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Die Versuchung des Pescara by Conrad Ferdinand Meyer

Part 2 out of 3

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Da begann der Feldherr ohne weitere Einleitung: "Euer Herzog, Morone,
w¸nscht g¸nstigere Bedingungen? Es kˆnnte Rat werden, sobald mich
die Hoheit von ihren guten Absichten ¸berzeugt haben wird. Nehmen
wir einmal mein Ultimatum Punkt um Punkt miteinander durch." Er trat
an den Tisch und suchte ein Papier.

Nun empfand er einen heiflen Atem an der Wange, und ein Gefl¸ster
f¸llte sein Ohr. "Pescara", keuchte es, "nicht darum handelt es sich,
sondern Italien gibt dir sein Heer!"

"So ist es gut", erwiderte der Feldherr, ohne den Kopf zu drehen.
"Es unterwirft sich dem Kaiser?"

Da schrie es hinter ihm: "Nicht dem Kaiser, sondern dir, wenn du von
ihm abf‰llst!"

Jetzt wendete sich Pescara gegen den Tollk¸hnen und drohte mit
feindseliger Geb‰rde: "Du rasest! Ich weifl nicht, was mich abh‰lt,
dich zu ergreifen und aus dem Fenster zu werfen!"

Der Kanzler blieb furchtlos und schrie zum andern Male mit flammenden
Augen: "Diese Stunde bietet dir deine Grˆfle, Pescara! Lafl sie nicht
vor¸ber! Du w¸rdest es bereuen! Du w¸rdest daran sterben!

"St! Wie du schreist! Wenn man lauschte! hinter diesem Vorhang...
wenn ich selbst... h‰ltst du mich dessen f¸r unf‰hig? ‹berzeuge dich
doch und hebe die Decke!"

Morone war wieder vˆllig im Besitze seiner selbst, nachdem er die
Scham und den Schreck der ersten Worte ¸berwunden hatte. "Pescara",
sagte er, "ich habe stets gefunden, dafl der Schlaueste und am meisten
Argwˆhnische endlich doch an eine Stelle tritt und an einem Abgrunde
steht, wo er trauen und glauben mufl. So der Valentino mit dem Rovere,
so mein geliebtester Herzog der Mohr mit seinen Hauptleuten und
Schweizern."

"Beide wurden verraten, Morone!"

"Ja, Pescara, aber der feine Mohr und der ruchlose Borgia, beide
gingen sie vertrauend unter, und das war ein heller Schimmer von
Menschlichkeit ¸ber dem Dunkel ihres verdienten Sturzes. Wenn ich
das Grˆflte wage und von dir das Grˆflte fordere, werde ich in diesem
heiligen Augenblicke so l‰cherlich sein, einen Vorhang zu heben, wie
ein betrogener Ehemann, der den versteckten Buhlen seines Weibes
sucht? Nein, ich gebe mich preis! Hˆre mich an, und dann
¸berliefere mich dem Blocke, wenn du darfst!"

"Das ist nicht klein", sagte Pescara ohne Spott und f¸gte dann
zweifelnd hinzu: "Ob ich dich hˆre? Meine Neugierde ist rege, das
bekenne ich, und einem so heroischen Menschen darf ich doch nicht
einfach die T¸re weisen. Zuerst aber saget mir, Kanzler: Habe ich
Euch oder Eurem F¸rsten Grund oder auch nur den geringsten Anlafl
gegeben, meine Feldherrntreue zu beargwˆhnen?"

Der Kanzler verneinte.

"Viel Unwahres wird geredet: die Majest‰t habe mich schlecht belohnt,
und ich soll dieses schwer empfunden haben. Fuflet Ihr auf diesem
Undanke des Kaisers und auf diesem Grolle Pescaras, so tut keinen
Schritt weiter: Ihr w¸rdet in den tr¸gerischen Boden versinken."

"Da fufle ich nicht."

"Oder ermutigt Euch jene ˆffentliche Rede Italiens, die mir
schmeichelt und mir droht, mich verherrlicht und verd‰chtigt? Diese
italienische Meinung ist eine heimt¸ckische Sache. Sie soll mich in
Madrid entwurzeln und in Italien vergewaltigen. Ich habe vorgebeugt
und die arglistigen Schriften wie in einen K‰fig eingesperrte
Schlangen dem Kaiser ¸berliefert. Habet Ihr Eure Finger auch in
dieses Gift getaucht, Morone?"

Der Kanzler erbleichte. "Bei den Gˆttern der Unterwelt, daran trage
ich keine Schuld!" rief er aus.

"Du willst mich nicht ¸berlisten, Kanzler, so willst du mich
¸berreden?"

"Nein."

"Was denn?"

"‹berzeugen."

"Das Beste. Aber es wird Zeit kosten. Setzet Euch, Kanzler!" Er
r¸ckte mit rascher Bewegung zwei St¸hle, und jetzt saflen sie sich
gegen¸ber, Morone mit vorgebogenem Leib und Knie, w‰hrend der
Feldherr nachl‰ssig zur¸cklehnte.

"Pescara, welches ist die schˆnste deiner Schlachten, das Wunder der
Kriegskunst?"

Der Feldherr gab keine Antwort, da sich diese von selbst verstand,
aber er that einen leichten Seufzer.

"Und was hat der Kaiser aus deinem Siege von Pavia gemacht?"

Ein Blitz fuhr aus dem grauen Auge Pescaras. "Er hat ihn
verst¸mpert", murmelte er.

"Du gabst ihm einen erbeuteten Kˆnig, und Karl weifl nichts mit ihm
anzufangen! Er preflt ihn wie ein Wucherer. Er verlangt Vielf‰ltiges
und Unmˆgliches statt des Mˆglichen und Einfachen. Verzichte auf
Italien, Bruder, so h‰tte ein grofler Sieger zu Kˆnig Franz geredet,
das ist dein nat¸rliches Lˆsegeld, und das kannst du, ohne deinem
Frankreich wehe zu thun. Verzichte und ziehe!"

Pescara l‰chelte. "Du bist ein gef‰hrlicher Mensch, Morone, wenn du
Gedanken err‰tst. Aber nicht ich, du hast ihnen Worte gegeben. Ich
habe nichts gesprochen."

"Ich danke dem Kaiser!" fuhr der Kanzler sich begeisternd fort. "Er
hat die Siegesgˆttin von Pavia beleidigt, und sie kehrt zu dir, mein
Pescara, zur¸ck! Nicht nur f¸r, auch gegen den Kaiser hat sie
gek‰mpft. Sie hat Italien gegen die Fremdherrschaft vereinigt. Sie
hat ihm seinen Feldherrn gezeigt.

Mein Pescara, welche Sternstellung ¸ber dir und f¸r dich! Die Sache
reif und reif du selbst! Eine entscheidende Zeit, ein verzweifeltes
Ringen, Gˆtter und Titanen, Freiheit sich aufb‰umend gegen
Zwingherrschaft, die Welt heute noch Bewegung und Flufl, morgen
vielleicht zur Lava erstarrend! Und eine That, die f¸r dich
bereitliegt und zu welcher du geboren wurdest! Zuckt dir die
formende Hand nicht danach? Ein vern¸nftiges Werk, eine ewige
Gr¸ndung! Blick auf die Karte und ¸berschaue die Halbinsel zwischen
zwei Meerfarben und dem Schnee der Gebirge! Befrage die Geschichte:
ein lebendiges Geflecht, oft gewaltsam zerrissen und immer wieder
zusammenwachsend, von Republiken und F¸rsten, mit zwei alten Feinden,
zwei falschen Ideen, zwei grausamen Chim‰ren, Papst und Kaiser!
Siehe den ausgestreckten Finger Gottes, daran sich eine neue
Menschheit emporrichtet: eine sich selbst regierende und vereitelnde
Menschheit ohne hˆchstes Amt, weder weltliches noch geistliches, ein
Reigen frei entwickelten Genien, ein Konzert gleichberechtigter
Staaten--"

Pescara ergriff den beschwingten Redner am Arm, als wollte er ihn
festhalten. "Fliege mir nicht davon, Girolamo!" scherzte er.

Dieser rifl sich los und: "Lafl dich nicht hindern an diesem gˆttlichen
Werke", rief er, "durch abergl‰ubische Vorurteile und veraltete
Begriffe, die weder in deinem Kopfe noch in deinem Herzen, noch in
der Natur der Dinge sind. Ich kenne dich, Pescara: du bist ein Sohn
Italiens und wie dieses erhaben ¸ber Treue und Gewissen!"

"Ihr seid doch ein lasterhaftes Geschlecht, ihr Italiener", l‰chelte
Pescara. "Aber du machst dich grˆfler im Bˆsen, als du bist: denn
diese Weisheit kommt nicht von dir, sondern euer D‰mon, der
Florentiner, hat sie dir eingeblasen. Lebt er noch?"

Der Kanzler wuflte, wen Pescara meinte. "Er darbt, vergessen und
verachtet", erwiderte er mit Besch‰mung, "unser grˆflter Geist."

"Verdientermaflen. Es gibt politische S‰tze, die ihre Bedeutung haben
f¸r k¸hle Kˆpfe und besonnene H‰nde, die aber verderblich und
verwerflich werden, sobald sie ein frecher Mund ausspricht oder eine
strafbare Feder niederschreibt. Doch das sind Allgemeinheiten, und
alles k‰me auf die Anwendung an. Wie denkst du dir zum Beispiel,
Kanzler, das Thats‰chliche meines Verrates?" Dieser ˆffnete den Mund,
als h‰tte er unerschˆpflich zu reden. Da ber¸hrte ihn Pescara leise
mit dem Finger. "Sachte, vorsichtig!" warnte er. "Jetzt betrittst
du ein schmales und schwankes Brett: es kˆnnte kommen, dafl ich dich
nach deiner Rede als Verschwˆrer m¸flte in Fesseln legen lassen.
Sprich nicht in deinem eigenen Namen, rate ich dir, sondern lafl dir
eine Maske bieten, wie du sie liebst, und warum nicht die des
verschollenen florentinischen Sekret‰rs, ob er nun noch unter uns
wandle oder schon im Geisterreiche? Rede, NiccolÚ Machiavelli! Ich
werde dich schweigend und bewundernd anhˆren und dir dann doch
vielleicht beweisen, dafl du f¸r einen Staatsmann immer noch viel zu
viel Einbildungskraft besitzest. Oh, ich will dich kritisieren, mein
NiccolÚ! Aber beginne."

Dieser fortgesetzt scherzende Ton des Feldherrn beleidigte den
Kanzler, und er empˆrte sich dagegen: "Jetzt sei des Spieles ein Ende.
Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt f¸r
die Rettung seines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!"

"Um Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schlofl die Augen, wie
um besser zu lauschen. Jetzt erschrak der Kanzler einen Augenblick
vor der Bl‰sse und Strenge des magern Angesichtes. Doch er war
entschlossen.

"Es ist kein ‹bel, Erlaucht", begann er, "was Ihr dem Kaiser
berichtet habt; es ist gut, dafl Ihr Euch so lange als mˆglich sein
Vertrauen erhaltet und Euch selbst dann noch nicht erkl‰ret, wann der
Papst und die Liga ihr Manifest werden erlassen haben. Inzwischen
befestigt Ihr Eure Stellungen und sichtet Euer Heer." Pescara
runzelte die Stirn.

"Leyva mufl weg", forderte der Kanzler.

Pescara z‰hlte an den Fingern.

"Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwundert.

Dieser erwiderte ruhig: "Mufl Leyva draufgehen, so d¸rfen meine
deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an
Kaiser und Reich. Ihre H‰upter m¸ssen fallen. Oder vergifte ich sie
in einem gastlichen Trunke? Was r‰tst du, Kanzler?"

Morone erbleichte.

"Und was fange ich mit meinen spanischen Edelleuten an? Lasse ich
sie auch ermorden?"

"Die Kastilianer", antwortete Morone mit klopfendem Herzen, "fallen
wohl zum Kaiser zur¸ck. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher
Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen
Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den r‰uberischen
Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein
Ungeheuer!"

Pescara widersprach nicht.

"Eure Gemeinen aber, die aus allen L‰ndern der Erde zusammengeflossen
sind, beherrschet Ihr durch Eure unersch¸tterliche Seele und durch
Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelm‰fligen Sold,
wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehˆren jetzt
alle Sch‰tze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbufle an Leuten, so
f¸llet Ihr das Heer aus den Schweizern, die sich nun ¸berallhin
vermieten, seit sie aus Mangel an F¸hrung und an einem Staatsgedanken
ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre ausw‰rtige Politik
verscherzt haben."

"Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art
Z‰rtlichkeit f¸r die Schweizer, die er zweimal ¸berwunden und von
welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende
Sturml‰ufe erfundenen Stellung des Gesch¸tzes, in wenig Minuten ein
volles tollk¸hnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere
Volk, obwohl er seine Speerwunde von Pavia dem Stofl einer
Schweizerlanze verdankte. "Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber
schade", wiederholte er.

"Eures Heeres sicher", fuhr der Kanzler fort--"Nehme ich Mailand",
erg‰nzte Pescara. "Mein Plan ist entworfen."

"Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog ein Mitglied der Liga
ist, deren Feldherr Ihr seid."

"Richtig, das hatte ich vergessen. Auf alle F‰lle, Mailand ist der
Zentralpunkt. Und dann?"

"Gebietet Ihr ¸ber die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels,
die Kleinern nicht zu nennen."

"Halt, Morone! Neapel ist spanisch."

"Nach Neapel habet Ihr dann Euren Neffen gesendet als Euren Vizekˆnig,
der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen haben
wird."

"Als meinen Vizekˆnig? Ich Kˆnig von Neapel? Seit wann trage ich
die Krone?" fragte Pescara gelassen.

"Siehe, die gefl¸gelten F¸fle, die sie Euch bringen, sind vor Eurer
Schwelle", sprach der Kanzler errˆtend.

Die kalte Miene des Feldherrn erw‰rmte sich, wie von einem Strahle
ber¸hrt, nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines
nahenden Weibes. "Weiter getr‰umt, Morone", sagte er.

"Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Waffen und in
unnehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher
Sicherheit fort, "hindert nichts, dafl Ihr Euch mit dem Kaiser
auseinandersetzet, vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weifl, dafl
Ihr, obschon, nein, weil der erste Feldherr der Zeit, das
scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der
Strategie jenen plˆtzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der
Wahlstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergieflen,
denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und
ein zweites Heer in Italien zusammenbringen, nachdem er Euch und das
Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu
thun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen Abkommens."

"Ich kenne Euer B¸ndnis mit Kˆnig Franz, sogar seinen Wortlaut", warf
Pescara hin, "kann aber keinen Wert darauf legen. Der Kˆnig verqu‰lt
sich in seinem spanischen Kerker. Um eine Stunde fr¸her auf ein
gesatteltes Pferd zu springen, verr‰t er Eure Liga hundertmal, wie
ich ihn zu kennen glaube."

"Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen
Gesichte, "hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie
halte das B¸ndnis fest wie ihre Tugend--"

Ein Pfiff durchschnitt das Gemach... der Kanzler horchte verwundert.
Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigeschwirrt sein.

"Es sind noch andere da, die den Kaiser besch‰ftigen", fuhr er fort,
"der Halbmond und die deutschen F¸rsten."

"Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. "Mit den deutschen
F¸rsten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre kˆnnte sich der Kaiser
allenfalls vertragen. Meinst du nicht, Morone?"

Dieser antwortete denkend: "Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn
ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser
bedarf der Kirche f¸r sein schweres und dunkles Gem¸t, das er von der
Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kr‰ftigere Seelen."

"Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler?" fragte der Feldherr
neugierig.

"Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du und wir alle ein Bewohner
der Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit
¸ber das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Scheinen und auf
wogendem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unsers eigenen
und irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut
und Bˆse glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten
Gerichtes, wird jetzt, wie du weiflt, unversˆhnlich gestritten ¸ber
die beste R¸stung an jenem Tage der blasenden Posaune. Unsere kluge
Kirche ˆffnet ihre Buden und legt verst‰ndig ihren Vorrat an guten
Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Mˆnch aber zankt und schreit:
Das ist Plunder! Werft euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst.
Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr!
Solches aber zu glauben, braucht es eine grofle Tapferkeit, denn es
ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es
diese deutschen Kˆpfe fertig, so brauchen sie gar keine Pfaffheit
mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig
¸berlegen, die wir ungl‰ubig sind oder abergl‰ubisch.

Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an
sich, werden im Leben zu den realsten M‰chten, die kein Staatsmann
vernachl‰ssigen darf. Und du mit deiner groflen Aufgabe am wenigsten,
Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne."
Sein L‰cheln blieb unerwidert.

"Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. "Ich glaube an
eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern
hast du recht. Ich habe es mit Augen gesehen. Am Abende meiner
Schlacht"--er meinte die von Pavia--"sah ich im Lazarett zwei hˆchst
frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier,
diesen unter seinen Reliquien und in den Armen zweier Priester
zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude.
Ich sprach ihn an, denn ich weifl ein paar deutsche Wˆrter, und
erfuhr, dafl er traue und trotze auf den reuigen Sch‰cher. Doch
lassen wir diese Farben der Seele. Zur¸ck zu deiner Sache, denn ich
meine, dafl du noch nicht damit zu Ende bist." "Gewifl nicht, Pescara.
Dann erst, wann du durch das Schwert oder durch ein listiges
Abkommen den Kaiser aufler Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust
du deine Grˆfle und Italiens Freiheit. Die zwˆlf Arbeiten des
Herkules! Doch du rufst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens
unter die Waffen: Geduld und Entschlufl, Begeisterung und Berechnung,
Arglist und grofle Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird m¸flig gehen.
Du kennst dich noch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich
zeigen als der, welcher du bist, in deinem ganzen Wuchse: f¸r das
Volk ein furchtbarer und wohlt‰tiger D‰mon, f¸r das Heer ein
unfehlbarer Sieger, f¸r den Patrioten der Vollender Italiens, f¸r den
Gelehrten der wiederaufgelebte rˆmische Ehrgeiz, f¸r die F¸rsten,
soviel du ihrer bestehen l‰ssest, der herrschende Bundesgenosse. Du
beutest alle Mˆglichkeiten und Beg¸nstigungen des Jahrhunderts aus.
Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine St‰dte
und Provinzen zur¸ck, die du f¸r dich beh‰ltst; du reitest als
Schiedsrichter zwischen der verrˆchelnden Republik und den Mediceern
in Florenz ein, und sie gehorchen dir beide. Ja sogar die stolze
F¸rstin der Hadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich sehe dich",
jubelte Morone, "wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere verm‰hlst.

So w‰chsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem rˆmischen
Kapitol tausend frohlockende Arme vergˆtternd in die L¸fte heben und
dich ganz Italien als seinen Kˆnig zeigen, welches du dann, wie dir
jetzt, ich f¸rchte, noch nicht mˆglich ist, als deinen Besitz und
deinen Ruhm ein wenig lieben wirst, damit endend, womit ich
angefangen habe, denn allein meine Liebe zu Italien, das Beste, das
einzig Gute an mir, wirft mich dir zu F¸flen, du Kaltherziger!" Und
er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbr¸nstigen Geb‰rde,
dafl dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch
innerlich ergriffen schien, sei es, dafl ihn diese Wahrheit des
Gef¸hls in einem l¸gnerischen Geiste fesselte, sei es, dafl sein
m‰chtiger Verstand die angedeuteten Z¸ge seiner und Italiens
mˆglicher Grˆfle unwillk¸rlich zu einem lebensf‰higen Ganzen
zusammenschlofl.

Er liefl den Kanzler und schritt mit ¸ber der Brust gekreuzten Armen
mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zuf‰llig wieder
vor ihm stehenbleibend. "Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir,
Morone?" warf er hin.

"Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. "Je mehrere, desto
besser! Nur mit jenen langen und fruchtbaren Pausen, welche die
Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstˆrlich scheinende
Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpfen und beruhigen und
selbst das urspr¸nglich Frevle ents¸hnen und heiligen, nur auf
solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate
erreichbar. Dein bester Verb¸ndeter, Pescara, ist das Leben. Zehn,
zwanzig, warum nicht dreiflig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der
F¸lle der Kraft und schˆpfst nur so mit der Hand aus der
¸berstrˆmenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen,
und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen Gˆtter
Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, rˆmisch
gesprochen, ein J¸ngling bist und dich noch lange kein Todesschatten
ber¸hren darf!"

Ein plˆtzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das
Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so
feindseligen Blicke, dafl dieser um einen Schritt zur¸ckwich. "Weiflt
du", drohte er, "dafl, wenn mich mein Ehrgeiz ¸berw‰ltigen sollte, das
erste Opfer dein Gebieter, der Sforza, w‰re? Denn ich finge damit an,
euer Mailand dem Bourbon zu geben, der mein Alterego, meine rechte
Hand und ein Gonzaga ist. Ich w¸rde es ihm gˆnnen! ‹berlieferst du
mir den Sforza?"

"Bei allen Gˆttern, nein!" schrie der entsetzte Kanzler. "Ich meinen
Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empˆrt, "wie
darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit
dem Borbone zu beflecken!"

"Sehet diesen Menschen!" verhˆhnte ihn Pescara. "Gibt es etwas
Frecheres? Dem armseligsten F¸rsten will er Treue halten, und mutet
mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen
unzusammenh‰ngenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein
bleiben von Verrat!"

"Das ist etwas vˆllig anderes", wehklagte der Kanzler. "Der
Konnetabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du
von einem F¸rsten abf‰llst, welcher nicht der deinige ist. Meinen
Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im
Traume erscheinen!"... er that einen erb‰rmlichen Seufzer... "Doch,
dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht
l‰nger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!", und
die Tr‰nen brachen ihm aus den Augen.

"Heute nicht, Morone!" trˆstete ihn Pescara. "Wir sind beide erm¸det
und bed¸rfen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte.
"Ippolito", unterwies er den Knaben, "f¸hre den Herrn, der ein
grofler Staatsmann ist, in den Turmfl¸gel. Der Haushofmeister soll
ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes ˆffnen und ihn sorgf‰ltig
bedienen und reichlich bewirten lassen. Ihr findet eine gew‰hlte
Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schˆpfen, so steiget in den
Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die W‰lle. Ich lade
Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Victoria erwarte, der mein Abend
gehˆrt. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir
uns wieder."

"Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler.

"Alles geht vor¸ber. Noch eins: n‰hert Euch, ich bitte, den
Wachtposten nicht, Ihr verst¸ndet denn das Deutsche." Er sah den
Kanzler erbleichen. "F¸rchtet nichts", schlofl er freundlich und
entliefl ihn.

Wie er sich wieder umwendete, n‰herten sich ihm der Herzog und Del
Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der hˆchsten
Aufregung, der bleiche Bourbon mit fieberhaft gerˆteten Wangen, Del
Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, dafl das belauschte
Gespr‰ch und der gezeigte Ruhm sie beide verf¸hrt und bezaubert hatte.
Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden
Lorbeer. Noch schwiegen sie, aber ihre dringende und flehende
Geb‰rde wollte sich in Worte verwandeln. Da schlofl ihnen Pescara den
Mund.

"Herrschaften", sagte er, "hier wurde Theater gespielt. Das St¸ck
dauerte lange. Habt Ihr nicht geg‰hnt in Eurer Loge?"

Da schlug der Bourbon in plˆtzlich umspringender Stimmung eine gelle
Lache auf. "Trauerspiel oder Posse?" fragte er.

"Tragˆdie, Hoheit."

"Und betitelt sich?"

"Tod und Narr", antwortete Pescara.

Viertes Kapitel

Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos
auf und nieder. Die Fensterl‰den waren gegen die brennende
Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schofl hin und
wieder ein neckischer Strahl in die D‰mmerung, einen grellen Streifen
¸ber die Fliesen ziehend, w‰hrend die Tiefe der Gem‰cher im Geheimnis
blieb. Doch nicht der schmalste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die
Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben,
Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein
Schuldiger und Gest‰ndiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein
Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, dafl seine
Bloflstellung ihn gereut oder sein Halbgef‰ngnis ihn ge‰ngstigt h‰tte:
im Gegenteil, er schwelgte in der Groflmut seiner vˆlligen Hingabe.
Nicht einmal sein schm‰hlich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein
Gewissen, so g‰nzlich erf¸llte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu
bem‰chtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen
Menschen, dessen grofle Haltung und ernstes Spiel in der eben
beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort:
jedes Wort des Zwiegespr‰ches wiederholte sich in seinem Ohr, und
selbst jede Miene und Geb‰rde desselben bildete sich ab in seinen
Z¸gen und schwang in seinen Muskeln fort--doch ¸ber Sinn und
Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unlˆsbare, in
tˆdliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um
zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlusse zu kommen, noch sei Pescara
ungewifl, noch liege er im Kampfe mit sich selber.

Da gedachte er sehns¸chtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede
Minute ihm bringen konnte, und der Wert Victoria Colonnas deuchte ihm
unermefllich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht
ein aufstachelndes, herrschs¸chtiges Weib, wie damals deren manches
in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit f¸hrte
seine Sache, und in dieser jede Schˆnheit und Tugend Italiens
verkˆrpernden und von seinen Freveln und S¸nden freien Gestalt
erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich
selbst wiederzugeben, so einzig, dafl hier sogar ein Pescara und
gerade ein Pescara unmˆglich widerstehen konnte. Ein mit
unsittlichen Mitteln wirkendes B¸ndnis verkl‰rte sich in diesen
himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer "heiligen
Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die
Bewunderung des gˆttlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien
zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen
Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gef¸hle in
gleicher Weise und St‰rke f‰hig.

Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte
es ihn nach dem Tageslichte, er stiefl einen Laden auf und stand, sich
umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein
Herzog ihm oft erz‰hlt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte.
‹ber dem Get‰fel lief die vier W‰nde entlang ein gemaltes Geflechte
von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende
Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenbild der
Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit,
der s¸fle Lionardo da Vinci galt als der Schˆpfer des scheuseligen
Kranzes: w‰hrend seines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal
im herzoglichen Hause zu Novara sich aufgehalten und in wenigen
Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt
unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines F¸rstenhauses. Keine
Unmˆglichkeit, denn der Bildner des z‰rtlichsten L‰chelns liebte
zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergˆtzten, bald mit
be‰ngstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk
einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran ge¸bt hatte,
den Unget¸men und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen
eine Folge von nat¸rlichen Bewegungen zu geben. Dann plˆtzlich
erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler
wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster.

Er erblickte den einsamen Schloflgarten, der sich unter einem weiten
Gewˆlbe von B‰umen in tiefdunkle Schatten verlor. Dar¸ber das
blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchst¸ck der gezackten
Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus dem ¸ppigsten Gr¸n
auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten
sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend,
diese in einen weinumwundenen S‰ulengang verlaufend. Es wollte
Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht
auseinander herauswuchsen, m¸sse f¸r Victoria bestimmt und der
Gedanke Pescaras sein, der ihr nicht in einem schweren und von dem
Schritte der Wachen drˆhnenden Schlosse, sondern an einer gef‰lligen
und friedlichen St‰tte liebenden Empfang bereite. Auch deutete
mancherlei dr¸ben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen
eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung
den L‰rm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht l‰nger in
den unbehaglichen R‰umen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte
bald in einem gr¸nen Schattenreiche.

Seine Schritte f¸hrten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste
Halbdunkel herrschte und in dessen Mitte ein Brunnen seine
schimmernde Schale mit einer langsam strˆmenden Flut durchsichtig und
einschl‰fernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im
Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten,
schlummerte der Feldherr, das Haupt ¸ber die Brust gesenkt.

Nach einem leichten Erstaunen n‰herte sich Morone auf vorsichtigen
F¸flen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt
willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdr¸cke.
Lange stand er davor. Nein, es tr‰umte nicht ehrgeizig, dieses Haupt,
noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Z¸ge trugen, ohne
die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein
konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es
betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des
stillen Hauptes war so ¸berredend, dafl auch ihn eine fatalistische
Stimmung unwiderstehlich erfaflte, eine Gewiflheit von dem Nichts der
menschlichen Pl‰ne und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes
sagte das m‰chtige Antlitz als Frˆmmigkeit und Gehorsam.

Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers.
Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des
vor ihm Schlummernden von hinten ber¸hre, wandte er sich und
erblickte einen gelben Sch‰del und eine von Alter gebrochene Gestalt.
Zwei braune kluge, aber unendlich wehm¸tige Augen waren ihr einziges
Leben.

"Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt."

"Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und
setzen uns dort gegen¸ber, dafl ich ihn von ferne beobachte." Sie
thaten es, und der Arzt, der wohl achtzig z‰hlen mochte, doch sein
feines Gehˆr bewahrt hatte, liefl sich mit dem Kanzler in ein
lispelndes Gespr‰ch ein. "Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er.

"Ich weifl nicht", sagte der Kanzler. "Est in votis."

"Entt‰usche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so
kann er nicht."

"Er kˆnnte nicht? Warum? Das tˆnt geheimnisvoll. Welcher Gott oder
welche Gˆttin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!"

"D¸rfte ich reden, ich h‰tte dir von der Schwelle meines Hauses und
aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf
dich, du ƒrmster, auch nicht in dein Verderben st¸rzen lassen. Du
verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht,
beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm nicht beschieden.
Fliehe! Es ist alles umsonst."

"Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest
umschlungen! Bei allen D‰monen, warum ist es ihm nicht beschieden?"

Da hauchte der Arzt, dafl ihn Morone kaum verstehen konnte: "Ist nicht
aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem."

Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und
dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte
aufmerksam zu machen. "Still! Siehe!" fl¸sterte er. Auf leisen
Sohlen kam Victoria Colonna in den weiten gr¸nen Saal, den Gatten an
seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der
Strafle; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn
schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick.
Dann zerflofl sie plˆtzlich in Tr‰nen, aus einem ‹bermafl der Freude,
oder es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von
M¸hen und Wunden tiefer gegrabenen Z¸ge. Wenige Augenblicke aber,
und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter
das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit
inbr¸nstigen K¸ssen. Pescara ˆffnete die Augen. Sanft dr¸ckte er
sein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kufl auf die Stirne.

Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen
Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt
vor sich. Die Linke um Victoria schlingend, ergriff er mit der
Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: "Das ist mein
Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte
die schlaffe Hand mit K¸ssen. "Sie hat die Wunde meines Helden
geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie
sich auf und fragte in tiefer Erregung: "Messer Numa Dati?"

Der Alte verneigte sich.

Und Victoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich an
den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: "Ehe wir uns freuen, muflt du
mir und diesem Recht schaffen! Unser Neffe hat ihm die Enkelin
verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe
zu s¸hnen!"

"Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig
bejahte: "Warum hast du mir das verheimlicht?"

"Anfangs, Herrlichkeit, war es eine blofle Vermutung, da sie mein Haus
und Novara heimlich verliefl. Und wie durfte ich Euch, der sein
eigenes grofles Schicksal tr‰gt, mit dem kleinen eines M‰dchens
besch‰ftigen? Erst heute erhielt ich Gewiflheit, durch ein Schreiben
aus Rom, von der ƒbtissin, in deren Kloster das arme Kind sich
gefl¸chtet hatte."

Jetzt dr‰ngte sich Victoria flehend an die linke Seite ihres Helden,
der unter dem Drucke des Frauenleibes einen kˆrperlichen Schmerz zu
empfinden schien. Um ihn zu verbergen und zu verwinden, that er ein
paar Schritte vorw‰rts.

Die dreie standen vor den spielenden Lichtern des Brunnens.
"Schˆnste Frau, mich hat herzlich verlangt, Euch wiederzusehen",
sagte der Feldherr, "und da bist du ja, meine Seele!" Er blickte ihr
in die strahlenden Augen. "Aber deine edeln Lider sind ja noch ganz
best‰ubt von der Reise. Dein Tuch!" Sie gab es ihm, der es netzte,
und schlofl die Augen, w‰hrend er ihr Stirn und Lid und Wange wusch
und badete.

"Ich erinnere mich deiner Enkelin ganz wohl, Numa, obwohl ich sie
kaum gesehen habe. Tiefblaue Augen und kastanienbraune Haare, wie
diese da, nicht wahr, und Julia heiflt sie? Was ihre Sache betrifft,
die d¸nkt mich schwer und tragisch. Nicht dafl ich anst¸nde, den
Bˆsen, den du kennst, Victoria--auch ich kann ihn nicht anders
nennen--zur Ehe mit ihr zu zwingen, er w¸rde sich f¸gen, ohne Zweifel,
denn er ist mein Geschˆpf und ich habe Macht ¸ber ihn. Aber ich
frage mich, ob es gut sei, die Verschm‰hte an einen Herzlosen und
Grausamen zu fesseln, der freilich durch seine Vermessenheit und
Begabung in der Welt die hˆchsten Stufen erreichen wird. Und sie
selbst? Wird sie es verlangen? Glaubst du, Victoria? Hat sie es
verlangt, die sich dir in Rom zu F¸flen geworfen hat, wie ich vermute,
da du sie kennst?"

"So that sie", sagte Victoria mit flehender Stimme.

"Ertrug sie deinen reinen Anblick? Und im Ernst, du willst sie dem
Manne geben, der sie verschm‰ht? Wenn sie mein Kind w‰re, ich
vergr¸be sie ins Kloster. Ihr aber seid menschlich und barmherzig,
Madonna. Und wer weifl, vielleicht liebt sie ihn noch, oder liebt und
haflt ihn zugleich--ich verstehe das nicht. Doch ich will mich ihrer
annehmen, sie habe die Wahl."

Jetzt ˆffnete der Arzt den welken Mund. "Arme Julia! Welche Wahl!
Selig, dafl sie ihrer ¸berhoben ist!"

"Wodurch?" fragte Pescara.

"Durch eine dunkle, aber weise Gottheit."

"Ich verstehe", sagte der Feldherr rasch, "sie lebt nicht mehr."

"Du sagst es, Herrlichkeit."

"Sie hat sich ein Leides gethan?" wehklagte Victoria.

"Da sei ihr Schutzengel davor!"

"Wer weifl es? Als sie in ihr Kloster zur¸ckkam, nachdem sie sich
Euch geoffenbart, ist sie gestorben. Ihr Gest‰ndnis mufl sie getˆtet
haben, und der Anblick Eurer Reinheit, Madonna, wie die Herrlichkeit
es gewollt hat. Vielleicht ein Herzschlag, vielleicht--das willige
M‰dchen ist mir in meiner Apotheke oft mit Verst‰ndnis und Geschick
beigestanden."

Jetzt urteilte der Feldherr: "Das bleibe unberedet. Sie ist
eingegangen in den Frieden und steht jetzt in Dienst und Pflicht
einer heiligen Macht, die unserer erb‰rmlichen Gerechtigkeit spottet."

Victoria weinte, und der Greis flehte: "Ich kann nicht mehr! Es sei
gut!"

"Ja, es ist gut", schlofl der Feldherr.

Dann bot er Victoria die Hand und sagte leichthin: "Edle Frau, ich
habe Euch und mir, solange wir zusammen sein d¸rfen, ein helleres
Haus ger¸stet als dieses alte Schlofl mit seinen plumpen Deckenbalken,
diese Wohnung des Verrates, denn auf seiner Zugbr¸cke wurde der Mohr
ausgeliefert. Sehet Ihr dort bei den Pinien die anmutige Baute,
Madonna? Die habe ich Euch bestimmt: sie ziemt Eurem klaren Wandel."

Sie durchschritten den Park und langten am Fufle der drei Treppen an,
wo der greise Arzt stehenblieb, Atem schˆpfend und den Feldherrn
zur¸ckerwartend. Da Victoria die dritte Treppe erstieg, erblickte
sie zwei Bildwerke, welche rechts und links die hˆchste Stufe
schm¸ckten. "Das hat der junge Franz Sforza ersonnen, an welchem
sein guter Geschmack immer noch das Beste ist", plauderte Pescara.
"Diese Gruppen sind h¸bsche Gedanken aus seinem fl¸chtigen Kopfe.
Die rechts zum Beispiel. Erst konnte ich nicht aus ihr klug werden,
so sehr sie mir gefiel. Da sagte mir der G‰rtner die Inschrift, die
sie anfangs trug, die aber der feine Herzog verschwinden liefl, damit
der Beschauer f¸hle und rate. Sie lautete... doch das bringst du
heraus, Geliebte?"

Victoria, nachdem sie einen fl¸chtigen Blick auf die linke Gruppe,
ein ungebunden kosendes Paar geworfen hatte, betrachtete lange Zeit
die rechte. Es waren zwei weibliche Gestalten, eine liegend und
etwas wie eine Blume oder einen Schmetterling leichtsinnig
zerpfl¸ckend; die andere stand, innig vertieft in sich selbst, oder
in die Ferne verloren. Alle drei M‰dchen aber, das kosende, das
vergessende, das sich sehnende, hatten unter verschiedenem Ausdrucke
das gleiche Gesicht. Victoria sann. Da blies ihr der Feldherr
mutwillig ins Ohr, wie in der Schule ein Knabe einem M‰dchen: "Tu die
Augen auf, ein paar Buchstaben sind noch lesbar." Victoria entdeckte
links, schwach ausgepr‰gt: Pres..., rechts aber unterschied sie etwas
deutlicher: Ass... "Presenza und Assenza", erg‰nzte sie besch‰mt,
und der Feldherr sagte: "Die Gegenwart ist frech. Die Abwesenheit
aber, die vergiflt, ist gedankenlos. Ich preise die gegenw‰rtige
Abwesenheit: die Sehnsucht."

"Wir werden uns nicht mehr trennen, Ferdinand, wenn du mich lieb hast."

"Nur noch einmal. F¸r einige Tage, hˆchstens eine Woche, Madonna,
bis ich Mailand werde genommen haben. Ihr folget mir, und forthin,
wenn Ihr wollt, trennen wir uns nicht mehr. Es liegt an dir,
Victoria", sagte er z‰rtlich.

"Ob ich will!"

"Erinnerst du dich, Geliebte", scherzte er wiederum, "dafl du mir
einmal in Ischia am pl‰tschernden Strande gesagt hast, du begreifest
nicht, wie ein Weib, das geliebt habe, jemals einem Zweiten gehˆren
kˆnne? Es widerspricht der Liebe, sagtest du. Freilich, aber es hat
Erfahrung und menschliche Natur f¸r sich. Assenza, Assenza!"

Jetzt erhob sich Victoria zu ihrem ganzen stolzen Wuchs und streckte
den herrlichen Arm, von welchem der ƒrmel zur¸ckfiel, gegen den
leuchtenden Himmel und schwur: "Nie gehˆre ich einem andern, bei den
reinen Strahlen dieser Sonne!"

Der Feldherr beschwichtigte: "Dort stehen deine Kammerfrauen, Kind,
und bestaunen dein Gel¸bde, das sie dir wahrlich nicht nachtun werden."
Er winkte den in ehrerbietiger Entfernung harrenden Zofen und
beurlaubte sich bei der Marchesa. "Ihr werdet Euch umkleiden, Herrin,
und ich selbst habe noch bis zur Abendstunde zu thun. Auf
Wiedersehen hier, nach Sonnenuntergang, zum Sp‰tmahle." Er wendete
sich und ging, ohne nach ihr sich umzublicken. Unten an der Treppe
nahm er den Arm des greisen Arztes, langsam mit ihm durch einen
Zypressengang nach dem Schlosse zur¸ckwandelnd. "Wie war die Nacht
Eurer Herrlichkeit?" fragte der Alte.

"Wie gewˆhnlich", antwortete Pescara. "Du hast gegen deinen
Gastfreund reinen Mund gehalten, Numa?"

"Ich erinnerte mich Eures Befehles... Aber wie mˆget Ihr mit dem
Kanzler und meinem armen Italien dieses grausame Spiel treiben! Wie
d¸rfet Ihr es?"

"Ich spiele mit Italien, sagst du? Im Gegenteil, deine Landsleute,
Numa, spielen mit mir: sie heucheln Leben und sind tot in ihren
‹bertretungen und S¸nden."

Sie gingen eine Weile schweigend. "Weiflt du, Numa", spottete jetzt
der Feldherr, "dafl mich neulich ein Astrologe besucht und mir das
Horoskop gestellt hat? Er sch‰tzte mich auf sechzig Jahre, ich fand
das wenig."

Der Greis seufzte.

Wieder wandelten sie wortlos. Vor der schmalen Pforte der Burg
beurlaubte Pescara den Alten. "Meine Feldherrn erwarten mich, Numa,
ich habe sie auf diese Stunde beschieden." Da beschlich ihn noch ein
Mitleid mit den guten braunen Augen und dem zahnlosen Munde, und er
sagte freundlich: "F¸rchte nichts, Numa. Ich werde dein Italien
nicht miflhandeln, ich werde gerecht und milde verfahren."

In seinem Vorsaale fand der Feldherr den Herzog von Bourbon und Leyva
sich gegen¸berstehen, zwischen ihnen Del Guasto, als ob er sie
auseinanderhielte, und dann noch einen vierten, der in einer
Fensterbr¸stung lehnte. Dieser war ein vornehmer Mann in Jahren,
halb Mˆnch, halb Weltmann, mit einem bronzefarbenen Kopfe und tiefen,
unergr¸ndlichen Z¸gen, in einen kutten‰hnlichen weiflen Mantel geh¸llt.
Wie Pescara ihn erblickte, schien der Feldherr leicht zu schaudern,
ging aber auf ihn zu und begr¸flte ihn.

"Was verschafft mir die Ehre, Moncada?"

Der andere erwiderte: "Erlaucht, ich bin in Sendung und ersuche im
Namen des Vizekˆnigs um eine Unterredung."

"Ich gew‰hre sie", versetzte der Feldherr, "aber ich bitte Eure Gnade,
sich kurz zu fassen am Vorabende des Feldzugs."

"Eine geheime Unterredung."

Pescara besann sich. "Eine geheime? Nicht, Ritter. Gesch‰ftliches
w¸rde ich diesen zwei Herrschaften, meinen Kollegen, nicht
vorenthalten. Ersparet mir die M¸he. Mein Neffe hier ist
verschwiegen. Was ist Euer Auftrag? Sprechet, Ritter!" Er bot
Moncada keinen Stuhl.

Dieser musterte die anwesenden Gesichter. "Nach Eurem Willen", sagte
er. "Erlaucht, der Vizekˆnig ist in tiefster Besorgnis. Die
italienische Liga ist eine Thatsache, an welcher Erlaucht nicht
zweifelt, da Sie durch Leyva den Vizekˆnig um Truppen ersuchen liefl,
welche dieser freilich nicht entbehren kann, selbst ihrer bed¸rftig,
um im Falle des ausbrechenden Krieges eine ehrf¸rchtige, aber
drohende Bewegung gegen die irregegangene oder miflleitete Heiligkeit
zu machen. Erlaucht gibt zu, dafl unsere Heere im S¸den und Norden
der Halbinsel zusammenwirkend in denselben Plan eingreifen m¸ssen.
In diesem Sinne sendet mich der Vizekˆnig, Euch zu begleiten und ihn
auf dem laufenden zu halten. Genehmigt Erlaucht?"

Der Feldherr bejahte, seinen Unmut niederk‰mpfend.

"Ein anderes", fuhr Moncada fort. "Ich bedaure, dafl Ihr mich nicht
geheim empfangen habet, aber ich ergreife den Augenblick. Es wird
gew¸nscht in Madrid, dafl Erlaucht, wenn Sie Mailand erobert haben
wird, dort zum Heile der Monarchie, und um das ‹bel mit der Wurzel
auszurotten, streng und durchgreifend verfahre. Es wird geraten: der
abtr¸nnige Herzog werde in Ketten gelegt und nach Spanien gesendet;
der trotzige lombardische Adel verliere seine G¸ter und besteige das
Schafott; starke Besatzung und schwere Kriegssteuer b‰ndige den
B¸rger; der Schrecken herrsche in Mailand!" Er suchte in der Miene
des Feldherrn zu lesen.

Dieser stand ruhig. "Der Schrecken?" wiederholte er. "Niemals,
solange ich lebe und meinem Kaiser diene! Mailand ist Reichsgebiet,
und der Kaiser will nicht, dafl das Reich miflhandelt werde. Wer
w¸nscht? Wer r‰t? Verschonet mich mit R‰ten und W¸nschen, Moncada,
ich brauche sie nicht."

"Hat der Herzog um Aufschub gebeten?" fragte Moncada mifltrauisch.

"Nein, Ritter."

"Durch seinen Kanzler?"

"Der Kanzler der Hoheit von Mailand bewohnt seit heute diese Burg.
Eure Gnade kann ihn sprechen und sich bei ihm selbst erkundigen, Sie
wird ihm damit ein Vergn¸gen machen, denn ich f¸rchte, dafl er sich
langweilt."

"Erlaucht hat ihn nicht empfangen? Keine Neugierde l‰flt mich fragen,
sondern das Interesse der kˆniglichen Sache, welcher wir alle hier
dienen."

"Ich habe den Kanzler gesprochen, heute morgen, zwei Stunden."

Diese Aufrichtigkeit setzte Moncada in Erstaunen, aber sie sagte ihm
nichts Neues. Er war durch die sp‰henden Ohren, welche er unter dem
Gesinde Pescaras besoldete, von der Ankunft und der Audienz Morones
genau unterrichtet.

"Eine lange Beredung, da doch allein von der Unterwerfung des Herzogs
die Rede sein konnte."

Pescara schwieg. Geheimer Abscheu, so schien es, verbot ihm, den vor
ihm Stehenden nur eines Wortes zu w¸rdigen ¸ber das Nˆtige hinaus.

"Ich wundere mich", sprach Moncada weiter, "dafl Erlaucht nicht kurz
abgebrochen, und ich erstaune, dafl Sie diesen Niedertr‰chtigen
¸berhaupt empfangen hat, jetzt, da jene Verleumdungen ¸ber Erlaucht
Italien erf¸llen."

"Nicht weiter! Jedes Wort w‰re eine Beleidigung und ein Zeitverlust!
Ich habe diese L¸gen meinem Kaiser berichtet. Das gen¸gt. Ich
kenne meine Feinde..."

"Weise. Und ebenso weise, wenn Erlaucht Ihrer Unterredung mit Morone
unverd‰chtige Zeugen gegeben h‰tte."

"Das geschah", erwiderte Pescara ver‰chtlich. "Diese Herrschaften
hier." Bourbon und Del Guasto nickten. "Was aber den Inhalt der
Unterredung betrifft, nach welchem Ihr neugierig zu sein scheinet, so
werdet Ihr ihn der Antwort entnehmen, welche ich in Eurer Gegenwart,
wenn Ihr es w¸nscht, dem Kanzler morgen zu geben gewillt bin, bevor
er meinem Heerzug als ein Gefangener folgen wird. Hier in diesem
Saale. Nun aber lasse ich Euch." Und er entfernte sich in sein
inneres Gemach, wohin die drei andern ihm folgten.

Moncada stand allein. "Eine Maske", ¸berlegte er, "eine durchdachte
Maske. Welch ein Antlitz verbirgt sie?... Ich werde es wissen...
Du entrinnst mir nicht, ich umschwebe dich, Pescara!" Er ging
langsam weg in streitenden Gedanken.

W‰hrend die drei Feldherrn drinnen den Krieg vorbereiteten, blieb der
Vorsaal eine Weile leer und unbeh¸tet. Der Page Ippolito hatte sich
zu der Herrin hin¸bergeschlichen, deren Ankunft er belauscht hatte
und deren Schˆnheit und Leutseligkeit er kindlich bewunderte. Er
brannte, sie zu begr¸flen und ihr seine Dienste zu bieten. Dann aber
bevˆlkerte sich der feierliche Saal mit einer lustigen Gesellschaft.
Die f¸nf silbergrauen Windspiele des Konnetabel, n‰rrische, noch ganz
junge Tiere, hatten irgendeinen unbewachten Eingang in das Schlofl
gefunden und beschnoberten jetzt die Spalten der T¸re, hinter welcher
sie ihren Herrn vermuteten. Diese Rasse war Modesache. Nun kam auch
der Windhund des Marchese, ein edles Tier und ein unerm¸dlicher
L‰ufer, zu sehen, was es gebe, und war nicht sehr erbaut von dieser
leichtsinnigen Sippe, die ihm nicht in diesen ernsten Raum zu gehˆren
schien und der er knurrend sein Miflfallen kundgab.

Siehe, da erschien noch ein zartes, zierliches Windspiel, ein
schneeweifles Geschˆpf von den feinsten Formen, das auf schimmerndem
Silberhalsband die Inschrift trug: "Ich gehˆre der Victoria Colonna."
Zuerst mit Freude und Bewunderung empfangen, wurde das schmucke
Spielzeug bald zu einem gejagten und gehetzten Wilde, hinter welchem
die ganze jugendliche Meute kl‰ffend im Kreise herumfuhr. Da kam der
Page hereingesprungen, nahm das Eigentum der Herrin, welche ihn
danach gesendet haben mochte, in die Arme und fl¸chtete es aus dem
Tumulte, die wilde Jagd hinter sich ziehend, den besonnenen L‰ufer
des Pescara ausgenommen. In demselben Augenblicke trat Leyva aus dem
innern Gemache und beschleunigte die allgemeine Flucht, indem er dem
hintersten H¸ndchen des Konnetabel einen Tritt versetzte, dafl es
winselnd durch die Luft flog.

Der ergraute Feldherr hatte einen zornroten Kopf und liefl sich von
Pescara, der ihn geleitete, kaum mehr an der Hand zur¸ckhalten.
"Leyva", sagte der Marchese, "ich bitte Euch, bleibt! Beherrschet
Euch! Ich kann Euch nicht zwingen, gegen den Herzog gerecht zu sein,
aber beobachtet wenigstens die Formen! Der Herzog benimmt sich
musterhaft gegen Euch, mit tadelloser Courtoisie, Ihr aber zoget ihm
die grinsende Miene eines Bauers, und jetzt lauft Ihr weg, ehe unsere
Beratung geschlossen ist. Das ist kein Betragen, wie es sich f¸r
Eure Stellung und Euer Verdienst geziemt." "Ich konnte den Verr‰ter
nicht l‰nger ertragen, Pescara! Mit jeder Miene, jeder Bewegung hat
mich der Hochm¸tige beleidigt! Nichts als Hohn! Seine K‰lte
verachtet mich, und seine Verbeugungen spotten meiner. Ich mˆchte
wissen, woher er das Recht nimmt, auf mich herabzusehen. Ich stehe
¸ber ihm, trotz seiner hohen Geburt, denn meine Ehre ist rein, und
ich bin ein treuer Knecht meines Kˆnigs, den seinigen aber hat er
verraten! Er ist gezeichnet und sein glattes Gesicht garstiger als
meine Wunde hier! Doch nicht alle F¸rsten verachten mich, es gibt
deren, die meinen Wert kennen. So dieser verst‰ndige Moncada, mit
dem ich gereist bin. Der wenigstens hat mich seines Vertrauens
gew¸rdigt."

Pescara wurde sehr ernst. "Leyva", sagte er, "Ihr gebet mir die
Genugtuung, dafl ich Euch immer f¸r voll genommen habe. Ich frage
nicht nach der Geburt, sondern ich nehme den Menschen, wie ich ihn
erprobe. Habet Ihr mich je hochm¸tig gesehen oder kleindenkend
erfunden? Du hast nichts gegen mich, Alter", sagte er zutraulich,
"wir kennen uns." Er suchte mit den hellen grauen Augen die des
Mitfeldherrn, der sie ihm aber, den Kopf senkend, hartn‰ckig entzog.
"Nichts", murrte Leyva, "aufler dafl Ihr Freundschaft haltet mit dem
andern. Doch ich habe Eile: Erlaucht schickt mir die Instruktionen
nach. Ich besitze dergleichen gerne schriftlich. Leyva tut seine
Pflicht. Z‰hlt darauf!"

Der Feldherr liefl ihn gehen und streichelte nachdenklich den feinen
Kopf seines Windspieles, das ihm denselben in die Hand zu legen
gekommen war.

Dann trat er in sein Gemach zur¸ck, wo er Bourbon und Del Guasto in
einem aufgeregten Gespr‰che fand, wohl ¸ber den Kanzler, denn sie
deuteten mit den Blicken in der Richtung der Turmgem‰cher. Der
Feldherr l‰chelte. "Herrschaften", sagte er, "Ihr habet heute morgen
eine wunderbare Rede belauscht und--noch wunderbarer--diese Rede hat
mich nicht verf¸hrt, aber Euch, meine Zeugen. Meine Treue blieb fest,
und die Eurige wurde ersch¸ttert, wie ich glaube: ein Triumph, den
der Kanzler nicht beabsichtigte, der ihm aber schmeicheln darf."

Jetzt wendete er sich mit ver‰nderter Miene gegen Del Guasto: "Don
Juan, ich sah Eure Augen habgierig nach Beute flammen. Danket es mir,
dafl ich Euch nicht zu Worte kommen und Euern Herrn, den Kaiser,
verraten liefl. Denn gerade Ihr, Don Juan, m¸sset der Majest‰t
unverbr¸chliche Treue halten, wenn Ihr nicht ein Verbrecher werden
wollet. Treue am F¸rsten ist die einzige Tugend, deren Ihr zur Not
f‰hig seid, und der letzte Ehrbegriff, der Euch ¸brigbleibt. Sie
wird Eure Unerbittlichkeit adeln, wenn Ihr dieselbe gegen Abfall und
Empˆrung aus¸bet, und Eure grausamen Triebe werden der irdischen
Gerechtigkeit dienen. Nehmet das als meinen wohlgemeinten Rat, und
nun gehet und vermeidet heute die Augen Donna Victorias. Euer
Anblick ist ihnen verhaflt, sie kˆnnen einen Mˆrder nicht ertragen."

"Einen Mˆrder?" Don Juan lehnte sich auf.

"Einen Mˆrder. Kennet Ihr Euer Opfer noch nicht? Ich nenne es Euch:
es ist Julia, die Enkelin meines Numa Dati, gestorben in Rom am
gebrochenen Herzen, und Ihr seid es, der sie umgebracht hat. Ihr
geschah wohl, aber das mindert Euren Frevel nicht im geringsten.
F¸rchtet nicht, dafl sie Euch erscheinen werde, sie ist versenkt in
die Ruhe und ¸berl‰flt Euch den Furien Eurer Seele, zu fr¸her oder
sp‰ter Reue."

Del Guasto erbleichte, und sein Haar str‰ubte sich wie ein Gewirr von
Schlangen. Nicht seine That erschreckte ihn, aber der furchtbare
Richterernst des Feldherrn, dessen vernichtende Strafgewalt von
jenseits des Grabes zu kommen schien. Er entwich best¸rzt vor den
Blitzen dieses Auges.

"Familienangelegenheiten", bemerkte Bourbon. "Aber weiflt du,
Ferdinand, dafl der Kanzler mich mehr, als du denkst, begeistert hat?
Trotz seiner Schm‰hungen--er ist der einzige, dem ich nichts
¸belnehme--war er auf dem Wege, mich vˆllig zu betˆren, oder vielmehr,
du hast mich betˆrt, da du sagtest, ich sei dein Alterego und du
w¸rdest mir Mailand geben. Du hast dich ¸ber mich lustig gemacht,
und ich Stumpfsinniger habe den Spafl nicht verstanden."

"Vergib, Karl! Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue
hielte. Aber glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache
des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhˆhlt
sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir
flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Grˆfle,
und zugleich zieht es mir mit vollendeter T¸cke den Boden unter den
F¸flen weg, um mich zum Sprung ¸ber den Abgrund zu zwingen. Ich
begreife bei solchen Ger¸chten und Verleumdungen, dafl mir Madrid
einen Aufseher und Belauscher sendet. Aber warum meinen Feind?
Warum Moncada? Zwar er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein
Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich
kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist
gerecht in Italien? Du qu‰lst es nicht? Du dr¸ckst es nicht ¸ber
das Mafl? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient
haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um."

"Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gesprochen
hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind
gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir oder uns beide
zusammen niederstrecken. Dieser Moncada ist ¸ber dich gekommen wie
ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?"

Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der T¸re. Der
eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn:
"Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel dr¸ben ist gedeckt,
und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen
herabsteigt."

"Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme."

"Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze, "sonst
l‰flt sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches
Gespr‰ch ein, und die s¸fle Frau wird vergessen."

Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem
Herzog fortsetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm
geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von
welcher er wuflte, dafl sie von dem Pagen nicht verstanden wurde. "Was
zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein
Verdacht, der f¸r mich eine Wahrheit ist, f¸r welchen ich aber keinen
Beweis habe als meine ‹berzeugung. Ich glaube, ja ich bin gewifl:
dieser Mensch hat meinen Vater umgebracht." Er gl‰ttete die Locken
des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte.

"Es war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier,
jedenfalls nicht ‰lter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein
besserer Mann als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des
damaligen Vizekˆnigs, des groflen Gonsalvo, der sp‰ter den spanischen
Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben
hofhielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unsers
neapolitanischen F¸rstenhauses, jenen ungl¸cklichen J¸ngling, der
unter dem argwˆhnischen Auge Ferdinands welken muflte, mit einem
unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater
war--ich sage dir, es gab keinen schlichtern Mann--, liefl er sich mit
dem entthronten Prinzen in ein teilnehmendes Gespr‰ch ein und
besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem
Kˆnige verd‰chtig zu machen, und dieser Verdacht gen¸gte, um ihm das
Leben abzusprechen.

Ich erz‰hle dir die Sache, wie ich sie nachher erforscht und
zusammengebracht habe, da, bei reiferm Verstande und erlangter
Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung f¸r mich
gewann. Es ist hˆchst wahrscheinlich, dafl der Kˆnig selbst sein
Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort oder einer
kurzen Geb‰rde. Die Ausf¸hrung seines geheimen Spruches aber
¸bernahm ein junger Mensch, den er um sich hatte und von dem es hiefl,
dafl er sein nat¸rlicher Sohn sei. Der junge Moncada, kein anderer,
begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zur¸ckkam, in einer
Galerie des Schlosses und stiefl ihn nieder. Kein Zweikampf, sondern
ein Meuchelmord, denn die Rechte des Vaters war durch eine alte
Verwundung gel‰hmt. Und Pescara fiel unschuldig, so wahr ich dich
umschlungen halte, denn nichts lag dem Redlichen ferner als Intrige
und Verschwˆrung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte
der junge Moncada eine Pflicht zu erf¸llen und als guter Christ zu
handeln, da er dem Wink einer Kˆnigsbraue gehorchte. Ist das nicht
abscheulich? W‰re so etwas bei euch mˆglich, Karl?" "In Frankreich?
Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht."

"Nach Jahren, da ich meine ersten Sporen verdient hatte, treffe ich
den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des
Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich seinen jungen Helden,
den aufgehenden Stern und die Hoffnung Spaniens, und sein Blick
gleitet mit ruhiger Beobachtung ¸ber meine Z¸ge. Er versichert mir,
ich gleiche meinem Vater, den er gekannt habe, und das Blut erstarrt
mir in den Adern, denn ich hatte die Gewiflheit, dafl mich der Mˆrder
Pescaras liebkosend in den Armen halte."

"Du lieflest ihn gehen?"

"Am Abende jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen oder ihn das
meinige nehmen zu lassen. Er war verschwunden. Ich konnte ihn nicht
verfolgen. Wo h‰tte ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte und
in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des
gemordeten Vaters folgte mir ¸berall.

Sp‰ter erfuhr ich, der Verhaflte habe sich in irgendeine Kartause
geworfen, um eine S¸nde zu b¸flen. Dann ist er jenseits des Meeres,
in Kuba, wieder aufgetaucht, wo ihm Kˆnig Ferdinand reiche
Besitzungen verlieh, und hat den k¸hnen Cortez nach Mexiko begleitet.
Ich denke, um den ehrgeizigen Eroberer zu ¸berwachen: denn Moncada
lebt in den Gedanken und Pl‰nen seines Vaters und ist im
Zusammenhange mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen
Hofe, welcher die Burgunder und Niederl‰nder gl¸cklicherweise die
Waage halten. ‹ber das Meer zur¸ckgekehrt, hat er sich ein Verdienst
daraus gemacht, durch sein verborgenes Wirken Neuspanien der Krone
erhalten zu haben, und steht in halb gef¸rchtetem Ansehen, auch bei
dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu
unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada."

"Weiflt du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte,
"ich h‰tte dir l‰ngst gern einen Gefallen gethan. R‰che ich dir den
Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch
Meuchelmord, das ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu
welchem ich schon einen Anlafl finde. Ich gef‰hrde mich nicht, denn,
ohne dir nahezutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als
ihr Spanier. Du bleibst aufler Spiel, und mich sch¸tzt meine
f¸rstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu deiner Verf¸gung."

Da antwortete Pescara mit fast verkl‰rten, bl‰ulich schimmernden
Augen: "Nein. Es ist zu sp‰t. Ich denke jetzt anders und gebe den
Mˆrder der ewigen Gerechtigkeit."

Bourbon blickte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und
sagte: "Nun d¸rfen wir Madonna Victoria nicht l‰nger warten lassen."

Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den
Knaben: "Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten
Male gesehen hast?"

"Sie war gleich so g¸tig", erwiderte Ippolito, "und ihr sah die
Schwester ‰hnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll"--helle Z‰hren
rieselten ihm ¸ber die Wange--"weil sie, wie mir der Groflvater
erz‰hlte, in einem rˆmischen Kloster ist und dort die Gel¸bde
abgelegt hat. Und sie war sonst so frˆhlich, die Julia, aber
freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag
sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte das, w‰hrend sie ins
Freie traten.

"Ich flehe, mich der erleuchten Frau vorzustellen", bat der
Konnetabel. "J¸ngst fand ich, ein Buch ˆffnend, die Natur habe das
Herrlichste gebildet und dann die Form zerbrochen, damit Victoria
Colonna einzig bleibe. Ihr gˆnnet mir den Anblick?"

Sie beschritten den langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in
einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorw‰rts strebende
weibliche Gestalt rifl sich von einem Manne los, der ihr zu F¸flen lag.
In demselben Augenblicke schrie Ippolito: "Dort ist der bˆse
Zauberer, er will der Herrin ein Leides thun!", und eilte
spornstreichs Donna Victoria zu Hilfe, w‰hrend der Kanzler von den
Knien aufsprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand.

Die Befreite eilte dem l‰chelnden Gemahl mit schnellen F¸flen entgegen
und mit einem so jungen und kr‰ftigen Errˆten, dafl Pescara sie
niemals schˆner gesehen zu haben glaubte. W‰hrend ihr Gewand noch
flog, sagte die nicht einmal aufler Atem Gekommene. "Ein Flehender
hat mich ¸berfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu
f¸hren: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen,
da er sich in Zweifel und Erwartung verzehre."

"Er hat seine F¸rbitterin gut gew‰hlt, Madonna", versetzte der
Feldherr, "aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, dafl ich Euch
die Hoheit Bourbon vorstelle."

Victoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter
Teilnahme nicht.

Der Herzog liefl nicht im geringsten merken, dafl ihn der kniende
Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig und hielt
sich fein und stolz aus R¸cksicht f¸r Pescara und im Bewufltsein
seines schmachvollen Ruhmes, das ihn nie verliefl. Er bewunderte die
Schˆnheit Viktoriens, ohne sein dunkles Auge auf ihrem Antlitz oder
ihrem Wuchse ruhen zu lassen. Er schmeichelte nicht, er streute
keinen Weihrauch, sondern er sagte einfach: "Ich freue mich, Madonna
Victoria zu erblicken, die Gattin meines Freundes, des Marchese, und
huldige ihr nach Geb¸hr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken
gehend, in ein leichtes und gef‰lliges, aber unbedeutendes Gespr‰ch,
und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schied unten an
der Treppe des Landhauses mit ruhiger Hˆflichkeit. Victoria, so
bescheiden sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewˆhnung, denn
ihr pflegte von den Ber¸hmtheiten der Zeit auf das ¸bertriebenste
gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und bel‰chelte ihre
Entt‰uschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon
wachsenden D‰mmerung.

Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria liefl es sich
nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber
r‰chte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Fr¸chten und Naschwerk
erblickte er eine von seinem Zuckerb‰cker kunstvoll geformte
Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas f¸r meine ehrgeizige
Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann.

Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende
Ampel gleichm‰flig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke
schimmern liefl. An den W‰nden liefen Kinder mit Blumenkr‰nzen,
w‰hrend das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund
gemalte Heroenb¸sten zeigte, eine willk¸rlich gew‰hlte Gesellschaft,
auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: ƒneas, Kˆnig David, Herkules
und Pescara. Das ganze Ger‰t war ein Ruhebette, dessen R¸cklehne in
ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug:
"Hier mufl man plaudern."

"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend,
"dafl mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen
Eindruck macht, dafl er mich--geradeheraus gesagt--abstˆflt?"

"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der
garstige Leyva und die schˆne Victoria f¸hlen sich gleicherweise von
dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unstr‰flich
benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da mufl sich etwas zwischen ihn
und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl,
dieser entstellende Dunst und verh‰fllichende Nebel ist sein Verrat
oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Kˆnige geben will."

Eine leichte Bl‰sse ¸berzog das Antlitz Victorias.

"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist
begreiflich, dafl ein edles Weib diese S¸nde verabscheut. Ob ich
meinem F¸rsten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem
ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind
Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und grofler
Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als
die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder
Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verr‰ter zermalmt. Den ersten
weifl ich: es ist jener, der den Heiland gek¸flt hat. Wer aber sind
die zwei andern: die, welche Luzifer an den F¸flen gepackt h‰lt und
die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke
nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weiflt ja die hundert
Ges‰nge auswendig." Victoria rezitierte:

"Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto,
Quel, che pende dal nero ceffo, Ë Bruto:
Vedi come si storce, e non fa motto:
E l'altro Ë Cassio, che par sÏ membruto*1*)."
----------------
Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen,
Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder,
An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen.
----------------

Behaglich plauderte der Feldherr weiter: "Dieser schweigend sich
windende Brutus ist gut, doch--mit der schuldigen Ehrfurcht--den
d¸rren Cassius, dessen Magerkeit Julius C‰sar f¸rchtete, wie kann ihn
Dante muskulˆs nennen? ‹berhaupt, Victoria, wie gef‰llt dir diese
Speise des Zerberus?"

Da antwortete Victoria tapfer: "Herr, die Mˆrder C‰sars gehˆren nicht
in die Hˆlle. Hier tadle ich meinen Dichter."

"Beileibe nicht!" neckte Pescara. "Und doch, brav, meine Rˆmerin!
Treue ist eine Tugend, aber nicht die hˆchste. Die hˆchste Tugend
ist die Gerechtigkeit." So schaukelte Pescara sein Weib ¸ber dem
Abgrund und dem Geheimnis seiner Seele und hinderte sie, Fufl zu
fassen, die mit dem ganzen Ungest¸m ihres Wesens Boden suchte, den
Sieg erstrebend, den zu erringen sie nach Novara geeilt war. Auf
immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie
ferne hielt. Jetzt hatte sie die Eingebung, den grˆflten lebenden
Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen.

"Ich muflte mich immer wundern, Pescara", sagte sie, "dafl du, wie du
bist, unter unsern Bildnern und Dichtern die lieblichen den
gewaltigen vorziehst, den Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und
seinem sp‰ten, aber ebenb¸rtigen Bruder, dem Buonarotti--du selbst
aber bist eine tiefe und verborgene Natur."

"Ebendarum, Victoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergˆtzung.
Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht
eifers¸chtig auf den Zyklopen mit dem zertr¸mmerten Nasenbein, da du
ihn so sehr bewunderst."

Victoria l‰chelte. "Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne
nur seine Sistine."

"Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch
betrachtet und aufmerksam, doch sind sie mir wieder verschwommen, bis
auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gestr‰ubtem
Haar, der vor einem Spiegel zur¸ckbebt--"

"Worin er die Drohungen der Gegenwart erblickt", erg‰nzte sie erregt.

"Und dann die Karyatide, von einer ungeheuren Last zusammengedr¸ckt,
das kurze, viereckige, jammervolle Geschˆpf! Das h‰fllichste Weib
ohne Frage, wie du das schˆnste bist--"

"Eine Vergewaltigte, eine Unterjochte, eine Sklavin--"

"Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharja,
oder wer es sein mag, ein Bein oben, eines unten, der scheltende
Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch
die Sibyllen: die gekr¸mmte Alte mit der Habichtsnase, die glimmenden
Augen in ein winziges B¸chlein vertieft, mit der Nachbarin, die sich
÷l in die erlˆschende Ampel gieflen l‰flt, und, die schˆnste von allen,
die Jugendliche mit dem delphischen Dreifufl. Alles in rasender
T‰tigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?"

Da rief Victoria in flammender Begeisterung, als s‰fle sie selbst im
Rate der Prophetinnen: "Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und
verk¸ndigen den kommenden Retter und Heiland!"

"Nein", urteilte Pescara streng, "die Stunde des Heils ist vor¸ber.
Nicht Gnade verk¸ndigen sie, sondern das Gericht."

Victoria erbebte, aber schon wieder war der strafende Ernst aus den
Z¸gen Pescaras gewichen. "Verlassen wir jene prophetische Kapelle",
sagte er schmeichelnd, "und eine Kunst, die erschreckt und
ersch¸ttert. Mich aber darfst du nicht gemeint haben, da du von
einem Heiland Italiens sprachest, obwohl ich freilich die Seitenwunde
schon bes‰fle", schlofl er mit einem jener herben Scherze, welche ihm
eigent¸mlich waren.

Die ganze Z‰rtlichkeit Viktoriens ¸berquoll, da Pescara jene Wunde
nannte, welche ihre Tage und N‰chte besch‰ftigt hatte, bis er ihr
schrieb, sie habe sich geschlossen. Das liebende Weib umschlang ihn
mit der Linken, und mit der Rechten strich sie ihm die rˆtlichblonden,
vorne leicht gelockten Haare tief in die Stirn, so dafl er im
Ampellicht und in ihrer wonnigen N‰he ein ganz jugendliches Ansehen
gewann.

Da ¸berkam sie eine Erinnerung an einen zusammen verlebten, nicht
allzufernen Tag. Es war in der N‰he von Tarent, auf einer ihrer
Besitzungen. Dort hatten sie, freilich erst nach dem vˆlligen
Untergang einer sengenden Erntesonne, unter dem vergl¸henden
Abendhimmel neben ihren noch r¸stigen Schnittern zur Sichel gegriffen
und sich jedes seine Garbe gebunden. Wieder sah sie den Feldherrn
l‰ssig auf der seinigen liegen, w‰hrend sie die Schnitterm‰dchen,
leicht improvisierend, eine neue Kantilene lehrte nach dem Muster der
dort im S¸den gebr‰uchlichen, die dann das junge Volk bis in die
Nacht zu wiederholen nicht m¸de wurde. Jenen Abend brachte sie jetzt
dem Feldherrn ins Ged‰chtnis.

Es freute ihn. "Weiflt du jenes Liedchen noch?" fragte er.

"Wie sollte ich?"

"Nun, es gab da einen Reim: Schnitter und Zither. Sonst sagte das
Liedchen nichts weiter, als dafl, wie auf dem Felde, auch im Himmel
gesungen und die Garbe getragen werde. Das bescheidene Liedchen
klingt vielleicht noch im Munde des Volkes, wenn ich und sp‰ter auch
du l‰ngst verstummt sind, und, aufrichtig, es gef‰llt mir besser als
ein mir neulich ¸bersendetes Sonett, in welchem du feierlich zu mir
redest. Ruhig, Victoria! Es ist nicht von dir. Ich weifl, dafl es
nicht von dir ist."

Sie loderte vor Zorn. "Wer erk¸hnt sich", rief sie aus, "meine Maske
zu nehmen und in meinem Namen zu dir zu reden? Wer ist der Freche?
Wo ist das Machwerk, dafl ich es zerreifle!"

"Oh, das w‰re schade. Es sind Verse, die dir keine Schande machen.
Hier." Der Feldherr zog ein Blatt aus dem Busen. Sie entrifl es ihm
und trat unter die Ampel. Mit wogender Brust und hastigen Lippen
begann sie:

"Victoria an Pescara.

Ich heifle Sieg, Pescara, und ich krˆne
Mit Lorbeer deine Schlachten und Gefechte,
Doch wehe mir, wenn ich die Heimat knechte,
Miflbrauchend meines Namens stolze Tˆne.

Da ich mich dir verm‰hlt in Jugendschˆne,
Aus Rˆmerblut und f¸rstlichem Geschlechte,
Gab ich dir in Italien B¸rgerrechte
Und brachte dir die Liebe seiner Sˆhne.

Ich komme, Lohn zu fordern f¸r ein Leben,
Nur dir geweiht in hellem Opferbrande!
Mein Held, was wirst du deinem Weibe geben?

Ich weifl die Geister, welche dich umschweben!
Zerschneidend mit dem Schwert Italiens Bande,
Belohnst du mich mit meinem Vaterlande!"

Nie verwandelte sich eine Stimmung seltsamer unter dem Eindruck eines
Gedichtes: unmutig hatte die Colonna das Blatt ergriffen, bald
bes‰nftigte sie sich, dann sprach sie innig, und die letzten Zeilen
jubelte sie hingerissen. Jetzt bekannte sie offen: "So bin ich und
solches hoffe ich, wenn ich dieses auch nicht geschrieben habe!"

Pescara blickte spˆttisch. "Das Sonett", sagte er, "hat sich auf
deinen Lippen wunderbar veredelt, aber es ist innerlich hohl und
stammt aus einer niedrigen Seele. Liebe fordert keinen Lohn, Liebe
gibt sich umsonst, Liebe rechnet nicht. Solches ist gemein. Nein,
so kann Victoria nicht denken. Ein Mietling hat diese Verse gemacht,
und ich weifl seinen Namen. Seine ungeheure Eitelkeit hat ihn
gezwungen, die Maske frech zu l¸ften. Sieh her." Pescara wies mit
dem Finger auf zwei winzige Buchstaben, ein P und ein A, in die
untere rechte Ecke des Blattes gekritzelt. "Auch ein Gˆttlicher, wie
er sich nennt! Ich sehe den Aretiner mit seinem Zeltgenossen, dem
Giovanni Medici, dem z¸gellosesten J¸ngling Italiens, weintriefend
und witzereiflend zusammensitzen und hˆre ihn l‰stern: 'Glaube mir,
Hans, es ist kein leichtes, sich in die gˆttliche Victoria
hineinzudenken!' Und ein faunischer Jubel. Der Aretiner lacht, dafl
er fast mit dem Stuhl ¸berschl‰gt, er sch¸ttelt sich, er lacht aus
vollem Halse--"

"Br‰che er ihn, der Schamlose!" schluchzte Victoria; denn Petrus
Aretinus und sein Wesen waren schon damals weltkundig.

"Brav, meine Rˆmerin!" beg¸tigte Pescara. "In einem aber hat er
recht, Geliebte: dein Vorname hat schon den Br‰utigam begeistert. Es
ist schˆn, mit dem Siege verm‰hlt zu sein." Aber die Colonna
verstand keinen Scherz mehr. Sie war in den Tiefen ihrer Seele
aufgew¸hlt, in den Wurzeln ihres Wesens ersch¸ttert, voller Tr‰nen
und zugleich voller Glut und Leidenschaft. "Doch in dem andern hat
er unrecht!" redete sie heftig. "Ich weifl nicht, auf welchen Geist
du lauschest, und m¸he mich umsonst, in deinem Herzen zu lesen! Du
spielst mit deinem Weibe! Du umarmst mich und du dr¸ckst mich weg!
Hast du Grausamer mich doch nicht einmal meine Botschaft ausrichten
lassen, die ich dir bringen wollte in dem Jubel meines Herzens!"

"Weil ich sie erriet. Ich tadle den Heiligen Vater, mein edles Weib
zur Dienerin miflbraucht und dir, der Wahrhaften, eine Botschaft
aufgelistet zu haben, eine Botschaft seiner und deiner unw¸rdig,
voller L¸ge und Sophismen, welche ich, in den n‰chsten Tagen schon,
ihn nˆtigen werde zu widerrufen und zu verleugnen. Die Heiligkeit
gibt mir Neapel, wenn ich es erobere, und absolviert mein Gewissen,
wenn ich es abstumpfe. Ich aber glaube nicht an ein solches Binden
und Lˆsen, nicht in weltlichen Dingen, weder ich noch irgendein
anderer mehr, und", sagte er hˆhnisch, "auch in geistlichen nicht.
Das ist vorbei, seit Savonarola und dem germanischen Mˆnche."

"Und mein Italien, das du wie ein Magnet anziehst, l‰ssest du es an
dir scheitern? Achtest du es f¸r nichts? Verachtest du es?" schrie
Victoria verzweifelnd.

Der Feldherr erwiderte sanft: "Wie d¸rfte ich ein Volk verachten, das
mir dich gegeben hat? Aber ich will dir nicht verhehlen: Italien
redet umsonst, es verliert seine M¸he. Ich kannte die Versuchung
lange, ich sah sie kommen und sich gipfeln wie eine heranrollende
Woge und habe nicht geschwankt, nicht einen Augenblick, mit dem
leisesten Gedanken nicht. Denn keine Wahl ist an mich herangetreten,
ich gehˆrte nicht mir, ich stand auflerhalb der Dinge."

Victoria entsetzte sich. "Wie? Bist du kein Mensch? Bist du ein
Geist ohne Fleisch und Blut? Betrittst du den Boden nicht, ¸ber den
du wandelst?"

"Meine Gottheit", antwortete er, "hat den Sturm rings um meine Ruder
beruhigt."

Da flehte Victoria: "Deine Gottheit?", und sie umschlang ihn mit
beiden Armen, "ich lasse dich nicht, du nennest mir denn deinen Gott!"

Pescara lˆste sich sachte und erwiderte mit schmerzlichen Augen:
"Wenn du es verlangst, aber komm mit mir in den Garten, ich mufl Luft
schˆpfen."

Da sie auf die Terrasse traten, standen alle Sterne ¸ber ihnen, und
dr¸ben im alten Schlosse erblickten sie noch ein einsames Licht von
irdischer Farbe. "Dort", sagte sie mitleidig, "ist der Kanzler
schlummerlos und verzehrt sich in Angst und Hoffnung."

"Ich glaube nicht", versetzte Pescara, "eher hat er sich mit einem
Mutwillen oder einer Nichtsw¸rdigkeit in den Schlaf gelesen, und
seine niederbrennende Ampel leuchtet den W‰nden." Er hatte es
erraten. Nach qualvollen Stunden hatte sich Morone mit einem Catull
eingeschl‰fert.

Der Feldherr nahm seinen Weg nach dem Boskette mit den weiflen
Marmorb‰nken, wo er zu ruhen pflegte. Sie saflen unter dem dunkeln
Laubdache, Hand auf Hand.

Da fl¸sterte Victoria: "Nun rede!" Der Feldherr aber schwieg.

Tritte nahten, und eine andere Bank f¸llte sich mit Gefl¸ster.
"Steht es wirklich so mit dem Feldherrn, Moncada? Ich habe M¸he, es
zu glauben."

"Auch ich glaube es noch nicht, Leyva, aber ich forsche. Erlange ich
Gewiflheit, so trete ich hervor, und wir handeln. Der Kˆnig darf sein
Heer in Italien nicht verlieren."

"Ihr meint?"

"Du ziehst deine Truppen zusammen, und wir verhaften ihn."

"Er wird sich zur Wehre setzen."

"Dann f‰llt er."

"Und die Majest‰t?"

"Besorge nichts, die Majest‰t bedarf unser, wir beherrschen sie.
Verweigerst du mir deine Hilfe, so mufl ich ihn durch eine gedungene
Hand tˆten lassen. Kann ich auf dich z‰hlen?"

"Ihr d¸rft... eine schwere That..." Da zog ihn der andere fort. "Mir
ist", sagte er, "ich habe hier atmen hˆren."

Wirklich, die feuchte Nachtluft dr¸ckte den lauschenden Feldherrn und
benahm ihm den Atem. Er keuchte leise. Jetzt sagte auch er: "Gehen
wir. Tau f‰llt, und Verderben br¸tet in der Luft." Sie dr‰ngte sich
an ihn.

Drei Hornstˆfle ertˆnten, vom alten Schlosse her.

"Ein Kurier. Ich werde heute noch zu lesen haben."

"Ferdinand", flehte sie, "du bist umlauert. Du wirst dem Kaiser
verd‰chtig. Du bist verloren! Wirf dich Italien in die Arme! Da
ist dein Heil und deine einzige Rettung!"

"Ich f¸rchte nichts", sagte er. "Der Weg ist dunkel, aber meine
Zuflucht ist offen."

Jetzt standen sie in der kleinen Halle des Landhauses, und Pescara
weckte den auf einem Schemel schlummernden Ippolito. "Geh hin¸ber",
befahl er, "und bringe, was eben angelangt ist." Dann sagte er zu
Viktorien: "Ich meine, es ist von Madrid, vielleicht eine Zeile der
Majest‰t selbst, die mir zuweilen schreibt, ohne das Wissen ihrer
Minister. Ich bin doch begierig."

Jetzt schlug die Turmuhr des alten Schlosses Mitternacht, m¸de und
zitternd, mit so weit ausholenden Schl‰gen, dafl je zwischen zweien
ein Leben Raum zu haben schien. Der zwˆlfte Schlag--unwiderruflich.

Ippolito kratzte an der T¸r und brachte ein Paket, das der Feldherr
ˆffnete. Es enthielt, neben einigen andern Briefschaften, einen
Kaiserlichen Erlafl, welcher den Marsch auf Mailand guthiefl und den
Oberfeldherrn bevollm‰chtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach
seinem Ermessen und gem‰fl den Umst‰nden zu verfahren.

"Alles?" fragte Pescara.

Da bog der Knabe ehrf¸rchtig das Knie, ¸berreichte ein Briefchen,
welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, und entfernte sich.
Es war ¸berschrieben: "In die eigenen H‰nde des Marchese."

"Vom Kaiser", sagte Pescara und ˆffnete. "Da, Victoria, lies vor.
Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige
Zeilen, und lautete:

"Mein Pescara!

Ich bin es, der diese Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister.
Ihr habet viele Feinde. H¸tet Euch vor Moncada. Ich aber bin
gl‰ubig an Euch, denn ich habe f¸r Euch gebetet und sah einen Engel,
der Euch an der Hand hielt. Ich traue.

Ich Euer Kˆnig."

Pescara l‰chelte m¸hsam. "Karl traut zu leicht", sagte er. "Das
kˆnnte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin.
Aber--seltsam--er hat meinen Genius erblickt."

"Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Victoria. "Ich beschwˆre
dich, Pescara, nenne sie mir!"

"Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer
begann er zu atmen, er stˆhnte, er ‰chzte, er rˆchelte. Ein
furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach
dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem.
Da kniete sich Victoria neben ihn nieder, hielt und st¸tzte ihn mit
ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen und den
Knaben nach seinem Groflvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit
einer Geb‰rde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschˆpft,
nachdem Victoria geglaubt hatte, er st¸rbe ihr. Da sie sich der
Tr‰nen ges‰ttigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel.

Als Victoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pf¸hle, und
durch das geˆffnete Fenster strˆmte die Morgenluft. Sie sprang auf,
den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder
schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte.
Sie wurde ungl‰ubig an den n‰chtlichen grausamen Kampf in ihren Armen,
er war ihr wie ein Traum.

Da begann Pescara: "Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den
Namen meines Genius befragt, und mir bangte, ihn vor Euch
auszusprechen. Endlich h‰ttet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen,
denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Da
erschien er selbst und ber¸hrte mich. Ihr kennet ihn nun, und der
gef¸rchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Tr‰nen! Ihr habet
sie gestern vergossen. Sondern saget mir jetzt, wohin w¸nschet Ihr
Euch zu begeben, w‰hrend ich das Heer des Kaisers gegen Mailand
f¸hre?"

"Wie konntest du es mir so lange verbergen, Ferdinand?"

"Zuerst--nicht lange--verheimlichte ich es mir selbst... doch nein,
ich wuflte mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener
blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner
gez‰hlten Tage gewifl, wie h‰tte ich die deinigen vorzeitig
verfinstern d¸rfen? Du sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine
s¸fl Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht
grausam." "Du bist es", erwiderte sie, "sonst h‰ttest du mich nicht
so bitter get‰uscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen
lassen."

"Niemand durfte darum wissen", sagte er.

"Und dein Arzt? Der muflte es wissen, und ich z¸rne ihm, dafl er mich
belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit
zu sagen!"

"Der arme Numa!" sagte der Feldherr. "Er ist schon ungl¸cklich genug,
dafl er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhe
auf Ischia, ich aber sagte ihm: Es ist umsonst. Doch wozu dies
alles?... Wohin gedenkst du zu gehen, Victoria?"

"Nein, Ferdinand, sprich! Verheimliche mir nichts mehr!"

"Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt und das Herz
leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den
Herbst, bis zu den ersten Flocken! So viel Zeit brauche ich, meinen
Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund!
Niemand erfahre unser Geheimnis! Es w¸rde die Kr‰fte des Feindes
verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal,
schweige! Ich will es! gebot ich ihm... Und ich habe das Leben
geheuchelt, so gut, dafl mir Italien den Brautring bot!" Er l‰chelte.
"Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Victoria,
gelobst mir--doch kein Gel¸bde, du tust es mir zuliebe--, nicht
ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und
¸ber blutgetr‰nkte Felder. Auch w¸rdest du dem Kriegsvolke zu
spotten geben, nicht ¸ber dich, gut und schˆn wie du bist, sondern
¸ber den verh‰tschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?"

Victoria besann sich, trostloses Leid in den Z¸gen. Dann sagte sie:
"Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an
einem kleinen Frauenkloster vor¸ber. Es heiflt, wie ich erfuhr,
Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Bufle thun und f¸r
deine Genesung beten."

"F¸r meine Genesung?" l‰chelte er. "Tue das. Auch wirst du dich in
Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, hˆre ich, hat herrliche
Stimmen und ist ber¸hmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin,
bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstrafle noch nicht
aufgew¸hlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem
alten Schlosse hin¸ber, um satteln zu lassen.

Victoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa den Arzt
erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam,
ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm
vorwerfen, dafl er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn
beschwˆren, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das
geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah,
streckte er in dem Gef¸hle seiner Ohnmacht die zitternden H‰nde
abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag
nichts! Sie verstand die Geb‰rde und ging ihres Weges, an Ippolito
vor¸ber, der das Knie vor ihr bog und den sie nicht gewahr wurde, zum
groflen Herzeleid des Knaben.

Im Schloflhofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen
Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr
hob sie zu Pferde, und sie ritten unter gr¸flendem Trommelwirbel ¸ber
die sich senkende Zugbr¸cke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der
lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein
Reitknecht des Pescara, ein von s¸dlicher Sonne geschw‰rzter
Kalabrese, und auf einem Maultier die rˆmische Zofe Victorias.

Hinter den Reisenden verhallten im Schloflhof die ungehˆrten Hilfrufe
des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Tr‰umen erwacht und
schon in der Fr¸he durch die G‰rten geirrt, immer wieder an Mauern
und W‰lle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen
Wachtposten beobachtet. Die Schwaben ergˆtzten sich weidlich an
seinem ausschweifenden Geb‰rdenspiel, w‰hrend die Spanier
einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht,
der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und
versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgeschleppt w¸rde,
nach Herzenslust zu qu‰len und gr¸ndlich auszupl¸ndern. Endlich war
er in das Rondell gekommen und erschˆpft auf dieselbe Bank gesunken,
wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte.
Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schloflhof und
wollte ¸ber die Br¸cke nachst¸rzen. Von dem Posten mit
vorgestreckten Hellebarden empfangen, sah er jammernd den Feldherrn
und Victoria in den Dunst der Ferne entschwinden.

Es war nach einem leuchtenden ein tr¸ber Tag. Kein Windhauch und
nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg,
kein Vogel sang, es d‰mmerte ein stilles Zwielicht wie ¸ber den
Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und
vergrˆflerte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die
beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Victoria in tiefem
Schweigen, w‰hrend, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Ged‰chtnis
des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und
inbr¸nstigen Schwingen in die Jugend zur¸ckkehrte und die an seiner
Seite Trauernde wieder in die reizenden und r¸hrenden Gestalten des
knospenden M‰dchens und der z‰rtlichen Braut verwandelte. Er
enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener gl¸cklichen Tage zu
erinnern, aber er gewann ihrer K¸mmernis kein L‰cheln ab. Er war
seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Bitterkeit sie jetzt auf
einmal und in vollen Z¸gen kostete.

Nun waren sie schon so nahe, dafl sie Chorgesang im Kloster vernahmen.
"Was singen sie dort?" fragte er gleichg¸ltig. "Ich meine, ein
Requiem", sagte sie.

Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der
Pforte die ƒbtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen.
Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben,
das nun auf schnellen nackten F¸flen vorausgelaufen war. Die ƒbtissin
hatte die Ankunft Donna Victorias in Novara schon gestern in
Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesf¸rchtige
und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn
das Kloster besafl neben den geschulten Stimmen seines Chores noch
eine grˆflere Auszeichnung: die mystische und t‰glich sterbende
Schwester Beate, welche die blutigen Male an ihrem kranken und
abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende und beherzte ƒbtissin
hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der sie Macht ¸ber den
Gatten zutraute, den Nachlafl einer schweren Kriegssteuer zu erbitten,
welche der gottlose und habgierige Feldherr--dieses Rufes genofl
Pescara bei der italienischen Klerisei--zuwider den kanonischen
S‰tzen und gegen alle Billigkeit auf die G¸ter des Klosters gelegt
hatte. Dafl aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche
St‰tte zu betreten, Madonna Victoria begleiten w¸rde, war der
ƒbtissin nicht im Traume eingefallen.

Sie begr¸flte, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen und
blassen, gef‰lligen Z¸gen, das hohe Paar in wenigen gew‰hlten Worten.
Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen
edle Erscheinung ihr Eindruck machte.

"Ehrw¸rdige", begann der Feldherr, "Donna Victoria w¸nscht w‰hrend
des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich auf eine
Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem
Konvente zu genieflen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach
vollendetem Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?"

Rasch erwiderte die ƒbtissin, das ihrige stehe zu Gebote.

"Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schwester,
mit dem gewˆhnlichen Ger‰te", sagte Victoria, deren Bl‰sse die
ƒbtissin befremdete. Aber sie schrieb dieselbe der begreiflichen
Sorge um den zu Felde ziehenden Gatten zu.

"Wenn sich Donna Victoria eingerichtet hat", schlofl Pescara, "werde
es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte,
Klausur und Zelle betreten zu d¸rfen. Ausnahmsweise, da ich dem
Kloster wohlwill. Ihr findet mich in der Kirche." Er verneigte sich
und schritt auf diese zu.

Victoria fragte, was die Nonnen gesungen h‰tten, und erhielt die
Antwort: "Ein Requiem. F¸r die junge Julia Dati, die Enkelin unsers
greisen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der
ƒbtissin, w‰hrend die beiden Nonnen zugefl¸sterte Befehle
auszurichten gingen. Indessen durchmafl der Feldherr, ohne das Haupt
zu entblˆflen oder irgendeine der ¸blichen Devotionen zu verrichten,
die L‰nge der Kirche mit festem Gange, die Arme ¸ber dem Panzer
kreuzend. Er hatte sich, da er auf dem Heimritte seinen in Novara
feldm‰flig einr¸ckenden Truppen begegnen muflte, leicht behelmt und
beharnischt und schritt wie ein Held und Herrscher auf der St‰tte des
Gebetes und der Demut.

"Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, "es sei heute das
letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich
will es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich
wiederfinden, wenn ich ruhe."

Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauscht.
Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheifl der
ƒbtissin, denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hˆren.
Selbst die mystische Beate war gekommen und vereinigte ihren
schw‰rmerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder
schwarzen Augen, welche die Heldengestalt verschlangen. Alle
versammelten Himmelsbr‰ute priesen die Colonna selig und beneideten
ihre irdische Lust, w‰hrend die gl¸cklich Geglaubte nicht ferne davon
in einer Zelle mit gerungenen H‰nden verzweifelte. Auch Schwester
Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Herrn der Welt zu
bewundern, ¸berwand sich aber tapfer und flehte den Himmel inbr¸nstig
an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott zu entreiflen. Aber
diese heftigen Gef¸hle wichen dem harmloseren der Eitelkeit. Nach
dem Gefl¸ster einer kleinen Beratung und einem leisen R‰uspern
intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtst¸ck, ein Tedeum, das
sich auch f¸r den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine
andere Prosa oder Sequenz.

Und er h‰tte wohl gelauscht, aber er stand regungslos, wie gebannt
vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines groflen
Altarbildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten.
Doch es war nicht das gˆttliche Haupt, das er beschaute, sondern er
betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leib
stiefl. Dieser war offenbar ein Schweizer; der Maler muflte die Tracht
und Haltung eines solchen mit besonderer Genauigkeit studiert oder
frisch aus dem Leben gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten
Beinen, von denen das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und
stach mit den behandschuhten F‰usten von unten nach oben derb und
gr¸ndlich zu. Kesselhaube, Harnischkragen, Brustpanzer, Arm- und
Schenkelschienen, rote Str¸mpfe, breite Schuhe, nichts fehlte. Aber
nicht diese Tracht, die er zur Gen¸ge kannte, fesselte den Feldherrn,
sondern der auf einem Stiernacken sitzende Kopf. Kleine blaue,
kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, grinsender Mund, blonder,
krauser Knebelbart, braune Farbe mit rosigen Wangen, Ohrringe in
Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichkeit und Verschmitztheit
wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wuflte gleich, mit dem
Gesichterged‰chtnis des Heerf¸hrers, dafl er diesen kleinen,
breitschultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den
Urner bedeutete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da
schmerzte ihn plˆtzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und
jetzt wuflte er auch, wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer,
der ihm bei Pavia die Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den
Lanzenstofl des neben ihm an die Erde Geduckten empfangend, hatte er
einen Moment in dieses kristallene Auge geblickt und diesen Mund
vergn¸glich grinsen gesehen. Nach der Erkennung machte das
unerwartete Wiederfinden auf den Feldherrn weiter keinen Eindruck,
und mit freundlicher Miene fragte er die ƒbtissin, die jetzt neben
ihm stand, um ihn zu Donna Victoria abzuholen, wer das gemalt h‰tte.
Sie antwortete, die Augen fl¸chtig niederschlagend: "Zwei Mantovaner,
begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die das Kloster
gerne wieder scheiden sah."

Da Pescara die Zelle ˆffnete, sah er Victoria auf den Knien liegen.
Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stˆren, durch
ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Br¸stung er sich
gesetzt hatte, auf Rasenh¸gel und Grabkreuze, endlich fragte er: "Was
tust du, Victoria?"

"Bufle", sagte sie.

"F¸r wen?"

Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten H‰nden: "Ich tue
Bufle f¸r mich und Euch und Italien. F¸r dieses seiner stolzen Frevel
und ungewˆhnlichen S¸nden wegen, an denen es zugrunde gehen wird, da
Ihr der einzige waret, der es retten konnte. F¸r mich, weil ich
gekommen bin, Euch in Versuchung zu f¸hren. F¸r Euch, da Ihr diese
Erde verlassen wollet. Ich habe gebetet f¸r Euer unverg‰ngliches
Teil, aber der Himmel"--sie sch¸ttelte traurig das Haupt--"hat mich
noch nicht erhˆrt."

Er zog sie auf die Bank der Fensterbr¸stung und nahm sie bei der Hand,
wie der Bruder die Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, ¸berkam
ihn, sei es, weil das Geheimnis zwischen ihm und seinem Weibe
weggenommen war, oder in dem unbewuflten Wunsche, das letzte
Beisammensein zu verl‰ngern.

"Kleingl‰ubige", begann er heiter, "¸berlasse mich meinem dunkeln
Besch¸tzer! Als ein Knabe glaubte ich mit der Mutter, die eine
Heilige war, an das, was die Kirche verheiflt; jetzt sehe ich rings
das Fluten der Ewigkeit. Der Todesengel war mir nahe, schon in
meiner ersten Schlacht, da, von ihm bezeichnet, mein
Zeltgenosse--dein Bruder, Victoria--lautlos, eine Kugel im Herzen,
zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, und auch
er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, gr¸flend ber¸hrt; denn es
scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht,
bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in den Wochen nach Pavia,
da ich wuflte, dafl er mich erw‰hlt hatte, habe ich mich gegen ihn
gestr‰ubt und aufgeb‰umt und empˆrt wie ein trotziger J¸ngling.
Allm‰hlich aber ahnte ich, und jetzt bin ich gewifl, dafl er die rechte
Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unlˆsbar, er
zerschneidet ihn."

Die bleiche Victoria hing an seinen Lippen und staunte mit starren
Augen, als sehe sie den herrlichsten Palast brennen und von der
lodernden Flamme jeden S‰ulenknauf beleuchtet.

"Ich sage dir, Weib", fuhr er fort, "mein Pfad versinkt vor mir! Ich
gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. W‰re ich ohne meine
Wunde, dennoch kˆnnte ich nicht leben. Dr¸ben in Spanien Neid,
schleichende Verleumdung, hinf‰llige und endlich untergrabene
Hofgunst, Ungnade und Sturz; hier in Italien Hafl und Gift f¸r den,
der es verschm‰ht hat.

W‰re ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so w¸rde ich an mir
selbst zugrunde gehen und sterben an meiner gebrochenen Treue, denn
ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische und eine
spanische, und sie h‰tten sich getˆtet. Auch glaube ich nicht, dafl
ich ein lebendiges Italien h‰tte schaffen kˆnnen. Zwar es tr‰gt die
strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der
unb‰ndigen Lust eines strotzenden Daseins gegen ewige Gesetze. Es
b¸fle, du hast es gesagt, Victoria; in Fesseln leidend, lerne es die
Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken
aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erf¸llt mich mit Grauen:
Sklaven und Henker. Ich sp¸re die grausame Ader in mir selbst. Und
das Entsetzlichste: ich weifl nicht, welcher mˆnchische Wahnsinn!
Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich."

Victorias Augen verkl‰rten sich, da sie sah, dafl Pescara Italien
liebte. "Du h‰ttest ihm Freiheit und Freiheit ihm Tugend gegeben!"
rief sie, doch Pescara fuhr fort, als h‰tte er nicht gehˆrt: "Nun
aber bin ich aus der Mitte gehoben, ein Erlˆster, und glaube, dafl
mein Befreier es gut mit mir meint und mich sanft von hinnen f¸hren
wird. Wohin? In die Ruhe. Und jetzt lafl uns scheiden, Victoria."
Er wollte ihr die Tr‰nen vom Auge k¸ssen, fand aber den z‰rtlichsten
Mund, der ihm entgegenkam.

"Noch eines", sagte er, "Lafl die Welt ¸ber mich urteilen, wie sie
will. Ich bin jenseits der Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht!
Besuche mich in Mailand, aber nicht, bevor ich rufe!"

Victoria versprach, um nicht Wort zu halten.

Da Pescara sich bei der ƒbtissin verabschiedete, brauchte sie ihr
Anliegen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gew‰hrte den Nachlafl
der Kriegssteuer als ein selbstverst‰ndliches Gegengeschenk f¸r die
seinem Weibe gegebene Herberge. ‹ber dieses Ende einer ˆkonomischen
Bedr‰ngnis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im
Kloster, dafl die Schwestern zu Ehren ihres Gastes die Tafel mit den
ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Victorias Platz blieb
leer. Sachte ritt Pescara, von den Segnungen des Klosters begleitet,
gegen die Th¸rme der Stadt zur¸ck. Sein feuriger Rappe schien sich
¸ber den gemessenen Gang zu wundern. Die auf der Ebene gellende
Feldmusik und die ¸berall marschierenden Truppen verrieten ihm den
Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den
Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg.

Abschied ist schwer, dachte der Feldherr, ich mˆchte ihn nicht
wiederholen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedr‰ngt und er
das Beste des Daseins, Schˆnheit und Herzenskraft, in den Armen
gehalten. Der J¸ngling war in ihm aufgelodert, und wenige
Augenblicke, nachdem er Viktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er
sich auf gegen die Vernichtung. Das edle Blut, das in den
sterblichen Adern rinnt, die Thatkraft, empˆrte sich gegen den ewigen
Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen
seinen Mˆrder, den er im Bilde wiedererblickt, und er schlug mit der
gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdr¸cke er darauf die
Wespe, die ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und
setzte sich in kurzen Galopp, von dem Feldherrn unwissentlich mit der
Ferse ber¸hrt oder so verwachsen mit ihm, dafl er seinen Unmut
mitf¸hlte.

In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die
wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe
zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine
‹bermacht. Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen
focht w¸tend mit seiner Speerh‰lfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie
hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den ¸brigen ¸berw‰ltigt,
und schon safl ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm
kniende Spanier von einem andern zur¸ckgerissen wurde, welcher auf
den heransprengenden Feldherrn deutete.

Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter
eine m‰chtige Eiche, die an der Landstrafle stand, weitum der einzige
Baum in der schw¸len Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an
den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt,
und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem
Vorwand eines Verhˆres.

Der spanische Wachtmeister berichtete: sie h‰tten einen Schweizer
durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia,
welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es
mˆglicherweise ein mail‰ndischer Spion sei. Seinen Vortrag
beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf,
welchen die Eiche waagerecht hervorstiefl.

Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung
wachehaltend verteilten, und musterte dann den Schweizer vom Wirbel
zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe
Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des Klosterbildes
und nicht minder die glitzernden ƒuglein, und jetzt, wahrhaftig,
verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem l‰chelnden Grinsen,
sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins
Ged‰chtnis zur¸ckrief.

"Heb auf und gib", befahl dieser und zeigte auf den Lanzenstumpf,
welchen einer der Kriegsknechte zu den F¸flen des Gefangenen geworfen
hatte, als Beweisst¸ck f¸r die Verwundung seiner Kameraden. Es war
eine vordere Spieflh‰lfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer
gehorchte, und der Feldherr betastete pr¸fend die Spitze mit dem
Finger; dann warf er den Stummel weg.

"Wie heiflest du?" fragte er.

"Bl‰si Zgraggen aus Uri", war die Antwort.

Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen
zu wiederholen, der von dem zerrissenen Kamm eines Schweizergebirges
zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er
italianisierte. "Biagio", sagte er, "du hast mir zwei Leute
verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufkn¸pfen."

Bl‰si Zgraggen versetzte trotzig: "Lasset Ihr mich henken, so ist es
weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich--"

"Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich r‰chen, indem er dem
Kriegsrechte freien Lauf liefl, aber eine solche Rache weder sich
selbst noch seinem Opfer eingestehen. "Wie bist du hier

Book of the day: