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Agnes Bernauer by Friedrich Hebbel

Part 3 out of 3

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(Man hört Trompeten in der Ferne.)

Ernst. Das ist Ludwig von Ingolstadt! Der Würgengel wird ungeduldig!
Folgt ihm doch, niemand kann besser zerstören, was ein andrer baute,
als er! Aber laßt euch alle mahnen: es ist einer über euch im
Himmel und auch auf Erden, und beide werden furchtbar mit euch ins
Gericht gehen!

(Die Trompeten nähern sich.)

Stimmen. Platz! Platz dem Banner des Reichs!

Andere Stimmen. Ein Herold!

Zehnte Szene

Der Herold des Reichs tritt mit Gefolge auf, das Banner wird vor ihm
hergetragen.

Der Herold (schwingt nach allen Weltgegenden sein Schwert). Bei Acht
und Bann, kein blankes Schwert, als dies!

Alle Ritter (bis auf Albrecht stecken die Schwerter ein).

Der Herold. Albrecht von Wittelsbach, Herzog von Bayern, erscheint
vor Kaiser und Reich!

Albrecht (tritt zögernd heran und steckt langsam sein Schwert ein).
Ist hier die Schranke?

Der Herold. Sie ist überall, wo die Acht verkündet werden soll!

Nothhafft von Wernberg und Frauenhoven. Die Acht! Ist's schon so
weit!

(Posaunenstöße.)

Preising (zu Ernst). Was ist das noch?

Ernst. Mehr, als ich verlangte, fürcht ich!

Stimmen. Ein Legat! Ein Legat des Heiligen Stuhls!

Der Herold. Und mit ihm der Bann der Kirche!

Viele Stimmen (von Rittern und Reisigen). Acht und Bann zugleich!
Da ist's Zeit! (Sie werfen die Waffen von sich.)

Der Legat (tritt mit Gefolge auf, eine brennende Kerze wird vor ihm
hergetragen, er stellt sich zur rechten Hand des Herolds).

Der Herold (entfaltet die Achterklärung). Wir Sigismund, von Gottes
Gnaden erwählter römischer Kaiser, König von Ungarn, Böheim,
Dalmatien, Slawonien und Bosnien, Markgraf von Mähren und Schlesien,
Kurfürst von Brandenburg usw., Schirmvogt der Kirche, höchster
Schiedsrichter auf Erden, tun kund hiemit: Nachdem Du, Albrecht von
Wittelsbach, allbereits vor dritthalb Jahren zu Regensburg in offenem
Aufstand den Frieden des Reichs gebrochen und schwere Acht auf Dein
Haupt herabgezogen hast, die Wir damals, obgleich schon verhängt, auf
Fürbitte Deines fürstlichen Herrn und Vaters noch zurückhielten;
nachdem Du weiter, unwürdig solcher Fürbitte und Unserer Gnade, in
Deinem Trotz wider menschliche und göttliche Ordnung beharrtest,
anstatt, Unserer gerechten Erwartung gemäß, in reuiger
Unterwürfigkeit Versöhnung und Vergebung zu suchen; nachdem Du
endlich, um das Maß Deiner Frevel zu häufen, Unsere Langmut aber bis
auf den Grund zu erschöpfen, zum zweiten Mal mit blanker Waffe
rebellisch im Felde erschienen bist: So gebieten Wir Dir durch diesen
Unseren offenen Brief, daß Du angesichts desselben Dein Schwert auf
der Stelle zu den Füßen Deines Herrn und Vaters niederlegen und als
sein freiwilliger Gefangener Unseren letzten Spruch in Demut abwarten
sollst.--(Er setzt ab und sieht Albrecht an.)

Albrecht (bohrt sein Schwert in die Erde und stützt sich darauf).

Der Herold (fährt fort). Widrigenfalls setzen Wir Dich nunmehr aus
Kaiserlicher Machtvollkommenheit aus dem Frieden in den Unfrieden,
weisen Dich hinaus auf die vier Straßen der Welt und erklären Dich
für vogelfrei-

Ernst. Willst du noch mehr hören, mein Sohn? Sag nein, und ich
erhebe meinen Herzogsstab!

Frauenhoven. Jetzt kommt das von den Tieren des Waldes und den
Vögeln unter dem Himmel und den Fischen im Wasser!

Nothhafft von Wernberg. Schau dich um! Sie gehen alle hinter sich!
Keiner wird's mit dir tragen, als wir!

Albrecht. Wie sollten sie auch! Fangen doch die Berge zu wandeln an,
um mich zu bedecken!

Ernst. Soll auch die Kirche den Mund noch öffnen? Soll die Kerze
ausgelöscht, soll deine Seele dem ewigen Fluch übergeben, dein Name
im Buch des Lebens getilgt werden?

Albrecht (zu Nothhafft von Wernberg und Frauenhoven). Geht von mir,
daß ich antworten kann!

Frauenhoven. Haben wir das um Euch verdient? Teufel, es brennt!

Albrecht. Soll ich mich vor der Gewalt demütigen, weil ihr neben mir
steht? Mich mag sie noch heute zermalmen!

Ernst. Gewalt? Wenn das Gewalt ist, was du erleidest, so ist es
eine Gewalt, die alle deine Väter dir antun, eine Gewalt, die sie
selbst sich aufgeladen und ein halbes Jahrtausend lang ohne Murren
ertragen haben, und das ist die Gewalt des Rechts! Weh dem, der
einen Stein wider sie schleudert, er zerschmettert nicht sie, sondern
sich selbst, denn der prallt ab und auf ihn zurück. Oder bin ich's,
der zu dir redet, ist's nicht das ganze deutsche Reich?

Albrecht. Sei's so! Ich wußte nicht, daß der Tod darauf steht, eine
Perle aufzuheben, statt sie zu zertreten, aber ich hab's getan und
will's büßen. Heran, Bär und Wolf, schießt auf mich herab, Adler und
Geier, und zerfleischt mich! Nicht mit der Hand will ich mich wehren,
wenn ihr tut nach des Kaisers Gebot!

Ernst. Hast du solche Eil, vor deinem Richter zu erscheinen? Noch
hat er diese Toten und ihre Wunden nicht gezählt, und du weißt so
gewiß, wie er dich empfangen wird?

Albrecht. Oh, ihn fürcht ich nicht, er wird's schon vergeben, daß
ich sein liebstes Kind bei der Hand gefaßt habe, er weiß ja, wie
schön und edel er's gemacht hatte!

Ernst. Mein Sohn, geh in dich! Es ist wahr, du kannst deine Schuld
vergrößern, du kannst dir den Tod ertrotzen, oder dich, wer will's
hindern, hinterrücks aus der Welt wegstehlen, du kannst aber auch
alles wiedergutmachen! Tu's, o tu's, fasse einen Entschluß, daß du
vor deinen Ahnen nicht zu erröten brauchst, füge dich! Dies
Schlachtfeld wird einst furchtbar wider dich zeugen, sie alle, die
hier blutig und zerfetzt herumliegen, werden dich verklagen und
sprechen: wir fielen, weil Herzog Albrecht raste! Weh Dir, wenn sich
dann nicht eine viel größere Schar für dich erhebt und deine Ankläger
zum Verstummen bringt, wenn nicht Millionen ausrufen: aber wir
starben in Frieden, weil er sich selbst überwand! Denn das hängt
davon ab, daß du lebst, davon ganz allein!

Albrecht. Die Unschuldige sollte modern, und ich--Welch ein Schurke
wär' ich, wenn ich auf Euch hörte!

Ernst. Du bist nicht, wie ein anderer, der die Gerechtigkeit dadurch
versöhnen kann, daß er ihrem Schwert reuig den Hals darbietet, von
dir verlangt sie das Gegenteil! Schau dies Banner an, es ist dein
Bild und kann dich's lehren! Es ward aus demselben Faden gesponnen,
woraus der letzte Reiter, der ihm folgt, sein Wams trägt, es wird
einst zerfallen und im Wind zerstäuben, wie dies! Aber das deutsche
Volk hat in tausend Schlachten unter ihm gesiegt, und wird noch in
tausend Schlachten unter ihm siegen, darum kann nur ein Bube es
zerzupfen, nur ein Narr es flicken wollen, statt sein Blut dafür zu
verspritzen und jeden Fetzen heiligzuhalten! So ist's auch mit dem
Fürsten, der es trägt. Wir Menschen in unsrer Bedürftigkeit können
keinen Stern vom Himmel herunterreißen, um ihn auf die Standarte zu
nageln, und der Cherub mit dem Flammenschwert, der uns aus dem
Paradies in die Wüste hinausstieß, ist nicht bei uns geblieben, um
über uns zu richten. Wir müssen das an sich Wertlose stempeln und
ihm einen Wert beilegen, wir müssen den Staub über den Staub erhöhen,
bis wir wieder vor dem stehen, der nicht Könige und Bettler, nur Gute
und Böse kennt, und der seine Stellvertreter am strengsten zur
Rechenschaft zieht. Weh dem, der diese übereinkunft der Völker nicht
versteht, Fluch dem, der sie nicht ehrt! So greife dann endlich auch
in deine Brust, sprich: Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor
dir, aber ich will's büßen, ich will leben!

Albrecht. Hängt das von mir ab?

Ernst. Dies Wort ist mir genug! Gott wird dich stärken, und deine
Witwe selbst wird für dich beten!

Albrecht. Meine Witwe!?

Ernst. Was ich ihr im Leben versagen mußte, kann ich ihr im Tode
gewähren, und ich tu es gern, denn ich weiß, daß sie's verdient!
Deine Gemahlin konnte ich nicht anerkennen, deine Witwe will ich
selbst bestatten und für ewige Zeiten an ihrem Grabe einen
feierlichen Totendienst stiften, damit das reinste Opfer, das der
Notwendigkeit im Lauf aller Jahrhunderte gefallen ist, nie im
Andenken der Menschen erlösche!

Albrecht. Ich will--Ich will, was ich noch kann! (Gegen den Herold.)
Kaiserlicher Majestät meinen Respekt! (Zu Ernst.) Euch, mein Herr
und Vater--(Er will ihm das Schwert überreichen.) Euch-

Ernst (öffnet die Arme und streitet ihm entgegen).

Albrecht (weicht zurück, und zieht). Nein, nein! Die Hölle über
mich, aber Blut für Blut!

Ernst. Halt! Erst nimm den da! (Er reicht ihm den Herzogsstab, den
Albrecht unwillkürlich faßt.) Der macht dich zum Richter deines
Vaters! Warum willst du sein Mörder werden!

Preising. Herzog!

Ernst. So war's beschlossen! Und nicht bloß des Feierabends wegen!
Ich brauch sein Ja! Kann er's mir in seinem Gewissen weigern, so
steht's schlimm um mich!

Albrecht. Mich schwindelt! Nimm ihn zurück! Er brennt mir in der
Hand.

Ernst. Trag ihn ein Jahr in der Furcht des Herrn, wie ich! Kannst
du mich dann nicht lossprechen, so ruf mich, und ich selbst will mich
strafen, wie du's gebeutst! Im Kloster zu Andechs bin ich zu finden!

Albrecht (will niederknien). Vater, nicht vor Kaiser und Reich, aber
vor dir!

Ernst. Wart! wart! Mein Tagewerk war schwer, aber vielleicht leb
ich noch übers Jahr! (Geht; zu Preising, als er folgen will.) Bleibt!
An einem Mönch ist's genug!

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