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Frau und Kindern auf der Spur

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Frau und Kindern auf der Spur - Full Text Free Book
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*SMALL PRINT! Ver.04.29.93 FOR COPYRIGHT PROTECTED ETEXTS*END*

Frau und Kindern auf der Spur
Gerold K. Rohner
September 1995

Kapitel 1

"Na, h¸bsche zwei Tˆchter habt ihr hier--und selbst seid ihr auch nicht so
schlecht", hetzte er mit heiserer Stimme. Ein grosser, starker aber
h‰sslicher Bursche war er. Dabei w‰re er gar nicht so h‰sslich gewesen,
mit seinen grossen blauen Augen, aber sein verdorbener Charakter schien
durch sein Gesicht.

"Kann ich eine der beiden f¸r ein St¸ndchen mieten, Madam? Sicher h‰tten
sie nichts dagegen--oder w‰r es ihnen lieber ich f‰ng ein Streitchen an
mit ihrem Jungen da und tˆtete ihn im Duell?"

Das war eine arge Drohung, ging mir durch den Kopf. Da musste die arme
Frau zwischen dem Regen und der Traufe w‰hlen. Sie war kaum im Stande
ihre drei Kinder gegen diesen Bullen zu verteidigen. Ich sass in der Bar
im "Whisky Barrel" Saloon in Santa Fe und dachte : Warum kommen Pr¸fungen
immer dann, wenn man noch nicht fuer sie bereit ist? Ja, ich war
schneller als nur noch vor einigen Wochen, aber ich war noch lange nicht
schnell genug.

Der arge Bursche hob ein Bein auf den einzigen leeren Stuhl am Tisch. Der
Tisch war an der Wand und war besetzt von der wunderh¸bschen Frau mit den
drei Kindern, die ihr zwar nicht glichen, aber ihre eigenen waren. Der
ƒlteste, der Junge, sah etwa zwanzig aus, war jedoch j¸nger. Er war gross
und mager gewachsen. Die M‰dchen waren sechzehn und dreizehn, noch
h¸bscher als die Frau. Sie waren spindeld¸rr, blond, sehr hellh‰utig, mit
blauen Augen. Sie waren fast wie M‰nner gekleidet, auch die Frau. Sie
sahen sehr zart aus, waren aber sehr lebendig und schienen guten Humors zu
sein. Doch jetzt, seit dieser Bursche an ihren Tisch getreten war, hatte
sich ihre Laune schnell ge‰ndert. Sie sahen plˆtzlich ‰ngstlich aus, als
ob dies nicht das erste Mal w‰re, an dem sie bel‰stigt wurden.

Ich wusste, ich musste helfen, aber ich wollte sie nicht in grˆssere
Gefahr bringen durch un¸berlegtes Handeln. Mal abwarten! Das musste ich
sowieso. Noch war nichts geschehen das mein Eingreifen gerechtfertigt
h‰tte. So oder so, Santa Fe hatte sicher einen Sheriff. Der Bursche
konnte also den Jungen nicht einfach niederschiessen solange sich dieser
nicht provozieren liess, sonst w¸rde der Bursche des Mordes beschuldigt
und vom Sheriff in Haft genommen. Das wollte er sicher nicht. Griff der
Junge aber zum Colt, dann kˆnnte ihn der Bursche niederschiessen in
sogenannter Selbstverteidigung.

Ich hoffte der Junge w¸rde die Nerven nicht verlieren. Er sah nicht
gerade gl¸cklich aus im Moment--hatte sich aber wohl geh¸tet seine H‰nde
auch nur in die N‰he seines Revolvers zu bringen.

"Lass meine G‰ste in Ruhe", bruellte der riesenhafte Wirt. Der musste
mindestens drei hundert Pfund wiegen. In seinem schwarzen Leder-Gilet sah
er mehr wie ein Henker aus als wie ein Schenker. Er war hinter der Bar
hervorgetreten und schwenkte seine Arme in veritabler Drohung.

"Weisst du mit wem du sprichst, Buffalo. Ich bin Billy Kane,
Steckbriefj‰gerlein Numero Uno hierzulande. Mit mir hat's noch keiner
aufgenommen. Und das dort ist mein Dienerchen--Juan. Er schiesst fast so
schnell wie ich. So lass uns in Ruhe, Buffalo, sonst schiessen wir ein
paar Lˆchlein durch deinen Pelz, so dass das Fett nur so raussprudelt."
Darauf hin lachte die ganze Runde im Saloon.

Schˆne Bande die wir hier versammelt haben, dachte ich. Ja ich hatte
schon von Billy Kane gehˆrt. Er war als Kopfj‰ger mehr ber¸chtigt als
ber¸hmt. Kopfj‰ger nannte ich alle Steckbriefj‰ger, weil sie meistens
grˆssere Schuften waren, als die, die sie jagten. Er soll schon manche in
den R¸cken geschossen haben und sein Dienerchen Juan war auch kein
Engelein. Es war wohl mit seiner Hilfe im Hinterhalt dass Billy mehrere
Duelle gewonnen hatte. Solche Duelle finden nicht immer mit Zeugen statt,
die den Schuss aus dem Hinterhalt h‰tten hˆren kˆnnen. Die meisten
Kopfjˆger stellen ihren Gejagten ausserhalb der Stadt. Wirklich, mann
kann das kaum ein Duell nennen. Es wurde mir klar, falls einer Billy
ausschalten wollte, w‰r es wohl weise, zuerst Juan auszuschalten.

Der Wirt hatte sich zur¸ck hinter die Bar begeben und b¸ckte sich um etwas
zu holen.

"Also was ist's, schˆne Frau, sie stimmen wohl mit mir ¸berein. Ich nehm
die mal mit auf mein Zimmer f¸r ein Weilchen. ‹ber den Preis werden wir
uns schon einig werden." Dabei packte er die sechzehnj‰hrige Tochter beim
Unterarm und zog sie auf die Beine. Er warf einen schr‰gen Blick auf den
Jungen, nur im Fall, dass dieser ziehen sollte.

Ich war erstaunt. Der Junge machte keinen Mucks. Welche Beherrschung f¸r
einen Neunzehnj‰hrigen. Nun hatte Billy Kane der Bar seinen R¸cken
zugewandt. Er sah also weder mich noch den Wirt.

Der Wirt war wieder hinter der Bar hervorgetreten, diesmal mit einem Colt
in der Hand. "H‰nde hoch--Billy Kane"--br¸llte er plˆtzlich. Er stand
vor der Bar und hatte seinen Colt auf Billy's R¸cken gerichtet und ging
schnell aber leise auf ihn zu. Der Wirt wusste dass Billy keine Chance
hatte sich umzudrehen und zu schiessen, da war der schon auf Billy
gerichtete Colt dann doch schneller.

Doch Billy Kane wusste dass der Wirt nur bluffen konnte. Der Wirt konnte
ihn nicht einfach niederschiessen, ohne des Mordes beschuldigt zu werden.
Darum hob Billy die Arme nur ein bisschen um sicher zu machen, dass alle
sahen, dass er nicht ziehen w¸rde. Sonst h‰tte der Wirt Grund gehabt
sich zu verteidigen und Billy niederzuschiessen. Stattdessen drehte sich
Billy langsam um. Darauf hatte der schlaue Wirt gerechnet, denn er hatte
sich schon zu Billy hingeschlichen. Gerade als dieser sich umdrehte gab
ihm der Wirt eine Linke auf's Kinn dass es nur so drˆhnte. Billy ging
runter wie ein warmer K‰se. Dann hob ihn der Wirt auf als ob er ein
schlafendes Kind w‰re und schmiess ihn hinaus.

"Nur dass ihr's wisst, ich f¸hre eine reine Bude hier!" br¸llte er auf
dem R¸ckweg hinter die Bar.

Oh war ich ihm dankbar, aber ich konnte nichts sagen. Auch war das sicher
nicht das Ende des Kummers. Juan, das Dienerlein, war hinausgegangen um
Billy zu pflegen. Sicher w¸rde Billy Rache verlangen, sobald er wieder
beieinander war.

Es war jetzt etwa acht Uhr Abends und die Mutter und ihre Kinder machten
sich auf, um ihr Zimmer im Saloon f¸r die Nacht zu beziehen. Ich bemerkte,
als sie schon verschwunden waren, dass das j¸ngere M‰dchen ihr Halstuch
hatte liegen lassen. Ich hob es auf und steckte es in meine Hemdtasche.

"Ich werde es ihr Morgen geben", sagte ich zum Wirt. "Ich will sie jetzt
nicht stˆren, sie haben genug Stˆrungen hinter sich". "Kann man wohl
sagen", stimmte der Wirt ein. Sein L‰cheln verriet grosse Zahnl¸cken,
unterbrochen von schwarzen kleinen ‹berrresten, von dem, was einmal Z‰hne
gewesen waren.

* * *

Wie leicht h‰tte es zu einer Schiesserei kommen kˆnnen, dachte ich.
Schurken wie Billy Kane waren nicht immer weise genug ihren eigenen
Vorteil zu sehen. So wusste man nie ob ein Schuft wie Billy den Wirt
nicht einfach totknallte, obwohl er daf¸r h‰ngen w¸rde.

Diese ganze Gegend war sowieso von zweideutigen Charaktern Durchdrungen.
Viele kamen hier durch, entweder auf der Goldsuche nach Californien, oder
Veteranen vom Californien Gold Rush auf der R¸ckkehr. Dann gab es einige
Wildpferdj‰ger, Scouts, die die Kriegsabsichten der Indianer beobachteten,
Ex-soldaten aus dem B¸rgerkrieg, die f¸r neue Abenteuer Ausschau hielten
und H‰ndler die die Neusten Waren aus dem Osten brachten, und Gold
zur¸cknahmen. In einem Saloon, wie hier im "Whisky Barrel", waren die
stabilen Ansiedler, wie die Rancher, Kˆche, Wirte, Ladenbetreuer und
anderen Dorfbewohner in der Minderheit.

Ehrbare Frauen sah man im Saloon nur selten. ‹berhaupt waren M‰nner in
dieser Region in der ‹berzahl. Die einzigen Frauen, die man regelm‰ssig
in gewissen Saloons fand, waren die T‰nzerinnen, S‰ngerinnen oder Barmaids,
die oft noch ein Bisschen Geld mit Nebenbesch‰ftigungen von zweifelhafter
Ehre verdienten.

Ja mit diesen Typen in der Mehrzahl, konnte es leicht zu einer Schiesserei
kommen. Der Westen war aber nicht ganz ohne Gesetz. Es war so: Wenn
einer zuerst zog, und den anderen tˆtete, konnte er leicht des Mordes
beschuldigt werden, falls es unbestechliche Zeugen gab. Konnte einer aber
warten, bis der andere zog and dann schnell genug war, ihn noch zu
erwischen, dann war es Selbstverteidigung. Darum war es so wichtig flink
zu sein.

Ich, Joshua Custer, "Griz" genannt wegen meines grauen Haars und meines
grauen Vollbarts, war noch nicht schnell genug. Ich war immer noch am
‹ben. Schiessen und treffen konnte ich schon seit meiner Jugend, aber das
Ziehen war zu langsam. Ich konnte das ohne Munition ¸ben. Und ich
¸bte--im Saloon Zimmer--auf dem Trail--im Schlaf--auf dem Pferd--zu
Fuss--in den Bergen--im Tal--¸berall.

Oh w‰re ich doch so schnell gewesen, wie Jack Cohan. Er war der
schnellste den ich je gekannt hatte. Ich kannte ihn persˆnlich. Nur
weil ich mit ihm zur Schule ging. Schon als Kinder auf der Ranch ¸bten
wir zusammen mit Vater's Colt. Wir schossen auf Steine die wir sorgf‰ltig
auf den Zaun legten. Am Anfang gab es manches Loch in den Zaun. Wir
lernten zu Schiessen, aber Ziehen ist etwas anderes.

Jack Cohan lernte das Ziehen von Pedro Escobar. Der schnelle Mexikaner
lebte f¸r ein Weilchen in unserem Dorf. Jack nahm Stunden von ihm von
seinem Taschengeld. Sein Vater erlaubte es. Es war immer gut seine Ranch
verteidigen zu kˆnnen. Mit der Zeit ¸bertraf Jack seinen Lehrer. Das
aber Jahre sp‰ter, als Pedro Escobar schon lange aus dem Dorf gezogen war.
Jack war nun der schnellste in der Gegend und zog weg von der Ranch um
Sheriff in Dallas, weiter im Norden, zu werden.

Ja, Jack Cohan war schnell. Er erschoss einmal drei Schurken, bevor einer
von ihnen zum Abziehen kam. Es scheint unmˆglich zu sein. Und doch ist
es wahr. Die Bewegung des Ziehens eines Profis wie Jack Cohan ist so
schnell, dass sie von Auge nicht gesehen werden kann. Jack kann also
ziehen, schiessen und den Colt wieder ins Holster stecken schneller als
unsereiner blinzeln kann. Sogar dann wenn jemand seinen Revolver schon
auf Jack gerichtet hat kann Jack noch ziehen, schiessen und treffen bevor
der andere abziehen kann.

Dass passierte mit Jose Domingo. Als er das Handgewehr von dreissig Fuss
schon auf Jack Cohan gerichtet hatte, da schoss es ihm Jack aus der Hand,
noch bevor er den Abzug bewegen konnte. Jack liess ihn leben. Denn Jose
war jung und dumm, und Jack Cohan war ein g¸tiger Mann.

Jack schoss rechts und links, schneller rechts. Das war von Vorteil.
Einmal in einem zweiten Duell mit Jose Domingo verklemmte sich sein
rechter Colt. Jack hatte noch genug Zeit seinen Linken zu ziehen, bevor
Jose abdr¸cken konnte. Wieder schoss ihm Jack den Revolver aus der Hand.
Und wieder vergab er Jose Domingo und liess ihn leben. Aber er warnte
Jose: Kommst du ein drittes Mal wird's dein Ende sein. Jose schoss nie
mehr auf Jack. Er lernte nichts beim ersten Mal, aber er lernte was beim
zweiten Mal. Besser als nie.

* * *

Es war das Jahr 1865. Ja, der Westen war ein wildes Land, in dem nur die
St‰rksten ¸berlebten. Der B¸rgerkrieg war im Osten zu Ende gekommen, und
Sklaverei hatte ein Ende genommen. Der Westen aber war noch unzivilisiert
und unerschlossen. Zivilisation war bis zum Mississippi vorgedrungen,
aber die Prarie war immer noch von sechzig Millionen B¸ffeln bewohnt. Sie
war noch so wild, wie eh und je. Die Indianer jagten die B¸ffelherden,
Antelopen gab es noch von Kanada bis Mexiko und es war keine Seltenheit,
Pumas zu sehen. Das Land war noch unber¸hrt.

Erschlossen und f¸r Ansiedler freigemacht wurden diese Gebiete durch die
Eisenbahn. Die Eisenbahn war aber erst bis Kansas City vorgedrungen. Zur
Zeit wurden Texas Rinder immer noch auf dem Chisholm Trail nach Kansas
getrieben. Von dort konnten sie mit der Eisenbahn zu den M‰rkten im Osten
gefahren werden. Das sollte sich erst in zehn Jahren ‰ndern.

In Texas gab es also Ranches mit Rindern, aber die Pr‰rie blieb ungen¸tzt.
Sie wurde noch nicht f¸r Weizen gepfl¸gt und war noch nicht zum Brotkorb
der Nation geworden.

Als ich so da sass und nachdachte--ich hatte mich inzwischen an einen Tisch
gesetzt--fielen meine Gedanken auch auf die Frau und ihre Kinder. Die
Kinder machten den Eindruck als w‰ren sie wohl erzogen und Pr¸fungen und
Leid im Leben gewachsen. Sie schienen fast zu reif zu sein f¸r ihr Alter.
Der Junge machte den Eindruck dass man ihn ¸berall gebrauchen konnte.

Der seriˆse Ausdruck auf dem Gesicht der Frau f¸gte zu ihrer Schˆnheit
hinzu. Sie schien eine Frau zu sein, auf die man sich verlassen
konnte--in jeder Situation. Sie schien tief zu sein, nicht oberfl‰chlich,
mit einem guten Verstand und guter Einsicht, die durch harte Erfahrungen
kommen. Sie war nicht verweichlicht, nicht verwˆhnt. Sie schien hart und
mutig. Auch sie hatte keinen Mucks gemacht als der Schurke ihr M‰dchen
wegzuschleppen drohte. Warum nicht? Sie schien nicht die Frau zu sein,
die ihrer Tochter etwas zustossen liesse, ohne sich zu wehren. Oder war
sie es sich gewˆhnt von M‰nnern verteidigt zu werden, die ihre Anmut
sch‰tzten. Ich konnte diese Fragen nicht beantworten. Ich sollte es
kˆnnen, denn sie war meine Frau und es waren meine drei Kinder. Aber ich
kannte sie kaum mehr. Ich betrachtete sie jetzt wie ein Aussenstehender.

Ich hatte schon zweieinhalb Jahre nichts mehr mit ihnen zu tun gehabt, als
ich ihre Spur wiederfand in Laredo. Sie waren mir fast fremd. Ich
erkannte sie, das schon--aber ihr Charakter hatte sich ver‰ndert und es
war als lernte ich sie wieder kennen, seit Laredo. Mit jeder Beobachtung
war ich mehr von ihnen beeindruckt, sie waren gewachsen.

Sie hatten mich nicht erkannt und das war mir auch recht. Ich hatte es
erwartet, denn ich hatte mich sehr ver‰ndert. Ich sah nicht mehr aus wie
fr¸her und das mit gutem Grund. Denn ich war auf der Flucht und niemand
durfte mich erkennen. Sie auch nicht, denn das br‰chte sie in noch
grˆssere Gefahr, als sie schon waren. Ja sie waren in Gefahr, denn das
war kein Land in dem Frauen und Kinder unbesch¸tzt reisen sollten. Nun
ganz unbesch¸tzt waren sie nicht mehr seit Laredo, denn ich w¸rde auf sie
aufpassen. Sie waren dessen unbewusst, hatten nicht einmal bemerkt dass
ich ihnen folgte. Nein sie durften mich nicht erkennen, denn wen jemand
erfuhr, dass sie zu mir gehˆrten, dann w¸rden sie gejagt werden, genau so
wie ich. Auch konnte ich sie besser besch¸tzen aus der Distanz.

Ja ich liebte sie. Ich liebte sie sehr. Aber ich musste mich fern halten.
Sie durften nicht einmal merken, dass ich hinter ihnen her war.

Darum war ich dem Wirt so dankbar heute abend. Ich hatte nicht selbst
eingreifen m¸ssen. Ich wollte nicht dass sie meiner ¸berhaupt bewusst
waren. Ich hatte mich also im Hintergrund halten kˆnnen. Um so
besser--aus einem anderen Grund auch--ich war noch nicht schnell genug.
W¸rde ich es je sein? Ich musste, da gab es keine Wahl. "Manchmal muss
man tun, was man tun muss!" wie mein Vater zu sagen pflegte als er noch
lebte.

* * *

Mit diesen Gedanken im Kopf machte ich mich auf, f¸r einen Spaziergang.
Es blieb noch eine Stunde Tageslicht und ein Bisschen der frischen
Bergluft, die von den Zuni Bergen her wehte, w¸rde mir gut tun.

Auf dem Weg zur¸ck, es war schon dunkel geworden, stolperte ich fast ¸ber
ein blinde Indianerfrau, die zwei H‰user vom Saloon entfernt sass. Sie
hatte eine leere Konservenb¸chse die sie mir entgegenstreckte:

"Ein Almosen, Sir, ich bitte sie." Ihr Geruch und ihre schrille Stimme
gingen mir auf die Nerven. Als ich an ihr vorbei gehen wollte, schrie sie
noch lauter: "Haben sie ein Herz, Sir, haben sie ein Herz".

Das letzte "haben sie ein Herz" war leiser und langsamer gesprochen, so
als resignierte sie sich, nichts zu bekommen. Da packte mich dann doch
das Erbarmen und ich warf zehn Silberdollar in ihre B¸chse. Schnell ging
ihre Hand in die B¸chse um zu z‰hlen. Dann schrie sie "Oh gn‰diger Herr
das ist doch zuviel, viel zuviel, soviel brauche ich ja gar nicht.
Vergelt es ihnen Gott, sie g¸tiger Mann." Sie nahm wohl von meinem Tritt
an, dass ich ein Mann war und wohl auch, weil die meisten die hier
vorbeigingen, M‰nner waren--wenn sie wirklich blind war.

"Schreien sie doch nicht so, oder die ganze Stadt wird denken dass ich
reich bin. Das fehlt mir noch dass einer versucht mich auszurauben."

"Oh Entschuldigung, Sir, ich will ihnen keine Schwierigkeiten machen."

"Sagen sie, sind sie ganz blind?"

"Von meiner Kindheit, Sir. W¸rde ich sonst hier sitzen und betteln. Dies
ist kein Platz f¸r eine alte Frau--aber was bleibt mir."

Im faden Licht der Karbid Lampen bemerkte ich plˆtzlich Billy Kane auf der
anderen Seite der Strasse fluchend und schimpfend, umgeben von einer Menge
arger, bitterer Burschen und Juan. Die f¸hrten nichts Gutes im Schilde.
Ich konnte ahnen, was kommen w¸rde. Sie bewegten sich langsam auf den
Saloon zu und ich hˆrte Billy angeben: "Die feinen D‰mchen entkommen Billy
nicht und auch das Wirtlein nicht." Vor dem Saloon teilten sie sich. Die
eine H‰lfte, sechs Mann, ging in den Saloon, die anderen umgaben den
Saloon. Es sah aus als wollten sie sicherstellen dass niemand aus dem
Saloon fliehen konnte.

Ich wusste, was sie vor hatten. Sie w¸rden eine Streiterei vort‰uschen im
Saloon oder anzetteln, bei dem der Wirt dann per Zufall erschossen wurde.
Dabei kam es ihnen gar nicht darauf an dass einige Beist‰nder auch
erschossen w¸rden. So rauh waren diese Burschen. Ich hoffte nur dass die
meisten von ihnen auch was abkriegten, den in so einer Rauferei, wo die
Kugeln fliegen, ist keiner sicher. Wer andern eine Grube gr‰bt f‰llt oft
selbst hinein.

"Wo wohnt der Sheriff?", ich schrie die blinde Frau fast an.

"Der jagt nach der "Little" Gang".

"Habt ihr einen Deputy?"

"Oh, der ist immer besoffen--vergiss es Mister--es gibt keine
Gerechtigkeit auf dieser Welt".

Um's Philosophieren war es mir im Augenblick nicht.

"Madam, gibt es einen Ausweg aus dem Saloon. Sie sind hinter einer Frau
und ihren Tˆchtern her. Sie haben den Saloon umzingelt".

"Immer das gleiche, die M‰nner wollen immer nur eines von den Frauen."

Ich war froh, sie verstand.

"Durch den Aussenabort, denn der ist mit dem Saloon durch einen gedeckten
Gang verbunden! Doch es ist stockdunkel dort hinten niemand braucht den
Abort mehr, es gibt jetzt ja einen im Saloon." Gut ist es eine mondlose
Nacht, dachte ich, es wird also noch dunkler sein.

"Hier sind noch zehn Dollar. Schleichen sie durch den Abort hinein und
holen sie die Frau und ihre Kinder heraus--ich bitte sie."

"Ich tue was ich kann f¸r sie Mister, denn sie sind ein guter Mann. Wenn
sie wieder hier vorbeikommen, gedenken sie meiner."

Dabei schlich sie sich wie eine gewandte Katze um die dunklen Ecken. Es
war als ob sie sehen konnte in der Dunkelheit und war gewandter in der
Nacht als ein Sehender.

Dann strollte ich auf den Saloon zu, ich musste meine Eile verbergen. Was
f¸r eine Schmiere, dachte ich, warum musste das immer mir passieren. Ich
hatte wohl noch einiges zu lernen. Meine Colts waren die Besten, aber war
ich gut genug?

Ich glaubte, dass der Wirt sich schon l‰ngst aus dem Staub gemacht h‰tte,
aber nein, er servierte. Er war kein Feigling. Was h‰tte er auch machen
sollen? Jemand anders servieren lassen? Und den in Gefahr bringen? Nein
der Wirt war fair. Ich stand auf seiner Seite.

"Juan geh doch mal sehen, ob uns die D‰mchen nicht Gesellschaft leisten
wollen", sagte Billy mit lauter Stimme und seine Bande stimmte ein "Ja,
hol sie mal, die H¸bschen."

"Zeit dass sie was lernen...", f¸gte ein anderer hinzu, "...jung ¸bt sich
was ein Meister werden will..." und alle lachten. Doch das gefiel dem
Wirt nicht. Er erhob Einspruch: "Niemand ohne Zimmer geht nach oben!"
Dann eilte er Juan nach und erwischte den gerade noch beim ƒrmel. Er zog
ihn die Stiege herunter und schwang ihn auf das Parkett, auf dem Juan noch
zwanzig Fuss gleitete und gerade vor Billy zum Stoppen kam.

Dann plˆtzlich ein Schuss, und der schwere Leuchter kam von der Decke
gesaust und st¸rzte gerade auf Juan's Schulter, der darunter lag.

"Au" schrie Juan.

"Ruuuhe maaal!" kam da eine hohe aber laute und ruhige Stimme von der Bar.
Es war der Sch¸tze, ein Mexikaner. Der konnte wohl schiessen. Das war
kein leichtes St¸ck den Leuchter so zu amputieren.

Es war plˆtzlich totenstill im Saloon. Der Mexikaner kam mir bekannt vor,
und dann half er mir ein Bisschen. "Ich bin Peeedro Escobaaar--ihr habt
von Peeedro gehˆˆˆrt--und Peeedro mˆˆˆchte sein Diiinner in Ruhe eeessen.
Verstaaanden! Soll einer hier Peeedro ‰‰‰rgern, weiss sich Peeedro zu
weeehren." Dabei wanderte er hin¸ber bei der Treppe vorbei, so als um
sich gut zu platzieren. Er gestierte mit beiden H‰nden beim Sprechen.
Das sah gef‰hrlich aus, den man wusste nie wo sich seine H‰nde hin
bewegten.

"Du verdammtes, gelbh‰utiges Hurensˆhnchen, was mischt du dich da ein."
Billy hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da sauste die Kugel auch
schon an seinem Kopf vorbei und nahm ein bisschen Haut und Haare mit.
Jetzt verstand ich warum Pedro auf die Treppe zugegangen war. Er hatte
sich so plaziert dass seine Kugel nur Billy treffen w¸rde, sonst aber
ohne Schaden in die Wand ging wo niemand sass. Den er wollte niemand
umbringen, nein nicht einmal Billy. Er wollte ihm nur eine Lektion
erteilen. Deswegen der Streifschuss.

Ich wusste nicht dass Pedro Escobar so genau schiessen konnte. Ich wusste
nur dass er schnell war. Billy schien ihn nicht zu kennen, sonst h‰tte er
es wohl gelassen. Er h‰tte aber wirklich sehen sollen, dass er Pedro
nicht gewachsen war.

Die anderen vier Burschen die mit Billy in den Saloon gekommen waren, und
anfangs ihres Sieges sicher gewesen waren, schienen jetzt nicht mehr so
sicher zu sein. Wie sie sich zu Beginn um Billy herumgeballt hatten, so
entfernten sie sich nun ganz allm‰hlich. Aber Billy war noch nicht
fertig. Er war ein Narr. Er zog. Pedro schoss ihm den Colt geradewegs
aus der Hand. Dabei hatte Billy Gl¸ck. Seine Hand wurde nicht getroffen.
Jetzt versuchte er es auch noch links. Diesmal war er nicht so gl¸cklich.
Die Kugel traf den Colt und seine Hand. Dann verschwanden die beiden.
Billys hielt seine Hand und seinen Kopf und Juan seine Schulter. Also
nicht mehr so stolz, ein bisschen dem¸tiger sahen sie jetzt aus. Das war
der einzige Vorteil f¸r Billy und Juan an dieser Angelegenheit. Denn
Demut ist immer besser als Stolz.

Die Ruhe war wieder hergestellt. Es hatte nur einen Mann wie Pedro
Escobar gebraucht. Der kleine, d¸nne, jetzt etwa f¸nfundf¸nzig Jahre alte
Mexikaner war nicht zu untersch‰tzen. Ich aber rannte hinaus. Ich f¸hlte
mich wie ein Narr. Ich hatte meine Familie mˆglicherweise gerade in die
H‰nde der draussen wartenden Halunken geschickt. Ja, ich konnte nicht
wissen dass Pedro Escobar die Gefahr abwenden w¸rde. Ob es die blinde
Indianerin wohl geschafft h‰tte.

Ich rannte hinaus. Und wieder stolperte ich fast ¸ber sie, denn jetzt
sass sie ausserhalb des Saloons.

"Habt ihr es geschafft" fl¸sterte ich.

"Oh ja Mister, keine Bange."

"Wo sind sie hin?"

"Ich nahm sie um zwei H‰user herum. Soweit weiss ich den Weg, Sir. Dann
sind sie weiter durch die Stadt gegangen."

"Hat sie jemand gesehen?"

"Das weiss ich nicht, Mister. Sowas kann ich doch nicht sehen." Ich
verstand.

Ich rannte in den Saloon zur¸ck und holte meine Sachen, zahlte und machte
mich auf den Weg. Keiner der Schurken die den Saloon umzingelt hatten war
mehr zu sehen. Ich sattelte meinen Apfelschimmel, stieg auf und ritt den
Corrals entlang. Ich sah ihre Pferde. Ihre Pferde waren noch da. Ich
wollte wissen wo sie waren. Es gab noch einen heruntergekommenen Saloon
am Ende der kleinen Stadt, gegen Norden. Dort ging ich hin und erkundigte
mich, aber sie waren nicht da.

Kapitel 2

Ich ritt zur¸ck in die Stadt. Es hatte keinen Sinn, einfach loszureiten.
Zudem w¸rden sie die Pferde brauchen. Sie mussten also irgendwann zum
"Whiskey Barrel" Saloon zur¸ckkehren. Auf dem Weg zur¸ck zum
Stadtzentrum dachte ich dar¸ber nach wie alles so gekommen war.

Ich dachte zur¸ck an die Zeit wo wir noch alle zusammenwohnten auf der
Ranch die mir mein Vater hinterlassen hatte. Wir hatten es schˆn zusammen.
Ja das Ranchen war harte Arbeit, aber es hatte auch seine guten Seiten.
Man war an der frischen Luft, gesund und sein eigener Herr und Meister.
Wir waren arm, aber wir hatten alles was wir brauchten.

Unser Land war umgeben vom Land der Kings. Drei Br¸der und ihre Familien.
Sie besassen das ganze Land auf der West Seite des Dorfs ausser unserer
kleinen Ranch, die wie ein Herz in der Mitte ihrer Ranch steckte. Das
h‰tte sie nicht stˆren m¸ssen, denn wir waren gute Nachbarn. Liessen
unser Vieh nie auf ihrem Grund weiden oder ihr Wasser trinken. Wir hatten
unsere eigenen Brunnensch‰chte gegraben und wir stahlen auch keine Rinder.
Kurz, wir waren friedlich, sie aber nicht. Sie wollten unser Land, denn
es war gut und hatte genug Wasser.

Nicht dass sie es brauchten, denn sie erworben immer mehr Land gegen
Westen, Norden und S¸den, so dass sie ein wahres Reich geschaffen hatten.
Sie waren nicht faul, das musste man ihnen lassen. Stark und gesch‰ftig,
das wohl, aber auch stolz und eingebildet.

Zuerst waren sie freundlich, fast zu freundlich. Machten Offerten f¸r
mein Land. Aber ich wollte nicht verkaufen. Zu keinem Preis. Land zu
haben war mir wichtiger als alles Geld auf der Welt. Das Land war in
unserem Besitz seit mein Grossvater, Fritz Kˆster, von Deutschland ins
neue Land gekommen war. Der Name hatte sich ge‰ndert aber die Liebe zum
Land nicht.

Dann wurden sie kalt und geh‰ssig uns Custers gegen¸ber. Dann kamen die
ersten Drohungen. Frau King fl¸sterte zu Julia meiner Frau im Store:
"Hast du gelesen wie Don Browns Brunnen vergiftet worden war. All sein
Vieh starb. Sie sagen, jemand h‰tte Arsenik ins Wasser gemischt. Kˆnnte
jedem passieren, heh. Auch euch. Seid nur nicht so selbstsicher." Und
da die Sheriffs Frau gerade in den Laden gekommen war, f¸gte sie schnell
hinzu: "Man muss Gott dankbar sein f¸r seinen Schutz jeden Tag." Diese
Heuchlerin--wie konnte sie nur Gottes Namen auf die Zunge nehmen. Sie
h‰tte gar nichts sagen m¸ssen, Vom Sheriff bis zum Barbier war das ganze
Dorf sowieso auf ihrer Seite--mehr aus Angst als aus Liebe. Die Kings
waren Unterdr¸cker.

F¸r eine Weile schickte ich Jack, meinen Sohn, den Hauptbrunnen zu
bewachen, aber es war nur eine Drohung gewesen. Sie wollten ja meine
Ranch nicht zerstˆren, nur in ihren Besitz bringen. Die Drohungen waren
also nur um unser Leben sauer zu machen. Doch dann schritten sie von den
Drohungen zur Tat.

Der B‰cker wurde tot gefunden, von Hinten erschossen. Ich hatte eine
Ahnung wieso. Er war der einzige gewesen der gegen die Kings aufgetreten
war. Er scheute sich nicht ihnen seine Meinung zu sagen. Ich sage nicht,
die Kings h‰tten ihn erschossen, aber sie trauerten ihm sicher nicht nach.

Doch dann kam das Unerwartete. Sie beschuldigten mich, dass ich den
B‰cker erschossen h‰tte. Sie brachten falsche Zeugen, die sie teilweise
bestachen und teilweise zwangen. Auch Chuck und Butch King, die Sˆhne
einer der Kings Br¸der, sagten aus, dass sie mich in der N‰he des Tatorts
gesehen h‰tten. Ich wurde zum H‰ngen verurteilt. Da sass ich nun in der
Zelle im Sheriffs Haus und wartete auf meinen Todestag.

Es war schlimm f¸r mich. Den Tod f¸rchtete ich nicht, aber das
Eingesperrt sein konnte ich nicht ertragen. War ich doch ein freier Mann
gewesen, gewˆhnt an die Weiten der Pr‰rie. Ich betete, denn ich glaubte
an Gott. Ich glaubte dass er mir helfen w¸rde.

Zwei Tage vor meinem Hinrichtungs Tag war der Sheriff wieder einmal recht
besoffen. Ich glaube er tat das um seine Misere in diesem Dorf zu
vergessen. Wahrscheinlich hatte er einen ausgepr‰gten Gerechtigkeits Sinn,
wie die Meisten Gesetzausf¸hrer. Zwar gab es mit ihm nur schwarz und
weiss, entweder war ein Mann gut, oder er war bˆse. Dabei ist es ja klar,
dass Gutes und Bˆses in uns allen steckt. Aber Gerechtigkeit wurde in
diesem Dorf von den Kings bestimmt. Das sah der Sheriff nicht gern, war
aber zu ‰ngstlich etwas dagegen zu tun. So soff er.

Vor der Nacht nahm er mich immer auf das Klo. Dazu legte er mir durch das
Gitter die Handschellen an, ˆffnete dann die Zellt¸r, liess mich hinaus
und sperrte mich dann ins Klo hinein. Durch das kleine Fenster in der Klo
T¸re nahm er mir die Handschellen ab. Dann konnte ich mein Gesch‰ft
erledigen.

Dann ging das ganze wieder im R¸ckw‰rtsgang, bis ich wieder in der Zelle
war.

"Na, beeil dich schon, J-J-Josh, hab ja n-n-nicht die ganze Nacht. Man
will sich ja auch m-m-mal hinlegen. Kannst dich ja wirklich ein Bisschen
schneller b-b-bewegen". Doch diesmal schloss er zwar die Zellt¸re,
vergass aber sie abzuschliessen. Er nahm den Schl¸ssel aus dem
Schl¸sselloch, hatte aber vergessen ihn erst zu drehen.

Ich wartete bis etwa drei Uhr morgens, dann schlich ich mich hinaus. Ich
rannte zu meiner Ranch. Es war acht Meilen. Ich schuf es in einer Stunde.

"Julia, ich bin's, wach auf, beeil dich", weckte ich sie. "Ich werde nach
Kanada fliehen. Such mich in Edmonton, wenn ich wegkomme."

"Ich liebe dich, Josh--ich lieb dich--geh, geh schon--ich will dich nicht
verlieren!" Sie stopfte meine Taschen voll mit Geld. Sie hatte alles
verkauft, was sie verkaufen konnte in der Zwischenzeit, um gerade f¸r so
einen Fall zu sorgen. Man konnte sich auf sie verlassen.

"Dad, vergiss die nicht". Jack war inzwischen aufgewacht und aus seinem
Zimmer gekommen. Er reichte mir meine Smiths Colts und Patronen. Ich
fiel ihm um den Hals und k¸sste ihn : "Sorge f¸r die Familie, gehorche
deiner Mutter, denn sie ist weise. Verlier nicht die Nerven, mach nichts
Dummes." Ich wusste was f¸r eine Zielstrebigkeit und was f¸r starke
Gef¸hle Jack besass und das konnte ihn manchmal zum Hitzkopf machen,
obwohl er normalerweise sehr ruhig war.

Lisa, meine j¸ngere Tochter kam keuchend ins Haus gerannt : "Dad, Sara und
ich haben dein Pferd gesattelt. Das nˆtigste ist in den Satteltaschen.
--au! jetzt hab ich noch was zu Essen vergessen. Wart ich geh gleich."

"Wenn sie hierher kommen, sag dass du mich nicht gesehen h‰ttest. Dass
ich meine Sachen wahrscheinlich leise gehohlt h‰tte. Sonst wirst du
mitschuldig." Ich packte die Munition und rannte hinaus. Alle folgten
mir ebenso rasch.

"Beeil dich, Dad" sagte Sara mit besorgter und ged‰mpfter Stimme.

"Beeil dich!--wir werden dich nie vergessen". Ich k¸sste sie ¸ber das
ganze Gesicht, dann Lisa, dann Julia und zuletzt auch noch Jack.

"Mach dir keine Sorgen um uns, Josh--k¸mmere dich nur um dich selbst.--ich
will dich nicht verlieren!" sagte Julia mit zitternder Stimme.

Nur meine Mutter, die mit uns wohnte, war nicht aufgewacht. Sie war
siebzig Jahre alt, doch schlief sie sehr gut.

Dann galopierte ich weg. Nach S¸den. Denn ich w¸rde nicht geradewegs
nach Kanada reiten. Zuerst musste ich ¸ber den Rio Grande, nach Mexiko.
Und das so schnell wie mˆglich.

Als ich dahinritt ging mir die Abschiedsszene nochmals durch den Kopf.
Sogar in einer solch kurzen Szene zeigten sich doch der Charakter meiner
Frau und Kinder. Alle waren sehr zuverl‰ssig. Das verlangte ich von
meinen Kindern von sehr fr¸h an. Wie froh war ich jetzt, dass ich hart
mit ihnen gewesen war.

Julia und Jack waren beide sehr starke Persˆnlichkeiten. Man konnte sie
nicht leicht in etwas hineinreden. Sie machten nichts was sie nicht
wollten. Sie mussten ihren eigenen Weg gehen und ihren eigenen Raum haben.
Das war manchmal schwierig f¸r mich. Meine Frau zum Beispiel trug nie
Frauenstiefel, weil sie unbequem waren. Man konnte ihr sagen was man
wollte, sie trug ihre Mokasins, von Indianern gefertigt. Und obwohl sie
hervorstach, und die argwˆhnischen Blicke der Frauen im Dorf auf sich zog,
bevorzugte sie das. Das machte mir manchmal zu schaffen. Sie wollte
einfach nicht "normal" sein, so wie jeder, und sich einf¸gen.

Jack, der wollte keine Brandzeichen auf unsern Rindern, weil er glaubte
dass es ihnen weh t‰te. Wenn ich es tun wollte, fing er an gegen mich zu
k‰mpfen. Wir sprachen dar¸ber, und ich konnte ihn nicht davon abbringen.
Alle Vernunft half nichts. So einigten wir uns dass wir ein kleines
rundes Loch aus ihren Ohren schneiden w¸rden, um sie zu identifizieren.
Jack sah das etwa so, wie die Lˆcher f¸r Lisas und Saras Ohrringe. Es war
ok.

Lisa, die j¸ngere war sehr sprudlig aber immer etwas zerstreut. Sie
sprach am Meisten in der ganzen Familie. Sie liebte das Schauspiel und
die Musik. Sie liebte Humor. Brachte uns immer zum Lachen. Es machte
ihr gar nichts aus wenn Leute ¸ber sie lachten. W‰hrend es jemand anders
scheniert h‰tte, empfand sie es als Spass.

Sarah war mir am ƒhnlichsten. Sie war sehr organisiert. Ein tiefer
Denker. Sehr intelligent. Scheu zwar und zur¸ckgehalten, aber kein
Feigling. Eine tiefe innere Gl¸cklichkeit und Zufriedenheit schien durch
ihr Gesicht. Das machte sie sehr attraktiv.

* * *

Ich war zum Rio Grande gekommen und schwamm hin¸ber, mein Pferd am Halfter
f¸hrend. Das Wasser war tr¸b wie immer und warm. Ich hatte es bis
Mexiko geschafft, aber sicher war ich noch nicht. Sie konnten mich hier
zwar nicht verhaften. Aber sie konnten mich holen und illegal wieder ¸ber
den Rio Grande zur¸ckbefˆrdern und dort verhaften. Oder schlimmer, sie
erschossen mich und nahmen mich tot zur¸ck. Das w‰re den Kings sicher am
Liebsten gewesen, dann h‰tten sie einen S¸ndenbcok, der nicht mehr
sprechen konnte. Trotzdem f¸hlte ich mich besser jetzt, und sprach ein
Dankgebet. Gott hatte mir geholfen, wie erwartet.

Ich machte keine Rast, sondern ritt tagelang bis Santa Cruz, wo ich mich
dann wieder ¸ber die Grenze zur¸ck wagte. Lisas Essen reichte f¸r f¸nf
Tage. Sie hatte mir Brot und ger‰uchtes Rindfleisch, Mandeln und dedˆrrte
Aprikosen gepackt. Dann ging ich zweiundzwanzig Tage ohne Essen. Ich
wollte nirgends gesehen werden.

Sara und Lisa hatten alles mˆgliche in meine Satteltaschen gepackt: eine
Decke, frische UnterW‰sche, Taschent¸cher, Feuerzeug, eine kleine Ax,
einen Kamm, Zahnb¸rste und ein paar Frauen Sachen: Faden und Nadeln, einen
Waschlappen, ein Handtuch, Seife und sogar eine kleine Flasche Perfum mit
einem kleinen Zettel darumherumgewickelt. Darauf stand: "Wenn du dieses
Perfum riechst, dann wird es dich an mich erinnern, lieber Dad. Geh
sparsam damit um. Deine Lisa." Wie s¸ss! Sie mussten mich erwartet und
alles vorbereitet haben.

Zwei Jahre schlug ich mich dann in New Mexiko und Arizona herum, Suchte
Gold hier und dort, fand am Anfang aber nicht viel. Mein Geld reichte aus
f¸r einfache Kost, die ich selbst kochte. Die Jagd f¸gte einige
Leckerbissen hinzu. Ich schlief immer draussen.

Gold gab es in diesem Land schon, man musste es nur finden. Man konnte
an vielen Orten Goldstaub finden, solange man am richtigen Ort schaufelte.
Etwa auf der Innenseite einer Flussbiegung, oder hinter grossen Steinen
im Fluss. Es war aber harte Arbeit und viel fand man meistens nicht.

Doch dann, eines Tages, es war Oktober oder November, ich erinnere mich
nicht mehr genau, ritt ich in ein Bergtal hinein und folgte dem Fluss, der
das Tal geschaffen hatte. F¸r die Grˆsse des Tals h‰tte er mehr Wasser
haben sollen. Doch es war eine trockene Gegend. Ich folgte dem Fluss und
brauchte meine Goldpfanne hie und da, nur so zum Sehen ob ich etwas f‰nde.
Aber es gab nicht viel. Wahrscheinlich war ich nicht der Erste hier.

Dann hˆrte ich hoch oben in den Felsen plˆtzlich einen Puma fauchen. Und
dann sah ich ihn auch. Er war gut getarnt. Ich h‰tte ihn nie gesehen,
w‰re er still gewesen. Neben ihm lag seine Beute, eine Maulhirschkuh.
Und jetzt sah ich, warum er gefaucht hatte. Da war noch ein Puma, den ich
zuerst gar nicht gesehen hatte. Sie stritten sich also um die Beute. Sie
musste auf der Grenze ihrer Reviere liegen.

Ich liebte die Natur und wollte mir das Schauspiel n‰her ansehen. So
ritt ich im Schatten eines vertikalen Grats die Felsen hinauf. Bald kam
ich n‰her. Beide waren Prachtsexemplare. Sie stritten sich noch immer.
Dann kam es zu einem Kampf. Noch nie hatte ich solche Schnelligkeit
gesehen. Sie balgten sich, sie drehten sich. Es dauerte nur zwei
Sekunden. Dann wars vorbei. Der Verlierer schlich sich weg, mit einer
blutenden Schramme am Genick. Der Sieger fing an zu fressen. Ich w¸rde
ihn nicht stˆren.

Mittleweile war ich an einen kleinen Bergbach gekommen und ich dachte, da
ich schon hier oben bin, versuch ich mein Gl¸ck. Tats‰chlich fand ich
ein kleines Nugget, etwa erbsengross. Ich folgte dem kleinen, kurzen Bach
in die Hˆhe and fand noch eins, haselnussgross. Dann keine mehr. Ich
nahm Notiz, wo ich das letzte gefunden hatte, und suchte nun diese Gegend
sorgf‰ltig ab. Dann fand ich sie, eine kleine Goldader in einer kleinen
Hˆhlung. Da gabs noch mehrere Nuggets, die am Boden lagen. Ein starkes
Gewitter kˆnnte leicht einige in den Bach tragen, wo ich sie erst gefunden
hatte. Ich sammelte alle Nuggets und kratzte die Goldader mit dem Messer
aus dem Felsen, bis nichts mehr ¸brig blieb.

Dies w¸rde ein schˆnes St¸ck Geld bringen. Genug bis Kanada, falls ich
sparsam damit umging. Aber vieleicht konnte ich es mir jetzt leisten, mal
im Saloon zu schlafen, und ein heisses Bad zu geniessen. Im Fluss
baden--was ich bis jetzt getan hatte--war alles andere als heiss.

* * *

Bis jetzt hatte ich Gl¸ck gehabt. Es gab ¸berall Steckbriefe von mir,
doch hatte mich noch keiner erkannt. Ich sah nicht mehr so aus wie auf
dem Steckbrief, der von einer Photo kam, die sie auf der Ranch geholt
hatten. Nein, ich hatte jetzt graues Haar, wohl von den vielen Sorgen.
Das Haar war lang, da ich keinen Barbier besuchen wollte. Zusammen mit
meinem grauern Vollbart deckten sie fast das ganze Gesicht und auch die
Ohren zu. Trotzdem d¸nkte es mich weise, mich noch mehr zu ver‰ndern.
Ich wollte mir eine Brille kaufen, nat¸rlich mit Fensterglas. Das w¸rde
auch noch meine gr¸nen Augen decken.

Ein Merkmal, das der Steckbrief enthielt, hatte sich allerdings nicht
ver‰ndert und das war das herzfˆrmige Muttermal auf meinem R¸cken.

Und so machte ich mich auf nach Silver City, um meine Brille zu bekommen.
Doch das war mein Verh‰ngnis.

Ich hatte neue Vorr‰te und die Brille schon gekauft, hatte sie aber noch
nicht angezogen, weil ich noch nicht an sie gewˆhnt war. Ich nahm noch
ein schnelles Bier im Saloon, dann w¸rde ich mich aus dem Staub machen.
Ich lauschte dem Gespr‰ch am andern Tisch, da sassen drei M‰nner und eine
Frau. Sie glichen sich und waren wohl Br¸der und Schwester. Sie schienen
ihre finanzielle Lage zu besprechen.

"Also Bob, sags mir noch einmal. Was ist jetzt in der Bank geschehen?"

"Nichts, Bradley, wir haben einfach schon alles Geld verbraucht. Ich
habs dir ja schon gesagt."

"Das Geld ist nicht unter Black, ich habe es unter Nelson einbezahlt. Das
weisst du doch, Bob. Oder?"

"Ja Brett, das weiss ich schon, ich bin doch nicht blˆd. Das hab ich dem
Banker auch gesagt."

"Wir haben eben ein Bisschen zu gut gelebt, nicht Bob." f¸gte die
Schwester hinzu.

"Blˆdsinn, Bridget, Bob hatts sicher in seine Tasche gesteckt." "Jetzt hˆr
doch auf, Brad, es ist einfach Zeit einen neuen Steckbrief einzukassieren."

"Und wen hast du da im Sinn, Kleiner?".

"Gehen wir sie uns mal anschauen. Kommt. Zahlen, Wirt. Zahlen!"

Bis der Wirt kam, sassen sie f¸r ein Weilchen still da. Da fing mich
einer an anzustarren. Dann ein Gefl¸ster am Tisch. Dann ein paar schr‰ge
Blicke in meiner Richtung, so unauff‰llig wie sie nur konnten. Aber ich
wusste sie hatten mich erkannt. Sie waren noch nicht ganz sicher, sonst
h‰tten sie mich vieleicht gerade hier gestellt. Ich zahlte und ritt
unauff‰llig langsam aus der Stadt. Aber kaum hatte ich den Rand erreicht,
da gings im Gallopp weiter.

Also die Black Brothers waren mir auf der Spur. Brad, Bob, Brett und
Bridget. Ich taufte sie die BB's in meinem Kopf, den sie hatten alle die
gleichen Initialen. Alle ihre Vornamen fingen mit einem "B" an, und ihr
Nachname auch. Sie waren Kopfj‰ger, und sehr gute. Sie konnten schiessen,
und sie waren schnell.

Ich hˆrte Pferdehufe hinter mir. Schon war wenigstens einer hinter mir
her, der, der mich zuerst angestarrt hatte, n‰mlich Bradley. Er ritt
gleich schnell wie ich. Er konnte mich nicht einholen, aber er fiel auch
nicht zur¸ck. Es kam jetzt nur darauf an, wer den ausdauernsten Gaul
hatte. Das w¸rde kaum meiner sein. Obwohl ich ein gutes Pferd hatte,
musste es von dem leben, was es fand, und in dieser trockenen Umgebung war
das sehr rauhe Kost. Bradley's Pferd aber hatte sicher von Hafer gelebt,
die ¸bliche Kost in den Saloons.

Trotzdem galoppierte ich weiter. Vieleicht w¸rden wir wenigstens aus der
Reichweite der anderen Br¸der kommen. Ich b¸ckte mich hinter den Hals
meines grauen Apfelschimmels um den Luftwiderstand zu verkleinern. Doch
nichts half. Er kam langsam n‰her. Da zog ich die Z¸gel zur¸ck und
sprang ab. Ich augte ihn genau. Falls er fr¸h schoss, war ich bereit.
Doch er stieg ab und kam auf etwa dreissig Yard auf mich zu.

Dann schrie er: "Du bist Josh Custer, nicht wahr. Du weisst das du vom
Gesetz gesucht wirst, weil du Mord begangen hast. Versuch also nicht noch
einen weiteren Mord zu begehen, sonst wirst du f¸r den auch zur
Rechenschaft gezogen." Er versuchte in einem feierlichen Ton zu sprechen.
"Nimm also deine H‰nde hoch und komm her. Ich werde dich entwaffnen und
zum Sheriff f¸hren."

Ich brauchte diese Rede wirklich nicht. Es war mir recht peinlich, ihm
zuzuhˆren. Er sprach wie ein Vater zu einem Sohn den er gerade beim
Schule schw‰nzen erwischt hatte. Dazu wunderte ich mich warum er so viel
redete. War es um Zeit zu gewinnen, bis seine Br¸der ihn einholten. Ich
sagte : "Ich kenn eure Sorte. Ihr Rechtschaffenen. Sorgt f¸r
Gerechtigkeit um dabei eure Taschen zu f¸llen. Du musst mich schon holen
kommen."

"Du weisst, wer ich bin. Du hast keine Chance. Das sag ich dir. Ich
bin Bradley Black, Steckbriefj‰ger. Du bist der Einundzwanzigste den ich
zur Rechenschaft ziehe. Noch keiner ist davongekommen."

Es ging viel zu lange. Ich musste etwas tun. Ihn provozieren, oder ihn
gleich erschiessen, bevor es zu sp‰t war. Denn gegen ihn und seine Br¸der
hatte ich keine Chance.

Ich zˆgerte, ich wollte nicht der Erste sein der zog. Ich wollte
niemanden erschiessen. Ich hatte noch nie jemandem etwas angetan,
geschweige denn jemand getˆtet. Doch ich wollte nicht zum Sheriffs Haus.
Ich war unschuldig. Diesem Steckbriefj‰ger ging es nicht um Gerechtigkeit,
nur um das Geld. Es kam ihm nicht darauf an, ob jemand unschuldig war.

"Ich bin unschuldig. Bitte glaub es mir, Bradley Black."

"Das sagen sie alle, Mister. Wenn du unschuldig bist, brauchst du keine
Angst zu haben, zum Sheriff zu kommen."

Das hatte ich gedacht. Er wollte nur sein Geld. Ich nahm meinen ganzen
Willen zusammen und zog so schnell ich konnte. Er war bereit. Er war
viel schneller als ich. Doch sein rechter Revolver klemmte. Aber er war
mit seinem linken noch schneller als ich. Seine Kugel streifte meine
Schl‰fe. Die zweite die Stirn. Dann traff ihn meine Kugel--ins Herz. Er
schoss noch zweimal. Die dritte Kugel streifte meine rechte Wange, die
vierte meine linke. Er war tot. Ich lebte, aber mein Gesicht war eine
blutige Masse.

Mit seiner Linken war sein Ziel nicht so gut wie mit der Rechten. Ich
hatte Gl¸ck gehabt, aber ich wusste es nicht. Ich wartete auf meinen Tod.
Denn ich konnte nicht sehen, wo er mich genau getroffen hatte. Nur
jedesmal wenn ich mein Gesicht ber¸hrte, waren meine H‰nde voll Blut.

Dann kam er auch schon angetritten. Brett Black. Als er sah, dass sein
Bruder verloren hatte, stieg er weit entfernt ab. Er glaubte keine Chance
zu haben gegen einen, der es mit Brad aufgenommen hatte. Er starrte mich
an. Er schien eine Ahnung zu haben, was geschehen war, als er meine
Wunden sah. Trotzdem getraute er sich nicht n‰herzukommen.

Ich musste weg. Ich stieg aufs Pferd und raste weg. Meine Wunden
schmerzten. Mein Kopf schmerzte. Meine Seele schmerzte. Blut tropfte in
meine Augen, so dass ich bald kaum sehen konnte. Ich ritt in die Berge
zur¸ck. Zum kleinen Bach. Zum kleinen Bach, wo ich Gold gefunden hatte.
Dort verbarg ich mich. Ich verbarg mich in einer abgelegenen Hˆhle, samt
meinem Pferd.

Ich legte mich hin und ruhte, ruhte lange und dachte nach. Ich f¸hlte
als ob Gott mich verlassen h‰tte. Er hatte mich vorher besch¸tzt. Warum
nicht dieses Mal. Er h‰tte sicher die Macht gehabt, diese Kugeln ein
Bisschen abzulenken, der Allm‰chtige. Warum hatte er das nicht f¸r mich
getan. Oder war er bˆse, dass ich zuerst gezogen hatte. Hatte ich ihm
nicht genug vertraut, und die Dinge in meine eigenen H‰nde genommen?

Ja, ich h‰tte ihm mehr vertrauen sollen und ich sollte ihm jetzt mehr
vertrauen. Er dachte anders als Menschen. Er wusste viel mehr und er
konnte die Zukunft sehen. Wer weiss ob das nicht noch seine gute Seite
haben w¸rde.

Und wahrhaftig, es hatte seine gute Seite. Denn als meine Wunden heilten,
mit riesigen Narben, wurde mein Gesicht entstellt. Ich war nicht mehr zu
erkennen. Ich brauchte keinen Steckbriefj‰ger mehr zu f¸rchten, ausser
Brett Black nat¸rlich, der wohl ahnen konnte wie mein Gesicht heilen w¸rde.
Aber auch er konnte nicht genau wissen wie ich jetzt aussah. Er hatte
mich nur f¸r einen Moment gesehen, und das mit meinen Wunden, nicht meinen
Narben.

Ich sah nicht mehr wie der alte Josh aus. Ich war h‰sslicher geworden.
Aber auch z‰her, und meine Z‰hheit hatte ihre Schˆnheit.

Zuerst war es hart zu ertragen, h‰sslicher auszusehen. Ich war deprimiert.
Aber ich wurde auch dem¸tiger. Ich war Stolz gewesen auf mein gutes
Aussehen. Dieser Stolz war weg. Wie ein Balast, weg. Und das war gut.
Ich sah, dass Schˆnheit verg‰nglich ist, und dass ein Mann auch wenn er
hart versucht, eben sein Leben doch nicht ganz in der Hand hat. Es ist
gut dem¸tig zu werden. Denn wer zu sehr auf sich selbst vertraut, wird am
Ende von sich selbst ent‰uscht.

* * *

So langsam zog es mich auf unsere Ranch zur¸ck. Ich wollte meine Familie
sehen, mich erkunden, wie es ihnen ging. Ich musste vorsichtig sein, so
geheim gehen wie mˆglich. Niemand w¸rde mich jetzt erkennen, das war klar,
aber man kann nie vorsichtig genug sein. Ein falsches Wort und man
kˆnnte sich verraten. Wenn mich jetzt jemand erkannte, dann war ich
nachher leicht zu finden, mit meinen Narben. Ich trug sogar meine Brille.

Ich wusste dass meine Mutter die Frau des verstorbenen B‰ckers besuchte
und zwar jeden Sonntag Nachmittag. Am Anfang war es gewesen, um ihr Trost
zu spenden, dann waren sie gute Freunde geworden. Es war klar, dass die
B‰ckers Frau nicht glaubte, dass ich den B‰cker umgebracht hatte, sonst
h‰tte sie meine Mutter nie akzeptiert. Jeden Sonntag also, nach dem
Mittagessen, fuhr meine Mutter mit ihrer eigenen Kutsche in das Dorf. Ich
lauerte an einer abgelegenen Stelle.

Ich sah sie von weitem kommen. Dann ritt ich ihr langsam entgegen. Sie
hielt den Wagen an und sagte : "Sie haben sich wohl verirrt, Fremder?"

"Nein, hab ich nicht--ich bin's, Josh Custer, Mutter!"

"Bist du das Josh. Oh, du siehst aber anders aus. Komm mal her." Sie
nahm mich in ihre Arme und k¸sste mich. Ich hatte das Gef¸hl als musterte
sie mich dabei genau um sich zu vergewissern, dass ich es wirklich war.
Nach einigem Zˆgern, schaute sie dann doch mein Hemd hinunter, um das
Muttermal zu sehen. Als sie es fand, wurde ihre Stimme weicher: "Wer hat
dich den so zugerichtet." "Mutter ich hab nicht viel Zeit. Es ist viel
zu gef‰hrlich. Ich will wissen wie es euch geht und was ihr plant. Dann
hau ich ab. Du must mir versprechen, dass du weder mit jemand ¸ber meinen
Besuch redest, noch jemandem verr‰tst wie ich jetzt aussehe."

"Gut Sohn, werd ich. Aber Julia wird sich freuen. Sie liebt dich immer
noch."

"Ich meine du darfst es ihr auch nicht sagen, auch den Kindern nicht!
Niemandem! Das w¸rde sie und mich in Gefahr bringen. Wenn sie nicht
weiss dass ich hier war, kann es niemand aus ihr herausbringen. Und wenn
sie mich nicht kennt, dann wird sie auch nicht wissen, wenn ich n‰chstes
Mal hierherkomme um zu sp‰hen. Ihre Augen werden mich nicht verraten
kˆnnen. Niemand glaubt das ich noch lebe, weil mich schon solange keiner
mehr gesehen hat. Wenn jemand erf‰hrt das ich noch lebe, kˆnnte er meine
Frau kidnappen, um mich zu zwingen, sie rauszuholen. Aber wenn nicht
einmal meine Frau glaubt, dass ich noch im Land bin, dann wird jeder
annehmen, dass ich tot bin. Und dann auch: Wenn meine Frau weiss dass ich
hier bin, wird sie mich suchen kommen. Es ist besser, wenn sie mich in
Kanada suchen geht. Du auch, du darfst dich nicht gl¸cklich zeigen, dass
du mich gesehen hast. Du musst schweigen, wie das Grab. W¸rde ich dich
nicht kennen, w‰re ich nie gekommen. Aber ich weiss ich kann mich auf
dich verlassen."

"Kannst du. Ich werde tun wie du sagst. Aber ich muss einwenden, dass du
Julia genau so trauen kannst wie mir."

"Ich weiss, aber sie steckt tiefer drin als du. Es wird ihre
Entscheidungen beeinflussen, ohne dass sie es merkt. Es muss so bleiben,
wie es ist, Ma."

"Wir kˆnnten noch lange dar¸ber diskutieren, aber ich weiss du musst dich
beeilen. Ich vertraue dir. Niemand wird auch nur das Geringste erfahren."

"Danke Ma. Also wie gehts?"

"Wir konnten nicht weg, denn wir hatten kein Geld. Nach einem Jahr
wurdest du als vemisst betrachtet, die Ranch ging an Julia. Jetzt fingen
die Kings an, Julia zu bearbeiten. Und zwar waren es Chuck und Butch und
ihr Vater Tom. Zuerst machten sie sehr schlechte Offerten. Doch dann,
komischerweise, verliebte sich Chuck, der ƒltere in deine Frau. Sie sind
etwa gleichen Alters. Butch, der j¸ngere, verliebte sich in die zehn
Jahre j¸ngere Sara.

"Mehr Begierde als Liebe, heh?"

"Wohl eine Mischung, Josh, wie bei allen. Ich h‰tte gedacht dass Julia
und Sara sich zumindest etwas geehrt gef¸hlt h‰tten, aber es war nicht so.
Da kam gar nichts zur¸ck. Julia und Sara erwiderten Chucks und Butchs
Liebe ¸berhaupt nicht. Am Anfang machte sie das nur noch wilder. Die
Offerten waren jetzt nicht mehr so schlecht. Und dann hat Julia
akzeptiert. So die Ranch ist vor einem Monat verkauft worden. Sie gehˆrt
jetzt den Kings, doch Julia ist erlaubt zu bleiben, f¸r eine kleine Pacht.
Ist eigentlich gar nicht so schlecht f¸r sie, im Moment, solange die
Gef¸hle von Butch und Chuck noch da sind. Aber sie weiss dass niemand
ewig liebt, wenn nichts zur¸ck kommt, und so machen wir Vorbereitungen im
Geheimen um nach Kanada zu fliehen."

Ich f¸hlte einen Stich in meinem Herzen ¸ber die Ranch. Sie war verloren.
Doch das konnte man jetzt nicht ‰ndern.

"Ich bleibe hier Sohn. Die B‰ckers Frau hat ein schˆnes Zimmer f¸r mich,
und Julia wird mir die H‰lfte vom Geld von der Ranch geben, so dass ich
leben kann bis zu meinem Tod. Sie werden durch die Berge reisen, du
weisst wie Julia ist. Man kann ihr nichts ausreden. Sie hat schon immer
die Berge sehen wollen. Ich sagte, du kannst ja an den Bergen
vorbeireiten, aber bleib doch auf der Pr‰rie und geh den leichten Weg.
Aber nein, sie will durch die Berge. Auf jeden Fall bis Colorado. Sie
werden in zwei Monaten reisen."

"Danke, Mam--ich muss weg. Ich liebe dich, ich liebe dich. Good Bye."

"Bye, Sohn, Bye". Sie k¸sste mich und k¸sste mich und wollte mich nicht
gehen lassen. Die Tr‰nen rollten nur so von ihren Wangen. Es brach mir
das Herz. Ich riss mich los. Da fasste sie sich. Ich mich auch. Ich
ritt weg.

Wie ich sp‰ter erfahren sollte, war dies das letzte Mal, dass ich sie
sehen w¸rde. Sie starb eine Woche sp‰ter.

Julia's und der Kinder Spur fand ich in Laredo wieder. Wie ich auch
sp‰ter erfuhr, waren sie in der Nacht weggezogen, in M‰nner Kleidung,
jeder auf seinem Pferd, und Jack und Julia je mit einem Packpferd. Die
Kings waren ihnen nicht gefolgt. Die Liebesgef¸hle hatten sich abgek¸hlt.

Ich fragte mich warum wohl alles so gekommen war. Warum musste ich meine
Ranch verlieren. Warum war ich verleumdet worden. Warum musste ich ein
Narbengesicht haben? Doch das Leben ist ein Geheimnis. Ein Schˆpfer ist
da am Werk, der weiss, was er in uns kreiert. Er besch¸tzte mich im
Allgemeinen, doch er ersparte mir nicht jeden Kummer. Er verwˆhnte mich
nicht, verweichlichte mich nicht. Wir h‰tten gerne Komfort, doch
Charakter kommt nicht durch Komfort. Er arbeitete an mir, so wie ich an
meinen Kindern gearbeitet hatte um etwas aus ihnen zu machen. Er
dem¸tigte mich, denn er wollte keinen Besserwisser.

Er besch¸tzte mich, doch er war mir verborgen, so wie ich nun meine
Familie besch¸tzte, doch ihr verborgen blieb. Von seiner Sicht sahen die
Dinge anders aus, so wie die Dinge f¸r meine Familie aus meiner Sicht
anders aussahen.

Kapitel 3

Ja so war alles gekommen, dachte ich, und war am "Whiskey Barrel" Saloon
angelangt. Und wie w¸rde es weitergehen. War meine Familie in Sicherheit,
oder war einer der draussen wartenden Halunken ihnen nachgeschlichen.
Man konnte nie wissen.

Doch jetzt war ich von all den Geschehnissen dieses Tages todm¸de. Ich
wollte mich hinlegen, nur schlafen. Es war um Mitternacht. Ich w¸rde
fr¸h aufstehen m¸ssen, meine Familie zu suchen.

Ich ging leise in den Saloon hinein, ich wollte niemanden aufwecken.
Doch welche ‹berraschung. Das Licht war noch an. Auf einer Leiter
standen Pedro und der Wirt und hingen den Leuchter wieder an die Decke.

"Dieser Teil kommt da rauf, dann sieht man nicht wie ausgefranst das
Stahlkabel ist. Muss ja echt aussehen, wenn er am Boden liegt, so wie
wenn eine Kugel ihn zerrissen h‰tte. Aber hier oben muss er aussehen wie
ein normaler Leuchter", sagte der Wirt und setzte fort: "Der Koch wollte
die Mechanik gar nicht auslˆsen, weil Juan gerade unter dem Leuchter lag.
Das alles nur, weil Billy den Tisch, der normalerweise hier unten steht,
mit seinem grossen Arsch verschoben hatte."

"Nicht sooo groooss wie sein Maul!", f¸gte Pedro hinzu. "Alsooo, wieviel
zaaahlst du Peeedro heute? Du weisst Peeedro ist nicht auf Rooosen
gebettet!"

"Na komm mir nicht so, du mexikanischer Geizkragen... so schlecht hast du
es auch nicht. Hundert kann ich dir geben, Pedro. W‰re mir zwar lieber,
dieser Billy Schuft w‰re tot."

"Zweihuuundert muss Peeedro miiindestens haben, sonst kann Peeedro es sich
das n‰chste Maaal nicht leisten zu deiner Hilfe zu kooommen! Kaaann ja
jedem mal passiiieren, dass er nicht triiifft! Wenigstens hat Peeedro das
zweite und driiitte Maaal getroffen. Konnte ja diesen Huuund nicht
abknallen nachdem er nicht mehr schiiiessen konnte. Beim zweiten und beim
dritten Schuss konnte Peeedro ihn auch nicht erschiessen. Musste erstmals
seine Waaaffen aus dem Spiel seeetzen."

Jetzt wurde mir alles klar. Was so ausgesehen hatte, wie wenn Pedro ein
ausgezeichneter Sch¸tze gewesen w‰re, war zum Teil Bluff gewesen und zum
Teil Zufall. Wie anders die Dinge manchmal aussehen, als sie wirklich
sind. Pedro war nicht schlecht, aber er war nicht so gut, wie es
ausgesehen hatte. Das ganze war nur ein Trick gewesen. So entstanden
Legenden.

Der Leuchter hatte einen Mechanismus, der von hinter der Bar ausgelˆst
werden konnte und den Leuchter Mitte Kabels losliess. Falls das genau
mit einem Schuss ¸bereinstimmte, sah es aus als ob der Leuchter von der
Decke geschossen worden war.

Nur eines konnte ich nicht verstehen: "Hast du ihn wirklich tˆten wollen,
Pedro?". Die beiden fielen fast von der Leiter als sie mich sprechen
hˆrten. Sie hatten mich nicht gehˆrt.

"Und wer bist du, Mister? Was schleichst du dich den hier herum? H‰tte
fast einen Herzschlag bekommen! Einen so zu erschrecken!"

"Ich bin Griz Caldwell (das war der ledige Name meiner Mutter gewesen).
Entschuldigung. Wollte niemand aufwecken. Es sah so aus, als w‰re der
Streifschuss absichtlich gewesen. Ich traute meinen Augen nicht, was f¸r
einen guten Sch¸tzen ich da sah."

"Gut ist Peeedro schon. Sicher, Peeedro ist seeehr guuut. Aber wir
leeeben hier ja nicht im M‰‰‰rchenland. Nein, Peeedro wollte den Hund
erleeedigen."

"Aber w‰re das nicht Mord?", fragte ich.

"Neeennen sie es, was sie wollen, Mister Caldwell! War nicht gerade ein
Eeengel, was ich da erschooossen h‰‰‰tte."

"Gibt es hier den keinen Sheriff, kein Gesetz?"

"Uuuh, sind sie aber neugiiierig, Mister. Weiss gar nicht ob Peeedro
ihnen trauen soll?"

"Wundert mich ja nur, falls ich mal in diese Situation komme."

"Naaa, Mister. Der Sheriff ist nicht hier, der Deputy ist besoffen, und
Peeedro hat gen¸gend Freunde hier die ausgesagt h‰‰‰tten, dass Biiilly
zuerst gezogen h‰tte. Waaas wooollen sie, Mister, Geseeetz oder
Gereeechtigkeit."

"Schon gut, schon gut. Ich bin sowieso todm¸de. Geh jetzt ins Bett.
W¸nsche euch eine gute Nacht."

Sie verabschiedeten sich auch und ich ging auf mein Zimmer und legte mich
ins Bett ohne mich auszuziehen. Ich schlief gleich ein.

Ich wachte einmal auf. Dachte wiehern zu hˆren. Schlief aber gleich
wieder ein. Doch dann gegen morgen, wurde ich wieder geweckt, diesmal von
einem tosenden Brausen. Es kam von der Zimmert¸re her. Ich begab mich
schl‰frig zur T¸re. Ich wollte sehen was denn so einen Krach machte. Ich
ˆffnete sie. Flammen schlugen gegen mich. Ich schlug sie wieder zu.
Jetzt war ich hellwach. Der Saloon brannte!!!

Da gab es kein Entweichen durch die T¸r mehr. Wahrscheinlich loderte
schon der ganze Saloon. Jetzt war die Zimmert¸r schon fast durchgebrannt.
Plˆtzlich wurde es unertr‰glich heiss. Ich musste raus. Ich packte
meinen Sattel, der all meinen Besitz enthielt und sprang aus dem Fenster,
das aufs Dach hinausf¸hrte. Dort liess ich den Sattel fallen. Vom Dach
kletterte ich auf das Dach des Ganges zum Aussenabort und von dort auf den
Boden. Ich holte meinen Sattel.

Die Hinterwand stand noch und sch¸tzte vor der Hitze des Brandes. Mich
im Schatten der Wand vorw‰rtstastend, f¸hlte ich plˆtzlich warme Haut.
"Laaassen sie ihre Stiiinkh‰nde von meinem Gesicht. Hab shon genug
Kuuummer, wie es ist."

Es war Pedro. Er war also auch entkommen. "Pedro, wo sind die andern?
Der Wirt? Wo ist der Wirt und der Koch?"

"Pedro haaat noch niemanden gefuuunden. Ist schon zweimal um den Saloooon
gerannt. Hat noch niemand gefunden. Vorne ist der Saloooon total
abgebrannt. Da hat keine Ratte ¸berleeebt."

Wir gingen zur Vorderseite. Die war nur noch eine gl¸hende Masse. Hie
und da, wie geisterhaft, loderten die Flammen erneut aus der Glut.

Es war kein schˆnes Bild. Alles war abgebrannt. Obwohl mein Zimmer auf
der Hinterseite war konnte ich jetzt von vorne hineinsehen. Nur die
H‰lfte des Zimmers stand noch. Wie ich herausfand, war Pedros Zimmer
gerade neben meinem gewesen. Wir waren die einzigen ‹berlebenden.

Der Wirt war tot, der Koch auch. Schade um sie. Sie waren gute Leute
gewesen. Gl¸cklicherweise war es ein schneller Tod gewesen. Man fand
kaum ‹berreste. Mehrere G‰ste waren auch gestorben, doch man fand kaum
Leichen. Alles war total verbrannt. Wie schnell doch das Leben enden
kann. Wir Menschen sind so zerbrechlich.

Die Stimmung war bedr¸ckt. Pedro schien besonders traurig, hatte er nicht
nur seine Freunde verloren, sondern auch ein Quelle von Verdienst.

Wie froh war ich, dass ich meine Familie aus dem Haus gehohlt hatte. Sie
h‰tten es nicht ¸berlebt. So ein Holzschuppen, wie der "Whiskey Barrel"
Saloon gewesen war, brannte zu schnell.

Ich vermutete, das es Brandstiftung war. Der Wirt war zu vorsichtig, als
dass es aus Nachl‰ssigkeit geschehen w‰re. War es Billy Kane gewesen?

Ich schaute nach, wie es meinem Pferd "Flake" ging. Ich nannte ihn so, da
er wie graue Flocken auf dem Fell hatte. Er war ja ein Apfelschimmel,
hatte aber kein weiss, nur grau.

Er war unbeschert. Ich sah aber auch, dass die Pferde meiner Familie
nicht mehr da waren. Ich schaute nochmal, und nochmal. Ging dem ganzen
Corrals entlang. Sie waren weg.

Jetzt erinnerte ich mich an das Wiehern, das ich in der Nacht gehˆrt hatte.
Sie oder jemand anders hatten die Pferde geholt. Ich musste
herausfinden, wo sie waren. Es war schon fast hell. Sobald es hell war,
w¸rde ich reiten.

Ich ging zur Vorderseite des Saloons zur¸ck, wo Pedro immer noch stand und
starrte. "Pedro, falls es die Zeit erlaubt, w¸rde ich gern ein paar
Stunden von ihnen nehmen, Senor. Ich bin nicht schnell genug."

"Kaaanst du schooon, Mister. Peeedro ist froh f¸r jeden Pfeeeenig."

"Wo wohnen sie denn?"

"Am Eeende der Stadt. Im letzten Haus. Gegen Norden. Frag die Leute.
Peeedro Escobaar ist bekaaannt", sagte er traurig.

"Gut. Adios Amigo." Ich ritt davon.

Ich fragte jede Person die ich finden konnte ¸ber Julia, Jack, Sara und
Lisa, aber niemand hatte sie gesehen. Ich fragte unter dem Vorwand, dass
ich ihnen etwas zur¸ckgeben musste, was auch wahr war, denn ich hatte
Lisas Halstuch immer noch. Ich roch hie und da daran. Es enthielt ein
leichtes Perfum, das mich an sie erinnerte. Ich liebte sie, meine kleine
Lisa. Oh wie gerne h‰tte ich sie in meinen Armen gehalten, mein Kleinstes.
Oh wie gerne.

Dann am Ende der Stadt, im anderen Saloon, da war ein alter Mann, der sie
gesehen hatte. Sie waren nordw‰rts geritten.

"Waren sie allein?", fragte ich.

"Nein die waren alle zusammen." bekam ich als dumme Antwort.

"Ich meine, war da noch jemand?"

"Hab nicht so genau geschaut, aber so viel ich mich erinnern kann--nein,
ich glaube nicht."

"Vielen Dank, Mister".

Das war gute Nachricht. Sie hatten es also geschafft. So schien es auf
jeden Fall. Ich musste ihnen nicht gleich nach. Ich w¸rde sie leicht
einholen.

So ging ich zu Pedro und nahm Stunden. Ich lernte viel. Ich wusste nicht,
wie wenig ich wusste. Pedro war ein guter Lehrer, sehr geduldig. Er
lehrte mich eines nach dem andern. Gab mir nie zuviel auf einmal. Sagte
kein entmutigendes Wort. Sah nur immer meine guten Seiten. Wenn ich m¸de
war, hˆrte er auf zu lehren. In ein paar Tagen machte ich
Riesenfortschritte. Ich wohnte in Pedros Haus. Das war billiger als der
Saloon.

Ich verliess die Stadt, als ich hˆrte, dass die Gebr¸der Black in die
Stadt geritten waren. Sie hatten sich nach einem Narbenkopf erkundigt.
So hatte mir Pedro erz‰hlt. Er w¸rde mich nicht verraten, aber es gab mir
trotzdem einen Schock. Zuviele hatten mich gesehen. Es w¸rde leicht sein,
mich zu finden. So, die Blacks, die BBs, waren also schon so weit
gekommen. Wie weit w¸rden sie mir folgen? Etwa bis zur kanadischen
Grenze?

Ich verabshiedete mich von Pedro. Er war ein guter Mann. Ich hoffte ich
w¸rde ihn wiedersehen. Dann machte ich mich aus dem Staub im Geheimen.
Ich ritt hinter meinen Geliebten her.

Ich musste mich in Taos erkundigen in welche Richtung sie gegangen waren,
und fand heraus dass sie gegen Osten gezogen waren und dass ein Mann bei
ihnen war. Das machte mir Sorgen. Erstens der Mann, und zweitens die
Route die sie gew‰hlt hatten. Ich wusste, dass Julia durch die Berge
wollte. Warum gingen sie jetzt gegen die Pr‰rie. Nat¸rlich waren da
immer noch Berge, wenigstens bis zum Raton Pass. Doch fand ich das Ganze
beunruhigend.

Soweit hatte ich nichts mehr von den Black Brothers gehˆrt, aber sicher
konnten sie nicht weit sein. Da ich mich in Taos erkundigen musste, sahen
mich viele Leute. Doch eines wussten sie nicht. In welcher Richtung ich
Taso verlassen hatte, denn ich verliess die Stadt in der Nacht.

Auch von Billy Kane hatte ich nichts mehr gehˆrt oder gesehen. Doch
unsere Pfade sollten sich noch einmal kreuzen.

Ich holte meine Familie kurz vor dem Raton Pass ein.

Kapitel 4

Ich, Julia Custer, hatte eine Entscheidung zu f‰llen. Sollte ich k‰mpfen
oder fliehen. W¸rde mich der Wirt besch¸tzen, wie er mich heute
Nachmittag besch¸tzt hatte? W¸rde er f‰hig sein mich zu besch¸tzen? Ja,
da war noch dieses Narbengesicht an der Bar, der schien auch einige K‰mpfe
hinter sich zu haben, und man konnte seinem Gesicht ablesen, dass ihm
nicht gefiehl, was vor sich ging. Auch lachte er nicht mit den andern.
Aber viel hatte er auch nicht getan.

Oder sollte ich mit dieser blinden Frau fliehen. Ich musste schnell
entscheiden. Ich wollte diesem Billy Kane nicht in die H‰nde fallen.

"Kommen sie schon, hier sind sie nicht sicher." sagte die blinde
Indianerfrau.

"Warum sind sie ¸berhaupt gekommen. Wie wussten sie, dass wir hier sind.
Hat sie etwa Billy Kane selber geschickt um uns in seine H‰nde zu locken?"

"Nein, nein, Missis. Ein sehr netter Mann hat mich geschickt. Er hat
gesehen wie Billy Kane mit mehreren Burschen zur¸ckgekehrt ist und wie er
das Haus umzingelt hat. Da wurde er sehr besorgt und hat mich gefragt ob
ich einen Ausweg wusste. Dann hat er mir zehn Silverdollar bezahlt um
euch rauszuholen, denn er ging in den Saloon um dem Wirt zu helfen."

"Wie sah er aus, dieser nette Mann?"

"Das weiss ich nicht, Missis, ich bin doch blind."

"Oh, Entschuldigung. Also gehen wir. Jack, Sara, Lisa, seid ihr bereit?
Vergisst nichts!"

"Ich kann mein Halstuch nicht finden!"

"Ist nicht so wichtig, Lisa. Komm schon!"

"Aber Dad gab es mir. Es ist ein Andenken an ihn."

"Komm Lisa--beeil dich!"

Wir gingen langsam durch den Gang und kamen zum Abort. Es hing ein Geruch
in der Luft, wie in einem alten Stall. Die Frau f¸hrte uns durch die T¸r
hinaus in die frische Luft. Wir schlichen uns hinaus in die Wiese und
bogen dann ab zur¸ck zur Stadt. Zwei H‰user weiter unten kamen wir wieder
auf die Hauptstrasse, die auch am Saloon vorbeif¸hrte.

"Auf Wiedersehn--alles Gute. Weiter kann ich nicht." sagte die
Indianerfrau.

"Vielen Dank--ihnen auch alles Gute--auf Wiedersehn."

Hoffentlich hatte uns niemand gesehen. Jetzt waren wir ganz auf uns
selber angewiesen. Sollten wir die Pferde holen? Nein, besser morgen.
Wir konnten irgendwo draussen ¸bernachten und sie am fr¸hen Morgen holen.
Bezahlt hatten wir unsere Zimmer schon und auch das heisse Bad das wir
alle genossen hatten.

Dann erschallten plˆtzlich Pferdehufe hinter mir.

"Wohin denn, Missis, so allein? Stuart McGee, mein Name."

Ich erschrak ganz schˆn. Jemand war uns also gefolgt. Wo kam dieser Mann
¸berhaupt her. Hatte er auf uns gewartet. Er schien kein Halunke zu sein.
War er ein guter Mann? War er vielleicht derjenige, der die
Indianerfrau bezahlt hatte? Wie dem auch sei, ich w‰re lieber allein
geblieben.

"Julia Carter." Ich verriet meinen wirklichen Namen niemand. "Freut
mich", log ich. "Wer sind Sie?".

"Durchreisender, Missis! Nach Denver, Colorado. Ich hab gehˆrt, was im
Saloon geschah. Hat mir gar nicht gefallen. Aber wissen sie, eine
ehrenhafte Frau, wie sie, hat in diesen Gegenden auch nichts zu suchen.
Wenigsten nicht ohne Schutz. Mˆchten sie nicht, dass ich sie begleite?
Gehen sie ¸berhaupt in meine Richtung?"

"Und warum soll ich IHNEN trauen, Mister McGee. Kˆnnten Sie nicht einer
der Billy Kane Leute sein."

"Bin ich aber nicht. Ich will Sie ja auch zu nichts zwingen. War nur ein
Vorschlag."

"Gut. Danke, Mister. Wir brauchen ihre Hilfe nicht. Wir mˆchten allein
gelassen werden, wenn es ihnen nichts ausmacht." Obwohl das nicht ganz
wahr war, dass wir seine Hilfe nicht h‰tten gebrauchen kˆnnen, wollte ich
ihn testen. Wenn er jetzt aufdringlich w¸rde, wusste ich, dass er kein
Gentleman war.

"Auch gut, Missis. Falls sich unsere Wege wieder kreuzen sollten, und Sie
ihre Meinung ge‰ndert haben, sagen Sie's. ‹brigens nennen sie mich Stuart!
Also, gute Reise." Damit ritt er davon, schaute sich aber ein oder
zweimal nach uns um.

"Er scheint ein netter Mann zu sein", sagte Lisa und auch Jack f¸gte hinzu:
"Mom, er kˆnnte uns den Weg zeigen." Aber Sara wandte ein: "Nur weil er
nett aussieht, kann man ihm noch lange nicht trauen. Vielleicht will er
sogar bezahlt werden."

Als er fast in der Dunkelheit verschwunden war, rief ich : "Stuart!
--Stuart!"

"Ja, Madam. Ist was nicht in Ordnung. Kann ich etwas f¸r Sie tun."

"Wollte nur wissen ob Sie es waren, der die Indianerfrau geschickt hatte."

"Welche Indianerfrau? Oh jetzt versteh ich, jaah. Die also hat euch
rausgeholt. Nein, ich hatte nichts damit zu tun. Ich hatte euch erst
gesehen, als ihr schon auf der Strasse wart. Nein--aber ich sah sie mit
jenem Narbengesicht reden. Vielleicht habt ihr den auch gesehen im Saloon."

"Also der wars. Dachte, er w‰re ein anst‰ndiger Mensch. Wo waren Sie
denn--Entschuldigung--wo warst du denn im Saloon."

"Oh ich bin erst vor einer Stunde in die Stadt gekommen. Mir wurde alles
nur erz‰hlt".

"Willst du uns immer noch begleiten, Stuart? Wir kˆnnen dich zwar daf¸r
nicht bezahlen, abes es w‰re gut wenn uns jemand den Weg zeigte."

"Oh ich w¸rde auch nichts nehmen, Madam. Wie kˆnnen Sie nur so etwas
denken. Aber ich begleite sie gern. Gibt mir auch ein Bisschen
Gesellschaft."

"Sind Sie denn Alleinstehend?" Ich hoffte, er w¸rde sagen, dass er Frau
und Kinder hat, das h‰tte die Situation einfacher gemacht.

"Ich bin Witwer, Madam. Meine vier Kinder sind aufgewachsen. Ich bin
zosusagen ganz mutterseelenallein. Aber zum Praktischen : Habt ihr Pferde."

"Sie sind noch im Saloon. Werde sie morgen holen."

"Ja, die Dinge werden sich hoffentlich beruhigt haben bis dann. Ich lade
Sie ein, im Saloon am andern Ende der Stadt zu ¸bernachten--auf meine
Rechnung."

"Danke, ich will keinen Saloon mehr sehen, so lange ich lebe. Kˆnnen wir
nicht draussen schlafen."

"Kˆnnen wir schon. Ich kenn da eine Stelle. Bin schon vorher hier durch
geritten."

Es war ein ebener, sandiger Platz zwischen Felsen. Auf dem Weg dorthin
hatten wir uns alle kennengelernt. Auch die Kinder schienen Stuart zu
mˆgen. Er wollte von allen Stuart genannt werden. Mir ging alles ein
Bisschen zu schnell. Es war schon, als ob er zur Familie gehˆrte. Es
schien fremdartig in einem Tag von Billy Kane und dann diesem Gentleman
umworben zu werden. Aber ich war froh, einen Mann nahe zu haben. Ich
f¸hlte mich wohler und besch¸tzt.

"Nehmen wir die Frauen in die Mitte, Jack. Ich bin m¸de. Hoffentlich
habt ihr nichts dagegen, wenn ich gleich einschlafe."

Wir legten uns gleich nieder und starrten f¸r eine Weile in den
Sternenhimmel. Stuart lag am Aussenende, ich nebem ihm, dann Lisa, dann
Sara und am andern Ende, Jack. Stuart schnarchte schon.

Ich wachte einmal auf und fand dass ich meinen Kopf auf Stuarts Brust
gelegt hatte. Ich zog mich schnell zur¸ck. Es zeigte, wie sehr ich einen
Mann vermisst hatte. Es war zu trˆstend, an einer starken M‰nnerbrust zu
verweilen, bei einem Mann, der nicht nur eins von Frauen wollte.

Ich erwachte bei Tagesanbruch. Stuart war schon auf. Er hatte unsere
Pferde geholt. Er war ein guter Mann. Wir ritten los--gegen Norden.

In Taos w‰re ich lieber gegen die Berge geritten, doch das w¸rde einen
Umweg f¸r Stuart bedeuten. Ich wollte nicht ohne ihn gehen, denn wir
hatten uns alle an ihn gewˆhnt, sogar sein Schnarchen. So ritten wir
gegen den Raton Pass.

* * *

Es war kurz vor dem Raton Pass dass wir eine schˆne Campstelle fanden, und
obwohl es erst Mittag war, machten wir Rast.

Jack versuchte Gold zu finden, ein Traum seit seiner Kindheit. Ein
kleiner Fluss schl‰ngelte sich bei unserem Camp vorbei. Er arbeitete
hart um wenigstens Staub zu finden. Stuart zeigte ihm, wie man die Pfanne
gebraucht.

"Nur Geduld, Junge. Immer ein bisschen Wasser, dann wieder schwenken um
den Dreck wegzuwaschen. Gold ist schwerer, es sinkt an den Boden. Nur
nicht das Gold auswaschen, sondern den Sand und die Steine obendrauf. Die
grˆssten Steine kannst du von Hand oben ablesen, dabei aber immer gut
achten, dass du kein Nugget fortwirfst. Ist schon passiert. Der ganze
Dreck muss schˆn nass bleiben. Nicht zu stark schwenken! So ist's gut."

"Stuart, Stuart, ich seh was blinken. Schau, ist das Gold. Hier, diese
kleinen Kˆrner in diesem schwarzen Dreck." Er zeigte auf den kleinen
‹berrest, der sich nach all dem Auswaschen in der Pfanne befand.

"Ja, Junge das ist's. Echtes Gold. Hier ich hab eine kleine Flasche f¸r
dich, da kannst du es reinstecken. Den schwarzen Dreck auch, denn der
enth‰lt viel Goldstaub, das man mit der Hilfe von Quecksilber ausscheiden
kann."

Jack war ¸bergl¸cklich. Er arbeitete den ganzen Nachmittag. Stuart und
Sara und Lisa spielten Karten. Stuart lehrte sie, wie man Poker spielt.
Dabei hatte er seine M¸he, denn die M‰dchen waren weniger am Pokerspiel
interessiert als an der Aufmerksamkeit, die Stuart ihnen schenkte. Wie er
es so lange mit ihnen aushielt, weiss ich nicht. Er schien sich
grossartig zu amusieren. Auch die M‰dchen hatte ich seit langen nicht in
so guter Laune gesehen. Letzten Endes waren es dann aber doch die
M‰dchen, die genug davon bekamen.

Hie und da gingen Reiter vorbei. Der Campplatz war etwa eine viertel
Meile vom Pfad abgelegen. Dann sah ich vier Reiter kommen. Sie gingen
nicht vorbei, sondern kamen auf unsern Platz zu.

Ah das konnte nicht sein--nein--das war doch nicht. Doch ja, zu meinem
Schreck stellte ich fest, es war Billy Kane mit drei anderen.

"Es ist Billy Kane", fl¸sterte ich Stuart zu. Ich hoffte, er w¸rde alle
vier augenblicklich niederschiessen. Das konnte man doch von einem Mann
wie Stuart erwarten, nicht? Er wollte uns ja besch¸tzen. Doch dann
dachte ich, nein, das ist doch ein Bisschen viel verlangt von einem
einzigen Mann, sogar wenn ihm Jack geholfen h‰tte. Doch der war noch am
Fluss. Sowieso, Stuart konnte doch nicht einfach auf diese M‰nner
losschiessen, sie hatten ja niemand umgebracht, nur eine Dame bel‰stigt.

Als Billy mich sah, schien er ebenfalls zu erschrecken. Das war sonderbar,
er war doch kein Mann der leicht erschrak, und besonders nicht vor mir.

"Aah, schˆnes T‰gchen. Treffen wir uns wieder. Die wunderh¸bschen
D‰mchen und so ganz alleine."

So ganz alleine sind wir nicht, dachte ich, hat denn dieser Idiot keine
Augen im Kopf. Ich sagte nichts. Oh h‰tte ich ihn doch selbst
erschiessen kˆnnen.

"Habt wohl nichts dagegen, wenn wir uns hier mit euch niederlassen. Diese
schˆne Campstelle hat ja genug Platz f¸r uns alle, nicht?"--"Hab noch
nicht die Ehre gehabt, Mister?" f¸gte er dann mit ‰rgerlicher Stimme
hinzu.

"Stuart, Stuart O'Connor." antwortete Stuart mit seinem nat¸rlich guten
Gem¸t. Man musste diesen Halunken so wenig Information geben wie mˆglich.
Vielleicht war das der Grund gewesen, warum Stuart nur beim Vornamen
genannt werden wollte. Villeicht war Stuart McGee auch nicht sein
wirklicher Name.

"Um euch so wenig als mˆglich zu stˆren, gehen wir dort auf die andere
Seite dieser B‰umlein. Also bis sp‰ter."

Ich hoffte nicht. Von mir aus h‰tte er sich die andere Seite der Welt
verziehen kˆnnen. Sie campierten etwa hundert Yard weg von uns, suchten
Holz, z¸ndeten ein Feuer an und fingen an zu kochen. Mir war es
unbehaglich. Wir kochten unseren Reis und unsere Bohnen und assen, doch
ohne Appetit. Die Stimmung war betr¸bt. Aber es gab keine Stˆrung von
Seiten Billy's. Alles war still. Ich dachte, dass es wegen Stuart war.
Alles was ich sah, war ein ziemlich grosses Feuer dort dr¸ben. Sie
schienen viel Holz gesammelt zu haben. Sassen ums Feuer und lachten. Sie
waren nicht mal besonders laut.

Ich war etwas beruhigt. Vielleicht hatte Billy etwas gelernt vom letzten
Mal. Ich wusste zwar nicht was sich im Saloon sp‰ter abgespielt hatte.
"Stuart...", fragte ich, "...was passierte damals im Saloon als wir
fl¸chteten. Du weisst, als du uns das erste Mal trafst."

"Ich weiss nicht, ich kam gerade angeritten, schaute mich ein Bisschen um
beim Saloon--da sah ich euch. Ich wollte zum andern Saloon. Ist viel
billiger. Ich erfuhr was geschehen war, schon als ich in die Stadt kam.
Ich wurde gewarnt, dass es im "Whiskey Barrel" wahrscheinlich Kummer geben
w¸rde."

"Ich geh zu Bett." Ich rollte mich in meine Decke und versuchte zu
schlafen. Aber ich fand keinen Schlaf.

"Mama, sollten wir nicht von hier weg?" fragte Sara besorgt.

"Liebes, wohin sollen wir? Falls Billy etwas von uns will, kann er uns
sowieso nachschleichen. Er hat uns ja jetzt schon aufgesp¸rt. Aber
beruhige dich, Stuart ist ja hier."

"Z‰hlst du mich ¸berhaupt nicht?" sagte Jack mit betr¸bter Stimme.

"Jack, was hast du vor. Du weisst wie schnell diese Burschen sind. Ohne
‹bung im Schiessen hast du da keine Chance. Oh ich w¸nschte, dass ich
dich h‰tte Stunden nehmen lassen. Aber zu meiner Entschuldigung muss ich
sagen, dass es niemand im Dorf gab, der dich h‰tte lehren kˆnnen. Nicht
einmal die Kings konnten schiessen, ausgenommen aus dem Hinterhalt."
sagte ich bitter.

"Ich nehm meinen Colt zu Bett", sagte Jack. "Gib mir auch einen!" f¸gte
Lisa hinzu.

"Hˆrt auf! Ihr schiesst euch sonst noch in den Fuss. Jack du gibst Lisa
keinen Revolver! Und falls du mit einem schlafen willst, sichere ihn! Du
weisst wie schnell etwas passiert mit Feuerwaffen. Hast du gehˆrt Jack?"

"Ja, Mam, ich hab ihn schon gesichert." erwiderte Jack.

"Dann hau ich ihn von Hand um", kam es da prompt von Lisa. "Ich bin
stark. Wollt ihr meine Muskeln sehen?" Dabei rollte sie den ƒrmel zur¸ck
und zeigte ihren Bizeps, schmunzelnd. Es war l‰cherlich. Ihr kleiner,
d¸nner Muskel h‰tte wohl einer Maus Ehre gemacht, aber gegen Billy Kane
war das wie ein Tropfen auf einen heissen Stein. Alle lachten.

"Oh Jack, ich w¸nschte dass Josh dich h‰tte lehren kˆnnen. Er war ein
guter Sch¸tze, aber nicht besonders schnell. Er war auch nicht der Killer
Typ. Er war zu lieb und sanft." Bei diesen Worten ging ein warmes Gef¸hl
durch meine Brust. Ich hatte Josh geliebt. Oh ich hatte Josh geliebt und
wie ich ihn vermisste. Er war so sanft, so g¸tig, so geduldig. Er war
sanft wie ein Lamm.

"Kannst du schiessen, Stuart?" Er trug zwar zwei Colts, aber ich hatte
ihn noch nie schiessen gesehen.

"Na sicher, Madam. Ist auch ganz einfach. Man nimmt den Colt, entsichert
ihn, dr¸ckt den Abzug und weg die Kugel geht. Es gibt nichts Einfachers
in der Welt."

"Ich meine kannst du treffen, ziehen?" l‰chelte ich.

"Bin kein Held--zugegeben. So unterer Durchschnitt. Aber jetzt hau ich
mich in die Decken, bin m¸de. Gute Nacht."

Erst als alle anderen sich auch niederlegten, fand ich innere Ruhe, und
schlief dann auch bald ein.

Dann mitten in der Nacht--ein Schrei. M‰nner k‰mpften. Aber es war schon
zu sp‰t. Zwei der Halunken hatten Stuart im Schlaf gefesselt, und zwei
hatten Jack gefesselt. Jetzt waren sie gerade dabei ihren Mund mit je
einem Halstuch zu stopfen. Dann liessen sie die hilflosen M‰nner auf den
Boden fallen.

"Ich sage, wir sollten sie erschiessen", sagte einer.

"Kˆnnen wir sp‰ter noch. Billy will nicht die ganze Nachbarschaft
alarmieren.", sagte Billy.

Na, Stuart war ja eine schˆne Hilfe gewesen, dachte ich. Sein lautes
Schnarcheln hatte wohl verhindert, dass wir die Burschen hatten hˆren
kommen. Was jetzt. Ich zitterte vor Angst. Billy hatte seinen Colt auf
mich gerichtet.

"Na kommt schon, ihr feinen D‰mchen. Wollt uns doch nicht unter unseren
Deckelein allein lassen. Ist doch schˆn einander ein Bisschen zu w‰rmen.
Ihr habt ja nichts zu f¸rchten. Ist eine Freude, solch n‰heren Kontakt zu
pflegen. Ihr braucht auch nichts mitzunehmen. Ihr habt ja alles was ihr
braucht." Dabei kicherten sie alle. Dann wurde er ungeduldig und schlug
mich mit dem Colt ¸ber das Schulterblatt. "Ein Bisschen schneller, heh.
Beweg dich schon!"

Wir eilten gegen ihr Camp. Sie gleich hinter uns. Sara stolperte und
fiel.

"Na auf junges M‰dchen, beweg deine schlanken Beinchen. Na los schon."
dabei gab er ihr einen harten Klaps auf den Hintern, so dass sie aufschrie.
Dann legte er einen Arm um ihre H¸fte. Sie versuchte sich loszureissen.
"Na so ein feuriges F¸llen. Das ist mir ja gerade recht. Komm schon,
wir sind ja gleich da."

Wir standen in ihrem Camp und schlotterten vor Furcht. Sie z¸ndeten ein
neues Campfeuer an, das bald hell loderte. Sie wollten uns also auch mit
den Augen geniessen.

Ich stellte meinen Kopf ab. Ich durfte mir nicht vorstellen, was kommen
w¸rde. Ich w¸rde wahnsinnig werden. Es durfte nicht sein. Ich konnte
es ¸berleben, aber Sara und Lisa. Sie w¸rden f¸r ihr Leben verwundet sein.
Sie w¸rden nie mehr f‰hig sein einen Mann normal zu lieben. In meiner
Verzweiflung sagte ich leise vor mich hin: "Josh, helf uns. Josh, helf
uns." Dann sah ich ein, wie tˆricht das war. Nein ich sollte besser
beten. Und ich betete wie noch nie. Ich war froh, dass ich auch in guten
Zeiten betete. Sonst w‰r es mir jetzt vorgekommen als ob ich Gott nur
wollte, wenn ich dringend Hilfe brauchte.

War da nichts das wir selber tun konnten. Ich w¸nschte fast, dass Lisa
mit dem Colt geschlafen h‰tte. Doch was h‰tte das schon gen¸tzt. Wer
allein konnte sich dieser Burschen erwehren. Es gab keine Hoffnung. Ich
musste mich auf das Schlimmste gefasst machen.

"Na zieht euch mal aus--seid nur nicht scheu. Oder soll ich euch Beine
machen." Dabei drohte Billy mit seinem scharfen Bowiemesser.

Lisa zog ihre Jacke aus fing an zu weinen. "Mam, was sollen wir tun?"
fragte sie leise.

Da--ein Schuss--Billy fiel nieder--getroffen. Noch drei Sch¸sse. Einer
nach dem andern fielen sie nieder und stˆhnten. Dann noch vier Sch¸sse.
Die Gnadensch¸sse. In den Kopf. Das Blut spritzte nur so. Alle waren
sie tot.

So schnell hatte ich nicht Hilfe erwartet. Was war denn los. Die Sch¸sse
waren aus dem Dunkeln gekommen, aus den B‰umen, schien es. Aber jetzt
war es totenstill. Wir standen nur da und starrten einander an.
Ungl‰ubig. War das nur ein Traum gewesen. Doch nein. War Stuart seinen
Fesseln entkommen?

Ich dankte Gott und fasste mich. "Kommt!" Wir eilten zur¸ck zu unserm
Camp, stolperten ¸ber jeden Busch, so voller Angst waren wir noch. Als ob
wir vor einem Gespenst wegrannten. Da lagen beide noch. Wir lˆsten die
Fesseln.

"Was ist geschehen" fragte Stuart. "Habt ihr sie..." fragte Jack und
machte ein Zeichen mit seinem Finger ¸ber die Kehle.

"Wir nicht--jemand hat sie aus dem Dunkeln erschossen. Weiss nicht wer.
Hast du eine Ahnung, Stuart?"

"Keinen blassen Dunst, Julia. Du scheinst ja noch andere Besch¸tzer zu
haben. Und gut ist das. Ich hab ja schˆn versagt. Tud mir leid, Julia."

"Schon gut, Stuart." Wer kˆnnte dieser gute Geist gewesen sein. War es
ein guter Geist, oder nur jemand anders der hinter mir her war? Aber dann
h‰tte er ja Stuart auch erschiessen kˆnnen. Sicher hatte er ¸ber Stuart
gewusst. Er musste ja schon fr¸her n‰her geschlichen sein.

Kˆnnte es Josh gewesen sein? Aber der war wahrscheinlich schon in Kanada.
Zudem kˆnnte es nicht Josch sein, sonst w¸rde er sich doch zu erkennen
geben. War es der Narbenkopf, der auch die Indianerfrau geschickt hatte?
Oh wie gerne h‰tte ich gewusst.

Trotz diesen Zweifeln f¸hlte ich mich, wie wenn da jemand w‰re, der f¸r
mich Ausschau hielt, der f¸r mich sorgte. Mein ganzes Wesen f¸hlte sich
erleichtert. Ich h‰tte lachen kˆnnen. Es war so ein gutes Gef¸hl. Es
war ein wunderbares Gef¸hl.

Wir begruben sie am n‰chsten Tag. Stuart wollte die wertvollen Sachen mit
sich nehmen und in Denver verkaufen. So nahmen wir alle Pferde, S‰ttel
und Revolver mit. Ein Pferd fehlte aber und wir konnten es nicht finden.
Geld hatten sie nicht viel. Vielleicht hatten sie auch unser Geld gewollt,
nicht nur unsere Kˆrper.

Wir ritten weiter. Ich war voller Hoffnung und wusste nicht warum.

* * *

Wir ritten in Richtung Denver, wo Stuart uns verlassen w¸rde. Ich w¸rde
ihn vermissen. Darum freute ich mich nicht auf Denver, und versuchte
unsere Reise so lang als mˆglich auszuzˆgern. Stuart war ein guter Freund
und er war m‰nnliche Gesellschaft.

Ich mochte Stuart, aber Stuart war kein Held. Nicht das, was ich mir als
Mann w¸nschen w¸rde. Er sah sehr gut aus, war gross und stark. Aber
sicher und besch¸tzt f¸hlte ich mich in seiner N‰he nicht. Ich wunderte
mich, wie ich Josh jetzt einsch‰tzen w¸rde, nach allem was passiert war.

W‰re er mir jetzt zu sanft. H‰tte ich jetzt lieber einen Mann wie den
Wirt im Saloon, der aggressiver war und der f¸r mich aufstand. Doch nein,
ich liebte Josh, sein gutes Herz, seine zur¸ckhaltende Hˆflichkeit. Aber
gut w‰re es, wenn Josh mich auch in allen Situationen besch¸tzen kˆnnte.
Wenn er genau so hart sein kˆnnte, wie er sanft sein konnte. Vielleicht
war Josh ein Bisschen verh‰tschelt worden als Kind. Nicht verwˆhnt, das
nicht. Doch sein Vater wie seine Mutter waren starke Persˆnlichkeiten
gewesen und hatten gut f¸r Josh gesorgt. Zu gut.

In dieser Richtung wollte ich Josh wachsen sehen, dass er sein sanftes
Herz bewahrte, aber unter einer rauhen Schale, die hart war wie Stein und
an die man sich klammern konnte wie an einen Fels in der tobenden See.

Ob Josh wohl auch ein Verlangen h‰tte, mich wachsen zu sehen--und in
welcher Richtung. Ich war immer sehr eigensinnig gewesen. Wusste genau
was ich wollte, und liess mir von niemand etwas sagen. Traute auch
niemandem, ausser mir selbst. Letzthin hatte ich gelernt, wie
zerbrechlich ich wirklich war und wie sehr ich andere Leute brauchte.
Vielleicht m¸sste ich lernen, anderen mehr zu vertrauen. Vielleicht
wollte Josh das ich lernte, ihm mehr zu vertrauen.

Aber was n¸tzte all dieses Nachdenken, ich wusste ja nicht einmal ob Josh
noch am Leben war. Bei diesem Gedanken wurde es mir kalt ums Herz. Er
musste. Er musste einfach noch am Leben sein. Ich brauchte ihn noch.
Ich wollte ihn noch einmal sehen, ihm alles erz‰hlen, was geschehen war.

Wir waren an einen reissenden Fluss gekommen. Gespiesen von den Bergen,
sch‰umten die gewaltigen Wasser an den riesigen Steinen vorbei.

"Machen wir doch einmal halt f¸r einen Tag. Ich sollte unsere Kleider
waschen. Da im Fluss w‰re es geeignet. Oh da--da--an dieser kleinen
Bucht."

Stuart nickte schweigend. Jack's Gesicht hellte auf: "Oh dann kˆnnen
Stuart und ich jagen gehen. Immer Reis und Bohnen ist mir schon l‰ngstens
verleidet. Vielleicht erwischen wir ein Pr‰riehuhn oder eine Ente oder
gar eine Antilope."

"Kˆnnten ja auch fischen gehen da im Fluss." sagte Stuart schnell. Er
war mehr f¸r leichtere Arbeiten. Fischen brauchte sehr viel weniger
kˆrperlichen Aufwand als die Jagd.

"Oh Stuart, komm jagen. Fischen kˆnnen wir morgen. Hab sowieso nur ein
paar Haken."

"Ich hab genug Haken. Trotzdem, wenn du jagen willst, gehen wir halt.
Nur hetzte mich nicht. Immer schˆn langsam."

Es war mir recht, dass die M‰nner sich verzogen, denn wir M‰dchen
brauchten dringend ein Bad. Je mehr wir badeten, desto sparsamer konnten
wir mit unserem Perfum umgehen. Wir h‰tten zwar keine grossen Hemmungen
gehabt, so oder so zu baden, aber ich wollte Stuart keine Ideen geben,
denn ich war nicht bereit Josh untreu zu werden, obwohl ich nicht wusste
ob er lebte oder tot war. Jack und Stuart konnten jederzeit ein Bad
nehmen.

"Also wir sind auf der Pirsch! Wir werden ein paar Stunden vor
Sonnenuntergang zur¸ck sein. Viel Spass beim Waschen." rief Stuart.

"Oh ihr M‰nner, warum zieht ihr nicht aus, was ihr nicht unbedingt braucht.
Dann kann ich das gerade auch noch erledigen. Eine Schnur brauch ich
auch zum Aufh‰ngen!"

Jack spannte eine Schnur von Ast zu Ast mit Sara's Hilfe, zog sein Hemd
und Unterhemd aus und stapfte weg. Stuart nahm einen ganzen B¸ndel
schmutziger W‰sche aus seiner Satteltasche.

"Hast du das aufbewahrt?", fragte ich lachend.

"Waschen ist nicht so meine Lieblingsbesch‰ftigung", knurrte er und
stapfte hinter Jack her. Sie gingen zu Fuss.

Sara und Lisa hobbelten die Pferde, die sich auf das gr¸ne Grass hier am
Fluss freuten.

"Sollen wir zuerst Waschen oder Baden?" fragte ich.

"Baden, Mammi, du bist wohl verr¸ckt", sagte Lisa. "Ist doch viel zu kalt."

"Du willst doch nicht noch mehr stinken, du Ferkel", sagte Sara.

"Stink ich?", fragte Lisa und hielt dabei die Nase unter ihre Achselhˆhle.

Sara hielt die Nase zu und sagte: "Hilft nichts, auch so riech ich dich
noch und es ist kein Veilchenduft. Mir wirds schlecht."

"Das sind nur meine Kleider, ich zieh sie gleich alle aus und ziehe
frische an. Ich geh mal zum Packpferd."

"Bring mir auch frische Kleider. Baden wirst du aber, du kleines
Schweinchen!" sagte ich.

"Also baden wir zuerst, dann kˆnnen wir frische Kleider anziehen und die
alten waschen. Ist ja logisch, nicht?" sagte Sara mit ihrer zarten
Stimme.

Das Wasser war frisch aber nicht zu kalt. Es war sowieso ein sehr heisser
Tag und das Bad tat gut. Was f¸r ein Genuss das war in dieser herrlichen
Bergwelt ein Bad zu nehmen. Umweht vom w¸rzigen Duft der wilden Blumen,
umgeben von all den kleinen Lichtern, wiedergespiegelt von den im Wind
spielenden Bl‰ttern der Silbererlen. Dann die rauschende Macht des
glasklaren Wassers, und die heilende Wirkung der Sonne und der w¸rzigen
trockenen Luft. Wir konnten kaum Genug bekommen.

In der kleinen Bucht war das Wasser nicht so tief und es gab kaum Platz
f¸r alle drei. Sara, die Mutigste, wagte sich ins tiefere Wasser.

"Vorsichtig Sara", sagte ich "Komm zur¸ck!" Ich wusste, die Kinder
konnten nicht schwimmen. Sie hatten nie die Gelegenheit gehabt auf der
Ranch, den da gabs nur genug Wasser, um die Rinder zu tr‰nken.

"Sara, ich hab mal von einer Schulklasse gelesen, die in einem Sturm den
Fluss hinuntergeschwemmt wurden und alle...." sagte Lisa und hielt
plˆtzlich mit offenem Mund inne. "Mam, Mama", schrie sie und zeigte mit
dem Finger auf den Platz wo Sara gleich noch gewesen war.

Ich sprang auf den n‰chsten grossen Steinbrocken und sah Saras Arme
schwenken. Sie k‰mpfte, um an der Oberfl‰che zu bleiben. Der Fluss war
gnadenlos. Er riss Sara mit sich in atemberaubendem Tempo.

"Lisa hol mir das Pferd! Schnell!" Sie rannte und ich zog Hose und Bluse
an. Da war sie schon mit dem Pferd. "Bleib hier!"

Ich ritt los wie w¸tend. Ich versuchte an den Fluss heranzukommen, doch
da waren zuviele B‰ume und Gestr¸ppe. Ich ging aussen herum. Ich konnte
Sara nicht sehen. Ich musste einen Vorsprung erreichen. Ich galoppierte.
Ich w¸rde hier aussen reiten, weg von den B‰umen. Sp‰ter konnte ich
dann wieder zum Flussufer einbiegen.

Ich durfte nicht ungeduldig werden. Ich musste weit genug reiten, um
sicher zu sein, dass ich Sara eingeholt hatte. Erst dann konnte ich zum
Flussufer. Mir war Angst und Bange. H‰tte ich Zeit gehabt, dar¸ber
nachzudenken, w‰re es mir wohl schlecht geworden.

Jetzt. Ich w¸rde es versuchen. Ich bog zum Flussufer ein, sprang ab und
rannte durch die B‰ume. Ich strauchelte, sprang wieder auf. Da--ich war
am Ufer. Da war sie auch schon. Schon weit an mir vorbei. "Sara--Sara?!"
Sie k‰mpfte immer noch. Sie war noch am Leben. "Gib nicht auf!" Sie
verschwand von meiner Sicht. Ich war nicht weit genug geritten.

Ich rannte zum Pferd zur¸ck. Ich musste es noch einmal versuchen. Ich
nahm einen Satz aufs Pferd. Reiten konnte ich wie niemand sonst. Ich
galoppierte los. Ich musste sie einholen...

Jetzt hatte ich lange genug galoppiert. Ich bog nochmals zum Fluss ab,
rannte zum Ufer. Ich war bereit hineinzuspringen, sobald sie kam. Doch
sie kam nicht. War sie schon vorbei? Oder schlimmer, war sie ertrunken?
Ich wartete. Ich durfte nicht zu lange warten oder ich w¸rde sie nie mehr
einholen, falls sie schon vorbei war. Aber ich wusste ja nicht. Was
sollte ich tun. Ich shrie: "Sara, Sara, Sara!"

Ich hatte lange genug gewartet. Sie m¸sste jetzt hier sein. Also war sie
schon vorbei. Ich musste sie verpasst haben. Ich musste es noch einmal
versuchen. Wie weit mochte sie schon sein.

Ich sprang nochmals aufs Pferd und ritt und ritt. Ich trieb mein Pferd
gnadenlos an. Es ging mir durch den Kopf, dass ich mein Pferd besser
behandeln sollte. Es war auch gef‰hrlich so schnell zu reiten, denn es
gab viele Steine und viele Lˆcher. Mein Pferd strauchelte ein oder zwei
Mal. Fing sich aber auf. Es ging mir nicht schnell genug. Ich war
durchdrungen von Panik und Selbstvorw¸rfen.

Jetzt--nochmals zum Ufer. Ich sprang ab und rannte durch die B‰ume, dann
die B¸sche, die hier dichter waren. Ich kam nur schwer ans Ufer. Hier
gab es eine lehmige Bˆschung, ¸berwachsen und ungeeignet um an das Wasser
heranzukommen. Ich musste weiter nach unter, dem Fluss entlang. Da, da
gab es einen grossen Stein auf den ich von der Bˆschung springen konnte.
Ich sprang und sch¸rfte mein Bein an der scharfen Steinkante. Doch ich
beachtete es nicht. Nur zum Fluss wollte ich. Da, ich glitt auf dem
bespr¸hten Stein. Fast w‰re ich in den Fluss gerutscht. Ich klingte an
den Stein mit meinen Fingern‰geln. Ich schaute den Fluss hinauf, den
Fluss hinunter. Nichts. Zur¸ck, ich muss ein Bisschen zur¸ck, auf den
trockenen Teil des Steinbrockens. Jetzt konnte ich Atmen holen. Ich war
auf allen Vieren und keuchte.

Ich sah nichts, ich wartete und wartete. Sie kam nicht. Ich schrie "Sara,
Sara, Sara!" aus lauter Verzweiflung. Das Getˆse des Flusses ¸bertˆnte
meine Stimme. Ich sprang auf die Bˆschung zur¸ck setzte mich und heulte.
Ich war fertig. Ich f¸hlte mich so machtlos, so klein, so ungen¸gend. Oh
h‰tte ich sie doch nicht ins Tiefe gehen lassen. Oh h‰tten wir doch nicht
bei diesem reissenden Fluss gehalten. Stuart h‰tte besser wissen sollen.
Oh h‰tte ich doch... oh h‰tte ich doch... Kaum war sie von Billy Kane
besch¸tzt worden, musste dies geschehen. Es war alles so sinnlos. Warum
hatte sie niemand vor diesem Ungl¸ck besch¸tzen kˆnnen. Ich konnte nur
weinen.

Kapitel 5

Ich, Griz Custer, fand sie wieder in der N‰he des Raton Passes. Sie
waren nicht zu ¸bersehen. Etwa eine viertel Meile vom Pfad entfernt, da
sah ich sie auch sitzen. Ich konnte das blonde Haar der beiden M‰dchen
klar erkennen. Und da war Julia. Obwohl sie M‰nnerkleider trug, war ihre
weibliche Form doch deutlich erkennbar. Sie hatten ein schˆnes Camp
gew‰hlt. Steine nat¸rlicherweise in einem Kreis angeordnet, bildeten wie
ein Sofa und Hˆcker und ein grosser Stein in der Mitte konnte als Tisch
benutzt werden.

‹berhaupt war dies eine pr‰chtige Gegend. Im Nordosten, die Pr‰rie, im
Westen die Berge. Gut bew‰ssert, gr¸n bis in den Herbst hinein, verziert
mit den zarten Silbererlen, die hier ¸berall an den Bergh‰ngen wuchsen.
Es war zauberhaft hier. Die Natur war noch unber¸hrt. Aber, kaum zu
glauben, nur dreizehn Jahre sp‰ter w¸rde hier schon das eiserne Pferd, wie
es die Indianer nannten, durchpusten. Die Eisenbahnlinie ¸ber den Raton
Pass wurde 1878 vollendet. Auch dann blieb die Gegend noch eine Weile
unzivilisiert, doch die Dinge ‰nderten sich schnell, hier im Westen.

Der Mann, der mit ihnen ritt, wie ich in Taos erfahren hatte, sass bei den
M‰dchen. Es schien ein friedliches Bild. Der Mann war also ein guter
Begleiter. Diese Sorge konnte ich aus dem Kopf lassen. Er schien keine
Gefahr f¸r meine Familie zu sein.

Doch da packte mich ein anderer Kummer. Was w‰re, wenn Julia sich in ihn
verliebt h‰tte. Ich w¸rde es ihr nicht ¸belnehmen. Eine Frau so ganz
allein und ein gut aussehender, netter Mann, da kˆnnte es eben passieren.
Ich h‰tte auch nichts dagegen, falls sie sich ein Bisschen verliebt h‰tte.
Aber ich hoffte, es w¸rde bei Liebe bleiben. Die beiden k¸ssen zu sehen,
kˆnnte ich nicht ertragen. Dann w¸rde ich vielleicht davon reiten, um sie
nie wieder zu sehen. Aber das waren ja allzu negative Gedanken. Ich war
froh, dass sie alle da waren. Jack zwar hatte ich noch nicht gesehen.

Der Pfad verlief erhˆht gegen¸ber ihrem Camp und ich konnte meilenweit
¸ber ihr Camp hinaussehen. Trotz dieser guten Sicht ¸ber meine Geliebten
wollte ich mich weiter n‰hern. Dann konnte ich sie genauer sehen und
ihnen auch zuhˆren. Ich wollte aber nicht dass sie mich sahen.

Es gab da einen langen, niedrigen H¸gel der sich vom Pfad bis nˆrdlich von
ihrem Camp streckte. Dieser H¸gel war zwischen den Felsen und Steinen mit
Gras bewachsen, doch B‰ume gab es keine. Das war gut. Es w¸rde das
Reiten einfacher machen. Der H¸gel endete an einem kleinen Fluss. Die
Ufer dieses Flusses waren dicht mit Silbererlen bewaldet. Der Fluss und
dieser Wald zog sich bis ganz in die N‰he ihres Camps. Ich w¸rde mein
Pferd beim H¸gel lassen und mich dann durch den Wald in ihre N‰he
schleichen. Wenigstens ein Weilchen w¸rde ich dort verbringen und mich
dann zum Pferd zur¸ckbegeben um selber eine geeignete Campstelle am
Fl¸sschen zu finden. Doch es kam anders, als ich mir vorstellte.

Ich ritt sehr langsam weiter, um alles genau beobachten zu kˆnnen. Ich
musste mir die Landschaft genau einpr‰gen. Von hier aus hatte ich einen
guten ‹berblick. Es gab da noch ein St¸ck Wald das vom Fluss abwich und
ein Wald-Halbinsel bildete. Vielleicht w‰re ich dort noch n‰her zu ihnen.

Jetzt ging der Pfad den kleinen H‰gel hinauf um ihn zu ¸berqueren. Ich
warf noch einen letzten Blick auf sie und sah nun auch Jack. Jetzt gings
die H¸gelseite hinunter, die f¸nf verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich
verliess den Pfad.

Jetzt konnte ich, ohne dass sie mich sehen w¸rden, auf der Schattenseite
des H¸gels entlangreiten bis zum kleinen Fluss. Es war schwieriges
Gel‰nde mit viel Steinen und Lˆchern zwischen den Steinen. Ich wollte
nicht, dass Flake ein Bein br‰che und so stieg ich ab und f¸hrte ihn.

Beim Fluss angelangt, tr‰nkte ich ihn erst einmal ausgiebig. Er war sehr
durstig und ich auch. Wir ergˆtzten uns an dem klaren Bergwasser und ich
f¸llte meine Wasserflasche. Dann nahm ich ihm den Sattel ab. Ich band
Flake am Stamm einer Silbererle fest. Ich tat das mit meinem Lasso und
machte es so lang wie mˆglich, so dass er in diesem sommerlichen, noch
gr¸nen Gras, weiden konnte. Solch gutes Futter hatte er schon lange
nicht mehr gehabt.

Ich liess meinen Hut und andere unnˆtige Dinge beim Sattel, nahm nur meine
zwei Colts und machte mich auf. Ich konnte kaum warten um sie von nah zu
sehen.

Ich schlich durch den Wald aber nicht besonders sorgf‰ltig. Hier konnten
sie mich sowieso noch nicht sehen. Um so ¸berraschter war ich als ich
plˆtzlich vor mir eine laute M‰nnerstimme hˆrte : "Komm wir brauchen noch
mehr, das soll ein rechtes Feuerlein werden."

Ich zuckte zusammen. Ich sah vier M‰nner beim Holzsuchen. Das hatte ich
nicht erwartet und hatte sie auch erst zu meiner Linken gesehen, als ich
sie gleichzeitig hˆrte. Sie waren etwa achtzig Yard entfernt, nur der
eine war n‰her. Wie konnte ich nur so tollpatschig sein. Das sollte mir
eine Lehre sein.

Hatte ich diese Stimme nicht schon gehˆrt. Ich duckte instinktiv. Sie
hatten mich nicht gesehen. Ich blickte durch die Wurzeln eines vom Blitz
gef‰llten Baumes. Ich traute meinen Augen nicht. Das war doch--ja das
war doch Billy Kane. Was suchte der denn hier. War er etwa meiner Frau
wieder auf der Spur. Oder wusste er ¸berhaupt, dass sie sich in der N‰he
befand. Meine Frage sollte gleich beantwortet werden.

"Wir wollen doch ein kleines Festfeuerchen f¸r die feinen Damen machen.
Die sollen doch bei uns auf Besuch kommen."

"Die kommen doch nicht auf Besuch, Billy, auf jeden Fall nicht freiwillig",
sagte ein anderer.

"Da hast du recht mein Junge. Dann zwingen wir sie halt. Was sagst du,
wir gehen in der Mitte der Nacht mal r¸ber, sobald die zwei M‰nner dort
eingeschlafen sind?" fragte Billy.

"Willst du sie im Schlaf erschiessen, Billy?".

"Nein, das kˆnnte jemand hˆren. Ich sag, wir sollten sie fesseln. Aus
dem Wegchen schaffen kˆnnen wir sie immer noch", erwiderte Billy. Dann
kicherte er: "Kommt, mehr Holz, mehr Holz, ich will was von den feinen
D‰mchen sehen."

Ich war ja gerade zur rechten Zeit gekommen. Dieser Billy f¸hrte nichts
Gutes im Schilde. Ich fragte mich, ob er je etwas Gutes getan hatte. Ich
mˆchte es nicht mit meinem Leben bezeugen, aber ich denke nicht. Sie
schienen nicht den geringsten Respekt vor diesem Mann, der Julia
begleitete, zu haben. Sie schienen dem Gelingen ihrer Absichten gewiss.
Oh h‰tten die gewusst, dass ich mich hier versteckt hielt. Die w¸rden
mich gleich zu einem Brei geschossen haben.

Zwei hatten sich an einem grossen Ast zu schaffen gemacht, Billy hatte mir
den R¸cken zugekehrt und ging mit einem B¸ndel in Richtung Camp, wie ich
vermutete, denn ich hatte ihr Camp noch nicht gesehen. Der vierte aber
kamm genau in meine Richtung.

Sollte ich mich zur¸ckziehen, jetzt wo er noch etwa vierzig Yard entfernt
war. Vielleicht konnte ich es noch unbemerkt schaffen. Oder sollte ich
warten. Vielleicht w¸rde er gar nicht so weit kommen. Nein ich musste
weg. Er hatte wohl diesen gef‰llten Baum im Auge. Ich schlich mich weg
wie eine Schlange, auf Ellbogen und Bauch. Sehr langsam nur, denn er
durfte mich nicht hˆren. Jeden trockenen Zweig schob ich leise beiseite.
Er kam sehr schnell n‰her. Ich konnte ihn hˆren. Ich schaffte es gerade
noch hinter einen grossen Stein zu kommen. Er war schon beim toten Baum
angelangt. W¸rde er weiter gehen? Ich hielt meinen Atem an. Nein, ich
hatte Gl¸ck gehabt. Er fing an, ƒste abzuhacken und nach einem Weilchen,
nahm er das B¸ndel und verschwand. Ich atmete erleichtert auf.

Auch ich verschwand. Ich war hier viel zu nahe. Ich ging zur¸ck zum
Pferd und ritt eine Meile weiter dem Fluss entlang. Dort liess ich das
Pferd, und zur¸ck ging es zu Fuss, diesmal vorsichtiger. Die Sonne stand
gerade noch ¸ber dem Gipfel des n‰hesten Berges. Bald w¸rde sie hinter
den Berg sinken. Es w¸rde noch etwa eine gute Stunde hell bleiben.

Ich kam beim gleichen Ort verbei. Hˆrte nichts. Doch jetzt! Ich konnte
ich sie in ihrem Camp vernehmen. Sie waren nicht gerade die leisesten
Burschen. Ich schlich an den Waldrand. Da war es, ihr Camp. Sie waren
gerade beim Kochen.

In der Ferne, etwa hundert Yard hinter ihnen sah ich Julia, die andern
waren verdeckt von den B‰umen, die hinter Billys Camp in die kleine Ebene
hinauswuchsen. Ich ging in den Wald zur¸ck und schlich mich vom Fluss her
in die kleine Wald-Halbinsel hinein, die zwischen Billys Camp und Julias
Camp lag. Jetzt war ich nur etwa f¸nfzig Yard von Billys Camp entfernt.
Ich musste vorsichtig sein.

Ich war auch etwa f¸nfzig Yard von Julia. Ich wollte n‰her sein. So
kroch ich n‰her. Bis etwa zehn Yard. Jetzt sah ich ihre Gesichter und
konnte ihnen zuhˆren. Wie schˆn das war. Es w‰re noch schˆner gewesen,
w‰re ich nicht so nahe einem Ameisenhaufen zu liegen gekommen. Die
kleinen Biester krochen ¸ber mich und verzehrten mich lebendig. Sie
stachen mich am ganzen Kˆrper. Ich musste meine Position ‰ndern. Das
brauchte eine schˆne Weile und jetzt war es schon fast dunkel.

Falls ich einen Zweig knacken sollte war es hier nicht so gef‰hrlich, da
Billy denken w¸rde es k‰me von Julias Camp und Julia denken w¸rde, der
L‰rm k‰me von Billys Camp. Doch es war besser, Acht zu geben. So
brauchte jede Bewegung seine Zeit.

Jetzt konnte ich mich entspannen und zuhˆren. Es war schon dunkel. Ich
w¸rde die Nacht hier verbringen m¸ssen. Ja, Liebe verlangt ihre Opfer.
Gegessen hatte ich auch nichts, und die D¸fte von Reis und Bohnen die von
Julias Camp wehten, waren verf¸hrerisch.

"Ich hab keinen grossen Hunger, Mam", klagte Lisa. Ich schon, dachte ich.
Ihr kˆnnt ja das Essen in meine Richtung senden.

"Ich glaube uns ist allen der Appetit vergangen, ausser nat¸rlich Jack,
der kann immer essen", sagte Julia mit trauriger Stimme.

"Mom, was Gutes w¸rde es tun, nicht zu essen?" fragte Jack, der sich
verletzt f¸hlte, so als ob er sich nicht um das Wohl der Familie sorgte.

"Schon gut Jack. Trotzdem h‰tte ich gedacht, dass dir das Wohl der
Familie vielleicht ein Bisschen Sorge machen w¸rde."

"Ich muss mich st‰rken, falls etwas mit diesem Billy passieren sollte.",
entschuldigte sich Jack. Die Stimmung schien gespannt. Sie schienen
alle etwas genervt. Kein Wunder auch, dieser Billy Kane war nicht zu
untersch‰tzen, auf jeden Fall nicht, wo es Bˆses und Lasterhaftes
auszudenken gab.

"Mom, glaubst du, wir haben diesen Billy zu f¸rchten, mit Stuart hier?",
fragte Sara. Das war eine geladene Frage. Julia kˆnnte mit der Antwort
verraten, ob sie Stuart vertraute. Nun wusste ich endlich auch den Namen
dieses Mannes. So Stuart also--der Name gefiel mir.

"Es sind vier gegen einen", erwiderte Julia klug. "Glaubst du den vier
gewachsen zu sein?" wendete sie sich dann an Stuart.

"Mich z‰hlt wohl niemand", brummte Jack.

"Jack, du bist noch jung. Du kannst zwar schiessen, aber du hast nie
gelernt zu Ziehen. Verstehst du", sagte Julia in freundlichem Ton.

"Mam, ich muss lernen, ich muss lernen. Wie kann ich dich sonst
besch¸tzen. Von wem kann ich es nur lernen?"

"Jack du hast noch Zeit. Die Gelegenheit wird sich schon bieten.
Vielleicht kann Stuart dich lehren."

"Ja, Jack beeil dich nur, sonst gehts dir wie mir. Ich hab's immer f¸r
unwichtig gehalten, schiessen zu lernen. Bin lieber Fischen gegangen.
Von mir kannst du wenig lernen, Jack. Ich vertrau mehr auf mein Gl¸ck.
Bis jetzt hab ich ja immer ¸berlebt. Ist auch wichtig die richtigen Leute
zu kennen. Mit genug Geld kann man sich immer den nˆtigen Schutz kaufen."

"Was n¸tzt jetzt Geld", sagte Julia verzweifelt. Ich hatte meine Antwort,
sie traute also Stuart nicht. Dann konnte sie ihn auch nicht lieben. Ich
war jedoch zu fr¸h selbstsicher, denn sie f¸gte hinzu: "Entschuldigung,
Stuart, ich weiss dass nicht jeder ein Coltswinger sein kann. W‰re auch
nicht so wichtig, w‰ren wir nicht gerade in dieser Situation."

W‰ren wir nicht in dieser Situation? Was meinte sie mit dem "wir". War
da schon eine Familiarit‰t zwischen den beiden. Ich sorgte mich ein
Bisschen. Oh, Julia, werde mir nicht untreu, dachte ich, ich bin ja hier!
Liebst du mich noch? Du bist ja immer noch so h¸bsch. Meine Knie werden
immer noch weich, wenn ich dich sehe. Ich hab so ein komisches Gef¸hl in
meiner Magengegend. Oder waren das die Ameisenstiche?

Nein, sie war wirklich noch wunderschˆn, so furchteinflˆssend. Sie hatte
solche Macht ¸ber mich. So ist es mit der Liebe. Was f¸r eine Macht eine
Person, die man liebt, ¸ber einen hat. Was man nicht alles f¸r sie tut.
Sich mitten in der Nacht in einen Ameisenhaufen legen, nur so dass man
ihre Stimme hˆren kann. Oh wie dem¸tig ein Liebender doch wird, wie
dienend, wie weich. Ja welche Macht die Liebe. Was ist ein Kˆnigreich,
was ist die ganze Welt. W¸rd ich Julia daf¸r tauschen? Doch nie!

"Mom, ich w¸nschte Dad w‰re hier. Glaubst du, er kˆnnte uns verteidigen.",
sagte Lisa. Oh danke, Lisa, dachte ich, das bringt ja alles gleich auf
den Tisch.

"Lisa, wir wissen ja nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Eins weiss
ich zwar, er w¸rde alles tun um uns zu verteidigen", sagte Julia mit
warmer Stimme. Oh vielleicht war da doch noch ein Bisschen Gef¸hl f¸r
mich ¸brig, dachte ich. Aber es gefiel mir nicht, dass sie nicht daran
glaubte, dass ich noch am Leben war.

"Ich glaube, dass er noch am Leben ist", sagte Sara herausfordernd. Oh
es war schˆn Saras helle Stimme zu hˆren. Ihre Stimme war so s¸ss.

"Ich hoffe es, ich hoffe es auch", sagte Julia. "Ich geh zu Bett. Gute
Nacht ihr alle."

Oh wie gern h‰tte ich ihnen ein Zeichen gegeben, dass ich noch am Leben
war. Doch das w‰re nicht gut. Gerade jetzt war ich froh, dass ich es nie
getan hatte. Denn jetzt konnte ich sie besser besch¸tzen, als ich es
sonst je h‰tte kˆnnen. Sie gingen alle langsam in die Federn und ich
kroch langsam gegen Billys Camp um zwischen den beiden Camps zu sein, so
dass ich sehen konnte was in beiden vorging. Da ich im Wald nicht gut
schiessen konnte--die Kugeln w¸rden sicher von einem Ast oder Aestlein
abgelenkt, es brauchte nicht viel--kroch ich an den Waldrand zwischen den
beiden Camps. Von dieser Position m¸sste ich nur noch ein Bisschen in die
Ebene hinausgehen und konnte auf beide Camps schiessen.

Ich schlief ein und wurde erst mitten in der Nacht geweckt, als Billy und
seine Burschen haarnahe an mir vorbeitrampten. Sie gingen so leise, wie
sie konnten und h‰tten doch eine B¸ffelherde aufgeweckt. Dazu wachte ich
beim kleinsten Ger‰usch, was seine Vorteile und Nachteile hatte. Im
Saloon zum Beispiel, schlief ich nie besonders gut.

Ich ging langsam und sehr leise hinter ihnen her. Als sie Jack und Stuart
fesselten, liess ich sie gew‰hren. Julia sollte wissen, dass Stuart kein
Besch¸tzer war, und Jack sollte lernen, vorsichtiger zu sein. Ich
brauchte die beiden nicht. Ich konnte mich dieser Burschen erwehren. Ich
war schneller geworden. Sollten sie jedoch Jack und Stuart erschiessen
wollen, war ich bereit.

Jetzt kamen sie schon mit Julia, Lisa und Sara. Ich konnte mitf¸hlen, wie
es ihnen zumute sein musste. Sie f¸hlten sich ausgeliefert, hilflos und
innerlich w¸tend und zornig ¸ber ihre Hilflosigkeit. Die Burschen waren
jetzt alles andere als leise. Es war leicht f¸r mich, mich wieder in den
Wald hinein zu stehlen, bis sie an mir vorbei waren. Dann trat ich wieder
auf die Ebene hinaus und folgte hinterher.

Als einer Sara einen Klaps gab, konnte ich mich kaum beherrschen. Ich
h‰tte ihn am liebsten gleich erschossen. Sie eilten zu ihrem Camp und
waren mir zwanzig Yard voraus.

Ich war jetzt fast bis zehn Yard an ihr Camp herangekommen. Ich musste
mich nur aus dem Schein des Feuers halten, dass sie sicher bald anz¸nden
w¸rden. Ich trat hinter einen Baumstamm, der mich ganz deckte. Es war
ein Baum am Rand und da waren keine anderen B‰ume mehr zwischen mir und
dem Camp. Ich konnte jetzt gut schiessen. Im Schein des Feuers w¸rden
sie wie sitzende Enten f¸r mich sein. Sie konnten nicht zur¸ckschiessen,
denn geblendet vom Feuer, w¸rden sie mich nicht sehen. Nur eines hoffte
ich, dass meine Frau und Kinder nicht zwischen uns zu stehen kamen.

Jetzt ging das ganze Theater los. Die Burschen besch‰ftigten sich mit dem
Feuer, um es so gross wie mˆglich zu machen. Sie packten B¸ndel von
d¸nnen Zweigen, dr¸ckten sie zusammen und warfen sie aufs Feuer. Das
Feuer loderte hoch und warf einen hellen Schein auf das Camp. Das Feuer
w¸rde nicht lange so hell sein. Sie mussten sich beeilen und sie wollten
sich ja die Damen ansehen, wie sie gesagt hatten.

Trotz der W‰rme des Feuers standen Julia, Lisa und Sara schlotternd da.
Ich durfte nicht zu lange warten. Ich hatte keine grossen
Sympathiegef¸hle f¸r Billy und seine Burschen. Trotzdem wollte ich sie
nicht einfach niederknallen, ohne dass das Geringste geschehen war.
Nat¸rlich hatte Billy schon einiges auf dem Gewissen, mˆglicherweise auch
den Brand des Saloons in Santa Fe.

Jetzt schupste Billy die drei Frauen vorw‰rts, um zu sehen, wo er das
beste Licht vom Feuer bek‰me. Jetzt traf ein, was ich bef¸rchtet hatte.
Sie kamen gerade zwischen mich und die Burschen zu stehen. Doch
gl¸cklicherweise war er noch nicht zufrieden und schupste sie weiter. Er
schien, noch immer nicht zufrieden zu sein und spornte seine Burschen an,
noch mehr Holz aufs Feuer zu werfen.

Ungeduldig, wie ein Kind das nicht auf seinen Zuckerstengel warten will,
war er aber nicht bereit, l‰nger auf das Feuer zu warten und befiel: "Na
zieht euch mal aus--seid nur nicht scheu. Oder soll ich euch Beine machen?"
Dabei drohte Billy mit seinem scharfen Bowiemesser.

Julia, Sara und Lisa fingen an, sich auszuziehen. Das durfte nicht sein.
Das wollte ich ihnen ersparen. Sie waren zwar nicht prudisch, waren nie
erzogen worden, ihre Kˆrper zu verabscheuen. Es machte ihnen nichts aus,
nackt gesehen zu werden. Doch dies war anders.

Billy war weit genug gegangen. Jetzt war die Zeit gekommen, ihn zu
stoppen. Ich w¸rde keine Gewissensbisse haben, wie fr¸her. Das Gesetz
war nicht im Stande, Gerechtigkeit auszu¸ben und Leuten wie Billy das
Handwerk zu legen. Das Gesetz aber war hinter Unschuldigen, wie mich, her.

Es gab sicher Leute, die es nicht richtig f‰nden, dass ich das Gesetz in
die eigene Hand nahm, ohne eine Untersuchung, ohne einen Prozess, ohne
eine Gerichtsverhandlung. Doch welche Gerichte, Prozesse,
Gerichtsverhandlungen suchten die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Ging es
nicht vielmehr um Geld und Ansehen. Strebten die Anw‰lte nicht mehr nach
Geld und Ansehen als Gerechtigkeit. Konnten die guten Anw‰lte nicht den
Entscheid zu ihren Gunsten beieinflussen. Und wer konnte die besten
Anw‰lte erhalten, doch der, mit dem meisten Geld. So der mit dem meisten
Geld konnte das Gericht beeinflussen. Die Gerichte waren nicht
unparteiisch und darum nicht gerecht.

Nahm aber jemand wie ich die Gerechtigkeit in die eigenen H‰nde, weil das
gerichtliche System versagte, dann w¸rde er vom Gesetz gefahndet. Das nur,
weil den Gesetzleuten das Gesetz wichtiger war, als die Gerechtigkeit.

Es hatte ein Weilchen gedauert, bis Billy von der Gerechtigkeit eingeholt
worden war. Doch die Gerechtigkeit kommt. Fr¸her oder sp‰ter. Meiner
Frau w‰re viel Kummer erspart geblieben, h‰tte die Gerechtigkeit fr¸her
eingeschlagen. Doch alles hat seinen Zweck. Meine Frau w¸rde ohne
Kummer nicht wachsen. Ich wollte aber, dass sie wuchs, dass sie lernte,
mir mehr zu vertrauen. Noch wusste sie nicht, wer ihr Besch¸tzer war,
vielleicht ahnte sie es. Doch eines Tages w¸rde sie es wissen und es
w¸rde unsere Beziehung noch viel besser machen. So wie ich Gott trauen
lernte, der mich besch¸tzte, so w¸rde sie mir trauen lernen, der ich sie
besch¸tzte.

Ich schoss mit beiden Colts. Ich schoss sie in die Stelle, die sie bereit
waren, an meiner Frau und Kindern zu gebrauchen. Ob ich so genau traf,
weiss ich nicht. Doch irgendwo traf ich sie alle, denn alle fielen auf
die Knie und stˆhnten, doch nicht f¸r lange. Ich wollte nichts riskieren.
Sie kˆnnten versuchen, auf meine Frau und Kinder zu schiessen. Ich
wollte sie auch nicht qu‰len. Der erste Schuss war nur zu zeigen, worum
es ging. Ich schoss sie alle in den Kopf.

Es war vorbei. Ich stand still. Ganz still. Julia, Sara und Lisa
standen auch still. Sie standen da mit ihrem Mund offen und wussten nicht,
was sagen. Sara war die Erste, die sich bewegte und ihre Jacke anzog.
Keiner schrie in den Wald, in meine Richtung, in die Richtung von der die
Sch¸sse gekommen waren, wie ich erwartet hatte. Nur Julia sagte mit
freudiger Stimme : "Kommt." Dann eilten sie alle zu ihrem Camp. Sie
rannten an meinem Baum vorbei so nah, ich h‰tte sie ber¸hren kˆnnen und
wie gern h‰tte ich sie in meine Arme geschlossen. Ich begab mich in ihre
N‰he, und schlief in ihrer N‰he im Wald, bis zum Morgengrauen. Dann
schlich ich zu Billys Camp zur¸ck. Ich brauchte ein Packpferd. Das nahm
ich mir auch und ritt zur¸ck zu meinem Pferd Flake und kochte Fr¸hst¸ck.

Ich hatte Weizen und eine kleine Handm¸hle. So hatte ich immer frisches
Mehl. Ich kochte mein Flachbrot in der Pfanne und legte mich hin zum
Essen.

Ja, ich war schneller geworden. Ich hatte es geschafft gegen Billy Kane.
Ich konnte Stolz darauf sein. Doch es liess einen bitteren Geschmack im
Munde. Tˆten war kein schˆnes Gesch‰ft. Doch ich sollte die gute Seite
sehen. Sehr wahrscheinlich hatte ich das Leben von Stuart und Jack
gerettet.

* * *

Ich folgte dicht hinter ihnen her. Immer hielt ich eine Distanz, von der
ich sie gerade noch sehen konnte, ihnen aber durch meine Anwesenheit nicht
auffiel. Sie sollten sich nicht gefolgt f¸hlen. Sie reisten weiter
gegen Denver, schienen es nicht eilig zu haben.

Am n‰chsten Tag sah ich sie in der Ferne vom Pfad rechts abbiegen. Wohin
wollten sie? Es war ja erst Morgen. Es war noch nicht Zeit zum Campieren.
Als ich n‰her kam, sah ich den reissenden, sprudelnden Fluss. Sie
wollten wohl ein Bad nehmen. Sie hatten es also gar nicht eilig. Mir
war's nicht ums Anhalten. Ich w‰re gerne weitergeritten. Immerhin waren
die Black Brothers irgendwo hinter mir her. Doch ich wollte sie nicht
allein lassen.

So ritt ich auf dem Pfad bis zum Fluss. Erstaunlicherweise gab es da eine
Furt. Der Fluss rann hier ¸ber eine flache Stelle im Gel‰nde und breitete
sich weit aus, war aber nur noch knˆcheltief. Grosse Steine lagen
inmitten des Flusses. Um einige musste man herumreiten. So kam ich auf
die andere Seite des Flusses und suchte einen Weg dem Fluss entlang. So
sollte ich meiner Familie gegen¸ber kommen, mit nur dem Fluss zwischen uns.

Es gab wirklich einen kleinen Pfad dem Fluss entlang, ausgetreten von den
Reisenden die hier am Fluss halt machten. Ich f¸hrte mein Pferd, denn ich
wollte langsam gehen und wenn mˆglich nicht gesehen werden. Allerdings
w‰re es nicht so aussergewˆhnlich, dass ein anderer Reisender hier am
Fluss Halt machte.

Als ich in die N‰he kam, wo Julia und die Kinder waren, bog ich vom
kleinen Pfad ab, um einen Platz f¸r meine Pferde zu finden. Es gab
grasige Stellen zwischen den B‰umen und ich band Flake und mein Packpferd
an, in solcher Weise, dass sie grasen konnte. Dann ging ich wieder zum
Fluss zur¸ck und hier aus dem Dickicht konnte ich sie gut sehen, ohne
gesehen zu werden. Sie waren ein Bisschen flussabw‰rts von mir.

Ich machte mich bequem und schaute ihnen zu. Wegen des Getˆses des
Flusses konnte ich ihre Gespr‰che nicht hˆren. Nach einer Weile
verschwanden Stuart und Jack. Sie gingen wohl jagen. Ich sah dass sie
ihre Revolver bereit hielten. Hasen gab es hier genug, vielleicht kˆnnten
sie einen erwischen, oder noch ein besseres Gourmet Essen w‰re ein wildes
Huhn, oder eine Ente. Wie gerne w‰re ich mit Jack jagen gegangen. Ich
kˆnnte ihm ein oder zwei Tricke zeigen. Ich wusste viel ¸ber Wild. Oh
kˆnnte ich es doch an ihn weitergeben. Er schien interessiert zu sein.
Hatte das Jagdfieber wohl von mir geerbt. Ich konnte das Leuchten in
seinen Augen fast sehen, vorstellen konnte ich es mir auf jeden Fall, denn
ich war genau so, wenn es ums Jagen ging. Dabei liess es mich kalt, ob
ich etwas erwischte oder nicht, aber ich liebte die Pirsch.

Als die M‰nner weg waren, nahmen die M‰dchen ein Bad. Ich freute mich,
Julia zuzusehen. Ich hatte sie schon lange nicht mehr so gesehen, und ich
staunte, wie gut sie noch beisammen war. Mit ihr ein Bad zu nehmen war
aber nicht mein Traum, den ich hatte Wasser nur zum trinken gern. Ich
hatte zwar ein Bad nˆtig, aber ein paar Tage konnte das noch warten.

Es war gut zu wissen, dass sie gewartet hatten bis Stuart verschwunden war.
So vertraulich waren sie also noch nicht. Ich war froh. Es fiel mir
ein Stein vom Herzen.

Sara war mir am n‰chsten, ich konnte sie gut sehen. Sie war so d¸nn und
trotzdem attraktiv. Sie war hochgewachsen und war eine junge Frau
geworden. Wie schˆn sie war und was f¸r einen h‰sslichen Vater sie jetzt
hatte. Wir w¸rden gar nicht mehr zueinander passen, ausser als Schˆne und
Biest.

Lisa die immer aktiv war, hatte einen Stein gefunden, von dem sie ins
Wasser springen konnte. Sie wurde nicht m¸de es wieder und wieder zu tun.
Es war schˆn sie alle so unbek¸mmert zu sehen, so wie sie Gott geschaffen
hatte, eins mit der Schˆpfung, als w‰ren sie noch in Eden. Gesund,
schlank und kr‰ftig waren sie alle, sicher gab es auf der ganzen weiten
Welt nichts schˆneres zu sehen.

Ich lag hier im Gestr¸pp so gem¸tlich und nach einem Weilchen w‰re ich
fast eingenickt. Doch dann sah ich etwas, dass mich sofort auf die Kniee
brachte.

Plˆtzlich wurde Sara weggeschwemmt. Es sah fast so aus, als ob sie selbst
ins tiefe Wasser geplumst w‰re, um zu schwimmen. Ich konnte aber schnell
sehen, dass sie nicht schwimmen konnte. Sie schwenkte ihre d¸nnen Arme
wie wild in der Luft. Sie schrie nicht, schien aber zu k‰mpfen, um an der
Oberfl‰che zu bleiben. Das Wasser trug sie mit atemberaubender
Geschwindigkeit.

Sie wurde vom tiefen Wasser um die grˆssten Steine herumgeschwemmt, an die
sie sich anzuklammern versuchte. Doch ohne Erfolg, den sie waren
schl¸pfrig und die Kraft des Wassers viel zu gross. Es war nur ein
schwacher und wahrscheinlich instinktiver Aufwand, denn sie bewegte sich
so schnell, dass jeder Versuch sich anzuklammern, nutzlos schien. Die
kleineren Felsbrocken, ¸ber die das Wasser floss, waren viel gef‰hrlicher.
Das Wasser schlug ihre Beine gegen diese Steinbrocken. Falls sie unter
ging, kˆnnte auch ihr Kopf gegen diese schlagen, sie w¸rde bewusstlos
geschlagen und ertrinken.

Ich musste schnell handeln. Es war zu sp‰t hineinzuspringen, denn ich
m¸sste erst eine Stelle finden, wo ich ins Wasser konnte. Hier war alles
von undurchdringlichem Gestr¸pp ¸berwachsen. Sie war jetzt schon etwa
f¸nfzehn Yard weg von mir, und das Wasser ging schnell. Weiter unten im
Fluss verlangsamte sich das Wasser ein Bisschen, wie ich sehen konnte.
Dort musste ich hin.

Ich st¸rzte vorw‰rts zu meinem Pferd. Ich nahm mein Lasso vom Sattel und
sprang auf das Pferd--ohne Sattel. Ich ritt langsam zum Pfad zur¸ck durch
die B‰ume. Flake schien die Eile zu sp¸ren. Er ging so schnell er konnte,
ich brauchte ihn nicht anzuspornen. Ich hatte das Mundst¸ck
rausgenommen, so dass er grasen konnte. Ich f¸hrte ihn jetzt nur mit den
Sporen. Das war nur mit einem guten Pferd, wie Flake, mˆglich. Flake war
Gold wert.

Wir waren zum kleinen Pfad gekommen. Jetzt konnten wir galoppieren. Es
war unebenes Gel‰nde und gef‰hrlich. Aber wir mussten uns beeilen. Ich
spornte Flake an. Wenn es darauf an k‰me, w¸rde ich lieber Flake
verlieren, als Sara.

Ich sah Sara hin und wieder im Wasser. Wir hatten sie ¸berholt. Sie
k‰mpfte noch im Wasser. K‰mpf weiter, dachte ich, k‰mpf weiter, als ob
ich sie mit meinen Gedanken und meinen gespannten Nerven anspornen kˆnnte.

"Weiter, Flake, weiter!" fl¸sterte ich in seine Ohren. Er reagierte. Er
gab sein ƒusserstes. Weit genug! "Brrrr!" stoppte ich Flake. Ich hatte
eine gute Stelle gefunden. Der Fluss war hier ziemlich schmal. Grosse
Felsbrocken, je einer auf dieser und der anderen Seite, d‰mmten das Wasser
ein. Das Wasser ergoss sich wie ¸ber eine Schwelle in einen tieferen
Teich. Enorme Wassermassen kamen hier durch. Ich sprang vom Pferd und
sprang auf den grossen Felsblock auf dieser Seite. Hatte es Sara so weit
geschafft? Mein Lasso war bereit.

Da kam sie schon, schneller als ich erwartet hatte. Lasso werfen hatte
ich von meiner Jugend auf gelernt. Es war f¸r uns Cowboys nichts
Besonderes, das Hinterbein eines fl¸chtenden Kalbs vom galoppierenden
Pferd aus zu erwischen--und zwar genau zum richtigen Zeitpunkt, wenn das
Kalb das Bein vom Boden hob, in seinen eiligen Spr¸ngen.

Eine Hand war in der Luft. Ich warf das Lasso um ihre Hand zu erwischen.
Doch sie zog sie genau im falschen Moment zur¸ck. Ich hatte sie verpasst.

Da gabs nur noch eines. Ich sprang in den Fluss. Sofort wurde ich von
der Gewalt des Wassers gepackt. Ich war noch unter Wasser, k‰mpfte mich
aber schnell an die Oberfl‰che. Ich hatte weniger Gl¸ck als Sara. Sie
war in der Mitte des Flusses. Das war der s‰uberste Weg, wo die meisten
Steine vom Wasserstrom auf die Seite geschoben worden waren. Doch ich war
auf der Seite hineingesprungen und wurde nun vom Wasser gegen einen
anderen Stein geschleudert. Er erwischte mich an der H¸fte. Ich glaubte
ich w¸rde entzweigeteilt. Ich schmerzte, konnte mein Bein kaum bewegen.
Doch ich schwamm weiter. Ich vergass meinen Schmerz, denn ich wollte zu
Sara.

Das war ein schlechter Anfang gewesen. Es hatte mich schˆn gebremst und
mir auch gleich jeden Mut genommen. Sara war mir jetzt ein gutes St¸ck
voraus. Ich schwamm so schnell ich konnte. Langsam kam ich ihr n‰her.

Das Wasser ging langsamer hier. Es war ruhig im Vergleich zu vorher. Ich
war angelangt. Ich fasste Saras Arm. Ich hatte sie, oh, ich hatte sie.
Sie klammerte sich ganz schwach an mich. Sie war kaum noch am Leben. Ich
zog sie zum Ufer, zog wie verr¸ckt. Ich hatte einen Arm um ihre Brust
gelegt und schwamm mit dem anderen.

Jetzt galt es eine Stelle zu finden, wo wir aus dem Fluss kriechen konnten.
Ich kam an die Bˆschung, packte eine Wurzel, doch konnte mich mit einer
Hand kaum halten. Doch jetzt hatten meine Beine Halt gefunden. Doch ich
glitt aus und fiel ins Wasser zur¸ck. Die Wurzel brach und wir waren
wieder im Wasser. Ich versuchte es noch einmal, doch kam ich nicht die
Bˆschung hinauf. Ich liess mich wieder ins Wasser gleiten.

Ich musste mir etwas Anderes einfallen lassen. Ich hielt Sara ¸ber Wasser
in meinem linken Arm. Mit dem rechten Arm zog ich meinen G¸rtel von der
Hose. Dann band ich den G¸rtel um Saras Brust und hielt das eine Ende in
den Z‰hnen. Jetzt hatte ich beide Arme frei. Ich fand eine Wurzel und
kletterte die lehmige Bˆschung hinauf, das Ende des G¸rtels noch in den
Z‰hnen. Es wurde jetzt aber zu kurz. Ich hob ein Bein ¸ber einen kleinen
Baumstamm und hielt mich mit dem Bein. Ich zog Sara mit beiden H‰nden
hinauf und fasste sie unter den Armen. Dann hob ich sie auf meine
Schultern und kletterte den Rest der Bˆschung hoch.

Wir hatten es geschafft, wenigstens soweit. Ich nahm ihr den G¸rtel
schnell ab und hob sie bei der H¸fte auf und liess ihren Oberkˆrper
baumeln. Dabei kam dass Wasser aus ihren Lungen. Sie hatte viel
geschluckt. Sofort setzte ich meinen Mund an den ihren und blies.
Langsam--einen Atemzug nach dem andern. Ich lauschte. Nichts. Ich blies
wieder und wieder. War es zu sp‰t?

Ich arbeitete mechanisch. Keine Gedanken gingen durch meinen Kopf, weder
hoffnungsvolle noch deprimierte. Ich tat einfach, was ich tun musste.

Dann fing sie an leicht zu atmen. Erst ganz sanft. Ein Weilchen atmete
sie leicht und dann nahm sie plˆtzlich einen tiefen Atemzug. Ihre Augen
waren immer noch geschlossen. Die Atemz¸ge waren kurz, zuckend. Doch
langsam wurden sie tiefer und ausgeglichen.

Jetzt entspannte ich mich ein Bisschen. Ich merkte erst jetzt, wie sehr
meine H¸fte schmerzte. Sara sah nicht einmal so schlecht aus. Sie hatte
keine Schrammen. War hier und dort zerkratzt und rot, doch schien nichts
gebrochen zu sein. Sie blutete ein Bisschen von ihren H‰nden, die
aufgesch¸rft waren. Jetzt bemerkte ich auch ein paar kleine Wunden an den
F¸ssen, die bluteten. Es war aber nicht schlimm.

Ich hatte mich auf einen Stein gesetzt und hielt Sara in meinen Armen.
Ich hielt sie sehr nahe, meine Lippen auf ihren Schultern. Ich k¸sste
ihre Schultern wieder und wieder. Sie fing an zu schlottern. Und da
plˆtzlich, sie ˆffnete ihre Augen und starrte mich an. Sie starrte mich
lange an. Ich hoffte sie hatte keinen Gehirnschaden erlitten. Konnte sie
nicht sprechen? Ich wartete.

Ich legte sie auf den Boden und zog meine nassen Hosen und meine Jacke aus.
Dann legte ich die Jacke um Sara und knˆpfte sie zu. Vielleicht w¸rde
sie das ein Bisschen aufw‰rmen. Dann versuchte ich ihr die Hosen
anzuziehen. Doch ich brauchte ihre Hilfe und sie schien noch immer nicht
ganz wach zu sein.

Da hob ich sie wieder auf, nahm sie in meine Arme und zog ihr die Hosen an.
Da hielt ich sie, meine kleine Sara. Wie gl¸cklich ich war, dass sie am
Leben war. Wie gl¸cklich! Sie schien bequem zu sein in meinen Armen und
schloss die Augen. Sie schlief ein. Ihr Herz klopfte immer noch hart.
Sie atmete schˆn regelm‰ssig jetzt. Ich musste nur Geduld haben. Das war
nicht allzu schwer, denn es war schˆn, sie zu halten.

Sie schlief ein Weilchen und ˆffnete die Augen wieder und schaute mich
lange aus ihren grossen blauen Augen an. Von ihrem Gesichtspunkt starrte
sie einen Fremden an. Sie wusste ja nicht, wer ich war. Sie schien
erstaunt und etwas misstrauisch. Ja sie schaute mich geradezu
vorwurfsvoll an. Sie schien auch nicht zu wissen, was passiert war. Sie
nahm die Augen nicht von mir, sie starrte wie eine Puppe. Ich zog sie an
mich und verbarg ihr Gesicht in meinen Armen. So hielt ich sie ein
Weilchen. Dann schien sie die Liebe zu sp¸ren. Sie legte ihre Arme um
meinen Hals und klammerte sich an mich, als w‰re ich ein Felsen im
tobenden Meer. Ich h‰tte gerne gesagt: "Sara, meine kleine Sara". Doch
ich durfte nicht. Ich durfte nicht verraten, dass ich ihren Namen wusste.

Dann liess sie los und ich auch. Sie starrte mich wieder an und sagte
langsam: "Ich fiel in den Fluss." "Ja", sagte ich. Um vorzubeugen, dass
ich ihren Namen aus Ungeschick gebrauchte, fragte ich sie: "Wie heisst
du?" Sie dachte lange nach und wendete ihren Kopf. Ich dachte schon, dass
sie nicht antworten w¸rde, doch dann sagte sie mit leiser Stimme, fast
fl¸sternd: "Sara."

Oh sie konnte wieder sprechen. Ein gutes Zeichen. Trotzdem war sie noch
nicht die alte Sara. Es w¸rde ein Weilchen dauern. Hoffentlich hatte
sie keinen dauernden Schaden erlitten.

"Haben sie mich gerettet?" fragte sie dann. Manchmal schienen ihren
Gedanken sich nach innen zu kehren. Es schien ihr M¸he zu machen, zu
denken.

"Ja, Sara", antwortete ich. "Gehts dir gut?" Doch sie ¸berschaute meine
Frage und erwiderte: "Wer sind sie?".

"Ich bin Griz Caldwell", sagte ich. "Nenn mich Griz."

"Und wer sind sie?" fragte sie wieder. "Ein Durchreisender, der dich in
den Fluss fallen sah."

"Danke", sagte sie dann still. Sie schien wieder m¸de zu werden. Dann
schlief sie nochmals ein. Ich legte sie auf den Boden und liess sie
schlafen.

Meine H¸fte sah bˆse aus. Ich hatte zwar keine Schramme aber der Knochen
schien arg zerquetscht. Jeder Schritt schmerzte. Ob ich wohl reiten
konnte. Hier stand ich nun in Hemd und Unterhosen, wie ein Narr mit einer
zerschmetterten H¸fte und war doch ¸bergl¸cklich dass ich meine Sara hatte
retten d¸rfen. So ist die Liebe. Ein Geheimnis.

Ich wusste wie besorgt Julia sein m¸sste, doch ich musste Sara ruhen
lassen. Sie konnte noch nicht zu ihrem Camp zur¸ck. Julia m¸sste mir
vertrauen lernen. Ich konnte Sara auch nicht allein lassen. Sie hatte
noch nicht alle Tassen im Schrank. Kˆnnte vielleicht sogar noch einmal in
den Fluss fallen. So wartete ich. Es durfte den ganzen Tag dauern. Ich
war froh bei Sara zu sein und dankbar dass sie gerettet war. Ich legte
mich neben Sara und hielt sie warm, sie schlief sehr tief. Auch ich
schlief ein. Ich weiss nicht wie lange wir so hindosten. Ich wachte
zuerst auf.

Dann wachte Sara auf. Sie erschrak ganz schˆn als sie mich sah. "Wer
sind sie?". Sie schien sich nicht mehr an vorher zu erinnern, doch schien
sie jetzt wieder ganz beieinander zu sein. Sie war die alte Sara. Der
Schlaf hatte ihr gut getan. Sie starrte mich an mit einem gewissen
Bedauern in ihrem Gesicht. Sie hatte die Narben bemerkt.

"Du bist in den Fluss gefallen, ich habe dich herausgeholt", sagte ich,
wie entschuldigend.

"Oh ja", sie schien sich zu erinnern. "Danke, vielen Dank. Ich w‰re
ertrunken. Danke, dass sie mich gerettet haben."

"Wie f¸hlst du dich?" fragte ich. "Oh, gut", sagte sie. "Ich mˆchte zu
meiner Mutter."

Oh Sara, dachte ich, jetzt ist's wohl aus mit dem Halten und Umarmen. Sie
wollte ihre Mutter. Sie traute mir nicht so ganz. Doch ich war ein
Fremder f¸r sie, sie konnte mich ja nicht erkennen. Ich sollte ihr nicht
bˆse sein. Ich machte noch einen letzten Versuch.

Ich ging zu ihr hin, legte meinen Arm um ihre Schultern und sagte: "Komm,
gehen wir zu deiner Mutter." Dabei hielt ich sie nah an mich und half ihr
entlang. Doch es schien ihr nicht wohl zu sein in meinen Armen und ihre
Muskeln waren gespannt. Nein, es hatte keinen Sinn, ich musste sie
loslassen. Ich nahm sie bei der Hand und f¸hrte sie. Das liess sie sich
gefallen. Doch in der N‰he des Camps war ihr dann auch das peinlich und
sie lˆste sich von mir.

Wir waren auf der Seite des Flusses wo Julias Camp war. Es ging eine
Weile, bevor wir ihr Camp erreichten. Sara ging sehr langsam. Sie war
immer noch etwas angeschlagen.

Lisa sah uns kommen. Als sie uns bemerkte schrie sie auf: "Sara, Sara du
bists. Wo ist den Mama?" Dann starrte sie mich an und ich sah ihre Augen
an mir heruntergehen. Besonders meine Unterhosen schienen ihr nicht
besonders zu gefallen. Oder waren es meine Beine? "Wer sind denn Sie?",
frage sie misstrauisch. "Gibt es in Ihrem Land keine Hosen?" Sobald sie
das gesagt hatte, sah sie die M‰nnerkleider an Sara und entschuldigte sich
sofort.

"Oh Entschuldigung--sie haben sie ausgeliehen. Das ist aber nett von
Ihnen. Sie kˆnnen sie gleich zur¸ckhaben." Dabei eilte sie zu den
Packpferden, um Sarah frische Kleider zu holen.

Sara kleidete sich vor mir ohne Hemmungen. Ich bekam meine Hose und Jacke
zur¸ck. Sie waren noch immer nass. Ich zog sie trotzdem an. "Kleines
M‰dchen, h‰ttest du mir nicht eine Decke?" fragte ich Lisa.

"Eine Decke habe ich schon, Mister, aber klein bin ich nicht. Vielleicht
sollt ich warten bis Sie das zur¸cknehmen, bevor ich Ihnen eine Decke hole."
Dabei lachte sie und machte sich auf den Weg. Sie brachte mir eine
Decke und legte sie sogar liebevoll um meine Schultern. Was f¸r zwei
s¸sse Kinder ich hatte. Sogar mit dreizehn war Lisa reif genug, um ¸ber
sich selber lachen zu kˆnnen. Viele lernen das nicht einmal mit vierzig.

Ich h‰tte mich davon machen sollen, doch war ich nicht bereit die M‰dchen
allein zu lassen. "Wie heissen Sie denn, meine kleine grosse Dame?",
fragte ich Lisa. "Lisa Carter ist mein Name.", sagte sie hˆflich. Julia
hatte sie gut gelehrt. Ich war froh sie gebrauchten nicht den richtigen
Namen, denn zum Beispiel die Black Brothers h‰tten sie erkennen kˆnnen.
Es war zwar nicht wahrscheinlich, dass die Black Brothers meine Familie
treffen w¸rden, aber man konnte nie vorsichtig genug sein. Neuigkeiten
reisten schnell in diesen Gegenden, und ein unbedachtes Wort konnte einen
in Schwierigkeiten bringen.

"Sehr erfreut, Miss Carter. Ich bin Griz Caldwell."

"Caldwell, oh so hat meine Grossmutter geheissen.", sagte sie schnell,
biss sich dann aber auf die Lippen. Solche Information gibt man nicht an
einen Fremden weiter. Je weniger persˆnliche Daten man auss‰hte, desto
besser. Ich sah das Lisa das verstand. Es war aber besser, dass sie
diesen Fehler mit mir gemacht hatte, als mit einem wirklich Fremden.

"Haben sie Sara gerettet? Wie ist denn das alles gekommen?" Ich
erz‰hlte ihr die ganze Geschichte in allen Einzelheiten. Ich liess nur
aus, warum ich auf der andern Seite des Flusses gewesen war. Es verstand
sich von selbst. Ich war ein Durchreisender und hatte am Fluss Halt
gemacht und dabei gesehen, wie Sara in den Fluss gefallen war. Ich liess
auch aus, wie sehr ich es genossen hatte, Sara auf meinem Schoss zu halten.

Sie schien meine Geschichte zu geniessen. Da sie ein gutes Ende hatte,
war es auch verst‰ndlich. Sie sass da mit gespanntem Kˆrper und schien
nochmal durch alles hindurch zu leben. Sie hˆrte mit offenem Munde zu,
und nur ab und zu sagte sie "Oh" und "Ah". Das war Lisa.

Auch Sara hˆrte gespannt zu, denn sie konnte sich nicht mehr an alles
erinnern. Hie und da f¸gte sie hinzu, wie es von ihrer Perspective
ausgesehen hatte. Sie konnte sich bis an den Moment erinnern, wo ich sie
erreicht hatte und ihren Arm gepackt hatte. Von dort an war alles
schwarz in ihrem Ged‰chtnis.

"Hab ich Sie nicht schon einmal gesehen?" fragte da Lisa. Ich erschrak.
Ob sie mich erkannt hatte? "Waren Sie nicht im Saloon in Santa Fe?" Oh
gut, von dort erinnerte sie sich also an mich. Ich war erleichtert. Ich
war aufgefallen im Saloon, weil ich gleich beim Wirt stand. Es w‰re
unn¸tz, es zu leugnen. "Ja, sagte ich, ich glaub, ich hab euch auch
gesehen. Wart ihr nicht die, die von Billy Kane bel‰stigt wurden?"

"Ja, das waren wir." Sie sagte nicht mehr. Sie hatte gelernt ihren Mund
zu achten. Es w‰re schlecht gewesen, h‰tte sie herumerz‰hlt, dass Billy
Kane tot war.

"Wie haben Sie ihre Narben gekriegt?", fragte Lisa. Das war Lisa,
unbek¸mmert, ohne Hemmungen, einfach gerade heraus mit der Frage.

"Im Duell", sagte ich und senkte meinen Kopf. Es machte mich traurig,
dass meine Narben so offensichtlich waren. Lisa bemerkte das sofort und
versuchte mich zu trˆsten: "Es sieht nicht so schlimm aus, Mister, sie
brauchen nicht traurig zu sein."

"Es macht sie m‰nnlich und sie sehen z‰h aus", f¸gte Sara hinzu, deren
Herz sich gegen mich sehr erw‰rmt hatte in den letzten Minuten, besonders
als sie die Geschichte ihrer Rettung erfuhr.

Da Lisa bemerkte, dass ich immer noch am Schmollen war, versuchte sie mich
weiter aufzumuntern: "Ich mˆchte Ihnen noch danken, Mister, dass Sie meine
Schwester gerettet haben. Es ist ja nicht selbstverst‰ndlich. Ich liebe
sie n‰mlich und mˆchte sie nicht verlieren, obwohl wir uns hie und da
necken." Sie wartete auf eine Antwort.

"Oh gern geschehen, Miss Lisa. Ich konnte sie ja nicht ertrinken lassen."
sagte ich ausweichend. Ich hˆrte Pferdehufe von der Richtung, wo ich mit
Sara hergekommen war. Es war Julia. Sie hing ¸ber ihrem Pferd und weinte
bitterlich.

"Mama, Mama, ich war um dich besorgt", schrie Lisa.

"Sara, Sara--tr‰ume ich oder hab ich meinen Verstand verloren.
Sara--bist du das wirklich. Bist du ok? Fehlt dir nichts? Bist du nicht
verletzt? Wie hast du es nur geschafft?" schrie Julia. Sara rann ihr
entgegen und die beiden umarmten sich und k¸ssten sich und weinten. Sie
schienen nicht genug voneinander zu bekommen. Besonders Julia wollte Sara
einfach nicht loslassen.

Lisa war inzwischen auch hinzugerannt und nahm Teil an den Umarmungen und
K¸ssen. Sogar mein hartes Herz wurde ger¸hrt und ich w‰re am Liebsten
auch hingerannt. Eine Tr‰ne oder zwei rollten auch ¸ber meine Wangen.

Dann fingen die M‰dchen an zu erz‰hlen. Die Geschichte wurde immer
aufgeblasener. Ich wurde als veritabler Held hingestellt. Ich hatte mein
Leben riskiert, um ihres zu retten. Ich musste mit dem Fluss k‰mpfen.
Ich ertrank beinahe selbst, als ich versuchte Sara die Bˆschung
hinaufzubringen. Lisas Phantasie war heissgelaufen.

Nach einer Weile kamen sie n‰her und als Julia mich sah, erschrak sie.
Sie erbleichte. Hatte sie mich erkannt? Was sonst ging durch ihren Kopf.
Ich versuchte die Geschichte ein Bisschen realistischer zu machen und
sagte: "Missis Carter, so dramatisch war es auch wieder nicht. Mein Leben
war nie in Gefahr."

Doch sie hˆrte mir gar nicht zu, stattdessen kniete sie bei mir nieder,
nahm meine H‰nde in die ihren, und dankte mir ¸berschwenglich: "Oh wie
kann ich Ihnen nur danken, Mister. Sie haben keine Ahnung, wie dankbar
ich Ihnen bin. Ich glaubte schon, Sara verloren zu haben. Doch Sie haben
sie gerettet. Ich weiss jetzt vom Geschehen, dass ich es nie h‰tte
schaffen kˆnnen. Ich h‰tte Sara nicht selber retten kˆnnen. Ich h‰tte
mein liebes Kind verloren." Dabei fing sie nochmals an zu weinen. "Doch
Sie haben sie gerettet, und ihr eigenes Leben gewagt."

Sie sprach weiter und weiter bis es mir fast peinlich wurde. Es war so
eine komische Situation. Da war meine Frau. Sie hielt meine H‰nde und
war mir so nah und doch so fremd. Ich durfte ihr nichts zu erkennen geben.
Ich durfte sie nicht merken lassen, wie famili‰r sie mir war, wie gut
ich sie kannte, wie selbstverst‰ndlich es war, dass ich Sara gerettet
hatte.

"Oh gn‰dige Frau, bitte beruhigen Sie sich. Ich hab doch nur getan, was
nat¸rlich war." Doch ich konnte sie nicht davon abbringen, mir noch
ausf¸hrlicher zu danken. Jedesmal wenn ich etwas sagte, um mein Heldentum
auf einen niedrigeren Stand zu setzen, fing sie von Neuem an, mir zu
danken. So wurde ich still und sagte kein Wort mehr. Ich liess es
einfach ¸ber mich ergehen.

Als sie sich beruhigte, sagte ich schnell: "Da ihr jetzt alle wieder
zusammen seid, braucht ihr mich nicht mehr. Bitte entschuldigt mich, ich
muss nach meinem Pferd schauen. Ich hab es einfach stehen gelassen." Ich
wollte weg und weitere umbequeme Fragen vermeiden.

"Oh, Mister nehmen Sie doch eins von unseren Pferden, dann m¸ssen sie
nicht zu Ihrem Pferd laufen. Und kommen Sie doch zur¸ck, wir h‰tten sie
gerne zum Essen hier."

"Ja, bitte kommen sie zur¸ck, wir m¸ssen doch alles Jack und Stuart
erz‰hlen" f¸gte Lisa hinzu. Sie schien das Drama in der ganzen Aff‰re zu
geniessen.

Sara kam noch einmal zu mir und sch¸ttelte meine Hand mit einem dankbaren
Blick, ohne etwas zu sagen. Mein Herz stand fast still. Oh wie ich sie
liebte. Ich liebte sie alle, doch ich musste weg.

"Schon gut, Missis Carter, ein kleiner Spaziergang wird mir gut tun. Auf
Wiedersehn. Ich hoffe wirklich euch wieder einmal zu treffen," sagte ich
aufrichtig und schritt schnell weg. Ich versuchte nicht zu hinken, obwohl
meine H¸fte schmerzte, sonst h‰tten sie mich sicher zum Bleiben ¸berredet.

Ich fand mein Pferd wieder und sogar das Lasso hatte sich in ein paar
Zweigen verfangen und war nicht den Fluss hinuntergeschwemmt worden. Nur
meine H¸fte schmerzte noch. Ich konnte aber reiten. Morgen w¸rde es
noch mehr schmerzen. Ich ritt am Fluss entlang. Ich wollte eine
Campstelle finden. Als ich bei ihrem Camp vorbei kam, sahen sie mich und
winkten ¸ber den Fluss. Ich winkte zur¸ck. Ich sah, dass Jack und Stuart,
die mittlerweilen zur¸ckgekommen waren, drei H¸hner geschossen hatten.
Ich freute mich mit Jack.

Ein Bisschen Fleisch h‰tte mir auch gut getan, doch mit meiner H¸fte
wollte ich nicht weit. Ich wollte sowieso in ihrer N‰he bleiben, jedoch
unbemerkt. Ich fand ein Camp am Fluss nicht weit von wo ich in den Fluss
gesprungen war. Ich schnitt einen langen Stock, befestigte Schnur daran
und am Ende der Schnur einen Fischhaken. Mit ein Bisschen Pferdehaar
formte ich eine Fliege und band sie an den Haken. Im Nu hatte ich einige
Forellen gefangen. Das w¸rde mein Dinner sein. Mein Schˆpfer hatte mich
aus seiner Schˆpfung versorgt.

Ich konnte es mir nicht verkneifen, in der Dunkelheit doch an ihr Camp
anzuschleichen und zwar nah genug, um ihre Konversation zu hˆren. Im
Besonderen wollte ich erfahren, was Julia ¸ber mich, das Narbengesicht,
dachte. Das Gespr‰ch drehte sich auch sehr viel um mich, mit den
Geschehnissen des Tages.

Ich erfuhr, dass sie glaubte, ich h‰tte die Indianerfrau geschickt. Sie
glaubte auch, dass ich Billy Kane erschossen h‰tte. Und sie glaubte dass
ich ihnen folgte, denn sie glaubte, dass ich ein Revolvermann war, der von
Josh Custer geschickt worden war, um sie zu besch¸tzen. Sehr interessant,
dachte ich.

Lisas Halstuch hatte ich noch immer nicht zur¸ckgegeben kˆnnen.

Book of the day: