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Egmont by Johann Wolfgang von Goethe

Part 2 out of 2

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Klärchen. Verstellt sie sich?

Egmont. Regentin, und du fragst?

Klärchen. Verzeiht, ich wollte fragen: ist sie falsch?

Egmont. Nicht mehr und nicht weniger als jeder, der seine Absichten
erreichen will.

Klärchen. Ich könnte mich in die Welt nicht finden. Sie hat aber auch
einen männlichen Geist, sie ist ein ander Weib als wir Nähterinnen und
Köchinnen. Sie ist groß, herzhaft, entschlossen.

Egmont. Ja, wenn's nicht gar zu bunt geht. Diesmal ist sie doch ein
wenig aus der Fassung.

Klärchen. Wieso?

Egmont. Sie hat auch ein Bärtchen auf der Oberlippe, und manchmal einen
Anfall von Podagra. Eine rechte Amazone!

Klärchen. Eine majestätische Frau! Ich scheute mich, vor sie zu treten.

Egmont. Du bist doch sonst nicht zaghaft--Es wäre auch nicht Furcht, nur
jungfräuliche Scham.

Klärchen (schlägt die Augen nieder, nimmt seine Hand und lehnt sich an
ihn).

Egmont. Ich verstehe dich! liebes Mädchen! du darfst die Augen
aufschlagen. (Er küßt ihre Augen.)

Klärchen. Laß mich schweigen! Laß mich dich halten! Laß mich dir in
die Augen sehen, alles drin finden, Trost und Hoffnung und Freude und
Kummer. (Sie umarmt ihn und sieht ihn an.) Sag' mir! Sage! ich begreife
nicht! bist du Egmont? der Graf Egmont? der große Egmont, der so viel
Aufsehn macht, von dem in den Zeitungen steht, an dem die Provinzen
hängen?

Egmont. Nein, Klärchen, das bin ich nicht.

Klärchen. Wie?

Egmont. Siehst du, Klärchen!--Laß mich sitzen!--(Er setzt sich, sie
kniet sich vor ihn auf einen Schemel, legt ihre Arme auf seinen Schoß und
sieht ihn an.) Jener Egmont ist ein verdrießlicher, steifer, kalter
Egmont, der an sich halten, bald dieses, bald jenes Gesicht machen muß;
geplagt, verkannt, verwickelt ist, wenn ihn die Leute für froh und
fröhlich halten; geliebt von einem Volke, das nicht weiß, was es will;
geehrt und in die Höhe getragen von einer Menge, mit der nichts
anzufangen ist; umgeben von Freunden, denen er sich nicht überlassen darf;
beobachtet von Menschen, die ihm auf alle Weise beikommen möchten;
arbeitend und sich bemühend, oft ohne Zweck, meist ohne Lohn.--O laß mich
schweigen, wie es dem ergeht, wie es dem zu Mute ist. Aber dieser,
Klärchen, der ist ruhig, offen, glücklich, geliebt und gekannt von dem
besten Herzen, das auch er ganz kennt und mit voller Liebe und Zutrauen
an das seine drückt. (Er umarmt sie.) Das ist dein Egmont!

Klärchen. So laß mich sterben! Die Welt hat keine Freuden auf diese!

Vierter Aufzug.

Strasse.

Jetter. Zimmermeister.

Jetter. He! Pst! He, Nachbar, ein Wort!

Zimmermeister. Geh deines Pfads, und sei ruhig.

Jetter. Nur ein Wort. Nichts Neues?

Zimmermeister. Nichts, als daß uns vom neuem zu reden verboten ist.

Jetter. Wie?

Zimmermeister. Tretet hier ans Haus an! Hütet Euch! Der Herzog von
Alba hat gleich bei seiner Ankunft einen Befehl ausgehen lassen, dadurch
zwei oder drei, die auf der Straße zusammen sprechen, des Hochverrats
ohne Untersuchung schuldig erklärt sind.

Jetter. O weh!

Zimmermeister. Bei ewiger Gefangenschaft ist verboten, von Staatssachen
zu reden.

Jetter. O unsre Freiheit!

Zimmermeister. Und bei Todesstrafe soll niemand die Handlungen der
Regierung mißbilligen.

Jetter. O unsre Köpfe!

Zimmermeister. Und mit großem Versprechen werden Väter, Mütter, Kinder,
Verwandte, Freunde, Dienstboten eingeladen, was in dem Innersten des
Hauses vorgeht, bei dem besonders niedergesetzten Gerichte zu offenbaren.

Jetter. Gehn wir nach Hause.

Zimmermeister. Und den Folgsamen ist versprochen, daß sie weder an Leibe,
noch Ehre, noch Vermögen einige Kränkung erdulden sollen.

Jetter. Wie gnädig! War mir's doch gleich weh, wie der Herzog in die
Stadt kam. Seit der Zeit ist mir's, als wäre der Himmel mit einem
schwarzen Flor überzogen und hinge so tief herunter, daß man sich bücken
müsse, um nicht dran zu stoßen.

Zimmermeister. Und wie haben dir seine Soldaten gefallen? Gelt! das ist
eine andre Art von Krebsen, als wir sie sonst gewohnt waren.

Jetter. Pfui! Es schnürt einem das Herz ein, wenn man so einen Haufen
die Gassen hinab marschieren sieht. Kerzengerad, mit unverwandtem Blick,
ein Tritt, so viel ihrer sind. Und wenn sie auf der Schildwache stehen
und du gehst an einem vorbei, ist's, als wenn er dich durch und durch
sehen wollte, und sieht so steif und mürrisch aus, daß du auf allen Ecken
einen Zuchtmeister zu sehen glaubst. Sie thun mir gar nicht wohl. Unsre
Miliz war doch noch ein lustig Volk; sie nahmen sich was heraus, standen
mit ausgegrätschten Beinen da, hatten den Hut überm Ohr, lebten und
ließen leben; diese Kerle aber sind wie Maschinen, in denen ein Teufel
sitzt.

Zimmermeister. Wenn so einer ruft: "Halt!" und anschlägt, meinst du,
man hielte?

Jetter. Ich wäre gleich des Todes.

Zimmermeister. Gehn wir nach Hause.

Jetter. Es wird nicht gut. Adieu.

(Soest tritt dazu.)

Soest. Freunde! Genossen!

Zimmermeister. Still! Laßt uns gehen!

Soest. Wißt ihr?

Jetter. Nur zu viel!

Soest. Die Regentin ist weg.

Jetter. Nun gnad' uns Gott!

Zimmermeister. Die hielt uns noch.

Soest. Auf einmal und in der Stille. Sie konnte sich mit dem Herzog
nicht vertragen; sie ließ dem Adel melden, sie komme wieder. Niemand
glaubt's.

Zimmermeister. Gott verzeih's dem Adel, daß er uns diese neue Geißel
über den Hals gelassen hat. Sie hätten es abwenden können. Unsre
Privilegien sind hin.

Jetter. Um Gottes willen nichts von Privilegien! Ich wittre den Geruch
von einem Exekutionsmorgen; die Sonne will nicht hervor, die Nebel
stinken.

Soest. Oranien ist auch weg.

Zimmermeister. So sind wir denn ganz verlassen!

Soest. Graf Egmont ist noch da.

Jetter. Gott sei Dank! Stärken ihn alle Heiligen, daß er sein Bestes
thut; der ist allein was vermögend.

(Vansen tritt auf.)

Vansen. Find' ich endlich ein paar, die noch nicht untergekrochen sind?

Jetter. Thut uns den Gefallen und geht fürbaß.

Vansen. Ihr seid nicht höflich.

Zimmermeister. Es ist gar keine Zeit zu Komplimenten. Juckt Euch der
Buckel wieder? Seid Ihr schon durchgeheilt?

Vansen. Fragt einen Soldaten nach seinen Wunden! Wenn ich auf Schläge
was gegeben hätte, wäre sein Tage nichts aus mir geworden.

Jetter. Es kann ernstlicher werden.

Vansen. Ihr spürt von dem Gewitter, das aufsteigt, eine erbärmliche
Mattigkeit in den Gliedern, scheint's.

Zimmermeister. Deine Glieder werden sich bald wo anders eine Motion
machen, wenn du nicht ruhst.

Vansen. Armselige Mäuse, die gleich verzweifeln, wenn der Hausherr eine
neue Katze anschafft! Nur ein bißchen anders; aber wir treiben unser
Wesen vor wie nach, seid nur ruhig.

Zimmermeister. Du bist ein verwegener Taugenichts.

Vansen. Gevatter Tropf! Laß du den Herzog nur gewähren. Der alte Kater
sieht aus, als wenn er Teufel statt Mäuse gefressen hätte und könnte sie
nun nicht verdauen. Laßt ihn nur erst; er muß auch essen, trinken,
schlafen wie andere Menschen. Es ist mir nicht bange, wenn wir unsere
Zeit recht nehmen. Im Anfange geht's rasch; nachher wird er auch finden,
daß in der Speisekammer unter den Speckseiten besser leben ist und des
Nachts zu ruhen, als auf dem Fruchtboden einzelne Mäuschen zu erlisten.
Geht nur, ich kenne die Statthalter.

Zimmermeister. Was so einem Menschen alles durchgeht! Wenn ich in
meinem Leben so etwas gesagt hätte, hielt' ich mich keine Minute für
sicher.

Vansen. Seid nur ruhig. Gott im Himmel erfährt nichts von euch Würmern,
geschweige der Regent.

Jetter. Lästermaul!

Vansen. Ich weiß andere, denen es besser wäre, sie hätten statt ihres
Heldenmuts eine Schneiderader im Leibe.

Zimmermeister. Was wollt Ihr damit sagen?

Vansen. Hm! den Grafen mein' ich.

Jetter. Egmont! Was soll der fürchten?

Vansen. Ich bin ein armer Teufel und könnte ein ganzes Jahr leben von
dem, was er in einem Abende verliert. Und doch könnt' er mir sein
Einkommen eines ganzen Jahres geben, wenn er meinen Kopf auf eine
Viertelstunde hätte.

Jetter. Du denkst dich was Rechts. Egmonts Haare sind gescheiter als
dein Hirn.

Vansen. Red't Ihr! Aber nicht feiner. Die Herren betrügen sich am
ersten. Er sollte nicht trauen.

Jetter. Was er schwätzt! So ein Herr!

Vansen. Eben weil er kein Schneider ist!

Jetter. Ungewaschen Maul!

Vansen. Dem wollt' ich Eure Courage nur eine Stunde in die Glieder
wünschen, daß sie ihm da Unruh' machte und ihn so lange neckte und juckte,
bis er aus der Stadt müßte.

Jetter. Ihr redet recht unverständig; er ist so sicher wie der Stern am
Himmel.

Vansen. Hast du nie einen sich schneuzen gesehn? Weg war er!

Zimmermeister. Wer will ihm denn was thun?

Vansen. Wer will? Willst du's etwa hindern? Willst du einen Aufruhr
erregen, wenn sie ihn gefangen nehmen?

Jetter. Ah!

Vansen. Wollt ihr Eure Rippen für ihn wagen?

Soest. Eh!

Vansen (sie nachäffend). Ih! Oh! Uh! Verwundert euch durchs ganze
Alphabet. So ist's und bleibt's! Gott bewahre ihn!

Jetter. Ich erschrecke über Eure Unverschämtheit. So ein edler,
rechtschaffener Mann sollte was zu befürchten haben?

Vansen. Der Schelm sitzt überall im Vorteil. Auf dem
Armensünderstühlchen hat er den Richter zum Narren; auf dem Richterstuhl
macht er den Inquisiten mit Lust zum Verbrecher. Ich habe so ein
Protokoll abzuschreiben gehabt, wo der Kommissarius schwer Lob und Geld
von Hofe erhielt, weil er einen ehrlichen Teufel, an den man wollte, zum
Schelmen verhört hatte.

Zimmermeister. Das ist wieder frisch gelogen. Was wollen sie denn
heraus verhören, wenn einer unschuldig ist?

Vansen. O Spatzenkopf! Wo nichts heraus zu verhören ist, da verhört man
hinein. Ehrlichkeit macht unbesonnen, auch wohl trotzig. Da fragt man
erst recht sachte weg, und der Gefangene ist stolz auf seine Unschuld,
wie sie's heißen, und sagt alles geradezu, was ein Verständiger verbärge.
Dann macht der Inquisitor aus den Antworten wieder Fragen, und paßt ja
auf, wo irgend ein Widersprüchelchen erscheinen will; da knüpft er seinen
Strick an, und läßt sich der dumme Teufel betreten, daß er hier etwas zu
viel, dort etwas zu wenig gesagt, oder wohl gar aus Gott weiß was für
einer Grille einen Umstand verschwiegen hat, auch wohl irgend an einem
Ende sich hat schrecken lassen: dann sind wir auf dem rechten Weg! Und
ich versichre euch, mit mehr Sorgfalt suchen die Bettelweiber nicht die
Lumpen aus dem Kehricht, als so ein Schelmenfabrikant aus kleinen,
schiefen, verschobenen, verrückten, verdrückten, geschlossenen, bekannten,
geleugneten Anzeichen und Umständen sich endlich einen strohlumpenen
Vogelscheu zusammenkünstelt, um wenigstens seinen Inquisiten in effigie
hängen zu können. Und Gott mag der arme Teufel danken, wenn er sich noch
kann hängen sehen.

Jetter. Der hat eine geläufige Zunge.

Zimmermeister. Mit Fliegen mag das angehen. Die Wespen lachen Eures
Gespinstes.

Vansen. Nachdem die Spinnen sind. Seht, der lange Herzog hat euch so
ein rein Ansehn von einer Kreuzspinne; nicht einer dickbäuchigen, die
sind weniger schlimm, aber so einer langfüßigen, schmalleibigen, die vom
Fraße nicht feist wird und recht dünne Fäden zieht, aber desto zähere.

Jetter. Egmont ist Ritter des Goldnen Vließes; wer darf Hand an ihn
legen? Nur von seinesgleichen kann er gerichtet werden, nur vom gesamten
Orden. Dein loses Maul, dein böses Gewissen verführen dich zu solchem
Geschwätz.

Vansen. Will ich ihm darum übel? Mir kann's recht sein. Es ist ein
trefflicher Herr. Ein paar meiner guten Freunde, die anderwärts schon
wären gehangen worden, hat er mit einem Buckel voll Schläge verabschiedet.
Nun geht! Geht! Ich rat' es euch selbst. Dort seh' ich wieder eine
Runde antreten; die sehen nicht aus, als wenn sie so bald Brüderschaft
mit uns trinken würden. Wir wollen's abwarten, und nur sachte zusehen.
Ich hab' ein paar Nichten und einen Gevatter Schenkwirt; wenn sie von
denen gekostet haben, und werden dann nicht zahm, so sind sie ausgepichte
Wölfe.

Der Culenburgische Palast. Wohnung des Herzogs von Alba.

Silva und Gomez begegnen einander.

Silva. Hast du die Befehle des Herzogs ausgerichtet?

Gomez. Pünktlich. Alle tägliche Runden sind beordert, zur bestimmten
Zeit an verschiedenen Plätzen einzutreffen, die ich ihnen bezeichnet habe;
sie gehen indes, wie gewöhnlich, durch die Stadt, um Ordnung zu erhalten.
Keiner weiß von dem andern; jeder glaubt, der Befehl gehe ihn allein an,
und in einem Augenblick kann alsdann der Cordon gezogen und alle Zugänge
zum Palast können besetzt sein. Weißt du die Ursache dieses Befehls?

Silva. Ich bin gewohnt, blindlings zu gehorchen. Und wem gehorcht
sich's leichter als dem Herzoge, da bald der Ausgang beweist, daß er
recht befohlen hat?

Gomez. Gut! Gut! Auch scheint es mir kein Wunder, daß du so
verschlossen und einsilbig wirst wie er, da du immer um ihn sein mußt.
Mir kommt es fremd vor, da ich den leichteren italienischen Dienst
gewohnt bin. An Treue und Gehorsam bin ich der Alte; aber ich habe mir
das Schwätzen und Räsonnieren angewöhnt. Ihr schweigt alle und laßt es
euch nie wohl sein. Der Herzog gleicht mir einem ehrnen Turm ohne Pforte,
wozu die Besatzung Flügel hätte. Neulich hört' ich ihn bei Tafel von
einem frohen freundlichen Menschen sagen: er sei wie eine schlechte
Schenke mit einem ausgesteckten Branntweinzeichen, um Müßiggänger,
Bettler und Diebe herein zu locken.

Silva. Und hat er uns nicht schweigend hierher geführt?

Gomez. Dagegen ist nichts zu sagen. Gewiß! Wer Zeuge seiner Klugheit
war, wie er die Armee aus Italien hierher brachte, der hat etwas gesehen.
Wie er sich durch Freund und Feind, durch die Franzosen, Königlichen und
Ketzer, durch die Schweizer und Verbundnen gleichsam durchschmiegte, die
strengste Mannszucht hielt, und einen Zug, den man so gefährlich achtete,
leicht und ohne Anstoß zu leiten wußte!--Wir haben was gesehen, was
lernen können.

Silva. Auch hier! Ist nicht alles still und ruhig, als wenn kein
Aufstand gewesen wäre?

Gomez. Nun, es war auch schon meist still, als wir herkamen.

Silva. In den Provinzen ist es viel ruhiger geworden; und wenn sich noch
einer bewegt, so ist es, um zu entfliehen. Aber auch diesem wird er die
Wege bald versperren, denk' ich.

Gomez. Nun wird er erst die Gunst des Königs gewinnen.

Silva. Und uns bleibt nichts angelegener, als uns die seinige zu
erhalten. Wenn der König hierher kommt, bleibt gewiß der Herzog und jeder,
den er empfiehlt, nicht unbelohnt.

Gomez. Glaubst du, daß der König kommt?

Silva. Es werden so viele Anstalten gemacht, daß es höchst
wahrscheinlich ist.

Gomez. Mich überreden sie nicht.

Silva. So rede wenigstens nicht davon. Denn wenn des Königs Absicht ja
nicht sein sollte, zu kommen, so ist sie's doch wenigstens gewiß, daß man
es glauben soll.

(Ferdinand, Albas natürlicher Sohn.)

Ferdinand. Ist mein Vater noch nicht heraus?

Silva. Wir warten auf ihn.

Ferdinand. Die Fürsten werden bald hier sein.

Gomez. Kommen sie heute?

Ferdinand. Oranien und Egmont.

Gomez (leise zu Silva). Ich begreife etwas.

Silva. So behalt' es für dich.

(Herzog von Alba.)

(Wie er herein- und hervortritt, treten die andern zurück.)

Alba. Gomez!

Gomez (tritt vor). Herr!

Alba. Du hast die Wachen verteilt und beordert?

Gomez. Aufs genaueste. Die täglichen Runden--

Alba. Genug. Du wartest in der Galerie. Silva wird dir den Augenblick
sagen, wenn du sie zusammenziehen, die Zugänge nach dem Palaste besetzen
sollst. Das übrige weißt du.

Gomez. Ja, Herr! (Ab.)

Alba. Silva!

Silva. Hier bin ich.

Alba. Alles, was ich von jeher an dir geschätzt habe, Mut,
Entschlossenheit, unaufhaltsames Ausführen, das zeige heut'.

Silva. Ich danke Euch, daß Ihr mir Gelegenheit gebt, zu zeigen, daß ich
der Alte bin.

Alba. Sobald die Fürsten bei mir eingetreten sind, dann eile gleich,
Egmonts Geheimschreiber gefangen zu nehmen. Du hast alle Anstalten
gemacht, die übrigen, welche bezeichnet sind, zu fahen?

Silva. Vertraue auf uns. Ihr Schicksal wird sie, wie eine
wohlberechnete Sonnenfinsternis, pünktlich und schrecklich treffen.

Alba. Hast du sie genau beobachten lassen?

Silva. Alle; den Egmont vor andern. Er ist der einzige, der, seit du
hier bist, sein Betragen nicht geändert hat. Den ganzen Tag von einem
Pferd aufs andere, ladet Gäste, ist immer lustig und unterhaltend bei
Tafel, würfelt, schießt und schleicht nachts zum Liebchen. Die andern
haben dagegen eine merkliche Pause in ihrer Lebensart gemacht; sie
bleiben bei sich; vor ihrer Thüre sieht's aus, als wenn ein Kranker im
Hause wäre.

Alba. Drum rasch! eh' sie uns wider Willen genesen.

Silva. Ich stelle sie. Auf deinen Befehl überhäufen wir sie mit
dienstfertigen Ehren. Ihnen graut's; politisch geben sie uns einen
ängstlichen Dank, fühlen, das Rätlichste sei, zu entfliehen. Keiner wagt
einen Schritt, sie zaudern, können sich nicht vereinigen; und einzeln
etwas Kühnes zu thun, hält sie der Gemeingeist ab. Sie möchten gern sich
jedem Verdacht entziehen, und machen sich immer verdächtiger. Schon seh'
ich mit Freuden deinen ganzen Anschlag ausgeführt.

Alba. Ich freue mich nur über das Geschehene, und auch über das nicht
leicht; denn es bleibt stets noch übrig, was uns zu denken und zu sorgen
gibt. Das Glück ist eigensinnig, oft das Gemeine, das Nichtswürdige zu
adeln und wohlüberlegte Taten mit einem gemeinen Ausgang zu entehren.
Verweile, bis die Fürsten kommen; dann gieb Gomez die Ordre, die Straßen
zu besetzen, und eile selbst, Egmonts Schreiber und die übrigen gefangen
zu nehmen, die dir bezeichnet sind. Ist es gethan, so komm hierher und
meld' es meinem Sohne, daß er mir in den Rat die Nachricht bringe.

Silva. Ich hoffe diesen Abend vor dir stehn zu dürfen.

Alba (geht nach seinem Sohne, der bisher in der Galerie gestanden).

Silva. Ich traue mir es nicht zu sagen; aber meine Hoffnung schwankt.
Ich fürchte, es wird nicht werden, wie er denkt. Ich sehe Geister vor
mir, die still und sinnend auf schwarzen Schalen das Geschick der Fürsten
und vieler Tausende wägen. Langsam wankt das Zünglein auf und ab; tief
scheinen die Richter zu sinnen; zuletzt sinkt diese Schale, steigt jene,
angehaucht vom Eigensinn des Schicksals, und entschieden ist's. (Ab.)

Alba (mit Ferdinand hervortretend). Wie fandst du die Stadt?

Ferdinand. Es hat sich alles gegeben. Ich ritt, als wie zum
Zeitvertreib, Straß' auf, Straß' ab. Eure wohlverteilten Wachen halten
die Furcht so angespannt, daß sie sich nicht zu lispeln untersteht. Die
Stadt sieht einem Felde ähnlich, wenn das Gewitter von weitem leuchtet:
man erblickt keinen Vogel, kein Tier, als das eilend nach einem Schutzorte
schlüpft.

Alba. Ist dir nichts weiter begegnet?

Ferdinand. Egmont kam mit einigen auf den Markt geritten; wir grüßten
uns; er hatte ein rohes Pferd, das ich ihm loben mußte. "Laßt uns eilen,
Pferde zuzureiten; wir werden sie bald brauchen!" rief er mir entgegen.
Er werde mich noch heute wiedersehn, sagte er, und komme auf Euer
Verlangen, mit Euch zu ratschlagen.

Alba. Er wird dich wiedersehn.

Ferdinand. Unter allen Rittern, die ich hier kenne, gefällt er mir am
besten. Es scheint, wir werden Freunde sein.

Alba. Du bist noch immer zu schnell und wenig behutsam; immer erkenn'
ich in dir den Leichtsinn deiner Mutter, der mir sie unbedingt in die
Arme lieferte. Zu mancher gefährlichen Verbindung lud dich der Anschein
voreilig ein.

Ferdinand. Euer Wille findet mich bildsam.

Alba. Ich vergebe deinem jungen Blute dies leichtsinnige Wohlwollen,
diese unachtsame Fröhlichkeit. Nur vergiß nicht, zu welchem Werke ich
gesandt bin, und welchen Teil ich dir dran geben möchte.

Ferdinand. Erinnert mich, und schont mich nicht, wo Ihr es nötig haltet.

Alba (nach einer Pause). Mein Sohn!

Ferdinand. Mein Vater!

Alba. Die Fürsten kommen bald, Oranien und Egmont kommen. Es ist nicht
Mißtrauen, daß ich dir erst jetzt entdecke, was geschehen soll. Sie
werden nicht wieder von hinnen gehn.

Ferdinand. Was sinnst du?

Alba. Es ist beschlossen, sie festzuhalten.--Du erstaunst! Was du zu
thun hast, höre; die Ursachen sollst du wissen, wenn es geschehn ist.
Jetzt bleibt keine Zeit, sie auszulegen. Mit dir allein wünscht' ich das
Größte, das Geheimste zu besprechen; ein starkes Band hält uns
zusammengefesselt; du bist mir wert und lieb; auf dich möcht' ich alles
häufen. Nicht die Gewohnheit zu gehorchen allein möcht' ich dir
einprägen; auch den Sinn, auszudenken, zu befehlen, auszuführen wünscht'
ich in dir fortzupflanzen; dir ein großes Erbteil, dem Könige den
brauchbarsten Diener zu hinterlassen; dich mit dem Besten, was ich habe,
auszustatten, daß du dich nicht schämen dürfest, unter deine Brüder zu
treten.

Ferdinand. Was werd' ich dir nicht für diese Liebe schuldig, die du mir
allein zuwendest, indem ein ganzes Reich vor dir zittert.

Alba. Nun höre, was zu thun ist. Sobald die Fürsten eingetreten sind,
wird jeder Zugang zum Palaste besetzt. Dazu hat Gomez die Ordre. Silva
wird eilen, Egmonts Schreiber mit den Verdächtigsten gefangen zu nehmen.
Du hältst die Wache am Thore und in den Höfen in Ordnung. Vor allen
Dingen besetze diese Zimmer hierneben mit den sichersten Leuten; dann
warte auf der Galerie, bis Silva wiederkommt, und bringe mir irgend ein
unbedeutend Blatt herein, zum Zeichen, daß sein Auftrag ausgerichtet ist.
Dann bleib' im Vorsaale, bis Oranien weggeht; folg' ihm; ich halte
Egmont hier, als ob ich ihm noch was zu sagen hätte. Am Ende der Galerie
fordre Oraniens Degen, rufe die Wache an, verwahre schnell den
gefährlichsten Mann; und ich fasse Egmont hier.

Ferdinand. Ich gehorche, mein Vater. Zum erstenmal mit schwerem Herzen
und mit Sorge.

Alba. Ich verzeihe dir's; es ist der erste große Tag, den du erlebst.

(Silva tritt herein.)

Silva. Ein Bote von Antwerpen. Hier ist Oraniens Brief! Er kommt nicht.

Alba. Sagt' es der Bote?

Silva. Nein, mir sagt's das Herz.

Alba. Aus dir spricht mein böser Genius. (Nachdem er den Brief gelesen,
winkt er beiden, und sie ziehen sich in die Galerie zurück. Er bleibt
allein auf dem Vorderteile.) Er kommt nicht! Bis auf den letzten
Augenblick verschiebt er, sich zu erklären. Er wagt es, nicht zu kommen!
So war denn diesmal wider Vermuten der Kluge klug genug, nicht klug zu
sein!--Es rückt die Uhr! Noch einen kleinen Weg des Seigers, und ein
großes Werk ist gethan oder versäumt, unwiederbringlich versäumt; denn es
ist weder nachzuholen, noch zu verheimlichen. Längst hatt' ich alles
reiflich abgewogen und mir auch diesen Fall gedacht, mir festgesetzt, was
auch in diesem Falle zu thun sei; und jetzt, da es zu thun ist, wehr' ich
mir kaum, daß nicht das Für und Wider mir aufs neue durch die Seele
schwankt.--Ist's rätlich, die andern zu fangen, wenn er mir
entgeht?--Schieb' ich es auf, und lass' Egmont mit den Seinigen, mit so
vielen entschlüpfen, die nun, vielleicht nur heute noch, in meinen Händen
sind? So zwingt dich das Geschick denn auch, du Unbezwinglicher? Wie
lang gedacht! Wie wohl bereitet! Wie groß, wie schön der Plan! Wie nah
die Hoffnung ihrem Ziele! Und nun im Augenblick des Entscheidens bist du
zwischen zwei Übel gestellt; wie in einen Lostopf greifst du in die
dunkle Zukunft; was du fassest, ist noch zugerollt, dir unbewußt, sei's
Treffer oder Fehler! (Er wird aufmerksam, wie einer, der etwas hört, und
tritt ans Fenster.) Er ist es! Egmont!--Trug dich dein Pferd so leicht
herein, und scheute vor dem Blutgeruche nicht und vor dem Geiste mit dem
blanken Schwert, der an der Pforte dich empfängt?--Steig ab!--So bist du
mit dem einen Fuß im Grab! und so mit beiden!--Ja, streichl' es nur,
und klopfe für seinen mutigen Dienst zum letztenmale den Nacken ihm.--Und
mir bleibt keine Wahl. In der Verblendung, wie hier Egmont naht, kann er
dir nicht zum zweitenmal sich liefern!--Hört!

Ferdinand und Silva (treten eilig herbei).

Alba. Ihr thut, was ich befahl; ich ändre meinen Willen nicht. Ich
halte, wie es gehn will, Egmont auf, bis du mir von Silva die Nachricht
gebracht hast. Dann bleib' in der Nähe. Auch dir raubt das Geschick das
große Verdienst, des Königs größten Feind mit eigener Hand gefangen zu
haben. (Zu Silva.) Eile! (Zu Ferdinand.) Geh ihm entgegen! (Alba
bleibt einige Augenblicke allein und geht schweigend auf und ab.)

(Egmont tritt auf.)

Egmont. Ich komme, die Befehle des Königs zu vernehmen, zu hören,
welchen Dienst er von unserer Treue verlangt, die ihm ewig ergeben bleibt.

Alba. Er wünscht vor allen Dingen Euern Rat zu hören.

Egmont. Über welchen Gegenstand? Kommt Oranien auch? Ich vermutete ihn
hier.

Alba. Mir thut es leid, daß er uns eben in dieser wichtigen Stunde fehlt.
Euern Rat, Eure Meinung wünscht der König, wie diese Staaten wieder zu
befriedigen. Ja, er hofft, Ihr werdet kräftig mitwirken, diese Unruhen
zu stillen und die Ordnung der Provinzen völlig und dauerhaft zu gründen.

Egmont. Ihr könnt besser wissen als ich, daß schon alles genug beruhigt
ist, ja noch mehr beruhigt war, eh' die Erscheinung der neuen Soldaten
wieder mit Furcht und Sorge die Gemüter bewegte.

Alba. Ihr scheint andeuten zu wollen, das Rätlichste sei gewesen, wenn
der König mich gar nicht in den Fall gesetzt hätte, Euch zu fragen.

Egmont. Verzeiht! Ob der König das Heer hätte schicken sollen, ob nicht
vielmehr die Macht seiner majestätischen Gegenwart allein stärker gewirkt
hätte, ist meine Sache nicht zu beurteilen. Das Heer ist da, er nicht.
Wir aber müßten sehr undankbar, sehr vergessen sein, wenn wir uns nicht
erinnerten, was wir der Regentin schuldig sind. Bekennen wir! Sie
brachte durch ihr so kluges als tapferes Betragen die Aufrührer mit
Gewalt und Ansehn, mit Überredung und List zur Ruhe und führte zum
Erstaunen der Welt ein rebellisches Volk in wenigen Monaten zu seiner
Pflicht zurück.

Alba. Ich leugne es nicht. Der Tumult ist gestillt, und jeder scheint
in die Grenzen des Gehorsams zurückgebannt. Aber hängt es nicht von
eines jeden Willkür ab, sie zu verlassen? Wer will das Volk hindern,
loszubrechen? Wo ist die Macht, sie abzuhalten? Wer bürgt uns, daß sie
sich ferner treu und unterthänig zeigen werden? Ihr guter Wille ist
alles Pfand, das wir haben.

Egmont. Und ist der gute Wille eines Volks nicht das sicherste, das
edelste Pfand? Bei Gott! Wann darf sich ein König sicherer halten, als
wenn sie alle für einen, einer für alle stehn? Sicherer gegen innere und
äußere Feinde?

Alba. Wir werden uns doch nicht überreden sollen, daß es jetzt hier so
steht?

Egmont. Der König schreibe einen General-Pardon aus, er beruhige die
Gemüter; und bald wird man sehen, wie Treue und Liebe mit dem Zutrauen
wieder zurückkehrt.

Alba. Und jeder, der die Majestät des Königs, der das Heiligtum der
Religion geschändet, ginge frei und ledig hin und wieder! Lebte den
andern zum bereiten Beispiel, daß ungeheure Verbrechen straflos sind?

Egmont. Und ist ein Verbrechen des Unsinns, der Trunkenheit nicht eher
zu entschuldigen, als grausam zu bestrafen? Besonders, wo so sichre
Hoffnung, wo Gewißheit ist, daß die Übel nicht wiederkehren werden?
Waren Könige darum nicht sicherer? Werden sie nicht von Welt und
Nachwelt gepriesen, die eine Beleidigung ihrer Würde vergeben, bedauern,
verachten konnten? Werden sie nicht eben deswegen Gott gleich gehalten,
der viel zu groß ist, als daß an ihn jede Lästerung reichen sollte?

Alba. Und eben darum soll der König für die Würde Gottes und der
Religion, wir sollen für das Ansehn des Königs streiten. Was der Obere
abzulehnen verschmäht, ist unsere Pflicht zu rächen. Ungestraft soll,
wenn ich rate, kein Schuldiger sich freuen,

Egmont. Glaubst du, daß du sie alle erreichen wirst? Hört man nicht
täglich, daß die Furcht sie hie und dahin, sie aus dem Lande treibt? Die
Reichsten werden ihre Güter, sich, ihre Kinder und Freunde flüchten; der
Arme wird seine nützlichen Hände dem Nachbar zubringen.

Alba. Sie werden, wenn man sie nicht verhindern kann. Darum verlangt
der König Rat und That von jedem Fürsten, Ernst von jedem Statthalter;
nicht nur Erzählung, wie es ist, was werden könnte, wenn man alles gehen
ließe, wie's geht. Einem großen Übel zusehen, sich mit Hoffnung
schmeicheln, der Zeit vertrauen, etwa einmal drein schlagen, wie im
Fastnachtsspiel, daß es klatscht und man doch etwas zu thun scheint, wenn
man nichts thun möchte: heißt das nicht, sich verdächtig machen, als sehe
man dem Aufruhr mit Vergnügen zu, den man nicht erregen, wohl aber hegen
möchte?

Egmont (im Begriff aufzufahren, nimmt sich zusammen, und spricht nach
einer kleinen Pause gesetzt). Nicht jede Absicht ist offenbar, und
manches Mannes Absicht ist zu mißdeuten. Muß man doch auch von allen
Seiten hören: es sei des Königs Absicht weniger, die Provinzen nach
einförmigen und klaren Gesetzen zu regieren, die Majestät der Religion zu
sichern und einen allgemeinen Frieden seinem Volke zu geben, als vielmehr
sie unbedingt zu unterjochen, sie ihrer alten Rechte zu berauben, sich
Meister von ihren Besitztümern zu machen, die schönen Rechte des Adels
einzuschränken, um derentwillen der Edle allein ihm dienen, ihm Leib und
Leben widmen mag. Die Religion, sagt man, sei nur ein prächtiger Teppich,
hinter dem man jeden gefährlichen Anschlag nur desto leichter ausdenkt.
Das Volk liegt auf den Knieen, betet die heiligen gewirkten Zeichen an,
und hinten lauscht der Vogelsteller, der sie berücken will.

Alba. Das muß ich von dir hören?

Egmont. Nicht meine Gesinnungen! Nur was bald hier, bald da, von Großen
und von Kleinen, Klugen und Thoren gesprochen, laut verbreitet wird. Die
Niederländer fürchten ein doppeltes Joch, und wer bürgt ihnen für ihre
Freiheit?

Alba. Freiheit? Ein schönes Wort, wer's recht verstände. Was wollen
sie für Freiheit? Was ist des Freiesten Freiheit?--Recht zu thun!--und
daran wird sie der König nicht hindern. Nein! nein! sie glauben sich
nicht frei, wenn sie sich nicht selbst und andern schaden können. Wäre
es nicht besser, abzudanken, als ein solches Volk zu regieren? Wenn
auswärtige Feinde drängen, an die kein Bürger denkt, der mit dem Nächsten
nur beschäftigt ist, und der König verlangt Beistand, dann werden sie
uneins unter sich, und verschwören sich gleichsam mit ihren Feinden. Weit
besser ist's, sie einzuengen, daß man sie wie Kinder halten, wie Kinder
zu ihrem Besten leiten kann. Glaube nur, ein Volk wird nicht alt, nicht
klug; ein Volk bleibt immer kindisch.

Egmont. Wie selten kommt ein König zu Verstand! Und sollen sich viele
nicht lieber vielen vertrauen als einem? und nicht einmal dem einen,
sondern den wenigen des einen, dem Volke, das an den Blicken seines Herrn
altert. Das hat wohl allein das Recht, klug zu werden.

Alba. Vielleicht eben darum, weil es sich nicht selbst überlassen ist.

Egmont. Und darum niemand gern sich selbst überlassen möchte. Man thue,
was man will; ich habe auf deine Frage geantwortet und wiederhole: Es
geht nicht! Es kann nicht gehen! Ich kenne meine Landsleute. Es sind
Männer, wert, Gottes Boden zu betreten; ein jeder rund für sich, ein
kleiner König, fest, rührig, fähig, treu, an alten Sitten hangend.
Schwer ist's, ihr Zutrauen zu verdienen; leicht, zu erhalten. Starr und
fest! Zu drücken sind sie; nicht zu unterdrücken.

Alba (der sich indes einigemal umgesehen hat). Solltest du das alles in
des Königs Gegenwart wiederholen?

Egmont. Desto schlimmer, wenn mich seine Gegenwart abschreckte! Desto
besser für ihn, für sein Volk, wenn er mir Mut machte, wenn er mir
Zutrauen einflößte, noch weit mehr zu sagen.

Alba. Was nützlich ist, kann ich hören, wie er.

Egmont. Ich würde ihm sagen: Leicht kann der Hirt eine ganze Herde
Schafe vor sich hintreiben, der Stier zieht seinen Pflug ohne Widerstand;
aber dem edeln Pferde, das du reiten willst, mußt du seine Gedanken
ablernen, du mußt nichts Unkluges, nichts unklug von ihm verlangen.
Darum wünscht der Bürger, seine alte Verfassung zu behalten, von seinen
Landsleuten regiert zu sein, weil er weiß, wie er geführt wird, weil er
von ihnen Uneigennutz, Teilnehmung an seinem Schicksal hoffen kann.

Alba. Und sollte der Regent nicht Macht haben, dieses alte Herkommen zu
verändern? Und sollte nicht eben dies sein schönstes Vorrecht sein? Was
ist bleibend auf dieser Welt? Und sollte eine Staatseinrichtung bleiben
können? Muß nicht in einer Zeitfolge jedes Verhältnis sich verändern,
und eben darum eine alte Verfassung die Ursache von tausend Übeln werden,
weil sie den gegenwärtigen Zustand des Volkes nicht umfaßt? Ich fürchte,
diese alten Rechte sind darum so angenehm, weil sie Schlupfwinkel bilden,
in welchen der Kluge, der Mächtige, zum Schaden des Volks, zum Schaden
des Ganzen, sich verbergen oder durchschleichen kann.

Egmont. Und diese willkürlichen Veränderungen, diese unbeschränkten
Eingriffe der höchsten Gewalt, sind sie nicht Vorboten, daß einer thun
will, was Tausende nicht thun sollen? Er will sich allein frei machen,
um jeden seiner Wünsche befriedigen, jeden seiner Gedanken ausführen zu
können. Und wenn wir uns ihm, einem guten, weisen Könige, ganz
vertrauten, sagt er uns für seine Nachkommen gut? daß keiner ohne
Rücksicht, ohne Schonung regieren werde? Wer rettet uns alsdann von
völliger Willkür, wenn er uns seine Diener, seine Nächsten sendet, die
ohne Kenntnis des Landes und seiner Bedürfnisse nach Belieben schalten
und walten, keinen Widerstand finden, und sich von jeder Verantwortung
frei wissen?

Alba (der sich indes wieder umgesehen hat). Es ist nichts natürlicher,
als daß ein König durch sich zu herrschen gedenkt, und denen seine
Befehle am liebsten aufträgt, die ihn am besten verstehen, verstehen
wollen, die seinen Willen unbedingt ausrichten.

Egmont. Und eben so natürlich ist's, daß der Bürger von dem regiert sein
will, der mit ihm geboren und erzogen ist, der gleichen Begriff mit ihm
von Recht und Unrecht gefaßt hat, den er als seinen Bruder ansehen kann.

Alba. Und doch hat der Adel mit diesen seinen Brüdern sehr ungleich
geteilt.

Egmont. Das ist vor Jahrhunderten geschehen, und wird jetzt ohne Neid
geduldet. Würden aber neue Menschen ohne Not gesendet, die sich zum
zweitenmale auf Unkosten der Nation bereichern wollten, sähe man sich
einer strengen, kühnen, unbedingten Habsucht ausgesetzt, das würde eine
Gärung machen, die sich nicht leicht in sich selbst auflöste.

Alba. Du sagst mir, was ich nicht hören sollte; auch ich bin fremd.

Egmont. Daß ich dir's sage, zeigt dir, daß ich dich nicht meine.

Alba. Und auch so wünscht' ich es nicht von dir zu hören. Der König
sandte mich mit Hoffnung, daß ich hier den Beistand des Adels finden
würde. Der König will seinen Willen. Der König hat nach tiefer
Überlegung gesehen, was dem Volke frommt; es kann nicht bleiben und gehen
wie bisher. Des Königs Absicht ist, sie selbst zu ihrem eignen Besten
einzuschränken, ihr eigenes Heil, wenn's sein muß, ihnen aufzudringen,
die schädlichen Bürger aufzuopfern, damit die übrigen Ruhe finden, des
Glücks einer weisen Regierung genießen können. Dies ist sein Entschluß;
diesen dem Adel kund zu machen, habe ich Befehl; und Rat verlang' ich in
seinem Namen, wie es zu thun sei, nicht was; denn das hat er beschlossen.

Egmont. Leider rechtfertigen deine Worte die Furcht des Volks, die
allgemeine Furcht! So hat er denn beschlossen, was kein Fürst
beschließen sollte. Die Kraft seines Volks, ihr Gemüt, den Begriff, den
sie von sich selbst haben, will er schwächen, niederdrücken, zerstören,
um sie bequem regieren zu können. Er will den innern Kern ihrer
Eigenheit verderben; gewiß in der Absicht, sie glücklicher zu machen. Er
will sie vernichten, damit sie etwas werden, ein ander Etwas. O, wenn
seine Absicht gut ist, so wird sie mißgeleitet! Nicht dem Könige
widersetzt man sich; man stellt sich nur dem Könige entgegen, der, einen
falschen Weg zu wandeln, die ersten unglücklichen Schritte macht.

Alba. Wie du gesinnt bist, scheint es ein vergeblicher Versuch, uns
vereinigen zu wollen. Du denkst gering vom Könige und verächtlich von
seinen Räten, wenn du zweifelst, das alles sei nicht schon gedacht,
geprüft, gewogen worden. Ich habe keinen Auftrag, jedes Für und Wider
noch einmal durchzugehen. Gehorsam fordre ich von dem Volke--und von
euch, ihr Ersten, Edelsten, Rat und That, als Bürgen dieser unbedingten
Pflicht.

Egmont. Fordre unsre Häupter, so ist es auf einmal gethan. Ob sich der
Nacken diesem Joche biegen, ob er sich vor dem Beile ducken soll, kann
einer edeln Seele gleich sein. Umsonst hab' ich so viel gesprochen; die
Luft hab' ich erschüttert, weiter nichts gewonnen.

(Ferdinand kommt.)

Ferdinand. Verzeiht, daß ich euer Gespräch unterbreche. Hier ist ein
Brief, dessen Überbringer die Antwort dringend macht.

Alba. Erlaubt mir, daß ich sehe, was er enthält. (Tritt an die Seite.)

Ferdinand (zu Egmont). Es ist ein schönes Pferd, das Eure Leute gebracht
haben, Euch abzuholen.

Egmont. Es ist nicht das schlimmste. Ich hab' es schon eine Weile; ich
denk' es wegzugeben. Wenn es Euch gefällt, so werden wir vielleicht des
Handels einig.

Ferdinand. Gut, wir wollen sehn.

Alba (winkt seinem Sohne, der sich in den Grund zurückzieht).

Egmont. Lebt wohl! entlaßt mich; denn ich wüßte, bei Gott! nicht mehr
zu sagen.

Alba. Glücklich hat dich der Zufall verhindert, deinen Sinn noch weiter
zu verraten. Unvorsichtig entwickelst du die Falten deines Herzens, und
klagst dich selbst weit strenger an, als ein Widersacher gehässig thun
könnte.

Egmont. Dieser Vorwurf rührt mich nicht; ich kenne mich selbst genug,
und weiß, wie ich dem König angehöre; weit mehr als viele, die in seinem
Dienst sich selber dienen. Ungern scheid' ich aus diesem Streite, ohne
ihn beigelegt zu sehen, und wünsche nur, daß uns der Dienst des Herrn,
das Wohl des Landes bald vereinigen möge. Es wirkt vielleicht ein
wiederholtes Gespräch, die Gegenwart der übrigen Fürsten, die heute
fehlen, in einem glücklichem Augenblick, was heut' unmöglich scheint.
Mit dieser Hoffnung entfern' ich mich.

Alba (der zugleich seinem Sohn Ferdinand ein Zeichen gibt). Halt, Egmont!
--Deinen Degen!--(Die Mitteltür öffnet sich: man sieht die Galerie mit
Wache besetzt die unbeweglich bleibt.)

Egmont (der staunend eine Weile geschwiegen). Dies war die Absicht? Dazu
hast du mich berufen? (Nach dem Degen greifend, als wenn er sich
verteidigen wollte). Bin ich denn wehrlos?

Alba. Der König befiehlt's, du bist mein Gefangener. (Zugleich treten
von beiden Seiten Gewaffnete herein.)

Egmont (nach einer Stille). Der König?--Oranien! Oranien! (Nach einer
Pause, seinen Degen hingebend). So nimm ihn! Er hat weit öfter des
Königs Sache verteidigt, als diese Brust beschützt. (Er geht durch die
Mitteltür ab; die Gewaffneten, die im Zimmer sind, folgen ihm; ingleichen
Albas Sohn. Alba bleibt stehen. Der Vorhang fällt.)

Fünfter Aufzug.

Straße. Dämmerung.

Klärchen. Brackenburg. Bürger.

Brackenburg. Liebchen, um Gottes willen, was nimmst du vor?

Klärchen. Komm mit, Brackenburg! Du mußt die Menschen nicht kennen; wir
befreien ihn gewiß. Denn was gleicht ihrer Liebe zu ihm? Jeder fühlt,
ich schwör' es, in sich die brennende Begier, ihn zu retten, die Gefahr
von einem kostbaren Leben abzuwenden, und dem Freiesten die Freiheit
wiederzugeben. Komm! Es fehlt nur an der Stimme, die sie zusammenruft.
In ihrer Seele lebt noch ganz frisch, was sie ihm schuldig sind; und daß
sein mächtiger Arm allein von ihnen das Verderben abhält, wissen sie. Um
seinet--und ihretwillen müssen sie alles wagen. Und was wagen wir? Zum
höchsten unser Leben, das zu erhalten nicht der Mühe wert ist, wenn er
umkommt.

Brackenburg. Unglückliche! du siehst nicht die Gewalt, die uns mit
ehernen Banden gefesselt hat.

Klärchen. Sie scheint mir nicht unüberwindlich. Laß uns nicht lang
vergebliche Worte wechseln. Hier kommen von den alten, redlichen,
wackern Männern! Hört, Freunde! Nachbarn, hört!--Sagt, wie ist es mit
Egmont?

Zimmermeister. Was will das Kind? Laß sie schweigen!

