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Flametti by Hugo Ball

Part 4 out of 4

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Damit waren alle einverstanden. Leise sprach man, denn die Wände im
"Krokodil" waren dünn wie Papier. Lattenverschläge waren die Zimmer,
mit Tapeten bezogen. Meterlange Risse klafften hinter den Betten.
Und wenn ein Bekannter Flamettis, etwa der Hausknecht, zufällig
horchte, war man verkauft und verraten.

Nur Engel hatte Bedenken. Ihm war die Karriere verleidet.

"Nein, nein", sagte er traurig und am Ende mit seiner Kraft, "ich
hab's satt. Ich mache nicht mehr mit. Mich müßt ihr streichen."

Und sei es nun, daß er an Flametti nicht zum Verräter werden wollte,
oder die Luft zu brenzlich fand, oder noch litt unter den Nachwehen
der Proben zum "Friedhofsdieb": er lehnte ab, gab es auf,
"verzichtete auf seine Mitwirkung".

Meyer war überrascht.

"Das ist unmöglich, Engel! Das tun Sie uns nicht an. Das geht nicht."

Aber Engel zuckte die Achseln:

"Ich hab' ja ein wenig Geld auf der Kasse. Ich brauche nur zu
schreiben und fünfhundert Franken sind da. Ich kann mich beteiligen.
Aber nein, nein. Ich hab' keine Lust mehr. Ich nehme eine
Vertretung an. Ich habe Beziehungen."

Und er zog eine Geschäftskarte aus der Tasche. Darauf stand:
"Original--Ideal--Perplexund Simplex-Mühlen Schrot--und Mahlmühlen
für Zerkleinerungen jeder Art Plupper & Co. Vertretung."

Und spuckte aus, die Zunge über den Zähnen, und ging mit vermiestem,
völlig desillusioniertem Gesichtsausdruck, die Beine schlenkernd,
durchs Zimmer.

"Da ist nichts zu machen", bedauerte Meyer.

Er legte Engel die Hand auf die Schulter, sah ihm tief in die Augen
und sagte:

"Na schön, Engel, dann nicht. Aber bleiben Sie uns gut Freund."

"So weit es an mir liegt", versicherte der und reichte dem Meyer
zitternd vor Ergriffenheit die Hand, "ein Mann, ein Wort."

Flamettis Prozeß war binnen kurzem stadtbekannt. Und wie es zu gehen
pflegt, wenn eine solche Sache publik wird: man zog sich zurück von
ihm, nahm Partei gegen ihn, fand ihn übertrieben naiv und reichlich
ungeschickt. Man verurteilte ihn.

Im "Intelligenzblatt" erschien ein Brandartikel, "Moderne
Sklavenhalterei", worin Punkt für Punkt Flamettis unhaltbare
Geschäfts--und Familienpraxis ans Licht gezerrt wurde.

"Ein Direktor, der zugestandenermaßen nichts von Gesang versteht",
hieß es in jenem Artikel, dessen Verfasser keinen Anspruch erhob, als
Autor genannt zu werden, "ein Direktor, der zugegebenermaßen nicht
das leiseste Tonunterscheidungsvermögen besitzt, hält sich eine
Anzahl Gesangselèven, denen er seine sauberen Künste beibringt;
Gesangselèven, die er zugleich als Dienstboten benutzt; die er zwingt,
ihm zu Willen zu sein, und denen er doch als Entgelt nur schlechte
Behandlung verabfolgt.

"Ein Morast sittlicher Verkommenheit enthüllt sich, wenn man die
Schlupfwinkel dieser modernen Sklavenhalterei, diese Brutstätten des
Elends aufsucht. In Kellern und Hinterhäusern hausen die Kondottieri
der Lasterquartiere und Dirnenviertel. Ein Absteigequartier dient
als Schauplatz wilder Gelage, als Treff--und Versammlungspunkt, wo
man die Beute verspielt. Mädchenhändler und Bauernfänger, Roués der
hintersten Sorte geben sich hier ein Stelldichein. Und der Direktor
preist seine Ware an. Wahrlich, es ist an der Zeit, daß die Polizei
einschreitet und diese Schlupfwinkel säubert."

So stand es geschrieben und wenn auch Flamettis Name nicht genannt
war, so wußte doch jeder, daß der Artikel auf ihn ging.

Beim großen Artistenfest in der "Weißen Kuh" reichte man sich den
Artikel von Hand zu Hand, ein klebriges Heiligtum, mit
verständnissinnigem Lächeln und unterdrücktem Gezwinker.

Da war besonders Herr Köppke, Baritonsolo und Offiziersdarsteller bei
Ferrero, der laut Partei nahm für die beiden Mädel und die Moralität.

"Schweinerei von dem Menschen", erklärte Herr Köppke mit der Resonanz
eines Gemeindesängers, "Blamage für unseren ganzen Stand. Die
Konzession werd' ich ihm entziehen lassen. Seinen Ausschluß aus dem
Klub werde ich beantragen. Das geht doch zu weit!"

Herr Köppke war Schriftführer der Artistenloge "Edelstein", deren
Logenbruder auch Flametti war.

"Haben Sie schon gelesen?" sagte Herr Köppke und steckte Meyer das
"Intelligenzblatt" zu. "Lesen Sie mal!"

Und Herr Meyer las, und Herr Köppke begab sich unauffällig an seinen
Platz zurück.

Eine Schlägerei fand statt zwischen Flametti und Herrn Köppke in der
"Rabenschmiede", einige Tage später, daß zwei Tische und drei Stühle
in Trümmer gingen, sowie zwei präparierte Hasenköpfe mit Glasaugen,
die der Beizer der "Rabenschmiede" aus seinem Privatbesitz zur
Ausschmückung des Lokals herangezogen hatte.

Das Renommee Flamettis ging flöten. Langsam, aber sicher.

Noch hatte er viele Freunde, und seine treueste Helferin war Mutter
Dudlinger, die ihm, stets lächelnd, im Hintergrund heimlich die
Stange hielt.

Noch hatte Flametti das Kapital hinter sich.

Noch konnte er auftrumpfen, sich sehen lassen, wenn das Geschäft auch
täglich schlechter ging.

Als aber in der Silvesternacht die Polizei vier Mann hoch in Mutter
Dudlingers Wohnung eindrang, wobei Herr Engel in knapper Not durch
das Lokusfenster über die Dächer entkam, da schloß Mutter Dudlinger
die offene Hand und versagte.

Lydia und Raffaëla rebellierten jetzt ganz offen.

Geschäft und Auftreten wurden ihnen täglich mehr Nebensache. In der
Garderobe saßen sie herum, wenn das Klingelzeichen längst gegeben war.
Sie beeilten sich gar nicht sonderlich, sich zu schminken, noch
legten sie Wert darauf, pünktlich zur Vorstellung zu erscheinen.
Herr Meyer war gezwungen, von Tag zu Tag längere Zwischenstücke zu
spielen. Andere Nummern mußten eingeschoben werden, weil Raffaëla
mit ihrer Frisur nicht fertig war für den Drahtseilakt, weil Lydia
zum Cakeswalk erschien ohne das Zierstöckchen und ohne Knöpfe am
Anzug, die ihr die Schwester in der Garderobe mutwillig abgetrennt
hatte.

Sie aasten ganz offensichtlich, Flametti zum Trotz. Sie tanzten ihm
auf der Nase.

Wenn Flametti mit einem Donnerwetter dreinfuhr und sich beklagte,
nahmen sie wohl die Kassiermuschel und gingen sammeln. Doch sie
vergaßen dann ganze Reihen zu kassieren, tauschten Späße mit den
Gästen und schienen auf alles andere eher bedacht als auf gute
Kassierung.

Sie hatten Interesse nur noch für die Mahlzeiten, die Flametti ihnen
zu bieten hatte.

Pünktlich um zehn Uhr früh erschienen sie zum Kaffee. Flametti und
Jenny schliefen dann noch.

Sie drangen in die Küche, schoben die blöde Rosa beiseite und
durchstöberten Kisten und Kasten nach Honig, Gelee und Butter. Was
ihnen bei solcher Razzia in die Hände fiel, aßen sie auf.

Die kleine Lottely hatten sie mitgebracht. Die stopften sie voll
Brot, Kaffee und Gelee, daß der Mund des Kindes aussah wie ein
Kleistertopf.

Pünktlich um zwölf Uhr stellten sie sich zum Mittagbrot ein; rasch,
unverschämt und gefräßig.

Besonders Lydia übertraf alle Begriffe von Gier. Kaum erschien die
Platte mit Fleisch oder Gemüse, so hatte sie schon die Gabel oder den
Löffel zur Hand, und wer sich nicht seinerseits sehr beeilte, ging
leer aus.

Sie aßen systematisch, überzeugt, mit Absicht. Sie aßen, als gelte
es Vorrat zu essen ohne Rücksicht auf diesen geschwollnen Patron, der
ihnen durch seinen ganzen Prozeß, durch sein ganzes schuldbewußtes
Benehmen die Überzeugung eingab, es komme nun nicht mehr drauf an,
Rücksicht walten zu lassen.

Während des Mittagessens aber machte Lottely einen Finger gegen
Flametti und drohte klug: "Du, du!" schlug mit dem Suppenlöffel auf
den Tisch, daß die Körner der Reissuppe spritzten; schnellte sich in
unbewachten Momenten mit beiden schmutzigen Schuhchen auf dem
gebürsteten Plüschsofa, hopsend und krähend; warf die große steinerne
Vase mit dem imprägnierten Binsenstrauß um, hinter der Tür; heulte
und quäkte.

Mutter und Tante aßen ruhig weiter, in wetteiferndem Tempo,
unbekümmert, sachlich, eilig, wie Harpyen, deren Geschäft es ist,
möglichst viel Fraß zu schlucken und zu verdauen.

Flametti versuchte die Lücken in seinem Ensemble auszufüllen und eine
Geigerin kam ins Haus, eines Tags, um Probe zu spielen.

Leider: sie war nicht geschaffen fürs rauhe Leben. Von einer
gottergebenen Friedlichkeit war sie und Naivität. Hatte bis dato ihr
Brot verdient durch Aufspielen von Kinderstücken in den Kneipen und
Spelunken der Fuchsweide.

Erst war sie mit dem Zitherkasten gegangen, allabendlich. Dann hatte
sie das Violinspielen gelernt.

Bleichsüchtig und hager, von einer rührenden Gottseligkeit war sie.
Sie säen nicht, sie ernten nicht, und doch ernähret sie der Herr.

Manch einer hatte sie mitgenommen aus Mitleid und ihr ein warmes
Nachtlager gegeben, wenn sie noch spät nach der Polizeistunde auf der
Straße irrte.

Engbrüstig und schmal war sie von Gestalt, ein Lehrerinnentyp.

Einen Kneifer trug sie und strich mit dem Fiedelbogen so ausdruckslos
freundlich und doch akkurat und energisch ihr Instrument, daß man ihr
wirklich nicht böse sein konnte.

"Soll ich mal was spielen?" fragte sie harmlos.

"Ja, fiedel mal los!" sagte Raffaëla.

Aber die Geigen-Marie genierte sich.

"Draußen in der Küche", sagte sie forsch.

Und sie ging hinaus in die Küche, öffnete den Schalter, damit man
auch drinnen etwas hören könne, und dann spielte sie los. "Stille
Nacht, heilige Nacht", oder "Behüt' dich Gott, es wär' so schön
gewesen", oder "Die Rasenbank am Elterngrab".

Kam dann wieder herein und lächelte jeden einzeln der Reihe nach an,
als wolle sie fragen:

"Na, wie war's? Schön, nicht wahr?"

Aber Lydia meinte:

"Komm' mal her! Was hast du denn da für ein Fähnchen?" und zog ihr
ein kleines Metallfähnchen aus dem Brustlatz.

Lydia war neugierig wie ein Tier; beschnupperte sie, federte sie ab.

Den Brustlatz knöpften sie ihr auf. Ihre Strumpfbänder sahen sie
nach, den Stoff ihrer blauen Glockenhosen rieben sie zwischen den
Fingern.

"Ja", meinte Raffaëla bedenklich, "wenn du zu uns ins Ensemble willst,
da mußt du vor allem gerade Beine haben und einen schönen Körper.
Zeig' mal her!"

Und die Geigerin, immer freundlich lächelnd, ein Sonntagskind, zog
sich aus und zeigte ihre Beine.

Raffaëla krähte vor Vergnügen.

"Ja, das ist ganz gut", sagte sie, "bißchen mager, aber es geht schon.
Kannst du auch tanzen?"

Nein, tanzen konnte sie nicht.

"Mußt du noch lernen. Eine Tänzerin brauchen wir. Fiedeln kannst du
nebenbei."

Marie war argwöhnisch geworden.

"Ihr macht Spaß mit mir!" sagte sie ein wenig rauh und erkältet.

"Nein, nein", versicherte Raffaëla, "das ist bei uns anders als bei
der Heilsarmee. Bei uns gibt es Kavaliere, Lebewelt. Da muß man
herzeigen, was man zu bieten hat."

Flametti fühlte sehr wohl, daß die Frivolität dieser Szene nur gegen
ihn gerichtet war; daß man sich lustig machte.

Auf dem Sofa saß er, dunkel vor Wut und Scham, und biß sich die
Lippen.

"Zieh' dich an!" sagte er zu der Geigerin. "Du spielst sehr gut.
Mancher wär froh, wenn er so spielen könnte. Kannst heut' abend in
die Vorstellung kommen und dir mal ansehen, was wir machen. Wenn du
Lust hast, kannst du den Herrn Meyer begleiten zum Klavier."

"Das ist wohl zu schwer", meinte Marie.

"Ja, dann ist nichts zu machen", bedauerte Flametti, "dann kann ich
nicht helfen."

"Tut nichts", lächelte die Geigerin, "dann geh' ich wieder in die
Wirtschaften und spiel' auf."

Und sie packte sorgfältig ihre Geige ein.

Einige Tage später, als Flametti die Gagen auszahlen wollte,
entdeckte er zu seinem Schreck, daß Quittungen über à conti, die er
an Raffaëla, Lydia und Bobby ausgezahlt zu haben genau sich erinnerte,
aus seinem Quittungsblock verschwunden waren.

Herausgerissen waren drei Formulare mit einer Dreistigkeit und Gewalt,
daß an der Perforiernaht die Fetzen noch hingen.

"Das ist doch die Höhe!" rief Jenny, ganz in Raffaëlas Weise, "das
ist doch die Höhe! Max, du zahlst ihnen nichts aus, bis sie die
Quittungen wieder beigeschafft haben. Du zeigst sie an. Das ist
Einbruch. Sie haben die Tischschublade aufgebrochen. Sie wollen den
Verdacht auf den kleinen Bobby lenken. Sie haben einen Dietrich
gehabt. Das sind Verbrecher. Das läßt du dir nicht bieten!"

Aber Flametti lächelte, bitter und verlegen: "Wer kann's ihnen
beweisen? Die Quittungen sind fort. Ein Eßtisch ist kein
Kassenschrank. Vielleicht hatte ich nicht abgeschlossen. Vielleicht
hab' ich selbst die Blätter in der Aufregung herausgerissen. Laß nur!
Die paar Franken tun's auch nicht!"

Und er zahlte die vollen Beträge aus.

Am Abend aber, in der Garderobe, als er sich Maske schminkte und mit
der Soubrette allein war, drängte es ihn doch, sich auszusprechen.

"Wissen Sie, Laura, es liegt mir ja nichts an den paar Franken. Aber
das hätte ich doch nicht geglaubt von den Weibern."

Fräulein Laura saß vor dem langen Schminktisch, auf dem die
Schminkschatullen der Damen standen und tupfte sich mit der
Puderquaste die Nase.

Flametti, stehend, Laura den Rücken zugekehrt, zog sich, ein wenig
unbeholfen, Indianerfalten zwischen Nasenflügel und Oberlippe.

Von unten hörte man Herrn Meyer das Zwischenstück, den Missouri-Step,
spielen.

Flametti kam auf seinen Prozeß zu sprechen.

"Wissen Sie", meinte er seitwärts durch die gelüpfte Oberlippe, "das
ist ja ganz anders, als die alle glauben. Das weiß ja meine Alte
selbst nicht."

Fräulein Laura malte sich mit dem Augenstift japanische Monde.

"Mit der Traute, das stimmt. Aber mit der Güssy--schon in Bern--das
war ein Gewaltsakt. Wenn man dahinterkommt, geht's mir nicht gut."

Für einen Moment verstummte unten im Saal Herrn Meyers Missouri-Step.

Laura sprang auf und horchte über das Treppengeländer hinunter.

"Haben noch Zeit!" meinte Flametti.

Und Herr Meyer legte auch sofort mit der Wiederholung los. Fräulein
Laura eilte zurück zur Schminkschatulle.

Flametti warf seinen Häuptlingsrock über den Kopf.

"Jenny versucht ja alles. Sie schafft Geld und sie hat sich ihre
Aussage so zurechtgelegt, das man den beiden nicht glauben wird...
Wenn der Schwindel glückt....!"

Er selbst schien nur halb dran zu glauben. Trotzdem konnte er sich
nicht verkneifen, ein wenig zu renommieren. Im Indianerkostüm ging's
wohl nicht anders.

"Man kennt mich zu gut! Weiß, daß ich ein Gewaltsmensch bin; wen man
vor sich hat, und daß es nicht so glatt abgeht, wenn man mir an den
Kragen will!"

Er stellte sich, in Unterhosen, den Speer zurecht.

"Achtzehn war ich alt,--in Bern, mit ein paar Kollegen--, einen
ganzen Schlag haben wir in die Aare geschaufelt bei Nachtzeit, das
Fundament weggegraben. Die ganze Bescherung mitsamt den Weibern fiel
in die Aare...."

Er sah sich vorsichtig um, ob es auch keinen Zeugen gäbe, und lachte
belustigt.

"Das war ein Gezeter! Das hätten Sie hören sollen!"

Schlüpfte in die Fransenhosen und schlenkerte das Bein.

Die Soubrette wandte aufhorchend den Kopf. Als die Erzählung aber
nicht weiter ging, komplizenhaft und verkniffen:

"Diese Mädel, natürlich! Unschuldig sind die auch nicht!"

"Ob die unschuldig sind!" blies Flametti durch die Nüstern und langte
sich den Kitt für die Nase. "Ich soll die Weiber nicht kennen! Mir
muß man's sagen!"

"Na also!" meinte die Soubrette und beeilte sich, fertig zu werden.
"Wenn sich ein Mann in den besten Jahren ein Mädel greift..."

Und ordnete ihre Turnüre.

Drunten im Lokal wiederholte Herr Meyer zum zweiten Male den
Mittelsatz des Missouri-Step.

Flametti setzte den Kopfputz auf, strich sich mit beiden Händen über
den Perückenansatz.

"Das ist es ja nicht!" zwinkerte er, "sie hat geschrien. Sie hat
sich gewehrt. Und gerade das hat mich gereizt, verstehen Sie?"

Er drückte sich den Indianerkitt auf die Nasenkante.

Die Soubrette verstand. Und nickte bedenklich.

"Haben Sie einen Anwalt?"

"Selbstverständlich!" lächelte Flametti in aller Seelenruhe aus der
Kniebeuge; er mußte sich bücken, um in den Spiegel sehen zu können.

"Na also!" griff die Soubrette rasch noch einmal zum Spiegel, "was
kann da geschehen?"

Von unten ertönte das Klingelzeichen.

Die "Indianer" zogen nicht mehr. Das Publikum war wie verändert.
Was ihm früher als ein Exzess von Libertinage erschienen war, hielt
es jetzt für Zynismus.

Wie doch? Dieser Flametti, der allen Grund hatte, sich zu ducken,
der solche Sachen auf dem Kerbholz hatte, setzte sich über die
einfachsten Anstandsregeln hinweg? Spielte die "Indianer" und machte
sich lustig? Was für eine sittliche Verrohung in dem Menschen! Was
für eine unerhörte Mißachtung der Rücksichten auf die Gesellschaft!
Soviel Taktgefühl mußte man haben, einzusehen, daß die Aufführung
dieser "Indianer" unter sotanen Umständen kompromittabel war für die
ganze moralische Tradition der Fuchsweide! Nein, nein, das ist
Freibeuterei, das ist Lästerung. So sind wir nicht. Da tun wir
nicht mit. Man verschone uns!

Flametti fühlte wohl, daß man sich zurückzog von ihm, daß er umsonst
sein Talent ausspielte. Es verfing nicht mehr. Die russischen
Freunde Fräulein Lauras waren die einzigen Gäste, die noch immer
klatschten, wenn er mit Augen, blutunterlaufen vor ästhetischer
Anstrengung, auf der Bühne lächelnd seine Feuer--und Fakirnummer
absolvierte; die ihn einluden, Platz zu nehmen, wenn die Nummer
vorbei war und er, an ihrem Tisch stehend, mit souverän-salopper
Indifferenz von seinem speckigen Gehrockkragen die verirrten Spritzer
des Petroleums wischte, das er in langen, brausenden Flammen, einem
Höllenfürsten vergleichbar, ausgespuckt hatte.

Seine Feuernummer liebte Flametti abgöttisch. Ein Pyromane und
Sadist war er von Natur. Und wenn er, ein wenig angetrunken, oder
berauscht von Opium, darauf verzichtete, das Petroleum, das ihm vom
Mund tropfte, abzuwischen, dann schimmerten seine wulstigen Lippen in
jenem bläulichen Fäulnisschein, der gemischt mit Trauer und
Melancholie, jenen Sendboten der Hölle eignet, die in Wahrheit
Zeloten des Edelsinns und Verdammte der himmlischen Bourgeoisie sind.

Der Polizeihauptmann Schumm schickte seine Kommissare immer häufiger
um Auskünfte, Recherchen und Feststellungen.

Flametti, an unbehelligte Freiheit gewöhnt, riß die Geduld.

Er empfand die Besuche als Verletzungen seines Hausrechts, Eingriffe
in seine Familienehre. Das Mißtrauen der Polizei kränkte ihn.

"Sie kujonieren mich! Sie kuranzen mich!" schrie er im Jähzorn.
"Ich schlag sie tot, diese Hunde! Das ist mir zu viel!"

Und er beschloß, ihnen aufzulauern, im Hausflur, und den ersten
besten, der seine Schwelle übertreten würde, zu erschlagen.

Mit einem kopfgroßen Pflasterstein bewaffnete sich Flametti, um dem
ersten besten, der sich blicken ließe, den Schädel zu zertrümmern.

Und als man ihm sagte: "Flametti, die Polizei kommt!" eilte er in die
Küche, trotz Jennys Geschrei, packte den Stein und lief die Treppe
hinunter.

Jenny stand oben am Treppengeländer, entsetzt, einer Ohnmacht nahe,
und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Mutter Dudlinger
schnaubte und bebte.

Aber es war nur ein Gast Mutter Dudlingers, den Flametti, am Kragen
gepackt, in den Hausflur schleppte. Ein Mißverständnis, ein Irrtum.
Die Verwechslung klärte sich auf.

Mutter Dudlinger stand lächelnd, mit brennender Kerze. Jenny atmete
auf: "Ach, Max, hast du mir einen Schreck eingejagt!"

Mutter Dudlinger spendierte zwei Flaschen Asti und man saß oben in
Flamettis Stube, zu vieren, und feierte Bruderschaft.

Ein alter, eidgenössischer Burschenschaftler war jener Gast,
gemütlich, breit, keine Spur von Spitzel oder Detektiv; das Gegenteil
davon: ein weinseliger Zecher mit Riesenbizeps und Goliathstirn.

Auf streifte er seinen Hemdärmel, ballte die Faust, eine Seele von
Mensch, und ließ den Muskel schwellen.

Flametti tat das gleiche. So saß man sich gegenüber auf dem Kanapee
und sah sich voll trunkener Sympathie tief in die Augen.

Anstieß jener, daß der Wein überschwappte und rief mit völkischer
Urwüchsigkeit:

"Prosit Flametti!"

Mutter Dudlinger aber, die ihn liebte in ihrer Seele, setzte sich auf
seinen Schoß, brünstigen Gemütes, und umhalste ihn. Und ihr Speck
hing über seine breiten Schenkel in vollen Schwaden.

"Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang,
Der bleibt ein Tropf sein Leben lang."

Jenny war keineswegs gewillt, die Dinge gehen zu lassen, wie sie
gingen.

Sie beschloß, strengere Saiten aufzuziehen dem Ensemble gegenüber und
auch zu Hause; Contenance zu bewahren. Ihre Maßnahmen richteten sich
zunächst gegen Fräulein Theres.

Fräulein Theres mit ihren gichtbrüchigen Händen und erfrorenen Füßen
litt unter der Kälte furchtbar.

Schon als die Herrschaft in Basel war, saß Fräulein Theres in stillen
Stunden weinend in der leeren Wohnung, für deren Heizung man ihr kein
Geld schickte, und gedachte trauernd der Maienzeiten, da sie mit
Löckchen und Stöckelschuhen noch ging auf der Neuhauserstraße zu
München und selig verliebte Blicke den jungen Herren zuwarf.

Vierzig Jahre waren seither mit grauen Schleppen ins Land gegangen.
Fräulein Theresens Gesicht war lang geworden, ihre Nase spitz, ihre
Augen grell. Die Jahre, die so himmelblau und sommerlich begonnen,
hatten sich verschwärzt.

Ein verschwärztes Mädchen, saß Fräulein Theres in der verlassenen
Stube, wenn ihre Herrschaft zum Konzert gegangen war.

Eine Halbe Bier stand vor ihr auf dem Tisch und Fräulein Theres
rauchte Stumpen, den Arm auf den Tisch gestützt, die müden Glieder
nur mit Seufzen hebend, wenn das Gas heruntergebrannt war und man ein
neues Zwanzigcentimes-Stück in den Automaten werfen mußte.

Alle vierzig grauen Schleppen der vergangenen vierzig grauen Jahre
schleppte Fräulein Theres mit in ihren Röcken. Und jetzt gönnte man
ihr sogar das Bier nicht mehr und die Stumpen.

Eine Erbitterung überkam Fräulein Theres und sie beschloß, selbst
wenn sie täglich "geschumpfen" würde, ihren Gliedern eine strengere
Leistung nicht mehr zuzumuten.

Was konnte geschehen? Mochte man sie wegschicken! Irgendeine
Lebensfreude muß der Mensch haben. Die Zigaretten ihrer Jugend hatte
sie sich abgewöhnt. Auf die Stumpen ihres Alters würde sie nicht
verzichten. Nie und nimmer. Zuletzt blieb immer noch eine
Freistelle im Spital oder in einem Siechenheim. Sie verdiente das.
Sie hatte sich redlich geschunden.

Und wenn Jenny ihr dann vorhielt:

"Theres, wir müssen früher aufstehen! Theres, ich kann keine
Bierschulden mehr für Sie zahlen!" dann gab Fräulein Theres
gleichgültig brummend und grob zur Antwort:

"Ja, dann müssen wir Kohlen haben, damit ich einheizen kann! Ja,
dann kann ich's nicht mehr schaffen, ich bin krank!" und die roten
Tränen rannen ihr über das alte, lange Gesicht.

"Max", sagte Jenny, "das geht so nicht mehr. Die Haushaltung
verschlampt mir."

Der Prozeß war Jennys geringste Sorge. Das würde sich schon
arrangieren lassen. Sie war der begründeten Meinung, daß in der
Fuchsweide viel ärgere Sünder ungeschoren ihr Wesen trieben.

"Mach' dir keine Sorge!" sagte sie zu Max, "der Ferrero hat ganz
andere Sachen hinter sich. Und der Pfäffer--was der für eine
Wirtschaft hatte! Ich weiß doch! Ich war doch Soubrette bei ihm!
Die reine Haremsagentur nach Konstantinopel. Das sind ja
Falschspieler alle durch die Bank! Seine Lehrmädels müssen mit den
Metzgerburschen anbändeln, damit er das Fleisch gratis hat. Das sag'
ich dir: wenn wir reinfallen: die ganze Fuchsweide lasse ich
hochgehen!"

Behaupten mußte man sich, Respekt und Vertrauen einflößen. Zu Hause
und im Ensemble. Dann würde man vor Gericht schon sehen!

Und Jenny legte sich einen Bluff zurecht, der zunächst das Vertrauen
der Zirkusartisten wieder gewinnen sollte, und der auch seine Wirkung
nicht verfehlte.

"Kinder!" verkündigte sie eines Tags in der Garderobe, "nächstens
gibt's eine Gans! Mein Alter spendiert eine Gans!"

Das wirkte wie eine Brandbombe.

"Eine Gans?" fuhren Lydia und Raffaëla zugleich auf ihren Stühlen
herum, als hätten sie nicht recht gehört.

"Ja, eine Gans!" versetzte Jenny mit Zier und äußerster Delikatesse,
"eine Gans!" und sie unterstrich den in Aussicht stehenden Braten,
indem sie mit beiden emporgehobenen Händen durch Zusammenründen von
Daumen und Zeigefinger Engelsflügel in der Luft bildete. "Piekfeine
Sache! Oh, das Gänsefett! Das Kastanienfüllsel! Oh, die knusprigen
Schlegel, und die Brust und die Gänseleberpastete!"

Jenny wußte die Vorzüge der vorläufig noch in ihrem Heimatsort
weidenden Gans so jesuitisch ins Licht zu setzen, daß Lydia, die
gerade die tränenbenetzte Photographie ihres Emil am rechten Schenkel
der übereinander geschlagenen Beine abgewischt hatte, den Arm sinken
ließ und träumerisch verzückt an Jennys Augen hing.

"Nein, Jenny, sag' wirklich, gibt's eine Gans?"

"Werdet schon sehen!" tat Jenny geheimnisvoll.

Da konnte man denn so recht sehen, wie solche Bravourstücke einer
auf's Ganze gerichteten Erfindungsgabe niemals ihre gute Wirkung
verfehlen.

Gebändigt waren Lydia und Raffaëla mit einem Schlage. Um den Finger
konnte man sie wickeln. Pünktlich wurden sie wie Normaluhren. Zahm
wie Tauben.

Ja, der Ruf von Flamettis Solvenz verbreitete sich im Handumdrehn.

"Wie sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihrem Engagement?"

"Oh, danke, sehr gut! Verpflegung vorzüglich. Alle drei Tage
Geflügel. Das Geschäft geht famos. Heute ausnahmsweise schlechtes
Haus. Aber sonst: glänzend!"

So und ähnlich sprach man im "Krokodil" und in der Umgebung des
Künstlertischs.

Ja, Donna Maria Josefa, alias Frau Scheideisen, und Herr Farolyi
erfuhren von der Gans.

"Na, steht's doch nicht schlecht mit dem armen Flametti!" meinte Herr
Farolyi, "wenn er sich noch Geflügel leisten kann. Kinder, der hat
gewiß Geld auf der Kasse. War ja ein Bombengeschäft damals, die
"Indianer"!"

Und eines Tags kam sie denn auch wirklich, die Gans; aus Rapperswyl.
Weiß, ohne Kopf, Klauen und Federn, lag sie auf einer Schüssel.

"Sehen Sie mal, Laura: schöne Gans, was?--Aber die kriegen nichts
davon", deutete Jenny gegen die Treppe, über die Lydia und Raffaëla
kommen mußten. "Die sollen sich mal trompieren!"

Und die schöne Gans, die fette Gans, die Riesengans wurde gebraten
und lag nun hübsch gebräunt und knusperig, förmlich zerblätternd vor
Knusprigkeit, auf derselben Schüssel, verschlossen im Büfett.

"Laura", sagte Jenny abermals, "glauben Sie, die kriegen was davon?"
Und zeigte wiederum zur Treppe. "Nicht das Schwarze unterm Nagel!
Geben Sie acht, was die für Gesichter machen werden! Das wird ein
Fez! Jawohl: Gans! Husten werd' ich ihnen was!"

Als aber Raffaëla und Lydia kamen, öffnete Jenny das Büfett wie man
das Triptychon eines Altars öffnet.

"Seht her", sagte sie, "die herrliche Gans!" Und sie nahm die
Schüssel aus dem Schrank und hob sie hoch, wie Salome die Schüssel
mit dem Haupt des Jochanaan hochhob, und Raffaëla schrie auf:

"Aehhh, die Gans!"

Fanatisiert und rabiat warf sie die beiden Arme hoch, auf die
Schüssel zustürzend und sie umtanzend.

Lydia aber überkam es wie Verklärung. In den nächsten besten Stuhl
sank sie.

"Die schöne Gans!" hauchte sie, ganz versunken und verträumt, mit
gefalteten Händen und gottergebenen Augen.

"Wann wird sie gegessen?" Und ihr Unterkiefer bebberte gierig und
erregt, wie einer Katze das Maul zittert, wenn sie den Kanarienvogel
sieht.

Jenny weidete sich an der Qual der Opfer.

Mit der einen freien Hand hielt sie sich Raffaëla vom Leib, die alle
Anstalten machte, in den Besitz der Gans zukommen.

"Wann wird sie gegessen? Wann wird sie verzehrt? Wann wird sie
verspeist?" rief nun auch Raffaëla.

Lydia saß noch immer mit funkelnd hingegebenen Augen.

Und Jenny, amüsiert, grausam, pervers:

"Vielleicht morgen. Vielleicht übermorgen. Vielleicht schon heute
nacht. Je nachdem!"

"Wieso heute nacht?" dehnte Raffaëla betroffen.

"Nun", sagte Jenny, ganz grande dame, "vielleicht kommen ein paar
Freunde von mir und meinem Mann, und wir feiern einen kleinen
Abschied."

"Aehhh!" rief Raffaëla, "wir kommen auch! Wir kommen auch!"

Aber Lydia war schon wieder sentimental geworden. Emils gedachte sie
beim Anblick der Gans, dieses Wahrzeichens von Kultur und Wohlstand,
dieses Inbegriffs aller heimischen Geborgenheit und ehelichen Einfalt.
Ihres fernen Emils gedachte sie und glücklicherer, vergangener
Zeiten. Salzige Tränen rannen ihr über die schlaff geweinten Wangen..
.

Gelang es Jenny auf diese Weise, den am Verfall sich mästenden
Zynismus der beiden Scheideisen zu knebeln, so sah sie doch ein, daß
damit nur die Hälfte der Arbeit geleistet war.

Gefährlicher drohten die stilleren Elemente des Ensembles: Herr Meyer,
dieser Idealist, dem es nicht paßte, daß Flamettis Flagge auf
Halbmast wehte; der sich ganz persönlich betroffen fühlte von
Flamettis Fehltritt und seinem Verzicht auf ein erstklassiges Renomee.

Fräulein Laura, die gewiß an dem Meyer schürte, weil es sie jückte,
selbst die Direktorin zu spielen, an der Kasse zu sitzen und das Geld
einzuheimsen, statt mit der Kassiermuschel durch das Lokal zu tippeln.

Jenny entging nicht die heimliche Verschwörung, die man im
"Krokodilen" geschmiedet hatte.

Freilich mußte der Meyer sich einbilden, er könne so gut wie Flametti
ein Varieté aufmachen. Was war leichter als das?

Freilich glaubte diese Laura, sie kenne den verstohlensten
Geschäftskniff, weil es ihr gelungen war, Jenny den Seidel & Sohn
auszuspannen.

Aber sie sollten sich verrechnet haben.

"Bis hierher und nicht weiter", sagte sich Jenny. "Wenn sie weggehen,
sind wir pleite."

Max, dieser gutmütige Taps, merkte ja nichts! Wenn sie, Jenny, nur
ein Wort gegen diesen Meyer sagte, fuhr er sie an wie ein böses Tier.
Auf den Meyer ließ er nichts kommen.

Sorgfältig ging Jenny zu Werk.

Zunächst kaufte, sie sich den Engel.

Nachdem sie ihm verschiedentlich Zigaretten und Biermarken zugesteckt
hatte, fragte sie ihn eines Abends geradezu:

"Du, Engel, sag' mal, was ist das eigentlich mit dem Ensemble, das
der Meyer vorhat? Brauchst dich nicht zu genieren. Kannst es frei
heraussagen."

Engel wurde sehr verlegen.

"Was weiß ich von einem Ensemble!" stotterte er. "Da weiß ich nichts
von." Und harmlos: "Das Apachenstück haben wir zusammen geschrieben,
Herr Meyer und ich..."

"Mach' mir nichts vor!" unterbrach Jenny ihn streng. "Das haben wir
nicht verdient um dich, daß du uns jetzt so kommst. Du wirst dich
wohl erinnern, was du uns alles verdankst. Immer ist man dagewesen
für dich. Nichts hat man auf dich kommen lassen. Du wirst dich wohl
erinnern, wie du zu uns kamst, abgerissen und ausgehungert. Du wirst
wohl wissen, daß Max dich in der Hand hat. Brauchst bloß an die
Annie zu denken. Na, davon spricht man nicht."

Engel wurde noch verlegener. Die Szene war peinlich. Er rückte den
Stuhl hin und her, den er oben an der Lehne gefaßt hielt, ließ ihn
tanzen auf dem einen Hinterbein.

"Jenny", sagte er mit dem ratlosen Achselzucken eines gealterten
Barons, den die leidenschaftlichen Regungen einer früheren Geliebten
bis in die Retirade seines Landschlößchens verfolgen, "Jenny, ich
kann nicht...., ich weiß nicht..... ich hab' dir nichts zu sagen....
ich weiß nicht, was ich dir sagen soll...." Doch sich erinnernd: "Ja,
gewiß: es war wohl die Rede davon..."

Er räusperte sich. "Ja, ganz richtig! Aber du weißt doch Bescheid!
Du kennst doch den Meyer! Bißchen litti titti!"

Als aber Jenny kurz abschnitt: "Na, schon gut! Laß nur!", da nahm er
das für ein Zeichen ihrer gekränkten Mädchenwürde, und bemühte sich,
zart abzuschließen:

"Mir könnt' es ja gleich sein! Was hab' ich davon? Ich hab' ja
abgedankt! Mir ist alles gleich!"

"Gut, gut!" sagte Jenny, "streng' dich nicht an! Ich weiß schon
Bescheid!"

"Lena", sagte Jenny zu der früheren Pianistin, als die einmal wieder
zu Besuch kam, "du kommst gerade recht. Jeden Moment kann die
Soubrette kommen. Die wollen doch weg von uns. Der Meyer will eine
eigene Truppe machen. Du sollst mal sehen, wie ich die ins Gebet
nehme!"

"Wollte dir nur sagen", dienerte Lena, "daß ich die zwei
Unterschriften mitgebracht habe. Schon besorgt. Hier ist die eine,
von meinem Mann; hier die andere, von dem Leinvogel."

Sie entfaltete zwei Papiere, breitete sie auf den Tisch, plättete sie
mit der Hand, und sah Jenny aus fallsüchtigen Fanatikeraugen
abwartend an.

"Laß mal sehen!" sagte Jenny. Sie las. "Gut, gut. Hast du gut
gemacht. Sollst du nicht umsonst getan haben. Komm', trink 'ne
Tasse Kaffee!" Und sie goß Kaffee ein.

Es klopfte. Herein trat die Soubrette.

"Tag, Laura!" sagte Jenny.

"Tag, Fräulein!" sagte Lena versteckt.

Laura trug eine schwarze Bolerojacke aus Samt, Geschenk ihrer
russischen Freundin, und eine grüne Strickmütze, von der ihr
kurzgeschnittenes, struppiges Blondhaar vorteilhaft abstach.

Sie wollte Einkäufe machen, Meyer treffen, und für Jenny
verschiedenes mitbesorgen.

Die beiden Weiber musterten sie nicht ohne Schadenfreude und Neid.

"Setzen Sie sich, Laura! Trinken Sie doch 'ne Tasse Kaffee mit!"

Fräulein Laura wurde ein wenig ängstlich.

"Eigentlich habe ich Eile", meinte sie.

"Na, setzen Sie sich nur!" sprach Jenny ihr zu, "behalten Sie Ihr
Jackett nur an!"

Fräulein Laura setzte sich und Jenny beeilte sich einzugießen.

"Wir sprachen gerade von unsrem Prozeß", begann Jenny. Sie wußte,
daß es zunächst darauf ankam, der Soubrette das Heikle der Situation
Flamettis auszureden.

"Ja, wir haben gerade vom Prozeß gesprochen. Jetzt ist es aus mit
der Güssy, aus mit der Traute. Jetzt können sie einpacken, die
beiden. Sehen sie her: da haben Sie's schwarz auf weiß!" Und sie
zeigte Fräulein Laura die beiden Papiere, die Lena mitgebracht hatte.

Lena lächelte.

Die Soubrette nahm einen Schluck Kaffee, schob ihre Mütze ein wenig
zurück und las.

Aber dann lächelte auch sie, nicht unhöflich, nur etwas ironisch und
gab die Papiere zurück.

"Glauben Sie, daß das etwas nützen wird?" fragte sie maliziös. Die
Wahrheit der hier verbrieften Aussagen ging ihr nicht ohne weiteres
ein. Auch schien sie Zweifel zu leiden am notariellen Kredit der
unterschriebnen Persönlichkeiten. Lenas Gemahl war eben aus dem
Gefängnis entlassen, wo er für einen Wellblechdiebstahl zwei Monate
Aufenthalt hatte. Der andere Herr, Herr Leinvogel war Laura nicht
bekannt, aber eben deshalb wohl eine noch zweifelhaftere Notabilität.

Die beiden Herren versicherten an Eidesstatt, die Liebe der beiden
Lehrmädchen Güssy und Traute zu der und der Zeit zu mehreren Malen
besessen und käuflich erworben zu haben.

Jenny riß der Soubrette die beiden Papiere aus der Hand, faltete sie
zusammen und lächelte:

"Ob das wirken wird! Ob das nützt! Da hat man's ja schwarz auf weiß,
was das für Dämchen waren! Und außerdem: fechte ich ihre
Glaubwürdigkeit an."

Der Soubrette gab's einen Ruck. Doch sie besann sich und parierte
mit einem mitleidigen Achselzucken.

Lena war sichtlich überrascht.

"Was heißt anfechten?" nahm die Soubrette jetzt offen die Partei
ihrer Kolleginnen.

"So?" schrie Jenny, aufgebracht durch die offensichtliche Renitenz.
"Ich habe die Beweise!"

Und mit ausgestrecktem Arm in eine vage Richtung zeigend: "Die eine
hat einen Meineid geleistet. Kann ich beweisen. In meiner eigenen
Stube. Die andre hat eine ganze Wachtstube von Schutzleuten, denen
sie Rippchen brachte--damals war sie noch Kellnerin--ins Krankenhaus
gebracht und drei Jahre Arbeitshaus dafür abgesessen...!"

Und da sie merkte, das seien unwahrscheinliche Dinge, so fügte sie
bei: "Von Rechts wegen hätte sie gar nicht auftreten dürfen. Aber
was tut man nicht!"

Sie machte eine Pause, um Luft zu schnappen und die Wirkung
abzuwarten.

Lena lächelte, ein Lachen, das etwa besagte: Siehst du wohl! Nimm
dich in acht!

"Die sollen mir nur kommen!" fuhr Jenny gefährlich fort, "die sollen
was erleben! Die haben's nötig, zur Polizei zu laufen! Von wegen
Unbescholtenheit! Von wegen Mißhandlung!"

Sie war wütend. All ihr Bemühen, alle ihre plausiblen Gründe
verfingen nicht. Ein neuer Beweis, daß Komplotte geschmiedet waren.
Der Soubrette schien es durchaus gleichgültig, ob Flametti seinen
Prozeß verlor oder gewann. Ja, sie schien bei Jennys heftigen
Argumenten nur noch entschiedener abzurücken. Unerhört!

Und als Fräulein Laura jetzt mit einem energischen Ruck ihren Kaffee
austrank und sich zu gehen anschickte, da fühlte Jenny nicht nur, daß
der Anschlag mißglückt war, sondern daß jetzt alles auf dem Spiele
stand.

Sie hatte dieser Person in fünf Minuten das ganze System ihrer
Verteidigung aufgedeckt. Da es ihr nicht gelungen war, sie zu
gewinnen, so konnte die Sache gefährlich werden. Der stärkste Trumpf
mußte heran. Nichts durfte unversucht bleiben, die neue Truppe zu
verhindern. Der offne Verrat an Flametti mußte die letzten Freunde
noch gegen ihn bringen, alle Außenstehenden überzeugen. Das war
gleichbedeutend mit dem Ruin.

"Wissen Sie, Laura", begann Jenny von neuem, "--bleiben Sie doch noch
'nen Moment!--wissen Sie: schließlich ist's ja egal, ob wir den
Prozeß gewinnen oder verlieren. Da bleiben noch allerhand
Möglichkeiten. Wir brauchten uns nur zum Beispiel Pässe zu
verschaffen nach Deutschland und die "Indianer" für großes Varieté zu
bearbeiten. Es ist ja borniert von uns, hier zu sitzen mit einem
solchen Schlager! Deutschland wär' wie geschaffen dafür! Säcke voll
Geld könnten wir machen. Aber das will mein Mann nicht. Im
schlimmsten Fall und wenn alle Stricke reißen, wird er ein paar Tage
eingesperrt. Aber dann sollen Sie mich mal kennen lernen!" Und sie
tippte so erregt mit dem Zeigefinger auf den Tisch, daß die Tassen
wackelten. "Dann sollen Sie mal sehen, wer ich bin!"

Laura stand unwillkürlich auf und zog sich, vor ihrem Stuhle stehend,
ein wenig zurück gegen den Spiegelschrank.

"Soll das eine Drohung sein?" fragte sie nervös, und ihre
unterstrichenen Wimpern flogen.

"Sie brauchen gar nicht so vornehm zu tun!" rief Jenny, mit einer
Handbewegung, die die Zweideutigkeit der Soubrette sehr unzweideutig
beschrieb. "Ich weiß Bescheid. Ich verstehe, was man mir gackst.
Bin nicht auf den Kopf gefallen. Eine warme Tasse Kaffee im Leib: da
gacksen sie alle! Von wegen Spionage: Sie werden sich wohl erinnern,
wie Sie hier ankamen mit diesem Meyer! Daß Sie dabei nicht ganz
sauber waren, haben Sie selbst gesagt. Man renommiert nicht mit
solchen Dingen. Da wird schon was Wahres hinter gewesen sein. Und
von wegen Sage-femme laufen! Man kennt das! Das läßt sich
konstatieren!..."

"Unverschämtheit!" schrie die Soubrette. "Das ist eine maßlose
Dreistigkeit! Was unterstehen Sie sich!"

Sie stand jetzt knapp vor dem Spiegelschrank, der ihre Erscheinung in
merkwürdiger Weise verdoppelte. Ihr blondes Haar zischte. Ihr
schmaler Körper krümmte sich vor Ekel und Abscheu.

"Ah, Sie haben's gar nicht nötig, sich aufzuregen! Man weiß Bescheid
über Sie. Auch über Ihren Meyer! Lassen Sie nur gut sein!"

"Geh', Jenny, reg' dich doch nicht auf!" beruhigte Lena, "wir haben
sie ja in der Hand! Wir wissen ja Bescheid!"

"Was wollen Sie von mir? Was können Sie mir nachsagen?" schluckte
die Soubrette.

"Nun, Ihr Herr Meyer--erinnern Sie sich mal!--wo haben Sie denn
gewohnt, bevor Sie zu Flametti kamen?"

Laura erinnerte sich wohl. Sie wurde merklich blaß und zitterte.

"Was geht Sie das an!" rief sie und fuhr sich mit der Hand an den
Kopf.

"Oh, nichts! Mich geht das nichts an. Aber die Polizei vielleicht.
Sie werden nicht vergessen haben, womit Sie damals Ihr Brot
verdienten und was Ihr Herr Meyer dabei für eine Rolle spielte."

"Ich reiße Ihnen die Haare aus, Sie Miststück!" schrie die Soubrette,
packte jene Lena am Kragen und zerrte sie hin und her.

Jenny löste die beiden Damen.

"Na", sagte sie abschließend, "Sie wissen Bescheid. Sie können sich
ja nun überlegen, was Ihnen lieber ist. Wir zwingen Sie nicht. Es
steht ganz bei Ihnen... Sie brauchen mir auch keine Kommissionen zu
besorgen. Danke schön! Tun Sie nur, was Sie nicht lassen können!"

"Gehen Sie nur zur Druckerei", assistierte Lena, "lassen Sie Ihre
Plakate drucken! Wir wissen schon, daß sie Plakate bestellt haben.
Man hat nicht umsonst seine Freunde!"

"Plakate bestellt?" fragte Jenny, die davon nicht einmal wußte. "So
so! Na, das muß ich doch Max erzählen!"

"Adieu!" rief Laura, "ich habe nichts mehr zu sagen" Und damit schlug
sie die Türe zu.

"Alles nichts!" sagte Herr Meyer, als Laura ihn traf im "Lohengrin",
"wir müssen heraus aus dem Pfuhl. Kann alles nichts helfen. Wir
haben sie ja in der Hand! Sie hat sich ja selbst verraten! Du
brauchst dich nicht aufzuregen. Was kann sie wissen von uns?"

Und sie begaben sich selbander zur Druckerei, um nach dem Preis
beschlossener Plakate zu fragen.

An der Ecke aber, beim Rudolf Mosse-Haus, kamen ihnen entgegen Güssy
und Traute, sehr frisch, sehr wirsch und vertraut, mit roten Backen,
in roten und braunen Strickjacketts.

"Ah, Laura! Ah, der Herr Meyer!" riefen sie schon von weitem, "wie
geht's? Wie steht's? Könnt ihr uns nicht brauchen? Wir haben
gehört, ihr macht eine Truppe!"

"Wo denkt ihr hin, eine Truppe!" warf Laura weit weg.

"Keine Spur!" bekräftigte Meyer.

"Fesch seht ihr aus! Geht euch gut, was?"

"Oh", meinte Traute quick und bezüglich, "uns geht es gut", und sie
strich sich in der gewohnten Weise den Busen herunter, "wir finden
schon, was wir brauchen."

"Na, das ist recht!" meinte Herr Meyer praktisch. Und Fräulein Güssy
versuchte, mit schweren Augen sich in ihn versenkend, seine Hand zu
erreichen.

"Na, und was macht der Prozeß?"

"Oh", schnalzte Traute, "er wird schon sehen, Flametti, was er
angestellt hat! Er wird's schon erfahren! Und sie auch, diese
Verbrechergustel! Denen wird man das Handwerk legen!"

Mehr schien sie für jetzt nicht sagen zu wollen, denn sie schwenkte
sogleich über:

"Was macht denn der Bobby? Netter Kerl war er doch! Wie er sich
ärgerte, daß ich's mit dem Flametti hatte! Immer wollte er Geld von
mir haben. Und ich hatte doch selbst keins!"

"Oh, er hat sich getröstet!" meinte Laura. "Fünf andre seitdem!"

Herr Meyer wurde unruhig.

"Na, Adieu!" sagte Laura, "wir haben's eilig!"

"Adieu, adieu!" riefen die Mädels frisch.

Man hatte sich schon ein wenig entfernt von einander, aber die Hand
Fräulein Güssys ruhte noch immer in der des Herrn Meyer. Ihr langer
Arm glich einer Rosengirlande, die sich am Kleid verhakt, wenn man
vorübergeht.

Als Flametti diesen Abend zur Vorstellung kam, pfifferte er viel vor
sich hin, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihn Unangenehmes heftig
beschäftigte.

Er zerbrach Zündhölzchen zwischen den Fingern, untersuchte die
Leuchter am Klavier, untersuchte die Vorhangschnur, kratzte mit der
Stiefelspitze an Papierschnitzeln, die auf dem Boden lagen, und ging
auf und ab.

"Na, Herr Meyer, warum so ein finstres Gesicht?" meinte er
unvermittelt zum Pianisten.

Der saß, die Beine übereinandergeschlagen, auf dem wackligen
Klavierstuhl, blätterte in den Noten und nahm eine Zigarette, die
Flametti leger spendierte.

"Ah, nichts!" versuchte Meyer zu lächeln, "kalt ist's!" und rieb sich
die Hände.

Es war viertel nach acht. Langsam kamen die Gäste.

"Anfangen! Die Leute kommen! Vorspiel!"

Flametti machte Betrieb.

Und Herr Meyer begann "Mysterious Rag", indem er mit krampfhaft
erhobenen Adlerfängen, die Füße in die Pedale gestemmt, auf die
Klaviatur loshackte.

An diesem Abend aber sagte Flametti in der Garderobe:

"Hören Sie mal, Laura, wie ist das eigentlich mit dem Ensemble, das
Meyer plant? Man sagt mir da alles mögliche. Sie hätten sogar schon
Plakate in Druck gegeben. Und Meyer hat mir bis jetzt noch kein Wort
gesagt, daß ihr wegwollt. Ich habe bis jetzt keine Kündigung."

Laura wurde verlegen. Flamettis Ton klang befremdet, aber nicht
bitter.

"Ist er vielleicht nicht zufrieden mit seiner Gage? Steht ihr was
aus? Seht ihr denn nicht, daß es unmöglich ist, mehr Gage zu zahlen?
Sie sehen doch selbst am besten, wie das Geschäft geht. Ihr könnt's
euch doch an den Fingern abzählen, was übrig bleibt! Zehn Leute
ernähren--glauben Sie nicht, daß das einfach ist! Ich kann euch ja
eine Kleinigkeit zulegen, ab fünfzehnten. Aber mehr kann ich nicht
tun. Wenn Meyer will--ich mach' ihn zum Regisseur. Ich habe jetzt
meinen Prozeß. Meyer ist tüchtig, Meyer ist still, Meyer ist
anständig. Man hat Respekt vor ihm. Er kann mich vertreten.
Vertrauensstellung. Vielleicht vergrößern wir, wenn erst der Prozeß
vorbei ist, und teilen die Truppe. Er kann die eine Hälfte leiten,
ich nehme die andre. Aber man muß sich doch aussprechen! Ich kann's
ihm doch nicht am Gesicht ablesen! Tut doch den Mund auf, wenn ihr
was zu sagen habt!"

Die Soubrette schwieg.

"Jenny hat mir erzählt. Sie wissen ja, ich liebe meine Frau. Sie
übertreibt manchmal; das dürfen Sie nicht tragisch nehmen! Ich weiß
ja nicht, was sie gesagt hat. Aber Herrgott! Wir sind doch alle
Menschen! Man spricht sich aus. Man sagt sich auch einmal was ins
Gesicht. Aber man rührt sich doch!"

"Nein, wissen Sie", tischte Laura jetzt auf, "das war ein bißchen
zuviel, heute nachmittag! Das kann ich mir denn doch nicht sagen
lassen. Es ist ja lächerlich: sie tut ja, als hätte sie uns auf der
Straße aufgelesen! Das geht zuweit. Das war eine Drohung. So kann
sie mich nicht behandeln. Sie ist Ihre Frau--gut! Aber ich kann
mich nicht ins Verhör nehmen lassen. Sie können sich nicht beklagen,
daß ich meine Pflicht nicht getan habe, immer..."

"Und Sie nicht, daß ich Ihnen nicht immer pünktlich die Gage zahlte;
daß ich nichts auf euch kommen ließ!..."

"Gewiß!" sagte Laura, "aber sie darf uns nicht mit Apachen
verwechseln. Das sind wir nicht. Spionin soll ich sein... und...
und... von der Straße sprach sie... und... und Sage-femme und das ist
mir zuviel! Das tu' ich nicht! Das kann sie dieser Lena sagen!"

"Na, Sie haben doch selbst erzählt, daß Sie Nacktphotographien von
sich verkauft haben! Daß Sie sich haben photographieren lassen!"
nahm Flametti abweisend, aber nicht unberührt, die Partei seiner Frau.

"Wen geht es was an?" zuckte die Soubrette und schluchzte. "Wer hat
mir was dreinzureden? Wenn ich mich ausbiete auf der Straße, wenn
ich jede Nacht in einem andern Hotel schlafe--wen geht es was an?
Kümm're ich mich um andre? Mische ich mich in die Angelegenheiten
der andern? Laufe ich zur Polizei, wenn man mir was anvertraut? Mir
hat Ihre Frau das Zehnfache anvertraut! Was hat sie mir alles
vertraut! Wollte ich's wissen? Hab' ich Gebrauch davon gemacht?"

"Na, das tun Sie ja auch wohl nicht!" begütigte Flametti und
streichelte ihr Haar. "So weit kommt's ja wohl nicht! Eine Hand
wäscht die andere. Ich hoffe ja, daß wir uns verstehen. Wir werden
ja keinen Gebrauch davon machen. Und ich werde auch mit Jenny
sprechen. Ist ja alles dummes Zeug! Ihr habt eine Zukunft bei uns.
Sagen Sie das dem Meyer! Aber ich hasse dieses Hintenherum. Das ist
Weibermanier. Ziehen Sie sich jetzt an und gehen Sie runter! Ich
weiß schon, von wem all diese Dinge kommen. Ich werde dafür sorgen,
daß das ein Ende hat."

Und Laura wischte sich die Tränen und stieg, Rinnen im Schminkgesicht,
die Hühnertreppe hinunter ins Lokal.

Am Klavier saß Meyer. Er hatte soeben sein Zwischenstück beendet und
machte ein Gesicht wie der Teufel bei Regenwetter.

"Was hast du mit Flametti gehabt?" fuhr er die Braut an, "wie siehst
du aus? Ihr wart allein in der Garderobe! Was habt ihr gehabt?"

"Nichts! Laß mich!"

Raffaëla und Lydia warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu.

Bobby meinte ungerührt: "Ach, Laura, das muß man sich nicht so zu
Herzen nehmen!" Zu gerne hätte er gewußt, worum es sich handelte.

An der Kasse saß Jenny, kalt und unnahbar, grande dame vom Scheitel
bis zur Sohle.

Und Engel bediente ergebenst die Vorhangschnur....

"Kinder!" sagte Raffaëla nach der Vorstellung, "die Nacht, diese
Nacht!"

Sie meinte die Nacht, in der die Gans verzehrt wurde.

"Das war ja toll! Das sind ja Falschspieler der schlimmsten Sorte!
Vier Kerls waren da. Und Flametti war angetrunken. Sein ganzes Geld
hat er verspielt! Und dann ging er auf seine Frau los: "Du hast mich
verraten! Du bist schuld an allem! Du hast mir das eingebrockt!
Jetzt holst du mir noch deine Liebhaber ins Haus und lockst mir das
letzte Geld aus der Tasche!".... Das war ja nicht mehr schön! Die
Gans hatte Flametti gar nicht bezahlt! Die Kerls hatten sie bezahlt!
Wie die gegessen haben, davon macht ihr euch keinen Begriff! Das
ganze Geld haben sie ihm abgenommen, und dann brachten sie ihn ins
Bett. Getobt hat er! Und gingen zu der Dudlinger hinunter, Jenny
und die vier Brüder! Das ganze Haus stand auf dem Kopf!"

"Ja, wart ihr denn auch dabei?" fragte die Soubrette.

Lydia winkte ab. "Natürlich! Wir waren doch eingeladen! Aber für
so was, nein, nein, dafür sind wir nicht zu haben! Wir gingen
natürlich, als es mal drei Uhr war."

"Ja, woher wißt ihr denn...?"

"Aehh, diese Unschuld!" krähte Raffaëla, "so was sieht man doch! Man
hat doch Augen im Kopf!"

"Ah, so!" entschuldigte sich die Soubrette...

Der nächste Tag brachte jene Depression der Gefühle, die auf große
Aufregungen zu folgen pflegt, aber auch jenen Niederschlag in Taten,
der fruchtlose Debatten klärt.

Raffaëla und Lydia wurden, ohne viel Federlesens, ausgezahlt und
entlassen.

Herrn Meyer und Fräulein Laura wurden neue Verträge unterbreitet, zu
deren Akzeptierung und Ratifizierung Herr Meyer sich eine Bedenkzeit
von drei Tagen erbat.

Die Gründe für die Entlassung der beiden Scheideisen lagen auf der
Hand. Ihnen schob Flametti die Verhetzung des ganzen Ensembles zu.
Von ihnen wollte Flametti nicht länger sich nasführen lassen.

Nachmittags aber, als man gerade beim Kaffeetisch saß, klopfte es an
der Türe, behutsam und diskret.

Ein Detektiv stand draußen, wieder einmal. Alle schracken zusammen.

Flametti beeilte sich, den Herrn zu empfangen.

"Fräulein Laura", kam er geschäftig zurück, "für Sie!"

"Für mich?" fuhr Laura zusammen.

"Ja, für Sie!"

Auch Meyer wurde unruhig, bemühte sich aber, Haltung zu bewahren.

Laura ging hinaus und mit dem Herrn in die Küche, die nun einmal
bestimmt schien, als Konferenzzimmer Tradition zu bekommen.

"Welcher ist es denn?" fragte Jenny.

"Der Puma", sagte Flametti, ging auf den Zehenspitzen und biß sich
die Lippen.

"Ach, der ist nett!" meinte Jenny konziliant. "Da ist es nichts
Schlimmes."

Alle, auch Fräulein Theres, die mißmutig den Gasherd abgestellt hatte,
horchten bedrückt und gespannt.

Aus der Küche vernahm man das stöbernde Murmeln eines Verhörs.

"Pst!" machte Jenny und winkte nach rückwärts, "ich kann ja nichts
hören!"

Sie stand am geschlossenen Schalter und versuchte, wenigstens ein
paar Worte aufzuschnappen.

"Rezepte... selbst geschrieben... Basel... Narkotika..."

Man vernahm von draußen ein Räuspern. Mit einem kurzen Schritt trat
Jenny vom Schalter weg.

Jemand polterte die Treppe hinunter.

Die Soubrette kam zurück, seltsam verdonnert und zerfedert, mit
Gedanken und Blicken noch halb bei dem unten aus der Haustür
tretenden Beamten.

"Ja, ja", meinte Flametti.

"Was war denn?" interessierte sich Jenny.

"Nichts, nichts!" wehrte Laura ab.

Jenny fühlte sich verpflichtet, einige Ansichten über die Polizei im
allgemeinen und die Detektivs im besonderen von sich zu geben.

"Hm, diese Kerls!" meinte sie, "nirgends ist man sicher vor ihnen!
Max, sag', die müssen doch aus den hintersten Familien stammen!"

Ein wenig Sympathie und Besorgnis klang durch.

Max glaubte: Verachtung.

"Was willst du!" zuckte er die Achseln, "Beruf! Der eine verdient's
mit Alteisen, der andre mit Varieté, der dritte mit dem Wolfshund."

"Hm!" gab Jenny in backfischhafter Anwandlung zu bedenken, "immer so
mit dem Wolfshund gehen!"

Flametti hielt's für ein Gruseln.

"Was denkst du!" zeigte er sein überlegenstes Indianerlächeln, "erst
die amerikanischen Detektivs! Die amerikanischen Handfesseln,
Schlagringe und Gummiknüppel!" und sah sich, Sympathie heischend,
nach dem geschulten Herrn Meyer um.

Herr Meyer aber saß da mit der verdrießlichsten Miene der Welt, die
Augenlider krampfhaft hochgezogen, fadiert, gelangweilt, bar
jeglicher Lust zu Disputationen.

Die Ereignisse folgten sich rasch, und von seiten der
Hauptbeteiligten ohne nennenswerten Widerstand.

Flamettis Prozeß war jetzt auf den dreizehnten angesetzt.

Man spielte in den kleinen und kleinsten Kneipen. Das Ensemble hatte
nach dem Austritt der Damen Scheideisen eine Ergänzung erfahren. Man
richtete sich ein.

Die Soubrette trat zehnmal auf am Abend: fünf Soli, vier Ensembles,
einmal als Rezitatorin. Sie sprach dann den "Leutnant aus Zinn" und
die "Fremdenlegionäre".

Engel hatte sich durch freiwilligen Eintritt ins Krankenhaus einen
glücklichen übergang zu den "Original--Ideal--Perplex--und
Simplex-Mühlen" gesichert.

Bobby laborierte an einer Entzündung und die Bögen und Handstände
fielen ihm schwer. Aber er schaffte es.

Herr Meyer seinerseits saß pünktlich um sechs allabends am Piano, um
das wie Pleureusen die Tropfen von der Decke fielen. Die Portiere am
Eingang--Türen gab es nicht--klatschte vereist an die Beine etwelcher
zirkussüchtiger Gäste. Die Kalkwände der Garderoben blätterten ab.
"Frühling ist's, die Blumen blühen wieder"--selige Erinnerung.

Flametti und Jenny allein bewahrten Humor.

Zum Zeichen ihres absoluten unwandelbaren Einvernehmens sangen sie
zusammen die "Meistersinger von Berlin", ein revueartiges Duett, das
unter ihrer scharf pointierten Interpretation sich als anmutigstes
Duell, voller mondäner Anspielungen auf den laufenden Prozeß,
präsentierte.

Der Detektiv von neulich wiederholte Besuch und Nachfrage. Und
Fräulein Theres war ein zweites Mal gezwungen, den Gasherd abzudrehen
und den Schauplatz ihrer klausurhaft verteidigten kulinarischen
Manipulationen für ein Viertelstündchen zu verlassen.

Flametti wälzte im rastlosen Gehirn finanzielle Transaktionen.

Eine zweistündige Unterredung hatte er mit Madame Dudlinger,
fruchtlosen Resultates. Eine dreistündige Unterredung mit Direktor
Farolyi, dem Ungar, voller Elogen, Respekt und Meriten, aber ohne den
rechten klingenden Ausgang. Die Säulen des Hauses Flametti wackelten.

Aufgestört, eine Wanderschwalbe, trat Fräulein Theres vor die
Herrschaft, um ihre Kündigung vorzubringen.

"Frau", sagte sie sittig, "am fünfzehnten ist meine Zeit aus", und
kraulte sich mit der Haarnadel in der zerknäulten Frisur.

"Geh', Theres, was machen Sie da für Sachen?" suchte Jenny das
Verhängnis aufzuhalten.

Aber Theres machte ein Gesicht, so diffizil und spitz, wie ein
Moskito, dem ein Ausräucherungsdampf in die empfindliche Nase fuhr.

Nein, nein, sie hatte genug. Wenn man nicht einmal in der Küche
seine Ruhe haben sollte--Verhörzimmer auf ihre alten Tage, Detektiv
am Herd, am Spülstein, im Kohlenkasten...

"Nein nein, Frau", sagte sie, gröber als sie es meinte und mit einer
Art schluchzendem Humor, "ich will nicht auf meine alten Tage den
Remis noch kriegen! Am fünfzehnten geh' ich."

Umsonst versuchte Jenny, ihr den närrischen Einfall auszureden.
Umsonst Flametti, ihr eine wärmere Küche, Stumpen auf der Stelle, und
eine Flasche Bier vor die Phantasie zu rücken. Nichts mehr verfing.
Theres blieb bei der Kündigung. Sie hatte ihre eigene moralische
Ansicht von den bei Flametti eingerissenen Zuständen.

Gewiß, sie nahm die geschaßten Lehrmädel nicht in Schutz. Aber so
behandelt man trotzdem nicht sein Dienstpersonal. Nein, nein!
Fräulein Theres fühlte eine tiefe Solidarität. Nein, nein, so was
rächt sich. Da machte sie nicht mit. Das konnte sie nicht gutheißen.

Und weiter: gewiß, der Herr war im Unrecht. So beleidigt man nicht
eine Frau, die auf's Sach sieht und jede Nacht pflichtgetreu neben
ihm lag; die sich hübsch machte für ihn und hinter den schlampeten
Weibern herwar mit Ordnung und Zucht.

Aber die Frau: so behandelt man auch nicht einen Mann, der mal einen
Fehltritt beging. Man läßt nicht gleich vier Kerle zu sich kommen,
setzt ihnen Gänsebrust vor und läßt seinem eigenen Gatten das Geld
abnehmen.

Nein, nein, da tat Theres nicht mehr mit. Das war nichts für ihre
alten Tage. Mochte man lachen über sie, mochte man sie für
altmodisch halten. Sie tat nicht mehr mit, verstand diese neue Welt
nicht mehr, gab sich auch keine Mühe mehr, sie zu verstehen. Sie
legte den Schürhaken hin und ging.

Jetzt faßte auch Herr Meyer seinen Entschluß, rücksichtslos und
farusch. Den Einflüsterungen der Geschwister Scheideisen, dem
Zureden Bobbys, den Vorstellungen der Braut widerstand er nicht
länger.

Zwei Tage Bedenkzeit waren bereits verstrichen. Der Zeitpunkt war da.
Jetzt mußte gehandelt werden.

Die Moralität obsiegte. Hundert Plakate kosteten achtzehn Franken.
Das war zu erschwingen. In drei Tagen konnten sie fertig sein. Man
war gefaßt auf alles.

"Raffaëla-Ensemble, sollte die Gründung heißen nach dem Namen der
hervorragendsten Kraft. Raffaëla hatte Bekannte in Arbon am Bodensee.
Dort würde mag debütieren, auswärts sich die ersten Meriten holen.
Noch mußte gesprochen werden mit Flametti.

Und Herr Meyer überwand ruckhaft die ihm angebotene Scheu und sagte
beim Abendessen:

"Sie, Herr Direktor, ich habe zu reden mit Ihnen."

"Gehen wir rüber ins Café Lohengrin!"

"Gut!"

Und sie gingen ins Café Lohengrin und Flametti bestellte zwei helle
Bier und Herrn Meyer klopfte das Herz.

"Also schießen Sie los!" sagte Flametti. Und Herr Meyer holte weit
aus.

Mit den Zuständen vor Kriegsausbruch begann er, gab einen Inbegriff
seiner Familie, kam dann auf seine Geburt zu sprechen, berührte kurz
seine Konfirmation und das Knabenalter, schwenkte dann über zur
Gymnasiastenzeit, immer das Typische unterstreichend.

Flametti sah ängstlich auf seine Uhr. Sieben Minuten vor acht. Um
acht Uhr begann die Vorstellung.

"Kurz und gut?" fragte er und sah Meyer gespannt ins Gesicht.

"Wir wollen weg, wollen uns selbständig machen."

"Also doch!" meinte Flametti, ein wenig betroffen.

"Ja", sagte Meyer. "Ein gutes Einvernehmen besteht ja doch nicht
mehr. ihre Frau hat das zerstört. Laura hat die Affäre mit den
Rezepten. Wir brauchen ein Attest für sie. Das kostet Geld. Ich
brauche eine neue Hose, ein Paar neue Stiefel. Das Leben stellt
Ansprüche. Kurzum: es geht nicht mehr."

"Tun Sie, was Sie nicht lassen können", sagte Flametti. "Sie
müssen's am besten wissen. Ich will Ihrem Glück nicht im Wege stehen.
Wenn Sie glauben..."

"Ich glaube!" sagte Meyer.

"Na, gehen wir zur Vorstellung!"

Und Flametti zahlte, auch für den neuen Herrn Direktor, der zu
schüchtern war, "Lina", "Frieda", oder "Kathrein" zu rufen.

Und Flametti sah, was da kommen würde, lächelte ironisch, und man
ging.

Jenny hätten Sie sehen sollen an diesem Abend! Glacéhandschuhe zog
sie, gewissermaßen, über die Zunge. So spitzig und kalt, so unnahbar
verächtlich wußte sie sich zu benehmen, daß Meyer kaum wagte, sie
anzusehen.

"Geh', Max, laß doch das Gesindel!" sagte sie mehr als halblaut, als
Herr Meyer in den Indianern danebengriff, und Flametti auf der Bühne
einen cholerischen Anfall bekam vor Indignation.

"Laß sie doch gehen! Sie haben's ja nicht mehr nötig!"

Und als die Soubrette mit doppeltem Eifer nach der Kassiermuschel
griff, um sich ins Publikum zu stürzen:

"Nein, lassen Sie nur! Ist nicht nötig. Rosa besorgt's schon."

Und auch Rosa hob ihre Nase von Stunde an höher und Bobby überkam ein
solcher ärger darob, daß er sie am liebsten geohrfeigt hätte.

Der Zustand wurde unerträglich. Und es war deshalb eine Erlösung für
beide Teile, als Fräulein Laura an einem der nächsten Abende
gelegentlich der "Commis voyageusen" auf dem kleinen viereckigen
Podium der "Drachenburg" ausglitt und mit dem Steißbein so
unglücklich auf eine Stuhlkante aufstieß, daß man sie, stöhnend und
ächzend, in die Garderobe und von dort mit einer heftigen Prellung
nach Hause bringen mußte.

Eine alte Sympathie regte sich in Flametti und er war wirklich
besorgt.

"Ach, Max", hetzte Jenny, "gib's doch auf! Sie simuliert ja nur!
Merkst du denn nichts?"

Jetzt war Laura entschlossen, keinen Schritt mehr in die Vorstellung
zu gehen. Kontrakt hin, Kontrakt her!

Und Herr Meyer sagte:

"Die sollen uns kennen lernen!"

Und Bobby sagte:

"Geht's besser Laura?" und stand sehr besorgt am Bett.

Und Lydia und Raffaëla sagten:

"Den Doktor muß er bezahlen! Macht ihn doch schadensersatzpflichtig!
Er muß euch Schmerzensgeld zahlen! So eine Gemeinheit!"

Und Lauras russische Freundin kam und sagte:

"Auf mich können Sie zählen. Ich bin immer da für Sie."

Und Herr Meyer effektuierte mit Bobby zusammen mittels Kleister und
Schnur die Bilderreklame für Arbon.

So war denn Flamettis Schicksal besiegelt.

Zwar sprang für Meyer in liebenswürdiger Weise Fräulein Lena als
Pianistin ein. Und Fräulein Rosa rückte an Lauras Stelle. Und Lena
meinte:

"Ich hab's euch ja gleich gesagt: sie führen etwas im Schilde!"

Aber das half nichts. Das Geschäft wurde noch schlechter. Die
Beiseln, in denen man auftrat, noch kleiner, ja nuttig.

Flametti verhehlte es nicht, daß er blank, aller Hilfsmittel bar, in
den Prozeß eintrat.

In erregten Ergüssen versuchte er brieflich dem Anwalt in Bern
Standpunkt und Situation eindringlich zu erläutern.

Aber das Aktenmaterial wurde dadurch nur immer größer, das Plädoyer
immer schwieriger.

Und als Flametti die Geduld riß und er ganz offen auf einer Postkarte
vermerkte, der Herr Anwalt wolle ihn offenbar nicht verstehen, der
Fall sei doch sonnenklar, da schrieb dieser chargé zurück, er bedaure
unendlich, mitteilen zu müssen, daß ohne einen weiteren Vorschuß von
hundert Franken die Sache zu einem guten Ende kaum werde geführt
werden können.

Herr Farolyi gab den Rat, die Verteidigung doch selbst zu führen und
auf den Advokaten überhaupt zu verzichten. Und auch Fräulein Lena
erbot sich, für die sittliche Minderwertigkeit der Klägerinnen eine
eidesstattliche Versicherung zu riskieren.

Aber Jenny wurde doch immer nervöser.

"Was machst du nun, Max?" fragte sie ernstlich besorgt, als Max von
Farolyi zurückkam.

"Was mach' ich? Verteidige mich selbst."

Und er nahm Feder und Papier zur Hand und begann die
Verteidigungsschrift aufzusetzen.

Die Feder spritzte und die Worte sträubten sich. Aber es ging.

"An den Herrn Präsidenten des Kantonalen Obergerichts, Bern".

Da stand es. Das war die Instanz. Und Jenny bekam einen Schreck,
als sie's so stehen sah.

Aber Flametti ließ sich nicht stören. Mit einer schier
unpersönlichen Korrektheit entledigte er sich der schwierigen Arbeit.

Er brauchte sich nur in die disziplinarische Verfassung von damals zu
versetzen, da er auf dem Kasernhof zum erstenmal den Befehl eines
Vorgesetzten entgegennahm, und die Stilnuance war gefunden.

"Fertig, aus!" rief er, als er nach zweistündiger Arbeit
unterschrieben und abgelöscht hatte. Er überlas das Ganze noch
einmal von Datum bis Schlußpunkt und er war sehr zufrieden damit.

"So", zog er findig die Stirn in Falten, "drehen wir die Geschichte
mal um! Da schaut die Sache erheblich anders aus!"

Und er verlas es auch Jennymama. Die war baß erstaunet.

"Ja, meinst du denn, Max, sie lassen es gelten?"

"Frage!"

Er spuckte, steckte die Hände in beide Hosentaschen und nahm einen
kleinen Abstand von seinem Elaborat.

"Hättest deutlicher sagen müssen, was das für zwei waren!" drängelte
Jenny.

Max zündete großspurig eine Zigarre an.

"Was? Ist das nicht deutlich genug: "Marktware der Wollust", "der
Perversion gefrönt", "schon in den Kinderschuhen verdorben"? Ich bin
der Verführte, verstehst du? Angeboten haben sie sich. Gezwungen
haben sie mich, direkt belästigt!"

Jenny war ganz verstört.

"Wenn es nur durchgeht, Max!"

"Frage!"

Sonntag, den zwölften, spielte man in der "Jerichobinde" zum
letztenmal die "Indianer": Flametti, Jenny und Rosa.

"Und dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet,
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied.
Einmal wieder zieh'n wir noch auf Siegespfad,
Einmal noch, wenn der Tag der Rache naht."

Dann fuhr Flametti nach Bern.

Mit dem Nachtzug.

Jenny und Rosa begleiteten ihn zur Bahn. Rosa trug das Handtäschchen.

"Viel Glück, Max, und schreib' gleich, wie's ausging, damit man es
weiß!"

"Wenn ich nicht schreibe, weißt du Bescheid!"

"Ach, Maxel, wie wird es dir gehen?"

"Wird schon alles gut gehen!" beruhigte er, und der Zug setzte sich
in Bewegung....

Er schrieb nicht, wie es gegangen war.

Ein, zwei, drei Tage vergingen. Da las Jenny es in der Zeitung, in
einem Café.

Sie trug ihre beste Toilette. Sie ließ sich ihren Schmerz nicht
merken.

Gute Freunde lud sie zu sich ein, und so, in engstem Kreise, seufzend
aufs Kanapee hingeschmiegt, suchte sie Trost und Vergessen.

Und nur den vereinten Bemühungen ihrer Freunde gelang es, ihr etwas
Luft zu schaffen.

Herr Meyer aber ging pleite.

Book of the day: