. Ein grˆflerer und vielleicht der grˆflte Teil
der Menschen befindet sich nicht in diesem Fall; aber weil es ihnen an
genugsamer St‰rke des Gem¸ts, und an einer gewissen Z‰rtlichkeit der
Empfindung mangelt, so ist ihr Leben gleich dem Leben der ¸brigen Tiere
des Erdbodens, zwischen Vergn¸gen, die sie weder zu w‰hlen noch zu
genieflen, und Schmerzen, denen sie weder zu widerstehen noch zu entfliehen
wissen, geteilt. Wahn und Leidenschaften sind die Triebfedern dieser
menschlichen Maschinen; beide setzen sie einer unendlichen Menge von ¸beln
aus, die es nur in einer betrognen Einbildung, aber eben darum wo nicht
schmerzlicher doch anhaltender und unheilbarer sind, als diejenigen die
uns die Natur auferlegt. Diese Art von Menschen ist keines gesetzten und
anhaltenden Vergn¸gens, keines Zustandes von Gl¸ckseligkeit f‰hig; ihre
Freuden sind Augenblicke, und ihre ¸brige Dauer ist entweder ein
w¸rkliches Leiden, oder ein unaufhˆrliches Gef¸hl verworrner W¸nsche, eine
immerw‰hrende Ebbe und Flut von Furcht und Hoffnung, von Phantasien und
Gel¸sten; kurz eine unruhige Bewegung die weder ein gewisses Mafl noch ein
festes Ziel hat, und also weder ein Mittel zur Erhaltung dessen was gut
ist sein kann, noch dasjenige genieflen l‰flt, was man w¸rklich besitzt. Es
scheint also unmˆglich zu sein, ohne eine gewisse Z‰rtlichkeit der
Empfindung, die uns in einer weitern Sph‰re, mit feinern Sinnen und auf
eine angenehmere Art genieflen l‰flt, und ohne diejenige St‰rke der Seele,
die uns f‰hig macht das Joch der Phantasie und des Wahns abzusch¸tteln,
und die Leidenschaften in unsrer Gewalt zu haben, zu demjenigen ruhigen
Zustande von Genufl und Zufriedenheit zu kommen, der die Gl¸ckseligkeit
ausmacht. Nur derjenige ist in der Tat gl¸cklich, der sich von den ¸beln
die nur in der Einbildung bestehen, g‰nzlich frei zu machen; diejenigen
aber, denen die Natur den Menschen unterworfen hat, entweder zu vermeiden,
oder doch zu vermindern--und das Gef¸hl derselben einzuschl‰fern, hingegen
sich in den Besitz alles des Guten, dessen uns die Natur f‰hig gemacht hat,
zu setzen, und was er besitzt, auf die angenehmste Art zu genieflen weifl;
und dieser Gl¸ckselige allein ist der Weise.

Wenn ich dich anders recht kenne, Callias, so hat dich die Natur mit den
F‰higkeiten es zu sein so reichlich begabt, als mit den Vorz¸gen, deren
kluger Gebrauch uns die Gunstbezeugungen des Gl¸cks zu verschaffen pflegt.
Dem ungeachtet bist du weder gl¸cklich, noch hast du die Miene es jemals
zu werden, so lange du nicht gelernt haben wirst, von beiden einen andern
Gebrauch zu machen als du bisher getan hast. Du wendest die St‰rke deiner
Seele an, dein Herz gegen das wahre Vergn¸gen unempfindlich zu machen, und
besch‰ftigest deine Empfindlichkeit mit unwesentlichen Gegenst‰nden, die
du nur in der Einbildung siehest, und nur im Traume genieflest; die
Vergn¸gungen, welche die Natur dem Menschen zugeteilt hat, sind f¸r dich
Schmerzen, weil du dir Gewalt antun muflt sie zu entbehren; und du setzest
dich allen ¸beln aus, die sie uns vermeiden lehrt, indem du anstatt einer
n¸tzlichen Gesch‰ftigkeit dein Leben mit den s¸flen Einbildungen
wegtr‰umest, womit du dir die Beraubung des w¸rklichen Vergn¸gens zu
ersetzen suchst. Dein ¸bel, mein lieber Callias, entspringt von einer
Einbildungskraft, die dir ihre Geschˆpfe in einem ¸berirdischen Glanze
zeigt, der dein Herz verblendet, und ein falsches Licht ¸ber das was
w¸rklich ist ausbreitet; einer dichterischen Einbildungskraft, die sich
besch‰ftiget schˆnere Schˆnheiten, und angenehmere Vergn¸gungen zu
erfinden als die Natur hat; einer Einbildungskraft, ohne welche weder
Homere, noch Alcamene, noch Polygnote w‰ren; welche gemacht ist unsre
Ergˆtzungen zu verschˆnern, aber nicht die F¸hrerin unsers Lebens zu sein.
Um weise zu sein, hast du nichts nˆtig als die gesunde Vernunft an die
Stelle dieser begeisterten Zauberin, und die kalte ¸berlegung an den Platz
eines sehr oft betr¸glichen Gef¸hls zu setzen. Bilde dir auf etliche
Augenblick' ein, dafl du den Weg zur Gl¸ckseligkeit erst suchen m¸ssest;
frage die Natur, hˆre ihre Antwort, und folge dem Pfade, den sie dir
vorzeichnen wird."

ZWEITES KAPITEL

Theorie der angenehmen Empfindungen

"Und wen anders als die Natur kˆnnen wir fragen, um zu wissen wie wir
leben sollen, um wohl zu leben? Die Gˆtter? Wenn eine Gottheit ist, so
ist sie entweder die Natur selbst, oder die Urheberin der Natur; in beiden
F‰llen ist die Stimme der Natur die Stimme der Gottheit. Sie ist die
allgemeine Lehrerin aller Wesen; sie lehrt jedes Tier vom Elephanten bis
zum Insekt, was seiner besondern Verfassung gut oder sch‰dlich ist. Um so
gl¸cklich zu sein als es diese innerliche Einrichtung erlaubt, braucht das
Tier nichts weiter, als dieser Stimme der Natur zu folgen, welche bald
durch den s¸flen Zug des Vergn¸gens, bald durch das ungedultige Fodern des
Bed¸rfnisses, bald durch das ‰ngstliche Pochen des Schmerzens es zu
demjenigen locket, was ihm zutr‰glich ist, oder es zur Erhaltung seines
Lebens und seiner Gattung auffordert, oder es vor demjenigen warnet, was
seinem Wesen die Zerstˆrung dr‰uet. Sollte der Mensch allein von dieser
m¸tterlichen Vorsorge ausgenommen sein, oder er allein irren kˆnnen, wenn
er der Stimme folget, die zu allen Wesen redet? Oder ist nicht vielmehr
die Unachtsamkeit und der Ungehorsam gegen ihre Erinnerungen die einzige
wahre Ursache, warum unter einer unendlichen Menge von lebenden Wesen der
Mensch das einzige Ungl¸ckselige ist?

Die Natur hat allen ihren Werken eine gewisse Einfalt eingedr¸ckt, die
ihre m¸hsamen Anstalten und eine genaue Regelm‰fligkeit unter einem Schein
von Leichtigkeit und ungezwungner Anmut verbirgt. Mit diesem Stempel
sind auch die Gesetze der Gl¸ckseligkeit bezeichnet, die sie dem Menschen
vorgeschrieben hat. Sie sind einf‰ltig, leicht auszu¸ben, und f¸hren
gerade und sicher zum Zweck. Die Kunst gl¸cklich zu leben, w¸rde die
gemeinste unter allen K¸nsten sein, wie sie die leichteste ist, wenn die
Menschen nicht gewohnt w‰ren sich einzubilden, dafl man grofle Absichten
nicht anders, als durch grofle Anstalten erreichen kˆnne. Es scheint ihnen
zu einf‰ltig, dafl alles was ihnen die Natur durch den Mund der Weisheit zu
sagen hat, in diese drei Erinnerungen zusammen flieflen soll: Befriedige
deine Bed¸rfnisse, vergn¸ge alle deine Sinnen, und erspare dir so viel du
kannst alle schmerzhaften Empfindungen. Und doch wird dich eine kleine
Aufmerksamkeit ¸berf¸hren, dafl die vollst‰ndigste Gl¸ckseligkeit deren die
Sterblichen f‰hig sind, in die Linie eingeschlossen ist, die von diesen
dreien Formuln bezeichnet wird.

Es hat Narren gegeben, welche die Frage m¸hsam untersucht haben, ob das
Vergn¸gen ein Gut, und der Schmerz ein ¸bel sei? Es hat noch grˆflere
Narren gegeben, welche w¸rklich behaupteten, der Schmerz sei kein ¸bel,
und das Vergn¸gen kein Gut; und was das lustigste dabei ist, beide haben
Toren gefunden, die albern genug waren, diese Narren f¸r weise zu halten.
Das Vergn¸gen ist kein Gut, sagen sie, weil es F‰lle gibt wo der Schmerz
ein grˆfleres Gut ist; und der Schmerz ist kein ¸bel, weil er zuweilen
besser ist als das Vergn¸gen. Sind diese Wortspiele einer Antwort wert?
Was w¸rd' ein Zustand sein, der in einem vollst‰ndigen unaufhˆrlichen
Gef¸hl des hˆchsten Grades aller mˆglichen Schmerzen best¸nde? Wenn dieser
Zustand das hˆchste ¸bel ist, so ist der Schmerz ein ¸bel. Doch wir
wollen die Schw‰tzer mit Worten spielen lassen, die ihnen bedeuten m¸ssen
was sie wollen. Die Natur entscheidet diese Frage, wenn es eine sein kann,
auf eine Art, die keinen Zweifel ¸brig l‰flt. Wer ist, der nicht lieber
vernichtet als unaufhˆrlich gepeiniget werden wollte? Wer sieht nicht
einen schˆnen Gegenstand lieber, als einen ekelhaften? Wer hˆrt nicht
lieber den Gesang der Grasm¸cke, als das Geheul der Nachteule? Wer zieht
nicht einen angenehmen Geruch oder Geschmack einem widrigen vor? Und
w¸rde nicht der enthaltsame Callias selbst lieber auf einem Lager von
Blumen in den Rosenarmen irgend einer schˆnen Nymphe ruhen, als in den
gl¸henden Armen des ehernen Gˆtzenbildes, welchem die Andacht gewisser
Syrischer Vˆlker, wie man sagt, ihre Kinder opfert? Eben so wenig scheint
es einem Zweifel unterworfen zu sein, dafl der Schmerz und das Vergn¸gen so
unvertr‰glich sind, dafl eine einzige gepeinigte Nerve genug ist, uns gegen
die vereinigten Reizungen aller Woll¸ste unempfindlich zu machen. Die
Freiheit von allen Arten der Schmerzen ist also unstreitig eine
unumg‰ngliche Bedingung der Gl¸ckseligkeit; allein da sie nichts positives
ist, so ist sie nicht so wohl ein Gut, als der Zustand, worin man des
Genusses des Guten f‰hig ist. Dieser Genufl allein ist es, dessen Dauer
den Stand hervorbringt, den man Gl¸ckseligkeit nennt.

Es ist unleugbar, dafl nicht alle Arten und Grade des Vergn¸gens gut sind.
Die Natur allein hat das Recht uns die Vergn¸gen anzuzeigen, die sie uns
bestimmt hat. So unendlich die Menge dieser angenehmen Empfindungen zu
sein scheint, so ist doch leicht zu sehen, dafl sie alle entweder zu den
Vergn¸gungen der Sinne, oder der Einbildungskraft, oder zu einer dritten
Klasse, die aus beiden zusammen gesetzt ist, gehˆren. Die Vergn¸gen der
Einbildungskraft sind entweder Erinnerungen an ehmals genossene sinnliche
Vergn¸gen; oder Mittel uns den Genufl derselben reizender zu machen; oder
angenehme Dichtungen und Tr‰ume, die entweder in einer neuen willk¸rlichen
Zusammensetzung der angenehmen Ideen, die uns die Sinne gegeben, oder in
einer dunkel eingebildeten Erhˆhung der Grade jener Vergn¸gen, die wir
erfahren haben, bestehen. Es sind also, wenn man genau reden will, alle
Vergn¸gungen im Grunde sinnlich, indem sie, es sei nun unmittelbar oder
vermittelst der Einbildungskraft, von keinen andern als sinnlichen
Vorstellungen entstehen kˆnnen.

Die Philosophen reden von Vergn¸gen des Geistes, von Vergn¸gen des Herzens,
von Vergn¸gen der Tugend. Alle diese Vergn¸gen sind es f¸r die Sinnen
oder f¸r die Einbildungskraft, oder sie sind nichts. Warum ist Homer
unendlich mal angenehmer zu lesen als Heraclitus? Weil die Gedichte des
ersten eine Reihe von Gem‰lden darstellen, die entweder durch die
eigent¸mliche Reizungen des Gegenstandes, oder die Lebhaftigkeit der
Farben, oder einen Kontrast, der das Vergn¸gen durch eine kleine Mischung
mit widrigen Empfindungen erhˆhet, oder die Erregung angenehmer Bewegungen,
unsre Phantasie bezaubern.--Da die trocknen Schriften des Philosophen
nichts darstellen, als eine Reihe von Wˆrtern, womit man abgezogne
Begriffe bezeichnet, von denen sich die Einbildungskraft nicht anders als
mit vieler Anstrengung und einer best‰ndigen Bem¸hung, die g‰nzliche
Verwirrung so vieler unbestimmter Schattenbilder zu verh¸ten, einige Ideen
machen kann; wenn anders dasjenige so genennt zu werden verdient, was in
Absicht seines wirklichen Gegenstands in der Natur, kaum so viel ist als
ein Schatten gegen den Kˆrper der ihn zu werfen scheint. Es ist wahr, es
gibt abgezogene Begriffe, die f¸r gewisse enthusiastische Seelen
entz¸ckend sind; aber warum sind sie es? In der Tat blofl darum, weil ihre
Einbildungskraft sie auf eine schlaue Art zu verkˆrpern weifl. Untersuche
alle angenehmen Ideen von dieser Art, so unkˆrperlich und geistig sie
scheinen mˆgen, und du wirst finden, dafl das Vergn¸gen, so sie deiner
Seele machen, von den sinnlichen Vorstellungen entsteht, womit sie
begleitet sind. Bem¸he dich so sehr als du willst, dir Gˆtter ohne
Gestalt, ohne Glanz, ohne etwas das die Sinnen r¸hrt, vorzustellen; es
wird dir unmˆglich sein. Der Jupiter des Homer und Phidias, die Idee
eines Hercules oder Theseus, wie unsre Einbildungskraft sich diese Helden
vorzustellen pflegt, die Ideen eines ¸berirdischen Glanzes, einer mehr als
menschlichen Schˆnheit, eines ambrosischen Geruchs, werden sich unvermerkt
an die Stelle derjenigen setzen, die du dich vergeblich zu machen
bestrebest; und du wirst noch immer an dem irdischen Boden kleben, wenn du
schon in den empyreischen Gegenden zu schweben glaubst. Sind die
Vergn¸gen des Herzens weniger sinnlich? Sie sind die Allersinnlichsten.
Ein gewisser Grad derselben verbreitet eine woll¸stige W‰rme durch unser
ganzes Wesen, belebt den Umlauf des Blutes, ermuntert das Spiel der Fibern,
und setzt unsre ganze Maschine in einen Zustand von Behaglichkeit, der
sich der Seele um so mehr mitteilet, als ihre eigne nat¸rliche
Verrichtungen auf eine angenehme Art dadurch erleichtert werden. Die
Bewunderung, die Liebe, das Verlangen, die Hoffnung, das Mitleiden, jeder
z‰rtliche Affekt bringt diese W¸rkung in einigem Grad hervor, und ist
desto angenehmer, je mehr er sich derjenigen Wollust n‰hert, die unsre
Alten w¸rdig gefunden haben, in der Gestalt der personifizierten Schˆnheit,
aus deren Genufl sie entspringt, unter die Gˆtter gesetzt zu werden.
Derjenige, den sein Freund niemals in Entz¸ckungen gesetzt hat, die den
Entz¸ckungen der Liebe ‰hnlich sind, ist nicht berechtiget von den
Vergn¸gen der Freundschaft zu reden. Was ist das Mitleiden, welches uns
zur Gutt‰tigkeit treibt? Wer anders ist desselben f‰hig als diese
empfindlichen Seelen, deren Auge durch den Anblick, deren Ohr durch den
‰chzenden Ton des Schmerzens und Elends gequ‰let wird, und die in dem
Augenblick, da sie die Not eines Ungl¸cklichen erleichtern, beinahe
dasselbige Vergn¸gen f¸hlen, welches sie in eben diesem Augenblick an
seiner Stelle gef¸hlt h‰tten? Wenn das Mitleiden nicht ein woll¸stiges
Gef¸hl ist, warum r¸hrt uns nichts so sehr als die leidende Schˆnheit?
Warum lockt die klagende Ph‰dra in der Nachahmung z‰rtliche Tr‰nen aus
unsern Augen, da die winselnde H‰fllichkeit in der Natur nichts als Ekel
erweckt? Und sind etwan die Vergn¸gen der Wohlt‰tigkeit und Menschenliebe
weniger sinnlich? Dasjenige, was in dir vorgehen wird, wenn du dir die
kontrastierenden Gem‰lde einer ge‰ngstigten und einer frˆhlichen Stadt
vorstellest, die Homer auf den Schild des Achilles setzt, wird dir diese
Frage auflˆsen! Nur diejenigen, die der Genufl des Vergn¸gens in die
lebhafteste Entz¸ckung setzt, sind f‰hig, von den lachenden Bildern einer
allgemeinen Freude und Wonne so sehr ger¸hrt zu werden, dafl sie dieselbige
aufler sich zu sehen w¸nschen; das Vergn¸gen der Gutt‰tigkeit wird allemal
mit demjenigen in Verh‰ltnis stehen, welches ihnen der Anblick eines
vergn¸gten Gesichts, eines frˆhlichen Tanzes, einer ˆffentlichen
Lustbarkeit macht; und es ist nur der Vorteil ihres Vergn¸gens, je
allgemeiner diese Szene ist. Je grˆfler die Anzahl der Frˆhlichen und die
Mannigfaltigkeit der Freuden, desto grˆfler die Wollust, wovon diese Art
von Menschen, an denen alles Sinn, alles Herz und Seele ist, beim Anblick
derselben ¸berstrˆmet werden. Lafl uns also gestehen, Callias, dafl alle
Vergn¸gen, die uns die Natur anbeut, sinnlich sind; und dafl die
hochfliegendste, abgezogenste und geistigste Einbildungskraft uns keine
andre verschaffen kann, als solche, die wir auf eine weit vollkommnere Art
aus dem rosenbekr‰nzten Becher, und von den Lippen der schˆnen Cyane
saugen kˆnnten.

Es ist wahr, es gibt noch eine Art von Vergn¸gen, die beim ersten Anblick
eine Ausnahme von meinem Satz zu machen scheint. Man kˆnnte sie
k¸nstliche nennen, weil wir sie nicht aus den H‰nden der Natur empfangen,
sondern nur gewissen ¸bereinkommnissen der menschlichen Gesellschaft zu
danken haben, durch welche dasjenige, was uns dieses Vergn¸gen macht, die
Bedeutung eines Gutes erhalten hat. Allein die kleinste ¸berlegung ist
hinl‰nglich uns zu ¸berzeugen, dafl diese Dinge uns keine andre Art von
Vergn¸gen machen, als die wir vom Besitz des Geldes haben; welches wir mit
Gleichg¸ltigkeit ansehen w¸rden, wenn es uns nicht f¸r alle die w¸rklichen
Vergn¸gen Gew‰hr leistete, die wir uns dadurch verschaffen kˆnnen. Von
dieser Art ist dasjenige, welches der Ehrgeizige empfindet, wenn ihm
Bezeugungen einer scheinbaren Hochachtung oder Unterw¸rfigkeit gemacht
werden, die ihm als Zeichen seines Ansehens und der Macht, die ihm
dasselbe ¸ber andre gibt, angenehm sind. Ein morgenl‰ndischer Despot
bek¸mmert sich wenig um die Hochachtung seiner Vˆlker; sklavische
Unterw¸rfigkeit ist f¸r ihn genug. Ein Mensch hingegen, dessen Gl¸ck in
den H‰nden solcher Leute liegt, die seines gleichen sind, ist genˆtiget,
sich ihre Hochachtung zu erwerben. Allein diese Unterw¸rfigkeit ist dem
Despoten, diese Hochachtung ist dem Republikaner nur darum angenehm, weil
sie das Vermˆgen oder die Gelegenheit gibt, die Leidenschaften und die
Begierden desto besser zu befriedigen, welche die unmittelbaren Quellen
des Vergn¸gens sind. Warum ist Alcibiades ehrgeizig? Alcibiades bewirbt
sich um einen Ruhm, der seine Ausschweifungen, seinen ¸bermut, seinen
schleppenden Purpur, seine Schm‰use und Liebesh‰ndel bedeckt; der es den
Atheniensern ertr‰glich macht, den Liebesgott, mit dem Blitze Jupiters
bewaffnet, auf dem Schilde seines Feldherrn zu sehen; der die Gemahlin
eines spartanischen Kˆnigs so sehr verblendet, dafl sie stolz darauf ist,
f¸r seine Buhlerin gehalten zu werden. Ohne diese Vorteile w¸rde ihm
Ansehn und Ruhm so gleichg¸ltig sein, als ein Haufen Rechenpfennige einem
corinthischen Wucherer. 'Allein', spricht man, 'wenn es seine Richtigkeit
hat, dafl die Vergn¸gen der Sinne alles sind, was uns die Natur zuerkannt
hat, was ist leichter und was braucht weniger Kunst und Anstalten, als
gl¸cklich zu sein? Wie wenig bedarf die Natur um zu frieden zu sein?' Es
ist wahr, die rohe Natur bedarf wenig. Ihre Unwissenheit ist ihr Reichtum.
Eine Bewegung, die seinen Kˆrper munter erh‰lt, eine Nahrung die den
Hunger stillt, ein Weib, schˆn oder h‰fllich, wenn ihn die Ungeduld eines
gewissen Bed¸rfnisses beunruhiget, ein schattichter Rasen, wenn er des
Schlafs bedarf, und eine Hˆhle, sich vor dem Ungewitter zu sichern, ist
alles was der wilde Mensch nˆtig hat, um in dem Lauf von achtzig oder
hundert Jahren sich nur nicht einmal einfallen zu lassen, dafl man mehr
brauchen kˆnne. Die Vergn¸gen der Einbildungskraft und des Geschmacks
sind nicht f¸r ihn; er genieflt nicht mehr als die ¸brigen Tiere, und
genieflt wie sie. Wenn er gl¸cklich ist, weil er sich nicht f¸r
ungl¸cklich h‰lt, so ist er es doch nicht in Vergleichung mit demjenigen,
f¸r den die K¸nste des Witzes und des Geschmacks die angenehmste Art der
Bed¸rfnisse der Natur zu genieflen, und eine unendliche Menge von
Ergˆtzungen der Sinne und der Einbildung erfunden haben, wovon die Natur
in dem rohen Zustande, worin wir sie uns in den ‰ltesten Zeiten vorstellen,
keinen Begriff hat. Diese Vergleichung, es ist wahr, findet nur in dem
Stand einer Gesellschaft statt, die sich in einer langen Reihe von
Jahrhunderten endlich zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit erhoben
hat. In einem solchen aber wird alles das zum Bed¸rfnis, was der Wilde
nur darum nicht vermisset, weil es ihm unbekannt ist; und ein Diogenes
kˆnnte zu Corinth nicht gl¸cklich sein, wenn er nicht ein Narr w‰re.
Gewisse poetische Kˆpfe haben sich ein goldnes Alter, ein Arcadien, ein
angenehmes Hirtenleben getr‰umt, welches zwischen der rohen Natur und der
Lebensart des beg¸terten Teils eines gesitteten und sinnreichen Volkes das
Mittel halten soll. Sie haben die verschˆnerte Natur von allem demjenigen
entkleidet, wodurch sie verschˆnert worden ist, und dieses idealische
Wesen die schˆne Natur genannt. Allein auflerdem, dafl diese schˆne Natur,
in dieser nackten Einfalt, welche man ihr gibt, niemals irgendwo vorhanden
war; wer siehet nicht, dafl die Lebensart des goldnen Alters der Dichter,
zu derjenigen, welche durch die K¸nste mit allem bereichert und ausgeziert
worden, was der Witz zu erfinden f‰hig ist, um uns in den Armen einer
ununterbrochnen Wollust, vor dem ¸berdrufl der S‰ttigung zu bewahren; dafl,
sage ich, jene dichtrische Lebensart zu dieser sich eben so verh‰lt, wie
die Lebensart des wildesten Sogdianers zu jener? Wenn es angenehmer ist
in einer bequemen H¸tte zu wohnen als in einem hohlen Baum, so ist es noch
angenehmer in einem ger‰umigen Hause zu wohnen, das mit den
ausgesuchtesten und woll¸stigsten Bequemlichkeiten versehen, und, wohin
man die Augen wendet, mit Bildern des Vergn¸gens ausgeziert ist; und wenn
eine mit B‰ndern und Blumen geschm¸ckte Phyllis reizender ist als eine
schmutzige und zottichte Wilde, mufl nicht eine von unsern Schˆnen, deren
nat¸rliche Reizungen durch einen wohlausgesonnenen und schimmernden Putz
erhoben werden, um eben so viel besser gefallen als eine Phyllis?"

DRITTES KAPITEL

Die Geisterlehre eines echten Materialisten

"Wir haben die Natur gefragt, Callias, worin die Gl¸ckseligkeit bestehe,
die sie uns zugedacht habe, und wir haben ihre Antwort. Ein
schmerzenfreies Leben, die angenehmste Befriedigung unsrer nat¸rlichen
Bed¸rfnisse, und der abwechslende Genufl aller Arten von Vergn¸gen, womit
die Einbildungskraft, der Witz und die K¸nste unsern Sinnen zu schmeicheln
f‰hig sind.--Dieses ist alles was der Mensch fodern kann, und wenn es eine
erhabnere Art von Gl¸ckseligkeit gibt, so kˆnnen wir wenigstens gewifl sein,
dafl sie nicht f¸r uns gehˆrt, da wir nicht einmal f‰hig sind, uns eine
Vorstellung davon zu machen. Es ist wahr, der enthusiastische Teil unter
den Verehrern der Gˆtter schmeichelt sich mit einer zuk¸nftigen
Gl¸ckseligkeit, zu welcher die Seele nach der Zerstˆrung des Kˆrpers erst
gelangen soll. Die Seele, sagen sie, war ehmals eine Freundin und
Gespielin der Gˆtter, sie war unsterblich wie sie, und begleitete (wie
Plato homerisiert) den gefl¸gelten Wagen Jupiters, um mit den ¸brigen
Unsterblichen die unverg‰ngliche Schˆnheiten zu beschauen, womit die
unermefllichen R‰ume ¸ber den Sph‰ren erf¸llt sind. Ein Krieg, der unter
den Bewohnern der unsichtbaren Welt entstand, verwickelte sie in den Fall
der Besiegten; sie ward vom Himmel gest¸rzt, und in den Kerker eines
tierischen Leibes eingeschlossen, um durch den Verlust ihrer ehmaligen
Wonne, in einem Zustand, der eine Kette von Plagen und Schmerzen ist, ihre
Schuld auszutilgen. Das unendliche Verlangen, der nie gestillte Durst
nach einer Gl¸ckseligkeit, die sie in keinem irdischen Gut findet, ist das
einzige, das ihr zu ihrer Qual von ihrem vormaligen Zustand ¸brig
geblieben ist; und es ist unmˆglich, dafl sie diese vollkommne Seligkeit,
wodurch sie allein befriediget werden kann, wieder erlange, eh sie sich
wieder in ihren urspr¸nglichen Stand, in das reine Element der Geister
empor geschwungen hat. Sie ist also vor dem Tode keiner andern
Gl¸ckseligkeit f‰hig als derjenigen, deren sie durch eine freiwillige
Absonderung von allen irdischen Dingen, durch Ertˆdung aller irdischen
Leidenschaften und Entbehrung aller sinnlichen Vergn¸gen, f‰hig gemacht
wird. Nur durch diese Entkˆrperung wird sie der Beschauung der
wesentlichen und gˆttlichen Dinge f‰hig, worin die Geister ihre einzige
Nahrung und diese vollkommne Wonne finden, wovon die sinnlichen Menschen
sich keinen Begriff machen kˆnnen. Solchergestalt kann sie nur, nachdem
sie durch verschiedne Grade der Reinigung, von allem was tierisch und
kˆrperlich ist, ges‰ubert worden, sich wieder zu der ¸berirdischen Sph‰re
erheben, mit den Gˆttern leben, und im Unverwandten Anschauen des
wesentlichen und ewigen Schˆnen, wovon alles Sichtbare blofl der Schatten
ist, Ewigkeiten durchleben, die eben so grenzenlos sind, als die Wonne,
von der sie ¸berstrˆmet werden.

Ich zweifle nicht daran, Callias, dafl es Leute geben mag, bei denen die
Milzsucht hoch genug gestiegen ist, dafl diese Begriffe eine Art von
Wahrheit f¸r sie haben. Es ist auch nichts leichters, als dafl junge Leute
von lebhafter Empfindung und feurigen Einbildungskraft, durch eine einsame
Lebensart und den Mangel solcher Gegenst‰nde und Freuden, worin sich
dieses ¸berm‰flige Feuer verzehren kˆnnte, von diesen hochfliegenden
Schim‰ren eingenommen werden, welche so geschickt sind, ihre nach
Vergn¸gen lechzende Einbildungskraft durch eine Art von Wollust zu
t‰uschen, die nur desto lebhafter ist, je verworrener und dunkler die
bezaubernden Phantomen sind die sie hervorbringen; allein ob diese Tr‰ume
aufler dem Gehirn ihrer Erfinder, und derjenigen, deren Einbildungskraft so
gl¸cklich ist ihnen nachfliegen zu kˆnnen, einige Wahrheit oder
W¸rklichkeit haben, ist eine Frage, deren Erˆrterung nicht zum Vorteil
derselben ausf‰llt, wenn sie der gesunden Vernunft aufgetragen wird. Je
weniger die Menschen wissen, desto geneigter sind sie, zu w‰hnen und zu
glauben. Wem anders als der Unwissenheit und dem Aberglauben der ‰ltesten
Welt haben die Nymphen und Faunen, die Najaden und Tritonen, die Furien
und die erscheinenden Schatten der Verstorbnen ihre vermeinte W¸rklichkeit
zu danken? Je besser wir die Kˆrperwelt kennen lernen, desto enger werden
die Grenzen des Geister-Reichs. Ich will itzo nichts davon sagen, ob es
wahrscheinlich sei, dafl die Priesterschaft, die von jeher einen so
zahlreichen Orden unter den Menschen ausgemacht, bald genug die Entdeckung
machen muflte, was f¸r grofle Vorteile man durch diesen Hang der Menschen
zum Wunderbaren von ihren beiden heftigsten Leidenschaften, der Furcht und
der Hoffnung, ziehen kˆnne. Wir wollen bei der Sache selbst bleiben.
Worauf gr¸ndet sich die erhabne Theorie, von der wir reden? Wer hat
jemals diese Gˆtter, diese Geister gesehen, deren Dasein sie voraussetzt?
Welcher Mensch erinnert sich dessen, dafl er ehmals ohne Kˆrper in den
‰therischen Gegenden geschwebt, den gefl¸gelten Wagen Jupiters begleitet,
und mit den Gˆttern Nektar getrunken habe? Was f¸r einen sechsten oder
siebenten Sinn haben wir, um die W¸rklichkeit der Gegenst‰nde damit zu
erkennen, womit man die Geisterwelt bevˆlkert? Sind es unsre innerlichen
Sinnen? Was sind diese anders als das Vermˆgen der Einbildungskraft die
W¸rkungen der ‰uflern Sinnen nachzu‰ffen? Was sieht das inwendige Auge
eines Blindgebornen? Was hˆrt das innere Ohr eines gebornen Tauben? Oder
was sind diese Szenen, in welche die erhabenste Einbildungskraft
auszuschweifen f‰hig ist, anders als neue Zusammensetzungen, die sie
gerade so macht, wie ein M‰dchen aus den Blumen, die in einem Parterre
zerstreut stehen, einen Kranz flicht; oder hˆhere Grade dessen was die
Sinnen w¸rklich empfunden haben, von welchen man jedoch immer unf‰hig
bleibt, sich einige klare Vorstellung zu machen; denn was empfinden wir
bei dem ‰therischen Schimmer, oder den ambrosischen Ger¸chen der
homerischen Gˆtter? Wir sehen, wenn ich so sagen kann, den Schatten eines
Glanzes in unsrer Einbildung; wir glauben einen lieblichen Geruch zu
empfinden; aber wir sehen keinen ‰therischen Glanz, und empfinden keinen
ambrosischen Geruch. Kurz, man verbiete den Schˆpfern der ¸berirdischen
Welten sich keiner irdischen und sinnlichen Materialien zu bedienen, so
werden ihre Welten, um mich eines ihrer Ausdr¸cke zu bedienen, plˆtzlich
wieder in den Schofl des Nichts zur¸ckfallen, woraus sie gezogen worden.
Und brauchen wir wohl noch einen andern Beweis, um uns diese ganze Theorie
verd‰chtig zu machen, als die Methode, die man uns vorschreibt, um zu der
geheimnisvollen Gl¸ckseligkeit zu gelangen, welcher wir diejenige
aufopfern sollen, die uns die Natur und unsre Sinnen anbieten? Wir sollen
uns den sichtbaren Dingen entziehen, um die unsichtbaren zu sehen; wir
sollen aufhˆren zu empfinden, damit wir desto lebhafter phantasieren
kˆnnen. 'Verstopfet eure Sinnen', sagen sie, 'so werdet ihr Dinge sehen
und hˆren, wovon diese tierischen Menschen, die gleich dem Vieh mit den
Augen sehen, und mit den Ohren hˆren, sich keinen Begriff machen kˆnnen.'
Eine vortreffliche Di‰t, in Wahrheit; die Sch¸ler des Hippokrates werden
dir beweisen, dafl man keine bessere erfinden kann, um wahnwitzig zu werden.
Es scheint also sehr wahrscheinlich, dafl alle diese Geister, diese
Welten, welche sie bewohnen, und diese Gl¸ckseligkeiten, welche man nach
dem Tode mit ihnen zu teilen hofft, nicht mehr Wahrheit haben, als die
Nymphen, die Liebesgˆtter und die Grazien der Dichter, als die G‰rten der
Hesperiden und die Inseln der Circe und Calypso; kurz, als alle diese
Spiele der Einbildungskraft, welche uns belustigen, ohne dafl wir sie f¸r
w¸rklich halten. Die Religion unsrer V‰ter befiehlt uns einen Jupiter,
eine Venus zu glauben; ganz gut; aber was f¸r eine Vorstellung macht man
uns von ihnen? Jupiter soll ein Gott, Venus eine Gˆttin sein: Allein der
Jupiter des Phidias ist nichts mehr als ein heroischer Mann, noch die
Venus des Praxiteles mehr als ein schˆnes Weib; von dem Gott und der
Gˆttin hat kein Mensch in Griechenland den mindesten Begriff. Man
verspricht uns nach dem Tod ein unsterbliches Leben bei den Gˆttern; aber
die Begriffe die wir uns davon machen, sind entweder aus den sinnlichen
Woll¸sten, oder den feinern und geistigern Freuden, die wir in diesem
Leben erfahren haben, zusammengesetzt; es ist also klar, dafl wir gar keine
echte Vorstellung von dem Leben der Geister und von ihren Freuden haben.
Ich will hiemit nicht leugnen, dafl es Gˆtter, Geister oder vollkommnere
Wesen als wir sind, haben kˆnne oder w¸rklich habe. Alles was meine
Schl¸sse zu beweisen scheinen, ist dieses, dafl wir unf‰hig sind, uns eine
richtige Idee von ihnen zu machen, oder kurz, dafl wir nichts von ihnen
wissen. Wissen wir aber nichts, weder von ihrem Zustande noch von ihrer
Natur, so ist es f¸r uns eben so viel, als ob sie gar nicht w‰ren.
Anaxagoras bewies mir einst mit dem ganzen Enthusiasmus eines Sternsehers,
dafl der Mond Einwohner habe. Vielleicht sagte er die Wahrheit. Allein
was sind diese Mondbewohner f¸r uns? Meinest du, der Kˆnig Philippus
werde sich die mindeste Sorge machen, die Griechen mˆchten sie gegen ihn
zu H¸lfe rufen? Es mˆgen Einwohner im Monde sein; f¸r uns ist der Mond
weder mehr noch weniger als eine leere gl‰nzende Scheibe, die unsre N‰chte
erheitert, und unsre Zeit abmiflt. Hat es aber diese Bewandtnis, wie es
denn nicht anders sein kann, wie tˆricht ist es, den Plan seines Lebens
nach Schim‰ren einzurichten, und sich der Gl¸ckseligkeit deren man
w¸rklich genieflen kˆnnte, zu begeben, um sich mit ungewissen Hoffnungen zu
weiden; die Frucht seines Daseins zu verlieren, so lange man lebt, in
Hoffnung sich daf¸r schadlos zu halten, wenn man nicht mehr sein wird!
Denn dafl wir itzt leben, und dafl dieses Leben aufhˆren wird, das wissen
wir gewifl; ob ein andres alsdann anfange, ist wenigstens ungewifl, und wenn
es auch w‰re, so ist es doch unmˆglich, das Verh‰ltnis desselben gegen das
itzige zu bestimmen, da wir kein Mittel haben uns einen echten Begriff
davon zu machen. Lafl uns also den Plan unsers Lebens auf das gr¸nden, was
wir kennen und wissen; und nachdem wir gefunden haben, was das gl¸ckliche
Leben ist, den geradesten und sichersten Weg suchen, auf dem wir dazu
gelangen kˆnnen."

VIERTES KAPITEL

Worin Hippias bessere Schl¸sse macht

"Ich habe schon bemerkt, dafl die Gl¸ckseligkeit, welche wir suchen, nur in
dem Stand einer Gesellschaft, die sich schon zu einem gewissen Grade der
Vollkommenheit erhoben hat, statt finde. In einer solchen Gesellschaft
entwickeln sich alle diese mannichfaltigen Geschicklichkeiten, die bei dem
wilden Menschen, der so wenig bedarf, so einsam lebt, und so wenig
Leidenschaften hat, immer m¸flige F‰higkeiten bleiben. Die Einf¸hrung des
Eigentums, die Ungleichheit der G¸ter und St‰nde, die Armut der einen, der
¸berflufl, die ¸ppigkeit und die Tr‰gheit der andern, dieses sind die
wahren Gˆtter der K¸nste, die Mercure und die Musen, denen wir ihre
Erfindung oder doch ihre Vollkommenheit zu danken haben. Wie viel
Menschen m¸ssen ihre Bem¸hungen vereinigen, um einen einzigen Reichen zu
befriedigen! Diese bauen seine Felder und Weinberge, andre pflanzen seine
Lustg‰rten, noch andre bearbeiten den Marmor, woraus seine Wohnung
aufgef¸hrt wird; tausende durchschiffen den Ozean um ihm die Reicht¸mer
fremder L‰nder zuzuf¸hren; tausende besch‰ftigen sich, die Seide und den
Purpur zu bereiten, die ihn kleiden; die Tapeten, die seine Zimmer
schm¸cken; die kostbaren Gef‰fle, woraus er iflt und trinkt; und die weichen
Lager, worauf er der woll¸stigsten Ruhe genieflt. Tausende m¸ssen in
schlaflosen N‰chten ihren Witz verzehren, um neue Bequemlichkeiten, neue
Woll¸ste, eine leichtere und angenehmere Art die leichtesten und
angenehmsten Verrichtungen, die uns die Natur auferlegt, zu tun, f¸r ihn
zu erfinden, und durch die Zaubereien der Kunst, die den gemeinsten Dingen
einen Schein der Neuheit zu geben weifl, seinen Ekel zu t‰uschen, und seine
vom Genufl erm¸deten Sinnen aufzuwecken. F¸r ihn arbeitet der Maler, der
Tonk¸nstler, der Dichter, der Schauspieler, und ¸berwindet unendliche
Schwierigkeiten, um K¸nste zur Vollkommenheit zu treiben, welche die
Anzahl seiner Ergˆtzungen vermehren sollen. Allein alle diese Leute,
welche f¸r den gl¸cklichen Menschen arbeiten, w¸rden es nicht tun, wenn
sie nicht selbst gl¸cklich zu sein w¸nschten. Sie arbeiten nur f¸r
denjenigen, der ihre Bem¸hung f¸r sein Vergn¸gen belohnen kann. Der Kˆnig
von Persien selbst ist nicht m‰chtig genug, den Zeuxes zu zwingen, dafl er
ihm eine Leda male. Nur die Zauberkraft des Goldes, welchem eine
allgemeine ¸bereinkunft der gesitteten Vˆlker den Wert aller n¸tzlichen
und angenehmen Dinge beigelegt hat, kann den Genie und den Fleifl einem
Midas dienstbar machen, der ohne seine Sch‰tze kaum so viel wert w‰re, dem
Maler, der f¸r ihn arbeitet, die Farben zu reiben. Die Kunst, sich die
Mittel zur Gl¸ckseligkeit zu verschaffen, ist also schon gefunden, mein
lieber Callias, sobald wir die Kunst gefunden haben, einen genugsamen
Vorrat von diesem Steine der Weisen zu bekommen, der uns die ganze Natur
unterwirft, der Millionen von unsers Gleichen zu freiwilligen Sklaven
unsrer ¸ppigkeit macht, und der uns in jedem schlauen Kopf einen
dienstwilligen Mercur, und durch den unwiderstehlichen Glanz eines goldnen
Regens, in jeder Schˆnen eine Danae finden l‰flt. Die Kunst reich zu
werden, Callias, ist im Grunde nichts anders, als die Kunst, sich des
Eigentums andrer Leute mit ihrem guten Willen zu bem‰chtigen. Ein Despot
hat unter dem Schutz eines Vorurteils, welches demjenigen sehr ‰hnlich ist,
womit die Egypter den Krokodil vergˆtterten, in diesem St¸ck einen
ungemeinen Vorteil: Da sich seine Rechte so weit erstrecken als seine
Macht, und diese Macht durch keine Pflichten eingeschr‰nkt ist, weil ihn
niemand zwingen kann, sie zu erf¸llen; so kann er sich das Vermˆgen seiner
Untertanen zueignen, ohne sich darum zu bek¸mmern, ob es mit ihrem guten
Willen geschieht. Es kostet ihn keine M¸he, unermeflliche Reicht¸mer zu
erwerben, und, um mit der unm‰fligsten Schwelgerei in einem Tag Millionen
zu verschwenden, hat er nichts nˆtig, als denjenigen Teil des Volkes, den
seine D¸rftigkeit zu einer immerw‰hrenden Arbeit verdammt, an diesem Tage
fasten zu lassen. Allein aufler dem, dafl dieser Vorteil nur sehr wenigen
Sterblichen zu Teil werden kann, so ist er nicht so beschaffen, dafl ein
weiser Mann ihn beneiden kˆnnte. Das Vergn¸gen hˆret auf Vergn¸gen zu
sein, so bald es ¸ber einen gewissen Grad getrieben wird. Das ¸bermafl
der sinnlichen Woll¸ste zerstˆret die Werkzeuge der Empfindung; das
¸bermafl der Vergn¸gen der Einbildungskraft, verderbt den Geschmack des
echten Schˆnen, indem f¸r unm‰flige Begierden nichts reizend sein kann, was
in die Verh‰ltnisse und das Ebenmafl der Natur eingeschlossen ist. Daher
ist das gewˆhnliche Schicksal der morgenl‰ndischen F¸rsten, die in die
Mauern ihres Serails eingekerkert sind, in den Armen der Wollust vor
Ers‰ttigung und ¸berdrufl umzukommen; indessen, dafl die s¸flesten Ger¸che
von Arabien vergeblich f¸r sie d¸ften, dafl die geistigen Weine ihnen
ungekostet aus Kristallen entgegenblinken, dafl tausend Schˆnheiten, deren
jede zu Paphos einen Altar erhielte, alle ihre Reizungen, alle ihre
buhlerische K¸nste umsonst verschwenden, ihre schlaffen Sinnen zu erwecken,
und zehen tausend Sklaven ihrer ¸ppigkeit in die Wette eifern, um
unerhˆrte und ungeheure Woll¸ste zu erdenken, welche f‰hig sein mˆchten,
wenigstens die gl¸hende Phantasie dieser ungl¸ckseligen Gl¸cklichen auf
etliche Augenblicke zu betr¸gen. Wir haben also mehr Ursache, als man
insgemein glaubt, der Natur zu danken, wenn sie uns in einen Stand setzt,
wo wir das Vergn¸gen durch Arbeit erkaufen m¸ssen, und vorher unsre
Leidenschaften m‰fligen lernen, eh wir zu einer Gl¸ckseligkeit gelangen,
die wir ohne diese M‰fligung nicht genieflen kˆnnten.

Da nun die Despoten und die Straflenr‰uber die einzigen sind, denen es,
jedoch auf ihre Gefahr, zusteht, sich des Vermˆgens andrer Leute mit
Gewalt zu bem‰chtigen: So bleibt demjenigen, der sich aus einem Zustand
von Mangel und Abh‰nglichkeit empor schwingen will, nichts anders ¸brig,
als dafl er sich die Geschicklichkeit erwerbe, den Vorteil und das
Vergn¸gen der Lieblinge des Gl¸ckes zu befˆrdern. Unter den vielerlei
Arten, wie dieses geschehen kann, sind einige dem Menschen von Genie, mit
Ausschlufl aller ¸brigen, vorbehalten, und teilen sich nach ihrem
verschiednen Endzweck in zwo Klassen ein, wovon die erste die Vorteile,
und die andre das Vergn¸gen des betr‰chtlichsten Teils einer Nation zum
Gegenstand hat. Die erste, welche die Regierungs--und Kriegs-K¸nste in
sich begreift, scheint ordentlicher Weise nur in freien Staaten Platz zu
finden; die andre hat keine Grenzen als den Grad des Reichtums und der
¸ppigkeit eines jeden Volks, von welcher Art seine Staatsverfassung sein
mag. In dem armen Athen wurde ein guter Feld-Herr unendlichmal hˆher
gesch‰tzt, als ein guter Maler; in dem reichen und woll¸stigen Athen gibt
man sich keine M¸he zu untersuchen, wer der t¸chtigste sei, ein Kriegsheer
anzuf¸hren; man hat wichtigere Dinge zu entscheiden; die Frage ist, welche
unter etlichen T‰nzerinnen die artigsten F¸fle hat, und die schˆnsten
Spr¸nge macht? ob die Venus des Praxiteles, oder des Alcamenes die
schˆnere ist?--Die K¸nste des Genie von der ersten Klasse f¸hren f¸r sich
allein selten zum Reichtum. Die groflen Talente, die groflen Verdienste und
Tugenden, die dazu erfodert werden, finden sich gemeiniglich nur in armen
und emporstrebenden Republiken, die alles, was man f¸r sie tut, nur mit
Lorbeerkr‰nzen bezahlen. In Staaten aber, wo Reichtum und ¸ppigkeit schon
die Oberhand gewonnen haben, braucht man alle diese Talente und Tugenden
nicht, welche die Regierungskunst zu erfodern scheint. Man kann in
solchen Staaten Gesetze geben, ohne ein Solon zu sein; man kann ihre
Kriegsheere anf¸hren, ohne ein Leonidas oder Themistokles zu sein.
Perikles, Alcibiades, regierten zu Athen den Staat, und f¸hrten die Vˆlker
an; obgleich jener nur ein Redner war, und dieser keine andre Kunst kannte,
als die Kunst sich der Herzen zu bemeistern. In solchen Republiken hat
das Volk die Eigenschaften, die in einem despotischen Staate der Einzige
hat, der kein Sklave ist; man braucht ihm nur zu gefallen, um zu allem
t¸chtig befunden zu werden. Perikles herrschte, ohne die ‰uflerlichen
Zeichen der kˆniglichen W¸rde zu tragen, so unumschr‰nkt in dem freien
Athen, als Artaxerxes in dem untert‰nigen Asien. Seine Talente, und die
K¸nste die er von der schˆnen Aspasia gelernt hatte, erwarben ihm eine Art
von Oberherrschaft, die nur desto unumschr‰nkter war, da sie ihm
freiwillig zugestanden wurde; die Kunst eine grofle Meinung von sich zu
erwecken, die Kunst zu ¸berreden, die Kunst von der Eitelkeit der
Athenienser Vorteil zu ziehen und ihre Leidenschaften zu lenken; diese
machten seine ganze Regierungskunst aus. Er verwickelte die Republik in
ungerechte und ungl¸ckliche Kriege, er erschˆpfte die ˆffentliche
Schatzkammer, er erbitterte die Bundsgenossen durch gewaltsame
Erpressungen; und damit das Volk keine Zeit h‰tte, eine so schˆne
Staats-Verwaltung genauer zu beobachten, so bauete er Schauspielh‰user,
gab ihnen schˆne Statuen und Gem‰lde zu sehen, unterhielt sie mit
T‰nzerinnen und Virtuosen, und gewˆhnte sie so sehr an diese abwechselnden
Ergˆtzungen, dafl die Vorstellung eines neuen St¸cks, oder der Wettstreit
unter etlichen Flˆtenspielern zuletzt Staats-Angelegenheiten wurden, ¸ber
welchen man diejenigen vergafl die es in der Tat waren. Hundert Jahre
fr¸her w¸rde man einen Perikles f¸r eine Pest der Republik angesehen haben;
allein damals w¸rde Perikles ein Aristides gewesen sein. In der Zeit
worin er lebte, war Perikles, so wie er war, der grˆflte Mann der Republik;
der Mann der Athen zu dem hˆchsten Grade der Macht und des Glanzes erhub,
den es zu erreichen f‰hig war; der Mann, dessen Zeit als das goldne Alter
der Musen in allen k¸nftigen Jahrhunderten angezogen werden wird; und, was
f¸r ihn selbst das interessanteste war, der Mann, f¸r den die Natur die
Euripiden und Aristophane, die Phidias, die Zeuxes, die Damonen, und die
Aspasien zusammen brachte, um sein Privatleben so angenehm zu machen, als
sein ˆffentliches Leben gl‰nzend war. Die Kunst ¸ber die Einbildungskraft
der Menschen zu herrschen, die geheimen, ihnen selbst verborgnen
Triebfedern ihrer Bewegungen nach unserm Gefallen zu lenken, und sie zu
Werkzeugen unsrer Absichten zu machen, indem wir sie in der Meinung
erhalten, dafl wir es von den ihrigen sind, ist also, ohne Zweifel,
diejenige, die ihrem Besitzer am n¸tzlichsten ist, und dieses ist die
Kunst welche die Sophisten lehren und aus¸ben; die Kunst, welcher sie das
Ansehen, die Unabh‰nglichkeit und die gl¸cklichen Tage, deren sie genieflen,
zu danken haben. Du kannst dir leicht vorstellen, Callias, dafl sie sich
in etlichen Stunden weder lehren noch lernen l‰flt; allein meine Absicht
ist auch f¸r itzt nur, dir ¸berhaupt einen Begriff davon zu geben.
Dasjenige, was man die Weisheit der Sophisten nennt, ist die
Geschicklichkeit sich der Menschen so zu bedienen, dafl sie geneigt sind,
unser Vergn¸gen zu befˆrdern, oder ¸berhaupt die Werkzeuge unsrer
Absichten zu sein. Die Beredsamkeit, welche diesen Namen erst alsdann
verdient, wenn sie im Stand ist, die Zuhˆrer, wer sie auch sein mˆgen, von
allem zu ¸berreden, was wir wollen, und in jeden Grad einer jeden
Leidenschaft zu setzen, die zu unsrer Absicht nˆtig ist; eine solche
Beredsamkeit ist unstreitig ein unentbehrliches Werkzeug, und das
vornehmste wodurch die Sophisten diesen Zweck erreichen. Die Grammatici
bem¸hen sich, junge Leute zu Rednern zu bilden; die Sophisten tun mehr,
sie lehren sie ¸berreder zu werden, wenn mir dieses Wort erlaubt ist.
Hierin allein besteht das Erhabne einer Kunst, die vielleicht noch niemand
in dem Grade besessen hat, wie Alcibiades, der in unsern Zeiten so viel
Aufsehens gemacht hat. Der Weise bedient sich dieser ¸berredungs-Gabe nur
als eines Werkzeugs zu hˆhern Absichten. Alcibiades ¸berl‰flt es einem
Antiphon, sich mit Ausfeilung einer k¸nstlichgesetzten Rede zu bem¸hen; er
¸berredet indessen seine Landsleute, dafl ein so liebensw¸rdiger Mann wie
Alcibiades das Recht habe zu tun, was ihm einfalle; er ¸berredet die
Spartaner zu vergessen, dafl er ihr Feind gewesen, und dafl er es bei der
ersten Gelegenheit wieder sein wird; er ¸berredet die Kˆnigin Timea, dafl
sie ihn bei sich schlafen lasse, und die Satrapen des groflen Kˆnigs, dafl
er ihnen die Athenienser zu eben der Zeit verraten wolle, da er die
Athenienser ¸berredet, dafl sie ihm Unrecht tun, ihn f¸r einen Verr‰ter zu
halten. Diese ¸berredungskraft setzt die Geschicklichkeit voraus, jede
Gestalt anzunehmen, wodurch wir demjenigen gef‰llig werden kˆnnen, auf den
wir Absichten haben; die Geschicklichkeit, sich der verborgensten Zug‰nge
seines Herzens zu versichern, seine Leidenschaften, je nachdem wir es
nˆtig finden, zu erregen, zu liebkosen, eine durch die andre zu verst‰rken,
oder zu schw‰chen, oder gar zu unterdrucken; sie erfodert eine
Gef‰lligkeit, die von den Sittenlehrern Schmeichelei genennt wird, aber
diesen Namen nur alsdann verdient, wenn sie von den Gnathonen die um die
Tafeln der Reichen sumsen, nachge‰ffet wird,--eine Gef‰lligkeit, die aus
einer tiefen Kenntnis der Menschen entspringt, und das Gegenteil von der
l‰cherlichen Sprˆdigkeit gewisser Phantasten ist, die den Menschen ¸bel
nehmen, dafl sie anders sind, als wie diese ungebetenen Gesetzgeber es
haben wollen; kurz, diejenige Gef‰lligkeit ohne welche es vielleicht
mˆglich ist, die Hochachtung, aber niemals die Liebe der Menschen zu
erlangen; weil wir nur diejenigen lieben kˆnnen, die uns ‰hnlich sind, die
unsern Geschmack haben oder zu haben scheinen, und so eifrig sind, unser
Vergn¸gen zu befˆrdern, dafl sie hierin die Aspasia von Milet zum Muster
nehmen, welche sich bis ans Ende in der Gunst des Perikles erhielt, indem
sie in demjenigen Alter, worin man die Seele der Damen zu lieben pflegt,
sich in die Grenzen der Platonischen Liebe zur¸ckzog, und die Rolle des
Kˆrpers durch andre spielen liefl. Ich lese in deinen Augen Callias, was
du gegen diese K¸nste einzuwenden hast, die sich so ¸bel mit den
Vorurteilen vertragen, die du gewohnt bist f¸r Grunds‰tze zu halten. Es
ist wahr, die Kunst zu leben, welche die Sophisten lehren, ist auf ganz
andre Begriffe von dem, was in sittlichem Verstande schˆn und gut ist
gebaut, als diejenigen hegen, die von dem idealischen Schˆnen, und von
einer gewissen Tugend, die ihr eigner Lohn sein soll, so viel schˆne Dinge
zu sagen wissen. Allein, wenn du noch nicht m¸de bist mir zuzuhˆren, als
ich es bin zu schwatzen; so denke ich, dafl es nicht schwer sein werde dich
zu ¸berzeugen, dafl das idealische Schˆne und die idealische Tugend mit
jenen Geisterm‰rchen, wovon wir erst gesprochen haben, in die n‰mliche
Klasse gehˆren."

F‹NFTES KAPITEL

Der Anti-Platonismus in Nuce

"Was ist das Schˆne? Was ist das Gute? Eh wir diese Fragen beantworten
kˆnnen, m¸ssen wir, deucht mich, vorher fragen: Was ist das, was die
Menschen schˆn und gut nennen? Wir wollen vom Schˆnen den Anfang machen.
Was f¸r eine unendliche Verschiedenheit in den Begriffen, die man sich bei
den verschiedenen Vˆlkern des Erdbodens von der Schˆnheit macht! Alle
Welt kommt darin ¸berein, dafl ein schˆnes Weib das schˆnste unter allen
Werken der Natur sei. Allein wie mufl sie sein, um f¸r eine vollkommne
Schˆnheit in ihrer Art gehalten zu werden? Hier f‰ngt der Widerspruch an.
Stelle dir eine Versammlung von so vielen Liebhabern vor, als es
verschiedne Nationen unter verschiednen Himmelsstrichen gibt; was ist
gewisser, als dafl ein jeder den Vorzug seiner Geliebten vor den ¸brigen
behaupten wird? Der Europ‰er wird die blendende weifle, der Mohr die
rabengleiche Schw‰rze der seinigen vorziehen; der Grieche wird einen
kleinen Mund, eine Brust, die mit der hohlen Hand bedeckt werden kann, und
das angenehme Ebenmafl einer feinen Gestalt; der Africaner wird die
eingedr¸ckte Nase, und die aufgeschwollnen dickroten Lippen; der Persianer
die groflen Augen und den schlanken Wuchs, der Serer, die kleinen Augen,
die Kegelrunde dicke und winzigen F¸fle an der seinigen bezaubernd finden.
Hat es mit dem Schˆnen in sittlichen Verstande, mit dem was sich geziemt,
eine andre Bewandtnis? Die Spartanischen Tˆchter scheuen sich nicht, in
einem Aufzug gesehen zu werden, wodurch in Athen die geringste ˆffentliche
Metze sich entehrt hielte. In Persien w¸rd' ein Frauenzimmer, das an
einem ˆffentlichen Orte sein Gesicht entblˆflte, eben so angesehen, als in
Smyrna eine die sich nackend sehen liefle. Bei den morgenl‰ndischen
Vˆlkern erfodert der Wohlstand eine Menge von Beugungen und untert‰nigen
Geb‰rden, die man gegen diejenigen macht, die man ehren will; bei den
Griechen w¸rde diese Hˆflichkeit f¸r eben so sch‰ndlich und sklavenm‰flig
gehalten werden, als die attische Politesse zu Persepolis grob und
b‰urisch scheinen w¸rde. Bei den Griechen hat eine freigeborne ihre Ehre
verloren, die sich den jungfr‰ulichen G¸rtel von einem andern, als ihrem
Manne auflˆsen l‰flt; bei gewissen Vˆlkern die jenseits des Ganges wohnen,
ist ein M‰dchen desto vorz¸glicher, je mehr es Liebhaber gehabt hat, die
seine Reizungen aus Erfahrung anzur¸hmen wissen. Diese Verschiedenheit
der Begriffe vom sittlichen Schˆnen zeigt sich nicht nur in besondern
Gebr‰uchen und Gewohnheiten verschiedner Vˆlker, wovon sich die Beispiele
ins Unendliche h‰ufen lieflen; sondern selbst in dem Begriff, den sie sich
¸berhaupt von der Tugend machen. Bei den Rˆmern ist Tugend und Tapferkeit
einerlei; bei den Atheniensern schlieflt dieses Wort alle Arten von
n¸tzlichen und angenehmen Eigenschaften in sich. Zu Sparta kennt man
keine andre Tugend als den Gehorsam gegen die Gesetze; in despotischen
Reichen keine andre, als die sklavische Untert‰nigkeit gegen den Monarchen
und seine Satrapen; am caspischen Meere ist der tugenhafteste der am
besten rauben kann, und die meisten Feinde erschlagen hat; und in dem
w‰rmsten Striche von Indien hat nur der die hˆchste Tugend erreicht, der
sich durch eine vˆllige Unt‰tigkeit, ihrer Meinung nach, den Gˆttern
‰hnlich macht. Was folget nun aus allen diesen Beispielen? Ist nichts an
sich selbst schˆn oder recht? Gibt es kein gewisses Modell, wornach
dasjenige, was schˆn oder sittlich ist, beurteilt werden mufl? Wir wollen
sehen. Wenn ein solches Modell ist, so mufl es in der Natur sein. Denn es
w‰re Torheit, sich einzubilden, dafl ein Pygmalion eine Bilds‰ule schnitzen
kˆnne, welche schˆner sei als Phryne, die k¸hn genug war, bei den
Olympischen Spielen, in eben dem Aufzug worin die drei Gˆttinnen um den
Preis der Schˆnheit stritten, das ganze Griechenland zum Richter ¸ber die
ihrige zu machen. Die Venus eines jeden Volks ist nichts anders als die
Abbildung eines Weibes, die bei einer allgemeinen Versammlung dieses Volks
f¸r diejenige erkl‰rt w¸rde, bei der sich die National-Schˆnheit im
hˆchsten Grade befinde. Allein welches unter so vielerlei Modellen ist
denn an sich selbst das schˆnste? Der Grieche wird f¸r seine
rosenwangichte, der Mohr f¸r seine rabenschwarze, der Perser f¸r seine
schlanke, und der Serer f¸r seine runde Venus mit dem dreifachen Kinn
streiten. Wer soll den Ausschlag geben? Wir wollen es versuchen.
Gesetzt, es w¸rde eine allgemeine Versammlung angestellt, wozu eine jede
Nation den schˆnsten Mann und das schˆnste Weib, nach ihrem
National-Modell zu urteilen, geschickt h‰tten; und wo die Weiber zu
entscheiden h‰tten, welcher unter allen diesen Mitwerbern um den Preis der
Schˆnheit der schˆnste Mann, und die M‰nner, welche unter allen das
schˆnste Weib w‰re: Ich sage also, man w¸rde gar bald diejenigen aus allen
¸brigen aussondern, die unter diesen milden und gem‰fligten Himmelsstrichen
geboren worden, wo die Natur allen ihren Werken ein feineres Ebenmafl der
Gestalt, und eine angenehmere Mischung der Farben zu geben pflegt. Denn
die vorz¸gliche Schˆnheit der Natur in den gem‰fligten Zonen erstreckt sich
vom Menschen bis auf die Pflanzen. Unter diesen Auserlesnen von beiden
Geschlechtern w¸rde vielleicht der Vorzug lange zweifelhaft sein; allein
endlich w¸rde doch unter den M‰nnern derjenige den Preis erhalten, bei
dessen Landesleuten die verschiednen gymnastischen ¸bungen am st‰rksten,
und Verh‰ltnisweise in dem hˆchsten Grade der Vollkommenheit getrieben
w¸rden; und alle M‰nner w¸rden mit einer Stimme diejenige f¸r die schˆnste
unter den Schˆnen erkl‰ren, die von einem Volke abgeschickt worden,
welches bei der Erziehung der Tˆchter die mˆglichste Entwicklung und
Kultur der nat¸rlichen Schˆnheit zur Hauptsache machte. Der Spartaner
w¸rde also vermutlich f¸r den schˆnsten Mann, und die Perserin f¸r das
schˆnste Weib erkl‰rt werden. Der Grieche, welcher der Anmut den Vorzug
vor der Schˆnheit gibt, weil die griechischen Weiber mehr reizend als
schˆn sind, w¸rde nichts desto weniger zu eben der Zeit, da sein Herz
einem M‰dchen von Paphos oder Milet den Vorzug g‰be, bekennen m¸ssen, dafl
die Perserin schˆner sei; und eben dieses w¸rde der Serer tun, ob er
gleich das dreifache Kinn und den Wanst seiner Landsm‰nnin reizender
finden w¸rde.--Lafl uns zu dem sittlichen Schˆnen fortgehen. So grofl auch
hierin die Verschiedenheit der Begriffe unter verschiednen Zonen ist, so
wird doch schwerlich geleugnet werden kˆnnen, dafl die Sitten derjenigen
Nation, welche die geistreichste, die munterste, die geselligste, die
angenehmste ist, den Vorzug der Schˆnheit haben. Die ungezwungne und
einnehmende Hˆflichkeit des Atheniensers mufl einem jeden Fremden
angenehmer sein, als die abgemessene, ernsthafte und zeremonienvolle
Hˆflichkeit der Morgenl‰nder; das verbindliche Wesen, der Schein von
Leutseligkeit, so der erste seinen kleinsten Handlungen zu geben weifl, mufl
vor dem steifen Ernst des Persers, oder der rauhen Gutherzigkeit des
Scythen eben so sehr den Vorzug erhalten, als der Putz einer Dame von
Smyrna, der die Schˆnheit weder ganz verh¸llt, noch ganz den Augen preis
gibt, vor der Vermummung der Morgenl‰nderin oder der tierischen Blˆfle
einer Wilden. Das Muster der aufgekl‰rtesten und geselligsten Nation
scheint also die wahre Regul des sittlichen Schˆnen, oder des Anst‰ndigen
zu sein, und Athen und Smyrna sind die Schulen, worin man seinen Geschmack
und seine Sitten bilden mufl. Allein nachdem wir eine Regul f¸r das Schˆne
gefunden haben, was f¸r eine werden wir f¸r das, was Recht ist finden?
wovon so verschiedene und widersprechende Begriffe unter den Menschen
herrschen, dafl eben dieselbe Handlung, die bei dem einen Volke mit
Lorbeerkr‰nzen und Statuen belohnt wird, bei der andern eine schm‰hliche
Todesstrafe verdient; und dafl kaum ein Laster ist, welches nicht irgendwo
seinen Altar und seinen Priester habe. Es ist wahr, die Gesetze sind bei
dem Volke, welchem sie gegeben sind, die Richtschnur des Rechts und
Unrechts; allein was bei diesem Volk durch das Gesetz befohlen wird, wird
bei einem andern durch das Gesetz verboten. Die Frage ist also: Gibt es
nicht ein allgemeines Gesetz, welches bestimmt, was an sich selbst Recht
ist? Ich antworte ja, und dieses allgemeine Gesetz kann kein andres sein,
als die Stimme der Natur, die zu einem jeden spricht: Suche dein Bestes;
oder mit andern Worten: Befriedige deine nat¸rliche Begierden, und geniefle
so viel Vergn¸gen als du kannst. Dieses ist das einzige Gesetz, das die
Natur dem Menschen gegeben hat; und so lang er sich im Stande der Natur
befindet, ist das Recht, das er an alles hat, was seine Begierden
verlangen, oder was ihm gut ist, durch nichts anders als das Mafl seiner
St‰rke eingeschr‰nkt; er darf alles, was er kann, und ist keinem andern
nichts schuldig. Allein der Stand der Gesellschaft, welcher eine Anzahl
von Menschen zu ihrem gemeinschaftlichen Besten vereiniget, setzt zu jenem
einzigen Gesetz der Natur, suche dein eignes Bestes, die Einschr‰nkung,
ohne einem andern zu schaden. Wie also im Stande der Natur einem jeden
Menschen alles recht ist, was ihm n¸tzlich ist; so erkl‰rt im Stande der
Gesellschaft das Gesetz alles f¸r unrecht und strafw¸rdig, was der
Gesellschaft sch‰dlich ist, und verbindet hingegen die Vorstellung eines
Vorzugs und belohnungsw¸rdigen Verdienstes mit allen Handlungen, wodurch
der Nutzen oder das Vergn¸gen der Gesellschaft befˆrdert wird. Die
Begriffe von Tugend und Laster gr¸nden sich also eines Teils auf den
Vertrag den eine gewisse Gesellschaft unter sich gemacht hat, und in so
ferne sind sie willk¸rlich; andern Teils auf dasjenige, was einem jeden
Volke n¸tzlich oder sch‰dlich ist; und daher kommt es, dafl ein so grofler
Widerspruch unter den Gesetzen verschiedner Nationen herrschet. Das Klima,
die Lage, die Regierungsform, die Religion, das eigne Temperament und der
National-Charakter eines jeden Volks, seine Lebensart, seine St‰rke oder
Schw‰che, seine Armut oder sein Reichtum, bestimmen seine Begriffe von dem,
was ihm gut oder sch‰dlich ist; daher diese unendliche Verschiedenheit
des Rechts oder Unrechts unter den policiertesten Nationen; daher der
Kontrast der Moral der gl¸henden Zonen mit der Moral der kalten L‰nder,
der Moral der freien Staaten mit der Moral der despotischen Reiche; der
Moral einer armen Republik, welche nur durch den kriegerischen Geist
gewinnen kann, mit der Moral einer reichen, die ihren Wohlstand dem Geist
der Handelschaft und dem Frieden zu danken hat; daher endlich die
Albernheit der Moralisten, welche sich den Kopf zerbrechen, um zu
bestimmen, was f¸r alle Nationen recht sei, ehe sie die Auflˆsung der
Aufgabe gefunden haben, wie man machen kˆnne, dafl eben dasselbe f¸r alle
Nationen gleich n¸tzlich sei.

Die Sophisten, deren Sittenlehre sich nicht auf abstrakte Ideen, sondern
auf die Natur und wirkliche Beschaffenheit der Dinge gr¸ndet, finden die
Menschen an einem jeden Ort, so, wie sie sein kˆnnen. Sie sch‰tzen einen
Staatsmann zu Athen, an sich selbst, nicht hˆher als einen Gaukler zu
Persepolis, und eine ehrbare Matrone von Sparta ist in ihren Augen kein
vortrefflicheres Wesen als eine Lais zu Corinth. Es ist wahr, der Gaukler
w¸rde zu Athen, und die Lais zu Sparta sch‰dlich sein; allein ein
Aristides w¸rde zu Persepolis, und eine Spartanerin zu Corinth wo nicht
eben so sch‰dlich, doch wenigstens ganz unn¸tzlich sein. Die Idealisten,
wie ich diese Philosophen zu nennen pflege, welche die Welt nach ihren
Ideen umschmelzen wollen, bilden ihre Lehrj¸nger zu Menschen, die man
nirgends f¸r einheimisch erkennen kann, weil ihre Moral eine Gesetzgebung
voraussetzt, welche nirgends vorhanden ist. Sie bleiben arm und
ungeachtet, weil ein Volk nur demjenigen Hochachtung und Belohnung
zuerkennt, der seinen Nutzen befˆrdert oder doch zu befˆrdern scheint; ja
sie werden als Verderber der Jugend, und als heimliche Feinde der
Gesellschaft angesehen, und die Landesverweisung oder der Giftbecher ist
zuletzt alles, was sie f¸r die undankbare Bem¸hung davon tragen, die
Menschen zu entkˆrpern, um sie in die Klasse der idealischen Wesen, der
mathematischen Punkte, Linien und Dreiecke zu erhˆhen. Kl¸ger, als diese
eingebildeten Weisen, die, wie jener Flˆtenspieler von Aspondus, nur f¸r
sich selbst singen, ¸berlassen die Sophisten den Gesetzen eines jeden
Volks ihre B¸rger zu lehren, was Recht oder Unrecht sei. Da sie selbst zu
keinem besondern Staatskˆrper gehˆren, so genieflen sie die Vorrechte eines
Weltb¸rgers, und indem sie den Gesetzen und der Religion eines jeden
Volkes bei dem sie sich befinden, eine ‰uflerliche Achtung bezeugen,
wodurch sie vor allen Ungelegenheiten mit den Handhabern derselben
gesichert werden; so erkennen und befolgen sie doch in der Tat kein andres
als jenes allgemeine Gesetz der Natur, welches dem Menschen sein eignes
Bestes zur einzigen Richtschnur gibt. Alles wodurch ihre nat¸rliche
Freiheit eingeschr‰nkt wird, ist die Beobachtung einer n¸tzlichen Klugheit,
die ihnen vorschreibt ihren Handlungen die Farbe, den Schnitt und die
Auszierung zu geben, wodurch sie denjenigen, mit welchen sie zu tun haben,
am gef‰lligsten werden. Das moralische Schˆne ist f¸r unsre Handlungen
eben das, was der Putz f¸r unsern Leib; und es ist eben so nˆtig, seine
Auff¸hrung nach den Vorurteilen und dem Geschmack derjenigen zu modeln,
mit denen man lebt, als es nˆtig ist sich so zu kleiden wie sie. Ein
Mensch, der nach einem gewissen besondern Modell gebildet worden, sollte,
wie die wandelnden Bilds‰ulen des D‰dalus, an seinen v‰terlichen Boden
angefesselt werden; denn er ist nirgends an seinem Platz als unter seines
gleichen. Ein Spartaner w¸rde sich nicht besser schicken, die Rolle eines
obersten Sklaven des Artaxerxes zu spielen, als ein Sarmater sich schickte
Polemarchus zu Athen zu sein. Der Weise hingegen ist der allgemeine
Mensch, der Mensch, dem alle Farben, alle Umst‰nde, alle Verfassungen und
Stellungen anstehen, und er ist es eben darum, weil er keine besondre
Vorurteile und Leidenschaften hat, weil er nichts als ein Mensch ist. Er
gef‰llt allenthalben, weil er, wohin er kommt, sich die Vorurteile und
Torheiten gefallen l‰flt, die er antrifft. Wie sollte er nicht geliebt
werden, er, der immer bereit ist sich f¸r die Vorteile andrer zu beeifern,
ihre Begriffe zu billigen, ihren Leidenschaften zu schmeicheln? Er weifl,
dafl die Menschen von nichts ¸berzeugter sind, als von ihren Irrt¸mern, und
nichts z‰rtlicher lieben als ihre Fehler; und dafl es kein gewisseres
Mittel gibt sich ihren Abscheu zuzuziehen, als wenn man ihnen eine
Wahrheit entdeckt, die sie nicht wissen wollen. Weit entfernt also,
ihnen die Augen wider ihren Willen zu erˆffnen, oder ihnen einen Spiegel
vorzuhalten, der ihnen ihre H‰fllichkeit vorr¸ckte, best‰rkt er den Toren
in dem Gedanken, dafl nichts abgeschmackter sei als Verstand haben, den
Verschwender in dem Wahn, dafl er groflm¸tig, den Knicker in den Gedanken,
dafl er ein guter Haushalter, die H‰flliche in der s¸flen Einbildung, dafl sie
desto geistreicher, und den Reichen in der ¸berredung, dafl er ein
Staatsmann, ein Gelehrter, ein Held, ein Gˆnner der Musen und ein Liebling
der Damen sei. Er bewundert das System des Philosophen, die einbildische
Unwissenheit des Hofmanns, und die groflen Taten des Generals; er gestehet
dem Tanzmeister ohne Widerrede zu, dafl Cimon der grˆflte Mann in
Griechenland gewesen w‰re, wenn er die F¸fle besser zu setzen gewuflt h‰tte;
und dem Maler, dafl man mehr Genie braucht, ein Zeuxes als ein Homer zu
sein. Diese Art mit den Menschen umzugehen, ist von unendlich grˆflerm
Vorteil als man beim ersten Anblick denken mˆchte. Sie erwirbt ihm ihre
Liebe, ihr Zutrauen, und eine desto grˆflere Meinung von seinen Verdienste,
je grˆfler diejenige ist, die er von den ihrigen zu haben scheint. Sie ist
das gewisseste Mittel, zu den hˆchsten Stufen des Gl¸cks empor zu steigen.
Meinest du, dafl es allein die grˆflten Talente, die vorz¸glichsten
Verdienste seien, die einen Archonten, einen Heerf¸hrer, einen Satrapen,
oder den G¸nstling eines F¸rsten machen? Siehe dich in den Republiken um;
du wirst finden, dafl dieser sein Ansehen der l‰chelnden Miene zu danken
hat, womit er die B¸rger gr¸flt; ein andrer der emphatischen Peripherie
seines Wanstes; ein dritter der Schˆnheit seiner Gemahlin, und ein vierter
seiner br¸llenden Stimme. Gehe an die Hˆfe, du wirst Leute finden, welche
das Gl¸ck, worin sie schimmern, der Empfehlung eines Kammerdieners, der
Gunst einer Dame, die sich f¸r ihre Talente verb¸rgt hat, oder der Gabe
des Schlafs schuldig sind, womit sie befallen werden, wenn der Vezier mit
ihren Weibern scherzt. Nichts ist in diesem Lande der Bezauberungen
gewˆhnlicher, als einen unb‰rtigen Knaben in einen General, einen
Pantomimen in einen Staatsminister, einen Kuppler in einen Oberpriester
verwandelt zu sehen; ein Mensch ohne alle Verdienste kann oft durch ein
einziges Talent, und wenn es auch nur das Talent eines Esels w‰re, zu
einem Gl¸cke gelangen, das ein andrer durch die grˆflten Verdienste
vergeblich zu erhalten gesucht hat. Wer kˆnnte demnach zweifeln, dafl die
Kunst der Sophisten nicht f‰hig sein sollte, ihrem Besitzer auf diese oder
jene Art die Gunst des Gl¸ckes zu verschaffen? Vorausgesetzt, dafl er die
nat¸rlichen Gaben besitze, ohne welche der Mann von Verstand in der Welt
allezeit dem Narren Platz machen mufl, der damit versehen ist. Allein
selbst auf dem Wege der Verdienste ist niemand gewisser sein Gl¸ck zu
machen, als ein Sophist. Wo ist der Platz, den er nicht mit Ruhm
bekleiden wird? Wer ist geschickter die Menschen zu regieren als
derjenige, der am besten mit ihnen umzugehen weifl? Wer schickt sich
besser zu ˆffentlichen Unterhandlungen? Wer ist f‰higer der Ratgeber
eines F¸rsten zu sein? Ja, wofern er nur das Gl¸ck auf seiner Seite hat,
wer wird mit grˆflerm Ruhm ein Kriegsheer anf¸hren als er? Wer wird die
Kunst besser verstehen, sich f¸r die Geschicklichkeit und die Verdienste
seiner Subalternen belohnen zu lassen? Wer wird die Vorsicht, die er
nicht gehabt, die klugen Anstalten, die er nicht gemacht, die Wunden, die
er nicht bekommen hat, besser gelten zu machen wissen, als er?

Doch es ist Zeit einen Diskurs zu enden, der f¸r beide erm¸dend zu werden
anfangt. Ich habe dir genug gesagt, um den Zauber zu vernichten, den die
Schw‰rmerei auf deine Seele gelegt hat; und wenn dieses nicht genug ist,
so w¸rde alles ¸berfl¸ssig sein was ich sagen kˆnnte. Glaube ¸brigens
nicht, Callias, dafl der Orden der Sophisten einen unansehnlichen Teil der
menschlichen Gesellschaft ausmache. Die Anzahl derjenigen die unsre Kunst
aus¸ben, ist in allen St‰nden sehr betr‰chtlich, und du wirst unter denen
die ein grofles Gl¸ck gemacht haben, schwerlich einen einzigen finden, der
es nicht einer geschickten Anwendung unsrer Grunds‰tze zu danken habe.
Diese Grunds‰tze machen die gewˆhnliche Denkungsart der Hofleute, der
Leute die sich dem Dienste der Groflen gewidmet haben, und ¸berhaupt
derjenigen Klasse von Menschen aus, die an jedem Orte die edelsten und
angesehensten sind, und (die wenigen F‰lle ausgenommen, wo das spielende
Gl¸ck durch einen blinden Wurf einen Narren an den Platz eines klugen
Menschen fallen l‰flt) sind die geschickten Kˆpfe, die von diesen Maximen
den besten Gebrauch zu machen wissen, allezeit diejenigen, die es auf der
Bahn der Ehre und des Gl¸cks am weitesten bringen."

SECHSTES KAPITEL

Ungelehrigkeit des Agathon

Hippias konnte sich wohl berechtiget halten, einigen Dank bei seinem
Lehrj¸nger verdient zu haben, da er sich so viele M¸he gegeben hatte, ihn
weise zu machen. Allein wir m¸ssen es nur gestehen, er hatte es mit einem
Menschen zu tun, der nicht f‰hig war, die Wichtigkeit dieses Dienstes
einzusehen, oder die Schˆnheit eines Systems zu empfinden, welches seinen
vermeinten Empfindungen so zuwider war. Seine Erwartung wurde also nicht
wenig betrogen, als Agathon, wie er sah, dafl der weise Hippias zu reden
aufgehˆrt hatte, ihm diese kurze Antwort gab: "Du hast eine schˆne Rede
gehalten, Hippias; deine Beobachtungen sind sehr fein, deine Schl¸sse sehr
b¸ndig, deine Maximen sehr praktisch, und ich zweifle nicht, dafl der Weg,
den du mir vorgezeichnet hast, zu der Gl¸ckseligkeit w¸rklich f¸hre, deren
Vorz¸ge vor meiner Art gl¸cklich zu sein, du in ein so helles Licht
gesetzt. Dem ungeachtet empfinde ich nicht die mindeste Lust so gl¸cklich
zu sein, und wenn ich mich anders recht kenne, so werde ich schwerlich
eher ein Sophist werden, bis du deine T‰nzerinnen entl‰ssest, dein Haus zu
einem ˆffentlichen Tempel der Diana widmest, und nach Indien ziehst, ein
Bramine zu werden." Hippias lachte ¸ber diese Antwort, ohne dafl sie ihm
desto besser gefiel. "Und was hast du gegen mein System einzuwenden?"
fragte er. "Dafl es mich nicht ¸berzeugt", erwiderte Agathon. "Und warum
nicht?" "Weil meine Erfahrung und Empfindung deinen Schl¸ssen
widerspricht." "Ich mˆchte wohl wissen, was dieses f¸r Erfahrungen und
Empfindungen sind, die demjenigen widersprechen, was alle Welt erf‰hrt und
empfindt." "Du w¸rdest beweisen, dafl es Schim‰ren sind." "Und wenn ich
es bewiesen h‰tte?" "Du w¸rdest es nur dir beweisen, Hippias; du w¸rdest
nichts beweisen, als dafl du nicht Callias bist." "Aber die Frage ist, ob
Hippias oder Callias richtig denkt?" "Wer soll Richter sein?" "Das ganze
menschliche Geschlecht." "Was w¸rde das wider mich beweisen?" "Sehr viel.
Wenn zehen Millionen Menschen urteilen, dafl zween oder drei aus ihrem
Mittel Narren sind, so sind sie es; das ist unleugbar." "Aber wie, wenn
die zehen Millionen, deren Ausspruch dir so entscheidend vorkommt, zehn
Millionen Toren w‰ren, und die drei w‰ren klug?" "Wie m¸flte das zugehen?"
"Kˆnnen nicht zehn Millionen die Pest haben, und Sokrates allein gesund
herum gehen?" "Diese Instanz beweist nichts f¸r dich. Ein Volk hat nicht
immer die Pest; Allein die zehn Millionen denken immer so wie ich. Sie
sind also in ihrem nat¸rlichen Zustande, wenn sie so denken; und wer
anders denkt, gehˆrt folglich entweder zu einer andern Gattung von Wesen,
oder zu den Wesen, die man Toren nennt." "So ergeb ich mich in mein
Schicksal." "Es gibt noch eine Alternative, junger Mensch. Du sch‰mest
dich, entweder deine Gedanken so schnell zu ver‰ndern, oder du bist ein
Heuchler." "Keines von beiden, Hippias." "Leugne mir zum Exempel, wenn
du kannst, dafl dir die schˆne Cyane, die uns beim Fr¸hst¸ck bediente,
Begierden eingeflˆflt hat, und dafl du verstohlne Blicke -" "Ich leugne
nichts." "So gestehe, dafl das Anschauen dieser runden schneeweiflen Arme,
dieses aus der flatternden Seide hervoratmenden Busens, die Begierde in
dir erregt, ihrer zu genieflen." "Ist das Anschauen kein Genufl?" "Keine
Ausfl¸chte, junger Mensch!" "Du betr¸gst dich, Hippias, wenn es erlaubt
ist einem Weisen das zu sagen; ich bedarf keiner Ausfl¸chte. Ich mache
nur einen Unterschied zwischen einem mechanischen Instinkt, der nicht
g‰nzlich von mir abh‰ngt, und dem Willen meiner Seele. Ich habe den
Willen nicht gehabt, dessen du mich beschuldigest." "Ich beschuldige dich
nichts, als dafl du meiner spottest. Ich denke, dafl ich die Natur kennen
sollte. Die Schw‰rmerei kann in deinen Jahren keine so unheilbare
Krankheit sein, dafl sie wider die Reizung des Vergn¸gens sollte aushalten
kˆnnen." "Deswegen vermeide ich die Gelegenheiten." "Du gestehest also,
dafl Cyane reizend ist?" "Sehr reizend." "Und dafl ihr Genufl ein Vergn¸gen
w‰re?" "Vermutlich." "Warum qu‰lest du dich dann, dir ein Vergn¸gen zu
versagen, das in deiner Gewalt ist." "Weil ich mich dadurch vieler andern
Vergn¸gen berauben w¸rde, die ich hˆher sch‰tze." "Kann man in deinem
Alter so sehr ein Neuling sein? Was f¸r Vergn¸gen, die allen ¸brigen
Menschen unbekannt sind, hat die Natur f¸r dich allein aufbehalten? Wenn
du noch grˆflere kennest als dieses,--doch ich merke dich. Du wirst mir
wieder von den Vergn¸gungen der Geister, von Nektar und Ambrosia sprechen;
aber wir spielen itzt keine Komˆdie, mein Freund. Die Erscheinung einer
Cyane in einem von den Geb¸schen meiner G‰rten w¸rde f‰hig sein, so gar
deinen Geistern Kˆrper zu geben." "Hippias, ich rede wie ich denke. Ich
kenne Vergn¸gen, die ich hˆher sch‰tze als diejenigen, die der Mensch mit
den Tieren gemein hat." "Zum Exempel?" "Das Vergn¸gen eine gute Handlung
zu tun." "Was nennest du eine gute Handlung?" "Eine Handlung, wodurch
ich, mit einiger Anstrengung meiner Kr‰fte, oder Aufopferung eines
Vorteils oder Vergn¸gens, andrer Bestes befˆrdere." "Du bist also tˆricht
genug zu glauben, dafl du andern mehr schuldig seiest, als dir selbst?"
"Das nicht; sondern ich finde f¸r gut, ein geringeres Vergn¸gen dem
grˆflern aufzuopfern, welches ich alsdann geniefle, wenn ich das Gl¸ck
meiner Nebengeschˆpfe befˆrdern kann." "Du bist sehr dienstfertig;
gesetzt aber es sei so, wie h‰ngt dieses mit demjenigen zusammen, wovon
itzt die Rede ist?" "Das ist leicht zu sehen. Gesetzt, ich ¸berliefle
mich den Eindr¸cken, welche die Reizungen der schˆnen Cyane auf mich
machen kˆnnten; gesetzt, sie liebte mich, und liefle mich alles erfahren,
was die Wollust berauschendes hat; eine Verbindung von dieser Art kˆnnte
von keiner langen Dauer sein;" "aber w¸rden die Erinnerungen der genoflnen
Freuden nicht die Begierde erwecken, sie wieder zu genieflen? Eine neue
Cyane"--"w¸rde mir wieder gleichg¸ltig werden, und eben diese Begierden
zur¸ck lassen." "Eine immerw‰hrende Abwechslung ist also hierin, wie du
siehst, das Gesetz der Natur." "Aber auf diese Art w¸rde ichs gar bald so
weit bringen, keiner Begierde widerstehen zu kˆnnen." "Wozu brauchst du
zu widerstehen, so lange deine Begierden in den Schranken der Natur und
der M‰fligung bleiben?" "Wie aber, wenn endlich das Weib meines Freundes,
oder welche es sonst w‰re, die der ehrw¸rdige Name einer Mutter gegen den
bloflen Gedanken eines unkeuschen Anfalls sicher stellen soll; oder wie,
wenn die unschuldige Jugend einer Tochter, die vielleicht kein andres
Heuratsgut als ihre Unschuld und Schˆnheit hat; der Gegenstand dieser
Begierden w¸rde, ¸ber die ich durch so vieles Nachgeben alle Gewalt
verloren h‰tte?" "So h‰ttest du dich in Griechenland wenigstens vor den
Gesetzen vorzusehen. Allein was m¸flte das f¸r ein Hirn sein, das in
solchen Umst‰nden kein Mittel ausf¸ndig machen kˆnnte, seine Leidenschaft
zu vergn¸gen, ohne sich mit den Gesetzen abzuwerfen? Ich sehe, du kennest
die Damen zu Athen und Sparta nicht." "O! was das betrifft, ich kenne so
gar die Priesterinnen zu Delphi. Aber ists mˆglich, dafl du im Ernste
gesprochen hast?" "Ich habe nach meinen Grunds‰tzen gesprochen. Die
Gesetze haben in gewissen Staaten, (denn es gibt einige, wo sie mehr
Nachsicht haben) nˆtig gefunden, unser nat¸rliches Recht an eine jede, die
unsre Begierden erregt, einzuschr‰nken. Allein da dieses nur geschah, um
gewisse Ungelegenheiten zu verhindern, die aus dem ungescheuten Gebrauch
jenes Rechts in solchen Staaten zu besorgen w‰ren, so siehst du, dafl der
Geist und die Absicht des Gesetzes nicht verletzt wird, wenn man
vorsichtig genug ist zu den Ausnahmen die man davon macht keine Zeugen zu
nehmen" "O Hippias!" rief Agathon hier aus, "ich habe dich, wohin ich
dich bringen wollte. Du siehest die Folgen deiner Grunds‰tze. Wenn alles
an sich selbst recht ist, was meine Begierden wollen; wenn die
ausschweifenden Forderungen der Leidenschaft unter dem Namen des
N¸tzlichen, den sie nicht verdienen, die einzige Richtschnur unsrer
Handlungen sind; wenn die Gesetze nur mit einer guten Art ausgewichen
werden m¸ssen, und im Dunkeln alles erlaubt ist; wenn die Tugend, und die
Hoffnungen der Tugend nur Schim‰ren sind; was hindert die Kinder, sich
wider ihre Eltern zu verschwˆren? Was hindert die Mutter, sich selbst und
ihre Tochter dem meistbietenden Preis zu geben? Was hindert mich, wenn ich
dadurch gewinnen kann, den Dolch in die Brust meines Freundes zu stoflen,
die Tempel der Gˆtter zu berauben, mein Vaterland zu verraten, oder mich
an die Spitze einer R‰uberbande zu stellen; und, wenn ich anders Macht
genug habe, ganze L‰nder zu verw¸sten, ganze Vˆlker in ihrem Blute zu
ertr‰nken? Siehest du nicht, dafl deine Grunds‰tze, die du so unversch‰mt
Weisheit nennest, und durch eine k¸nstliche Vermischung des Wahren mit dem
Falschen scheinbar zu machen suchst, wenn sie allgemein w¸rden, die
Menschen in weit ‰rgere Ungeheuer, als Hy‰nen, Tyger und Krokodille sind,
verwandeln w¸rden? Du spottest der Tugend und Religion? Wisse, nur den
unauslˆschlichen Z¸gen, womit ihr Bild in unsre Seelen eingegraben ist,
nur dem geheimen und wunderbaren Reiz, der uns zu Wahrheit, Ordnung und
G¸te zieht, und den Gesetzen besser zu statten kommt, als alle Belohnungen
und Strafen, ist es zuzuschreiben, dafl es noch Menschen auf dem Erdboden
gibt, und dafl unter diesen Menschen noch ein Schatten von Sittlichkeit und
G¸te zu finden ist. Du erkl‰rst die Ideen von Tugend und sittlicher
Vollkommenheit f¸r Phantasien. Siehe mich hier, Hippias, so wie ich hier
bin, biete ich den Verf¸hrungen aller deiner Cyanen, den scheinbarsten
¸berredungen deiner Weisheit, und allen Vorteilen, die mir deine
Grunds‰tze und dein Beispiel versprechen, trotz. Eine einzige von diesen
Phantasien ist hinreichend die unwesentliche Zauberei aller dieser
Blendwerke zu zerstreuen. Lafl die Tugend immer eine Schw‰rmerei sein,
diese Schw‰rmerei macht mich gl¸cklich, und w¸rde alle Menschen gl¸cklich,
und den ganzen Erdboden zu einem Himmel machen, wenn deine Grunds‰tze, und
diejenige, welche sie aus¸ben, nicht, so weit ihr ansteckendes Gift dringt,
Elend und Verderbnis ausbreiteten."

Agathon wurde ganz gl¸hend, indem er dieses sagte; und ein Maler, um den
z¸rnenden Apollo zu malen, h‰tte sein Gesicht in diesem Augenblick zum
Urbild nehmen m¸ssen. Allein der weise Hippias erwiderte diesen Eifer mit
einem L‰cheln, welches dem Momus selbst Ehre gemacht h‰tte, und sagte ohne
seine Stimme zu ver‰ndern: "Nunmehr glaube ich dich zu kennen, Callias,
und du wirst von meinen Verf¸hrungen weiter nichts zu besorgen haben. Die
gesunde Vernunft ist nicht f¸r so warme Kˆpfe gemacht, wie der deinige.
Wie leicht, wenn du mich zu verstehen f‰hig gewesen w‰rest, h‰ttest du dir
den Einwurf selbst beantworten kˆnnen, dafl die Grunds‰tze der Sophisten
und Weltleute verderblich w‰ren, wenn sie allgemein w¸rden? Die Natur hat
schon davor gesorgt, dafl sie nicht allgemein werden,--doch ich w¸rde mir
selbst l‰cherlich sein, wenn ich deine begeisterte Apostrophe beantworten,
oder dir zeigen wollte, wie sehr auch der Affekt der Tugend das Gesicht
verf‰lschen kann. Sei tugendhaft, Callias; fahre fort dich um den Beifall
der Geister, und die Gunst der ‰therischen Schˆnen zu bewerben; r¸ste dich,
dem Ungemach, das dein Platonismus dir in dieser Unterwelt zuziehen wird,
groflm¸tig entgegen zu gehen, und trˆste dich, wenn du Leute siehst, die
niedrig genug sind, sich an irdischen Gl¸ckseligkeiten zu weiden, mit dem
frommen Gedanken, dafl sie in dem andern Leben, wo die Reihe an dich kommt,
gl¸cklich zu sein, sich in den Flammen des Phlegeton w‰lzen werden."

Mit diesen Worten stund Hippias auf, warf einen ver‰chtlichmitleidigen
Blick auf den Agathon, und wandte ihm den R¸cken zu, um ihm mit einer
unter seines gleichen gewˆhnlichen Hˆflichkeit zu verstehen zu geben, dafl
er sich zur¸ckziehen kˆnne.

VIERTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Geheimer Anschlag, den Hippias gegen die Tugend unsers Helden macht

Wir vermuten, dafl es einigen Lesern scheinen werde, Hippias habe in seinem
Diskurs bei Agathon einen grˆflern Mangel von Erfahrung und Kenntnis der
Welt vorausgesetzt, als er, nach allem, was bereits mit ihm vorgegangen
war, haben konnte. Wir m¸ssen also zur Entschuldigung dieses Weisen sagen,
dafl Agathon, aus Ursachen, die uns unbekannt geblieben, f¸r gut befunden
habe, von dem gl‰nzenden Teil seiner Begebenheiten, und sogar von seinem
Namen ein Geheimnis zu machen. Denn sein Name war durch die Rolle, die er
zu Athen gespielt hatte, in den griechischen St‰dten allzubekannt worden,
als dafl er es nicht auch dem Hippias h‰tte sein sollen; ob dieser gleich,
seit dem er in Smyrna wohnte, sich wenig um die Staatsangelegenheiten der
Griechen bek¸mmerte, die er in den H‰nden seiner Freunde und Sch¸ler ganz
wohl versorgt hielte. Da nun Agathon so sorgf‰ltig gewesen war, ihm alles
zu verbergen, was einigen Verdacht h‰tte erwecken kˆnnen, dafl er jemals
etwas mehr als ein Aufw‰rter in dem Tempel zu Delphi gewesen; so konnte
Hippias mit desto besserm Grunde voraussetzen, dafl er noch ein vollkommner
Neuling in der Welt sei, als weder die Denkungsart noch das Betragen
dieses jungen Menschen so beschaffen war, dafl ein Kenner auf g¸nstigere
Gedanken h‰tte gebracht werden sollen. Leute von seiner Art kˆnnen, in
der Tat zehen Jahre hinter einander in der groflen Welt gelebt haben, ohne
dafl sie dieses fremde und entlehnte Ansehen verlieren, welches beim ersten
Blick verk¸ndiget, dafl sie hier nicht einheimisch sind; geschweige, dafl
sie f‰hig w‰ren, sich jemals zu dieser edeln Freiheit von den Fesseln der
gesunden Vernunft, zu dieser weisen Gleichg¸ltigkeit gegen alles was die
schw‰rmerischen Seelen Empfindung nennen, und zu dieser verz‰rtelten
Feinheit des Geschmacks zu erheben, wodurch die Weltleute sich auf eine so
vorteilhafte Art unterscheiden. Solche Leute kˆnnen wohl Beobachtungen
machen; allein da ihnen dieser Instinkt, dieses sympathetische Gef¸hl
mangelt, mittelst dessen jene einander so schnell und zuverl‰ssig
ausfindig machen; oder deutlicher zu reden, da sie von allem auf eine
andre Art ger¸hrt werden, als jene; und sich, so sehr sie sich auch
anstrengten, niemals an ihre Stelle setzen kˆnnen: so bleiben sie doch
immer in einem unbekannten Lande, wo ihre Erkenntnis nur bei Mutmaflungen
stehen bleibt, und ihre Erwartung alle Augenblicke durch unbegreifliche
Zuf‰lle und unverhoffte Ver‰nderungen betrogen wird. Mit allen seinen
Vorz¸gen war Agathon doch in eben dieser Klasse, und es ist also kein
Wunder, dafl er, ungeachtet der tiefen Betrachtungen die er ¸ber seine
Unterredung mit dem Hippias bei sich selbst anstellte, sehr weit entfernt
war, die Gedanken zu erraten, womit dieser Sophist itzt umging, dessen
Eitelkeit durch den schlechten Fortgang seines Vorhabens, und den
Eigensinn dieses seltsamen J¸nglings weit mehr beleidiget war, als er sich
hatte anmerken lassen. Agathon, wenn er das w¸rklich w‰re, was er zu sein
schien, w‰re (dachte der weise Mann nicht ohne Grund) eine lebendige
Widerlegung seines Systems. "Wie?" sagte er zu sich selbst, (ein Umstand,
der ihm selten begegnete) "ich habe mehr als vierzig Jahre in der Welt
gelebt, und unter einer unendlichen Menge von Menschen von allen St‰nden
und Klassen, nicht einen einzigen angetroffen, der meine Begriffe von der
menschlichen Natur nicht best‰tiget h‰tte, und dieser junge Mensch sollte
mich noch an die Tugend glauben lehren? Es kann nicht sein; er ist ein
Phantast oder ein Heuchler. Was er auch sein mag, ich will es ausf¸ndig
machen.--Gut! Das ist ein vortrefflicher Einfall! Ich will ihn auf eine
Probe stellen, wo er unterliegen mufl, wenn er ein Schw‰rmer, und wo er die
Maske ablegen wird, wenn er ein Komˆdiant ist. Er hat gegen Cyane
ausgehalten, dies hat ihn stolz und sicher gemacht. Aber das beweist noch
nichts. Wir wollen ihn auf eine st‰rkere Probe setzen; wenn er in dieser
den Sieg erh‰lt, so mufl er--ja, so will ich meine Nymphen entlassen, mein
Haus den Priestern der Cybele vermachen, und an den Ganges ziehen, und in
der Hˆhle eines alten Palmbaums, mit geschloflnen Augen und den Kopf
zwischen den Knien, so lange in der n‰mlichen Positur sitzen bleiben, bis
ich, allen meinen Sinnen zu trotz, mir einbilde, dafl ich nicht mehr bin!
"--Dies war ein hartes Gel¸bde; auch hielt sich Hippias sehr ¸berzeugt,
dafl es so weit nicht kommen w¸rde, und damit er keine Zeit vers‰umen
mˆchte; so machte er noch an demselbigen Tag Anstalt, seinen Anschlag
auszuf¸hren.

ZWEITES KAPITEL

Hippias stattet einer Dame einen Besuch ab

Die Damen zu Smyrna hatten damals eine Gewohnheit, welche ihrer Schˆnheit
mehr Ehre machte als ihrer Sittsamkeit. Sie pflegten sich in den warmen
Monaten gemeiniglich alle Nachmittage eines k¸hlenden Bades zu bedienen,
und, um keine lange Weile zu haben, nahmen sie um diese Zeit die Besuche
derjenigen Mannspersonen an, die das Recht eines freien Zutritts in ihren
H‰usern hatten. Diese Gewohnheit war in Smyrna eben so unschuldig als es
der Gebrauch bei unsern westlichen Nachbarinnen ist, Mannspersonen bei der
Toilette um sich zu haben; auch kam diese Freiheit nur den Freunden zu
statten, und, den besondern Fall ausgenommen, wenn die hartn‰ckige
Blˆdigkeit eines noch unerfahrnen Neulings einiger Aufmunterung nˆtig
hatte, waren die Liebhaber g‰nzlich davon ausgeschlossen. Unter einer
groflen Anzahl von Schˆnen, bei denen der weise Hippias dieses Vorrecht
genofl, war auch eine, die unter dem Namen Danae den ersten Rang in
derjenigen Klasse von Frauenzimmern einnahm, die man bei den Griechen
Freundinnen, oder noch eigentlicher Gesellschafterinnen zu nennen pflegte.
Diese Gattung von Damen war damals unter ihrem Geschlecht, was die
Sophisten unter dem m‰nnlichen; sie stunden in keiner geringern Achtung,
und konnten sich r¸hmen, dafl die vollkommensten Modelle aller Vorz¸ge
ihres Geschlechts, wenn man die strenge Tugend ausnimmt, die Aspasien, die
Leontium und die Phrynen sich kein Bedenken machten von ihrem Orden zu
sein. Was die Danae betrifft, so machten die Mannspersonen zu Smyrna kein
Geheimnis daraus, dafl sie, ihrem Urteil nach, an Schˆnheit und Artigkeit
alle andre Frauenzimmer, galante und sprˆde, tugendhafte und and‰chtige,
¸bertreffe. Es ist wahr, die Geschichte meldet nicht, dafl die Damen sich
sehr beeifert h‰tten, das Urteil der Mannspersonen durch ihren
ˆffentlichen Beitritt zu best‰tigen; allein soviel ist gewifl, dafl keine
unter ihnen war, die sich selbst nicht gestanden h‰tte, dafl, eine einzige
Person ausgenommen, die sie niemals ˆffentlich nennen wollten, die schˆne
Danae alle ¸brigen eben so weit ¸bertreffe, als sie von dieser einzigen
Ungenannten ¸bertroffen werde. In der Tat war ihr Ruhm von dieser Seite
so festgesetzt, dafl man das Ger¸cht nicht unwahrscheinlich fand, welches
versicherte, dafl sie in ihrer ersten Jugend den ber¸hmtesten Malern zum
Modell gedient habe; und dafl sie bei einer solchen Gelegenheit den Namen
erhalten, unter welchem sie in Jonien ber¸hmt war. Itzo hatte sie zwar
das dreifligste Jahr schon zur¸ckgelegt, allein ihre Schˆnheit hatte
dadurch mehr gewonnen als verloren; und der blendende Jugendglanz, der mit
dem Mai des Lebens zu verschwinden pflegt, wurde durch tausend andre
Reizungen ersetzt, welche ihr, nach dem Urteil der Kenner, eine gewisse
Anziehungskraft gaben, die man, ohne sich eines schw¸lstigen Ausdrucks
schuldig zu machen, in gewissen Umst‰nden f¸r unwiderstehlich halten
konnte. Dem ungeachtet scheute sich, unter der ‰gide der Gleichg¸ltigkeit,
worin ihn damals ordentlicher Weise auch die schˆnsten Figuren zulassen
pflegten, der weise Hippias nicht, seine Tugend ˆfters dieser Gefahr
auszusetzen. Er war der schˆnen Danae unter dem Titel eines Freundes
vorz¸glich angenehm, und die geheime Geschichte sagt so gar, dafl sie ihn
ehmals nicht unw¸rdig gefunden, ihm eine Zeitlang eine noch interessantere
Stelle, bei ihrer Person anzuvertrauen; eine Stelle die nur von den
liebensw¸rdigsten seines Geschlechts bekleidet zu werden pflegte. Diese
Dame war es, deren Beih¸lfe Hippias sich zu Ausf¸hrung seines Anschlags
wider den Agathon bedienen wollte, dessen schw‰rmerische Tugend, seinen
Gedanken nach, eine Beschimpfung seiner Grunds‰tze war, die er viel
weniger leiden konnte, als die allerscharfsinnigste Widerlegung in forma.
Er begab sich also zu der gewˆhnlichen Stunde zu ihr, und war kaum in den
Saal getreten, wo sie sich befand, und in den Bed¸rfnissen des Bades, von
zween jungen Knaben, welche eher ein paar Liebesgˆtter zu sein schienen,
bedient wurde; als sie schon in seinem Gesicht etwas bemerkte, das mit
seiner gewˆhnlichen Heiterkeit einen Absatz machte. "Was hast du,
Hippias", sagte sie zu ihm, "dafl du eine so tiefsinnige Miene mitbringst?"
"Ich weifl nicht", antwortete er, "warum ich tiefsinnig aussehen sollte,
wenn ich eine Dame im Bade besuche; aber das weifl ich, dafl ich dich noch
nie so schˆn gesehen habe, als diesen Augenblick." "Gut", sagte sie, "das
beweist, dafl ich recht geraten habe. Ich bin gewifl, dafl ich heute nicht
besser aussehe als das letztemal, da du mich sahest; aber deine Phantasie
ist hˆher gestimmt als gewˆhnlich, und du schreibst den Einflufl, den sie
auf deine Augen hat, groflm¸tig auf die Rechnung des Gegenstands, den du
vor dir hast; ich wollte wetten, dafl die h‰fllichste meiner Kammerm‰dchen,
dir in diesem Augenblick eine Grazie scheinen w¸rde." "Ich habe",
versetzte Hippias, "keine Anspr¸che an eine lebhaftere Einbildungskraft zu
machen als Zeuxes und Aglaophon, welche sich nichts vollkommners zu
erfinden getrauten als Danae. Welche schˆne Gelegenheit zu einer neuen
Verwandlung, wenn ich Jupiter w‰re!"--"Und was f¸r eine Gestalt wolltest
du annehmen, um zu gleicher Zeit meine Sprˆdigkeit und deine liebe
Gemahlin zu hintergehen? Denn ich glaube kaum, dafl unter allen
gefl¸gelten, vierf¸fligen und kriechenden Tieren eines ist, das nicht schon
einem Unsterblichen h‰tte dienen m¸ssen, irgend ein ehrliches M‰dchen zu
beschleichen." "Ich w¸rde mich nicht lange besinnen", sagte Hippias; "was
f¸r eine Gestalt kˆnnte ich annehmen, die dir angenehmer und mir zu meiner
Absicht bequemer w‰re, als dieses Sperlings, der deine Liebhaber so oft zu
einer gerechten Eifersucht reizt; der, durch die z‰rtlichsten Namen
aufgemuntert, mit solcher Freiheit um deinen Nacken flattert, oder mit
mutwilligem Schnabel den schˆnsten Busen neckt, und die Liebkosungen
allezeit doppelt wieder empf‰ngt, die er dir gemacht hat." "Es ist dir
leichter wie es scheint", versetzte Danae, "einen Sperling an deine Stelle,
als dich an die Stelle eines Sperlings zu setzen; bald kˆnntest du mir
die Schmeicheleien meines kleinen Lieblings verd‰chtig machen. Aber genug
von den Wundern, die du meiner Schˆnheit zutrauest; wir wollen von was
anderm reden. Weiflest du, dafl ich meinem Liebhaber den Abschied gegeben
habe?" "Dem schˆnen Hiacinthus?" "Ihm selbst, und was noch mehr ist, mit
dem festen Entschlufl, seine Stelle nimmer zu ersetzen." "Das ist eine
tragische Entschlieflung, schˆne Danae." "Nicht so sehr als du denkest.
Ich versichre dich, Hippias, meine Geduld reicht nicht mehr zu, alle
Torheiten dieser abgeschmackten Gecken auszustehen, welche die Sprache der
Empfindung reden wollen und nichts f¸hlen; deren Herz nicht so viel als
mit einer Nadelritze verwundet ist, ob sie gleich von Martern und von
Flammen reden; die unf‰hig sind etwas anders zu lieben als sich, und denen
meine Augen nur zum Spiegel dienen sollen, um darin den Wert ihrer kleinen
unversch‰mten Figur zu bewundern. Kaum glauben sie ein Recht an unsre
G¸tigkeit zu haben, so bilden sie sich ein, dafl sie uns viel Ehre erweisen,
wenn sie unsere Liebkosungen mit einer zerstreuten Miene dulden. Ein
jeder Blick, den sie auf mich werfen, sagt mir, dafl ich ihnen nur zum
Spielzeug diene; und die H‰lfte meiner Reizungen geht an ihnen verloren,
weil sie keine Seele haben, um die Schˆnheiten einer Seele zu empfinden."
"Dein Unwille ist gerecht", versetzte der Sophist; "es ist verdriefllich,
dafl man diesen Mannsleuten nicht begreiflich machen kann, dafl die Seele
das liebensw¸rdigste an einem schˆnen Frauenzimmer ist. Aber beruhige
dich; nicht alle M‰nner denken so unedel, und ich kenne einen, der dir
gefallen w¸rde, wenn du, zur Abwechslung, einmal Lust h‰ttest, es mit
einem geistigen Liebhaber zu versuchen." "Und wer kann das sein, wenn man
fragen darf?" "Es ist ein J¸ngling, gegen den deine Hyacinthe nur
Meerkatzengesichter sind, schˆner als Adonis."--"Fi, Hippias, das ist als
wie wenn du sagtest, s¸fler als Honigseim. Du begreifst nicht, wie sehr
mir vor diesen schˆnen Herren ekelt." "O! das hat nichts zu bedeuten; ich
stehe dir f¸r diesen. Er hat keinen von den Fehlern der schˆnen
Narcissen, die dir so ‰rgerlich sind. Kaum scheint er es zu wissen, dafl
er einen Leib hat. Das ist ein Mensch wie man nicht viele sieht, schˆn
wie Apollo, aber geistig wie ein Zephyr; ein Mensch, der lauter Seele ist,
der dich, wie du hier bist, f¸r eine blofle Seele ansehen w¸rde, und der
alles auf eine geistige Art tut, was wir andere kˆrperlich tun. Du
verstehst mich ja, schˆne Danae?" "Nicht allzuwohl; aber deine
Beschreibung gef‰llt mir nichts desto minder. Du sprichst doch im Ernst?"
"In ganzem Ernst: Wenn du Lust hast die metaphysische Liebe zu kosten, so
habe ich deinen Mann gefunden. Er ist platonischer als Plato
selbst--denn ich denke, du kˆnntest uns geheime Nachrichten von diesem
ber¸hmten Weisen geben." "Ich erinnere mich", antwortete Danae l‰chelnd,
"dafl er einmal mit einer meiner Freundinnen eine kleine Zerstreuung gehabt
hat, die du ihm nicht ¸bel nehmen muflt. Wo ist ein Geist, dem ein
h¸bsches M‰dchen von achtzehn Jahren nicht einen Kˆrper geben kˆnnte?"
"Du kennest meinen Mann noch nicht", erwiderte Hippias; "die Gˆttin von
Paphos, ja du selbst w¸rdest es bei ihm so weit nicht bringen. Du kannst
ihn Tag und Nacht um dich haben. Du kannst ihn auf alle Proben stellen,
du kannst ihn--bei dir schlafen lassen, Danae, ohne dafl er dir Gelegenheit
geben wird, nur die mindeste kleine Ausrufung anzubringen; kurz, bei ihm
kann deine Tugend ganz ruhig einschlummern, ohne jemals in Gefahr zu
kommen, aufgeweckt zu werden." "Ach! nun verstehe ich dich; es verlohnte
sich der M¸he nicht, den Scherz so weit zu treiben. Ich verlange keinen
Liebhaber der sich nur darum an meine Seele h‰lt, weil ihm das ¸brige zu
nichts n¸tze ist." "Auch ist derjenige, den ich dir anpreise, weit
entfernt in diese Klasse zu gehˆren; mache dir dar¸ber keinen Kummer. Was
du f¸r die Folge einer physischen Notwendigkeit h‰ltst, ist bei ihm die
W¸rkung der Tugend, und der erhabnen Philosophie, von der er Profession
macht." "Du machst mich sehr neugierig ihn zu sehen; aber weiflt du,
Hippias, dafl meine Eitelkeit nicht zu frieden w‰re, auf eine so
kaltsinnige Art geliebt zu sein. Es ist wahr, ich bin dieser mechanischen
Liebhaber von Herzen ¸berdr¸ssig; aber ich w¸rde mit einem andern eben so
¸bel zu frieden sein, der gegen dasjenige ganz unempfindlich w‰re, wof¸r
jene allein empfindlich sind. Ein Frauenzimmer findet allezeit ein
Vergn¸gen darin, Begierden einzuflˆflen, auch wann sie nicht im Sinn hat,
sie zu vergn¸gen. Die Sprˆden selbst sind von dieser Schwachheit nicht
ausgenommen. Wozu haben wir nˆtig, dafl uns ein Liebhaber sagt, dafl wir
reizend sind? Wir wollen es aus den W¸rkungen sehen, die wir auf ihn
machen. Je weiser er ist, desto schmeichelnder ist es f¸r unsre Eitelkeit,
wenn wir ihn aus seiner Fassung setzen kˆnnen. Nein, du begreifst nicht,
wie sehr das Vergn¸gen, das uns der Anblick aller der Torheiten macht,
wozu wir diese Herren der Schˆpfung bringen kˆnnen, alle andre ¸bertrifft,
die sie uns zu machen f‰hig sind. Ein Philosoph, der zu meinen F¸flen wie
eine Turteldaube girret, der mir zu Gefallen seine Haare und seinen Bart
kr‰useln l‰flt, der so wohl riecht wie ein arabischer Salbenh‰ndler, der
mir den Hof zu machen, mit meinem Schoflhund schwatzt und Oden auf meinen
Sperling macht--ah! Hippias, man mufl ein Frauenzimmer sein, um zu
begreifen, was das f¸r ein Vergn¸gen ist!"--"Ich bedaure dich"; erwiderte
der schalkhafte Sophist, "dafl du diesem Vergn¸gen bei dem Liebhaber, von
dem ich rede, entsagen muflt. Er hat seine Proben schon gemacht. Er ist
z‰rtlich wie ein junger Seufzer, aber, wie gesagt, er ist es nur f¸r die
Seele der Schˆnen; alles ¸brige macht keinen grˆflern Eindruck auf ihn, als
ein Gem‰lde, oder eine Bilds‰ule." "Das wollen wir sehen", versetzte
Danae; "ich verlange schlechterdings, dafl du ihn diesen Abend zu mir
bringest; du wirst nur eine kleine Gesellschaft finden, die uns nicht
hindern soll. Aber wer ist denn dieser Ungenannte, von dem wir schon so
lange schwatzen?" "Es ist ein Sklave, den ich vor etlichen Wochen von
einem Cilicier gekauft habe, aber ein Sklave, wie man sonst nirgends sieht.
Er ist zu Delphi im Tempel des Apollo erzogen worden, und, so viel ich
vermute, wird er sein Dasein der antiplatonischen Liebe dieses Gottes zu
irgend einer artigen Sch‰ferin zu danken haben, die sich zu weit in seinen
Lorbeerhain gewagt haben mag. Er ist hernach eine geraume Zeit zu Athen
gewesen, und die schˆnen Reden des Plato haben die romanhafte Erziehung
vollendet, die er in den geheiligten Hainen zu Delphi erhalten. Er geriet
durch einen Zufall in die H‰nde Cilicischer Seer‰uber, und aus diesen in
die meinige. Er nannte sich Pythokles; aber weil ich diese Art von Namen
nicht leiden kann, so hiefl ich ihn Callias, und er verdient so zu heiflen,
denn er ist der schˆnste Mensch, den ich jemals gesehen habe. Seine
¸brigen Gaben best‰tigen die gute Meinung, die sein Anblick von ihm
erweckt. Er hat Verstand, Geschmack, und Wissenschaft; er ist ein
Liebhaber und ein G¸nstling der Musen; aber mit allen diesen Vorz¸gen ist
er doch nichts weiter als ein wunderlicher Kopf, ein Schw‰rmer und ein
unbrauchbarer Mensch. Er nennt seinen Eigensinn Tugend, weil er sich
einbildet, die Tugend m¸sse die Antipode der Natur sein; er h‰lt die
Ausschweifungen seiner Phantasie f¸r Vernunft, weil er sie in einen
gewissen Zusammenhang gebracht hat; und sich selbst f¸r weise, weil er auf
eine methodische Art raset. Er gefiel mir beim ersten Anblick, ich faflte
den Entschlufl, etwas aus diesem jungen Menschen zu machen; aber alle meine
M¸he war umsonst; und wenn es mˆglich ist, dafl er durch jemand zu recht
gebracht werden kann, so mufl es durch ein Frauenzimmer geschehen; denn ich
glaube bemerkt zu haben, dafl man nur durch sein Herz in seinen Kopf kommen
kann. Die Unternehmung w‰re deiner w¸rdig, schˆne Danae, und wenn sie dir
nicht gelingt, so ist er unverbesserlich, und verdient nichts, als dafl man
ihn seiner Torheit und seinem Schicksal ¸berlasse."

"Du hast meinen ganzen Ehrgeiz rege gemacht, Hippias", versetzte die
schˆne Danae; "bringe ihn diesen Abend mit; ich will ihn sehen, und wenn
er aus eben denselben Elementen zusammengesetzt ist, wie andre Erden-Sˆhne,
so wollen wir eine Probe machen, ob Danae ihrer Lehrmeisterin w¸rdig ist."

Hippias war sehr erfreut, den Zweck seines Besuchs so gl¸cklich erreicht
zu haben, und versprach beim Abschied, zur bestimmten Zeit diesen
wunderbaren J¸ngling aufzuf¸hren, an welchem die schˆne Danae so begierig
war, die Macht ihrer Reizungen zu versuchen.

DRITTES KAPITEL

Geschichte der schˆnen Danae

Die Dame, mit welcher unsre Leser im vorigen Kapitel Bekanntschaft gemacht,
hat vermutlich einem guten Teil derselben nicht so ¸bel gefallen, dafl sie
nicht eine n‰here Nachricht von dem Charakter und der Geschichte derselben
erwarten sollten; und wir sind desto geneigter, ihrem Verlangen ein Gen¸ge
zu tun, je nˆtiger der Verfolg unsrer Geschichten zu machen scheint, dafl
der Leser in den Stand gesetzt werde, der schˆnen Danae Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen.

Die allgemeine Meinung zu Smyrna war, dafl sie eine Tochter der ber¸hmten
Aspasia von Milet sei, die, nachdem sie in ihrer Vaterstadt die Kunst der
Galanterie, wovon sie Profession machte, durch die Verbindung derselben
mit der Philosophie und den K¸nsten der Musen, zu jenem Grade der
Vollkommenheit erhoben hatte, der sie zur wahren Erfinderin derselben zu
machen schien, nach Athen gezogen war, wo sie sich ihrer seltnen Vorz¸ge
auf eine so kluge Art zu bedienen gewuflt, dafl sie sich endlich zur
unumschr‰nkten Beherrscherin des groflen Perikles, der das ganze
Griechenland beherrschte, oder wie die komischen Dichter ihrer Zeit sich
ausdr¸ckten, zur Juno dieses atheniensischen Jupiters erhoben hatte.
Allein die Vermutungen, worauf sich diese Meinung von der Abkunft der
Danae gr¸ndeten, kˆnnen nicht f¸r hinl‰nglich angesehen werden, das
Zeugnis verschiedner Geschichtschreiber zu ¸berw‰gen, welche versichern,
dafl sie aus der Insel Scios geb¸rtig gewesen, und nach dem Tod ihrer
Eltern, in ihrem vierzehnten Jahr mit einem Bruder nach Athen gekommen, um
in dieser Stadt, worin alle angenehmen Talente willkommen waren, durch die
ihrigen ihren Unterhalt zu gewinnen. Die Kunst, welche sie hier trieb,
war eine Art von pantomimischen T‰nzen, wozu gemeiniglich nur eine oder
zwo Personen erfordert wurden, und worin die tanzende Person, nach der
Modulation einer Flˆte oder Leier, gewisse St¸cke aus der Gˆtter--und
Heldengeschichte der Griechen, durch Geb‰rden und Bewegungen vorstellte.
Allein, da diese Kunst wegen der Menge derer die sie trieben, nicht
zureichte sie zu unterhalten, so sahe sich die junge Danae genˆtiget, den
K¸nstlern zu Athen die Dienste eines Models zu tun; und erhielt dadurch
aufler dem Nutzen, den sie davon zog, die schmeichelnde Ehre, bald als
Diana, bald als Venus auf die Alt‰re gestellt, die Bewunderung der Kenner
und die Anbetung des Pˆbels zu erhalten. Bei einer solchen Gelegenheit
trug es sich zu, dafl sie von dem jungen Alcibiades ¸berraschet, und in der
Stellung der Danae des Acrisius, welche sie eben vorstellte, allzureizend
befunden wurde, als dafl einem geringern als Alcibiades auch nur der
Anblick so vieler Schˆnheiten erlaubt sein sollte. Auf der andern Seite
wurde die junge Danae von der Figur, den Manieren, dem Stand und den
Reicht¸mern dieses liebensw¸rdigen Verf¸hrers so sehr eingenommen, dafl er
keine grofle M¸he hatte, sie zu bereden sich in seinen Schutz zu begeben.
Er brachte sie also in das Haus der Aspasia, welches zu gleicher Zeit eine
Akademie der schˆnsten Geister von Athen, und eine Frauenzimmer-Schule war,
worin junge M‰dchen von den vorz¸glichsten Gaben, unter der Aufsicht
einer so vollkommen Meisterin, eine Erziehung erhielten, welche sie zu der
Bestimmung geschickt machen sollte, die Groflen und die Weisen der Republik
in ihren Ruhestunden zu ergˆtzen. Danae machte sich diese Gelegenheit
sowohl zu Nutze, dafl sie die Gunst, und endlich selbst die Vertraulichkeit
der Aspasia erhielt, welche, weit ¸ber die Niedertr‰chtigkeit gemeiner
Seelen erhaben, sich mit so vielem Vergn¸gen in dieser jungen Person
wieder hervorgebracht sah, dafl sie dadurch zu der Vermutung Anlafl gab,
deren wir bereits Erw‰hnung getan haben. Inzwischen genofl Alcibiades
allein der Fr¸chte einer Erziehung, wodurch die nat¸rlichen Gaben seiner
jungen Freundin zu einer Vollkommenheit entwickelt wurden, die ihr den
Namen der zweiten Aspasia erwarb; und die schˆne Danae legte sich selbst
die Pflicht auf, eine Treue gegen ihn zu beobachten, die er nicht zu
erwidern nˆtig fand. Da die Liebe zur Ver‰nderung eine st‰rkere
Leidenschaft bei ihm war, als die Liebe die ihm irgend ein Frauenzimmer
einflˆflen konnte, so muflte auch Danae, nachdem sie sich eine geraume Zeit
in dem ersten Platz bei ihm erhalten hatte, einer andern weichen, die
keinen Vorzug vor ihr hatte, als dafl sie ihm neu war. So schwach Danae
von einer gewissen Seite sein mochte, so edel war ihr Herz in andern
St¸cken. Sie liebte den Alcibiades, weil sie von seiner Person und von
seinen Eigenschaften bezaubert war, und dachte wenig daran, von seinen
Reicht¸mern Vorteil zu ziehen. Sie w¸rde also nichts von ihm ¸brig
behalten haben, als das Andenken von dem liebensw¸rdigsten Mann ihrer Zeit
geliebt worden zu sein; wenn er nicht eben so stolz und freigebig gewesen
w‰re, als sie, wider die Gewohnheit ihrer Gespielen, uneigenn¸tzig war.
"Ich verlasse dich Danae", sagte er zu ihr, "allein ich werde nicht
zugeben, dafl diejenige, die einst dem Alcibiades zugehˆrte, jemals
genˆtiget sein soll, dem Reichsten zu ¸berlassen, was nur dem
Liebensw¸rdigsten gehˆrt." Mit diesen Worten drang er ihr eine Summe auf,
die mehr als zul‰nglich war, sie von dieser Seite aufler aller Gefahr zu
setzen. Der Tod der Aspasia und die Ver‰nderungen, die er nach sich zog,
bewogen sie, wenige Jahre darauf Athen zu verlassen, und nach etlichen
Begebenheiten, an denen ihr Herz keinen geringen Anteil hatte, Smyrna zu
ihrem best‰ndigen Sitz zu erw‰hlen. Hier hatte sie Gelegenheit dem
j¸ngern Cyrus bekannt zu werden, dessen liebensw¸rdige Eigenschaften durch
die Feder des Xenophon eben so bekannt worden sind, als der ungl¸ckliche
Ausgang der Unternehmung, wodurch er sich auf den Thron des ersten Cyrus
zu schwingen hoffte. Ihr erster Anblick unterwarf ihr das Herz dieses
Prinzen, der so empfindlich gegen diejenige Art von Reizungen war, wodurch
sich die Sch¸lerinnen der Aspasia von den lebenden Statuen unterschieden,
die in den Morgenl‰ndern zum Vergn¸gen der Groflen bestimmt werden, und in
der Tat zu dem einzigen Gebrauch den diese von ihnen zu machen wissen,
wenig Seele nˆtig haben. Allein so schmeichelhaft diese Eroberung f¸r sie
war, so konnte sie doch nichts bewegen, ihn nach Sardes zu begleiten, und
ihre Freiheit der Ehre aufzuopfern, die erste seiner Sklavinnen zu sein.
Sie blieb also in Smyrna zur¸ck, wo sie durch die groflm¸tige Freigebigkeit
des Cyrus, der sich hierin von keinem Athenienser ¸bertreffen lassen
wollte, in den Stand gesetzt war, ihre einzige Sorge sein zu lassen, wie
sie auf die angenehmste Art leben wollte. Sie bediente sich dieses Gl¸cks,
wie es der Name der zwoten Aspasia erfoderte. Ihre Wohnung schien ein
Tempel der Musen und Grazien zu sein, und wenn Amor von einer so reizenden
Gesellschaft nicht ausgeschlossen war, so war es jener Amor, den die Musen
beim Anacreon mit Blumenkr‰nzen binden, und der sich in dieser
Gefangenschaft so wohl gef‰llt, dafl Venus ihn vergeblich bereden will,
sich in seine vorige Freiheit setzen zu lassen. Die Spiele, die Scherze
und die Freuden, (wenn es uns erlaubt ist, die Sprache Homers zu
gebrauchen, wo die gewˆhnliche zu matt scheint), schlossen mit den
l‰chelnden Stunden einen unauflˆslichen Reihentanz um sie her, und
Schwermut, ¸berdrufl, und Langeweile waren mit allen andern Feinden der
Ruhe und des Vergn¸gens aus diesem Wohnplatz der Freude verbannt.

Wir haben, deucht uns, schon mehr als genug gesagt, um unsre Leser in
keine mittelm‰flige Sorge f¸r die Tugend unsers Helden zu setzen. In der
Tat hatte er sich noch niemals in Umst‰nden befunden, wo wir weniger
hoffen d¸rfen, dafl sie sich werde erhalten kˆnnen; die Gefahr worin sie
bei der ¸ppigen Pythia, unter den rasenden Bachantinnen und in dem Hause
des weisen Hippias, welches dem Stalle der Circe so ‰hnlich sah,
geschwebet hatte, verdient nur nicht neben derjenigen genannt zu werden,
welcher wir ihn bald ausgesetzt sehen werden, und deren wir ihn gerne
¸berhoben h‰tten, wenn uns die Pflichten eines Geschichtschreibers
erlaubten, unsrer freundschaftlichen Parteilichkeit f¸r ihn, auf Unkosten
der Wahrheit nachzugeben.

VIERTES KAPITEL

Wie gef‰hrlich es ist, der Besitzer einer verschˆnernden Einbildungskraft
zu sein

Wenn eine lebhafte Einbildungskraft ihrem Besitzer eine unendliche Menge
von Vergn¸gen gew‰hrt, die den ¸brigen Sterblichen versagt sind; wenn ihre
magische W¸rkung alles Schˆne in seinen Augen verschˆnert, und ihn da in
Entz¸ckung setzt, wo andre kaum empfinden; wenn sie in gl¸cklichen Stunden,
ihm diese Welt zu einem Paradiese macht, und in traurigen seine Seele von
der Szene seines Kummers hinwegzieht, und in andre Welten versetzt, die
durch die vergrˆflernden Schatten einer vollkommnen Wonne seinen Schmerz
bezaubern: So m¸ssen wir auf der andern Seite gestehen, dafl sie nicht
weniger eine Quelle von Irrt¸mern, von Ausschweifungen und von Qualen f¸r
ihn ist, wovon er, selbst mit Beih¸lfe der Weisheit und mit der feurigsten
Liebe zur Tugend, sich nicht eher losmachen kann, bis er, auf welche Art
es nun sein mag, so weit gekommen ist, die allzugrofle Lebhaftigkeit
derselben zu m‰fligen. Der weise Hippias hatte, die Wahrheit zu gestehen,
unserm Helden sehr wenig Unrecht getan, als er ihm eine Einbildungskraft
von dieser Art zuschrieb; ob wir ihm gleich in Absicht des Mittels nicht
vˆllig beifallen kˆnnen, wodurch selbige, seiner Meinung nach, am besten
in das gehˆrige Gleichgewicht mit den ¸brigen Kr‰ften der Seele gesetzt
werden kˆnne. Die schlaue Danae hatte sich aus der Beschreibung des
Hippias eine solche Vorstellung von dem Agathon gemacht, dafl sie alles
gewonnen zu haben glaubte, wenn sie nur seine Einbildungskraft auf ihre
Seite gebracht haben w¸rde. Hippias, dachte sie, hatte nur darin gefehlt,
dafl er ihn durch die Sinnen verf¸hren wollte. Auf diese Voraussetzung
machte sie einen Plan, ¸ber den sie nicht wenig vergn¸gt war; und dachte
so wenig daran, dafl die Ausf¸hrung sie ihr eignes Herz kosten kˆnnte, als
Agathon sich von der Gefahr tr‰umen liefl, die dem seinigen zubereitet
wurde. Endlich kam die Stunde, die dem Hippias bestimmt worden war.
Agathon begleitete seinen Herrn, ohne zu wissen wohin. Sie traten in
einen Palast, der auf einer doppelten Reihe von jonischen S‰ulen ruhte,
und mit vielen vergoldeten Bilds‰ulen ausgezieret war. Das Inwendige
dieses Hauses stimmte vollkommen mit der Pracht des ‰uflerlichen Anblicks
¸berein. Allenthalben begegnete ihm das gesch‰ftige Gewimmel von
unz‰hlichen Sklaven und Sklavinnen, wovon die erstern alle unter zwˆlf
Jahren zu sein schienen, und so wie die letztern von auflerordentlicher
Schˆnheit waren. Ihre Kleidung stellte dem Aug' eine angenehme
Verbindung der Einfˆrmigkeit mit der Abwechslung vor; einige waren in weifl,
andre in himmelblau, andre in rosenfarb, andre in andre Farben gekleidet,
und jede Farbe schien eine besondere Klasse zu bezeichnen, welcher ihre
eigne Dienste angewiesen waren. Agathon, auf den alles lebhaftere
Eindr¸cke machte, als es nˆtig war, um nach dem Maflstab der Moralisten
genug zu sein, wurde durch alles was er sah, so sehr bezaubert, dafl er
sich in eine von seinen idealischen Welten versetzt glaubte. Allein eh er
Zeit hatte zu sich selbst zu kommen, f¸hrte ihn Hippias in einen groflen
und hellerleuchteten Saal, worin die Gesellschaft versammelt war, welche
sie vermehren sollten. Er hatte kaum einen Blick auf sie geworfen, als
die schˆne Danae ihm mit einer Anmut und Leutseligkeit die ihr eigen war,
entgegen kam, und ihm sagte, dafl ein Freund des Hippias das Recht habe,
sich in ihrem Hause und in dieser Gesellschaft als einheimisch anzusehen.
Ein so verbindliches Kompliment verdiente wohl eine Antwort in eben diesem
Ton; allein Agathon war in diesem Augenblick aufler Stand, hˆflich zu sein:
Ein Blick, womit man den ‰uflersten Grad des angenehmsten Erstaunens malen
m¸flte, war alles, was er auf diese Anred' erwidern konnte. Die
Gesellschaft, die er versammelt fand, war aus lauter solchen Personen
zusammengesetzt, welche die Vorrechte des vertrautesten Umgangs in diesem
Hause genossen, und die attische Urbanit‰t, die von der sprˆden,
regelm‰fligen und manierenreichen Politesse der heutigen Europ‰er so sehr
verschieden war, in einem so hohen Grad als Danae selbst, besaflen. In
einer Gesellschaft nach der heutigen Art w¸rde Agathon, in den ersten
Augenblicken, da er sich darstellte, zu einer unendlichen Menge von
boshaften und spˆttischen Anmerkungen Stoff gegeben haben; allein in
dieser war ein fl¸chtiger Blick alles, was er auszuhalten hatte. Die
Unterredung wurde fortgesetzt, niemand zischelte dem andern ins Ohr, oder
schien das Erstaunen zu bemerken, mit der seine Augen die schˆne Danae zu
verschlingen schienen; kurz, man liefl ihm alle Zeit die er brauchte um
wieder zu sich selbst zu kommen, wofern sich anders dieser Ausdruck f¸r
die Verfassung schickt, in der er sich diesen ganzen Abend durch befand.
Vielleicht erwartet man, dafl wir eine n‰here Erl‰uterung ¸ber diesen
auflerordentlichen Eindruck geben sollen, welchen Danae auf unsern
allzureizbaren Helden machte; allein wir sehen uns noch aufler Stand, die
Neugierde des Lesers ¸ber einen Punkt zu befriedigen, wovon Agathon selbst
noch nicht f‰hig gewesen w‰re, Rechenschaft zu geben: Soviel kˆnnen wir
inzwischen sagen, dafl diese Dame dem Anschein nach niemals weniger
erwarten konnte, eine solche W¸rkung zu machen; so wenig M¸he hatte sie
sich gegeben, durch einen schlauen Putz ihre Reizungen in ein g¸nstiges
Licht zu setzen. Ein Kleid von weiflem Taft, mit kleinen Streifen von
Purpur, und eine halberˆffnete Rose in ihrem schwarzen Haar, machte ihren
ganzen Staat aus; und von der Durchsichtigkeit, wodurch die Kleidung der
Cyane den Augen unsers Helden anstˆflig gewesen, war die ihrige so weit
entfernt, dafl man mit besserm Recht an ihr h‰tte aussetzen kˆnnen, dafl sie
zu sehr verh¸llt sei. Es ist wahr, sie hatte Sorge getragen, dafl ein
kleiner niedlicher Fufl, der an Weifle den Alabaster ¸bertraf, dem Auge
nicht immer entzogen w¸rde; und die ganze Schˆnheit ihres Gesichts war
nicht vermˆgend, den Agathon aufmerksam zu erhalten, wenn sich dieser
reizende Fufl sehen liefl. Allein dieses, und eine schneeweifle Hand mit dem
Anfang eines vollkommen schˆnen Arms war alles, was das neidische Gewand
den vorwitzigen Blicken nicht versagte; was es also auch sein mochte, was
in seinem Herzen vorging, so ist doch dieses gewifl, dafl an der Person und
dem Betragen der schˆnen Danae nicht das mindeste zu entdecken war, das
einige besondere Absicht auf unsern Helden h‰tte anzeigen kˆnnen; und dafl
sie, es sei nun aus Unachtsamkeit oder Bescheidenheit, nicht einmal zu
bemerken schien, dafl Agathon f¸r sie allein Augen, und ¸ber ihrem
Anschauen den Gebrauch aller andern Sinnen verloren hatte.

F‹NFTES KAPITEL

Pantomimen

Nach Endigung der Mahlzeit, bei welcher Agathon beinahe einen bloflen
Zuschauer abgegeben hatte, trat ein T‰nzer und eine junge T‰nzerin herein,
die nach der Modulation eben so vieler Flˆten die Geschichte des Apollo
und der Daphne tanzten. Die Geschicklichkeit der Tanzenden befriedigte
alle Zuschauer; alles an ihnen war Seele und Ausdruck, und man glaubte sie
immer zu hˆren, ob man sie gleich nur sah. "Wie gef‰llt dir diese
T‰nzerin, Callias", fragte Danae den Agathon, welcher nur mittelm‰flig
aufmerksam auf dieses Spiel zu sein schien, und der einzige war, der nicht
beobachtete, dafl die T‰nzerin von ungemeiner Schˆnheit, und eben so wie
Cyane, kaum mit etwas mehr als gewebter Luft umh¸llt war. "Mich deucht",
versetzte Agathon, der itzt erst anfing sie aufmerksamer anzusehen, "mich
deucht, dafl sie, vielleicht aus allzugrofler Begierde zu gefallen, den
Charakter verl‰flt den sie vorstellen soll. Warum sieht sie sich im
Fliehen um? Und mit einem Blick, der es ihrem Verfolger zu verweisen
scheint, dafl er nicht schneller ist als sie?--Gut, sehr gut!" (fuhr er
fort, wie die Stelle kam, wo Daphne den Fluflgott um H¸lfe anruft,)
"unverbesserlich! Wie sie mitten in ihrem Gebet sich verwandelt! Wie sie
erbleicht! Wie sie schauert! Ihre F¸fle wurzeln mitten in einer
schreckhaften Bewegung ein; umsonst will sie ihre ausgebreiteten Arme
zur¸ckziehen.--Aber warum dieser z‰rtlichbange Blick auf ihren Liebhaber?
Warum diese Tr‰ne, die in ihrem Auge zu erstarren scheint?"--Ein
allgemeines L‰cheln beantwortete die Frage Agathons. "Du tadelst gerade",
versetzte zuletzt einer von den G‰sten, "was wir am meisten bewundern.
Eine gewˆhnliche T‰nzerin w¸rde nicht f‰hig gewesen sein, deinen Tadel zu
verdienen. Es ist unmˆglich mehr Geist, mehr Feinheit und einen schˆnern
Kontrast in diese Rolle zu bringen, als die kleine Psyche, (so hiefl die
T‰nzerin) getan hat." Daphne selbst war nicht best¸rzter gewesen, da sie
sich verwandelt f¸hlte, als Agathon in dem Augenblick, als er den Namen
Psyche hˆrte; er stockte mitten in einem Worte, das er sagen wollte; er
errˆtete, und seine Verwirrung war so merklich, dafl Danae, welche sie der
Besch‰mung seines Tadels zuschrieb, f¸r nˆtig hielt, ihm zu H¸lfe zu
kommen. "Der Tadel des Callias", sagte sie, "beweist, dafl er den Geist,
womit Psyche ihre Rolle gespielt, so gut empfunden hat, als Ph‰drias.
Aber vielleicht ist er darum nicht minder gegr¸ndet. Psyche sollte die
Person der Daphne gespielt haben, und hat ihre eigene gespielt; ist es
nicht so, Psyche? Du dachtest, wie w¸rde mir's an Daphnens Stelle gewesen
sein?"--"Und wie h‰tte ichs anders machen kˆnnen, meine Gebieterin?"
fragte die kleine T‰nzerin. "Du h‰ttest den Charakter annehmen sollen,
den ihr die Dichter geben, und hast dich begn¸gt dich selbst in ihre
Umst‰nde zu setzen." "Was f¸r ein Charakter ist denn das", erwiderte
Psyche. "Einer Sprˆden", sagte der weise Hippias; "das ist der
Lieblings-Charakter des Callias." Abermalige Gelegenheit zum Errˆten f¸r
den guten Agathon. "Du hast es nicht erraten", sagte er; "der Charakter,
den Daphne nach meiner Idee haben soll, ist Gleichg¸ltigkeit und Unschuld;
sie kann beides haben, ohne eine Sprˆde zu sein." "Psyche verdient also
desto mehr Lob", erwiderte Ph‰drias (f¸r den sie, wie die Geschichte
meldet, noch etwas mehr als eine T‰nzerin war) "weil sie den Charakter
verschˆnert hat, den sie vorstellen sollte. Der Streit zwischen Liebe und
Ehre erfordert mehr Genie um nachgeahmt zu werden, und ist f¸r den
Zuschauer r¸hrender, als die Gleichg¸ltigkeit, die ihr Callias geben will.
Und zudem, wo ist die junge Nymphe, die gegen die Liebe eines so schˆnen
Gottes wie Apollo ist, gleichg¸ltig sein kˆnnte?" "Ich bin deiner
Meinung", sagte Hippias. "Daphne flieht vor dem Apollo, weil sie ein
junges M‰dchen ist; und weil sie ein junges M‰dchen ist, so w¸nscht sie
heimlich, dafl er sie erhaschen mˆge. Warum sieht sie sich so oft um, als
um ihm zu verweisen, dafl er nicht schneller sei? Wie er ihr so nahe ist,
dafl sie nicht mehr entfliehen kann, so fleht sie dem Fluflgotte, dafl er sie
verwandeln soll. Grimasse! Warum st¸rzte sie sich nicht in den Flufl,
wenn es ihr Ernst war? Sie tat was eine Nymphe tun soll, da sie den
Fluflgott anrief; das war in der Ordnung: Aber wer konnte auch f¸rchten, so
schnell erhˆrt zu werden? Und in welchem Augenblick konnte sie es weniger
w¸nschen, als in eben diesem, da sie sich von den begierigen Armen ihres
Liebhabers schon umschlungen f¸hlte? Hatte sie sich denn aus einem andern
Grund aufler Atem geloffen, als damit er sie desto gewisser erhaschen
mˆchte? Was ist also nat¸rlicher als der Unwille, der Schmerz und die
Traurigkeit, womit sie sein Betragen erwidert, da sie die Arme, womit sie
ihn--zur¸ckstoflen will, zu Lorbeerzweigen erstarret f¸hlt? Selbst der
z‰rtliche Blick ist nat¸rlich; die Verstellung hˆrt auf, wenn man in einen
Lorbeerbaum verwandelt wird. War nicht dieses das ganze Spiel der
Psyche? Und kann etwas nat¸rlicher sein? Es ist der Charakter eines
jungen M‰dchens; eines von denen jungen M‰dchen, versteht sichs, mein
lieber Callias, wie man sie in dieser materiellen Welt findet." "Ich
ergebe mich", versetzte Agathon; "die T‰nzerin hat alles getan, was man
von ihr fodern konnte, und ich war l‰cherlich zu erwarten, dafl sie die
Idee ausf¸hren sollte, die ich von einer Daphne in meiner Phantasie habe."
Agathon hatte dieses kaum gesprochen, als Danae, ohne ein Wort zu sagen,
aufstund, der T‰nzerin einen Wink gab, und mit ihr verschwand. In einer
kleinen Weile kam die T‰nzerin allein wieder zur¸ck, die Flˆten fingen
wieder an, und Apollo und Daphne wiederholten ihre Pantomime. Aber wie
erstaunte Agathon als er sah, dafl es Danae selbst war, die in der Kleidung
der T‰nzerin die Person der Daphne spielte! Armer Agathon! Allzureizende
Danae! Wer h‰tte es glauben sollen? Ihr ganzes Spiel dr¸ckte die eigenste
Idee des Agathon aus, aber mit einer Anmut, mit einer Zauberei, wovon ihm
seine Phantasie keine Idee gegeben hatte. Die Empfindungen, von denen
seine Seele in diesen Augenblicken ¸berfallen wurde, waren so lebhaft, dafl
er sich bem¸hte, seine Augen von diesem zu sehr bezaubernden Gegenstand
abzuziehen; aber vergeblich! Eine unwiderstehliche Gewalt zog sie zur¸ck.
Wie edel, wie schˆn waren ihre Bewegungen! Mit welch einer r¸hrenden
Einfalt dr¸ckte sie den Charakter der Unschuld aus! Er sah noch in
sprachloser Entz¸ckung nach dem Orte, wo sie zum Lorbeerbaum erstarrte,
als sie schon wieder verschwunden war, ohne das Lob und das H‰ndeklatschen
der Zuschauer zu erwarten, welche nicht Worte genug finden konnten, das
Vergn¸gen auszudr¸cken, das ihnen Danae durch diese unerwartete Probe
ihres Talents gemacht hatte. In wenigen Minuten kam sie schon wieder in
ihrer eignen Person zur¸ck. "Wie sehr ist Callias dir verbunden, schˆne
Danae", sagte Ph‰drias indem sie hereintrat! "Du allein konntest seinen
Tadel rechtfertigen, nur diejenige konnte es, die liebensw¸rdig genug ist,
um die Sprˆdigkeit selbst reizend zu machen. Wie sehr w‰re ein Apollo zu
bedauren, f¸r den du Daphne w‰rest!" Es war gl¸cklich f¸r den guten
Agathon, dafl er, indem dieses mit einem bedeutenden Blick gesagt wurde, in
dem Anschauen der schˆnen Danae so verloren war, dafl er nichts hˆrte; denn
sonst w¸rde ein abermaliges Errˆten die Auslegung zu diesem Text gemacht
haben. Das Lob dieser Dame, und ein Gespr‰ch ¸ber die Tanzkunst f¸llte
den ¸berrest der Zeit aus, welche diese Gesellschaft noch beieinander
zubrachte; ein Gespr‰ch, dessen Mitteilung uns der Leser gerne nachlassen
wird, da wir seine Begierde nach angelegenern Materien zu befriedigen
haben. Nur diesen Umstand kˆnnen wir nicht vorbeigehen, dafl Agathon bei
diesem Anlafl auf einmal so beredt wurde, als er vorher tiefsinnig und
stillschweigend gewesen war; eine l‰chelnde Heiterkeit schimmerte um sein
ganzes Gesicht, und noch niemal hatte sein Witz sich mit solcher
Lebhaftigkeit hervorgetan. Er erhielt den Beifall der ganzen Gesellschaft,
und die schˆne Danae selbst konnte sich nicht enthalten, ihn von Zeit zu
Zeit mit einem Ausdruck von Vergn¸gen und Zufriedenheit anzusehen;
indessen dafl in seinen nur selten von ihr abgewandten Augen etwas gl‰nzte,
f¸r welches wir uns umsonst bem¸het haben, in der Sprache der Menschen
einen Namen zu finden.

SECHSTES KAPITEL

Geheime Nachrichten

Wir haben von unserm Freunde Plutarch gelernt, dafl sehr kleine
Begebenheiten ˆfters durch grofle Folgen merkw¸rdig werden, und sehr kleine
Handlungen uns nicht selten tiefere Blicke in das Inwendige der Menschen
tun lassen, als die feierlichen Handlungen, wozu man, weil sie dem
ˆffentlichen Urteil ausgesetzt sind, sich ordentlicher Weise in eine
gewisse mit sich selbst abgeredete Verfassung zu setzen pflegt. Die
Gr¸ndlichkeit dieser Beobachtung hat uns bewogen, in der Geschichte der
Pantomime, welche das vorige Kapitel ausf¸llt, so umst‰ndlich zu sein; und
wir hoffen uns deshalb vollkommen zu rechtfertigen, wenn wir diese
Erz‰hlung durch dasjenige erg‰nzen, was die liebensw¸rdige Psyche betrifft,
mit welcher der Leser schon im ersten Buche, wiewohl nur im Vorbeigehen,
bekannt zu werden angefangen hat. Diese Psyche, so wie sie war, hatte
bisher unter allen Wesen, welche in die Sinne fallen, (wir setzen diese
Einschr‰nkung nicht ohne Ursach hinzu, so seltsam sie auch in
anti-platonischen Ohren klingen mag) den ersten Platz in seinem Herzen
eingenommen, und er hatte, seitdem sie von ihm entfernt war, kein
Frauenzimmer gesehen, die nicht durch die blofle Erinnerung an Psyche alle
Macht ¸ber sein Herz und selbst ¸ber seine Sinnen verloren h‰tte; deren
Bewegungen, wie man weifl, sonst nicht immer mit den erstern so parallel
laufen, als gewisse Romanenschreiber vorauszusetzen scheinen. Die
Wahrheit zu gestehen, so war dieses nicht die W¸rkung derjenigen
heroischen Treue und Standhaftigkeit in der Liebe, welche in besagten
Romanen zu einer Tugend von der ersten Klasse gemacht wird; Psyche erhielt
sich im Besitz seines Herzens, weil ihm die Erinnerungen, die er von ihr
hatte, angenehmer waren, als die Empfindungen, die ihm irgend eine andre
Schˆne einzuflˆflen vermocht, oder weil er bisher keine andre gesehen hatte,
die so sehr nach seinem Herzen gewesen w‰re. Eine Erfahrung von etlichen
Jahren beredete ihn, dafl es allezeit so sein w¸rde, und daher kam
vielleicht die Best¸rzung, wovon er befallen wurde, als der erste Anblick
der schˆnen Danae ihm eine Vollkommenheit darstellte, die seiner
Einbildung nach allein jenseits des Mondes anzutreffen sein sollte. Er
m¸flte nicht Agathon gewesen sein, wenn diese Erscheinung sich nicht seiner
ganzen Seele so sehr bemeistert h‰tte, wie wir gesehen haben. Niemals,
deuchte ihn, hatte er in einem so hohen Grad und in einer so seltnen
Harmonie alle diese feinern Schˆnheiten, von denen gemeine Seelen nicht
ger¸hrt zu werden f‰hig sind, vereiniget gesehen. Ihre Gestalt, ihre
Blicke, ihr L‰cheln, ihre Geb‰rden, ihr Gang, alles hatte diese
Vollkommenheit, welche die Dichter den Gˆttinnen zuzuschreiben pflegen.
Was Wunder also, dafl er in den ersten Stunden nichts als anschauen und
bewundern konnte, und dafl seine entz¸ckte Seele noch keine Zeit hatte auf
dasjenige acht zu geben, was in ihr vorging. In der Tat waren alle ihre
¸brigen Kr‰fte so gebunden, dafl er wider seine Gewohnheit in dieser ganzen
Zeit sich seiner Psyche eben so wenig erinnerte, als ob sie nie gewesen
w‰re. Allein als die junge T‰nzerin zum Vorschein kam, welche die Person
der Daphne spielte, so stellte einige ‰hnlichkeit, die sie w¸rklich in der
Gesichtsbildung und Figur mit Psyche hatte, ihm auf einmal, wiewohl ohne
dafl er sich dessen deutlich bewuflt war, das Bild seiner abwesenden
Geliebten vor die Augen; seine Einbildungskraft setzte durch eine
gewˆhnliche mechanische W¸rkung Psyche an die Stelle dieser Daphne, und
wenn er so vieles an der T‰nzerin auszusetzen fand, so war es im Grunde
nur darum, weil die Vergleichung den Betrug des ersten Anblicks entdeckte,
oder weil sie nicht Psyche war. So gewˆhnlich dergleichen Spiele der
Einbildung sind, so selten ist es, dafl man den Einflufl deutlich
unterscheidet, den sie auf unsre Urteile oder Neigungen zu haben pflegen.
Agathon selbst, der sich von seiner ersten Jugend an eine Besch‰ftigung
daraus gemacht hatte, den geheimen Triebfedern seiner innerlichen
Bewegungen nachzusp¸ren, merkte dennoch nicht eher, was bei diesem Anlafl
in seiner Phantasie vorging, bis der Name Psyche, dieser Name, dessen
blofler Ton sonst Musik in seinen Ohren gewesen war, ihn ersch¸tterte, und
in eine Verwirrung von Empfindungen setzte, die er selbst zu beschreiben
M¸he gehabt hat; wenn wir anders hievon nach der besondern Dunkelheit, die
in unsrer Urkunde ¸ber diese Stelle liegt, urteilen d¸rfen. Was auch die
Ursache dieser Best¸rzung gewesen sein mag, so ist gewifl, dafl er weit
davon entfernt war nur zu argwˆhnen, der Genius seiner ersten Liebe stutze
vielleicht dar¸ber, eine Nebenbuhlerin in einem Herzen zu finden, welches
er von Psyche allein ausgef¸llt zu sehen gewohnt war. Sein Selbstbetrug,
wofern es anders einer war, scheint desto mehr Entschuldigung zu verdienen,
weil dieser geliebte Name w¸rklich in wenig Augenblicken seine ganze
Z‰rtlichkeit rege machte. Er bemerkte nun erst deutlich die ‰hnlichkeiten,
welche die beiden Psychen mit einander hatten; er verglich sie mit einem
Vorurteile, welches der Abwesenden so g¸nstig war, dafl die Gegenw‰rtige
ihr nur zum Schatten dienen muflte; ja wir wissen nicht, ob eine so
lebhafte Erinnerung nicht endlich der schˆnen Danae selbst Abbruch getan
h‰tte, wenn diese, gleich als ob sie durch eine Art von Divination erraten
h‰tte was in seiner Seele vorging, nicht auf den gl¸cklichen Einfall
gekommen w‰re, sich an den Platz der kleinen T‰nzerin zu setzen, um die
Vorstellung auszuf¸hren, welche sich Agathon von einer idealischen Daphne
gemacht, und deren die Geschmeidigkeit ihres Geistes sich so schnell und
so gl¸cklich zu bem‰chtigen gewuflt hatte. Einen schlimmern Streich konnte
sie in der Tat der einen und der andern Psyche nicht spielen. Beide
wurden von ihrem blendenden Glanze, wie benachbarte Sterne von dem vollen
Mond, ausgelˆscht. Und wie h‰tte ihn auch das Bild seiner abwesenden
Geliebten noch l‰nger besch‰ftigen kˆnnen, da alle Anschauungskr‰fte
seiner Seele, auf diesen einzigen bezaubernden Gegenstand geheftet, ihm
kaum zureichend schienen, dessen ganze Vollkommenheit zu empfinden; da er
diese sittliche Venus mit allen ihren geistigen Grazien w¸rklich vor sich
sah, zu deren bloflen Schattenbild ihn Psyche zu erheben vermocht hatte?

Wir wissen nicht, ob man eben ein Hippias sein m¸flte, um zu glauben, dafl
gewisse Schˆnheiten von einer nicht so unkˆrperlichen, wiewohl in ihrer
Art eben so vollkommenen Natur, weit mehr als Agathon selbst gewahr wurde,
zu dieser Verz¸ckung in die idealischen Welten beigetragen haben kˆnnten,
worin er w‰hrend dem pantomimischen Tanz der Danae sich befand. Die
Nymphen-m‰flige Kleidung, welche dieser Tanz erforderte, war nur
allzugeschickt diese Reizungen in ihrer ganzen Macht und in dem
mannigfaltigsten Lichte zu entwickeln; und wir m¸ssen gestehen, die Gˆttin
der Liebe selbst h‰tte sich nicht zuversichtlicher als die untadelliche
Danae dem Auge der sch‰rfsten Kenner, ja selbst den Augen einer
Nebenbuhlerin, in diesem Aufzug ¸berlassen d¸rfen. Der Charakter der
ungeschminkten Unschuld, welchen sie so unverbesserlich nachahmte, schien
dadurch einen noch lebhaftern Ausdruck zu erhalten; aber einen so
lebhaften, dafl ein jeder andrer als ein Agathon dabei in Gefahr gewesen
w‰re, die seinige zu verlieren. Freilich hatten die ¸brigen Zuschauer
M¸he genug, sich zu enthalten, die Rolle des Apollo in ganzem Ernste zu
machen; aber von unsern Helden hatte Danae nichts zu besorgen; und sie
fand, dafl Hippias nicht zuviel von ihm versprochen hatte. Diese
materiellen Schˆnheiten, die er nicht einmal deutlich unterschied, weil
sie in seinen Augen mit den geistigen in Eins zusammengeflossen waren,
mochten den Grad der Lebhaftigkeit seiner Empfindungen noch so sehr
erhˆhen, so konnten sie doch die Natur derselben nicht ver‰ndern; niemals
in seinem Leben waren sie reiner, Begierden-freier, unkˆrperlicher gewesen.
Kurz, so widersinnisch es jenen aus grˆberm Stoff gebildeten Erdensˆhnen,
welche in dem vollkommensten Weibe nur ein Weib sehen, scheinen mag, so
gewifl war es, dafl Danae mit einer Gestalt und in einem Aufzug, welcher
(mit dem weisen Hippias zu reden) einen Geist h‰tte verkˆrpern mˆgen,
diesen seltsamen J¸ngling in einen so vˆlligen Geist verwandelte, als man
jemals diesseits und vielleicht auch jenseits des Mondes gesehen hat.

F‹NFTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Was die Nacht durch in den Gem¸tern einiger von unsern Personen
vorgegangen

Wir haben schon so viel von der gegenw‰rtigen Gem¸tsverfassung unsers
Helden gesagt, dafl man sich nicht verwundern wird, wenn wir hinzusetzen,
dafl er den ¸brigen Teil der Nacht in ununterbrochenem Anschauen dieser
idealen Vollkommenheit zubrachte, die seine Einbildungskraft mit einer ihr
gewˆhnlichen Kunst, und ohne dafl er den Betrug merkte, an die Stelle der
schˆnen Danae geschoben hatte. Dieses Anschauen setzte sein Gem¸t in eine
so angenehme und ruhige Entz¸ckung, dafl er, gleich als ob nun alle seine
W¸nsche befriediget w‰ren, nicht das geringste von der Unruhe, den
Begierden, der innerlichen G‰rung, der Abwechslung von Frost und Hitze
f¸hlte, womit die Leidenschaft, mit der man ihn, nicht ohne
Wahrscheinlichkeit, behaftet glauben konnte, sich ordentlicher Weise
anzuk¸ndigen pflegt.

Was die Danae betrifft, welche die Ehre hatte, diese erhabene Entz¸ckungen
in ihm zu erwecken, so brachte sie den Rest der Nacht wo nicht mit eben so
erhabenen doch in ihrer Art mit eben so angenehmen Betrachtungen zu.
Agathon hatte ihr gefallen, sie war mit dem Eindruck, den sie auf ihn
gemacht, zufrieden; und sie glaubte, nach den Beobachtungen, die ihr
dieser Abend bereits an die Hand gegeben, dafl sie sich selbst mit gutem
Grunde zutrauen kˆnne, ihn, durch die gehˆrigen Gradationen, zu einem
zweiten und vielleicht standhaftern Alcibiades zu machen. Nichts war ihr
hiebei angenehmer als die Best‰tigung des Plans, den sie sich ¸ber die Art
und Weise, wie man seinem Herzen am leichtesten beikommen kˆnne, gemacht
hatte. Es ist wahr, dafl der Einfall, sich an die Stelle der T‰nzerin zu
setzen, ihr erst in dem Augenblick gekommen war, da sie ihn ausf¸hrte;
allein sie w¸rde ihn nicht ausgef¸hrt haben, wenn sie nicht die gute
W¸rkung davon mit einer Art von Gewiflheit vorausgesehen h‰tte. H‰tte sie
in dem ersten Augenblick, da sie sich ihm darstellte, in ihren Geb‰rden,
oder in ihrem Anzug das mindeste gehabt, das ihm anstˆflig h‰tte sein
kˆnnen, so w¸rde es ihr schwer gewesen sein, den widrigen Eindruck dieses
ersten Augenblicks jemals wieder gut zu machen. Agathon muflte in den Fall
gesetzt werden, sich selbst zu hintergehen, ohne es gewahr zu werden; und
wenn er f¸r subalterne Reizungen empfindlich gemacht werden sollte, so
muflte es durch Vermittlung der Einbildungskraft und auf eine solche Art
geschehen, dafl die geistigen und die materiellen Schˆnheiten sich in
seinen Augen vermengten, und dafl er in den letztern nichts als den
Widerschein der ersten zu sehen glaubte. Danae wuflte sehr wohl, dafl die
intelligible Schˆnheit keine Leidenschaft erweckt, und dafl die Tugend
selbst, wenn sie (wie Plato sagt) in sichtbarer Gestalt unaussprechliche
Liebe einflˆflen w¸rde, diese W¸rkung mehr der blendenden Weifle und dem
reizenden Contour eines schˆnen Busens, als der Unschuld, die aus
demselben hervorschimmerte, zuzuschreiben haben w¸rde. Allein das wuflte
Agathon noch nicht; er muflte also betrogen werden, und, so wie sie es
anging, konnte sie mit der grˆflten Wahrscheinlichkeit hoffen, dafl es ihr
gelingen w¸rde.

Der weise Hippias hatte zuviel Ursache, den Agathon bei dieser Gelegenheit
zu beobachten, als dafl ihm das geringste entgangen w‰re, was ihn von dem
gl¸cklichen Fortgang seines Anschlags zu versichern schien. Allein er
schmeichelte sich zuviel, wenn er hoffte, Callias werde, in dem
ekstatischen Zustande, worin er zu sein schien, ihn zum Vertrauten seiner
Empfindungen machen. Das Vorurteil, welches dieser wider ihn gefaflt
hatte, verschlofl ihm den Mund, so gern er auch dem Strome seiner
Begeisterung den Lauf gelassen h‰tte. Eine Danae war in seinen Augen ein
so vortrefflicher Gegenstand, und das was er f¸r sie empfand, so rein, so
weit ¸ber die brutale Denkungsart eines Hippias erhaben; dafl er durch eine
unzeitige Vertraulichkeit gegen diesen Ungeweihten beides zu entheiligen
geglaubt h‰tte.

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