Klärchen. Tretet näher, daß wir sachte reden, bis wir einig sind und
stärker. Wir dürfen nicht einen Augenblick versäumen! Die freche
Tyrannei, die es wagt, ihn zu fesseln, zuckt schon den Dolch, ihn zu
ermorden. O Freunde! mit jedem Schritt der Dämmerung werd' ich
ängstlicher. Ich fürchte diese Nacht. Kommt! wir wollen uns teilen; mit
schnellem Lauf von Quartier zu Quartier rufen wir die Bürger heraus. Ein
jeder greife zu seinen alten Waffen. Auf dem Markte treffen wir uns
wieder, und unser Strom reißt einen jeden mit sich fort. Die Feinde
sehen sich umringt und überschwemmt, und sind erdrückt. Was kann uns
eine Handvoll Knechte widerstehen? Und er in unsrer Mitte kehrt zurück,
sieht sich befreit, und kann uns einmal danken, uns, die wir ihm so tief
verschuldet worden. Er sieht vielleicht--gewiß, er sieht das Morgenrot
am freien Himmel wieder.

Zimmermeister. Wie ist dir, Mädchen?

Klärchen. Könnt ihr mich mißverstehn? Vom Grafen sprech' ich! Ich
spreche von Egmont.

Jetter. Nennt den Namen nicht! Er ist tödlich.

Klärchen. Den Namen nicht! Wie? Nicht diesen Namen? Wer nennt ihn
nicht bei jeder Gelegenheit? Wo steht er nicht geschrieben? In diesen
Sternen hab' ich oft mit allen seinen Lettern ihn gelesen. Nicht nennen?
Was soll das? Freunde! Gute, teure Nachbarn, ihr träumt; besinnt euch.
Seht mich nicht so starr und ängstlich an! Blickt nicht schüchtern hie
und da beiseite. Ich ruf' euch ja nur zu, was jeder wünscht. Ist meine
Stimme nicht eures Herzens eigne Stimme? Wer würfe sich in dieser bangen
Nacht, eh' er sein unruhvolles Bette besteigt, nicht auf die Kniee, ihn
mit ernstlichem Gebet vom Himmel zu erringen? Fragt euch einander! frage
jeder sich selbst! und wer spricht mir nicht nach: "Egmonts Freiheit
oder den Tod!"

Jetter. Gott bewahr' uns! Da giebt's ein Unglück.

Klärchen. Bleibt! Bleibt und drückt euch nicht vor seinem Namen weg,
dem ihr euch sonst so froh entgegen drängtet!--Wenn der Ruf ihn
ankündigte, wenn es hieß: "Egmont kommt! Er kommt von Gent!" da hielten
die Bewohner der Straßen sich glücklich, durch die er reiten mußte. Und
wenn ihr seine Pferde schallen hörtet, warf jeder seine Arbeit hin, und
über die bekümmerten Gesichter, die ihr durchs Fenster stecktet, fuhr wie
ein Sonnenstrahl von seinem Angesichte ein Blick der Freude und Hoffnung.
Da hobt ihr eure Kinder auf der Thürschwelle in die Höhe und deutetet
ihnen: "Sieh, das ist Egmont, der größte da! Er ist's! Er ist's, von
dem ihr bessere Zeiten, als eure armen Väter lebten, einst zu erwarten
habt." Laßt eure Kinder nicht dereinst euch fragen: "Wo ist er hin? Wo
sind die Zeiten hin, die ihr verspracht?"--Und so wechseln wir Worte,
sind müßig, verraten ihn!

Soest. Schämt Euch, Brackenburg! Laßt sie nicht gewähren! Steuert dem
Unheil!

Brackenburg. Liebes Klärchen! wir wollen gehen! Was wird die Mutter
sagen? Vielleicht--

Klärchen. Meinst du, ich sei ein Kind, oder wahnsinnig? Was kann
vielleicht?--Von dieser schrecklichen Gewißheit bringst du mich mit
keiner Hoffnung weg.--Ihr sollt mich hören, und ihr werdet; denn ich
seh's, ihr seid bestürzt, und könnt euch selbst in euerm Busen nicht
wiederfinden. Laßt durch die gegenwärtige Gefahr nur einen Blick in das
Vergangene dringen, das kurz Vergangene. Wendet eure Gedanken nach der
Zukunft! Könnt ihr denn leben? Werdet ihr, wenn er zu Grunde geht?
Mit seinem Atem flieht der letzte Hauch der Freiheit. Was war er euch?
Für wen übergab er sich der dringendsten Gefahr? Seine Wunden flossen
und heilten nur für euch. Die große Seele, die euch alle trug,
beschränkt ein Kerker, und Schauer tückischen Mordes schweben um sie
her. Er denkt vielleicht an euch, er hofft auf euch, er, der nur zu
geben, nur zu erfüllen gewohnt war.

Zimmermeister. Gevatter, kommt.

Klärchen. Und ich habe nicht Arme, nicht Mark, wie ihr; doch hab' ich,
was euch allen eben fehlt, Mut und Verachtung der Gefahr. Könnt' euch
mein Atem doch entzünden! könnt' ich an meinen Busen drückend euch
erwärmen und beleben! Kommt! In eurer Mitte will ich gehen!--Wie eine
Fahne wehrlos ein edles Heer von Kriegern wehend anführt, so soll mein
Geist um eure Häupter flammen, und Liebe und Mut das schwankende,
zerstreute Volk zu einem fürchterlichen Heer vereinigen.

Jetter. Schaff' sie beiseite, sie dauert mich.

(Bürger ab.)

Brackenburg. Klärchen! siehst du nicht, wo wir sind?

Klärchen. Wo? Unter dem Himmel, der so oft sich herrlicher zu wölben
schien, wenn der Edle unter ihm herging. Aus diesen Fenstern haben sie
herausgesehn, vier, fünf Köpfe über einander; an diesen Thüren haben sie
gescharrt und genickt, wenn er auf die Memmen herabsah. O, ich hatte sie
so lieb, wie sie ihn ehrten! Wäre er Tyrann gewesen, möchten sie immer
vor seinem Falle seitwärts gehn. Aber sie liebten ihn!--O ihr Hände, die
ihr an die Mützen grifft, zum Schwert könnt ihr nicht
greifen--Brackenburg, und wir?--Schelten wir sie?--Diese Arme, die ihn so
oft fest hielten, was thun sie für ihn?--List hat in der Welt so viel
erreicht.--Du kennst Wege und Stege, kennst das alte Schloß. Es ist
nichts unmöglich, gieb mir einen Anschlag.

Brackenburg. Wenn wir nach Hause gingen.

Klärchen. Gut.

Brackenburg. Dort an der Ecke seh' ich Albas Wache; laß doch die Stimme
der Vernunft dir zu Herzen dringen. Hältst du mich für feig? Glaubst du
nicht, daß ich um deinetwillen sterben könnte? Hier sind wir beide toll,
ich so gut wie du. Siehst du nicht das Unmögliche? Wenn du dich faßtest!
Du bist außer dir.

Klärchen. Außer mir! Abscheulich! Brackenburg, ihr seid außer euch.
Da ihr laut den Helden verehrtet, ihn Freund und Schutz und Hoffnung
nanntet, ihm Vivat rieft, wenn er kam; da stand ich in meinem Winkel,
schob das Fenster halb auf, verbarg mich lauschend, und das Herz schlug
mir höher als euch allen. Jetzt schlägt mir's wieder höher als euch
allen! Ihr verbergt euch, da es not ist, verleugnet ihn und fühlt nicht,
daß ihr untergeht, wenn er verdirbt.

Brackenburg. Komm nach Hause.

Klärchen. Nach Hause?

Brackenburg. Besinne dich nur! Sieh dich um! Dies sind die Straßen,
die du nur sonntäglich betratst, durch die du sittsam nach der Kirche
gingst, wo du übertrieben ehrbar zürntest, wenn ich mit einem
freundlichen grüßenden Wort mich zu dir gesellte. Du stehst und redest,
handelst vor den Augen der offnen Welt; besinne dich, Liebe! Wozu hilft
es uns?

Klärchen. Nach Hause! Ja, ich besinne mich. Komm, Brackenburg, nach
Hause! Weißt du, wo meine Heimat ist? (Ab.)

Gefängnis

durch eine Lampe erhellt, ein Ruhebett im Grunde.

(Egmont allein.)

Alter Freund! immer getreuer Schlaf, fliehst du mich auch, wie die
übrigen Freunde? Wie willig senktest du dich auf mein freies Haupt
herunter, und kühltest, wie ein schöner Myrtenkranz der Liebe, meine
Schläfe! Mitten unter Waffen, auf der Woge des Lebens, ruht' ich leicht
atmend, wie ein aufquellender Knabe, in deinen Armen. Wenn Stürme durch
Zweige und Blätter sausten, Ast und Wipfel sich knirrend bewegten, blieb
innerst doch der Kern des Herzens ungeregt. Was schüttelt dich nun? Was
erschüttert den festen, treuen Sinn? Ich fühl's, es ist der Klang der
Mordaxt, die an meiner Wurzel nascht. Noch steh' ich aufrecht, und ein
innrer Schauer durchfährt mich. Ja, sie überwindet, die verräterische
Gewalt; sie untergräbt den festen hohen Stamm, und eh' die Rinde dorrt,
stürzt krachend und zerschmetternd deine Krone.

Warum denn jetzt, der du so oft gewalt'ge Sorgen gleich Seifenblasen dir
vom Haupte weggewiesen, warum vermagst du nicht die Ahnung zu
verscheuchen, die tausendfach in dir sich auf und nieder treibt? Seit
wann begegnet der Tod dir fürchterlich, mit dessen wechselnden Bildern,
wie mit den übrigen Gestalten der gewohnten Erde, du gelassen
lebtest?--Auch ist er's nicht, der rasche Feind, dem die gesunde Brust
wetteifernd sich entgegensehnt; der Kerker ist's, des Grabes Vorbild, dem
Helden wie dem Feigen widerlich. Unleidlich ward mir's schon auf meinem
gepolsterten Stuhle, wenn in stattlicher Versammlung die Fürsten, was
leicht zu entscheiden war, mit wiederkehrenden Gesprächen überlegten, und
zwischen düstern Wänden eines Saals die Balken der Decke mich erdrückten.
Da eilt' ich fort, sobald es möglich war, und rasch aufs Pferd mit
tiefem Atemzuge. Und frisch hinaus, da wo wir hingehören! ins Feld, wo
aus der Erde dampfend jede nächste Wohlthat der Natur, und durch die
Himmel wehend alle Segen der Gestirne uns umwittern; wo wir, dem
erdgebornen Riesen gleich, von der Berührung unsrer Mutter kräftiger uns
in die Höhe reißen; wo wir die Menschheit ganz, und menschliche Begier in
allen Adern fühlen; wo das Verlangen, vorzudringen, zu besiegen, zu
erhaschen, seine Faust zu brauchen, zu besitzen, zu erobern, durch die
Seele des jungen Jägers glüht; wo der Soldat sein angebornes Recht auf
alle Welt mit raschem Schritt sich anmaßt, und in fürchterlicher Freiheit
wie ein Hagelwetter durch Wiese, Feld und Wald verderbend streicht, und
keine Grenzen kennt, die Menschenhand gezogen.

Du bist nur Bild, Erinnerungstraum des Glücks, das ich so lang besessen;
wo hat dich das Geschick verräterisch hingeführt? Versagt es dir, den
nie gescheuten Tod im Angesicht der Sonne rasch zu gönnen, um dir des
Grabes Vorgeschmack im ekeln Moder zu bereiten? Wie haucht er mich aus
diesen Steinen widrig an! Schon starrt das Leben; vor dem Ruhebette wie
vor dem Grabe scheut der Fuß.--

O Sorge! Sorge! die du vor der Zeit den Mord beginnst, laß ab!--Seit
wann ist Egmont denn allein, so ganz allein in dieser Welt? Dich macht
der Zweifel hilflos, nicht das Glück. Ist die Gerechtigkeit des Königs,
der du lebenslang vertrautest, ist der Regentin Freundschaft, die fast,
du darfst es dir gestehn, fast Liebe war, sind sie auf einmal, wie ein
glänzend Feuerbild der Nacht, verschwunden, und lassen dich allein auf
dunkelm Pfad zurück? Wird an der Spitzedeiner Freunde Oranien nicht
wagend sinnen? Wird nicht ein Volk sich sammeln und mit anschwellender
Gewalt den alten Freund erretten?

O haltet, Mauern, die ihr mich einschließt, so vieler Geister
wohlgemeintes Drängen nicht von mir ab; und welcher Mut aus meinen Augen
sonst sich über sie ergoß, der kehre nun aus ihren Herzen in meines
wieder. O ja, sie rühren sich zu Tausenden! sie kommen! stehen mir zur
Seite! Ihr frommer Wunsch eilt dringend zu dem Himmel, er bittet um ein
Wunder. Und steigt zu meiner Rettung nicht ein Engel nieder, so seh' ich
sie nach Lanz' und Schwertern greifen. Die Thore spalten sich, die
Gitter springen, die Mauer stürzt vor ihren Händen ein, und der Freiheit
des einbrechenden Tages steigt Egmont fröhlich entgegen. Wie manch
bekannt Gesicht empfängt mich jauchzend! Ach, Klärchen, wärst du Mann,
so säh' ich dich gewiß auch hier zuerst, und dankte dir, was einem Könige
zu danken hart ist, Freiheit.

Klärchens Haus.

Klärchen (kommt mit einer Lampe und einem Glas Wasser aus der Kammer; sie
setzt das Glas auf den Tisch und tritt ans Fenster).

Brackenburg? Seid Ihr's? Was hört' ich denn? Noch niemand? Es war
niemand! Ich will die Lampe ins Fenster setzen, daß er sieht, ich wache
noch, ich warte noch auf ihn. Er hat mir Nachricht versprochen.
Nachricht? Entsetzliche Gewißheit!--Egmont verurteilt!--Welch Gericht
darf ihn fordern? und sie verdammen ihn! Der König verdammt ihn? oder
der Herzog? Und die Regentin entzieht sich! Oranien zaudert, und alle
seine Freunde!--Ist dies die Welt, von deren Wankelmut, Unzuverlässigkeit
ich viel gehört und nichts empfunden habe? Ist dies die Welt?--Wer wäre
bös genug, den Teuern anzufeinden? Wäre Bosheit mächtig genug, den
allgemein Erkannten schnell zu stürzen? Doch ist es so--es ist!--O
Egmont, sicher hielt ich dich vor Gott und Menschen, wie in meinen Armen!
Was war ich dir? Du hast mich dein genannt, mein ganzes Leben widmete
ich deinem Leben.--Was bin ich nun? Vergebens streck' ich nach der
Schlinge, die dich faßt, die Hand aus. Du hilflos, und ich frei!--Hier
ist der Schlüssel zu meiner Thür. An meiner Willkür hängt mein Gehen und
mein Kommen, und dir bin ich zu nichts!--O, bindet mich, damit ich nicht
verzweifle; und werft mich in den tiefsten Kerker, daß ich das Haupt an
feuchte Mauern schlage, nach Freiheit winsle, träume, wie ich ihm helfen
wollte, wenn Fesseln mich nicht lähmten, wie ich ihm helfen würde!--Nun
bin ich frei! Und in der Freiheit liegt die Angst der Ohnmacht.--Mir
selbst bewußt, nicht fähig, ein Glied nach seiner Hilfe zu rühren. Ach
leider, auch der kleine Teil von deinem Wesen, dein Klärchen, ist wie du
gefangen, und regt getrennt im Todeskrampfe nur die letzten Kräfte.--Ich
höre schleichen, husten--Brackenburg--er ist's!--Elender, guter Mann,
dein Schicksal bleibt sich immer gleich; dein Liebchen öffnet dir die
nächtliche Thür, und ach! zu welch unseliger Zusammenkunft!

(Brackenburg tritt auf.)

Klärchen. Du kommst so bleich und schüchtern, Brackenburg! was ist's?

Brackenburg. Durch Umwege und Gefahren such' ich dich auf. Die großen
Straßen sind besetzt; durch Gäßchen und durch Winkel hab' ich mich zu dir
gestohlen.

Klärchen. Erzähl', wie ist's?

Brackenburg (indem er sich setzt). Ach, Kläre, laß mich weinen. Ich
liebt' ihn nicht. Er war der reiche Mann und lockte des Armen einziges
Schaf zur bessern Weide herüber. Ich hab' ihn nie verflucht; Gott hat
mich treu geschaffen und weich. In Schmerzen floß mein Leben von mir
nieder, und zu verschmachten hofft' ich jeden Tag.

Klärchen. Vergiß das, Brackenburg! Vergiß dich selbst! Sprich mir von
ihm! Ist's wahr? Ist er verurteilt?

Brackenburg. Er ist's! Ich weiß es ganz genau.

Klärchen. Und lebt noch?

Brackenburg. Ja, er lebt noch.

Klärchen. Wie willst du das versichern?--Die Tyrannei ermordet in der
Nacht den Herrlichen! vor allen Augen verborgen fließt sein Blut.
Ängstlich im Schlafe liegt das betäubte Volk, und träumt von Rettung,
träumt ihres ohnmächtigen Wunsches Erfüllung; indes, unwillig über uns,
sein Geist die Welt verläßt. Er ist dahin!--Täusche mich nicht! dich
nicht!

Brackenburg. Nein, gewiß, er lebt!--Und leider! es bereitet der Spanier
dem Volke, das er zertreten will, ein fürchterliches Schauspiel,
gewaltsam jedes Herz, das nach Freiheit sich regt, auf ewig zu
zerknirschen.

Klärchen. Fahre fort und sprich gelassen auch mein Todesurteil aus! Ich
wandle den seligen Gefilden schon näher und näher, mir weht der Trost aus
jenen Gegenden des Friedens schon herüber. Sag' an.

Brackenburg. Ich konnt' es an den Wachen merken, aus Reden, die bald da,
bald dorten fielen, daß auf dem Markte geheimnisvoll ein Schrecknis
zubereitet werde. Ich schlich durch Seitenwege, durch bekannte Gänge
nach meines Vettern Hause, und sah aus einem Hinterfenster nach dem
Markte.--Es wehten Fackeln in einem weiten Kreise spanischer Soldaten hin
und wieder. Ich schärfte mein ungewohntes Auge, und aus der Nacht stieg
mir ein schwarzes Gerüst entgegen, geräumig, hoch; mir grauste vor dem
Anblick. Geschäftig waren viele rings umher bemüht, was noch von
Holzwerk weiß und sichtbar war, mit schwarzem Tuch einhüllend zu
verkleiden. Die Treppen deckten sie zuletzt auch schwarz, ich sah es
wohl. Sie schienen die Weihe eines gräßlichen Opfers vorbereitend zu
begehn. Ein weißes Kruzifix, das durch die Nacht wie Silber blinkte,
ward an der einen Seite hoch aufgesteckt. Ich sah, und sah die
schreckliche Gewißheit immer gewisser. Noch wankten Fackeln hie und da
herum; allmählich wichen sie und erloschen. Auf einmal war die
scheußliche Geburt der Nacht in ihrer Mutter Schoß zurückgekehrt.

Klärchen. Still Brackenburg! Nun still! Laß diese Hülle auf meiner
Seele ruhn. Verschwunden sind die Gespenster, und du, holde Nacht, leih'
deinen Mantel der Erde, die in sich gärt; sie trägt nicht länger die
abscheuliche Last, reißt ihre tiefen Spalten grausend auf und knirscht
das Mordgerüst hinunter. Und irgend einen Engel sendet der Gott, den sie
zum Zeugen ihrer Wut geschändet; vor des Boten heiliger Berührung lösen
sich Riegel und Bande, und er umgießt den Freund mit mildem Schimmer; er
führt ihn durch die Nacht zur Freiheit sanft und still. Und auch mein
Weg geht heimlich in dieser Dunkelheit, ihm zu begegnen.

Brackenburg (sie aufhaltend). Mein Kind, wohin? was wagst du?

Klärchen. Leise, Lieber, daß niemand erwache! daß wir uns selbst nicht
wecken! Kennst du dies Fläschchen, Brackenburg? Ich nahm dir's scherzend,
als du mit übereiltem Tod oft ungeduldig drohtest.--Und nun, mein Freund--

Brackenburg. In aller Heiligen Namen!--

Klärchen. Du hinderst nichts. Tod ist mein Teil! und gönne mir den
sanften schnellen Tod, den du dir selbst bereitetest. Gieb' mir deine
Hand!--Im Augenblick, da ich die dunkle Pforte eröffne, aus der kein
Rückweg ist, könnt' ich mit diesem Händedruck dir sagen: wie sehr ich
dich geliebt, wie sehr ich dich bejammert! Mein Bruder starb mir jung;
dich wählt' ich, seine Stelle zu ersetzen. Es widersprach dein Herz, und
quälte sich und mich, verlangtest heiß und immer heißer, was dir nicht
beschieden war. Vergieb' mir und leb' wohl! Laß mich dich Bruder nennen!
Es ist ein Name, der viel Namen in sich faßt. Nimm die letzte schöne
Blume der Scheidenden mit treuem Herzen ab--nimm diesen Kuß.--Der Tod
vereinigt alles, Brackenburg, uns denn auch.

Brackenburg. So laß mich mit dir sterben! Teile! Teile! Es ist genug,
zwei Leben auszulöschen.

Klärchen. Bleib! du sollst leben, du kannst leben.--Steh meiner Mutter
bei, die ohne dich in Armut sich verzehren würde. Sei ihr, was ich ihr
nicht mehr sein kann; lebt zusammen, und beweint mich. Beweint das
Vaterland und den, der es allein erhalten konnte. Das heutige Geschlecht
wird diesen Jammer nicht los; die Wut der Rache selbst vermag ihn nicht
zu tilgen. Lebt, ihr Armen, die Zeit noch hin, die keine Zeit mehr ist.
Heut' steht die Welt auf einmal still; es stockt ihr Kreislauf, und mein
Puls schlägt kaum noch wenige Minuten. Leb' wohl!

Brackenburg. O, lebe du mit uns, wie wir für dich allein! Du tötest uns
in dir, o leb' und leide! Wir wollen unzertrennlich dir zu beiden Seiten
stehn, und immer achtsam soll die Liebe den schönsten Trost in ihren
lebendigen Armen dir bereiten. Sei unser! Unser! Ich darf nicht sagen,
mein.

Klärchen. Leise, Brackenburg! Du fühlst nicht, was du rührst. Wo
Hoffnung dir erscheint, ist mir Verzweiflung.

Brackenburg. Teile mit den Lebendigen die Hoffnung! Verweil' am Rande
des Abgrundes, schau' hinab und sieh auf uns zurück.

Klärchen. Ich hab' überwunden, ruf' mich nicht wieder zum Streit.

Brackenburg. Du bist betäubt; gehüllt in Nacht suchst du die Tiefe.
Noch ist nicht jedes Licht erloschen, noch mancher Tag!--

Klärchen. Weh! über dich Weh! Weh! Grausam zerreißest du den Vorhang
vor meinem Auge. Ja, er wird grauen, der Tag! vergebens alle Nebel um
sich ziehn und wider Willen grauen! Furchtsam schaut der Bürger aus
seinem Fenster, die Nacht läßt einen schwarzen Flecken zurück; er schaut,
und fürchterlich wächst im Lichte das Mordgerüst. Neu leidend wendet das
entweihte Gottesbild sein flehend Auge zum Vater auf. Die Sonne wagt
sich nicht hervor; sie will die Stunde nicht bezeichnen, in der er sterben
soll. Träge gehn die Zeiger ihren Weg, und eine Stunde nach der andern
schlägt. Halt! Halt! nun ist es Zeit! mich scheucht des Morgens Ahnung
in das Grab. (Sie tritt ans Fenster, als sähe sie sich um, und trinkt
heimlich.)

Brackenburg. Kläre! Kläre!

Klärchen (geht nach dem Tisch und trinkt das Wasser). Hier ist der Rest!
Ich locke dich nicht nach. Thu', was du darfst, leb' wohl. Lösche diese
Lampe still und ohne Zaudern, ich geh' zur Ruhe. Schleiche dich sachte
weg, ziehe die Thür nach dir zu. Still! Wecke meine Mutter nicht! Geh,
rette dich. Rette dich, wenn du nicht mein Mörder scheinen willst. (Ab.)

Brackenburg. Sie läßt mich zum letztenmale, wie immer. O, könnte eine
Menschenseele fühlen, wie sie ein liebend Herz zerreißen kann. Sie läßt
mich stehn, mir selber überlassen; und Tod und Leben ist mir gleich
verhaßt.--Allein zu sterben!--Weint, ihr Liebenden! Kein härter
Schicksal ist als meins! Sie teilt mit mir den Todestropfen und schickt
mich weg! von ihrer Seite weg! Sie zieht mich nach, und stößt ins Leben
mich zurück. O Egmont, welch preiswürdig Los fällt dir! Sie geht voran;
der Kranz des Siegs aus ihrer Hand ist dein, sie bringt den ganzen Himmel
dir entgegen!--Und soll ich folgen? wieder seitwärts stehn? den
unauslöschlichen Neid in jene Wohnungen hinübertragen?--Auf Erden ist
kein Bleiben mehr für mich, und Höll' und Himmel bieten gleiche Qual.
Wie wäre der Vernichtung Schreckenshand dem Unglückseligen willkommen!

(Brackenburg geht ab, das Theater bleibt einige Zeit unverändert. Eine
Musik, Klärchens Tod bezeichnend, beginnt; die Lampe, welche Brackenburg
auszulöschen vergessen, flammt noch einigemal auf, dann erlischt sie.
Bald verwandelt sich der Schauplatz in das

Gefängnis.

(Egmont liegt schlafend auf dem Ruhebette. Es entsteht ein Gerassel mit
Schlüsseln, und die Thür thut sich auf. Diener mit Fackeln treten herein;
ihnen folgt Ferdinand, Albas Sohn, und Silva, begleitet von Gewaffneten.
Egmont fährt aus dem Schlaf auf.)

Egmont. Wer seid ihr, die ihr mir unfreundlich den Schlaf von den Augen
schüttelt? Was künden eure trotzigen, unsichern Blicke mir an? Warum
diesen fürchterlichen Aufzug? Welchen Schrekkenstraum kommt ihr der
halberwachten Seele vorzulügen?

Silva. Uns schickt der Herzog, dir dein Urteil anzukündigen.

Egmont. Bringst du den Henker auch mit, es zu vollziehen?

Silva. Vernimm es, so wirst du wissen, was deiner wartet.

Egmont. So ziemt es euch und euerm schändlichen Beginnen! In Nacht
gebrütet und in Nacht vollführt. So mag diese freche Tat der
Ungerechtigkeit sich verbergen!--Tritt kühn hervor, der du das Schwert
verhüllt unter dem Mantel trägst; hier ist mein Haupt, das freieste, das
je die Tyrannei vom Rumpf gerissen.

Silva. Du irrst! Was gerechte Richter beschließen, werden sie vorm
Angesicht des Tages nicht verbergen.

Egmont. So übersteigt die Frechheit jeden Begriff und Gedanken.

Silva (nimmt einem Dabeistehenden das Urteil ab, entfaltet's und liest's).
"Im Namen des Königs, und kraft besonderer von Seiner Majestät uns
übertragenen Gewalt, alle seine Unterthanen, wes Standes sie seien,
zugleich die Ritter des goldnen Vließes zu richten, erkennen wir--"

Egmont. Kann die der König übertragen?

Silva. "Erkennen wir, nach vorgängiger genauer, gesetzlicher
Untersuchung, dich Heinrich Grafen Egmont, Prinzen von Gaure, des
Hochverrats schuldig, und sprechen das Urteil: daß du mit der Frühe des
einbrechenden Morgens aus dem Kerker auf den Markt geführt, und dort vorm
Angesicht des Volks zur Warnung aller Verräter mit dem Schwerte vom Leben
zum Tode gebracht werden sollest. Gegeben Brüssel am" (Datum und
Jahrzahl werden undeutlich gelesen, so, daß sie der Zuhörer nicht
versteht.) "Ferdinand, Herzog von Alba, Vorsitzer des Gerichts der Zwölfe."
Du weißt nun dein Schicksal; es bleibt dir wenige Zeit, dich drein zu
ergeben, dein Haus zu bestellen und von den Deinigen Abschied zu nehmen.

(Silva mit dem Gefolge geht ab. Es bleibt Ferdinand und zwei Fackeln;
das Theater ist mäßig erleuchtet.)

Egmont (hat eine Weile in sich versenkt, stille gestanden und Silva, ohne
sich umzusehen, abgehen lassen. Er glaubt sich allein, und da er die
Augen aufhebt, erblickt er Albas Sohn). Du stehst und bleibst? Willst
du mein Erstaunen, mein Entsetzen noch durch deine Gegenwart vermehren?
Willst du noch etwa die willkommne Botschaft deinem Vater bringen, daß
ich unmännlich verzweifle? Geh! Sag' ihm! Sag' ihm, daß er weder mich,
noch die Welt belügt. Ihm, dem Ruhmsüchtigen, wird man es erst hinter
den Schultern leise lispeln, dann laut und lauter sagen, und wenn er
einst von diesem Gipfel herabsteigt, werden tausend Stimmen es ihm
entgegen rufen: Nicht das Wohl des Staats, nicht die Würde des Königs,
nicht die Ruhe der Provinzen haben ihn hierher gebracht. Um sein selbst
willen hat er Krieg geraten, daß der Krieger im Kriege gelte. Er hat
diese ungeheure Verwirrung erregt, damit man seiner bedürfe. Und ich
falle, ein Opfer seines niedrigen Hasses, seines kleinlichen Neides. Ja,
ich weiß es, und ich darf es sagen; der Sterbende, der tödlich Verwundete
kann es sagen: mich hat der Eingebildete beneidet; mich wegzutilgen, hat
er lange gesonnen und gedacht.

Schon damals, als wir noch jünger mit Würfeln spielten und die Haufen
Goldes, einer nach dem andern, von seiner Seite zu mir herübereilten, da
stand er grimmig, log Gelassenheit, und innerlich verzehrte ihn die
Ärgernis, mehr über mein Glück, als über seinen Verlust. Noch erinnere
ich mich des funkelnden Blicks, der verräterischen Blässe, als wir an
einem öffentlichen Feste vor vielen tausend Menschen um die Wette
schossen. Er forderte mich auf, und beide Nationen standen; die Spanier,
die Niederländer wetteten und wünschten. Ich überwand ihn; seine Kugel
irrte, die meine traf; ein lauter Freudenschrei der Meinigen durchbrach
die Luft. Nun trifft mich sein Geschoß. Sag' ihm, daß ich's weiß, daß
ich ihn kenne, daß die Welt jede Siegszeichen verachtet, die ein kleiner
Geist erschleichend sich aufrichtet. Und du! wenn einem Sohne möglich
ist, von der Sitte des Vaters zu weichen, übe beizeiten die Scham, indem
du dich für den schämst, den du gerne von ganzem Herzen verehren möchtest.

Ferdinand. Ich höre dich an, ohne dich zu unterbrechen! Deine Vorwürfe
lasten wie Keulschläge auf einen Helm; ich fühle die Erschütterung, aber
ich bin bewaffnet. Du triffst mich, du verwundest mich nicht; fühlbar
ist mir allein der Schmerz, der mir den Busen zerreißt. Wehe mir! Wehe!
Zu einem solchen Anblick bin ich aufgewachsen, zu einem solchen
Schauspiele bin ich gesendet!

Egmont. Du brichst in Klagen aus? Was rührt, was bekümmert dich? Ist
es eine späte Reue, daß du der schändlichen Verschwörung deinen Dienst
geliehen? Du bist so jung und hast ein glückliches Ansehn. Du warst so
zutraulich, so freundlich gegen mich. So lang ich dich sah, war ich mit
deinem Vater versöhnt. Und eben so verstellt, verstellter als er, lockst
du mich in das Netz. Du bist der Abscheuliche! Wer ihm traut, mag er es
auf seine Gefahr thun; aber wer fürchtete Gefahr, dir zu vertrauen? Geh!
Geh! Raube mir nicht die wenigen Augenblicke! Geh, daß ich mich sammle,
die Welt und dich zuerst vergesse!--

Ferdinand. Was soll ich dir sagen? Ich stehe und sehe dich an, und sehe
dich nicht, und fühle mich nicht. Soll ich mich entschuldigen? Soll ich
dir versichern, daß ich erst spät, erst ganz zuletzt des Vaters Absichten
erfuhr, daß ich als ein gezwungenes, ein lebloses Werkzeug seines Willens
handelte? Was fruchtet's, welche Meinung du von mir haben magst? Du
bist verloren; und ich Unglücklicher stehe nur da, um dir's zu
versichern, um dich zu bejammern.

Egmont. Welche sonderbare Stimme, welch ein unerwarteter Trost begegnet
mir auf dem Wege zum Grabe? Du, Sohn meines ersten, meines fast einzigen
Feindes, du bedauerst mich, du bist nicht unter meinen Mördern? Sage,
rede! Für wen soll ich dich halten?

Ferdinand. Grausamer Vater! Ja, ich erkenne dich in diesem Befehle. Du
kanntest mein Herz, meine Gesinnung, die du so oft als Erbteil einer
zärtlichen Mutter schaltest. Mich dir gleich zu bilden, sandtest du mich
hierher. Diesen Mann am Rande des gähnenden Grabes, in der Gewalt eines
willkürlichen Todes zu sehen, zwingst du mich; daß ich den tiefsten
Schmerz empfinde, daß ich taub gegen alles Schicksal, daß ich
unempfindlich werde, es geschehe mir, was wolle.

Egmont. Ich erstaune! Fasse dich! Stehe, rede wie ein Mann!

Ferdinand. O, daß ich ein Weib wäre! daß man mir sagen könnte: was
rührt dich? was ficht dich an? Sage mir ein größeres, ein ungeheureres
Übel, mache mich zum Zeugen einer schrecklichern That; ich will dir
danken, ich will sagen: es war nichts.

Egmont. Du verlierst dich? Wo bist du?

Ferdinand. Laß diese Leidenschaft rasen, laß mich losgebunden klagen!
Ich will nicht standhaft scheinen, wenn alles in mir zusammenbricht.
Dich soll ich hier sehn?--Dich?--Es ist entsetzlich! Du verstehst mich
nicht! Und sollst du mich verstehen? Egmont! Egmont! (Ihm um den Hals
fallend.)

Egmont. Löse mir das Geheimnis.

Ferdinand. Kein Geheimnis.

Egmont. Wie bewegt dich so tief das Schicksal eines fremden Mannes?

Ferdinand. Nicht fremd! Du bist mir nicht fremd. Dein Name war's, der
mir in meiner ersten Jugend gleich einem Stern des Himmels
entgegenleuchtete. Wie oft hab' ich nach dir gehorcht, gefragt! Des
Kindes Hoffnung ist der Jüngling, des Jünglings der Mann. So bist du vor
mir her geschritten; immer vor, und ohne Neid sah ich dich vor, und
schritt dir nach, und fort und fort. Nun hofft' ich endlich dich zu
sehen, und sah dich, und mein Herz flog dir entgegen. Dich hatt' ich mir
bestimmt, und wählte dich aufs neue, da ich dich sah. Nun hofft' ich
erst mit dir zu sein, mit dir zu leben, dich zu fassen, dich.--Das ist
nun alles weggeschnitten, und ich sehe dich hier!

Egmont. Mein Freund, wenn es dir wohlthun kann, so nimm die Versicherung,
daß im ersten Augenblick mein Gemüt dir entgegenkam. Und höre mich.
Laß uns ein ruhiges Wort unter einander wechseln. Sage mir: ist es der
strenge, ernste Wille deines Vaters, mich zu töten?

Ferdinand. Er ist's.

Egmont. Dieses Urteil wäre nicht ein leeres Schreckbild, mich zu
ängstigen, durch Furcht und Drohung zu strafen, mich zu erniedrigen, und
dann mit königlicher Gnade mich wieder aufzuheben?

Ferdinand. Nein, ach leider nein! Anfangs schmeichelte ich mir selbst
mit dieser ausweichenden Hoffnung; und schon da empfand ich Angst und
Schmerz, dich in diesem Zustande zu sehen. Nun ist es wirklich, ist gewiß.
Nein, ich regiere mich nicht. Wer giebt mir eine Hilfe, wer einen Rat,
dem Unvermeidlichen zu entgehen?

Egmont. So höre mich. Wenn deine Seele so gewaltsam dringt, mich zu
retten, wenn du die Übermacht verabscheust, die mich gefesselt hält, so
rette mich! Die Augenblicke sind kostbar. Du bist des Allgewaltigen
Sohn, und selbst gewaltig.--Laß uns entfliehen! Ich kenne die Wege; die
Mittel können dir nicht unbekannt sein. Nur diese Mauern, nur wenige
Meilen entfernen mich von meinen Freunden. Löse diese Bande, bringe mich
zu ihnen und sei unser! Gewiß, der König dankt dir dereinst meine
Rettung. Jetzt ist er überrascht, und vielleicht ist ihm alles unbekannt.
Dein Vater wagt; und die Majestät muß das Geschehene billigen, wenn sie
sich auch davor entsetzet. Du denkst? O, denke mir den Weg der Freiheit
aus! Sprich, und nähre die Hoffnung der lebendigen Seele.

Ferdinand. Schweig'! o schweige! Du vermehrst mit jedem Worte meine
Verzweiflung. Hier ist kein Ausweg, kein Rat, keine Flucht.--Das quält
mich, das greift und faßt mir wie mit Klauen die Brust. Ich habe selbst
das Netz zusammengezogen; ich kenne die strengen festen Knoten; ich weiß,
wie jeder Kühnheit, jeder List die Wege verrennt sind; ich fühle mich mit
dir und mit allen andern gefesselt. Würde ich klagen, hätte ich nicht
alles versucht? Zu seinen Füßen habe ich gelegen, geredet und gebeten.
Er schickte mich hierher, um alles, was von Lebenslust und Freude in mir
lebt, in diesem Augenblicke zu zerstören.

Egmont. Und keine Rettung?

Ferdinand. Keine!

Egmont (mit dem Fuße stampfend). Keine Rettung!--Süßes Leben! schöne,
freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens! von dir soll ich
scheiden! So gelassen scheiden! Nicht im Tumulte der Schlacht, unter
dem Geräusch der Waffen, in der Zerstreuung des Getümmels giebst du mir
ein flüchtiges Lebewohl; du nimmst keinen eiligen Abschied, verkürzest
nicht den Augenblick der Trennung. Ich soll deine Hand fassen, dir noch
einmal in die Augen sehn, deine Schöne, deinen Wert recht lebhaft fühlen,
und dann mich entschlossen losreißen und sagen: Fahre hin!

Ferdinand. Und ich soll daneben stehn, zusehn, dich nicht halten, nicht
hindern können! O, welche Stimme reichte zur Klage! Welches Herz flösse
nicht aus seinen Banden vor diesem Jammer!

Egmont. Fasse dich!

Ferdinand. Du kannst dich fassen, du kannst entsagen, den schweren
Schritt an der Hand der Notwendigkeit heldenmäßig gehn. Was kann ich?
Was soll ich? Du überwindest dich selbst und uns; du überstehst; ich
überlebe dich und mich selbst. Bei der Freude des Mahls hab' ich mein
Licht, im Getümmel der Schlacht meine Fahne verloren. Schal, verworren,
trüb' scheint mir die Zukunft.

Egmont. Junger Freund, den ich durch ein sonderbares Schicksal zugleich
gewinne und verliere, der für mich die Todesschmerzen empfindet, für mich
leidet, sieh mich in diesen Augenblicken an; du verlierst mich nicht.
War dir mein Leben ein Spiegel, in welchem du dich gerne betrachtetest,
so sei es auch mein Tod. Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie
beisammen sind; auch der Entfernte, der Abgeschiedene lebt uns. Ich lebe
dir, und habe mir genug gelebt. Eines jeden Tages hab' ich mich gefreut;
an jedem Tage mit rascher Wirkung meine Pflicht gethan, wie mein Gewissen
mir sie zeigte. Nun endigt sich das Leben, wie es sich früher, früher,
schon auf dem Sande von Gravelingen hätte endigen können. Ich höre auf
zu leben; aber ich habe gelebt. So leb' auch du, mein Freund, gern und
mit Lust, und scheue den Tod nicht.

Ferdinand. Du härtest dich für uns erhalten können, erhalten sollen. Du
hast dich selber getötet. Oft hört' ich, wenn kluge Männer über dich
sprachen, feindselige, wohlwollende, sie stritten lang über deinen Wert;
doch endlich vereinigten sie sich, keiner wagt' es zu leugnen, jeder
gestand: ja, er wandelt einen gefährlichen Weg. Wie oft wünscht' ich,
dich warnen zu können! Hattest du denn keine Freunde?

Egmont. Ich war gewarnt.

Ferdinand. Und wie ich punktweise alle diese Beschuldigungen wieder in
der Anklage fand, und deine Antworten! Gut genug, dich zu entschuldigen;
nicht triftig genug, dich von der Schuld zu befreien.--

Egmont. Dies sei beiseite gelegt. Es glaubt der Mensch sein Leben zu
leiten, sich selbst zu führen; und sein Innerstes wird unwiderstehlich
nach seinem Schicksale gezogen. Laß uns darüber nicht sinnen; dieser
Gedanken entschlag' ich mich leicht--schwerer der Sorge für dieses Land;
doch auch dafür wird gesorgt sein. Kann mein Blut für viele fließen,
meinem Volk Friede bringen, so fließt es willig. Leider wird's nicht so
werden. Doch es ziemt dem Menschen, nicht mehr zu grübeln, wo er nicht
mehr wirken soll. Kannst du die verderbende Gewalt deines Vaters
aufhalten, lenken, so thu's. Wer wird das können?--Leb' wohl!

Ferdinand. Ich kann nicht gehn.

Egmont. Laß meine Leute dir aufs beste empfohlen sein! Ich habe gute
Menschen zu Dienern; daß sie nicht zerstreut, nicht unglücklich werden!
Wie steht es um Richard, meinen Schreiber?

Ferdinand. Er ist dir vorangegangen. Sie haben ihn als Mitschuldigen
des Hochverrats enthauptet.

Egmont. Arme Seele!--Noch eins, und dann leb' wohl, ich kann nicht mehr.
Was auch den Geist gewaltsam beschäftigt, fordert die Natur zuletzt doch
unwiderstehlich ihre Rechte; und wie ein Kind, umwunden von der Schlange,
des erquickenden Schlafs genießt, so legt der Müde sich noch einmal vor
der Pforte des Todes nieder und ruht tief aus, als ob er einen weiten Weg
zu wandern hätte.--Noch eins.--Ich kenne ein Mädchen; du wirst sie nicht
verachten, weil sie mein war. Nun ich sie dir empfehle, sterb' ich ruhig.
Du bist ein edler Mann; ein Weib, das den findet, ist geborgen. Lebt
mein alter Adolf? ist er frei?

Ferdinand. Der muntre Greis, der Euch zu Pferde immer begleitete?

Egmont. Derselbe.

Ferdinand. Er lebt, er ist frei.

Egmont. Er weiß ihre Wohnung; laß dich von ihm führen, und lohn' ihm bis
an sein Ende, daß er dir den Weg zu diesem Kleinode zeigt.--Leb wohl!

Ferdinand. Ich gehe nicht.

Egmont (ihn nach der Thür drängend). Leb' wohl!

Ferdinand. O, laß mich noch!

Egmont. Freund, keinen Abschied!

(Er begleitet Ferdinanden bis an die Thür, und reißt sich dort von ihm
los. Ferdinand, betäubt, entfernt sich eilend.)

Egmont (allein). Feindseliger Mann! Du glaubtest nicht, mir diese
Wohlthat durch deinen Sohn zu erzeigen. Durch ihn bin ich der Sorgen los
und der Schmerzen, der Furcht und jedes ängstlichen Gefühls. Sanft und
dringend fordert die Natur ihren letzten Zoll. Es ist vorbei, es ist
beschlossen! und was die letzte Nacht mich ungewiß auf meinem Lager
wachend hielt, das schläfert nun mit unbezwinglicher Gewißheit meine
Sinnen ein.

(Er setzt sich aufs Ruhebett. Musik.)

Süßer Schlaf! Du kommst wie ein reines Glück, ungebeten, unerfleht am
willigsten. Du lösest die Knoten der strengen Gedanken, vermischest alle
Bilder der Freude und des Schmerzes; ungehindert fließt der Kreis innerer
Harmonieen, und, eingehüllt in gefälligen Wahnsinn, versinken wir und
hören auf, zu sein.

(Er entschläft; die Musik begleitet seinen Schlummer. Hinter seinem
Lager scheint sich die Mauer zu eröffnen, eine glänzende Erscheinung
zeigt sich. Die Freiheit in himmlischem Gewande, von einer Klarheit
umflossen, ruht auf einer Wolke. Sie hat die Züge von Klärchen, und neigt
sich gegen den schlafenden Helden. Sie drückt eine bedauernde Empfindung
aus, sie scheint ihn zu beklagen. Bald faßt sie sich, und mit
aufmunternder Gebärde zeigt sie ihm das Bündel Pfeile, dann den Stab mit
dem Hute. Sie heißt ihn froh sein, und indem sie ihm andeutet, daß sein
Tod den Provinzen die Freiheit verschaffen werde, erkennt sie ihn als
Sieger und reicht ihm einen Lorbeerkranz. Wie sie sich mit dem Kranze
dem Haupte nahet, macht Egmont eine Bewegung, wie einer, der sich im
Schlafe regt, dergestalt, daß er mit dem Gesicht aufwärts gegen sie liegt.
Sie hält den Kranz über seinem Haupte schwebend; man hört ganz von
weitem eine kriegerische Musik von Trommeln und Pfeifen; bei dem
leisesten Laut derselben verschwindet die Erscheinung. Der Schall wird
stärker. Egmont erwacht; das Gefängnis wird vom Morgen mäßig erhellt.
Seine erste Bewegung ist, nach dem Haupte zu greifen; er steht auf und
sieht sich um, indem er die Hand auf dem Haupte behält.)

Verschwunden ist der Kranz! Du schönes Bild, das Licht des Tages hat
dich verscheuchet! Ja, sie waren's, sie waren vereint, die beiden
süßesten Freuden meines Herzens. Die göttliche Freiheit, von meiner
Geliebten borgte sie die Gestalt; das reizende Mädchen kleidete sich in
der Freundin himmlisches Gewand. In einem ernsten Augenblick erscheinen
sie vereinigt, ernster als lieblich. Mit blutbefleckten Sohlen trat sie
vor mir auf, die wehenden Falten des Saumes mit Blut befleckt. Es war
mein Blut und vieler Edeln Blut. Nein, es ward nicht umsonst vergossen.
Schreitet durch! Braves Volk! Die Siegesgöttin führt dich an! Und wie
das Meer durch eure Dämme bricht, so brecht, so reißt den Wall der
Tyrannei zusammen, und schwemmt ersäufend sie von ihrem Grunde, den sie
sich anmaßt, weg!

(Trommeln näher.)

Horch! Horch! Wie oft rief mich dieser Schall zum freien Schritt nach
dem Felde des Streits und des Siegs! Wie munter traten die Gefährten auf
der gefährlichen, rühmlichen Bahn! Auch ich schreite einem ehrenvollen
Tode aus diesem Kerker entgegen; ich sterbe für die Freiheit, für die ich
lebte und focht, und der ich mich jetzt leidend opfre.

(Der Hintergrund wird mit einer Reihe spanischer Soldaten besetzt, welche
Hellebarden tragen.)

Ja, führt sie nur zusammen! Schließt eure Reihen, ihr schreckt mich
nicht. Ich bin gewohnt, vor Speeren gegen Speere zu stehn, und, rings
umgeben von dem drohenden Tod, das mutige Leben nur doppelt rasch zu
fühlen.

(Trommeln.)

Dich schließt der Feind von allen Seiten ein! Es blinken Schwerter;
Freunde, höhern Mut! Im Rücken habt ihr Eltern, Weiber, Kinder!

(Auf die Wache zeigend.)

Und diese treibt ein hohles Wort des Herrschers, nicht ihr Gemüt.
Schützt eure Güter! Und euer Liebstes zu erretten, fallt freudig, wie
ich euch ein Beispiel gebe.

(Trommeln. Wie er auf die Wache los und auf die Hinterthür zugeht, fällt
der Vorhang; die Musik fällt ein und schließt mit einer Siegessymphonie
das Stück.)

Book of the day: